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Elias Hirschl – Schleifen

Es gleicht einem Wunder, dass wir miteinander sprechen und uns verstehen – zumindest nach der Lektüre von Elias Hirschls neuem Roman Schleifen. Denn darin erzählt er von babylonischer Sprachverwirrung, von sprachfanatischen Sektenanhängern, Medikamenten, bei denen die Lektüre des Beipackzettels erst die Wirkung entfaltet oder einem Kreisel in Japan, auf dem sich ganz eigenes Biotop entwickelt. Dieser Roman schäumt fast über vor lauter erzählerischer Energie und Erfindungsreichtum.


Wieder einmal muss man konstatieren – tu felix, austria. Denn wo bei uns meist eine uniforme Schreibschulprosa der nachwachsenden Schriftsteller*innengeneration den Eindruck von literarischer Monokultur verströmt, da wächst und wuchert es in Österreich auf das Herrlichste. Autor*innen wie Clemens J. Setz oder Raphaela Edelbauer schreiben an einem ganz eigenen Werk und entwerfen Plots fernab von jeder erzählerischen Schablone. Skurril, eigen, verspielt und mutig sind diese Stimmen, zu denen man besonders nach seinem neuesten Wurf auch unbedingt Elias Hirschl zählen muss.

Es empfiehlt sich fast, seinen neuen Roman unter einer Schutzhaube zu lagern, da Schleifen vor lauter Ideen und schöpferischer Kraft nur so sprüht und sprudelt.
Nach seinem Roman Content, der sich mit den Mechanismen von Social Media und der Schaffung des Mülls befasste, der uns in den digitalen Weiten täglich begegnet, widmet sich Schleifen einem noch viel omnipräsenteren Thema, nämlich dem der Sprache. Ihr Wirkweise, ihre Vieldeutigkeit, aber auch die Gefahr, die in Sprachen lauern kann, das sind Themen dieses Romans, dem man nicht vorwerfen kann, unterambitioniert oder unterfordernd zu sein.

Franziska Denk und Otto Mandl

Elias Hirschl - Schleifen (Cover)

Ausgangspunkt ist das Paar Franziska Denk und Otto Mandl. Er Mathematiker, sie Sprachexpertin vor allem für ausgefallene Sprachen und Sprachsysteme. Die Freundschaft der beiden beginnt im Schatten des Wiener Kreises, bei dem Größen wie Gödel oder Wittgenstein zusammenfinden, um über die Logiken der Sprache und ihre Grenzen zu debattieren.

Franziska Denk weckt schon in Jugendjahren die Neugier des Kreises, da sie unter einer ganz besonderen Krankheit leidet. So zeigen sich bei ihr sämtliche Symptome von Krankheiten, von denen sie zuvor lediglich gehört hat, was Elias Hirschl dann auch zum schönen Romanauftakt befleißigt, der da lautet „Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder“.

Die Frau, in deren Verwandtschaft angeblich schon die Lektüre von Sterbeanzeigen zu Todesfällen führte und die Lektüre von Beipackzetteln ganze Krankheitskaskaden auslöste, sie fasziniert Otto, dessen Suche nach Logik und Kohärenz in mathematischen Bezugsystem mit der Faszination Franziskas für ebenjene Faktoren bei Sprachen aufs Beste harmonieren.

Deshalb wolle er nun Kontakt herstellen, diese zwei Schnittstellen miteinander verbinden. Er habe eine Skizze mitgeschickt von einer Mathematik, an der er gerade selbst arbeitet, es handle sich um eine bloße Spielerei, nichts Besonderes, ein Hektalsystem, also ein arithmetisches Gefüge, das statt den üblichen zehn Ziffern gleich hundert verschiedene Symbole benutzte. Er erhoffte sich davon eine Lösung für das Problem des strong law of small numbers, nach des zu wenig kleine Zahlen gibt für all die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Also habe er einfach ein paar zusätzliche kleine Zahlen hergestellt – einhundert davon.

Elias Hirschl – Schleifen, S. 65 f.

Logik, Sprachsystem und die reine Mathematik

Der Mathematiker und die Sprachexpertin, die sich auf exotische Sprachen und Plansprachen wie das Esperanto verlegte, um dem Symptomleiden von Krankheiten in den gängigen Sprachen zu entgehen, sie werden ein Paar und entwickeln sich doch in ganz unterschiedliche Richtungen. Denn während Otto im Nachlass seines Vaters bahnbrechende Erkenntnisse entdeckt, diese aber nicht mehr teilen kann, weil er auf einer Reise in Japan in einem Verkehrskreisel verschütt geht, entwickelt Franziska ganz eigene Sprachen und Sprechweisen – und geht den Weg in die Radikalisierung.

