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Thilo Krause – Elbwärts

Von der Heimkehr in die ostdeutsche Provinz, von der schwierigen Vaterrolle und von einer bedrohlichen Flut: Thilo Krause in Elbwärts über die späte Aufarbeitung der eigenen Kindheit.


Der Rückzug in die ostdeutsche Provinz als Handlungsort für die Aufarbeitung der eigenen Kindheit – er hat in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Konjunktur. Neben ellenlangen Titeln ist diesen Büchern eine recht ähnliche thematische Gemengelage zueigen. Medial breit (und etwas am Thema vorbei) besprochen wurde zuletzt Lukas Rietzschels Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen. Auch Manja Präkels Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß wäre in dieser Reihe zu nennen, das 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Und nun legt der in Zürich lebende Lyriker Thilo Krause einen weiteren Roman vor, der sich nahtlos in das Strickmuster der obigen Romane einpasst. Zwei Freunde, die in der ostdeutschen Provinz (hier in der Sächsischen Schweiz) aufgewachsen sind. Eine schleichende Entfremdung, ein Wegzug des erzählenden Protagonisten. Nun eine Rückkehr an den Ort der Kindheit. Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte, das Offenlegen der Brüche in der eigenen Biografie und der Versuch der Ergründung, was da so alles schiefgelaufen ist. Im eigenen Leben, in dem der Freunde und vor Ort, wo meist die Themen Landflucht, der Niedergang der Wirtschaft und das Erstarken von Neonazis dominieren.

Diesen Musters bedient sich auch Elbwärts. Dabei ist Krauses Erzähler einer, der in der erzählten Gegenwart für mich merkwürdig schwammig bleibt. Er hat zusammen mit seiner Frau Christina und „Der Kleinen“ ein altes Haus in seinem Heimatort bezogen. Im Garten rauschen die Obstbäume, drunten im Dorf die Elbe. Einen Job hat er keinen, vielmehr streift er barfuß durchs Dorf und die umliegenden Wälder. Seine Frau renkt die Knochen und Wirbel der Dorfbewohner ein, er bringt die gemeinsame Tochter in den Kindergarten. Trotz des beschaulichen Aufgabenumfangs ist er dieser Aufgabe allerdings nicht gewachsen. Er vergisst die Tochter im Kindergarten, während er die Wälder und Gesteinsformationen durchstreift und beklettert. Immer wieder imaginiert er sich bei diesen weltvergessenen Ausflügen zurück in seine Kindheit.

Erinnerungen an eine Kindheit in der Sächsischen Schweiz

Von dieser erzählt Krause mithilfe von Rückblenden. Von Vito, seinem besten Freund damals, mit dem er die Berge der Sächsischen Schweiz erklomm. Mit dem er sich die Zeit bei den Pionieren vertrieb oder Kaulquappen aus dem örtlichen Teich rettete. Und davon, wie Vito sein Bein verlor. Wie dieser blieb. Und wie sich der Erzähler davonmachte, weg von diesem Ort, der mit so vielen Erinnerungen versehen ist.

Thilo Krause - Elbwärts (Cover)

Nun ist er wieder da. Entzweigerissen vom Wunsch nach Kontakt mit Vito und der Angst genau davor. Er durchwandert die Wälder, philosophiert mit dem tschechischen Busfahrer und versteckt sich vor den Neonazis, die in den Wäldern ihre Lager abhalten. Während er in der Natur wie in seinem Element scheint, entgleitet ihm sein Familienleben aber zusehends. Und dann ist da auch noch die Elbe, die anschwillt und nicht nur viel Wasser mit sich führt, sondern auch die Verhältnisse vor Ort durcheinanderwirbelt.

Elbwärts ist im Kern ein nostalgisches Buch, das noch einmal die Gefährlichkeit einer Kindheit in der Provinz heraufbeschwört. Damals, als man ganze Nachmittage nur mit seinem besten Freund Abenteuer erlebte. Als die Eltern nicht wussten, wo man sich herumtrieb und in welche Gefahren man sich begab. Und demgegenübergestellt die Frage nach Vaterschaft heute.

