Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke

Der Roman als Jurte. In ihrem Debütroman Ein Königreich für eine Schnecke nimmt uns die die in Kanada lebende Autorin Maria Reva mit in ihre Geburtstland, die Ukraine. Sie erzählt von linksgewundenen Schnecken, entführten Junggesellen und einem Land im Krieg. Leider meint sie es dabei mit postmodernen Spielereien etwas zu gut…


Nach hundertdreiundneunzig Seiten ist Maria Revas Buch eigentlich am Ende angelangt, das macht zumindest das schriftgewordene ENDE denken, das den Text auch optisch beschließt. Eine Danksagung für Inspirationsquellen, unter anderem Lisa Hallidays Roman Asymmetrie und Deb Olin Unferth und ihr Roman Happy Green Family schließen sich an, nach biografischen Informationen und Anmerkungen zur verwendeten Schriftart ist Schluss mit dem Buch.

Doch da gibt es nur einen kleinen Haken. Auch wenn alles nach Ende aussieht, so weist Maria Revas Roman doch eigentlich noch weitere 275 Seiten auf, die dem Ende noch folgen sollen. Und auch der Text hat bis zu seinem vorläufigen Ende einige seltsame Wandlungen durchgemacht. Denn Revas Buch hört plötzlich nicht mehr auf den Titel Ein Königreich für eine Schnecke, sondern trägt den Titel Eine glückliche Familie ist nur ein vorgezogener Himmel, wofür sich die Autorin dann auch in der vorgezogenen Danksagung bei einigen Personen erkenntlich zeigt.

Wie das kam, dass das Buch plötzlich einen anderen Titel trägt, ist genauso wie das mitten ins Buch hineingepflanze Ende eine der vielen postmodernen Spielereien, mit denen Reva ihren Text auflädt. Denn ändernde Titel, Zwiegespräche mit einem Jurtenbesitzer, ein aus der Perspektive einer Schnecke geschildertes Kapitel oder die aus dem Text heraustretende Autorin sind nur einige Elemente in diesem Roman, der obgleich inhaltlich recht exzentrisch, zumindest auf der Erzählebene recht konventionell beginnt.

Drei Frauen, ein Bus und dreizehn Junggesellen

Maria Reva - Ein Königreich für eine Schnecke (Cover)

Zunächst stehen zwei Frauen im Mittelpunkt des Romans. Jewa ist ein junge Frau, die sich dem Erhalt von Schnecken verschrieben hat. Einen Kleinbus hat sie zum mobilen Labor umgebaut, mit dem sie die ganze Ukraine bereist, um seltene Schnecken zu finden und diese mithilfe ihres rollenden Labors vor dem Aussterben zu bewahren. Das Geld für diese Missionen verdient sie bei sogenannten Liebestouren.

Diese Liebestouren werden von einer Agentur durchgeführt, bei der Junggesellen aus dem Ausland auf organisierten Touren in Kontakt mit ukrainischen Frauen gebracht werden, auf dass sie dort unter Zuhilfenahme von Dolmetscherinnen die Liebe ihres Lebens finden.
Auf die Liebe kann Jewa zwar verzichten, nicht aber auf das Geld, das ihr diese Liebestouren bescheren. Und noch eine zweite wichtige Begegnung beschert ihr die Liebestour, nämlich die Bekanntschaft mit den Schwestern Nastja und Sol.

Diese sind eigentlich auf der Suche nach ihrer Mutter, einer bekannten ukrainischen Aktivisten im Stile von Pussy Riot oder Femen. Sie ist verschwunden, weswegen die Schwestern einen waghalsigen Plan entwickelt haben.
Mithilfe von Jewa und ihrem mobilen Labor wollen sie Junggesellen entführen, um mit der spektakulären Aktion ihre Mutter auf sich aufmerksam zu machen oder wenigstens ihre Fährte aufzunehmen.
Doch aus den anvisierten hundert gekidnappten Junggesellen wird nicht nur eingedenk des mangelnden Platzes in Jewas Bus nichts, dreizehn Teilnehmer des Liebestouren können die drei Frauen dann aber doch in ihren Bus locken.

Die letzten Schnecken ihrer Art

Vollends wild wird diese Geschichte, als nun ein Bekannter Jewa auf die Existenz einer weiblichen Schnecke hinweist, die zur letzten noch lebenden Schnecke in Jewas Besitz, ein sogenannter Endling, passen könnte. Die außergewöhnliche linksgewundene Schneckenform macht die Tiere dergestalt außergewöhnlich, dass Jewa kurzentschlossen mit den Schwestern und den Entführten an jenen Ort aufbricht, an dem der Bekannte die Schnecke gesichtet hat.
Es ist ausgerechnet Cherson im Süden der Ukraine, die jede Minute im Begriff steht, in die Hände der heranrückenden russischen Truppen zu fallen. Doch davon lässt sich Jewa nicht aufhalten, schließlich geht es um das potentielle Überleben einer Schneckenart…

Ist der Plot von Ein Königreich für eine Schnecke mit seiner Engführung von Endzeit für die seltene Schneckenart und die Endzeit für die Ukraine schon extravagant genug, wird es durch den Entführungsplot noch einmal gesteigert. Doch es scheint, als hätte Maria Reva ein wenig der Mut verlassen, nur auf diese besondere Konstruktion zu vertrauen, weil sie diese Erzählung dann kurz vor Ende des ersten Buchs selbst implodieren lässt. Sie hinterfragt selbstkritisch die Tragfähigkeit ihrer Erzählanlage und biegt in einem zweiten Teil in eine völlig andere Richtung ab, als sie ihre Rolle als Schriftstellerin im Ausland reflektiert, die auf die Geschehnisse in ihrem Geburtstland schaut und hierzu einen Essay verfassen will, dessen Einreichung dem herausgebenden Magazin nicht ins Konzept passt.

