Colin Walsh – Kala

Eigentlich hätte sie ja alles ausgehalten, die Freundschaftsbande, die vier jungen Iren in einer Kleinstadt an der Westküste des Landes einst verband. Doch dann kam das Verschwinden – und nun der Tod, der drei der vier einstigen Teenager nun wieder in ihre Heimatstadt zurückführt. Dort müssen sie gemeinsam die Leerstelle besehen, die in ihrer brüchig gewordenen Bande klafft.
Der Name dieser Leerstelle lautet Kala. Sie war es, die die so unterschiedlichen Jugendlichen verband und als Zentrum zusammenhielt. Doch nun ist dieses Zentrum verschwunden und Colin Walsh lässt seine großgewordenen Jugendlichen sich fragen, was da eigentlich passiert ist.


Sterbliche Überreste seien in der Nähe der irischen Kleinstadt Kinlough gefunden worden, so heißt. Sterbliche Überreste, die zu allem Überfluss auch noch rituell angeordnet gewesen seien und ein Foto beinhaltet hätten, so munkelt man in der Kleinstadt.

Wessen Knochen da gefunden worden sein könnten, ist für die Bewohner von Kinlough schnell klar. Es muss sich um die Überreste von Kala handeln, die einst spurlos aus der Stadt verschwand.

Drei (ehemalige) Bewohner*innen der Stadt triff diese Nachricht besonders, denn sie verband in Jugendtagen eine enge Freundschaft mit der Kala. Dass es dann auch tatsächlich die Überreste von Kala sind, die man im Wald gefunden hat, das stellt sich schnell heraus und die Freunde vor Fragen.

Die verschwundene Kala

Colin Walsh - Kala (Cover)

Was ist in jener Zeit passiert, als Kala spurlos verschwand und sich die Freundschaftsbande der einstigen vier Freunde auflöste? Dem geht Colin Walshs Roman nach, indem er aus Sicht von Mush, Helen und Joe zurückblickt auf ihre Freundschaft mit Kala, die nun im Jahr 2018 endgültig traurige Geschichte ist.

Schon längst hat das Leben die drei einstigen Freunde auseinandergetrieben. Joe ist als Musiker in Übersee erfolgreich. Nun ist er nach Kinlough zurückkehrt, um als strahlender Held und Retter einen Pub neu zu übernehmen, Helen, mittlerweile Journalistin, kehrt der Hochzeit ihres Vaters wegen aus Quebec zurück in ihre Heimatstadt. Nur Mush ist geblieben und betreibt zusammen mit seiner Mutter ein Cafe, in dem vor allem im Sommer zur Hochzeit der Race Week das Geschäft brummt.

Der Warren umgarnt den Bus. Bäume hat es immer schon gegeben. Knorrige Äste und verzerrte Fratzen lauern, harren. Die Straßen sind immer noch rumpelig, voller Steine und Schlaglöcher.
Ich wollte nie wieder zurückkehren.

Colin Walsh – Kala, S. 31

Rückkehr nach Kinlough

Nun sind sie alle drei also wieder in Kinlough angekommen als die Nachricht von den sterblichen Überresten die Bewohner der Stadt aufschreckt und bei den dreien viele Erinnerungen auslöst. Ans Ankommen in Kinlough, an Freundschaft, erste Liebe, erlebte Abenteuer, aber auch illegale Aktivitäten, mit denen die Jugendlichen konfrontiert waren.

Das liest sich wie eine Art irisches Stand by me, das sich langsam entfaltet, während sich die drei Protagonist*innen zurückerinnern an die Tage, an denen man sich wagemutig mit den Fahrrädern von den Hügeln hinabstürzte und um die Wette raste, in den Wäldern umherstreifte und hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kam.

Auch erinnert Colin Walshs Erzählen an Joel Dickers Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, in dem ebenfalls der Fund von sterblichen Überresten Ermittlungen und Erinnerungen an einstige Geschehnisse auslöst. Die Brillanz von dessen verschachtelter Cliffhanger-Montagetechnik zwischen Vergangenheit und erzählerischer Gegenwart beherrscht Colin Walsh leider noch nicht so wirklich.

An manchen Stellen zieht sich das über fünfhundert Seiten starke Buch merklich, wenn der Plot auf der Stelle tritt und zum wiederholten Male die Freundschaft der Jugendlichen verhandelt wird.