Recht viel mehr sollte man bei diesem immens kreativen und spielfreudigen Roman gar nicht verraten, denn immer wieder sind es Erzähleinfälle von Hirschl, die auf den Seiten begeistern. Und auch wenn das Buch durchaus theorielastig ist, sich mathematische Beschreibungen wie die oben zitierte immer wieder im Text finden oder Schnittmengen zwischen Mathematik und Sprachwissenschaften wie etwa das Zipf’sche Gesetz erkundet werden, so vergisst Hirschl doch auch nicht den Unterhaltungsanspruch und geht auch mit einer gehörigen Dosis Quatsch zu Werke.

Da finden sich fiktive Denker, da ballen sich Anagramme, bei denen Walter Moers mit seinem zamonischen Anagrammspaß etwa eines Doelerich Hirnfidler grüßt, da werden Quellen erfunden, da wird in Fußnoten großer Quatsch behauptet, der sich dann aber wieder als wahr erweist, da scheint sogar die Möglichkeit eines Turms von Babel in glaubhafter Reichweite zu liegen.

Je weiter man sich in die Welt von Schleifen hineinwagt, umso absurder, umso existenzieller wird aber auch dieses Erzählen von Elias Hirschl, der bis in den Anhang hinein kreative Ideen und Gags präsentiert, etwa den Wahnwitz einer hundertseitigen Novelle, die Franziska Denk ersonnen haben soll, bei der sich kein einziges Wort wiederholt – oder die Möglichkeit einer Palindrom-Lyrik, die der 1994 geborene Österreich dann prompt gleich selbst vorexerziert.

Die Lust am literarischen Spiel

In diesem Roman verbindet sich Ernsthaftigkeit mit der Lust am Spiel, was en passant auch die Fragen von Radikalisierung und die Faszination des Querdenkertums tangiert. Wie können wir uns verständigen – und welche Wirkkraft entfaltet Sprache und wie teilt sie auch unsere Wahrnehmung? Es sind große Fragen, die bei aller Freude am literarischen Spiel in Elias Hirschls Text mitschwingen.

Das Einzige, das man diesem wild sprühenden Roman vorwerfen könnte, wenn man denn möchte, liegt in der Konstruktion begründet. Die Tatsache, dass der Roman vom Titel an bis hin in die Erzählmotive immer wieder von Schleifen handelt, Hirschl das aber nicht nutzt, um einen Ringschluss in seinem Buch herzustellen und so ein literarisches Möbiusband zu weben, das ist ein kleiner Wermutstropfen, der durch das große Spiel und die unbändige Freude am Erzählen aber wieder mehr als wettgemacht wird.

Fast möchte man sich nach der Lektüre selbst einen Buchdeckel auf den Kopf setzen, wie es einige Figuren in Schleifen tun, um seiner Begeisterung für diese kreative Schaffenskraft Ausdruck zu verleihen!


  • Elias Hirschl – Schleifen
  • ISBN 978-3-552-07588-7 (Zsolnay)
  • 408 Seiten. Preis: 26,00 €

Robert Schneider – Schlafes Bruder

Wer liebt, der schläft nicht. Dieser Ausruf eines Predigers wird für Johann Elias Alder zu einem Mantra, das dem Bauernbub und Orgelvirtuosen später den Tod bringen soll. Bis es allerdings soweit ist, erzählt Robert Schneider in seinem Debütroman Schlafes Bruder derweil von der Faszination des Klangs, der Orgel und dem stürmischen Begehren. Auch nach über 30 Jahren seit seinem Erscheinen hat der Roman nichts von seiner erzählerischen Kraft eingebüßt.


Das Karusell der literarischen Novitäten dreht sich ja unaufhörlich. Im Messetakt werfen die Verlage Frühjahrs- und Herbstprogramme auf den Markt und fluten Buchhandlungs- wie Bibliotheksregale mit tausenden von Neuerscheinungen, die sowieso niemand in der Fülle lesen kann. Nur wenige Wochen verharren Bücher in den Regalen der Läden, ehe sie wieder zurückgeschickt werden an die Verlage und Zwischenbuchhändler. Damit sind sie fast das, was die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2018, Inger-Maria Mahlke einst in ihrer Dankesrede anmahnte, nämlich dass Bücher kein Joghurt seien.

Und doch scheint es viel zu oft so, dass Bücher wie der Joghurt ein Verfallsdatum tragen. Wenn sie sich nicht kurz nach der Veröffentlichung so verkaufen, wie gewünscht, verschwinden die Titel, oftmals bleiben die Absatzzahlen von Büchern im drei, wenn nicht sogar nur im zweistelligen Bereich – und das auch bei Titeln aus renommierten Häusern.

