Category Archives: Verschiedenes

Kurz und gut

Gael Faye- Kleines Land

Was passiert, wenn man den Ort seiner Kindheit hinter sich lassen musste und in einem anderen Land erwachsen wird? Davon erzählt Gael Fayes Debüt Kleines Land. Sein Protagonist Gabriel, genannt Gaby, wächst in Burundi mit seiner Schwester auf. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter stammt aus Burundi und gehört der Ethnie der Tutsi an. Die unbeschwerte Kindheit endet aber recht bald, als nach einem Militärputsch die Auseinandersetzungen von Hutu und Tutsi zunehmen und schließlich in einem brutalen Bürgerkrieg münden. Nach der Flucht aus diesem sich selbst zerstörenden Land lässt Gaby die Erinnerung allerdings nicht los und er beschließt, noch einmal nach Burundi zurückzukehren.

Ein Buch, das ordentlich beginnt und dann immer faszinierender und besser wird, ehe es in einen packenden Schluss mündet. Faye erzählt bildstark und sehr farbig. Literatur über Afrika und dessen Menschen und Länder fristet in unserem literarischen Bewusstsein doch eher ein Nischendasein, umso schöner, dass uns hier ein junger frankophoner Autor in die wechselvolle Geschichte Burundis eintauchen lässt. (Übersetzung von Brigitte Große und Andrea Alvermann)

 

Hari Kunzru – White Tears

Hari Kunzru erschafft mit White Tears einen reizvollen Bastard aus Musikgeschichte, magischem Realismus und amerikanischer Gesellschaftsanalyse. Ähnlich wie Grégoire Hervier in Vintage ist es bei Kunzru auch die Musik, die einen Strudel aus Tod und Verderben auslösen wird. Dabei beginnt bei Kunzru eigentlich alles recht unscheinbar, und zwar mit der Freundschaft von Seth und Carter. Jene freunden sich auf dem Campus an und halten ihre Freundschaft auch nach dem Studium aufrecht. Ein von ihnen aufgenommenes und verfremdetes Musikstück wird dann allerdings zum Wendepunkt, an dem sich ihre Freundschaft und schon bald ihre Leben scheiden. Denn dieses Musikstück führt zu einem schweren Angriff auf Carter – und Seth beschließt, dem von ihnen produzierten Musikstück auf den Grund zu gehen. (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Kunzru schickt seinen Helden auf einen düsteren Trip in den (musikalischen) Süden der USA. Dabei stößt er an die Wurzeln von Rassismus, Blues und kultureller Aneignung vor. Ein Buch, das sich einer Einordnung konsequent entzieht, und das durch seine flirrende Art zu den eindrücklichsten und originellsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt werden darf.

 

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

In ein unbekanntes England entführt die Autorin Sarah Perry in ihrem wirklich wunderbar gestalteten Buch Die Schlange von Essex. Ihre Geschichte spielt im ländlichen Essex gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während sich zu dieser Zeit Sherlock Holmes bereits durch ein rasch wandelndes und von der Industrialisierung gekennzeichnetes England ermittelt, herrscht bei Perry noch höchste Entschleunigung. Ihre Heldin ist Cora Seaborne zieht sich aus Land nach Essex zurück, nachdem ihr Mann verstorben ist. Dort kollidiert sie mit dem ansässigen Pfarrer, der einen Gegenpol zu Cora bildet. Denn die Leidenschaft der jungen Frau gilt den Naturwissenschaften und dem Kampf um Selbstbestimmung. Punkte, die zu Konfrontationen mit William Ransome, so der Name des Pfarrers, führen. Doch lauert unter allem Streit auch eine starke Anziehungskraft zwischen beiden Parteien. (Übersetzung von Eva Bonné)

Leider konnte der von Sarah Perry entfachte Funke bei mir nicht überspringen. Über allen eigenwilligen Figuren vergisst Perry für meinen Geschmack etwas zu sehr, die Handlung zu strukturieren und voranzutreiben. Stattdessen dominiert das Figurenensensemble, was bei mir für einige Lesedurchhänger sorgte. Mehr Esprit und Agilität hätten dieser Schlange gut getan!