Hier zeigte beispielsweise Richard Russo in seinem Roman Jenseits der Erwartungen, wie man mit dem gleichen Plot (drei Freunde, eine in Jugendjahren verschwundene Freundin, die Frage nach den Hintergründen des Verschwindens) deutlich konziser und auch mit mehr Tiefe erzählt.
Alle Figuren in Kala vertrügen noch etwas mehr von der charakterlichen Brüchigkeit, die Walshs Landsfrau Megan Nolan in ihrem ebenfalls dieser Tage erschienenen Debüt an den Tag legte.

Fazit

So ist Kala ein sehr langsam erzählter Roman, der der Freundschaftsbande, aber auch Abhängigkeiten und verhängnisvollem Schweigen nachgeht.

Auch wenn der sprachmächtige Auftakt des Romans Erwartungen weckt, die Colin Walshs aus drei Perspektiven zusammengesetztes Erzählen dann nicht ganz einlösen kann, so ist ihm mit Kala doch ein solides Debüt gelungen, das noch etwas Luft nach oben zu anderen, arrivierten Erzählern wie Richard Russo, Tana French, Liz Moore oder Joel Dicker lässt.

Der unterhaltsame Roman nimmt sich Zeit, um das Vergangene ebenso wie die Gegenwart zu betrachten und dürfte in seiner Mischung aus Kleinstadtstudie, Cold Case und Freundschaftsbande eine große Zielgruppe ansprechen, eine Platzierung in den Bestsellercharts ist nicht ausgeschlossen.


  • Colin Walsh – Kala
  • Aus dem irischen Englisch von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-98941-130-2 (Gutkind)
  • 512 Seiten. Preis: 24,00 €

Katrin Zipse – Moosland

In ein Moosland, in dem man Skir ist und in dem die Sonne lange nicht untergeht nimmt uns Katrin Zipse in ihrem gleichnamigen Roman mit. Damit beleuchtet sie ein recht unbekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte und erzählt beeindruckend von den Verwundungen der Seelen, die der Krieg mit sich brachte.


Es ist ein wahrlich seltsames Land, in das die junge Elsa per Boot zusammen mit ihrer Freundin Gerda gelangt. Von einem Fischerboot abgesetzt findet sie sich bald auf einem Bauernhof wieder, auf dem die Menschen auf Namen wie Inkibjörk oder Oulawür hören, auf dem Abort Moos liegt und in der Speisekammer ein Skir geheißener Quark in Fässern aufbewahrt wird.

Nicht nur Fans von proteinreicher Ernährung sollten spätestens jetzt den Skyr-Quark und damit auch Land identifiziert haben, von dem hier die Rede ist. Island ist der Schauplatz, an dem Katrin Zipse ihre Erzählung ansiedelt. Sie nimmt sich dafür ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutsch-isländischer Geschichte vor, wie ihr Nachwort erläutert.

Überfahrt ins Moosland

Katrin Zipse - Moosland (Cover)

Kurz nach dem Kriegsende begann die isländische Bauernpartei im Jahr 1949 eine Anwerbeaktion, um ledige Frauen aus Schleswig-Holstein nach Island holen, wo diese auf Höfen als Arbeiterinnen die unter Frauenmangel leidende Bevölkerung unterstützen sollten. Dreihundert Frauen folgten dem Aufruf und begaben sich per Schiff nach Island in ein ihnen unbekanntes Land.

Elsa ist eine dieser Frauen, die sich nun dort in der Weite Islands wiederfindet. Eine unbekannte Sprache, seltsame Speisen und Verhaltensweisen sind es, die der jungen Frau ein Ankommen erschweren. Schwer traumatisiert vom Krieg möchte sie am liebsten wieder vom Hof fliehen und liegt in den langen Nächten schlaflos wach, während auf einen harten Winter plötzlich der Frühling folgt und die die Sonne nicht unterzugehen scheint.

Sie öffnet die Augen. Das Licht im Zimmer ist jetzt fahl. Mit den Fingerspitzen fährt sie die Maserungen an der Holzwand entlang, zeichnet die Fratzen nach, die darin verborgen sind und schläft darüber ein. Schläft eine kurze Weile nur und schreckt schon wieder hoch, mit aufgerissenen Augen und keuchend, als säße ihr etwas auf der Brust. Ein Nachtgespenst, ein Alb, aus den Tiefen gekrochen, ein grinsendes Es-war-einmal.
Sie muss fort.

Katrin Zipse – Moosland, S. 24

Während sich ihre Freundin Gerda auf einem anderen Hof schnell zurechtfindet, will und will es mit dem Ankommen von Elsa nicht klappen. Sie spricht nicht und trägt schwer an den Erfahrungen aus dem gerade zuende gegangenen Zweiten Weltkrieg.