Dabei arbeitet Krause die ganzen Paradoxien im Wesen des Erzählers (und damit in fast aller unser Wesen heraus). Früher durchlebte man diese Abenteuer, setzte sich und anderen beim Spielen großer Gefahren aus und berauschte sich daran. Eine solche Gefahr würde man seinen eigenen Kindern heute freilich verbieten. Auch der Erzähler würde es kaum zulassen, dass sich seine Tochter jemals in eine solche Lage brächte, wie er es tat.

Im Gegenteil, er überbehütet sein Kind fast, nimmt es extra aus der Kindergartengruppe heraus, um mit ihm zu Mittag zu essen. Dann aber wieder vergisst er die Schließzeiten der Kita, schläft beim Klettern ein. Eine widersprüchliche Figur, schwankend irgendwo zwischen Nostalgie, dem Wunsch nach Versöhnung und einer Depression. Die Frage nach Vaterschaft verhandelt Elbwärts auf interessante (und manchmal anstrengend) Art und Weise.

Bildstarke Prosa von Thilo Krause

Gesellschaftlich ist Elbwärts wohl wenig relevant beziehungsweise kann außer den eingangs bereits abgesteckten Themenfelder wenig Neues erzählen. Für die Situation vor Ort interessiert sich der Erzähler nicht wirklich. Er versteht auch die Bewohner vor Ort nicht und umgekehrt. Das gesellschaftliche Setting ist hier einfach gesetzt (und schon vorher ähnlich behandelt worden). Vom Land und von der Zeit erzählt Elbwärts in meinen Augen weniger, wenngleich das der Klappentext suggeriert.

Malerisches Vorbild: Caspar David Friedrich

In der Zeichnung der widersprüchlichen Figur des Erzählers hingegen ist Krause stark, genauso wie in puncto Sprache, in die das Buch gekleidet ist. So ist sein Erzählton von lokaler Verbundenheit geprägt (häufig etwa das regionale Verb krauchen). Seine Sätze sind zumeist kurz und präzise. Die voherigen lyrischen Veröffentlichungen merkt man dieser Prosa an. Seine Schilderungen der Felslandschaft und der darin erlebten Abenteuer lesen sich (unterstützt durch das tolle Cover) bildstark. Nicht zuletzt erzeugt das Krause auch dadurch, dass er das Kopfkino dadurch anwirft, indem er selbst auf die Romantik und Maler rekurriert, die ähnliche Beschreibungen wie er selbst schufen, allen voran Caspar David Friedrich.

Sprachlich ordne ich Elbwärts klar vor den Werken Rietzschels und Präkels ein. Und auch in Belang auf Vaterschaft, Nostalgie und Sehnsucht ist Krauses Buch in meinen Augen interessant. Für mich funktioniert die (wahrscheinlich bald wieder einsetzende) mediale Überformung dieses Romans hin zu einem Erklärbuch der ostdeutschen Zustände nicht. Was aber die sonstigen Aspekte des Werks angeht, ist das hier wirklich gut gemacht und hat mich überzeugt.


  • Thilo Krause – Elbwärts
  • ISBN 978-3-446-26755-8 (Hanser)
  • 208 Seiten, Preis: 22,00 €
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Hummer und Sorgen

Erik Fosnes Hansen – Ein Hummerleben

Und weiter geht es in der losen Reihe #norwegenerlesen hier in der Buch-Haltung. Heute mit dem neuen Buch von Erik Fosnes Hansen, das im Original 2016 in Norwegen erschien. Drei Jahre später liegt Ein Hummerleben nun in der Übersetzung durch Hinrich Schmidt-Henkel auch auf Deutsch vor.

Erik Fosnes Hansen gelangte mit seinem Roman Choral am Ende der Reise zu großer Bekanntheit über die Grenzen Norwegens hinaus. Darin beschreibt er die Lebensgeschichte von sieben Musikern, die auf einem Schiff dessen Jungfernfahrt begleiten sollen. Bei jenem Schiff handelt es sich allerdings um die Titanic, die ihren Zielhafen nie erreichen wird. Nun also das neue Buch des norwegischen Schriftstellers.

