Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon

Ein Luxushotel in Appalachen, Ströme von Süßwasser und dazu noch drei Dackel, die der Hoteldirektorin auf Schritt und Tritt folgen. Maggie Stiefvater kreuzt in ihrem Roman Grand Hotel Avalon einen Hotelroman mit Zeitgeschichte und Mysteryelementen. Das Ergebnis? Überzeugt leider nicht vollumfänglich.


Wenn man einen Ort für Luxus sucht, dann ist das Grand Hotel Avalon und Spa sicherlich ein Ort, den man dafür in Betracht ziehen sollte. Denn in dem von Maggie Stiefvater erfundenen Hotel in den Bergen der Appalachen fehlt es sich an nichts. Drei Bibliotheken, eine große Küche, die für die Wünsche der Kunden da ist, dazu vier Badehäuser, genannt Avalon I bis Avalon IV, ein ganzes Heer an Zimmermädchen, Aufzugspersonal und dergleichen mehr, nebst Luxussuiten im Haus und Cottages auf dem Gelände. Als Hotelgast ist man hier wirklich König oder Königin.

Doch selbst eine solch abgelegene Gegend wie die der Appalachen bleibt nicht von den großen Zeitläufen verschont. Das muss die Hoteldirektorin June Hudson feststellen, als die Vorbereitungen zum jährlichen Ball rüde unterbrochen werden. Statt sich weiter den Abstimmungen mit Musik und Service und den an den Lüster des Ballsaals applizierten Gedichte Robert Burns widmen zu können, stehen plötzlich FBI-Beamte vor dem Portal des Hotels, die verfügen, dass normalen Gäste auf Geheiß der Regierung das Avalon sofort verlassen müssen.

Besonderer Besuch im Grand Hotel Avalon

Maggie Stiefvater - Grand Hotel Avalon (Cover)

Anstelle der üblichen Besucher*innen steht dem Hotel nun besonderer Besuch ins Haus. Dreihundert Diplomaten und deren Angehörige sollen im Grand Hotel Avalon einquartiert werden, darunter Japaner, Italiener und Deutsche. Wir schreiben nämlich das Jahr 1942 und der Weltkrieg ist nun in vollem Gange, nachdem Japan kurz zuvor die US-amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor angegriffen hatte.

An June und ihrem Team ist es nun, die verfeindeten Nationen unter dem Hoteldach zu beherbergen, während die FBI-Agenten von den Internierten Kenntnisse über bevorstehende Angriffe und militärische Winkelzüge ihrer Nationen zu erlangen versuchen. Mit viel Disziplin versucht June vor allem in Form ihres Alter Ego „Hoss“ die Hotelmannschaft auf Linie zu bringen und persönlich für das Wohl des Hauses zu sorgen.

Dieses Wohl, so zeigt es uns Maggie Stiefvater, hängt dabei nicht nur mit der Personalführung zusammen. Auch das Süßwasser, das unter dem Hotel hindurchströmt und in Form von Brunnen der Bäder überall im Hotelkomplex anzutreffen ist, spielt eine entscheidende Rolle und sorgt für die ganz besondere Atmosphäre, die das Grand Hotel Avalon kennzeichnet.

Maggie Stiefvaters literarischer Hintergrund

Neben der realistischen Schilderung des Hotels und seiner Gäste weist Grand Hotel Avalon auch eine hohe Mysterydichte auch. Das rätselhafte Wasser, auf das June einwirken kann, dazu noch Glasschnecken, die überall im Haus anzutreffen sind und die mit dem Wasser in Zusammenhang zu stehen scheinen, sie weisen eher in die Richtung eines Fantasyromans.

Das kommt nicht von ungefähr, denn bislang trat Maggie Stiefvater fast ausschließlich mit Fantasyromanen für jüngere Leserschichten in Erscheinungen.

Romane wie der Raben-Zyklus um magiebegabte „Ravenboys“ einer Privatschule oder die im Urban-Fantasy-Genre verhafteten Dreamer-Trilogie waren bislang die Domäne von Stiefvater, die nun die Fantasy-Elemente ihres Schreibens mit Zeitgeschichte kreuzt.

Das Ergebnis ist leider etwas halbgar. Denn obschon auf fast jeder Seite das Süßwasser rauscht und June durch die Gänge hastet, plätschert das Buch selbst vor sich hin, ohne auf einen erkennbaren Höhepunkt zuzusteuern.

