Constantin Lieb – Wildboden

Das Ende des Künstlers Ernst Ludwig Kirchner erzählt Constantin Lieb in seinem Debütroman Wildboden. Dabei taucht er vor der Schweizer Bergkulisse tief ein in die Seele des Malers – und die seiner Partnerin Erna Schilling.


Die Biografie des Malers Ernst Ludwig Kirchner hält einige spannende Volten bereit. Der 1880 in Aschaffenburg geborene Kirchner hatte eigentlich schon sein Architekturstudium erfolgreich abgeschlossen, als er beschloss, sich lieber als Maler verdingen zu wollen. Der malende Autodidakt war einer der Gründungsmitglieder der Künstlervereinigung Brücke, die er 1905 zusammen mit Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl und Erich Heckel ins Leben rief.

„Warum eigentlich Brücke?“ fragt eine der Aufpasserdamen.
Kirchner und Heckel antworten im selben Augenblick „Nietzsche“, die Köpfe mühsam über Wasser haltend.
„Ach.“
„Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist“, ruft Heckel und spuckt etwas Wasser aus, kurz bevor sie das Ufer erreichen.

Constantin Lieb – Wildboden, S. 28

Doch der künstlerische Erfolg war nicht ohne Schattenseiten. 1937 verdammten die Nazis Kirchners Kunst wie auch die Heckels und die seiner anderen Kollegen der Brücke als „entartet“ und ließen sie aus den Museen entfernen, teilweise sogar in Berlin verbrennen.

Ernst Ludwig Kirchners Schaffensrausch in Davos

Constantin Lieb - Wildboden (Cover)

Dort lebte Kirchner aber schon lange nicht mehr, er war 1917 bereits nach Davos übergesiedelt, genauer gesagt in den Davoser Ortsteil Frauenkirch/Wildboden. Er verbrachte er seine Zeit in einem fiebrigen Schaffensrausch, unterstützt von seiner Partnerin Erna Schilling, als Constantin Liebs Roman einsetzt.

Längst hat sich Erna mit dem schwierigen Kirchner arrangiert. Während sie auf eine Hochzeit mit ihrem Mann hofft, sich um den Haushalt kümmert und sogar für nächtliche Diktate zur Verfügung steht, wenn Kirchner seine Korrespondenzen pflegen muss, gibt sich dieser ganz seiner Kunst hin. Für die örtliche Schule soll er ein Portal gestalten, wie im Wahn malt er teilweise, verfällt in manische Zustände und giert nach der nächsten Dosis Eukodal, heute besser bekannt unter dem Namen Oxycodon.

Nicht nur künstlerisch ist dieser Ernst Ludwig Kirchner ein Getriebener. Auch die Idylle der Schweiz ist längst der neuen Realität gewichen, da die Nationalsozialisten sich auch von der erklärten Neutralität der Schweiz nicht abschrecken lassen.
Der Mord am SA-Agitator Wilhelm Gustloff, der den Nazis auch in der Eidgenossenschaft den Boden bereiten wollte, lässt den eh schon auf dem Rand der Manie balancierenden Kirchner vollends die Facon verlieren.

Dunkle Wolken über Davos

Je näher die Nazis an die Grenze heranrücken, umso mehr dunkle Wolken ziehen auch über Kirchner auf, was schließlich zu seinem dramatischem Freitod im Juni 1938 führen wird.

Porträt Ernst Ludwig Kirchners von Erna Schilling

Constantin Lieb konzentriert sich in Wildboden ganz auf jene letzten Monate Kirchners, in denen sich die Getriebenheit des Künstlers noch einmal bis hin zum tragischen finale furioso steigerte. Der künstlerische Rausch, die Kompromisslosigkeit des Künstlers, mit der er auch seine Partnerin behandelte, die bei der Erschaffung des großen Ganzes, seiner Kunst mitzuwirken hatte, Lieb schildert es sowohl direkt aus der Perspektive des Künstlers wie auch der Erna Schillings, die mit den Kapriolen ihres Mannes wie auch ihrer Akzeptanz dort in Wildboden kämpft.

In mehrere Teil aufgeteilt zeichnet Lieb den Weg vom Schaffensrausch bis hin zum Freitod nach und blickt über diese Zäsur hinaus. Denn Wildboden erzählt in seiner Mischung aus Dokumentation und Fiktion auch noch vom Nachleben der Kunst Kirchners, an der Erna Schilling als seine umsichtige Managerin entscheidenden Anteil hatte. Denn wenn Wildboden neben dem Ende Ernst Ludwig Kirchners eines zeigt, dann das: die Kunst steht eigentlich nie für sich alleine. Es braucht Menschen, die sie fördern, unterstützen und mit ihrer Zuwendung überhaupt erst ermöglichen.