Ein Hummerleben beschreibt das Leben im norwegischen Berghotel Fåvnesheim. Das Tun und Treiben in diesem Hotel bekommen wir durch die Augen von Sedd, kurz für Sedgewick, erzählt. Er wächst in diesem Hotel unter der Obhut seiner Großeltern auf. Seine Herkunft – oder Provenienz, wie seine österreichstämmige Großmutter es auszudrücken pflegt – liegt etwas im Unklaren. Doch nicht nur über seine Herkunft weiß Sedd zu Beginn des Buches nicht wirklich Bescheid. Auch die wirtschaftliche Lage des Berghotels und damit die Lage seiner Familie enthüllt sich den Kinderaugen erst nach und nach.

Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben (Cover)

Dabei ist das Hotel durchaus respektabel. In einem großen Wasserbassin im Hotelrestaurant wohnen zahlreiche Hummer, die sich die Gäste je nach Gusto zur Mahlzeit aussuchen können. Zahllose Hotelzimmer, eine Minigolfbahn und ein Schwimmbecken zählen zu den Merkmalen von Fåvnesheim. In den Hotelgängen, in der Küche oder in der Lobby ist stets Sedd anzutreffen, der als Hotelboy überall dort zur Stelle ist, wo man ihn braucht. Denn von seinem Großvater, dem Hoteldirektor Zacchariassen, hat er die Maxime übernommen „Für die Gäste nur das Beste“.

So umsorgt Sedd die Gäste, die zum großen Kummer seiner Großeltern in immer geringerer Frequenz das Hotel aufsuchen. Langsam dämmert auch Sedd, dass das Hotel seine besten Zeiten schon hinter sich hat. Aber als 11-jähriger hat man auch andere Sorgen. So erlebt er Angelausflüge, muss mit einem jungen weiblichen Hotelgast die Minigolfbahn unsicher machen und versucht das Geheimnis seiner Herkunft zu ergründen.

Zwischen Leben und Tod

Es ist kein Wunder, dass Erik Fosnes Hansen an den Beginn seines Textes ein Zitat von Frances Hodgson Burnett aus Der Kleinen Lord setzt.

Cedric himself knew nothing whatever about it. It had never been mentioned to him.

[Cedric ahnte von alle dem nichts. Man hatte es ihm gegenüber nie erwähnt. (Eigene Übersetzung)]

F. Hodgson Burnett: Little Lord Fauntleroy

Ähnlich unschuldig-naiv wie der kleine Lord in Burnetts Erzählung wirbelt auch Sedgewick das Leben seiner Großeltern durcheinander. Großartig gelingt es Erik Fosnes Hansen, die kindliche Perspektive einzunehmen, dabei aber auch immer schon einen Blick in die Erwachsenenwelt hineinzuwerfen. Sedds Tun und Treiben erinnert in manchen Passagen auch an den Hotelboy Zero Moustafa in Wes Andersons Film Grand Budapest Hotel.

Im Ganzen gesehen ist Ein Hummerleben auch ein Roman, der den Tod und das Leben auf eindrückliche Weise miteinander verbindet. So ist es kein Zufall, dass das Buch gleich mit einem Todesfall beginnt. Immer wieder wird so die scheinbar idyllische Welt in den abgelegenen Bergen Norwegens kontrastiert. Besonders eindrücklich ist da auch die Szene zum Ende des Buchs hin, als eine hochkomische Weihnachtsfeier nur Bruchteile von einem schrecklichen Todesfall entfernt ist. Diese Dichotomie auf nur wenigen Seiten so miteinander verbunden zu bekommen, das ist große schriftstellerische Klasse.

Insgesamt ist Ein Hummerleben eine wirklich großartige Lektüre, die noch einmal den verblassenden Glanz eines Hotels und eine Kindheit in den norwegischen Bergen auf Papier bannt. Eine große Empfehlung meinerseits, auch als Einstieg in die reichhaltige norwegische Literaturszene!