Bücher ohne Verfallsdatum

Nachdem ich hier vor wenigen Wochen auch mich selbst ermahnte, dass Blogs ja eben nicht immer gleich in der Novitätenhatz mitmachen und ihre Freiheiten dazu nutzen sollten, auch Bücher fernab der täglichen Aufmerksamkeitsökonomie des Buchmarkts zu präsentieren, will ich in diesem Jahr meine Worte auch selbst beherzigen.
So habe ich mir gezielt zwölf Klassiker aus dem Reclam-Verlagsprogramm auserwählt, die ich im Laufe des Jahres gerne besprechen würde. Es sind allesamt Bücher, die mal klar definiert, mal in weiterem Sinne als Klassiker gelten, und die über ein reines Namedropping hinaus nicht unbedingt mehr gängige Lektüren sind. Zumindest in meinen (digitalen) Literaturkreisen begegnen sie mir fast überhaupt nicht, sei es Joseph Roths Radetzkymarsch, George Sands Gabriel oder Goethes Die Wahlverwandtschaften.

Ich will mich den Büchern und ihren Verfassern hoffentlich möglichst unbefangen nähern und schauen, was sie mir heute noch zu sagen haben und wo ihre Qualitäten liegen, die eine Lektüre auch im Jahr 2026 noch zu einer ersprießlichen Angelegenheit macht.

Ein Überraschungserfolg namens Schlafes Bruder

Robert Schneider - Schlafes Bruder (Cover)

Den Anfang in dieser Reihe macht nun das wohl jüngste Buch unter den ausgesuchten, stammt es doch erst aus dem Jahr 1992 und hat sich seit seinem Erscheinen zu so etwas wie einem modernen Klassiker entwickelt. Die Rede ist von Schlafes Bruder, mit dem der damals 31 Jahre alte Österreicher Robert Schneider debütierte und aus dem Nichts einen Millionenbeststeller schrieb, von dem sich bis heute in seiner Gesamtheit über zwei Millionen Mal verkauft hat und der en passant den damals kriselnden Leipziger Reclam-Verlag sanierte, wie Rainer Moritz in seinem Nachwort zu Schlafes Bruder schreibt (und das Börsenblatt im Jahr 1993 zur schönen Schlagzeile Mit Robert aus dem Schneider inspirierte).

Blickt man heute auf Titel wie das jüngst zu großem Erfolg gekommene Werk Lázár von Nelio Biedermann oder das deutlich gelungenere Opus Der eiserne Marquis von Thomas Willmann, dann stehen all diese Werke in einer Traditionslinie, die Robert Schneider mit seinem Werk eröffnet hat, nämlich den historischen Roman, der durch einen eigenen Erzählton und außergewöhnliche Figuren besticht, die wiederum auch ein Stück weit in der Tradition eines Adelbert von Chamisso und anderen Romantikern stehen.

Die Geburt eines Musikers ohne Gleichen

Ist es im Falle von Willmann der technikbesessene Erzähler, der seit seiner Geburt von allem Mechanischen fasziniert ist oder im Falle von Biedermann das durchsichtige Kind Lajos von Lázár, das die Handlung in Gang setzt, so hebt Schneider mit der Geburt seines Helden Elias Alder an, die sich ebenso wie bei den beiden anderen Figuren als besonders erweist.

Zum dritten Mal an diesem Nachmittag Johannis 1803 wog Seff Alder die Tür in den Gaden, wo sein Weib lag, die zweite Niederkunft erbettelnd und erschreiend. Es schien, als ließe sich ihr Zweites nicht erpressen, als sperrte es sich gegen diese Welt, in die es aus freiem Willen nicht treten wollte. Sosehr sich die Bedauernswerte anstrengte, es zu gebären und schließlich unter gellendem Weh die Hände gegen den Bauch stemmte, das Kind kam nicht zur Welt. Seff hob den Atem.

Robert Schneider – Schlafes Bruder, S. 13

So beginnt das Leben des musikalisch hochtalentierten Elias Alder, dessen Schicksal und Ende Schneider schon zuvor verraten hat. Niedergehalten von seinem bäuerlichen Umfeld im Vorarlbergischen wird sein musikalisches Talent schon früh zur Entfaltung kommen, bis er es ins benachbarte Feldberg schafft, wo er ein Orgelkonzert zum Besten geben wird (eine Improvisation über Bachs Choral Komm oh Tod du Schlafes Bruder aus der Kreuzstab-Kantate), das die Welt noch nie gehört hat.

Die Welt der Orgelmusik, die Welt der Liebe

Doch nicht nur die virtuos beschrieben Welt der Musik im Allgemeinen und die der Orgel im Speziellen prägt Schlafes Bruder. Auch die Welt der Herzen ist ebenso wichtig. Es ist in Schneiders Roman insbesondere die unerfüllte Liebe zu seiner Cousine Elsbeth, die den Bauernbub umtreibt und die ihn später einen der außergewöhnlichsten Tode in der jüngeren Literatur bescheren wird (hier zeigt sich eine Parallele zum im Erzählton wie im Publikumserfolg und Erscheinungstermin ähnlich gelagerten Roman Das Parfüm von Patrick Süskind).