Plötzlich will sie eine alternative Geschichte zu ihrer eigentlichen Erzählung um Jewa, die Schnecken, die zwei Schwestern und zehn Junggesellen schreiben, ehe dann ein Interview wieder die vierte Wand durchbricht und sich dem etwas rappeligen Ende des Buchs im zweiten Teil dann ein Dialog mit einem Jurtenmacher anschließt.
Das sind alles nette Spielereien, die den Fluss ihres Buchs unterbrechen, Ein Königreich für eine Schnecke in meinen Augen aber auch unnötig schwächen.

Zu viele Spielereien und erzählerisches Brimborium

Denn die ungewöhnliche Annäherung über die Schnecken und entführten Junggesellen ist eigentlich dazu angetan, einen interessanten Zugang zur Erzählung einer überfallenen Ukraine zu leisten, den man so noch nicht gelesen hat und der die Schrecken, das Groteske und die Falschheit dort vor Ort eindrücklich miterleben lässt (wodurch Ein Königreich für eine Schnecke auch an die jüngsten Erzählungen Serhij Zhadans und seinen großen Wurf Internat erinnert).

Alles weitere erzählerische Brimborium stört da eigentlich nur, auch wenn man argumentieren könnte, dass die konsequente Brechung des Erzählflusses auf stilistischer Ebene den Krieg nachbildet, der alle Normalität und Ordnung zerstört.
Und doch nimmt er in diesem Falle überwiegend nur den Fokus von der Wucht ihrer Geschichte weg, die gerade durch die Absurdität des Ganzen so gut geeignet ist, dem Wahnsinn der realen Welt erzählerisch zu trotzen. Hätte sich Reva mehr auf den Kern ihrer Geschichte verlassen, wäre Ein Königreich für eine Schnecke vielleicht noch ein besseres Buch geworden.

Eine weitere Perspektive auf Maria Revas Debüt gibt es in der Kulturzeit von 3sat, dort schildert die Literaturkritikerin Miriam Zeh ihre Perspektive auf den Roman.


  • Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke
  • Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
  • ISBN 978-3-423-28548-3 (dtv)
  • 479 Seiten. Preis: 26,00 €


Tamara Štajner – Luft nach unten

Die Familie in Nord-Mazedonien, der Kinderwunsch in Wien. Tamara Štajner spannt in ihrem Roman Luft nach unten ein Netz um ihre Protagonistin, das diese zwischen familiären Kindheitswunden, Begehren und Unsicherheit einzuschnüren droht.


Von hoher Dringlichkeit sei der Text namens Luft nach unten gewesen, den Tamara Štajner beim Wettlesen im Rahmen des Klagenfurter Bachmannpreises 2024 vorgetragen habe. Das bescheinigte ihm die Jurorin Mara Delius, was Juryvorsitzender Klaus Kastberger gar mit dem Lob ergänzte, der Text sei einer der besten, den er je in Klagenfurt gehört habe. Brigitte Schwens-Harrant, die den Text zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen hatte, sah besonders in der Beziehung der ambivalenten Mutter-Tochter-Beziehung imponierende Qualitäten. Denn der Text stellt eine literarische Konfrontation einer Tochter mit ihrer Mutter, den vererbten Traumata und dem Versuch einer Emanzipation von Erlebtem dar.

Dem Lob für Štajners Text unisono folgte dann folgerichtig auch die Vergabe des von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft. kurz KELAG, gestifteten Preises in Höhe von 10.000 Euro, den Štajner errang.
Dass dieser Gewinn aber keineswegs der Schlusspunkt für den Text war, das beweist der nun vorliegende Roman von Tamara Štajner. Denn jene Beschau eines komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnisses, die die im slowenischen Novo Mesto geborene Autorin damals vortrug, ist nun zu einem Roman gereift. Dieser ist schlüssigerweise allen Töchtern und Müttern gewidmet und schließt auch einen Dank an Brigitte Schwens-Harrant ein, die das Potential von Štajners Prosa schon im Vorfeld des Bachmann-Wettbewerbs erkannt hatte und diesen folglich ins Rennen schickte.