Kommunismus und Singularitäten – eine Kapitulation

Als fleißiger Buchblogger des Bayerischen Buchpreises ist es natürlich eine Ehrensache, sich allen nominierten Titeln zu nähern und diese auch zu lesen. Eigentlich. Denn jetzt muss ich mein Scheitern eingestehen, und dies sogar zweifach. Während ich die drei nominierten Belletristikbücher (Das Genie, Justizpalast und Das Floß der Medusa) sehr gerne las und mir auch das nominierte Sachbuch Blau mit Gewinn zu Gemüte führte, stieß ich nun an meine Grenzen als Leser, im ökonomischen und intellektuellen Sinn. Aber eins nach dem Anderen.

Der erste Titel, bei dem ich eingestehen musste, dass es mit mir und dem nominierten Buch nichts mehr wird, war der Titel Die Farbe Rot: Ursprünge und Geschichte des Kommunismus von Gerd Koenen. Koenen, dessen wissenschaftliches Schaffen um den Kommunismus und seine Auswüchse kreist, versucht sich in seinem Buch an nichts Geringerem als einer umfassenden Darstellung des Kommunismus von seinen Anfängen bis in die Gegenwart hinein.

Ein durchaus löbliches Vorhaben, dessen Umfang allerdings zu einem Malus für mich geriet, denn Koenen beschränkt sich nicht auf einzelne Schlaglichter und konzise Betrachtungen, sondern will das ganz ganz große Ganze. Auf mehr als 1100 Seiten widmet sich Koenen den Gedanken, Theorien und Auswirkungen des Kommunismus. Dabei ist Koenens Buch auch noch wirklich klein gesetzt und in Großkapitel unterteilt. Bereits nach den ersten einhundert Seiten machte sich in mir die Erkenntnis breit: ich werde dieses Buch zumindest vor der Verleihung des Bayerischen Buchpreises am 7.11 nicht mehr lesen können. Viel zu faktenreich und umfassend ist Koenens Darstellung, als dass man sie nebenher in handlichen Portionen konsumieren könnte.

Zudem macht Koenens Schreibstil dem Genre des Sachbuchs wirklich alle Ehre. Er erzählt sehr faktensatt und nahe am wissenschaftlichen Duktus. Dies macht aus Die Farbe Rot ein trockenes, wenn auch sehr erkenntnisreiches Buch, für das mir zumindest in der aktuellen Situation die Zeit und Muße fehlen. Der Begriff Lehnstuhlbuch meiner werten Kollegin Katharina Herrmann ist genau richtig. Für geschichtsinteressierte Leser, pensionierte Studienräte und passionierte Sachbuchleser ist Die Farbe Rot ein schönes Weihnachtsgeschenk oder für sonstige Gelegenheiten, wenn viele Tage Lesezeit zur Verfügung stehen. Ansonsten empfehlen sich eher gerafftere Darstellungen, möchte man kompakt und etwas zügiger über den Kommunismus informiert werden. Dennoch kein schlechtes Buch; wir beide haben einfach gerade nicht zueinander gefunden.

 


Ein anderes Buch, zu dem ich wahrscheinlich nie finden werde, ist der Titel Die Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz. Dies hat auch einen ziemlich einfachen Grund – ich bin kein studierter Soziologe. Und wer das nicht ist, dürfte Schwierigkeiten mit Reckwitz‘ Buch bekommen, das sich zu meiner Verwunderung auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste befindet und allerorten gelobt und gepriesen wird.

Nicht dass das Buch schlecht wäre, das vermag ich gar nicht zu beurteilen – ich verstehe das Buch einfach nicht, da mir das notwendige soziologische Rüstzeug und Hintergrundwissen fehlt, ohne das die Lektüre wenig ergibt. Denn Reckwitz scheint wenig Interesse für niedrige Einstiegshürden oder Erklärungen für Nicht-Kundige zu hegen. Stattdessen dominiert hier noch krasser als bei Koenen ein trockenster, von Fachbegriffen durchwirkter Stil, der sämtliche Lesefreude und -lust nimmt. Hier zeigt sich ein typisches Suhrkamp-Buch von seiner akademischsten Seite, viel Dünkel inklusive. Dabei wäre das Thema, zugänglich aufbereitet, durchaus ein preiswürdiger Kandidat, aber in dieser Darstellungsform wurde das mit dem Buch und mir leider überhaupt nichts.

