Tag Archives: Verschwinden

Don Winslow – London undercover

Neal Careys erster Fall

Noch bevor Don Winslow zu einem auch hierzulande bekannten Autor werden sollte, verfasste er in den 90er Jahren eine Krimireihe um den jungen Schnüffler Neal Carey.

Ein kalter Hauch im Untergrund

Dem Suhrkamp-Verlag ist es nun zu verdanken, dass die bislang nur antiquarisch erhältlichen Bücher noch einmal in einer gelungenen Übersetzung durch die Winslow-erfahrene Conny Lösch neu aufgelegt werden. Aus Ein kalter Hauch im Untergrund wurde das griffige London undercover, dann noch ein reduziertes Cover und einen roten Buchschnitt hinzugefügt – und schon ist der potentielle Hit fertig.

Ein Himmelfahrtstrip in London

Winslow erzählt in seinem ersten Roman über Neal Carey, wie dieser vom verwahrlosten Kind durch das Training seines Mentors Joe Graham schon bald zum Top-Schnüffler reifte. Mit seinen zarten 23 Lenzen wird er dann von Graham auf eine Himmelfahrtsmission geschickt. Die Tochter eines amerikanischen Senators ist in London untergetaucht und will nicht gefunden werden. Doch da der Senator im Wahlkampf nach außen hin die perfekte Familie repräsentieren muss, liegt es nun an Carey, die Tochter aus einer Stadt zwischen Hare Krishnas, Drogen und Beatniks zu retten. Carey stürzt sich in die Straßen der britischen Hauptstadt und muss schon bald sein ganzes Können aufbieten, um mit heiler Haut aus seiner Mission herauszukommen.

London undercover ist ein Roman, der zwar schon auf dem Papier fast ein Vierteljahrhundert alt sein mag, dem Krimi sieht bzw. liest man dies aber nicht an. Die unverwechselbare Prosa Winslows, die er in späteren Romanen perfektionierte, ist hier schon in Ansätzen zu erkennen. Durch die Kunst der Verknappung treibt Winslow seine Erzählung immer wieder voran und schafft es, den Leser zu fesseln. Die Beschreibung eines London, das noch von Subkulturen durchmengt ist und so ganz anders als das heutige Hochglanz-London erscheint, ist nur als gelungen zu bezeichnen. Dieser Auftakt macht schon einmal mächtig Laune auf Careys zweiten Fall China Girl, der als Neuauflage im April 2015 erscheint.
Für alle die jetzt Lust auf den Roman bekommen haben: Hier geht’s zur Sonderseite für die Neal-Carey-Reihe. 

Jennifer Clement – Gebete für die Vermissten

Die Mädchen Mexikos

Mexiko: Drogenlabor Amerikas und immer wieder Lieferant von grausamen Meldungen über Bandenkämpfe.
Großartige Bücher beleuchten dieses Thema : T.C. Boyles „América“ etwa oder Don Winslows „Die Tage der Toten“. Ein Weiteres muss nun mit diesen Büchern genannt werden. Jennifer Clements Roman „Gebete für die Vermissten“ ist ein unbeschönigendes Buch, dass das Leid der Frauen in Mexiko plastisch macht.

Die Autorin entführt darin in die staubige Bergwelt Mexikos, in ein Dorf in dem Männer Mangelware sind. Diese hat es über die Grenze ins prosperierende Amerika gezogen, während die Mütter mit ihren Töchtern in Mexiko in permanenter Angst vor Übergriffen leben. Die Kinder werden möglichst hässlich und versteckt gehalten, um Entführungen durch Kartelle zu entgehen. Clement schildert diese Welt durch die Augen von Ladydi, einem jungen Mädchen, das auf nur 230 Seiten eine schmerzhafte Odyssee durchmacht.

