Tag Archives: Spurensuche

Emmanuel Carrère – Das Reich Gottes

Mit dem Himmelreich Gottes ist es – ja wie eigentlich? Der Franzose Emmanuel Carrère macht sich in seinem Buch auf eine persönliche Spurensuche und spürt dabei den Anfängen des Christentums und seinem eigenen Glauben nach.

Zwei extreme Phasen erlebte Carrère in seinem Leben: eine Phase des Glaubens und eine des Nicht-Glaubens. Diese versucht er mithilfe von Notizen und Überlegungen nachzuvollziehen und nimmt den Leser so mit auf eine ganz persönliche Reise. Denn der Franzose versucht sich selbst in der Bibelexegese, arbeitet die Lebensgeschichte der Evangelisten heraus und zeichnet die Spuren ihres Wirkens nach. Er sucht nach den Ursprüngen des Christentums, dem Wirken Jesu und historisch verbürgten Momenten. Dabei ist er genauso ein theologischer Amateuer-Forscher wie ein Zweiflender. Immer wieder gelangt er von der Historie zu eigenen Erlebnissen, überführt Erzählungen aus der Bibel in eigenes Erleben und umgekehrt. So wird aus diesem Buch, was immer bei einer solchen Unternehmung nur am Ende stehen kann – eine persönliche Annäherung, deren große Offenheit auch eigene Erinnerungen weckt.

Natürlich drängen sich Vergleiche zu einem ähnlich schreibenden Autoren namens Karl-Ove Knausgard auf, schreiben beide doch sehr persönlich und höchst subjektiv über Erlebtes. Wo sich aber Knausgard in Gedankenströmen und Banalitäten zu verlieren droht, ist Carrére viel unmittelbarer und weiß mit Inhalt zu überzeugen. Seine Überlegungen und Bibelexegesen haben Tiefe und öffnen dem Leser Assozierungsräume. Sein Buch ist eine Mischung aus Reportage, Forschung, Tagebuch und Essay – eine Mischung der Textformen und Gattungen, die erstaunlich gut funktioniert.

Die Lektüre von Das Reich Gottes, seine Beschäftigung mit der Bibeltexten, den Aposteln und der Entstehung des Christentums machen Lust auf eine vertiefende Beschäftigung mit den von ihm im Buch angerissenen Themen. Deshalb seien an dieser Stelle weitere interessante Werke zur Beschäftigung empfohlen, wenn die Lektüre diesen Wunsch geweckt haben sollte: Norbert Hoerster mit Die Frage nach Gott sei an dieser Stelle genauso empfohlen wie (eigentlich immer) die Einführungen des C.H. Beck-Verlags. In diesem Falle heißt der Titel Geschichte des frühen Christentums aus der C.H.Beck-Wissen-Reihe.

Ein Wort des Lobes sei an dieser Stelle auch noch über die Übersetzung von Claudia Hamm gesagt: die schwierige Aufgabe einer angemessenen Übertragung von Carrères Text inklusive der Bibelstellen, die er teilweise selbst neu übersetzte, meistert die Übersetzerin formidabel. Im Nachwort gibt sie vertiefende Einblicke über die Schwierigkeiten und Eigenheiten, die sie sehr gut gelöst hat, wie man nach der Lektüre von Das Reich Gottes konstatieren muss.

Kurz und gut

Gael Faye- Kleines Land

Was passiert, wenn man den Ort seiner Kindheit hinter sich lassen musste und in einem anderen Land erwachsen wird? Davon erzählt Gael Fayes Debüt Kleines Land. Sein Protagonist Gabriel, genannt Gaby, wächst in Burundi mit seiner Schwester auf. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter stammt aus Burundi und gehört der Ethnie der Tutsi an. Die unbeschwerte Kindheit endet aber recht bald, als nach einem Militärputsch die Auseinandersetzungen von Hutu und Tutsi zunehmen und schließlich in einem brutalen Bürgerkrieg münden. Nach der Flucht aus diesem sich selbst zerstörenden Land lässt Gaby die Erinnerung allerdings nicht los und er beschließt, noch einmal nach Burundi zurückzukehren.

Ein Buch, das ordentlich beginnt und dann immer faszinierender und besser wird, ehe es in einen packenden Schluss mündet. Faye erzählt bildstark und sehr farbig. Literatur über Afrika und dessen Menschen und Länder fristet in unserem literarischen Bewusstsein doch eher ein Nischendasein, umso schöner, dass uns hier ein junger frankophoner Autor in die wechselvolle Geschichte Burundis eintauchen lässt. (Übersetzung von Brigitte Große und Andrea Alvermann)

 

Hari Kunzru – White Tears

Hari Kunzru erschafft mit White Tears einen reizvollen Bastard aus Musikgeschichte, magischem Realismus und amerikanischer Gesellschaftsanalyse. Ähnlich wie Grégoire Hervier in Vintage ist es bei Kunzru auch die Musik, die einen Strudel aus Tod und Verderben auslösen wird. Dabei beginnt bei Kunzru eigentlich alles recht unscheinbar, und zwar mit der Freundschaft von Seth und Carter. Jene freunden sich auf dem Campus an und halten ihre Freundschaft auch nach dem Studium aufrecht. Ein von ihnen aufgenommenes und verfremdetes Musikstück wird dann allerdings zum Wendepunkt, an dem sich ihre Freundschaft und schon bald ihre Leben scheiden. Denn dieses Musikstück führt zu einem schweren Angriff auf Carter – und Seth beschließt, dem von ihnen produzierten Musikstück auf den Grund zu gehen. (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Kunzru schickt seinen Helden auf einen düsteren Trip in den (musikalischen) Süden der USA. Dabei stößt er an die Wurzeln von Rassismus, Blues und kultureller Aneignung vor. Ein Buch, das sich einer Einordnung konsequent entzieht, und das durch seine flirrende Art zu den eindrücklichsten und originellsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt werden darf.