Das ist besonders schade, wenn man an den Gewinnertitel des letztjährigen Bayerischen Buchpreises zurückdenkt, nämlich Andrea Wulfs Humboldt-Biografie Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur. Eine ebenso erkenntnisreiches wie farbiges, sprachlich ansprechendes wie niedrigschwelliges Buch für Laien und Nicht-Laien. So etwas hätte ich mir auch gewünscht, aber von den drei #baybuch-nominierten Sachbüchern scheint wirklich nur Blau diese Rolle erfüllen zu können.

Insofern finde ich dies ärgerlich, weil hier eine Chance vertan wurde, um fürs breite Publikum interessante Titel in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Stattdessen setzt man hier auf Nischentitel, die außerhalb von Unibuchhandlungen wohl wenig Absatzchancen bekommen dürften. Betrachte ich auch mein durchaus akademisches geprägtes Freundesumfeld, fällt mir auch niemand ein, der sich für Kommunismus und Singularitäten (zumindest in dieser Darstellungsform) begeistern könnte. Insofern sind und bleiben meine Daumen im Sachbuchbereich für Jürgen Goldsteins Blau: eine Wunderkammer seiner Bedeutung gedrückt.

Ein wirklich großes Dankeschön geht an meine ebenso unerschrockene wie denkschnelle Mitbloggerin Katharina Herrmann vom Bloggerkollektiv 54Books, die diesen beiden Titeln, die mich ins Stolpern brachten, wacker entgegengetreten ist. Sie hat den beiden Büchern viel Lebens- und Lesezeit geschenkt und zwei (wie ich finde sehr treffende) Rezensionen zu Rot und Die Gesellschaft der Singularitäten verfasst. Ein herzliches Dankeschön an sie an dieser Stelle!

Jürgen Goldstein – Blau

Es gibt Büchlein, die sind ganz und gar wunderbar gestaltet. Man nimmt sie gerne in die Hand, bewundert die Aufmachung, den Einband, die Schriftarten – und dann dreht man das Buch um und liest den Klappentext. Im vorliegenden Fall wäre das Buch glatt wieder zurück ins Regal gewandert, hätte ich nicht als #baybuch-Blogger das Buch auf meiner Leseliste gehabt. Denn der Klappentext, nun ja …

Die Welt, in der wir leben, ist an vielen Stellen in sattes Blau getaucht. Die Tiefe und Kraft jener Farbe entspringt den Bedeutungen, die wir ihr zuschreiben: Freiheit, himmlische Weite und Sehnsucht. Wie eine Wunderkammer versammelt dieses gelehrte und elegant verfasste Buch die verschiedensten Fundstücke dieser geheimnisvollen und berührenden Farbe.

Einen betulicheren und bräsigeren Klappentext fand ich bei keinem der sechs nominierten Bücher. Diese sprachliche Reminiszenz an verstaubte und (zu recht) vergessene jahrzehntealte Sachbücher finde ich reichlich unglücklich. Diese hölzernen Worte machen keine Lust auf das Buch und sind auch in keinster Weise für den Inhalt des Buchs repräsentativ. Dabei lohnt es sich auf alle Fälle, das Buch aufzuschlagen und in den blauen Welten zu versinken, die Jürgen Goldstein schildert.