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Wo die Flusskrebse singen

Delia Owens – Der Gesang der Flusskrebse

Gerne ist in Rezensionen (meinen eingeschlossen) von atmosphärischen Schilderungen die Rede. Doch was bedeutet das eigentlich? In Delia Owens Debüt Der Gesang der Flusskrebse lässt sich das nahezu in Perfektion beobachten.

Die Hütte lag etwas entfernt von den Palmettopalmen, die sich über Sandwatt bis zu einer Perlenschnur von grünen Lagunen erstreckten, und dahinter, in der Ferne, kam die weite Marsch. Meilenweit widerstandsfähiges Riedgras, das sogar in Salzwasser wuchs, nur unterbrochen von Bäumen, die der Wind nach seinem Belieben gekrümmt hatte. Eichenwald umringte die Hätte auf der anderen Seite und schützte die nächstgelegene Lagune, deren Oberfläche vor Leben schäumte. Salzluft und Möwengeschrei drangen vom Meer durch die Bäume herüber.

Owens, Delia, Der Gesang der Möwen, S. 15

Man meint, förmlich selbst mit durch die Marschlandschaft zu wandern, wenn sie Delia Owens (toll von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzt) so in Szene setzt. Die Atmosphäre überträgt sich in diesem Buch durch die präzise geschilderten Landschaftsbeschreibungen, die unter anderem den Reiz dieser Erzählung ausmachen. Zusammen mit der jungen Kya durchfährt man Kanäle, beobachtet Flora und Fauna und ist mit ihr weit draußen in der Natur, dort wo die Flusskrebse singen. So hat es ihr zumindest ihre Mutter erzählt, denn erst wenn man sich alleine und ungestört in die Natur begeben hat, dann hört man ihn vielleicht, den Gesang der Flusskrebse, draußen in den Marschen North Carolinas.

In den Marschen North Carolinas

Doch von ihrer Mutter bleibt Kya außer dieser Weisheit wenig. Schon zu Beginn der Geschichte verlässt sie die Familie. Der Exodus der Familienmitglieder setzt sich immer weiter fort, und so bleibt dann nur Kya zusammen mit ihrem jähzornigen Alkoholikervater in jener ärmlichen Hütte zurück, die Delia Owens im Eingangszitat beschreibt. Kyas Kindheit und das Aufwachsen in den Sümpfen erfahren wir in chronologischen Rückblenden, die die Handlung in der erzählten Gegenwart von 1969/70 ergänzen.

Delia Owens - Der Gesang der Flusskrebse (Cover)

Denn in zu dieser Zeit ist die lokale Polizei um die Aufklärung eines eventuellen Mordes bemüht. Chase Andrews, vielversprechendes Sporttalent und Womanizer, liegt tot am Fuße eines Turms in der Marsch. Zwar gibt es keine eindeutigen Beweise, aber die Polizei geht von Mord aus. Und die Verdächtige steht auch schnell fest: die junge Kya, von allen das Marschmädchen genannt. Und so ist man als Leser*in Zeuge, wie der Krimi seinen Ausgang nimmt, der später im Gerichtssaal enden wird.

Es sind also die verschiedensten Zutaten, die Delia Owens in ihrem Debüt verquickt. Ein Krimi, ein Justizdrama, ein Coming-of-Age-Roman, ein Naturbuch. Das dieses Gemisch nicht in seine Einzelteile zerfällt, das ist der Autorin hoch anzurechnen. Mit ihrem Sinn für Atmosphäre kreiert sie einen ganz eigenen Kosmos, der ähnlich dem ist, den William Kent Krueger in Für eine kurze Zeit waren wir glücklich präsentierte.