Kirchners Werk und Schillings Beitrag

In diesem Sinne setzt der Künstlerroman auch Erna Schilling und ihrem Opfer für die Kunst ein Denkmal und begreift die Kunst Kirchners als Werk zweier unterschiedlicher Seelen. Erst deren Zusammenwirken ermöglichte diese Kunst, die auch heute noch in vielen Museen der Welt zu sehen ist und die ihre Faszination nicht verloren hat.

Schön auch, dass sich Constantin Lieb in seinem Debüt dafür entschieden hat, besonders in den kurzen Zwischenspielen, die den drei Teilen vorangestellt sind, auch etwas in der Kunst der Malerei mit Worten zu versuchen, indem er einen zeitlich nachgeordneten Besuch im Wildbodenhaus des Künstlers unternimmt, frei von einer allzu konkreten Verortung.

Der Fuß rutscht auf der untersten Sprosse ab, schnell umgreifen. Alles ist Farbe, schwungvoll auf die Flächen gestrichen und noch nicht getrocknet. Die Hand greift die nächste dunkle, feuchte Sprosse und die nächste, langsam zieht man sich nach oben, und verschwindet so im Bild der Situation, bis man sich mit einem Mal von außen sieht, die Wände links und rechts verzerrt, Bildachsen krümmen sich, Perspektiven fächern sich auf, während unten im Dorf ide Kirchturmglocke zehn Mal zur vollen Stunde schlägt.

Constantin Lieb – Wildboden, S. 172

So trifft das Buch manchmal fast einen zarten expressionistischen Ton, der zwar nicht ganz so radikal ist, wie es beispielsweise Mariam Kühsel-Hussaini in ihrem Kunstroman Tschudi vorgemacht hat, der aber die Geschichte in all ihren Schattierungen hervorragend auskleidet.

Fazit

Mit Wildboden ist Constantin Lieb ein Einstand nach Maß gelungen. Der bislang eher als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Lieb hat sich mit dem Freitod Ernst Ludwig Kirchners ein persönliches, zeithistorisch und auch kunstgeschichtlich interessantes Sujet ausgesucht, dass durch die kluge Wahl der Perspektiven und eine überlegte Fokussierung besticht.

Sein Buch trifft gekonnt den Sweetspot zwischen Gefälligkeit, Anspruch, Schwere, Geschichtsstunde und Unterhaltung, sodass dem Werk ein großer Erfolg beschieden sein könnte, der auch die Kunst Ernst Ludwig Kirchners, vor allem aber auch den Anteil Erna Schillings an dieser Kunst wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken könnte.


  • Constantin Lieb – Wildboden
  • ISBN 978-3-458-64627-3 (Insel Verlag)
  • 240 Seiten. Preis: 25,00 €

Quelle Titelbild: Städel Museum, Frankfurt am Main

Christina Walker – Verteidigung eines Gartens

Mit ihrem neuen Roman Verteidigung eines Gartens arbeitet Christina Walker weiter an ihrem Ruf als literarische Spezialistin für besondere Wohnverhältnisse. Sie erzählt von einer Frau, die durch den Rückzug in eine Gartenlaube Raum finden will, um sich neu zu sortieren. Doch dieser Raum ist in vielfältiger Hinsicht bedroht.


Schrebergarten, Gartenlaube, Laubenpieper. Es schwingt etwas Niedlich-Romantisches in all diesen Begriffen mit, die eines der größten Hobbys der Deutschen beschreiben. Knapp 900.000 Schrebergärten gibt es in Deutschland. Es sind Orte, die ihren Besitzern Gärtnern und Auszeiten im Grünen verheißen. Ein reiner Garten Eden, bar jeder Einschränkung oder Reglementierung, ist aber selbst ein Kleingarten in Deutschland natürlich nicht, so will es das Bundeskleingartengesetz.

Dieses dient als Grundlage für die jeweiligen Verordnungen und Satzungen in den Kleingärten, die von den Obmännern und Obfrauen vor Ort auf ihre Einhaltung kontrolliert werden sollen. Eine wichtiger Grundsatz des Gesetzes ist es, dass dieses das Wohnen im eigenen Kleingarten untersagt. Einzelne Übernachtungen gestattet die Gesetzgebung, alles darüber Hinausreichende ist aber verboten.