Aus Klagenfurt nach Nord-Mazedonien

Tamara Štajner - Luft nach unten (Cover)

Die Beziehung von Müttern und Töchtern ist noch immer großes Thema, das Tamara Štajner nun aber deutlich ausgebaut hat, obgleich der Kern ihres Textes noch Bestand hat. So laboriert Iva noch immer am Verhältnis zu ihrer Mutter. Deren psychologischer Druck in Form eines ständigen Wiegens auf der schwarzen Waage zuhause hat sie zwar hinter sich gelassen, so ganz verdrängen kann sie das Erlebte aber nicht. Die tief in sie eingeschriebenen Erinnerungen sind in der Zwischenzeit aber auch zu einer künstlerischen Quelle geworden, denn Iva reüssiert als Musikerin. Sie hat erneut ein ein neues Album vorgelegt, dessen künstlerisches Potential sich auch aus dem Spannungsverhältnis mit ihrer Mutter speist.

Ihren Mann Felix und das etablierte Leben in Wien lässt sie aber gleich zu Beginn für eine kurze Zeit hinter sich, als sie sich in die alte Heimat nach Nord-Mazedonien begibt, wo ihr früheres Kindermädchen verstorben ist.
Was mit einer eindrücklichen Szene auf dem Friedhof beginnt, weckt auch bei Iva vergrabene Erinnerungen. Denn als Aufenthaltsort für den Abschied vor Ort erwählt sie sich ein Hotel aus ihrer Kindheit, in dem auch ihre Verwandtschaft lebt.

Das bringt Iva viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse in Bezug auf ihre Familie, obschon sie eigentlich im fernen Wien gerade selbst mit ihrem Mann eine Familie gründen will. Doch Erinnerungen und Messengerdienste sorgen für eine Bindung an Themen, mit denen sich die Musikerin vor Ort eigentlich gar nicht so vertieft beschäftigen wollte.

Zwischen Zeugungskraft und Mutterproblemen

Denn nicht nur, dass sich schon die Prüfung der Zeugungsfähigkeit ihres Mannes als großes Problem herausstellt, es gibt auch noch einen Geliebten, mit dem Iva eine amour fou verbindet. Auch das Thema ihrer Mutter ist noch nicht aus der Welt und so wohnt man im Falle von Luft nach unten einem ganzen Bündel an Themen und Problemen bei, das Iva zu umfangen droht wie ein ganzer Wald aus Schlingpflanzen, der einem beim Baden unter Wasser festzuhalten droht.

Was macht eigentlich eine Familie aus, was erzählt man sich, wie löst man sich von ihr und emanzipiert sich? Und ist es wirklich eine gute Idee, die eigene Familienplanung stur voranzutreiben, wenn viele eigene Themen noch gar nicht aufgearbeitet sind?

Diese Fragen stellt Tamara Štajners Text, der obschon auf den ersten Blick vielleicht in manchen Passagen vermeintlich etwas zu seicht ist (hier sind die die seitenweise ausgewalzten Themen der Abgabe einer Spermaprobe zwecks Untersuchung oder die für mein Empfinden etwas zu klischeebeladene Affäre zu nennen).

Auch könnte man Luft nach unten vorwerfen, dass er in Teilen zu sehr an der Oberfläche bleibt (die Geschehnisse in Nord-Mazedonien und die Rolle ihres Vaters, die dann im Mittelteil gar keine Rolle mehr spielt oder die immer wiederkehrenden digitalen Wutausbrüche Ivas, die irgendwann recht repetitiv werden, zählen hierzu).

Der Bruch zwischen Nord-Mazedonien und dem neuen Leben in Wien, er gäbe auch noch deutlich mehr her, als es uns Tamara Štajner zugesteht. Dennoch hat der Text durchaus Unterströmungen und einige Schlingpflanzen, die beim literarischen Bad in Luft nach unten lauern und die man sich gerne verheddert.

Fazit

Vermeintlich leicht und in Teilen komödiantisch, auf den zweiten Blick dann doch intensiver als zunächst gedacht, so ist Luft nach unten von Tamara Štajner, das die das Thema konfliktbeladener Mutter-Tochter Beziehungen, der Frage nach der Loslösung des Alten innerhalb von Familien und die Frage der Weitergabe von Mustern und Traumata an die eigenen Kinder verhandelt.
Legt man den in Klagenfurt präsentierten Text und den nun ausgearbeiteten Roman nebeneinander, so zeigt Luft nach unten eindrücklich, wie sich ein Text weiterentwickeln und noch reifen kann, wenn man ihm genug Raum und Zeit gibt.
Schön, dass Tamara Štajner sich für diese Reifung die Zeit genommen hat!


  • Tamara Štajner – Luft nach unten
  • ISBN 978-3-552-07582-5 (Zsolnay)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Emma Stonex – Sunshine Man

Gelb in allen Schattierungen bietet Emma Stonex in ihrem zweiten Roman Sunshine Man auf. Dabei erzählt sie vom Rachewunsch einer Frau und von der Schwierigkeit, sich dem Stigma der eigenen Familiengeschichte zu entziehen.


Mit ihrem Debüt Die Leuchtturmwärter gelang der Britin Emma Stonex ein Überraschungserfolg. Das Buch, das vom mysteriösen Verschwinden gleich mehrerer Männer von einer abgelegenen Insel vor der Küste Cornwalls erzählte, entwickelte sich nicht nur im englischen Sprachraum zu einem vielgelesenen Bestseller.