Starke Bilder einer seelischen Verwundung

Eindrucksvoll zeichnet Katrin Zipse die innere wie äußere Verhärtung der jungen Frau nach und deutet die erlittenen Traumata an, die nun dort im hohen Norden in Island nachwirken und für eine völlige Verkapselung in sich sorgen.

So weigert sich Elsa zu sprechen, fremdelt mit dem neuen Leben und kann erkennbar wenig mit den seltsamen Verhaltensweisen dort am Hof anfangen, der eigentlich ihre neue Heimat sein soll.

Dabei schafft es die die Autorin und Hörfunkredakteurin ganz großartig, uns die Welt mit Elsas Augen sehen zu lassen. Die unbekannten Namen, die sichtbaren und vor allem die unsichtbaren Dinge, über die die oftmals geschwiegen wird, die andere Mentalität, das schwierige gegenseitige Kennenlernen nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, das alles macht Moosland glaubwürdig erfahrbar und findet immer wieder eingängige Bilder für die Seelenwelten Elsas, etwa wenn das hastige Verschlingen eines Fischs noch so viel mehr über die aktuelle Verfassung Elsas verrät.

Sie beugt sich über ihren Teller und stößt die Gabel in den Fisch. Er zerfällt in kleine Stücke, die in der Soße untergehen. Sie sammelt sie mit der Gabel auf und schiebt sie hastig in den Mund, schluckt sie, ohne zu kauen. Eine Gräte bleibt ihr im Hals stecken, sie würgt und bricht in wildes Husten aus. Die anderen blicken erschrocken auf. Tränen schwimmen ihr in den Augen. Die Gräte rutscht nicht vor und nicht zurück. Schnürt ihr die Luft ab. Ihr Atem pfeift. Kalter Schweiß steht ihr auf der Stirn, sie hat Angst, dass sie erstickt.

Katrin Zipse, Moosland, S. 16

Ein gelungener erzählerischer Rahmen

Der Roman hat eine durchaus lange Entstehungs- und Reifezeit hinter sich, wie ein Blick in die Biografie der Autorin verrät.
Im Jahr 2019 sprach das Land Baden-Württemberg Katrin Zipse ein Stipendium für die Arbeiten am vorliegenden Roman zu. Nun, sieben Jahre später, liegt das Buch vor. Die Reifezeit des Textes hat Zipses Buch merklich gutgetan. Denn man hat den Eindruck, dass Katrin Zipse in dieser Zeit einen passenden Rahmen für ihre Geschichte gefunden hat und diesen hervorragend auszufüllen versteht.

Moosland will nicht zu viel und konzentriert sich lieber auf das Wesentliche. Das ist eine kluge Entscheidung, denn Karin Zipse bleibt in ihrem Buch ganz eng bei Elsa, blickt durch ihre Augen auf die Welt und erschließt so Stück für Stück ihre neue Lebenswelt und die innerisländischen Themen, die auch bald ihre Lebenswert tangieren. Zudem ist das Buch ein beeindruckender Beweis, wie man auch von Schweigen und Traumata erzählen kann, ohne in platte Klischees und Banalitäten abzugleiten.

Das macht aus Moosland eine wirklich gelungene Lektüre, die durch die Charakterzeichnung und die Beleuchtung eines unbekannten Kapitels deutsch-isländischer Geschichte überzeugt.


  • Katrin Zipse – Moosland
  • ISBN 978-3-7558-0071-2 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien

Mit seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet Paul Ingendaay das blutige Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1936 bis 1939 und zeigt, welche Rolle darin die Kultur spielte. Er blickt auf Künstler und Schriftstellerinnen von George Orwell über Simone Weil bis hin zu Pablo Picasso und zeigt, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg einbrachten.


Es ist eines der wohl ikonischsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts — und eine Erinnerung an die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Entstehungsgeschichte Paul Ingendaay in seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet. Die Rede ist von Pablo Picassos monumentalen Werk Guernica, das an die Kriegsgräuel erinnert, die die Legion Condor über die kleine spanische Stadt am 26. April 1937 brachte.

„Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.“ Mit dieser Feststellung über Picassos fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Kunstwerk schließt Ingendaays Werk nach 312 Seiten. Dass Guernica aber auch immens viel Geschichte und Bedeutung in sich trägt, das legt Ingendaay in seinem Sachbuch wieder frei und zeigt, wie sich die Gräuel des Kriegs in Spanien auch in der Kunst und im Leben ihrer Schöpfer*innen wiederspiegelte.