Die Liebe zu Elsbeth, die Faszination der Welt der Musik und die Möglichkeit, sich durch diese auszudrücken, dazu die geschickte Schilderung eines auktorialen Erzählers, der uns an die Hand nimmt, uns abwechslungsreich am Leben und Wirken seines Helden wie auch seines bäuerlichen Umfelds teilhaben lässt, das macht in meinen Augen den Reiz des Buchs aus. Darüber hinaus ist auch der Erzählton so registerreich, wie es Elias Alder später auf der Orgelempore in Feldberg bei seinem Spiel in höchster Vollendung demonstriert.

Schneider gebraucht für seinen Roman eine historisierende Sprache, die manchmal geradezu barock, manchmal eruptiv und dann wieder außergewöhnlich meditativ ist. Er erzählt mit Humor und keiner Scheu vor den niederen Instinkten. Dabei bedient er sich auch Dialekt-Neologismen (Klatter, Gaden, etc.), um seinen Roman ganz fest im bäuerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts zu verankern.

Fazit

Diese Atmosphäre, die sprachliche Intensität, verbunden mit einem gewandten Erzähler, der uns ein außergewöhnliches Schicksal zwischen Musik, Bauernhof und Liebestaumel präsentiert, macht diesen Roman auch über dreißig Jahre seit seinem Erscheinen literarisch so saftig. Hier ist nichts gut abgehangen, hier staubt nichts – Schlafes Bruder ist auch im Vergleich zu vielen anderen Epigonen nach ihm noch immer ein Maßstab für historisches Erzählen und die Kunst, ein außergewöhnliches Schicksal auf ebenso außergewöhnliche Art und Weise zu erzählen!


  • Robert Schneider – Schlafes Bruder
  • ISBN 978-3-15-020804-5 (Reclam)
  • 212 Seiten- Preis: 14,00 €

Vea Kaiser – Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels

Der Hochstaplerinnenroman als Slowburner. Über 570 Seiten erzählt Vea Kaiser von der Betrügerin (oder wahlweise dem Finanzgenie) Angelika Moser, die ihren Arbeitgeber, ein Wiener Grand Gotel, um mehrere Millionen erleichtert hat. Warum dem so ist und wie der Betrug so lange Zeit nicht auffallen konnte, davon berichtet Kaiser ausführlich, ebenso wie von den Belastungen der Mutterschaft und dem Schein und dem Sein in Hotels und bei Menschen. Man sollte für Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels nur ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen.


Auch wenn es in der Nähe zum Hotel Sacher an der Wiener Ringstraße liegt, so herrscht doch eine starke Rivalität zwischen dem altehrwürdigen Haus und dem von Vea Kaiser ersonnenen Grand Hotel Frohner, das mit Guppys im Aquarium in der Lobby, dem funkelnden Lobmeyer Lüster und einem nimmermüden Hoteldirektor aufwartet. Hier arbeitet auch Angelika Moser, die Protagonistin von Kaisers neuer, über 570 Seiten starken Erzählung, die ganz in der Doppeltitel-Tradition auf Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels hört.

Bis Angelika Moser allerdings zur heimlichen Königin des Grand Hotels aufsteigen kann, vergeht viel Zeit. Während ihre Kolleginnen im Hotel hingebungsvoll der Dreifaltigkeit der Wiener Laster huldigen, namentlich dem Schlendrian, dem Schlamptertatsch und dem Schludrian, so ist Angelika bestrebt, es anders zu machen. Obschon sie sich zunächst auch noch dem Schlendrian hingibt, indem sie mit ihrer Freundin Ingi die Nächte im Club U4 durchfeiert, zieht schon bald ein neuer Geist im Leben Angelikas ein.

Die Trennung von ihrem grundsoliden und ebenso langweiligen Freund Berti, eine sich anbahnende Romanze mit einem neuen Hotel-Praktikanten und dann noch ein Kind mit dem Strizzi und Schlendrian Freddy, schon ist das Leben Angelikas auf den Kopf gestellt. Die einzige Konstante ist und bleibt die Arbeit im Frohner, bei der sie zur vielgeschätzten Buchhaltungschefin aufsteigt.

Die Königin der Buchhaltung

Auch wenn der Chef durchs Haus tobt, frisierte Rechnungen verlangt oder sich der einstige Praktikant als neuer Chef des Frohners herausstellt – Angelika hält die Stellung. Doch dabei hat sie selbst ein großes Geheimnis, denn immer wieder veruntreut sie durch Rechnungsstellungen Geld. Ein Umstand, den schon der Prolog des Romans mit seinen ersten Sätzen verrät.