Eine Überraschung zum Schluss

Für ihre jugendliche Protagonistin findet sie eine stimmige Erzählweise und die Rückblenden belegen die Formung des Charakters von Kya glaubhaft. Die Balance aus Krimihandlung in der Gegenwart und Rückblenden ins Leben des Marschmädchens ist gut austariert. Wenngleich eine der beiden im Buch geschilderten Liebesgeschichten etwas erwartbar bleibt, so fällt das auch dadurch kaum ins Gewicht, da Der Gesang der Flusskrebse dann mit einer Schlusspointe aufwartet, die man so nicht erwartet hätte (zumindest ich tat das nicht). Sie lässt die vorherige Handlung dann noch einmal in einem neuen Licht erscheinen, mehr sei dazu aber nicht verraten.

Auch das spricht ja für das schriftstellerische Vermögen von Delia Owens. Dieses Talent zu fesseln, zu überraschen, den Kopfkino-Projektor bei den Leser*innen anzuwerfen.

Insgesamt ist Der Gesang der Flusskrebse so ein Buch, das packende Lesestunden beschert, das berührt und das mitnimmt in die Marschlandschaften in North Carolina. Mehr kann man von einem Buch wahrlich nicht erwarten. Einer meiner großen Sommerurlaub-Lektüretipps!


Weitere Besprechungen dieses Titels finden sich bei Wortgelüste, Günther Keil und Nicolettantoinetta

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Tom Sawyer und Huckleberry Finn in New Bremen

William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Wenn ein Buch schon mit einem Satz wie diesen anfängt, dann bin ich mit dabei:

Das große Sterben des damaligen Sommers begann mit dem Tod eines Kindes , eines Jungen mit goldblondem Haar und einer dicken Brille, der auf der Bahnstrecke kurz hinter New Bremen in Minnesota ums Leben kam, zermalmt von tausend Tonnen Stahl, die über die Prärie in Richtung South Dakota donnerten.

Krueger, William Kent: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich, S. 9

Dieser Satz trägt schon in sich, was auf den folgenden 412 Seiten folgen soll. Tod, Trauer, Nostalgie und Sommer. Diese scheinbar gegensätzlichen Themen vereint William Kent Krueger auf das Vorzüglichste, sodass man meint, Tom Sawyer und Huckleberry Finn seien wiederauferstanden und würden New Bremen 1961 unsicher machen.

Tod und Nostalgie

Das Buch wird dabei von einem großartigen Erzählton durchzogen. Denn der Ich-Erzähler ist der 13-jährige Frank Drum. Dessen Vater ist als Pastor in New Bremen tätig. Mit Mutter, Schwester Ariel und seinem kleinen, stotternden Bruder Jake lebt Frank in der Kleinstadt, die einen denkwürdigen Sommer erlebt. Bei seinen Streifzügen entlang der Bahnstrecke, des Flusses und der Straßen New Bremen entdeckt Frank allmählich eine Welt, in der Unsicherheit und Tod stets präsent sind .

Alles beginnt mit dem Tod eines leicht zückgebliebenen Jungen, der – wie im Eingangssatz beschrieben – auf der Bahnstrecke zu Tode kommt. Ein Landstreicher folgt – und später kommt der Tod sogar Franks Familie gefährlich nahe. All diese schlimmen Ereignisse mit ihrer ganzen Drastik werden jedoch durch den nostalgischen Ton, mit dem Frank zurückblickt, abgemildert und gefiltert. Noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr – William Kent Krueger gelingt der erzählerische Balanceakt mit dieser Perspektive sehr gut. Das Ganze erinnert manchmal auch an Kruegers Schriftstellerkollegen Joe R. Lansdale – und eben auch an Mark Twain.

Das Buch rührte mich wirklich an, denn in jeder Zeile schwingt das Wissen um den Verlust von Menschen und Unschuld mit. Auch das nachklingende Kriegsgeklirre aus Europa, das den männlichen Erwachsenen tief eingedrungen ist, trägt seinen Teil dazu bei. Wir erleben in Für eine kurze Zeit waren wir glücklich ein Welt, die immer zerspringen kann, mag die Sonne noch so hell scheinen und der Fluss durch New Bremen rauschen. Gerade der Epilog entfaltet dann im Rückblick noch einmal eine besondere Wucht, die mich schlucken ließ.