Nun, fünf Jahre später, gibt es Nachschub von Stonex. In der Übersetzung von Eva Kemper erzählt die Britin nun vom Sunshine Man – beziehungsweise zunächst erst einmal von Birdie Keller, die uns einen der eindrücklichsten Eingangssätze an den Kopf wirft, der in letzter Zeit auf dem hiesigen Buchmarkt zu lesen war:

Die Woche, in der ich einem Mann in den Kopf schoss, fing ganz normal an.

Emma Stonex – Sunshine Man, S. 11

Was und wie es dazu kam, das dröselt Stonex‘ Text erst ganz langsam auf. Denn warum Birdie Keller sich plötzlich eine lange gelagerte Waffe schnappt, ihren Mann und ihre zwei Kinder kurzerhand verlässt und sich auf eine fiebrige Jagd begibt, an deren Ende ein Schuss in den Kopf steht, das erklärt der Blick zurück auf ihre eigene Vergangenheit.

Die Wunden der Vergangenheit

Emma Stonex - Sunshine Man (Cover)

So wuchs Birdie bei einer Pflegemutter in Devon auf. Ihre Mutter übergab sie dieser nach ihrer Geburt im Jahr 1947 und machte sich daraufhin für lange Zeit aus dem Staub. Später kehrte sie kurzzeitig in Birdies Leben zurück, aber nur um ihrer Pflegemutter und ihr ein zweites Kind zu übergeben, ihre Halbschwester Providence. Gemeinsam wuchsen die beiden Frauen dort in Devon auf und knüpften freundschaftliche Banden.

Doch dann kam es zum grausamen Mord an Providence, der auch Birdies Leben auf den Kopf stellte. Die Gründung einer eigenen Familie und achtzehn Jahre, die seit diesem Ereignis vergangen sind, erweisen sich als dünne Tünche, die die darunterliegenden Verwerfungen in ihrer ganzen Drastik wieder zutage fördern, als Birdie einen entscheidenden Anruf erhält.

Der Mörder ihrer Halbschwester wird aus dem Gefängnis entlassen. Und so greift Birdie zur Waffe, um nun Selbstjustiz zu üben. Das erweist sich allerdings als deutlich komplizierter, als sie es sich zuvor in ihrer Fantasie ausgemalt hat. Der Wunsch nach Rache, er lässt sich nämlich nicht so leicht befriedigen, vor allem wenn auch der potentielle Mörder James Maguire seine eigene Geschichte zu erzählen hat.

Die Geschichte von Birdie und die Geschichte von James, Emma Stonex stellt sie in Sunshine Man gegenüber. Sie tut dies, indem sie über mehrere Großkapitel immer wieder die Perspektive wechselt. Vor allem die männliche Perspektive fällt dabei mit stilistischer Vielfalt auf. Denn nicht nur, dass Stonex aus der 3. Person auf ihn blickt, auch montiert sie noch Tagebucheinträge und Briefe, die mal gesendet und ein andermal nie abgeschickt wurden, in den Text.

Fragen von Rache und sozialer Vorbestimmung

So entstehen zwei Perspektiven, die tief in die Seelen blicken lassen. Das Aufwachsen Birdies und der nie wirklich versiegende Schmerz ob des Mordes an ihrer Halbschwester, dazu die Schmerzen von James Maguire, der aus einer aufgrund ihrer kriminellen Mitglieder gemiedenen Familie stammt. und diesen Makel nie wirklich loswird, Stonex erzählt anschaulich davon.
Manchmal wagt sie dabei sogar einen perspektivischen Gegenschuss, der die beiden zentralen Figuren noch genauer konturiert.

Dabei spart die britische Autorin auch nicht mit Drastik. Ein Mord, eine Vergewaltigung und der brodelnde Wunsch nach Rache, der James‘ Wunsch nach einem Neuanfang gegenübersteht, Stonex packt dies alles in ihren Text hinein.

So ist Sunshine Man auch ein Buch, das die Frage der Resozialisierung behandelt und der die sozialen Dynamiken der beiden Figuren beleuchtet, während die Rahmenhandlung ebenfalls einer gewissen Dynamik unterliegt. Denn von Exeter und Cornwall bis nach Devon reicht der Weg, den James und Birdie zurücklegen, während sie auch immer stärker das Lasten der Vergangenheit auf sich spüren.

Mal erinnert dieser Text an Louise Doughty, mal weckt Sunshine Man auch Assoziationen zu Megan Nolans Debüt oder dem US-Amerikaner Eli Cranor. Kann man der Vergangenheit und seiner Herkunft entkommen?

Gelb in allen Schattierungen

Diese Fragen wirken über den Text hinaus, dem im Ganzen vielleicht auch ein wenig dezenterer Einsatz der Signalfarbe Gelb gut getan hätte. Gefühlt auf jeder zweiten Seite taucht die Farbe Gelb auf, und das in allen Schattierungen. Gelbe Werbeplakate, gelbe Socken, goldene bis schmutzig-gelbem Ockertöne bevölkern den Text, bis auch der letzte Leser verstanden hat, dass diese Farbe ein Leitmotiv ist.