Erschienen ist Jürgen Goldsteins Buch im großartigen Kleinverlag Matthes&Seitz. Jenes Berliner Unternehmen verlegt auch die hiermit aufs Wärmste empfohlenen Naturkunden, die sich allen möglichen Tieren und Naturphänomenen widmen. Goldstein liefert für jene Reihe auch bereits einen Beitrag, und zwar das Buch Die Entdeckung der Natur: Etappen einer Erfahrungsgeschichte. Ein weiteres Buch liegt vom Autor über Georg Forster vor, in dem er sich mit dem Leben des Naturforschers und Revolutionärs auseinander setzt. Für jenes Buch gab es den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse im Jahr 2016. Nun also Blau – und die Nominierung für den Bayerischen Buchpreis 2017.

Tatsächlich versucht sich der Philosoph Goldstein in seinem Buch an einem holistischen Ansatz, um die Farbe Blau zu betrachten. In seinem etwas irrlichternden Einleitungswort beruft er sich auf das philosophische Gedankenmodell des Rhizoms, mit welchem er fortan das Blau und seine Bedeutung betrachten will. Dies bedeutet, er versucht Gedankenketten zwischen unterschiedlichen Epochen, Menschen und Arten des Blaus zu knüpfen, um durch diese unorthodoxe Vorgehensweisen neuen Blaubedeutungen auf die Spur zu gelangen.

Dieses etwas theoretische Gebilde füllt sich dann aber gleich sehr anschaulich mit Leben, wenn man das Inhaltsverzeichnis von Blau betrachtet. So bedient sich Goldstein ähnlich wie andere Autoren, z.B. Florian Illies oder Oliver Hilmes, einer episodischen Erzählweise, die munter durch die Geschichte springt. Jedes der folgende Kapitel dreht sich immer um ein konkretes Ereignis oder Personen, bei denen das Blau eine wichtige Rolle spielt. So widmet sich der Autor dem Blau im Schaffen von Yves Klein, betrachtet Miles Davis‘ Jahrhundertwerk Kind of Blue, ergründet die Bedeutung der Farbe Blau im Schaffen von Albert Camus oder reist zu Levi Strauss nach Amerika, wo dessen Blue Jeans ihren Siegeszug um die Welt beginnt.

Was sich anfangs noch arg verkopft anhören mag, gerät wirklich schnell zu einem sehr gut lesbaren und interessanten Buch, das munter durch die Weltgeschichte mäandert und immer wieder das Blau an Stellen findet, die man gar nicht vermutet hätte. Dabei vermengt Goldstein E und U, findet in der Popliteratur genauso Bezüge wie etwa in Frida Kahlos Leben oder bei der Umrundung unseres blauen Planeten.

Der Erkenntnisgewinn der Kapitel schwankt genauso wie deren Länge, so fand ich den gerade einmal zwei Seiten starken Text zur Blauen Stunde gelinde gesagt olfaktorisch und erkenntnismäßig so verpuffend wie ein Hauch Light Blue im Abendwind. Andere Kapitel wie etwa jenes über Jim Morrison, Tutanchamun, Patti Smith, die blaue Blume Novalis sind da schon deutlicher konziser und faktengesättigter. Gerade die assoziative Struktur innerhalb der Kapitel kommt Goldsteins Buch dabei sehr entgegen und bringt zusammen, was vielleicht doch zusammengehört, bislang so allerdings eher weniger gesehen wurde.

Ergänzt wird das mit 20 Episoden bestückte Buch mit einem Vor- und Nachwort, das (für meinen Geschmack zu redundant) Goldsteins assoziatives Vorgehen begründet. Egal ob er von Rhizom, dem Flanieren oder der Theorie der Koralle spricht, wer zwei oder drei Kapitel dieses wirklich gut lesbaren (und sehr schön gestalteten) Büchleins gelesen hat, dem ist klar, wie der Hase läuft. So viel theoretisierende Gedanken hätte es an dieser Stelle nicht gebraucht. Ebenfalls enthalten ist der nach Kapiteln strukturierte Anmerkungsapparat.

Ist Blau – Eine Wunderkammer seiner Bedeutung zu Recht für den Bayerischen Buchpreis nominiert? In meinen Augen ja, bietet das Buch doch gut lesbaren und handlich portionierte Infos und kann ebenso rein unterhaltend gelesen wie auch umfassender studiert werden. Von allen drei nominierten Sachbüchern ist Blau für mich als Laie das zugänglichste Buch und steht deshalb zurecht auf dieser Liste.