Marianne Roth, der zentralen Figur in Christina Walkers neuem Roman Verteidigung eines Gartens, ist diese Gesetzgebung aber herzlich egal. Sie hat schließlich ganz andere Probleme. Ihr Mann ist bei einem Autounfall verstorben. Hinterlassen hat er ihr nur Schulden, denn ohne das Wissen seiner Frau hat er Hypotheken auf sein Haus und die darin beheimatete Bäckerei aufgenommen – und diese verspielt.

Rückzug in den Schrebergarten

So kommt es nun zum notgedrungenen Auszug Mariannes aus ihrer eigenen Immobilie – und dem Aufbruch nach Neu-Amerika. Dieses befindet sich aber keinesfalls kontinentenweit von ihrer alten Wohnung entfernt, sondern lediglich außerhalb der namenlosen Stadt an einem Fluss mit Wehr. Es handelt sich nämlich um eine Kleingartenkolonie, in der die Witwe nun die Hütte ihres verstorbenen Mannes bezieht.

Aus ähnlichen Gründen nannte Marianne ihre Unterkunft nicht „Hütte“, sondern „Gartenhaus“ und in besser aufgelegten Momenten manchmal sogar „Kabine“. Das kleine, aber solide Gebäude im Blockhausstil war nicht billig gewesen, zumindest das hatte Carl zugegeben. Marianne hatte nicht weiter nachgefragt, weil dabei meistens nichts herauskam,

Christina Walker – Verteidigung eines Gartens, S. 9

Ihren Verstoß gegen das Bundeskleingartengesetz beäugt der Schrebergarten-Obmann Herr Gregor skeptisch, allein ist Marianne mit ihrer undogmatischen Wohnortwahl aber nicht. Auch andere Parzellen sind illegalerweise dauerhaft durch Personen belegt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen dort in Neu-Amerika einen Rückzugsort für sich gefunden haben.

Eine Frau, eine Parzelle, ein neues Leben

Christina Walker - Verteidigung eines Gartens (Cover)

Marianne befindet sich dabei nicht nur im Roman in guter Gesellschaft, auch werkübergreifend findet die Witwe Verbündete. Denn schon in ihrem Romanen Auto (2021) und Kleine Schule des Fliegens (2023) standen bei Walker Figuren im Mittelpunkt, die ihr Leben auf kleinstem Raum führen wollten.
So erzählte sie in ihrem Debüt von einem Buchhandelsvertreter, der fortan im stillgelegten Mercedes vor seinem Haus wohnen wollte und im zwei Jahre danach erschienenen Roman war es dann ein rekonvaleszenter Krebs-Patient, der seine eigenen vier Wände nicht verlassen sollte, um angesichts seines fragilen Gesundheitszustandes Ansteckungen zu vermeiden.

Dieses Motiv führt die Vorarlbergerin auch in diesem Roman nun fort, weitet es aber zugleich, indem sie um Marianne herum ein ganzes Ensemble von Figuren stellt, das eine vollumfänglichen Rückzug von der Welt verhindert. Denn nicht nur, dass das Arbeitsamt auf eine richtige Meldeadresse von Marianne dringt, auch sucht ihre ehemalige Nachbarin Grete den Kontakt zu Marianne. Und dann ist da noch die ebenfalls regelmäßig in den Schrebergarten zurückkehrenden junge Didi, die vor häuslicher Gewalt und schulischer Ausgrenzung immer wieder nach Neu-Amerika flieht.

So ist dieser Roman der bislang „offenste“, der Marianne aus der armseligen Beengtheit ihrer Laube immer wieder in die große Welt entlässt, in der Walkers Figuren zwischen Schulfluren, den Regalen eines Supermarkts und Angelausflügen umherirren.

Fazit

Die Verteidigung eines Gartens vermeidet es, den Schrebergarten als idyllischen Ort der Selbstverwirklichung zu verklären, im Gegenteil: die Kleingärten von Neu-Amerika lassen jede Idylle vermissen. Immer wieder stolpern die Laubenpieper über Tierkadaver und Knochen, die herbstlich-graue Welt drückt Flora und Fauna darnieder.
Das Refugium vor den Toren der Stadt ist von Natur und Bürokratie bedroht, Marianne versucht unter dem Radar zu bleiben und ist doch immer wieder gezwungen, es mit der Welt da draußen aufzunehmen, Gewalt in Beziehungen ist ebenso ein Thema des Romans wie auch der genaue Blick auf die Schilderung von Armut und den Versuch, diese zu überspielen.