Rätselhaftes Süßwasser

Die Gäste ziehen ein, das Hotelpersonal gibt sein Bestes, um die Nationen zu beherbergen, ein FBI-Agent ringt um Erkenntnis und June wird zwischen den verschiedenen Parteien aufgerieben, immer drei Dackel im Gefolge, die ihrer Herrin treulich folgen. Dazu kommt noch die Liebe mit ihren unberechenbaren Volten, die June ebenfalls reichlich beschäftigen wird.
Das ist ganz solide geschildert, verschenkt aber enorm viel erzählerisches Potenzial, das in der Grundanlage des Romans stecken würde.

Viele der Figuren bleiben reichlich blass und allzu schematisch gezeichnet. Das deutsche Fliegerass? Gutaussehend. Der Naziarzt mit Spritze? Geheimnisvoll. Einer der FBI-Agenten? Ein Frauenheld.

Über solche Zuschreibungen kommt Maggie Stiefvater in zu vielen Fällen nicht hinaus und belässt die verschiedenen Delegationen zu schemenhaft — dabei wäre das doch eigentlich der spannende Kern des Romans gewesen: das Mit- oder Gegeneinander verschiedener Nationen, die durch den Krieg zu Feinden wurden, nun aber auf engstem Raum irgendwie miteinander auskommen müssen, während die USA als Gastgeber des Ganzen in den Krieg eintreten.

Derlei Dynamiken erkundet der Roman leider fast überhaupt nicht und konzentriert sich auf Junes Hadern mit ihrer Loyalität zur Eignerfamilie des Hotels und ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Männern, was mit zunehmender Lauflänge des Romans auch etwas redundant wirkt.

Fazit

Hier bleibt Grand Hotel Avalon leider deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Etwas weniger Süßwasser, mehr Interesse für die Figuren und ihre Interaktionen, das hätte Maggie Stiefvaters Roman deutlich spannender geraten lassen, als sich das Buch nun im Endeffekt präsentiert.


  • Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • ISBN 978-3-10-397566-6 (S. Fischer)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim

Dass das Miteinander der Völker in Jerusalem nicht nur in diesen Tagen einem Pulverfass gleicht, das zeigt der historische Roman De Vriendt kehrt heim. Im 1932 erschienenen Roman von Arnold Zweig ringen Orthodoxe, Zionisten, Araber und englische Besatzungsmächte um die Macht in der Stadt. Der Mord an einem intellektuellen Scharfmacher passt da gar nicht hinein, und doch kommt es dazu – mit gravierenden Folgen.


„Verrat tötet.“ Mit diesen Worten wird Jizchak Josef de Vriendt in einer Gasse Jerusalems niedergeschossen – und das ziemlich genau in der Mitte des Romans, der sich zuvor ausführlich dem Mordopfer gewidmet hat.

Dass de Vriendt nicht gewarnt war, könnte man nicht behaupten. Schon zuvor hatte ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstmannes Lolard Irmin seinen Dienstherrn gewarnt, da er eines Nachts in einer Gasse ein Gespräch belauscht hatte, in dem zwei Männer den Tod des holländischen Dichters und Intellektuellen forderten. Doch auf die Warnungen und die inständigen Bitten Irmins wollte De Vriendt nicht wirklich hören.

Ein Mord in den Gassen Jerusalems

Arnold Zweig - De Vriendt kehrt heim (Cover)

Mit seinen unversöhnlichen Positionen zu Orthodoxie und seiner Abneigung des Zionismus — aus seiner Sicht ein klarer Irrweg— hatte er nicht nur unter seinen Bekannten viel Gegenwind und Widerspruch verursacht. Zeitschriften titelten gegen Jizchak Josef de Vriendt und forderten seinen Kopf, bis es dann nach der Hälfte des Romans tatsächlich zur Bluttat kommt.

Drei Kugeln treffen de Vriendt – und wirken wie ein Brandbeschleuniger in einem Konflikt, der zuvor schon lange schwelte.
Die Debatten um Zionismus, Orthodoxie und das rechte Miteinander von Juden und Arabern entwickelt sich schnell zu einem Flächenbrand. Immer wieder kommt es zu Pogromen in Jerusalem und an anderen Stellen in Palästina, wo sich die aufstachelnden Worte nun in Taten übersetzen:

Überall geschehen befremdende Taten, grauenvolle, heldenhafte. Arabische Männer des Dorfes Surbah’r geleiten befreundete Juden, die sich bei ihnen versteckt hatte, sorgsam nach Jerusalem und werden auf dem Rückweg von einer britischen Patrouille niedergeschossen.