Anteil daran trägt auch zu einem großen Teil die Übersetzerin Tanja Handels, die Kruegers Sound gut ins Deutsche übertragen hat. Und auch die Außengestaltung kann hier mit einem wunderbar stimmigen Cover überzeugen. Hier stimmt alles, weshalb ich gerne eine Leseempfehlung aussprechen möchte!

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Emanuel Maeß – Gelenke des Lichts

Wann hält man schon ein Buch in Händen, das ebenso leichtfüßig Friedrich Rückert wie den Flippers-Hit Lotosblume zitiert? Doch auch in anderer Hinsicht ist Emanuel Maeß‘ Debüt Gelenke des Lichts mehr als bemerkenswert.


In der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es im Moment ein omnipräsentes Thema: die Aufarbeitung der (eigenen) Jugend. Wolfgang Herrndorf machte mit Erfolg vor, wie sich die Phase der Jugend in erfolgreiche Literatur verwandeln lässt. Zahlreiche Autor*innen folgten und bescherten dieser Textgattung eine große Blüte. Namen wie André Kubiczek, Christoph Hein, Bodo Kirchhoff, Julia Schoch oder Alexa Hennig von Lange wären hier zu nennen. Sie alle befassten sich in ihren letzten Werken mit der Jugend und teils autobiographischen Erinnerungen.

Ein überaus beliebtes Thema also, das sich jetzt auch Emanuel Maeß für sein Debüt ausgesucht hat. Dabei stellt sich natürlich die Fage – hat der Debütant etwas Neues oder noch nicht Dagewesenes zum Thema beizutragen? Und hier muss ich auf alle Fälle ein deutliches Ja äußern. Denn Emanuel Maeß gewinnt dem Thema der Jugend sowohl in inhaltlicher als auch in sprachlicher Hinsicht bemerkenswerte Facetten ab.

Eine Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang, ein Studium im Westen

Dies beginnt damit, das Maeß seinen Bogen weiterspannt, als nur ein kurzes, wegweisendes Kapitel einer Adoleszenz zu schildern. Von Erinnerungen an frühe Badeurlaube an der Ostsee bis hin zum Studium an der englischen Universität Cambridge reicht der Erzählbogen, den Maeß aufbaut. Dabei lässt er seinen Protagonisten entlang der prägenden deutschen Wegscheide 89/90 aufwachsen. Die Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang wird mit der Studienzeit in Heidelberg und Cambridge kontrastiert.

Emanue Maeß - Gelenke des Lichts (Wallstein)

Dabei kommt es im Laufe der knapp gehaltenen Erzählung (254 Seiten) zu bemerkenswerten Registerwechsel. So beschreibt Maeß die Kindheit im ostdeutschen Pfarrersheim kurz hinter der Mauer manchmal geradezu bukolisch und in der Romantik-Tradition eines Eichendorff. Maeß schildert eine autarke dörfliche Welt, die vom Weltgeschehen nahezu nicht tangiert wird. Die Uhren gehen hier sprichwörtlich anders, bestes Symbol hierfür ist die Kirchturmuhr, die noch per Hand aufgezogen wird. Sogar die Bildwelten eines Uwe Tellkamp liegen hier manchmal in greifbarer Nähe.

Als die Jugend dann in das Studium mündet, wandelt sich auch die Erzählung hin zu einem Campusroman. Die präzise Milieuschilderung der studentischen Welten und des Lebens auf dem Campus erinnern stark an Jonas Lüschers Kraft. Auch bei Maeß wird ein Mann zwischen studentischer Lehre und der Welt da draußen entzweigerissen. Doch eine allesverbindene Klammer gibt es, die alle Registerwechsel einhegt und moderiert. Das ist die Liebe zu Ihr – Angelika Schmidbauer. Verliebt sich der Protagonist im Badeurlaub und entbrennt in kindlicher Begeisterung, so trifft er die junge Frau immer wieder an entscheidenen Wegscheiden seines Lebens (man könnte diese Aufeinandertreffen im Sinne des Romans auch als Gelenkpunkte bezeichnen).