All das macht aus Die Verteidigung eines Gartens eine durchaus herbe Angelegenheit, der trotz Christina Walkers werkimmanenten Thema der Selbstisolation diesmal so stark wie nie zuvor auch in die Leben ihrer anderen Figuren blickt. Sie alle umranken Mariannes neue Existenz in Neu-Amerika allesamt so verschlungen, wie es die Bohnen in ihrer Parzelle dort in Neu-Amerika tun.


  • Christina Walker – Verteidigung eines Gartens
  • ISBN 978-3-7017-1828-3 (Residenz-Verlag)
  • 296 Seiten. Preis: 26,00 €

Louise Kennedy – Red

Ein in der Schule überbrachter Trennungsbrief wird zum Anfang der Beziehung von Róisín zu Redmond „Red“ Camelin, die Louise Kennedy in ihrem neuen Roman erkundet. Es ist ein Beziehung, die die beiden viele Jahre und über ihre Heimat Irland hinaus begleiten soll…


Schon einmal erwies sich Louise Kennedy als Spezialistin für vertrackte Beziehungen. In ihrem Debüt Übertretung schilderte sie eine Affäre zur Zeit der Troubles, die die beiden Beteiligten in große Gefahr und Loyalitätskonflikte brachte. Auch ihre Kurzgeschichten, die abermals der Göttinger Steidl-Verlag unter dem schönen Titel Das Ende der Welt ist eine Sackgasse veröffentlichte, umkreisten komplizierte Beziehungen vor tristem Hintergrund.

Nun erscheint mit Red ein Roman, der das Thema der komplizierten Beziehung fortführt und ausbaut. Auch die Veröffentlichung des Romans selbst ist eine solche vertrackte Angelegenheit. Denn anstelle des Steidl-Verlags ist es nun mit Claassen ein Imprint des Ullstein-Verlags, bei dem Red in der Übersetzung des bewährten Duos Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel erscheint.

Die zwischenzeitliche Insolvenz des Steidl-Verlags dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Buch nun in einem neuen Haus erscheint. Die fortgesetzte Publikation Louise Kennedys hierzulande ist auf alle Fälle ein Glücksfall, denn Red zeigt Kennedys literarische Qualitäten, was ihren Sinn für Tristesse, für Bindung und emotionale Tiefe anbelangt.

Red und Róisín – eine komplizierte Freundschaft

Schon die Welt ihrer Figuren ist da Ausdruck jener Hoffnungslosigkeit, die sich Irland in weiten Teilen der 1980er Jahre bemächtigt hat. Róisín lebt zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter Una in einem kleinen Haus in einem kleinen irischen Städtchen, das nicht gerade durch Attraktivität oder ein gutes Freizeitangebot besticht.

Sie hatten den Platz erreicht, der eigentlich nur der breiteste Teil der Hauptstraße war und Parkplätze für einige wenige Autos bot. Sie fremdelte mit dieser Stadt an der Fernstraße zwischen Dublin und Cork, mit ihrem Verkehr aus scheißendem Vieh, scheppernden Bussen und schweren Sattelschleppern. Die Läden entstammten einem anderen Jahrhundert. Eine Lederwerkstatt, handgenähte Taschen und Gürtel, säuberlich ausgelegt unter Zaumzeug und Sätteln, ein Textilgeschäft, im Fenster altmodische Klamotten, an eine Hartfaserplatte gepinnt und durch zerknitterte gelbe Folie vor dem Ausbleichen geschützt.

Louise Kennedy – Red, S. 15

Der Vater, ein katholischer Polizist in der überwiegend protestantisch geprägten Royal Ulster Constabulary (was Assoziationen zu Adrian McKintys Krimireihe um den katholischen Bullen Sean Duffy weckt), hat die Familie schon vor einiger Zeit verlassen. So wohnen jetzt Tochter und Mutter mit höchst unterschiedlichen Tagesrhythmen gemeinsam unter einem Dach und schlagen sich durchs Leben.

In der Schule ist Róisín eine Außenseiterin, die erst durch die Freundschaft mit Redmond „Red“ Camelin aus ihrer sozialen Isolation geholt wird. Für eine Mitschülerin soll Róisín nämlich an jenen Red einen Zettel überstellen, in dem ihm die Mitschülerin das Ende ihrer „Beziehung“ mitteilt – was allerdings für Róisín der Auslöser ihrer eigenen Beziehung zu Red wird, die Louise Kennedy teilweise in großen zeitlichen Sprüngen ausgehend vom Oktober 1982 bis ins Jahr 2007 nachverfolgt.