Im Ton einer historischen Schaltkonferenz

Paul Ingendaay - Entscheidung in Spanien (Cover)

Dafür wählt er jenen Erzählton einer historischen Schaltkonferenz, dessen sich auch andere Autoren aus dem Hause C. H. Becks bedienen, allen voran Uwe Wittstock, der in seinem jüngsten Werk die Flucht von Literaten nach Marseille nachzeichnete und dabei von Intellektuellen wie Franz Werfel, Anna Seghers, Hannah Arendt oder Max Ernst erzählte, wie diese durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in ihrer Kunst behindert und zur Aufgabe ihres bisherigen Lebens gezwungen wurden.

Von dort ist es nicht mehr weit zu Paul Ingendaay, der seine Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ebenfalls mit starkem Fokus auf die Kulturwelt gewichtet und immer wieder von Künstler zu Künstler springt, um den Fortgang des Kriegs und die persönlichen Entwicklungen von Größen wie den Fotografen Robert Capa und Gerda Taro bis hin zu Schriftstellern wie Arthur Koestler nachzuzeichnen.

Ein spanischer Vorgeschmack auf die Brutalität des Zweiten Weltkriegs

Sein Buch liest sich wie eine Vorgeschichte zu jenen Ereignissen, in die der blutige Bürgerkrieg in Spanien dann im Jahr 1939 schließlich enden sollte.
Dass der Spanische Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg in Sachen Grausamkeit und Brutalität um nichts nachstehen sollte und schon einen Vorgeschmack auf das gab, was den halben Erdball vier Jahre nach Ausbruch des innerspanischen Konflikts erwarten sollte, das arbeitet sein Werk plastisch heraus.

Paul Ingendaay erzählt die vier Jahre dieses blutigen spanischen Präludiums zum großen Weltkrieg eng chronologisch nach und beginnt mit den Spannungen, die im Spanien der 30er Jahre immer stärker zutage traten, ehe die Militärs um General Franco von den spanischen Exklaven Ceuta aus auf das spanische Festland übersetzen und vom Südwesten aus eine Blutspur durch die Zweite Spanische Republik zogen.

Während die von Stalin und den Kommunisten unterstützen Republikanern die großen Städte Barcelona und Madrid verteidigten, bedeutete der Bürgerkrieg auf dem Land Chaos und unglaubliche Brutalität, die Ingendaay mithilfe historischer Quellen eindrücklich schildert, etwa das Massaker in der Stierarena von Badajoz an der spanisch-portugiesischen Grenze, wo vor den Augen von 3000 Zuschauern als Spektakel unglaubliche Kriegsverbrechen verübt wurden.

Das Schlimmste ist das Massaker nach der Einnahme der Stadt, von dem wieder und wieder erzählt wird. „Noch heute diskutiert man über seine Größenordnung“, schreibt der Historiker Pierre Vilar, „nicht jedoch über seine Abscheulichkeit.“ Der süße Blutgeruch hängt auch eine Woche danach noch in den Straßen. Massenhaft wurden Festgenommene, darunter auch Frauen, mit erhobenen Armen in die Stierkampfarena getrieben. Dort warteten die Maschinengewehre auf sie. Ströme von Blut fließen, als 1800 Menschen innerhalb von zwölf Stunden niedergeschossen werden. „In 1800 Körpern“, schreibt Allen, „steckt mehr Blut, als man sich vorstellen kann.“

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien, S. 67

Schier endlos scheinende Gewalt

Er blickt auf die schier grenzenlos scheinende Gewalt, die von Truppen Francos ausgeht, nimmt aber auch den Terror der Gegenseite in den Blick, bei dem etwa linke und anarchistische Gruppen Jagd auf Angehörige des spanischen Klerus machten — mit fast 7000 Opfern als Ergebnis dieser Gewalt.

Der berüchtigte rote und weiße Terror der Opponenten ist in diesem Buch ebenso Thema wie die Unterstützung der Kriegsparteien durch Stalin und kommunistische Kampfbataillone auf der einen Seite und die durch die Nationalsozialisten auf der anderen Seite.

Paul Ingendaay zeigt, wie die Unterstützung Hitlers durch Aktionen wie die zynisch „Unternehmen Feuerzauber“ getaufte Luftbrücke, die die Generäle genauso wie zahlreiche Waffenlieferungen aus Deutschland unterstützen sollte — bis hin zu den Massakern aus der Luft durch die Legion Condor, deren Folgen Pablo Picasso später zu seiner Arbeit am Werk Guernica inspirieren sollten.

Neben der historischen Dimension macht vor allem der Blickwinkel der Künste Entscheidung in Spanien so interessant.