Die Frage, die mir zu meinem Schreiben am häufigsten gestellt wird, lautet Wie kommen Sie auf solche Geschichten? Im Fall des vorliegenden Romans ist sie schnell beantwortet: Indem ich die Zeitung aufschlug. Dort las ich im Juni 2019 von einer Hotelbuchhalterin namens Angelika Moser, die ihrem Arbeitgeber, dem Grand Hotel Frohner, über Jahre hinweg 3,3 Millionen Euro gestohlen hatte. Vor Gericht, zu ihren Motiven befragt, entschuldigte sie sich damit, nur das Beste für ihr Kind gewollt zu haben.

Ich kam nicht umhin, ein gewisses Maß an Verständnis für diese Frau aufzubringen. Ich war hochschwanger mit meinem Sohn. Wenn ich seinen Fuß durch die Bauchdecke ertastete, ahnte ich: Ich würde auch 33 Millionen Euro stehlen, wenn er es bräuchte. Wer nicht? Wer ist in dieser närrischen, gar affigen Liebe, die man nur zum eigenen Kind empfinden kann, vor jeglicher Torheit gefeit?

Vea Kaiser – Fabula rasa oder: Die Königin des Grandhotels, S. 1

Man kann nicht sagen, dass uns Vea Kaiser im Unklaren über die Täterin, ihr Verbrechen und Motiv lässt. Es liegt schon auf den ersten Seiten da, doch wie es dazu kam, dafür verwendet Vea Kaiser viele Seiten. Sehr viele Seiten. Die gescheiterten Beziehungen, das Liebeschaos, das Dasein als alleinerziehende Mutter: ausführlich schildert Kaiser die Mühen in Angelikas Leben, erzählt minutiös von ihrer Herkunft aus dem Wiener Gemeindebau, den Leiden der Geburt und der Verlassenheit, wenn sich der Strizzi-Vater nicht ganz überraschend auch nach der Geburt des eigenen Kindes als Strizzi erweist, der kein Geld nachhause bringt – und sich selbst noch weniger.

Ein Unterhaltungsroman mit feministischer Botschaft

Vea Kaiser - Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels (Cover)

Dass Vea Kaiser ebenso wie ihr erzählerisches Alter Ego, das sich in den Zwischenkapiteln des Buchs immer wieder einschaltet, seit dem Erscheinen ihres letzten Romans Rückwärtswalzer im Jahr 2019 Mutter geworden ist, merkt man Fabula rasa oder: Die Königin des Grand Hotels deutlich an.

Noch nie hat sich Kaiser so tief in den Umgang der Gesellschaft mit Müttern und familiäre Überlastungen eingearbeitet. Fabula Rasa ist wohl der Text, der bislang am wütendsten und kämpferischsten die Rolle der Mutter in Familie und Gesellschaft thematisiert und ihre mangelnde Unterstützung beklagt. Hier begibt sich Vea Kaiser in die Gesellschaft anderer österreichischer Autorinnen wie Mareike Fallwickl oder Getraud Klemm und serviert im Gewand eines Unterhaltungsromans viel feministische Kritik am Blick, der auf Mütter fällt, und den Erwartungen, die an sie gerichtet werden.

Dagegen ist gar nichts einzuwenden, lediglich die allzu ausufernde Auswalzung der Liebeswirren und familiären Überlastungen hätte zumindest ich mir in etwas kompakterer Form gewünscht. So ist Fabula Rasa mit seinen 576 Seiten noch einmal 80 Seiten länger als Kaisers voluminöses Debüt Blasmusikpop oder: Wie die Wissenschaft in die Berge kam – und das bei einer im Vergleich zu ihrem Debüt recht überschaubaren Erzählanlage, die ja eigentlich nur Angelika Mosers Finanzbetrug ergründen will.

Der Hochstaplerinnenroman als Slowburner

So stellt sich bei diesem Hochstaplerinnenroman mit dem Verfliegen der hunderten an Seiten das Gefühl eines Slowburners ein. Man kennt von Anfang an den Betrug – die Enttarnung der Betrügerin erfolgt aber erst auf den letzten Seiten des Buchs, sodass die Darstellung des Motivs des Betrugs die meisten Seiten des Romans einnimmt. An manchen Stellen fordert dieses Erzählen in Zeitlupe und den hochauflösenden Blick auf Angelika Mosers Lebensgeschichte den Durchhaltewillen durchaus heraus.

Spannender ist da schon die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, mit dem der Roman spielt. Was ist wahr, was erdacht? Dass es ein Hotel Frohner an der Wiener Ringstraße nicht gibt, geschenkt. Dass es aber zwei Jahre nach dem von Kaiser geschilderten Betrug in realiter zwei Jahre nach dem von Kaiser geschilderten Betrug, lässt dann auch Kaisers Behauptung eines Gesprächs mit der inhaftierten Betrügerin in einem reizvollen Zwielicht erscheinen. Wessen wohnt man hier bei? Tabula rasa im Gefängnis in der Josefstadt oder Fabula rasa im Grandhotel Frohner?