Im London der Hausbesetzerszene

Louise Kennedy - Red (Cover)

Dabei ist das Verhältnis – wie könnte es bei Louise Kennedy anders sein – ein durchaus ambivalentes und zeitweise recht schwieriges. Denn nach den Wirren der Schulzeit trifft Róisín wieder auf Red, als dieser in einem besetzten Haus im Londoner Stadtteil Pimlico wohnt. Hier spielt Kennedy ihr Talent für die genaue Zeichnung der Trostlosigkeit und ihrer vielen Schattierungen gekonnt aus.

Während sie mit den Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld Reds Beziehungen eingeht und die Londoner Jahre in großer Armut erlebt, sieht sie Freunde in die Drogensucht abrutschen, während auch noch das AIDS-Virus grassiert. Sie selbst geht Beziehungen mit anderen Männern an, lebt sich aus, sieht Menschen in ihrem engsten Umfeld an Alkohol oder Heroin sterben – und blickt doch auch immer auf Red, der immer irgendwo um sie ist.

A rake’s progress als Leitmotiv

Für sie wirkt jener Redmond Camelin fast wie eine Figur aus dem berühmten Bilderzyklus A rake’s progress von William Hogarth, mit dem sie Red in Kontakt bringt, als sie in einem konkurrenzbedingten Anflug von Bildungsbürgertum das Sir John Soane’s Museum in London besuchen. Dieser Bilderzyklus aus dem 18. Jahrhundert, der wie in einem Comicstrip über acht Bilder hinweg den Niedergang des reichen Erben Tom Rakewell zeichnet, wird so etwas wie die Folie für Reds eigenen Niedergang, dem man an der Seite von Róisín beiwohnt.

Im Soane’s Museum schloss sie sich einer Führung an. Als sie durch die Säle schritt, wurde ihr bewusst, dass ihre Erinnerungen an den Ort eher impressionistisch war, ein flirrendes Bild aus Pompejirot und Portland Stone. Andere Aspekte ihres Besuchs kehrten jedoch so scharf in ihr Gedächtnis zurück, dass es wie eine Heimsuchung wirkte. Der gebannte Ausdruck in Reds Gesicht, als er Octavia zuhörte, seine Enttäuschung darüber, dass Róisín nicht sag, was in A Rake’s Progress gesehen hatte. Sie wartete bis zwei Uhr, dann ging sie zum Bildersaal und zwängte sich hinein. Der Führer streifte sich weiße Handschuhe über , die Besucher drängten vor. Es war nur eine Geschichte, dachte sie, als er die Holzpaneele aufklappte, ein Leben in acht Bildern. Glück und Unglück, Liebe und Verlust, Verbrechen und Strafe, keine verschlüsselte Botschaft, die ins Dunkel lockte.

Louise Kennedy – Red, S. 358

Das kann man auch auf Red übertragen. Viele Emotionen, eine komplizierte und dafür umso tieferwurzelnde Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren, dazu eine genaue Zeichnung der Milieus des ländlichen Irlands der frühen 1980er Jahre und des Londons der Hausbesetzerszene der späten 1980er Jahre, all das bietet Red auf und schildert eine Freundschaft, die Höhen und vor allem viel Tiefen mitmachen muss.

Fazit

Irische Literatur von ihrer besten Seite, die Louise Kennedy hier präsentiert. Rau, manchmal düster, nicht ohne Hoffnung, präzise in der Schilderung der Milieus und voller Emotionen, das kennzeichnet den Roman, dessen Zugänglichmachung unter nun einem neuen Dach wirklich ein Glücksfall ist!


  • Louise Kennedy – Red
  • Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel
  • ISBN 978-3-546-10171-4 (Claassen)
  • 384 Seiten. Preis: 24,00 €

Leh-Wei Liao – Glaszeit

Das nennt man wohl Einstand nach Maß. Mit ihrem Debütroman Glaszeit gelingt der Autorin Leh-Wei Liao gleich einmal der Sprung auf die Nominierungsliste des Bayerischen wie auch des Deutschen Buchpreises.
Sie erzählt darin die Geschichte der Ärztin Novana, die nach in Taipei praktiziert, von ihrem Aufwachsen in Köln und von dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, einer vielbeachteten Künstlerin.