Hier wäre vielleicht etwas mehr Zurückhaltung angebracht gewesen, vor allem da Stonex Text ansonsten sprachlich durchaus nuanciert gearbeitet ist (Übersetzung aus dem Englischen von Eva Kemper). Von solchen Einwänden abgesehen ein starkes Buch, mit dem sich Emma Stonex nun zurückmeldet!


  • Emma Stonex – Sunshine Man
  • Aus dem Englischen von Eva Kemper
  • ISBN 978-3-7587-0040-8 (S. Fischer)
  • 395 Seiten. Preis: 24,00 €

Iwan Heilbut – Zugvögel

Wahrscheinlich werde niemals mehr jemand seine Schriften drucken, so mutmaßte Hans Magnus Enzensberger in einem Zeitungsartikel aus dem Mai 2006 über Iwan Heilbut. Bei einer Ausstellung zur Eröffnung des Literaturmuseums in Marbach war Enzensberger über ein Gedicht des 1898 geborenen Heilbuts gestolpert und veröffentlichte in der Folge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, in dem er den spärlichen Spuren des heute nahezu vollkommen vergessenen Dichters nachspürte (Heilbut? Nie gehört! – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2006, Nr. 119, S. 39).

Dass selbst große Geister wie Enzensberger irren konnten, darauf weist Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort zu Zugvögel hin, dessen Erscheinen zwanzig Jahre nach Enzensbergers Artikel diese Einschätzung ad absurdum führt.
Zugvögel ist eine wirkliche Entdeckung, die den vergessenen Heilbut und dessen Schicksal eindrücklich wieder ans Licht der literarischen Öffentlichkeit zurückholt. Zum Glück!


Längst hat sich Peter Graf auf dem deutschen Literaturmarkt einen Namen als Entdecker von Unbekanntem und Vergessenem speziell in Bezug auf Exilliteratur gemacht. So ist er einer der Herausgeber des fabelhaften, preisgekrönten Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, in dem zuletzt das von ihm wiederentdeckte Londoner Tagebuch der jungen Lili Cassel-Wronker erschien. Ebendort sorgte er für die Wiederentdeckung Susanne Kerckhoffs und ihrer Berliner Briefe, ebenso wie die Werke weiterer Autorinnen und Autoren wie Lilli Körber oder Bruno Frank, die andernfalls dem Vergessen preisgegeben wären.

Doch nicht nur im eigenen unabhängigen Verlag publiziert Graf, auch platziert er immer wieder einzelne Neuausgaben von vergessenen Stimmen der Exilliteratur bei großen Verlagen wie etwa das Werk Ulrich Alexander Boschwitzbei Klett-Cotta, wo ebenfalls die von Graf editierten Tagebücher Hermann Stresaus erschienen. Auch seine (leider schon vergriffene) dreibändige Sammlung von Feuilletontexten zur Zeit der Exilliteratur bei der wbg sorgte für viel Aufmerksamkeit.

Nun hat er im Claassen-Verlag in Gestalt von Verlegerin Myriam Schellbach einen weiteren Partner gefunden, der einer dieser vergessenen Stimmen wieder Gehör verschafft. Es ist die Stimme von Iwan Heilbut, dessen Typoskript letzter Fassung Graf nun endlich auch auf Deutsch zugänglich macht. Erschienen war Birds of passage im Jahr 1943 nur auf Englisch, da es Heilbut in seinem New Yorker Exil verfasst hatte.

Iwan Heilbuts Nachlass im Deutschen Exilarchiv

Iwan Heilbut - Zugvögel (Cover)

Graf sichtete nun den Nachlass, bei dem sich das an die in Frankfurt beheimatete Deutsche Nationalbibliothek angeschlossene Deutsche Exilarchiv 1933-1945 abermals als Hort größer literarischer Reichtümer erwies. Denn neben Korrespondenzen und Skizzen befindet sich dort das Original von Birds of passage, über dessen Übersetzung und vor allem die darin vorgenommenen Kürzungen Heilbut alles andere als glücklich war, wie Graf in seinem Nachwort schreibt.

Nun lässt sich Zugvögel auch in Iwan Heilbuts Muttersprache in ganzer Länge von immerhin 632 Seiten entdecken. Darin erzählt er die Geschichte von Edvard und Rahel, die sich in großen Teilen mit der Geschichte ihres Autors decken dürfte. Denn wie Iwan Heilbut selbst sind auch Edvard und Rahel aus Deutschland emigriert und leben zu Beginn des Romans in der Rue de Tournon im 6. Arrondissement in Paris (nur eine Nebenstraße vom intellektuellen Spannungsfeld der Rue de L’Odeon entfernt).
Es ist die Straße, die auch lange Zeit Heilbuts Heimstatt war.

Dort sehen die beiden der Geburt ihres Kindes freudig entgegen. Doch die Zeiten im Jahr 1939 sind alles andere als freudig, denn es liegt auch sehr viel Anspannung in der Luft. Die deutschen Truppen der Nationalsozialisten marschieren gen Frankreich, was sich in Hektik und Unruhe äußert.