Mehr als nur Der große Kampf der Literatur

Der Untertitel Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939 erweist sich dabei als zu kurz gefasst, denn es sind nicht nur alleine Literaten, die im Fokus von Paul Ingendaays Schilderungen stehen.

Natürlich gibt es die Schriftsteller wie den spanischen Dichter und Dramatiker Federico García Lorca, der von den Falangisten kurz nach Ausbruch des Militärputsches in Madrid ermordet wurde, oder die mal beobachtenden (Ernest Hemingway, Martha Gellhorn), mal teilnehmenden (George Orwell) Schriftsteller von außen, für die der Krieg wahlweise Überzeugung oder auch ein großes Abenteuer war.

Aber Entscheidung in Spanien macht ein künstlerisches Panorama auf, das weit über die Dimension der Literaten hinausweist. So haben auch Intellektuelle wie die Philosophin Simone Weil, Politiker wie der junge Willy Brandt oder der Essayist und Denker Miguel de Unamuno ihren Auftritt. Vor allem letzterer ist bis heute für sein Diktum berühmt, das er den Militärs an der Universität von Salamanca, der er vorstand, entgegenhielt: Venceréis pero no convenceréis: Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen.

Sogar Künstler wie Goya oder der eingangs schon erwähnte Pablo Picasso finden Platz in dieser Künstlerschau zu Zeiten des Bürgerkriegs, das eindrücklich zeigt, wie die Kunst und ihre Schöpfer*innen zu Kriegszielen wurden, die sich keine Neutralität leisten konnten oder wollten.

Mal wieder Thomas Mann

Da erweist sich nur DIE Stimme des guten Deutschlands als fast überflüssige Figur in diesem Kosmos, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs auf neutralem Boden befindet, genauer gesagt im schweizerischen Küsnacht.

Dort hat Thomas Mann sein Exil bezogen und erfährt aus der Ferne von den blutigen Ereignissen in Spanien. Immer wieder wird Ingendaay Thomas Mann über die folgenden vier Jahre in seine erzählerische Schaltkonferenz miteinbeziehen und seine Beschäftigung mit den Neuigkeiten aus dem Krieg schildern.

Nach einer Übersättigung an Mann-Biografien (Illies, Lahme, Wißkirchen, Holzer, Breloer, Mittelmeier, etc.) im vergangenen Jahr ist man den biografischen Schilderungen und der Tagebucharbeit doch etwas überdrüssig geworden. Noch einmal Mann im Exil, noch einmal das Kreisen um sich und das Bedenken der Weltlage mit politischer Sensibilität — das ist nicht verkehrt, hätte aber auch im Fall einer Weglassung nicht unbedingt gefehlt.

Fazit

Kann man über eine solche Rahmung wie auch den Untertitel des Buchs natürlich trefflich diskutieren, ist Paul Ingendaays Buch aber im Ganzen eine mehr als lohnenswerte Lektüre, die zugleich eine historische Geschichtsstunde, die Erinnerung an ein hierzulande recht schmählich behandeltes Thema, eine Einführung in die spanische (Kultur)Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein eindrucksvolles Porträt von Künstler*innen ist, die mal zu Opfern, mal zu Protagonisten in einem Krieg wurden, dessen Schrecken dieses Buch wieder in Erinnerung ruft.


  • Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien: der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
  • ISBN 978-3-406-84363-1 (C. H. Beck)
  • 352 Seiten. Preis: 28,00 €

Titelbild von Jules Verne Times Two / www.julesvernex2.com, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149356484

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar

Nicht nur der Umfang fordert heraus. Mit Das Lied von Storch und Dromedar legt die niederländische Autorin Anjet Daanje einen anspruchsvollen Roman vor, der sich um eine geheimnisvolle Schriftstellerin rankt – und die Spuren, die sie im Leben anderer Menschen hinterlassen hat.


Eliza May Drayden — so heißt die Schriftstellerin, die zu Beginn von Anjet Daanjes Roman Das Lied von Storch und Dromedar ihren Auftritt hat und die trotz ihres frühen Todes und dem damit verbundenen Verschwinden aus dem Roman das Gravitationszentrum des selbigen bleiben wird.

Am 12. Dezember 1847 verstirbt sie mit gerade einmal 36 Jahren in einem Pfarrhaus im kleinen britischen Weiler Bridge Fowling und lässt ihre Schwester Millicent und ihren Schwager, den Pfarrer Daniel Jennings, alleine im Pfarrhaus zurück. Vor allem aber hinterlässt sie der Nachwelt ein Rätsel, das bis heute fasziniert. Denn zeitgleich mit ihrer Schwester hat Eliza ohne nennenswerte literarische Bildung einen Roman geschrieben, der den Titel Haeger Mass trägt.