 

Mehr Politik wagen

Liebe Autorinnen und Autoren,

nun ist sie also wieder vorbei, die größte Buchmesse der Welt, stets Leistungsschau und Schaufenster des literarischen Schaffens weltweit. In diesem Jahr war das Gastland ja Frankreich, ein Land mit einer blühenden Literaturlandschaft, vom Comic bis zum opulenten Gesellschaftsroman Balzac’schem Ausmaß, alles dabei.

Bereits im Vorfeld der Buchmesse gab es schon im Rahmen der französischen Parlamentswahl zahlreiche Beilagen und Feuilletons zu lesen, in denen die findigen Kulturredakteure frankophone Bücher zusammentrugen und präsentierten, die dabei helfen sollten, die französische Gesellschaft, ihre Probleme und aktuelle Debatten besser verstehen zu können. Und nun also die Buchmesse und auch hier wieder seitenweise Lektüretipps und erhellende Neuübersetzungen von Autoren, die uns die Grande Nation aufschließen sollten.

In diesen Artikeln AutorInnen wie etwas Virginie Despentes oder Karine Tuil, die in ihren Romanen die französische Gesellschaft vermessen, Schreiber wie Michel Houellebecq, die Visionen entwerfen, in den öffentlichen Diskurs eingreifen, die (literarische) Gesellschaft durch ihre Einwürfe bereichern und reflektieren. Große Bücher von Annie Ernaux, Sabri Louatah, Matthias Enard – und stets schwingt das Politische und Gesellschaftliche mit.

Kurzer Szenenwechsel nach Deutschland: bevorstehende Bundestagswahl – und in den Feuilletons gähnende Leere (sollte es mal eine ähnliche Strecke wie die der wichtigsten (französischen) Bücher des Herbstes gegeben haben – ich lasse mich gerne korrigieren). Kein Roman auf weiter Flur, der die gesellschaftlichen oder politischen Themen unserer Tage aufnimmt, spiegelt oder einfach nur ins Bewusstsein ruft. Kein Buch, das Themen wie Migrationsbewegungen, Klimawandel, gesellschaftliche Verwerfungen, Ost-West-Konflikte, Rechtsruck, soziale Schieflagen oder ähnliche Themen aufgreift.

Wie groß war die Begeisterung hierzulande über Didier Eribons wirklich bemerkenswerte Rückkehr nach Reims!? Das Buch wurde in meinen Filterblasen gefeiert, gute Absatzzahlen für ein soziologisches Fachbuch und einstimmiger Jubel im Feuilleton waren dem Autor gewiss, der uns Frankreich durch seine Ausführungen und Erklärungen besser verstehen lässt. Warum zieht es viele linke Stammwähler zum Front National? Warum definieren Herkunft und Klasse immer noch unsere weiteren Chancen im Leben? Groß war die Begeisterung über den gut lesbaren und erhellenden Titel (und ja – auch meine). Bezeichnend nun, dass auf der Messe die Ankündigung von Eribons neuem Werk vielfach gepriesen wurde – eine deutsche Antwort auf das Buch allerdings ausblieb. Und dabei ist es ja nicht so, dass sich unsere Probleme gravierend von den französischen Verhältnissen unterscheiden, sich eine derartige Analyse also auch in Deutschland einmal lohnen sollte.

Nur kann es wirklich sein, dass wir uns mit unseren Romanen und Analysen derart hinter Frankreich verstecken müssen und uns lieber dort bedienen, statt ein derartiges Unterfangen auch einmal bei uns zu wagen? Selbst deutsche Autoren wie etwa Gila Lustiger scheinen lieber Gesellschaftsromane über Frankreich schreiben zu wollen, in denen sie die Verwerfungslinien des Landes nachzeichnen, als etwas derartiges bei uns zu wagen. Wo ist es hin, das politische Gespür und die Lust der Erkundung der unterschiedlichen Milieus und Klassen, die Neugier auf die weitere Entwicklungen dieses Landes? Ist es denn wirklich so schwer, Romane zu schreiben, die über pure zwischenmenschliche Geschichten und Probleme hinausweisen und die größere Entwicklungen und Tendenzen greifbar machen? Gerade bei unserer wechselvollen Geschichte, deren Auswirkungen ja immer noch präsent und spürbar sind, sollte das politische Schreiben doch auf der Hand liegen!?