Schicksale in Paris

Das junge Paar spürt diese Unruhe am eigenen Leib, denn nicht nur, dass ihr äußerst wankelmütiger Vermieter und das intrigante Mutter-Tochter-Gespann der Cognacs das Paar am liebsten gleich aus ihrer Wohnung in der Rue de Tournon entfernt wüsste. Auch ordnet der Staat die Einberufung Edvards in ein Internierungslager an. Denn alle in Frankreich lebenden Ausländer waren quasi über Nacht zur Gefahr für den Staat geworden. Und so sollten sich Frauen mit nicht-französischen Wurzeln kurzerhand in der Radsporthalle des Velodrome d’Hiver einfinden, Männer hatten das Buffalo-Stadion aufzusuchen, wo sie dann unter Aufsicht versammelt werden sollten.

Ich sagte: „Wir können nicht fort. Das Land hat uns aufgenommen, wir haben fast sieben Jahre hier gelebt, fröhliche Stunden und schwere… Man geht ja auch nicht von seiner Mutter fort, weil das Schwere kommt. Wenn es uns schlecht gelohnt wird, so ist es nicht Frankreich, das uns das tut.
Aber ich dachte: Mein Kind. Der Ungeborene lag so dicht neben mir, dass ich ihn sagen hörte: Ihre werdet mich doch nicht in der Fremde aussetzen? Es soll auf Erden, besonders zurzeit, etwas stürmisch sein. Aber Pardon, ihr habt mich gewollt und nun bleibt ihr bei mir. Ich brauche euch beide.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 38

Doch auch wenn das Paar dieser Gefahr noch trotzen konnte, so kann Edvard einer abermaligen Internierung dann nicht mehr entrinnen. Zusammen mit anderen, dem Staat verdächtig erscheinenden Männern wird er von seiner Frau und dem Neugeborenen getrennt und im Lager mit dem bezeichnenden Titel La Macabre interniert. Ein Diamanthändler, ein Professor und andere höchst unterschiedliche Männer, die alleine ihre Nationalität eint, werden damit zu einer Schicksalsgemeinschaft in dem Internierungslager, das im kleinen Städtchen Angoulême nahe der Bucht von Biskaya im Westen Frankreichs errichtet wurde.

Interniert in La Macabre

Dass Honoré de Balzac einen Teil seines Romans Verlorene Illusionen in ebenjenem Städtchen Angoulême spielen lässt, ist in puncto Titel mehr als bezeichnend. Denn geradezu quälend genau beschreibt Heilbut über mehrere hunderte Seiten hinweg (gespeist aus eigener Erfahrung, der auch er selbst eine Zeit in einem solchen Lager verbringen musste), von der Hoffnungslosigkeit und dem Bangen, der Ablenkung und dem Wahnsinn, die sich im Lager breitmacht, während die Deutschen immer weiter auf das Lager dort vorrücken und sich immer mehr Illusionen zerschlagen.

„Es ist zu viel“, schrie ich mit voller Lungengewalt. Zum ersten Mal seit der Internierung kam mir die Macht zum Bewusstsein, die der Leidende besitzt. „Das ist zu viel! Zu viel! Lasst mich los! Genug! Wer La Macabre erlebt hat, kann nichts mehr verlieren!“

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 521

Selbstmorde, die quälende Ungewissheit über das Schicksal seiner Frau und seines von ihm liebevoll Môme geheißenen Kindes, die Schicksalsgemeinschaft von Intellektuellen und Arbeitern, dazu viele Dialoge und seitenlangen Gespräche, all das führt die Hoffnungslosigkeit dort im Lager eindrucksvoll vor Augen, braucht aber auch Durchhaltevermögen vom Leser.

Auf der Flucht

Geschickt erzeugt Heilbut auch Spannung, was durch ein zeitweises Verschwinden seines eigenen Kindes und die Frage nach dem Schicksal seiner Frau in Paris ins Buch findet. Bang nimmt man Anteil am Schicksal der jungen Familie, was im letzten Teil des Buchs dann auch Erinnerungen an Uwe Wittstock großartiges Fluchtpanorama Marseille 1940 weckt.
Dieser erzählt von der Flucht gen Spanien und Lissabon sowie die finale Rettung auf ein Schiff. Hier bekommt die Erzählung dieser Familie auf der Flucht fast noch etwas Biblisches, gleich dem Schicksal Joseph und Marias mit ihrem Neugeborenen, die den Häschern des Herodes entgehen wollten. Heilbut spart hier nicht mit Symbolik, die die neue Heimatlosigkeit mit fast königlichen Momenten kontrastiert.

Der Môme, das ungebrochene, triumphierende Leben, saß auf dem Arm seiner Mutter, ein Infant voller Macht.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 619

Besonders berührend wird dieses Schicksal, wenn man weiß, dass auch Iwan Heilbut es teilte. Er war einer der weniger prominenten Namen auf der Rettungsliste, mit der der US-Amerikaner Varian Fry in Marseille arbeitete, wo dieser unter hohem persönlichen Einsatz viele bekannte wie auch unbekanntere Namen mit seinem Emergency Rescue Committee vor dem Zugriff der Nazis retten konnte. Der ebenfalls von Peter Graf wiederentdeckte Bruno Graf war es, der ihm die Flucht und den Neuanfang in Amerika ermöglichte und der damit dafür sorgte, dass Heilbut seine Zugvögel zeitlebens immerhin auf Englisch im Exil veröffentlicht sah.