Das Buch ist in seiner dunklen Erzählweise ein Solitär und seiner Zeit weit voraus. Während die Zeitgenossen Eliza May Draydens Werk in seiner Vielschichtigkeit und literarischen Qualität verkennen, entwickelt das Buch schon kurz nach dem Tod ein Eigenleben, das durch einige Mysterien rund um den Tod seiner Schöpferin noch befeuert werden.

Es entspinnt sich ein Hype um die beiden Schwestern und Haeger Mass beziehungsweise das von Millicent Drayden verfasste Witwe, der schon bald zum Kult wird. Fans stürmen Bridge Fowling und ein eine Fankultur setzt ein, der bis heute anhalten soll.

Der Hype um die Drayden-Schwestern

Anjet Daanje - Das Lied von Storch und Dromedar (Cover)

Das Nachleben von Werk und Autorin betrachtet Anjet Daanje im Lauf der 965 Seiten, die Das Lied von Storch und Dromedar umfasst. Die beiden Tiere haben im Buch spät in zwei unterschiedlichen Episoden ihren Auftritt, dazu gesellt sich eine vielgestaltige Betrachtung der unterschiedlichen Aspekte des Drayden’schen Werks, das Menschen sogar in den Wahnsinn treiben konnte. Durch die Jahrhunderte wohnen wir, geführt von Anjet Daanje, der Entwicklung des Mythos um die Schwestern aus dem Pfarrhaus bei.

Dabei wählt Daanje einen biographischen Erzählansatz, in dem sie — beginnend im 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert — voranschreitet und in elf großen Kapiteln elf ganz unterschiedliche Lebensgeschichten erzählt. Von Zeitgenossen der Draydens bis hin zu einem Erben von Draydens Notizbuch, dem das Erbe über hundertfünfzig Jahre später kein Glück bringen soll, reicht der erzählerische Bogen.

Sie erzählt von zwei Schwestern mit deutschen Wurzeln und ihrem komplexen Verhältnis, lässt einen holländischen Uhrmacher die Aspekte von Unendlichkeit berühren und erzählt von Flüchen und — passend zur Osterzeit — von leeren Gräbern in Kirchenkatakomben.
Mal umranken diese Biografien das Leben der Geschwister Draydens so eng wie Brombeerranken, die in der Heidelandschaft um Bridge Fowling zuhauf anzutreffen sind und ein Leitmotiv des Buchs bilden.
Mit zunehmender Distanz zu den damaligen Geschehnissen entfernen sich auch die Biografien weiter von den jung verstorbenen Frauen und lassen erst auf den zweiten oder dritten Blick eine Verwandtschaft zu deren Leben erkennen.

Leben und Nachleben eines außergewöhnlichen Werks – in großartiger Übersetzung

Zwischen diese vielstimmigen Lebensgeschichten sind zudem Auszüge aus fiktiven Biografien über Eliza May Drayden oder Zitate aus ihren Notizen und Gedichten gesetzt. Übersetzt hat diese stilistische Fülle der Übersetzer Ulrich Faure, der für diese gigantomanische Arbeit zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert wurde.

Die Jury lobte seine „meisterhafte Übersetzung, die Zeiten, Umstände und Perspektiven der Figuren greifbar vor Augen führt. In diesem mitreißenden Kaleidoskop der Stimmen findet er jederzeit den richtigen Ton.“, so die Jury im Rahmen der Preisverleihung im März 2026.

Nach der Lektüre von Das Lied von Storch und Dromedar mag man dem nur zustimmen. Ebenso, wie die Niederländerin Anjet Daanje stimmungsvoll vom schlechten Wetter in der englischen Heidelandschaft, von Pfarrhäusern und dem sich manchmal anschleichenden Wahnsinn zu erzählen weiß, findet sie in Ulrich Faure einen kongenialen Partner, der diesen so stimmungs- wie stimmenreichen Roman in ein Deutsch übersetzt, das zwischen allen Zeiten und Realitäten schwebt.

Sie haben sich in jahrelanger Übung aufeinander eingeschossen, sie schlittern durch die Risse der Realität, verdrehen, hübschen auf. So viele Worte, wie Sekunden auf ein Jahr gehen, haben sie produziert, dicke Lagen eines Bodensatzes, wie Parasiten auf der Wirklichkeit, Parasiten auf Parasiten auf Parasiten, und ganz unten in ihrem verqueren Konstrukt, im Keller, wo nie ein Lichtlein hinfällt, plattgewalzt, kahlgefressen, leichenbleich, ruht die Wahrheit.