Auf die Ermordung von Juden durch unbekannte arabische Täter antwortet Blutrache: die Ermordung arabischer Familien durch unbekannte jüdische Täter. Ein gelehrter britischer Jude, der vom Ertrag seines Vermögens intelligente arabische Jugend auf Universitäten geschickt hat und leidenschaftlich an der Hebung des geistigen Lebens seiner moslemischen Mitbürger arbeitet, wird von seinem arabischen Chauffeur mitten in den bewaffneten Demonstrationszug hineingefahren und an der Seite seines Sekretärs ins Herz gestochen: den rettet nur der Tarbusch auf seinem Kopfe. Jüdische Arbeiter verteidigen eine Moschee gegen jüdische Angreifer, arabische Frauen decken jüdische Greise gegen die Messer arabischer Burschen. Das ist Bürgerkrieg in seinem Wirrwarr, seiner scheußlichen Unberechenbarkeit; er bricht aus und erlischt wieder, herrscht bald da, bald dort, Tage, manchmal Stunden, anderswo wieder Wochen. Jedenfalls stockt dem Lande Puls und Atem: unter britischer Verantwortung, ein gesittetes Land, und nun überall Mord, Verwundung, Raub und Feuer!

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 167

Das Massaker von 1929

Was Arnold Zweig hier beschreibt, ist leider alles andere als eine Fiktion, wie nicht zuletzt die Gegenwart zeigt. So beruht die Figur des Jizchak Josef de Vriendt auf einem historischen Vorbild, nämlich dem „unglücklichen Dichter und unseligen Politiker J. I de Haan“, wie Arnold Zweig im beigefügten Nachwort der holländischen Ausgabe seines Romans schreibt.

Dieser hatte sich vom Zionisten zum ultraorthodoxen Anti-Zionisten gewandelt und wurde 1924 in Jerusalem erschossen. Zweig datiert diesen Mord fünf Jahre nach hinten, um ihn dann mit dem historischen Ereignis des Massakers von 1929 zu verschmelzen und so das fragile Miteinander von Juden und Arabern zu zeigen, was er aus dem Mord an de Vriendt ableitet.

Dabei ist sein Roman kein Kriminalroman, auch wenn ein Verbrechen und die Suche nach Tätern eine Rolle spielen. Vielmehr interessiert sich der 1934 selbst nach Haifa emigrierte Zweig für die sozialen Dynamiken und die Bruchlinien in Jerusalem als pars pro toto für das ganze Land.

Konflikte und Bruchlinien in Israel

Nach anderthalb Jahren harter Arbeit unter den sephardischen und jemenitischen Kindern von Akko hatte sie ihren Mann geheiratet. „Wir sind schon ein sonderbares Stück menschlicher Materie“, erklärte sie, ihre schönen Augen nachdenklich auf dem Pflaster der Herzl-Straße, die man bergab ging. „Wir haben kaum hundertfünfzigtausend Juden hier, und schon bilden wir uns ein, die Erde kreise um uns“.

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 189

Das ist nicht immer ganz leicht zu lesen, wirkt manchmal durch den Ton reichlich antiquiert und etwas ausufernd – auch ist ein Aspekt wie die „Knabenliebe“ de Vriendts zu einem arabischen Jungen heute wohl noch deutlich problematischer als die leicht exotisierende Beschreibung Arnold Zweigs in seinem Buch. Dennoch hat De Vriendt kehrt heim auch heute noch seine Qualitäten, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Konflikte, die wie eine Fortführung der alten Fehden und Streitereien wirken.

Nicht ganz glücklich ist in meinen Augen dabei die editorische Entscheidung, den Anmerkungsapparat mit der Erklärung vieler zeithistorischer Bezüge und Namen kommentarlos ans Buchende zu verbannen, statt mit Fußnoten oder Markierungen im Text anzuzeigen, dass sich weiter hinten im Buch Erklärungen zu Begriffen wie den deutschen Templern, Schaufäden oder der Balfour-Deklaration befinden.
Eine Markierung solcher Begriffserklärungen direkt im Text würde die Lektüre dieses kenntnis- wie anspielungsreichen historischen Buchs deutlich erleichtern.

Fazit

So oder so ist die Neuausgabe dieses Buchs aus dem Jahr 1932 eine interessante Geschichtsstunde, die um einen politischen Mord kreist, der stellvertretend für die vielen Konflikte steht, die nicht nur damals, sondern auch heute noch Israel und Palästina zu zerreißen drohen. Hoffnungsfroh stimmt sie dabei nicht, die Lektüre von Zweigs Buch, aber viele Streitereien klarer erkennen lässt De Vriendt kehrt heim allemal.


  • Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim
  • Mit einem Vorwort von Meron Mendel
  • ISBN 978-3-8477-2065-2 (Die Andere Bibliothek)
  • 272 Seiten. Preis: 26,00 €

Michael Maar – Das violette Hündchen

Dass nicht nur der Teufel, sondern auch große Literatur im Detail stecken kann, das beweist Michael Maar mit seiner neuen Stilkunde Das violette Hündchen. Darin widmet er sich wieder einmal seinen Hausgöttern wie Vladimir Nabokov, Marcel Proust oder Thomas Mann, entdeckt aber auch in hierzulande unbekannteren Autor*innen wie Colette oder Werner Bergengruen raffinierte Details und Literatur, die einer genauen Lektüre lohnt.


Es gibt sprechende, stille, verräterische, Plot-entscheidende, atmosphärische, anekdotische, metaphorische, humoristische und schaurige, erschütternde und obszöne, melancholische und schiefe Details. Und eben jene nicht weniger reizvollen, ganz beiläufigen violetten Hündchen.

Michael Maar – Das violette Hündchen, S. 18

So schreibt Michael Maar in der Einleitung seiner neuen Stilkunde, die das violette Hündchen schon im Titel trägt und das bei dem ersten Blick auf das Cover für Stirnrunzeln sorgen dürfte. Welches violette Hündchen ist da nur gemeint, hat man in den großen Klassikern der Weltliteratur etwas überlesen? Offensichtlich ja, wie Michael Maar gleich zu Beginn seines Buchs ausführt. Denn das titelgebende Hündchen, es stammt aus keinem geringeren Werk als Lew Tolstois Epos Krieg und Frieden.

Das violette Hündchen in der Weltliteratur

Michael Maar - Das violette Hündchen (Cover)

Die Existenz eines violetten Hündchens in diesem Großroman dürfte aber den wenigsten Leser*innen erinnerlich sein. Kein Wunder, denn beim Hündchen handelt es sich um eine Figur, deren „Existenz zur Handlung rein gar nichts beiträgt und dessen Fehlen kein Leser von Krieg und Frieden als Lücke empfunden hätte“, so Michael Maar. Und dennoch hat das Hündchen seinen Platz, zeigt es doch höchst subtil und elegant den Tod einer Figur, die Tolstoi indirekt durch das Hündchen erzählt.

Nur ein Beispiel für die Relevanz der Details, die sich einer flüchtigen Lektüre verbergen, in denen teilweise ganzen Dramen kulminieren und die, einmal entdeckt, durchaus erhellend für die ganze Lektüre sein können, wie Maar in seinen Werk- und Schriftstellerporträts zeigt.

Dabei ist sein Werk wie schon der Vorgängerband Die Schlange im Wolfspelz wieder eine wahre Wunderkammer, die weniger formstreng denn höchst verspielt den großen und kleinen Details nachspürt. So lässt er in einem Streitgespräch zwei hochgelehrte Leser über Jane Austen und die Details in ihrem Oeuvre streiten, mal versucht er sich in einem Intermezzo nur vom Sessel aus an alle Details zu erinnern, die ihm von den Lektüren unterschiedlicher Werke im Gedächtnis geblieben sind.

Eine Wunderkammer an Porträts und Werkeinführungen

Im Falle der Schriftstellerin Colette begnügt er sich nicht mit einer kurzen Einführung, sondern liefert eine geradezu barocke Einführung in ihr Leben, ehe er sich ihren Werken widmet. Neben den altbekannten Hausgöttern Maars, denen er sich auch schon in anderen Werken gewidmet hat wie etwa Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Franz Kafka, Vladimir Nabokov oder Virginia Woolf gibt es in Das violette Hündchen auch neue und erfreulich welthaltige Stimmen zu entdecken wie beispielsweise Nagib Mahfuz und dessen Midaq-Gasse. Auch sind neben Klassikern auch aktuelle Titel wie Daniel Kehlmanns Tyll oder Jonathan Franzen mit seinem Werk Crossroads neben Genreklassikern wie J. R. R. Tolkien oder William Faulkner vertreten.