Es ist wahrlich keine Gute-Laune-Lektüre, die Jennifer Clement in ihrem Buch serviert. Dennoch lohnt sich „Gebete für die Vermissten“, weil es Einblick gewährt in eine Welt, die sich unserem täglichen Interesse doch sehr entzieht und so weit weg erscheint. Umso wichtiger, dass diese Literatur aufzurütteln vermag und für das tägliche Leid und die Schicksale gerade der weiblichen Bevölkerung in Mexiko sensibilisiert.
Daher sei dieses Buch jedem aufmerksamen Leser empfohlen, der über den Tellerrand blickt und der die Augen vor der Realität nicht verschließen will!

Carl-Johan Vallgrén – Schattenjunge

Die Schatten der Vergangenheit

Carl-Johan Vallgrens erster Krimi erschien in Schweden zunächst einmal unter Pseudonym, da er bisher überwiegend als Autor von anderen belletristischen Werken in Erscheinung trat. Nun hat er sich dem Genre des Kriminalromans zugewandt und macht seine Sache gut!

schattenjungeVor vierzig Jahren verschwand der Enkel des schwedischen Großunternehmers Pontus Klingberg an einer Stockholmer U-Bahn-Station. Der Junge tauchte nie wieder auf.
2012 verschwindet nun der andere Enkel Pontus Klingbergs spurlos. Die verzweifelte Ehefrau des Verschwundenen wendet sich an Danny Katz, einen Privatermittler, der völlig am Boden darnieder liegt. Eine Freundschaft verbindet ihn und den Verschwundenen, weswegen Katz nicht lange zögert, um sich hinter das Verschwinden zu klemmen. Was er in der Familiengeschichte der Klingbergs entdeckt, hätte er so nicht erwartet und droht ihn in einen tödlichen Strudel zu reißen.

Bei seinem ersten Kriminalroman folgt Vallgren überwiegend den Konventionen des skandinavischen Krimis: Ein kaputter Ermittler (Erinnerungen an Jo Nesbos Harry Hole werden wach), ein dunkles Geheimnis, ehrbare Männer der Gesellschaft, die keineswegs unbescholten sind – all diese Zutaten mixt der Schwede zu einem schnellen Krimi. Die Geschichte liest sich eingedenk der großen Schriftgröße und des hohen Schreibtempos schnell weg. Man verzeiht dem Autor auch einige Griffe in die Klischeekiste und gerade im letzten Drittel einige nicht unbedingt sonderlich plausible Wendungen (besonders was den zweiten Erzählstrang einer alten Freundin von Danny angeht). Aber dafür ist der Roman spannend und dies ist schließlich was zählt. Carl-Johan Vallgren beherrscht auf jeden Fall sein Handwerk und unterhält den Leser gekonnt.
Weiter Fälle für Danny Katz dürfen nicht ausgeschlossen werden, wenn man die letzten Seiten des „Schattenjungen“ liest – von mir aus sehr gerne!

Benjamin Lebert – Mitternachtsweg

Sylter Schauergeschichten

Benjamin Lebert wagt in Mitternachtsweg das Spiel mit mehreren Erzählebenen – und gewinnt. Er entführt den Leser auf den titelgebenden Weg, der in seiner Erzählung eine zentrale Rolle einnimmt. Auf Sylt existiert nämlich eine gefährlicher Tradition – bei Ebbe im Mondlicht beschreiten junge Liebende einen Weg aufs Meer hinaus, um sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern.
Johannes Kielland, ein junger Mann, stößt bei Recherchen auch auf eine Geschichte rund um den Mitternachtsweg. Eine mysteriöse Frau soll diesen mit ihrem Geliebten genommen haben, doch kehrte nur sie vom Mitternachtsweg zurück. Bei seinen Recherchen muss der junge Mann allerdings feststellen, dass diese Legende lebendiger ist, als er es sich hätte vorstellen können.

Stück für Stück wird Kielland (und nicht weniger der Leser) immer mehr in die Geschichte hinein gesogen, wie mancher Liebende von der Strömung aufs Meer hinausgezogen wurde. Man weiß angesichts der verschiedenen Erzählebenen schon bald nicht mehr, was eigentlich Wahrheit ist und was der Phantasie entstammt. Geschickt verbrämt Lebert seine eigentliche Liebesgeschichte mit einer Schauergeschichte in bester hanseatischer Tradition.