In der Unzuverlässigkeit des Erzählens entfaltet Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels einen Reiz, der dann auch für manche erzählerische Volte zu viel entschädigt, und der auf den zwei erzählerischen Ebenen des Buchs gut durchgehalten wird.

Fazit

Was stimmt hier, was ist gelogen – und wäre der Betrug am Leser wirklich schlimm, wenn er so unterhaltsam geschildert wird, wie es Vea Kaiser hier tut? Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels ist der nächste Wien-Roman einer jungen Österreicherin in diesem Jahr, der sich kritisch mit der landestypischen Mentalität in Sachen Großmannssucht, Pomp und Prunkbegeisterung auseinandersetzt. Vielleicht ein wenig mehr Mut zu Fassung und Kürze hätten dem Roman gutgetan, so oder so ist das Buch aber wieder ein massenkompatibler Schmöker, diesmal mit feministischem Einschlag, geworden, an dessen Ende man selbst mit der moralischen Bewertung des Tuns von Angelika Moser hadern darf.


  • Vea Kaiser – Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels
  • ISBN 978-3-462-05234-3 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 576 Seiten. Preis: 25,00 €

Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit

Um die Wahrheit ist es nicht bestellt in diesen Tagen. Fake News, alternative Fakten und eine Flut von KI generiertem Müll bedrohen die Wahrheit und machen die Verständigung auf eine gemeinsame Realität immer schwerer. In Raphaela Edelbauers Roman Die echtere Wirklichkeit probt eine Gruppe namens Aletheia den Widerstand dagegen. Wie dieser Kampf aussieht, davon erzählt die österreichische Autorin in ihrem Buch und zielt dabei mitten hinein in unsere Gegenwart.


Wir wollen keine konkreten Reformen vorschlagen, wofür wir andere, mit uns kooperierende Gruppen als zuständig erachten. Wir sind philosophische Revolutionäre, deren sogenannter Terror gewissen Denkbewegungen die Waffe an die Schläfe drückt

Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit, S. 376

So formuliert es die Vereinigung namens Aletheia in ihrem thesenstarken Manifest, das die in Wien beheimatete Gruppe gemeinsam erarbeitet hat. Mit einer gehörigen Portion Revoluzzer-Nostalgie angefertigt in einer besetzten Wohnung per Matrizendruck sind es 71 Thesen, die für die Gruppe entscheidende Bedeutung besitzen.
Man liest Heidegger, nur ist es diesmal die Musik von Depeche Mode anstelle von Ton, Steine, Scherben, die aus den Lautsprechern dröhnt, während man diskutiert und streitet. Aber nur bei Diskursgewittern soll es nicht bleiben – denn Aletheia ist mehr als ein philosophischer Lesekreis und steht damit in der Tradition des Terrors einer RAF: mithilfe eines Anschlags will mit einem sprichwörtlichen Knall auf die eigenen Thesen hinweisen und die eigene Mission zum Erfolg zu führen.

Terror und Philosophie

Raphaela Edelbauer - Die echtere Wirklichkeit (Cover)

Doch wie kam es so weit, das inmitten Wiens der bewaffnete Aufstand und Terror geprobt wird? Und was will die Gruppe eigentlich? Das erzählt nicht nur das immer wieder aufgegriffene thesenreiche Manifest, das den Leser*innen von Raphaela Edelbauers neuem Roman gleich als Einstieg um die Ohren gehauen wird. Auch die im Rollstuhl sitzende Romy alias Byproxy nimmt uns zurück an die Anfänge, als das mit Aletheia begann – beziehungsweise, als sie zur Gruppe stieß. Denn Byproxy ist der jüngste Neuzugang der Gruppe, die sich aus Paul, Bernward, Brigitte und der Chirurgin konstituiert.

Nachdem sie aus ihrer Wohngruppe hinausgeflogen ist, stößt Romy in den kalten Straßen Wiens auf die Spur der Revolutionäre – und findet Anschluss bei denen in einer besetzten Wohnung beheimateten Gruppe. Als Einstieg in die Welt der Wahrheitsverfechter muss sie durch die ganz große Denkschule durchfräsen und die Lektüre von Parmenides, Husserl oder Hegel nebst Hausarbeit erledigen, um bei Aletheia Aufnahme und Anerkennung zu finden.

Mithilfe des philosophischen Rüstzeugs soll die gehbehinderte Byproxy die Gruppe in ihrem großen Kampf unterstützen. Diesen führt die nach der griechischen Göttin für die Wahrheit benannte Gruppe für die Wahrheit. Denn die Wahrheit, sie gerät seit dem Erfolg des Poststrukturalismus zunehmend in Gefahr – und das von höchster Stelle.

Längst schon arbeiten Kräfte auf dem ganzen Kontinent gegen die Wahrheit an. Man erfindet Begriffe wie alternative Fakten und hat gar kein Interesse mehr, sich zu verständigen und eine gemeinsame Verständnisbasis auszumitteln. Die Verbindlichkeit dieser gemeinsamen, verbindenden Wahrheit ist in Gefahr – doch Aletheia will sie verteidigen.