Beim intensiven Nachdenken und Durchforsten meiner Bücherbestände blieb nur eine Handvoll AutorInnen hängen, die sich den übergreifenden gesellschaftlichen Themen widmen und zumindest mich dieses Land besser verstehen ließen. Peter Richters 89/90 kam mir in den Sinn ebenso wie das Debüt von Manja Präkels, Nikolaus Bleuel oder Fatma Aydemir. Danach wird es schon diffiziler, zumindest in meinen Buchregalen. Albert Ostermaier oder Dirk Kurbjuweit bringen in ihren Büchern auch noch eine gewisse Aktualität und über das Buch hinausweisende gesellschaftliche Bezüge ein. Für mein Empfinden sind es aber noch am ehesten die Krimischrifststeller, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten  Hier sei als Beispiel nur kurz Horst Eckerts Wolfsspinne genannt, ein Buch, das sich fiktionalisiert mit dem Thema des rechten Terrorismus beschäftigt (auch ein Thema, das in der Öffentlichkeit breit diskutiert wurde, kaum aber in die Literatur Einzug fand). Auch Wolfgang Schorlau gelingt es stets, den Finger in die offenen gesellschaftlichen Wunden zu legen, egal ob Probleme wie die Abgründe unseres immensen Fleischkonsum, Pharma-Lobbyismus oder Erbsünden der RAF verhandelt werden. Dies ehrt die genannten Herrschaften natürlich sehr, aber ich frage mich, ob das wirklich alles sein kann.

Wo bleibt ein deutsches Pendant zu Michel Houllebecq? Wer wagt es, wie Karine Tuil in die verschiedenen Milieus dieses Landes zu blicken oder wer beschreibt den Weg eines Helden durch alle sozialen Schichten so, wie es Virginie Despentes gelingt?

Literatur ist immer dann spannend, wenn sie sich an den Sollbruchstellen einer Gesellschaft entlang bewegt. Nur scheint mir die deutsche Autorenschaft in großen Teilen dieses Thema seit Jahren lieber weiträumig zu umfahren, als einmal einen Blick in die Abgründe zu werfen. Diese Verweigerung finde ich fahrlässig, schließlich wird hier die Chance vertan, klare Positionen zu beziehen und den Lesern auch Orientierung oder Visionen zu bieten.

Bezeichnend auch, dass die größten Schlagzeilen, für die die Frankfurter Buchmesse gesorgt hat, nicht ein provokantes oder wagemutiges Buch oder ein Schriftstellerauftritt war, sondern es ein, zwei rechten Verlage und deren Umfeld gelang, die diesjährige Buchmesse zu dominieren und sogar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandles in den Hintergrund zu drängen. Hier müsste auch die Literatur diesen Gedankenmodellen und Auftritten etwas entgegensetzen, um das Geistesleben zu bereichern und den Diskurs wieder zu weiten. Doch deutschsprachige Romane oder Autoren, die dieses Potential in sich haben und ihre Stimme erheben, finde ich bislang kaum. Genauso wenig wie einen irgendwie gearteten öffentlich Diskurs, der einmal aus einer kulturellen Stellungnahme erwächst und in öffentlicher Aufmerksamkeit mündet.

Warum gelingt uns das alles nicht? Ein Blick auf die Beststellerlisten dieses Jahres (jaja, ich weiß um deren Aussagekraft, dennoch ist sie nunmal auch ein Gradmesser für literarische Trends) stimmt da schon traurig. Das Mittelalter dominiert (Iny Lorentz oder Sabine Ebert mit ihren Dauerabonnements), Leichenschlitzer (die Stümpereien von Fitzek) oder persönliche Grenzerfahrungen (Simon Strauß, Mareike Krügel) schaffen es auf die Liste, wenn es deutschen Autoren überhaupt einmal gelingt, neben der fremdsprachigen Konkurrenz einen Platz zu behaupten.