Just in einer unterirdischen Mall begegnet die Ärztin Novana auf den ersten Seiten von Leh Wei Liaos Roman Glaszeit ihrer Mutter. Es ist aber keine persönliche Begegnung im hektischen Gedränge, vielmehr entdeckt sie ihre Mutter auf einem Werbedisplay.

Als ich M. an einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet.
Es gibt keinen Grund, stehen zu bleiben.
Menschen drängen sich um mich herum. Glänzende Regencapes und tropfende Schirme. Ränder aus Wasser und Schmutz auf den glatten Bodenkacheln, das halbe Profil einer Sohle.
Qīn’ài de bǎobèi.
Eine Handvoll Sekunden. Erinnerungen. Ich zögere. Ich könnte einfach weitergehen, immer weiter den langen Gängen folgen, vorbei am meterlangen Laternenfest-Mosaik, an Modegeschäften, Nintendo-Pop-up-Stores, Wahrsager:innen, Friseur:innen, Masseur:innen, Imbissen mit Beef Noodle Soup, Popcorn Chicken, frittierten Snacks, Currys, Egg Waffles, Tofupuddings, Bubbleteas, Taro Balls, Moon und Sun Cakes und Mochis. Durch hallengroße Bereiche, die die Passagen wie Marktplätze unterbrechen, etagenweise Rolltreppen, Hauptstraßen, Schluchten, Brücken. Irgendwann würden Berge kommen, und dahinter liegt das Meer.
Ich bleibe stehen.
Ein hochaufgelöstes, strahlendes Werbedisplay.

Leh-Wei Liao – Glaszeit, S. 7

Der Umstand, dass Novana vom Anblick ihrer Mutter völlig aus allen Routinen gerissen wird, erklärt sich neben dem ungewohnten Anblick auch durch Novanas Geschichte, die uns Leh-Wei Liao im Folgenden Stück für Stück präsentiert. Denn einst wuchs Novana bei der Familie eines Kindheitsfreundes in Köln auf, nachdem ihre Mutter sie als Kind in der Domstadt zurückgelassen hatte.

Sie, die von Novana nur als M. bezeichnet wird, ist eine radikale Performance-Künstlerin irgendwo zwischen Marina Abramovic und Florentina Holzinger, die dem künstlerischem Werk den Vorzug vor der gelebten Mutterschaft gegeben hat. So ist die Ankündigung zu einer neuen Kunstaktion auch sehr symbolisch zu sehen, bei der M. den eigenen Uterus präparieren und ausstellen will. Mein Uterus ist ein Objekt, das in meiner künstlerischen Praxis einen neuen Kontext finden muss, so drückt es die Aktionskünstlerin selbst aus.

Ein Neuanfang in Taipei

Leh-Wei Liao - Glaszeit (Cover)

Nun hat Novana wiederum fast alle Brücken hinter sich abgebrochen und hat im Heimatland ihrer Mutter den Neuanfang gewagt. In einem Krankenhaus in Taipei arbeitet sie nun auf einer Frühchenstation und betreut dort die kaum lebensfähigen Neugeborenen intensivmedizinisch.

In den wenigen Pausen, die ihr der herausfordernde Job lässt, durchstreift Novana Taipei, wagt sich auf Dates aus und hört in ihrer Freizeit ausgiebig einen Pädiatrie-Podcast zur Entspannung.

Neben allem ruhe- und ziellosen Treiben durch die Stadt gibt ihr der Job als Ärztin halt (ein Beruf, den Novana mit der Autorin Leh-Wei Liao teilt). Dementsprechend finden sich auch viele von medizinischer Fachsprache geprägte Passagen, die Novanas Kampf um das Überleben der Frühchen schildern.

Meirongs Eltern standen beide am Inkubator, als ich Blut abnehmen wollte. An ihrem Körper lagen ein Endotrachealtubus, ein Nabelvenenkatheter sowie Pulsoxymetrie- und EKG-Kabel an. 1515 g wog sie jetzt. Sie hatte ihr Gewicht geschafft und konnte nun doch an die ECMO angeschlossen werden.

Leh-Wei Liao – Glaszeit

Doch nicht nur die Medizin prägt das Leben von Novana und die Sprache des Buchs. Durch die erstarkende Beziehung zur Aktivistin Sihan findet auch eine politische Komponente in Glaszeit. Denn Sihan betätigt sich in der taiwanesischen Unabhängigkeitsbewegung und zieht dadurch auch Novana in den politischen Konflikt hinein, bei dem sich zeigt, dass nicht nur die Beziehung zu ihrer Mutter höchst Fragil ist, sondern auch auf westliche Partner, allen voran die USA, in diesen Zeiten auch kein Verlass mehr ist.