Der Kampf für die Wahrheit

Es ist ein Kampf, der mehr mit Worten und Gedanken als mit echten Taten geführt wird. Zwar besuchen Paul und Byproxy eine Wahlveranstaltung der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs oder planen einen Anschlag auf die Kronenzeitung, die in den Augen der Gruppe eine Schleuder für Fake News darstellt (und die in der Alpenrepublik trotz ihres boulevardesken und unterkomplexen bis rassistischen Charakters eine Zielgruppe von über drei Millionen Menschen erreicht) – das Ergebnis dieser Anstrengungen bleibt aber kärglich. Eine schlampig gemauerten Mauer vor dem Universitätsbüro von Wahrheitsfeinden, sie ist alles, was bleibt. Dass dieses Bauwerk dann fast von alleine kollabiert ist sinnbildlich zu sehen.

Vieles bei Aletheia bleibt allein beim Wollen, ehe der Roman auf den letzten Seiten doch noch seinen explosiven Charakter entfaltet.

Und dann erlöste Brigitte uns aus dieser Totenstille: „Ich glaube, Byproxy hat recht. Moment mal, lasst uns nachdenken, vielleicht hat sie wirklich recht.“
„Seid ihr beide wahnsinnig geworden?“, fragte Bernward.
„Eine Geiselnahme? Glaubt ihr, wir wollen RAF spielen? Wir sind eine philosophische Gruppe.“
„Eine philosophische Terrorgruppe.“
„Eine philosophisch-aktionistische Gruppe!“, schrie Bernward.

Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit, S. 213

Theorie und Diskussion

Über weite Strecken erschöpft sich die Gruppe in der Planung und Diskussion ihrer Aktionen – und steht damit stellvertretend für die Leistungsschwäche der Linken angesichts eines globalen Rechtsrucks und der Tendenz hin zu Autoritärem. Die Protagonisten dieses Rechtsrucks von der medialen Öffentlichkeit (Kronenzeitung) über akademischen Betrieb bis hin zu den politischen Mitspielern (FPÖ) beleuchtet Edelbauer immer wieder als einen großen Komplex, gegen den Aletheia gar nicht ankommen will und kann.

Verlockender scheinen die Dialoge über Wahrheit und der Blick der Philosophen auf den kaum zu greifenden Komplex. Was ist Wahrheit, auf welche Wahrnehmung der Wahrheit kann man sich verständigen? Die echtere Wirklichkeit geizt dabei nicht mit Thesen und Denkern. Immer wieder verliert sich die Gruppe in Diskussionen zwischen Poststrukturalismus und Pläneschmieden und strapaziert damit auch die Geduld der Leser*innen. Edelbauers Faible für Philosophie und die Widersprüche des Denkens scheinen in diesem Roman wohl so deutlich auf wie nie.

Das macht ihren Roman bisweilen zu einer zähen Lektüre, die mit den 71 Thesen, Theorietexten und Dauerstreitereien Hingabe der Konsument*innen erfordert. Dafür belohnt der Roman auch etwa mit der großartigen Bierzelt-Szene, die die Agitation rechter Kräfte ohne Fakten aber mit ganz viel Gefühl dokumentiert. Auch ist ihr Roman wieder ein großes Sprachfest, da Byproxy eine sprachstarke Erzählerin mit gewähltem Vokabular ist. Man verabsentiert sich, ist spornstreichs unterwegs oder befleißigt sich verschiedenster Dinge. Auch geizt die Autorin nicht mit hinreißenden Austriazismen der Marke Spom­pa­na­deln oder Gleich spielt’s Granada.

Fazit

So ist Die echtere Wirklichkeit ein wilder philosophischer wie sprachliche Tanz, der sich auf dem schwindenden Grund einer gemeinsamen Realität unserer Gesellschaft vollzieht. Edelbauers Buch zielt mitten hinein in die Gegenwart und das brüchig gewordene Vertrauen in Staat – und die Erzählerin.
Trotz eines klaren Österreich-Fokus ist das Buch damit doch auch universell übertragbar. Wackere Leser*innen, die sich nicht von vielen Thesen und Denkgirlanden und Diskussionsdauerfeuern abschrecken lassen, die finden in Raphaela Edelbauers Buch höchst gegenwärtige Lektüre zwischen Philosophie und Bombenanschlag.


  • Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit
  • ISBN 978-3-608-96630-5 (Klett-Cotta)
  • 448 Seiten. Preis: 28,00 €

Katharina Köller – Wild wuchern

Eine Alm fernab alle Heidi und Geißenpeterklischees, die zum Ort weiblicher Selbstermächtigung und der Verarbeitung von Traumata wird. Katharina Köller schickt in ihrem neuen Roman Wild wuchern eine junge Frau überstürzt dort auf den Berg hinauf, um sich auf der Alm nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch ihrer Cousine zu stellen.