Dass sein Buch zu wenig ausgreife, das kann man dieser Stilkunde nicht vorwerfen. So kommt Maar über eine Vorstellung Mark Twains Klassiker Huckleberry Finn bis zur Frage, wer William Shakespeare wirklich war. Wenn sich während der Lektüre in all den Porträts und Werkvorstellungen auch die Frage stellt, ob es hier wirklich noch ums Detail geht, schafft es Maar dann in solchen Passagen aber doch auch wieder zu belegen, dass Details entscheidend weiterhelfen können, sogar bei der Frage, wer hinter dem Markennamen Shakespeare steckte.

Kann Spuren von Thomas Mann-Rezyklat enthalten

Schade nur, dass sich Maar in dem Buch teilweise selbst recycelt. Denn neben wohlbekannten Exkursen zu Tagebüchern wie dem von Samuel Pepys fällt vor allem das Kapitel Die Blutspur. Thomas Manns Lebenskonfession auf. Hierin greift er, passend zum Thema des Details, die Spuren von (Messer)Gewalt auf, die sich durch das Werk von Thomas Mann zieht. Tatsächlich ist dieses Kapitel aber in stark eingekürzter Version der Inhalt von Michael Maars Buch Das Blaubartzimmer, das im vergangenen Jahr anlässlich des Mann-Jubiläums neu aufgelegt wurde. In jenem Buch präsentierte er ebenjene Funde und Spuren zum Schuldkomplex von Thomas Mann bereits einmal ausführlich, um sie hier nun als Rezyklat noch einmal zu verwenden.

Hier wird dann die Klage im Nachwort, im Buch nicht mehr genug Zeit und Platz für Autor*innen wie Toni Morrison, Marguerite Yourcenar oder Imre Kertész gehabt zu haben, etwas hohl.

Von solchen Einwänden abgesehen ist Das violette Hündchen eine große Stilkunde, die dazu einlädt, sich mit den bekannten und vor allem unbekannten Stimmen in dem Buch näher zu beschäftigen – und vor allem ein genaues Auge bei der Lektüre zu haben. Denn wenn Michael Maars Buch eines beweist, dann die Tatsache, dass es nicht nur der Teufel, sondern vor allem große Literatur ist, die im Detail steckt und dass dieses Detail über alles entscheiden kann.


  • Michael Maar – Das violette Hündchen. Große Literatur im Detail
  • ISBN 978-3-498-00291-6 (Rowohlt)
  • 592 Seiten. Preis: 34,00 €

Meine besten Bücher 2025

Schon wieder ist ein Jahr vergangen, schon wieder ist es Zeit für einen Rückblick auf das literarische Jahr 2025.

Wollte man sich im wahrsten Sinne des Wortes an der Oberfläche aufhalten, so wäre 2025 als das Jahr zu benennen, in dem sich die Fülle von KI-generierten Buchcover endgültig Bahn brach. Missglückte Experimente, die die Verlage auf die Cover brachten, von Arno Franks Ginsterburg (Klett-Cotta) über Dirk Schmidts Die Kurve bis hin zu Ben Shattuck, dem der Hanser-Verlag ein KI-generiertes Cover spendierte: Während sich die renommierten Verlage im Inneren der Bücher per Disclaimer verwehren, dass die Literatur für KI-Trainingszwecke ausgebeutet wird, kleben sie derweil seelenlose und bisweilen grotesk misslungene Bilder auf die Cover, die auf der Grundlage der Ausbeutung von Kunstwerken anderer Kulturschaffender basieren und die tendenziell diese Kreative beschäftigungslos machen.

KI-„Kunst“ allerorten

Eine beklagenswerte Entwicklung, die sich 2025 Bahn bracht und die in „Kunstwerken“ endete, die bei näherer Betrachtung gar keinen Sinn ergaben, wie beispielsweise bei jener Edition, die der S. Fischer-Verlag zu Ehren seines Geburtstagskindes Thomas Mann kurz vor dem Beginn von dessen Gemeinfreiheit auf den Markt warf. Das Ergebnis verstörte mit desaströsen Covern mit zahlreichen Fehlern.

Apropos Thomas Mann: diesem konnte man weder in Periodika noch auf dem Buchmarkt entgehen. Mit dutzendfachen Publikationen feierte man den Jubilar landauf und landab, was in einem ganzen Stapel von Neuerscheinungen mündete.