Das Schicksal dieses vergessenen Autors und die literarische Bearbeitung seiner Erfahrungen in Form dieses Buchs sind ein Mahnmal für die Schrecken des Kriegs, den die Nazis über Europa brachten und unter dem Menschen wie Edvard und Rahel besonders leiden mussten. Der Verlust der Heimat, die Ungewissheit und die Verlorenen Illusionen, all das lässt sich durch die Lektüre Heilbuts eindringlich nachvollziehen und zeigt, dass entgegen der Annahme Hans Magnus Enzensberger die literarische Öffentlichkeit doch auch 54 Jahre nach seinem Tod noch für ihn interessiert.

Es wäre von daher zu wünschen, dass diese Entdeckung Iwan Heilbuts nun eine dauerhafte ist und dessen Roman endlich zur Riege der großen Exil- und Fluchtromane findet, wo Zugvögel unzweifelhaft hingehört!


  • Iwan Heilbut – Zugvögel
  • Editiert, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
  • ISBN 978-3-546-10159-2 (Claassen)
  • 656 Seiten. Preis: 29,00 €

Megan Abbott – El Dorado Drive

Wer am Rad dreht, dem ist in Megan Abbotts neuem Roman möglicherweise finanzieller Gewinn beschieden. Genauso kann das System, das einige Vorstadtdamen ersonnen haben, aber auch zum Tod führen, wie El Dorado Drive zeigt.


Es gibt wohl kaum eine Stadt, die den tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel so symbolisiert, wie Detroit. Motown und Motoren, das war einmal. Der Strukturwandel macht auch vor der ehemaligen Herzkammer automobiler Produktion nicht Halt.

Über 60 Prozent der Bevölkerung seit der Spitzenzeit in den 1950er Jahren hat die Stadt verloren, zeitweise war die Metropole so insolvent, dass sie unter finanzielle Zwangsverwaltung gestellt wurde. Hier ist nicht nur die Autorin Megan Abbott geboren, hier siedelt sie auch ihren neuen Roman an, der um die drei Schwestern Debra, Harper und Pam Bishop kreist.

Der Strukturwandel und die Bishop-Schwestern

Sie alle haben die finanzielle Sorglosigkeit kennengelernt, doch der Strukturwandel hat auch die drei Schwestern erreicht – und ihr Leben nicht zum Besseren gewendet, im Gegenteil. Pam wurde von ihrem Mann Doug verlassen, die Schwestern helfen sich gegenseitig aus und wollen das Leben mit Partys nicht lassen – die Finanzierbarkeit ihres Lebensstils steht aber auf wackeligen Füßen. Dennoch will der Schein gewahrt sein, auch für Pams Sohn Patrick, der nun seinen Abschluss feiert.

Alle kamen sie in Pams Haus im El Dorado Drive, in dem sie zur Miete wohnte, zur Feier zusammen, die sie schon seit Wochen, wenn nicht Monaten vorbereitet hatte. Die Planungen glichen denen für eine Hochzeit, eine königliche Hochzeit geradezu, und Harper erwartete beinahe, dass Patrick in einer Pferdekutsche vorfuhr.
Mom, das musst du doch nicht, versicherte Patrick ihr immer wieder, bis zur letzten Minute beunruhigt, dass er die Gnaden-Drei in Trigonometrie vielleicht doch nicht schaffen würde. Wir können auch einfach nur abhängen. Ist doch cool.
Doch Pam war die Schwester, die Partys plante, eine gute Gastgeberin sein wollte, sich mit dem Feuereifer eines Generals, der seine Truppen in die kriegsentscheidende Schlacht wirft, in alles hineinstürzte. Das ergab einen gewissen Sinn, als sie noch mit Doug verheiratet, Vorsitzender der Junior League und des Elternbeirats war, als sie in einer Villa mit fünf Schlafzimmern und Säulenfassade an einer prächtigen Allee in der Nähe des Sees wohnte und mindestens drei Gesellschaften im Monat gab – Dinnerpartys, Benefizpartys, Kennenlernpartys, Mittagsgesellschaften, Empfänge.
Diese Zeiten waren allerdings vorbei, lange vorbei, weshalb diese Party ihr viel mehr bedeutete, den Stellenwert einer Krönung hatte, die gespenstische Verzweiflung des D-Day verströmte.

Megan Abbott – El Dorado Drive, S. 18 f.

Der Ex-Mann hat die gemeinsamen Ersparnisse geplündert, glänzt mit Abwesenheit und ist in halbseidene Geschäfte verstrickt, immer nebulöser werden seine geschäftlichen Aktivitäten, denen er aber unverdrossen nachgeht. Pam steht derweil vor der Frage, wie sie die Studiengebühren für ihren Sohn berappen soll, als die Lösung aller Probleme durch eine andere Frau, das Paradebeispiel einer Soccer Mom, in greifbare Nähe rückt.