So entsteht ein ungewöhnliches Buch, das mich persönlich stark an die Romane Carlos Ruiz Zafons erinnerte. Die Mischung aus Schauern und Liebe geht in Mitternachtsweg exzellent auf und macht dieses Buch zu einer echten Empfehlung in diesem Bücherherbst, wenn die Nächte länger werden und die Herbststürme über den Deich fegen!

Joel Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Grandios doppelbödig

Ein Buch von einem Schriftsteller, der über einen Schriftsteller schreibt, der über einen Schriftsteller schreibt? Klingt kompliziert, ist aber ein großartiger Lesespaß, wie Joel Dicker in Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert beweist.

Sein Roman ist über 700 Seiten ein Krimi, eine Liebesgeschichte, das präzise Porträt einer amerikanischen Kleinstadt, eine Humoreske und noch viel mehr. Mehrfach ausgezeichnet erzählt das Buch über 31 Kapitel erstreckt vom Schriftsteller Marcus Goldmann, der in einen großen Kriminalfall hineingezogen wird.

Goldmanns Mentor, der berühmte Schriftsteller Harry Quebert, gerät unter Mordverdacht, nachdem auf seinem Grundstück die Leiche der vor 33 Jahren verschwundenen Nora Kellergan gefunden wurde. Dieses junge Mädchen aus der amerikanischen Provinzstadt Aurora stand Harry Quebert sehr nahe und erschwerend kommt hinzu, dass sich das Manuskript von Queberts Durchbruchroman bei dem Skelett findet.

Für Goldmann kommen diese Geschehnisse gerade recht, da er unter einer Schreibblockade leidet und von seinem Verleger unter Druck gesetzt wird. Er beschließt kurzerhand auf eigene Faust zu ermitteln und seine Erkenntnisse in Form eines neuen Buches zu veröffentlichen – allerdings ahnt er nicht, welche Lawine er mit seinen Ermittlungen lostritt.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist ein clever komponiertes Buch, das sich bei vielen Genres bedient und das auf hervorragende Weise die Handlung auf mehrere Zeitebenen und Personen verteilt. Obwohl Dicker ein Schweizer ist, liest sich der Roman höchst amerkanisch – und das im besten Sinne!

In Episodenform verknüpft Dicker die Ermittlungen Goldmanns mit den damaligen Geschehnisse und erzeugt einen Lesesog, da man unbedingt wissen will, was mit Nola vor 33 Jahren passiert ist und ob Harry Quebert wirklich unschuldig ist.

Der Roman ist ein doppelbödiges Spiel, da Joel Dicker mit geschickten literarischen Kniffen immer wieder Unsicherheit beim Leser erzeugt, inwieweit er den Figuren und ihren Schilderungen der damaligen Ereignisse trauen kann.

Das Buch ist komplex, ohne kompliziert zu sein und schafft es selbst mit der Danksagung, den Leser noch nachgrübeln zu lassen – oder um es mit den Worten Harry Queberts zu sagen:

„Ein gutes Buch lässt sich nicht allein an seinen letzten Worten bemessen, sondern an der Gesamtwirkung aller vorausgegangenen Worte, Marcus. Ungefähr eine halbe Sekunde nachdem der Leser mit Ihrem Buch fertig ist, nachdem er das letzte Wort gelesen hat, muss er spüren, wie ihn ein starkes Gefühl überkommt. Er muss einen Moment lang an nichts anderes denken als an das, was er gerade gelesen hat, und den Einband mit einem Lächeln, aber auch mit einer Spur von Traurigkeit betrachten, weil ihm alle Figuren fehlen werden. Ein gutes Buch, Marcus, ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat.“

Dicker, Joel: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

So erging es mir mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert definitiv – eines der starken Bücher dieses Bücherherbstes!