Dabei reichte das Ergebnis von mittelmäßigen Ausführungen (hier sei etwa der allzu leichte, passenderweise mit KI-Cover“kunst“ gezierte Angang Kerstin Holzners genannt, die sich der Sommerfrische Thomas Mann widmete) über gelungenere Ansätze wie den der Beschau der Exilgemeinde um Thomas Mann in Los Angeles von Martin Mittelmeier bis hin zur akribische Spurensuchen im Mann’schen Oeuvre etwa von Michael Maar, die der Rowohlt Verlag noch einmal auflegte.

Auch Romane widmeten sich dem Zauberer, auf dessen Spuren auch ein junger Schweizer in diesem Jahr wandeln wollte – und dabei auch von Medien wie Buchbloggern fleißig unterstützt wurde. Nelio Biedermann sein Name, der mit viel Aplomb von seinem Verlag auf den Schild gehievt wurde. Dass sein Buch ein schlecht lektoriertes und konzeptionell verhobenes Machwerk ist, davon war nur wenig zu lesen, eher erging man sich in unkritischem Lob des Autors, hob lieber sein Alter denn die Schwächen seines Erzählens hervor und verlieh seinem Roman gar die Auszeichnung als Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels.

Thomas Mann, Psychiatrien und Die Holländerinnen

Die Ansprüche waren schon einmal höher, was sich auch bei den populären Titeln dieses Literaturjahrs zeigte.

Die Jurys des Bayerischen, des Schweizer wie auch des Deutschen Buchpreises kürten unisono Dorothee Elmigers Buch Die Holländerinnen zum besten des Jahres, andere Titel hatten bei allen drei Auszeichnungen das Nachsehen. Die Jahrescharts dürften wieder einmal von den üblichen Verdächtigen Sebastian Fitzek wie Florian Illies angeführt werden (der mit seinem Buch über die Familie Mann sein Übriges zur Schwemme der Mann-Werke beitrug).

Dazu noch ein Haufen deutschsprachiger Romane, die allesamt psychiatrische Erkrankungen zum Thema hatten und die Psychiatrie zum wohl bestbeschriebenen Handlungsort im deutschsprachigen Literaturjahrgang machten (siehe hier oder hier oder hier oder hier).

Literarische Enttäuschungen wie Caroline Wahls Die Assistentin oder das eben schon erwähnte Werk Nelio Biedermanns entwickelten sich trotz aller Schwächen im digitalen Raum zu Hype-Titeln, die auch von seriösen Vertretern der Buch-Influencerzunft reihenweise empfohlen wurden, anstelle die Chance auf die Vorstellung anderer, gelungenerer Werke zu nutzen.

Mediale Monokulturen

Generell lässt sich feststellen, dass sich das Interesse weiter auf wenige, auch von den Influencern stark überrepräsentierte Titel (bspw. Verena Keßler, Anne Sauer, Daniel Schreiber) verengt, die mit entsprechenden Marketingbudget von den Algorithmen zusätzlich mit Sichtbarkeit belohnt werden, während die originellen und kleiner Titeln abseits dieser medialen Monokultur verkümmern und zu verschwinden drohen.

Selbst sehe ich es auch durch mein Tun hier auf dem Blog wie auch bei der Blogpräsenz auf Instagram: jedes Buch in Spiegel-Bestsellernähe bekommt dutzendfach mehr Klick als das Gros der vorgestellten Titel, die (zumindest den Aufrufzahlen nach) überhaupt nicht interessieren. Große Namen klicken besser wie kleine – und im Sinne der allgemeinen Aufmerksamkeitsökonomie wäre die Besprechung solcher Titel durchaus eine Möglichkeit, der schrumpfenden Sichtbarkeit des Blogs im digitalen Raum entgegenzuwirken.

In meinen Augen ist es aber ein Weg, der wenig erfolgsversprechend ist. Aufrufzahlen und Sichtbarkeit sind schön, aber gerade Blogs sind seit jeher ja eigentlich Ermöglichungsorte, bei denen auch das Abseitige und das nicht Zeitgemäße einen Platz haben darf. Warum immer nur neue Bücher besprechen oder das präsentieren, was in Buchhandlungen wie in den Feeds und Videokacheln allerorten ventiliert wird?

Wenn es schon der Kulturstaatsminister an höchster Stelle nicht schafft, eine empfehlenswerte Sommerlektüre abseits der eh schon überhypten 22 Bahnen von Caroline Wahl zu finden, so liegt es doch eigentlich an Buch-Influencern und Buch-Bloggern, die Vielfalt des Buchs in allen Facetten zu feiern, statt stumpf mehr vom Gleichen zu liefern und so die Algorithmen weiter zu veröden?