Willkommen im Club

Megan Abbott - El Dorado Drive (Cover)

Wie auch ihre Schwester Harper werden die Frauen Teil des sogenannten „Rads“, einem Club, den die Frauen rund um die selbstsichere Sue Fox aufgezogen haben. Es ist das bekannte Schneeballsystem, auf dem die Funktionsweise des Rads beruht.
Jede Frau zahlt als Eintrittsgebühr in den Club 5000 Dollar in bar, die dann die Frau an der Spitze erhält, die die anderen Frauen geworben hat. Dann rücken die Neumitglieder langsam nach an die Spitze der Pyramide, während die nun von der Spitze gestoßenen Frauen derweil neue Rad-Gruppen gründen können, um so ihr Geld zu mehren.

Die Folge sind Partys, die auch vom aktuellen US-amerikanischen Präsidenten inspiriert sein könnten. Wenig Stil und Klasse, dafür viel Bling Bling herrscht auf den Partys, auf denen sich die Frauen gegenseitig mit dem neu generierten Bargeld überhäufen und sich gegenseitig mit den Inszenierungen des neu gewonnenen Reichtums ausstechen möchten.

Den Ängsten des sozialen Abstiegs begegnet man mit einer umso offensiveren Feier dessen, was man dem Untergang entgegensetzt. Doch auch die Instabilität jedes Schneeballsystems lernen die Frauen kennen. Denn was als Beschreibung des sozialen Abstiegs und deren umso verzweifelteren Inszenierung einer heilen Welt begann, kippt in einen Krimi, als eine der drei Bishop-Schwestern ermordet in ihrem Mietshaus aufgefunden wird.

Plötzlich bricht Panik unter den Frauen aus und die zuvor gefeierte Schwesternschaft der Vorstadt-Damen erweist sich als höchst brüchiges Miteinander. Rasch entwickelt das System des „Rads“ unerwartete Fliehkräfte, die den geheimen Club und auch die Bishop-Schwestern selbst zur Implosion bringen könnte….

Mit ihren Romanen umkreist Megan Abbott immer wieder amerikanische Kultur und die Geschlechterverhältnisse kriminalliterarisch. So widmete sie sich in ihrem letzten Buch Wage es nur dem Cheerleadersport und wagt sich nun an ein in der Breite noch viel dominierendes Thema, wenngleich man es nicht so ausstellt wie den Cheerleadersport: die Angst vor sozialen Abstieg und die Mittel, die die schwindende amerikanische Mittelschicht dem entgegensetzt.

Money, Money, Money

In Zeiten, in denen in den USA Elon Musk durch Börsengänge zum ersten Billionär der Geschichte wird, die Superreichen Zugewinne ihres Vermögens feiern, während die breite Masse von Inflationssorgen und wirtschaftlichem Abstieg gepeinigt wird, liefert El Dorado Drive einen diagnostischen Blick auf diese fragile Mittelschicht im Kleinen.

Obgleich der Roman erst spät durch einen Mord und der nebenbei behandelten Frage nach Täter und Motiv im Genre des Kriminalromans zu verorten ist, ist Megan Abbotts von Peter Hammanns aus dem amerikanischen Englisch übersetzter Roman doch vor allem einer, der dem Geld, seiner Faszination und seiner lebensprägenden Möglichkeiten nachspürt.

Auf den Club kam es nicht an, sagte sie sich. Hier ging es um Mord, nicht um Geld. Aber wenn Doug tatsächlich dafür verantwortlich war, ging es dann nicht auch um Geld?
Und er wusste von dem Club, wenigstens so ungefähr. Und von dem Geld.
Es ging immer ums Geld. Immer ums Geld.

Megan Abbott – El Dorado Drive, S. 276

So funktioniert Abbotts Buch als eine Art Finanz-Gesellschaftsroman im Kleinen, der einem Thema Raum gibt, das zwar als Gefühl breite Schichten nicht nur in der US-amerikanischen Gesellschaft umtreiben dürfte, für das die Literatur aber noch keine adäquaten Umgangsformen gefunden hat. Abbotts Roman adressiert nun dieses Gefühl, macht die materiellen Abstiegssorgen greifbar, inszeniert ihre Geschichte an einem stimmigen Handlungsort und beweist damit ihr feines Sensorium für die Verschiebungen Gegenwart.
Dass das auf (kriminal)literarisch überzeugende Art und Weise so geschieht (ohne an dieser Stelle auch noch Tschechows Drei Schwestern bemühen zu wollen), das macht das Buch zu einer echten Empfehlung.

Wunderbar, das sich der unabhängige Kleinverlag Pulp Master von Frank Nowatzki um die Herausgabe der Königin des Female Noir weiter verdient macht und solche Perlen abseits des Mainstreams auch für deutsches Lesepublikum zugänglich macht.


  • Megan Abbott – El Dorado Drive
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
  • ISBN 978-3-946582-29-8 (Pulp Master)
  • 440 Seiten. Preis: 18,00 €