Eine Fülle von Themen

Glaszeit ist ein Roman voller Themen. Die taiwanesische Unabhängigkeitsbewegung, die Frage nach Mutterschaft in all ihren Facetten, die herausfordernde medizinische Arbeit, die immer wieder tief in Novanas Privatleben hineinstrahlt, dazu auch die Fragen nach den eigenen Beziehungen und dem sexuellen Mäandern zwischen Männern und Frauen, Leh-Wei Liao hat in diesem Debütroman wahrlich nicht an Themen gespart.

Ihr Roman fügt sich ein in eine ganze Riege von Mutter-Tochter-Beziehungsromanen, wie sie der deutsche Buchmarkt zuletzt in hoher Schlagzahl hervorbrachte, kann sich aber durch den Schauplatz und die genauen Schilderungen von Novanas Arbeitsleben und den politischen Hintergrund der Erzählung vom Gros anderer Romane abheben. Ob es zum Gewinn des Bayerischen Buchpreises reicht, nachdem Glaszeit bei der Erstellung der Shortlist des Deutschen Buchpreises keine Berücksichtigung mehr gefunden hat, vermag ich nicht zu sagen.

Ein Beweis, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur mehr als nur Dorfromane und Autofiktion kann, ist Leh-Wei Liaos welthaltiges Debüt aber allemal!

Weitere Besprechungen zu Glaszeit finden sich unter anderem bei Kommunikatives Lesen und Lust auf Literatur.


  • Leh-Wei Liao – Glaszeit
  • ISBN 978-3-630-87839-3 (Luchterhand)
  • 288 Seiten. Preis: 24,00 €

Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen

Wieder einmal hat sich Michael Lichtwarck-Aschoff tief in die Medizingeschichte eingegraben und präsentiert in Vermessen das Leben des Versicherungsmediziners John Hutchinson, der als einer der Väter der Spirometrie gilt und dessen voltenreiches Leben er aus verschiedenen Perspektiven blickt.


Die Bitte einmal tief einzuatmen, um dann wieder langsam auszuatmen, man kennt sie von ärztlichen Untersuchen hinlänglich. Doch nicht nur die Lunge lässt sich mit dieser Aufforderung gut abhören, auch kann man auf diesem Wege die sogenannte Vitalkapazität ermitteln, die durch das Volumen an maximal ein- und dann wieder ausgeatmeter Luft bestimmt wird.

Einen der Väter dieses medizinischen Parameters stellt der früher ebenfalls als Mediziner tätige Michael Lichtwarck-Aschoff in seinem neuen Romans Vermessen vor. Es handelt sich um den 1811 geborenen Versicherungsmediziner John „Hutch“ Hutchinson, der der Öffentlichkeit im Jahr 1846 seinen sogenannten Spirometer vorstellte und damit die Grundlagen für die Wissenschaftsdisziplin der Spirometrie schuf.

Die Erfindung der Spirometrie

Mithilfe einem kräftigen Atemstoßes in sein Gerät will Hutchinson die Lungenkapazität und damit auch den Gesundheitsstatus seiner Probanden ermitteln. Dem befreundeten Pferdeknecht Ethelbert, einem der Erzähler dieses Buchs, erklärt es „Hutch“ wie folgt:

Nein, Bert. Ich vermesse die Kandidaten. Größe, Gewicht, Alter, und dann kommt auch schon mein Spirometer ins Spiel.
Die kriegen eine Maske über?
Nein, Bert, den Männern gebe ich natürlich keine Maske, sondern ein Mundstück. Habe ich dir doch erklärt. Ich klemme ihnen die Nase ab und sage ihnen, sie müssen durch das Mundstück ausatmen, so fest sie können. In die Lunge gehen so und so viel Kubikzoll Luft hinein, und ebenso viele Kubikzoll kommen auch wieder raus, eine Zahl, präzise bis auf drei Stellen hinter dem Komma. Ich kann fünf- oder zehnmal hintereinander messen, immer annähernd dieselbe Zahl. Sag selbst: Ist das nicht großartig? Über das, was man bloß vermutet, kann man ja endlos streiten. Über Messergebnisse kann man nicht streiten.