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 739

Historisches Vorbild in den Brontë-Schwestern

Besonders spannend macht das Buch zudem auch der Abgleich mit seinen historischen Vorbildern, denen Anjet Daanje ihr Werk unter anderem auch widmet, nämlich den Schwestern Brontë.
Nicht nur biografisch bildet Das Lied von Storch und Dromedar viele Bezüge zum Leben und Werk Emily Brontës und ihrer ikonisch gewordenen Sturmhöhe heraus.

Doch auch die Unkenntnis des Brontë’schen Werks und Erzählkosmos mindert den Lesegenuss von Anjet Daanjes Buch nicht. Wenn man die nötige Lesezeit und den Fokus mitbringt, um sich auf ihre dunkel-romantische Spurensuche nach Leben und Werk der Draydens in den Heidehügeln von Yorkshire zu begeben, wird man mit einem großen Lesegenuss und einer bewundernswerten Stilsicherheit in Sachen atmosphärischer Zeichnung und außergewöhnlicher Plotführung belohnt, der ebenso wie das Werk Eliza May Draydens fast aus der Zeit gefallen scheint.

Nicht nur für lange, graue Herbstabende eine spannende und bisweilen herausfordernde Lektüre, bei der nicht nur der Titel höchst ungewöhnlich ist.

Der Roman hätte nirgendwo anders als in Yorkshire geschrieben werden können, und dasselbe gilt für Witwe, Millicents Roman. So wie Elizas Text von der wilden Natur durchtränkt ist, regiert in Millicents Text das unwirtliche Wetter von Yorkshire.

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 274

  • Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
  • Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
  • ISBN 978-3-7518-0641-1 (Friedenauer Presse)
  • 976 Seiten. Preis: 38,00 €

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers

Ja wo liegt es denn nun, Das Grab des Webers? In seinem kurzen Roman bietet Seumas O’Kelly alles auf, was die irische Literatur so ausmacht. Warmherzigkeit, skurrile Gestalten in einem eigensinnigen Dorf und ein Plot auf kleinstem Raum, den man nicht so schnell vergisst.


Sie erinnern etwas an Waldorf und Statler, die beiden Figuren, die Seumas O’Kelly in seinem kurzen Roman Das Grab des Webers gleich zu Beginn auf die Leser*innen loslässt. Mit wenigen Strichen skizziert er die beiden betagten Alten, die die letzte Ruhestätte eines verstorbenen Altersgenossen ausmachen wollen und sollen.

Mortimer Hehir, der Weber, war gestorben, und sie waren gekommen, sein Grab auf Cloon na Morav, der Stätte der Toten, zu suchen. Meehaul Lynskey, der Nagelschmied, kam als Erster über den Zauntritt. Er konnte die Erregung, in der er sich befand, nicht verbergen. Sein langer, gebeugter Körper bewegte sich schlurfend heran. Ihm folgte Cahir Bowes, der Steinbrecher, der von der Hüfte aufwärts so tief herabgezogen war, dass sein Rücken waagerecht war wie der eines Tieres. Seine rechte Hand umklammerte einen Stock, der ihn vorn aufrecht hielt, mit der linken hatte er seinen Rock unmittelbar über dem Steiß gepackt. In dieser Haltung gelang es ihm, seinen Weg hinter sich zu bringen, ohne vornüber zu Boden zu stürzen. Die Erde selbst zog ihn mit magnetischer Kraft an, und Cahir Bowes suchte sich bis zuletzt ihrem verhängnisvollen Kuss zu entziehen.

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers, S. 5

Auf der Suche nach der richtigen Grabstelle

Seumas O'Kelly - Das Grab des Webers (Cover)

Doch schon auf den ersten Metern des Romans beginnt das Unglück. Denn die Alten, die den beiden Totengräbern den Weg zur angedachten Ruhestätte des Webers weisen sollen, sind sich uneins, wo sich die ausgesuchte Stelle auf dem gut gefüllten Dorffriedhof befindet. Sieben Fuß tief soll Mortimer Hehir ruhen, aber je länger die vier Männer über den Friedhof wandern, umso stärker lösen sich alle Gewissheiten auf.