Die Liebe und die Sehnsucht zu ihr, die der Protagonist immer als „Du“ im Buch adressiert. Sie ist Leitstern, ob als Studentin oder als Tanzpartnerin beim Abschlussball, bei dem man sich zu den Flippers in den Armen liegt.

Dass ich Maeß diese Kindheitsepisoden, den Campusroman, das Wissenschaftliche und das Romantische, die Zerrissenheit zwischen den Gattungen und Zeiten so unkritisch abnahm, das hat auch einen weiteren Grund. Dieser ist in meinen Augen das wirklich Herausragende.

Die Sprachmacht des Emanuel Maeß

Denn bis hierhin könnte man ja einwenden – Campusroman, Kindheit in der DDR, alles schon dagewesen, die oben erwähnten Autor*innen haben diese Felder mit teils beachtlichen Resultaten ja bereits beackert. Was ist nun das Einzigartige, das diesen Roman von den anderen unterscheidet? Das ist auf alle Fälle die Sprache beziehungsweise die Sprachmacht, mit der Emanuel Maeß seine Geschichte erzählt und zusammenbindet.

Viel zu oft klingen Geschichten austauschbar. Autor*innen mit eigenem, unverkennbaren Sound gibt es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum. Es herrscht eine Art Konsenssprache, mit der viel zu viele Geschichten erzählt werden. Einen eigenen Sound für die jeweilige Erzählung zu finden, diese Mühe machen sich viel zu wenig Schreibende. Auf Anhieb fiele mit da höchstens noch Feridun Zaimoglu und vielleicht Ursula Krechel ein (wem andere Beispiele in den Sinn kommen – in der Kommentarspalte freue ich mich über Ergänzungen).

Wie Sprache einen Roman bereichern kann, aus einer Erzählung etwas besonders machen kann – das lässt sich bei Gelenke des Lichts gut beobachten. Zunächst ist der Umfang von Maeß Vokabular äußerst beeindruckend. Vom hochwissenschaftlichen Studiumsinhalt bis zur DDR-Jugend – seine Sprache besticht durch eine hohe Originalität und Benennungsstärke. Er findet eingängige Formulierungen, wagt den ein oder anderen Schachtelsatz und entwickelt einen Sprachsog, der eine große Faszination ausübt. Nicht umsonst verliert sich der Protagonist in Wagners brausenden Musikwelten – was Maeß auf sprachlicher Ebene in ein ebensolches Brausen überführt. Da darf es dann auch schon einmal blauen oder glocken.

Zum anderen ist seine Prosa auch unglaublich dicht. Gelenke des Lichts ist voller Anspielungen und überführt die Herkunft des Protagonisten aus dem ostdeutschen Pfarrhaushalt in eine geistige und vergeistigte Prosa im besten Sinne. Besonders die Mahler’sche Vertonung von Rückerts Ich bin der Welt abhanden gekommen wird zu einer Art Leitmotiv mit vielgestaltigen Interpretationsmöglichkeit. Dass Maeß bei allen sprachlichen Überschlägen auch die ein oder andere Sprachgirlande zu viel webt, das sei dem Debütanten verziehen. Wann legen Newcomer schon einmal mit einem derart sprachlichen Verve los? Davon wünsche ich mir in der deutschen Gegenwartsliteratur wieder mehr. Und nicht zuletzt ist das Ganze auch oftmals wirklich witzig. Ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur.

Ein Roman mit Wiederlese-Faktor

Zudem spreche ich für dieses Buch ein weiteres, höchst subjektives Lob aus: denn Gelenke des Lichts ist so dicht geschrieben, dass eine zweite Lektüre unbedingt anempfohlen ist. Oftmals bin ich froh, wenn ich ein Buch gelesen habe und die Geschichte hinter mir liegt. Hier würde ich keine Sekunde zögern, und mich wieder in die Maeß’schen Bildwelten zu versenken. Ein Buch mit höchster Wiederlesefreude. Nicht nur, aber auch deswegen mehr als gerne empfohlen.

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