Auch die „literarisch ambitionierteren“ Bestsellerautoren lassen jegliches Wagnis vermissen. Man denke nur an Juli Zeh, die über eine entkoppelte Dorfgemeinschaft in Brandenburg schreibt, Daniel Kehlmann, der gleich wieder weit zurück ins Mittelalter springt oder Uwe Timm, der sich ins Jahr 1945 schreibt und vergangene Welten heraufbeschwört. Der Rückzug von der Aktualität dominiert, mehr Innerlichkeit scheint das Motto zu sein.

Aber selbst wenn man den ökonomischen Erfolg beiseite lässt und auf anders kuratierte Listen blickt, wie etwa den Deutschen Buchpreis, ändert sich das Bild nicht gravierend. Die Auswahl der besten deutschen Bücher des Jahres erzählt von Bartforscher, die nach Japan entschwinden, von fliehenden Professoren und Rentnern, die sich im Schwimmbad den Kopf stoßen – oder ganz innovativ, von Martin Luther. Im Jahr 2017. Das hat natürlich alles seine Berechtigung und ist in den überwiegenden Fällen auch literarisch gut gemacht.

Aber frei nach Willy Brandt möchte man euch Schriftstellern doch schon einmal zurufen: lasst uns mehr Politik wagen! Dass es sich auszahlen kann sieht man ja am diesjährigen Buchpreisgewinner Robert Menasse, der das Politische gleich auf EU-Ebene in seinem Roman Die Hauptstadt verhandelt- und zack:  schon gibts den Deutschen Buchpreis, auch da niemand etwas derartiges zuvor gewagt hatte. Ihr seht also – es kann sich durchaus rentieren!

Ein scribere aude möchte ich euch zurufen. Legt den Griffel zur Seite (okay, meinetwegen auch die Gänsefeder) wenn ihr an Familienromanen arbeitet, lasst einmal die historischen Romane historische Romane sein – setzt euch an eure Schreibtische und schreibt etwas Außergewöhnliches, etwas, das uns diese Gesellschaft anders betrachten lässt oder das neue Impulse liefert. Ich würde mich freuen, wenn ihr etwas schafft, das unsere Denkmuster aufbricht, das unsere Gesellschaft erklärt oder die aktuellen Wandel abbildet. Diese Zeit ist zu spannend und vielfältig, als sie mit Literaturinstitutsprosa zu vergeuden oder sich in der neuen Innerlichkeit zu üben. Scheitern kann man damit immer, aber wenigstens der Versuch ist es schon wert.

 

Nur noch einmal zur Erklärung des Begriffs Politik wie ich ihn verstehe: ich verlange gar keine Schriftsteller, die Wahlkämpfe für Parteien machen und/oder uns Gedichte von zweifelhaftem literarischen Wert bescheren, um für oder gegen etwas zu agitieren. Auch brauche ich keinen neuen Bitterfelder Weg oder sonstige politische Unterfangen für mehr Realismus in Büchern oder derartige Ansätze. Ich halte es nur mit Siegfried Lenz, der einmal bemerkte: Ich gestehe, ich brauche Geschichten um diese Welt zu verstehen.

Liefert mir oder uns doch bitte wieder mehr dieser Geschichten, die mich das Land und seine Zeit besser verstehen lassen und die mich auch fordern. Ich hätte gerne Geschichten, die die Gesellschaft und ihre Entwicklungen abbilden, die mich neugierig auf andere Denkmuster oder Probleme machen. Einfach gute Bücher, die den Mehltau des Neo-Biedermeier abschütteln und auch einmal Partei für etwas ergreifen, anstatt sich dauernd in einer apolitische Haltung zu produzieren (und natürlich damit verbunden auch eine wache Öffentlichkeit, die angestoßene Diskurse aufgreift und in Echokammern verstärkt und weiterentwickelt).