 

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

In ein unbekanntes England entführt die Autorin Sarah Perry in ihrem wirklich wunderbar gestalteten Buch Die Schlange von Essex. Ihre Geschichte spielt im ländlichen Essex gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während sich zu dieser Zeit Sherlock Holmes bereits durch ein rasch wandelndes und von der Industrialisierung gekennzeichnetes England ermittelt, herrscht bei Perry noch höchste Entschleunigung. Ihre Heldin ist Cora Seaborne zieht sich aus Land nach Essex zurück, nachdem ihr Mann verstorben ist. Dort kollidiert sie mit dem ansässigen Pfarrer, der einen Gegenpol zu Cora bildet. Denn die Leidenschaft der jungen Frau gilt den Naturwissenschaften und dem Kampf um Selbstbestimmung. Punkte, die zu Konfrontationen mit William Ransome, so der Name des Pfarrers, führen. Doch lauert unter allem Streit auch eine starke Anziehungskraft zwischen beiden Parteien. (Übersetzung von Eva Bonné)

Leider konnte der von Sarah Perry entfachte Funke bei mir nicht überspringen. Über allen eigenwilligen Figuren vergisst Perry für meinen Geschmack etwas zu sehr, die Handlung zu strukturieren und voranzutreiben. Stattdessen dominiert das Figurenensensemble, was bei mir für einige Lesedurchhänger sorgte. Mehr Esprit und Agilität hätten dieser Schlange gut getan!

Marisha Pessl – Die amerikanische Nacht

Gefangen im Dunkel der Nacht

Zugegeben – vor diesem phantastischen Roman war mir der Begriff Marisha Pessl noch nicht untergekommen. Nach der Lektüre dieses Romans hat sich der Name der jungen Autorin aber nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt.

Mit Die amerikanische Nacht ist ihr ein vielschichtiger, spannender und unheimlicher Roman gelungen, der den Leser erst nach über 780 Seiten freigibt und ihn stellenweise an seinem eigenen Verstand zweifeln lässt. Geschickt vermengt die Autorin fiktionale Dokumente, die sie in den Text einbaut, mit einer Handlung, die sich liest, als hätten sich Hitchcock, Luis Bunuel, Jorge Luis Borges und E.T.A. Hoffmann zusammengetan, um Pessls Ich-Erzähler, den Reporter Scott McGrath, in den Wahnsinn zu treiben.
Dieser war einst ein gefeierter Reporter mit einem legendären Gespür, ehe er über einen Bericht über den legendären Filmemacher Stanislas Cordova stolperte und nach einem Prozess seine Reputation verlor. Offenbar wurde er damals auf eine falsche Fährte gelockt, damit er nicht weiter im Umfeld des geheimnisumwitterten Starregisseurs schnüffeln konnte.
Doch als Cordovas junge Tochter Ashley tot im Aufzugsschacht eines verlassenen Gebäudes gefunden wird, erwacht der Spürsinn des Reporters erneut. Diesmal will er sich nicht von seinen Nachforschungen über Ashley und ihren berühmten Vater abbringen lassen und beginnt den Spuren des Cordova-Clans nachzuspüren. Doch McGraths Suche wird zu einem Trip, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen und an deren Ende nicht nur McGrath an seinem Verstand zweifeln wird.

Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so in seinen Bann gezogen und förmlich in die Geschichte hineinstürzen lassen. Wer einen simplen Krimi erwartet, in dem der Tod der jungen Tochter Cordovas aufgeklärt wird, sieht sich schon bald heillos überfordert. Blogeinträge, erfundene Filme, diverse Metaebenen und noch viel mehr mixt Marisha Pessl zu einem Cocktail in den düstersten Farben. Wie der Titel des Originals Night Films bereits suggeriert, widmet sich der Roman mit Vorliebe dem düsteren Schaffen des legendären (und sehr überzeugend erfundenen) Stanislas Cordova und schafft es, ein wild wucherndes Referenzgeflecht zu kreieren, in dem man sich heillos verfangen kann. Was stimmt nun, was ist Einbildung?
Für mich liegt genau darin die große Stärke des Romans, da man am Ende nicht definitiv sagen kann, was nun erträumt und was real gewesen ist. Pessl zieht den Leser in einen Strudel des Ungewissen, der zumindest mich auch noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigte.

Auf jeden Fall eines der stärksten, faszinierendsten und dunkelsten Bücher dieses Jahres – wenn nicht das Beste 2013!