Michael Lichtwarck-Aschoff, S, 34 f.

Seine Erfindung präsentiert der findige Mediziner nicht nur seinem Freund Ethelbert stolz, vor allem dessen Tochter erweist sich als höchst verständige und talentierte Naturwissenschaftlerin, die Hutchinson mit seiner Erfindung entscheidend unterstützt.

Doch weil die Wissenschaft nur die halbe Miete ist, sammelt der Mediziner auch noch zwei weitere, höchst illustre Gestalten um sich, die ihm bei der Präsentation seines Spirometers unterstützen sollen. Es handelt sich bei ihnen um den jahrmarktgestählten Impresario Sands Maddox und seine Assistentin Rosalind.

Aus dem Blenheim Palace nach Bendigo in Australien

Michael Lichtwarck-Aschoff - Vermessen (Cover)

So beginnt John Hutchinson die Vermarktung seines Spirometers und gastiert damit im nahegelegenen Blenheim Palace, wo er seine Erfindung vor dem Hofstaat des Herzogs von Marlborough vorführen will.
Der Mediziner wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Eventisierung seiner Erfindung und der Nutzbarmachung, indem er eine große Versuchsreihe zur Erfassung der Vitalkapazität von Bewohnern der Cotswolds beginnt.

Doch wie das mit schmalen Graten so ist, auf denen man wandelt: immer ist auch ein Absturz möglich, von dem wir in Lichtwarck-Aschoffs Roman schon früh Kenntnis erlangen. Denn Hutchinson findet sich mit Getreuen plötzlich in Bendigo, Australien wieder und es bleibt die große Frage, wie es den Versicherungsmediziner dorthin verschlagen hat.

Allmählich bekommen wir eine Antwort, da uns Maddox, Ethelbert und weitere Figuren alle auf ihre ganz eigene Weise vom Mediziner und seinem Weg bis nach Australien erzählen. Wirkliche Lufthoheit über die Geschichte des Mediziners gewinnt dabei keine der Figuren, was aber auch den Reiz des Romans ausmacht, Denn im Gegensatz zu Hutchinson und dessen unumstößlichen Wahrheiten, die seine Spirometrie zeitigen soll, gibt es in Lichwarck-Aschoffs Roman Raum – oder sollte man besser sagen: Luft – für Vielstimmigkeit, Widerspruch und Interpretation.

Literarisch wendig wie Christine Wunnicke

Suchte man ein literarisches Äquivalent zu Michael Lichtwarck-Aschoffs Schreiben, würde man wohl am ehesten bei der Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke fündig. Denn wie Wunnicke greift sich Lichtwarck-Aschoff immer wieder Figuren und Episoden der Wissenschaftsgeschichte auf, die er mit seinen durchaus humorbegabten Fiktionen umkreist und ausstellt.
Zuletzt widmete er sich der Frage des Rassismus im Werk und Denken Immanuel Kants, indem er den fiktiven hugenottischen Perückenmacher von Königsberg zu Wort kommen ließ oder beleuchtete in Robert Kochs Affe ein dunkles Kapitel aus dem Leben des „Seuchenarztes“ Koch.

Nun also John Hutchinson, dessen Werk die Lungenmedizin bis heute prägt und der doch noch nicht einmal einen Eintrag in der Encyclopaedia Britannica hat, worauf Lichtwarck-Aschoff in seinem ausführlichen Nachwort hinweist – genauso wie auf den nur schwer zu tilgenden Rassismus, der seit den Tagen Hutchinsons die Lehre der Spirometrie prägt und der nur langsam verschwindet. Leichthändig stellt sein umfassendes Nachwort die Verbindung unserer (medizinischen) Gegenwart und dem Wirken des Mediziners im 19. Jahrhundert her und liefert neben der literarischen Freude so noch allerhand Wissenswertes.

Vermessen ist voller Medizingeschichte und Augenzwinkern – und überzeugt durch seine literarische Vielstimmigkeit, mit der Lichtwarck-Aschoff seinen Versicherungsmediziner umtanzt, verrätselt und vorstellt. Wer war dieser Hutch? Ganz sicher vermag man es nach der Lektüre von Vermessen auch nicht zu bestimmen, aber dass die literarische Umkreisung Erkenntnis und gute Unterhaltung hervorbringt, das lässt sich ganz bestimmt sagen!


  • Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen
  • ISBN 978-3-99050-305-8 (Amalthea)
  • 224 Seiten. Preis: 26,00 €