Das Probebuddeln an den mit großer Überzeugung vorgebrachten Stellen zeitigt keinen Erfolg, im Gegenteil. An den beiden unterschiedlichen Stellen, die die Alten benennen, kann das Grab nicht sein. Und so muss der gebeugte Steinbrecher Cahir Bowes feststellen, dass felsenfeste Überzeugungen zerbröseln können und Gewissheiten zerrieben werden, dass am Ende nur noch kleine Kiesel aus Unsicherheit übrig bleiben.

Um dem Weber doch noch die letzte Ruhestätte zu sichern, macht sich also seine Witwe auf — die sage und schreibe vierte Ehefrau, die Mortimer Hehir zeit seines Lebens ehelichte — um die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Einen bettlägerigen Weggefährten ihres Mann will sie im Dorf befragen, um den Ort für Grablege zu erfahren. Doch damit wird die Sache auch nicht einfacher. Die Ulme, die der bettlägerige Greis als Ort für das Grab benennt, sie gibt es auf Cloon na Morav gar nicht …

Vergnüglich und skurril

Das Grab des Webers ist ein vergnügliches und skurriles Buch, das auf gerade einmal 92 Seiten aber auch existenzielle Themen berührt und damit deutlich mehr ist als nur eine nette irische Schnurre.

Seumas O’Kelly erzählt von der sich auflösende Gemeinschaft des Dorfs der Alten, mit der auch eine ganze Lebenswelt stirbt. Viele der Dorfbewohner hat sich der Tod schon zu sich geholt, was mit einem Verlust an Wissen und Überlieferung einhergeht – bis hin zur Frage, wer da eigentlich wo auf dem Totenacker liegt.

Zwar pflegt man noch Traditionen wie die der Totenwache, dennoch geht hier etwas unwiderruflich zu Ende, auch wenn der Nagelschmied, der Küfer und der Steinbrecher (auch das ja allesamt solche ausgestorbenen Berufe und Traditionen) ihr Bestes geben, um die Erinnerung im und an das Dorf wachzuhalten.

Wie erinnern wir uns, welche Traditionen pflegen wird – und was wird einmal von uns bleiben? Das Grab des Webers stellt große Fragen und ist damit über den eigentlichen Bezugsrahmen hinaus eine zeitlose Lektüre.

Ein Buch, das dem literarischen Vergessen entrissen wurde

Auch der Jung und Jung-Verlag stellt sich damit gewissermaßen in die Erzähltradition des Buchs, indem er mit dieser Neuausgabe von O’Kellys Buch literarisches Wissen und Tradition bewahrt. Denn eigentlich veröffentlichte Seumas O’Kelly seine kurze Erzählung bereits im Jahr 1919. Siebenundvierzig Jahre später folgte die Übersetzung für den Suhrkamp-Verlag durch Kurt Heinrich Hansen. Seine Übertragung bildet auch heute noch die Grundlage für die Neuausgabe, die einst als Nummer 177 in der Bibliothek des Suhrkamp-Verlags erschien.

Eigentlich wäre dieses Buch damit dem literarischen Vergessen anheimgefallen und allenfalls gut unterrichteten Kennern der irischen Literaturgeschichte ein Begriff geblieben, hätte sich der kleine österreichische Verlag nicht entschieden, dieses Buch wieder auszugraben und sich damit dem literarischen Vergessen so entgegenzustemmen, wie es O’Kellys Geschichte die Figuren auf dem Cloon na Morav tun.

Schön wäre dabei ein begleitendes Nachwort gewesen, das Seumas O’Kelly den deutschen Leser*innen etwas näher vorgestellt hätte — Informationen über den Iren sind hierzulande nämlich äußerst spärlich gesät. Einen Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es zu dem 1881 geborenen Iren nicht, der als Journalist reüssierte, Kurzgeschichten wie auch einen Roman schrieb für das Parteiorgan von Sinn Féin publizierte und infolge eines Herzinfarkts, ausgelöst durch die Durchsuchung der Redaktionsräume der Zeitschrift, mit gerade einmal 37 Jahren starb.

Sein literarisches Wirken, die Themen seines Buchs, eingeordnet durch kundige Hand, hätten dieser Neuausgabe sicherlich gut getan. So oder so bleibt Das Grab des Webers aber eine tolle Erzählung, die tief eintauchen lässt in das skurrile Geschehen auf dem Totenacker und die ein tolles irisches Erzähltalent dem Vergessen entreißt. Vielleicht folgt dieser literarischen Ausgrabung ja noch mehr – es wäre nach der Lektüre dieses Texts mehr als zu befürworten!


  • Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers
  • Aus dem Englischen von Kurt Heinrich Hansen
  • ISBN 978-3-99027-446-0 (Jung und Jung)
  • 96 Seiten. Preis: 21,00 €