Ebenso überhastet wie Köllers Heldin Marie in Wien in den Railjet in Richtung Bregenz springt, stürzen wir in den Text der 1984 geborenen Österreicherin Katharina Köller hinein. Was ist der Grund für die atemlose Flucht, wer ist diese Marie eigentlich? Noch bevor die zentralen Fragen geklärt werden können, stolpert die junge Erzählerin schon im Dunklen einen Berg in Tirol hinauf, wo ihre Cousine Johanna eine Hütte bewohnt.

Dort oben kommt sie langsam zur Ruhe. Allmählich klären sich die Hintergründe für ihre atemlose Flucht aus Wien – doch damit ist es noch lange nicht gut für Marie. Denn so einfach lässt es Johanna auch nicht zu, dass Marie in ihr gewohntes Leben dort oben am Berg einbricht. Besser heute als morgen würde die wortkarge Johanna Marie wieder los, was diese aber keinesfalls möchte. Und so beginnt dort oben auf der Alm ein Kammerspiel mit den beiden Frauen, in dem auch Stück für Stück Verdrängtes oder Verschwiegenes wieder ans Tageslicht drängt.

Ein Kammerspiel auf der Alm

Sie hebt ihren Becher und stößt gegen meinen, und nachdem wir beide einen großen Schluck genommen haben, stopft sie die Pfeife nach, zündet sie an und reicht sie mir. Ich inhaliere, so tief ich kann, und muss dann doch husten. Es kratzt.

„Nicht so gierig“, sagt sie und inhaliert wie ein Profi. Wie kann sie auf einmal so cool sein? Wer ist sie? Wer ist Johanna eigentlich?

Sie schenkt mir Tee nach, den ich verschütte, als ein neuer Hustenkrampf mich packt.

„Überall, wo ich hingeh, vergifte ich die Welt“, würg ich hervor. Sie putzt die Tischplatte, während ich nach Luft schnappe.

Katharina Köller – Wild wuchern, S. 160

Man merkt, dass Katharina Köller ähnlich wie zuletzt Suzie Miller mit Prima Facie ein von ihr geschriebenes Bühnenstück hier als Roman noch einmal neu adaptiert. Drei Jahre zuvor fand das Theaterstück 2022 unter dem Titel Windhöhe zur Uraufführung, ehe Köller draufhin das Buch noch einmal neu zu einem Roman arrangierte.

Auch im Buch vermittelt sich die Enge und die gespannte Stimmung zwischen den Schwestern dort oben auf der Alm ganz hervorragend, wie es auch auf der Vorgängerversion auf der Bühne funktioniert haben muss (in der die Theatermacherin nach eigenem Bekunden die Rolle der Marie spielte und schon damals den Beschluss fasste, den Stoff als Roman noch einmal neu zu arrangieren).

Gewitter auf der Alm

Katharina Köller - Wild wuchern (Cover)

Wild wuchern lebt von seiner Atmosphäre. Packend etwa der Showdown im Gewitter auf der Alm, wenn Marie nicht auf ihre Cousine hören will und trotz Warnung länger draußen auf der Wiese verharrt und so die Kräfte der Natur in der Bergwelt kennenlernt. Durchaus amüsant hingegen das Gegeneinander von Ziegenbock Hubsi und Marie, in dessen Stall sich die junge Frau kurzzeitig flüchtet, als ihre Cousine Marie wieder loshaben möchte. Flucht und Ruhe, Städterin und Almbewohnerin, Rettung am Berg und Sorgen drunten im Tal, Pechmarie und Goldmarie – Wild wuchern arbeitet mit vielen Dichotomien, die sich aber gut miteinander verbinden und mischen.

Ebendiese Mischung aus Themen, Tönen und Stimmungen, der untergründige Suspense und Köllers Gespür für die unterschiedlichen Register des Erzählens machen diesen Roman aus.

Fazit

So ist Köllers Roman ein Stück über weibliche Selbstermächtigung und Solidarität. Auch die die Ver- beziehungsweise Aufarbeitung von Traumata ist zentrales Thema in diesem Text, der sich manchmal fast überschlägt und doch in die Tiefe seiner Figur vordringt. Schnell erzählt, relevant und eindrucksvoll hat sich Katharina Köller speziell zu ihrem Erstling Was ich im Wasser sah noch einmal gesteigert, da dieser Buch in seiner ganzen Reduziertheit und Konzentration in Sachen Gestaltung das klare Gegenteil von Wild wuchern ist. Durch den klaren Fokus auf seine beiden Figuren entfaltet dieses Buch wirklich literarische Kraft!


  • Katharina Köller – Wild Wuchern
  • ISBN 978-3-328-60392-4
  • 204 Seiten. Preis: 22,00 €