So viel zu meinen bescheidenen Wünschen an euch, liebe Autorinnen und Autoren. Ich würde es euch danken!

Die Legende der Bayerischen Buchpreisblogger*innen

Es begab sich aber, dass ein Ruf im Bayernland erscholl. Es sollte gekrönt werden, wer das beste Sachbuch und den besten Roman des Jahres verfasst habe. Die Häupter der Sieger sollten gesalbt werden an einem Ort, der da heißt Allerheiligen-Hofkirche.

Damit das Bayernland aber verharre in großer Neugier und Spannung, sollte die Entscheidung just erst an jenem Abend gefällt werden, an dem sich alle Autoren versammelten in den Heiligen Hallen der Residenz zu München. Zur Belohnung gab es für die siegreichen Schreiber neben finanziellem Ruhm auch einen königlichen Löwen, gemeißelt aus feinstem Porzellan, auf dass ein jeder sehe, dass der oder die Autorin es geschafft hat, das lesende Volk Bayerns von sich zu überzeugen (oder zumindest die jeweilige Jury).

Dies Spectaculum spielte sich so Jahr für Jahr ab, ehe der Ruf auch in bislang unbekannte Gebiete vorstieß – dieses Neuland, genannt Internet. In der hier angewandten Allegorie befindet sich dieses zerklüftete Neuland auf den Höhen stürmischer Gipfel inmitten der Alpen. Dort hausen wagemutige Männer und Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, willige Adepten durch die zerklüftete Landschaft der Literatur zu führen und ihnen besondere Genüsse abseits der Wege zu bieten. Sie hegen und pflegen die Bücher und Romane, die den Aufstieg auf die gefährlichen Bestsellerlisten verpasst haben oder diesen gar nicht antreten wollten. Gleich der Suche nach einem Edelweiß nehmen sie allerhand Unbill und stürmisches Wetter in Kauf, um ihren Leser in mühevoller Kleinarbeit Literatur zu zeigen, deren Lektüre mit mal größerem oder kleinerem Gewinn verbunden ist.

Da der Ruf des Bayerischen Buchpreises natürlich nun ein nicht alltägliches Erlebnis ist, versammelten sich nun drei besonders gewandte Bezwinger*innen dieses zerklüfteten Gebirges der guten Literatur und beschlossen, eine Seilschaft zu bilden. Zusammen, so der Plan, sollte man sich des Bayerischen Buchpreises annehmen, die Autor*innen und deren Werke prüfen und (im Falle des Lobes und der Anerkennung) ihren Ruhm auch ins Neuland hinauf tragen.

Die Seilschaft war schnell gefunden, das Triumvirat ward gebildet aus Birgit Böllinger von der Hütte Sätze&Schätze; Katharina Herrmann von der Klause 54 Books stieß zur Gruppe – und als Quotenmann (und zur Verteidigung gegen Steinschlag) wurde noch Marius Müller per Jodler aus seiner Kate Buch-Haltung zum Gespann gerufen, auf dass man tritt- und stilsicher wandle auf den Pfaden des Bayerischen Buchpreises.

Nach einer Ausstattung der drei königlich-bayerischen Buchblogger (Enzianschnaps, Ganghofer-Jutebeutel und Schnupftabak) stehen die drei Blogger nun bereit für die Route nach München, die am 7. November enden soll. Auf dem Weg bis dahin soll es auf ihren Blogs immer mal wieder Berichte und Rezensionen über die am Rand der Route gefundenen Trouvaillen geben. Auch Richtungsstreit, Diskussionen oder Umwege entlang der Route werden nicht ausgeschlossen. Für eine möglichst hohe Informationsdichte empfehlen die drei Literaturführer den regelmäßigen Besuch ihrer Berghütten in diesem Neuland. Zur Orientierung der literarischen Wanderwege wurde auch schon ein Wegweiser durchs Neuland gezimmert, er lautet #baybuch. Auch Brotzeitpackerln und aufmunternde Worte sind gerne gesehen. Bayerischer Buchpreis, mach dich auf etwas gefasst. Hollerei du Dudeljö!