Programmatische Versteppung

Auch auf dem Buchmarkt selbst macht sich derweil eine programmatische Versteppung bemerkbar. Originelle Stimmen wie der unabhängige Berenberg-Verlag stellen ihr Tun ein, Häuser wie Die Andere Bibliothek dünnen ihr Programm auf die Hälfte aus, in dem sie ihre Erscheinungsweise von monatlich auf zweimonatlich reduzieren, andere Verlage wie der Münchner Liebeskind-Verlag lassen nun schon seit Jahren nichts mehr von sich hören. Das ist beklagenswert, sind es doch diese Häuser, die für Innovation sorgen, neue Stimmen entdecken und auch dem Abseitigen eine Chance geben.

Das alles wäre nicht so dramatisch, würde dieses Vakuum nicht von neurechten Kräften genutzt, um diesen Raum für sich zu erobern, um über das Feld der Literatur und Kultur die eigene Agenda voranzutreiben und die es in diesem Jahr sogar fertigbrachten, in Halle eine eigene Buchmesse als Gegenprogramm zu den etablierten Messen in Frankfurt und Leipzig zu organisieren und sich dafür ausgiebig selbst zu feiern.

Im Sinne eines weltoffenen wie liberalen Verständnisses kann man diese Umtriebe nur ablehnen und ich möchte deshalb weiterhin daran mitwirken, wenigstens auch in Form dieser kleinen Privatoffensive der vielgestaltigen Literatur etwas mehr Sichtbarkeit zurückzugeben, auf dass nicht das dumpfe Deutschtum die kulturelle Deutungshoheit über das Lesen erlange.

Meine besten Bücher des Jahres

Selbst die eigentlich dringende wie lohnenswerte Debatte, warum so wenig junge Männer lesen und welche Folgen das für den Buchmarkt und letzten Endes auch für die Gesellschaft hat, sie verlief nach einigen Einwürfen im digitalen Raum wieder im Nichts und blieb ohne Folgen. Dabei müssten wir uns dringend mit dem Thema der Nachwuchsförderung in Sachen Lesen und medialer Komptenz auseinandersetzen, aber leider auch hier: nichts da.

Um gegen solch schlechte Aussichten anzukämpfen, bleibt nur das Verfechten des guten Buchs und eine Sichtbarkeitmachung desselbigen in Feuilletons wie in den Weiten des Netzes.

Ich für meinen Teil kann konstatieren, dass ich auch dieses Jahr in meiner Freizeit wieder über 110 Bücher ich auf dem Blog besprochen und gelesen habe, nebst einigen weiteren Beiträgen (wen die Geschlechterverhältnisse interessieren, so ist diesbezüglich zu vermelden, dass das Verhältnis nahezu ausgewogen war. 56 Titel stammen von Frauen, 55 von Mänern, dazu die üblichen Verlagsvorschauen und ein paar Debattenbeiträge).

Was mir im Gedächtnis geblieben ist, mich beschäftigt hat und noch länger in meinen Buchregalen verweilen darf, das hat Eingang ist die Liste gefunden, die sich wie folgt zusammensetzt (Klick auf die Cover führt zu den ausführlichen Besprechungen):

Annett Gröschner – Schwebende Lasten

Bewundernswert nah an ihrer Figur, einer Blumenbinderin aus Magdeburg, bleibt Annett Gröschner in ihrem Roman Schwebende Lasten, der die Brüche des 20. Jahrhunderts und das Leben der DDR am Beispiel ihrer Heldin nachzeichnet. Gebannt folgt man diesem Leben durch die passenderweise nach Blumen betitelten Kapitel vom Niedergang nach dem Weltkrieg bis hinauf auf die Kanzel eines Fabrikkrans.

Nirit Sommerfeld – Beduinenmilch

Auch wenn er mittlerweile wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist, so hat der israelische Krieg in Gaza auch dieses Jahr geprägt und auch hierzulande zu erregten Debatten, Protestaktionen und Diskussionsausladungen gesorgt. Eine Versachlichung und Multiperspektive bringt Nirit Sommerfelds, das sich erkenntnisreich von Jugendlichen bis hin an Erwachsene richtet.

Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies

Wie oben schon erwähnt – Bücher über Thomas Mann gab es so einige in diesem Jahr. Heraus sticht dieses Buch von Martin Mittelmeier, der seinen Blick nicht nur auf Thomas Mann im Exil in Pacific Palisades beschreibt, sondern gleich auf die ganze Exilgemeinde von Theodor W. Adorno bis hin zu Arnold Schönberg und zeigt, welche Geistesblüten das Leben der Exilgemeinde dort an der kalifornischen Küste trieb.

Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern

Ich war nicht der einzige, der den neuen Roman Anja Kampmanns auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 erwartet hätte. Zwar wurden diese Erwartungen enttäuscht, alle anderen Erwartungen konnte das neue Werk der Lyrikerin vollumfänglich einlösen. Ein sprachmächtiger und sprachsensibler Roman, der sich ganz auf den Blick seiner Heldin einlässt und vom Erstarken des Nationalsozialismus in Hamburg erzählt.

Audrey Magee – Die Kolonie

Ein Highlight gleich zu Jahresbeginn lieferte die Audrey Magee mit Die Kolonie. Sie erzählt von einem Maler und eine Linguisten, die beide auf die gleiche irische Insel reisen – und sich in ihrer gegenseitigen Abneigung verbunden sind. Unlösliche Konflikte, Sprache als Konfliktfeld, dazu die Frage nach verschiedenen Formen von Kolonialismus – Magees Buch ist trotz seines historischen Rahmens voller aktueller Themen und dazu höchst unterhaltsam (und fein von Nicole Seifert übersetzt).

Annegret Liepold – Unter Grund

Das braune Franken ist Thema des Debüts der Schrifstellerin Annegret Liepold. Sie erzählt von der jungen Referendarin, die ein Zwischenfall während des NSU-Prozess zurück in ihre Heimat treibt und sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, in der Rechtsradikalismus eine zentrale Rolle spielte. Liepold blickt auf packende Weise auf die Verstrickung rechten Denkens im Landleben und das Abgleiten in den Extremismus.

Maria Messina – Sterne, die fallen

Kurzgeschichten haben es ja immer schwer auf dem Buchmarkt hierzulande. Dass die kurze Form aber ebenfalls Raum für Tiefe und Entwicklung lässt — und das vielleicht manchmal sogar mehr als in der Langform—, das demonstrieren die Erzählungen der Sizilianerin Maria Messina, die zum Glück auch durch hartnäckige Verlagsarbeit wie der der unabhängigen Friedenauer Presse langsam wieder neu entdeckt wird – Magnifico möchte man ausrufen.

Rachel Cockerell – Melting Point

Noch einmal Israel, diesmal in ganz anderer Form. Alleine aus Quellen wie Zeitungsartikeln, Tagebüchern und Briefen zusammenmontiert erzählt Rachel Cockerell ihre eigene Geschichte und wie diese mit der Geschichte des Zionismus zusammenhängt. Von Kischinau und den USA führen die Spuren der Weltgeschichte schließlich bis zu ihrer eigenen Familiengeschichte. So wissensprall und formstark war die Erforschung eigener Familiengeschichte selten.

Svealena Kutschke – Gespensterfische

Dass ausgerechnet der literarisch anspruchsvollste und erzählerisch stärkste Psychiatrieroman zugleich der war, der unter allen zumindest gefühlt am wenigsten Widerhall fand, es gehört zu den großen Ungerechtigkeiten dieses Literaturjahres. Aber nachdem man Fehler ja manchmal auch heilen kann, sei an dieser Stelle noch einmal nachdrücklich auf Gespensterfische von Svealena Kutschke hingewiesen, der höchst gelungen von Wahn und Wirklichkeit erzählt — und von der dünnen Grenze, die diese Bereiche scheidet.

Arno Frank – Ginsterburg

Noch so ein unterrepräsentiertes Buch, das auch eine Nominierung angesichts der vielen Buchpreise verdient hätte. In seinem dritten Roman Ginsterburg blickt Arno Frank auf das Leben einer fiktiven Kleinstadt namens Ginsterburg, indem er die Kleinstadt dreimal hintereinander im Abstand von jeweils fünf Jahren besucht und so Dynamiken während der Zeit des „Dritten Reichs“ anschaulich offenlegt. Ein überzeugendes Buch, bei dem nur das Cover ein Totalausfall ist.

Clara Arnaud – Im Tal der Bärin

Gleich zwei Romane um menschlich-bärige Beziehungen gab es in diesem Jahr zu lesen. Beide sehr gelungen – Eingang in die Liste gefunden hat schließlich der Roman der Französin Clara Arnaud, die von Menschen im Tal und auf dem Berg in den Pyrenäen an der Grenze zu Spanien erzählt – und wie das Auftauchen einer Bärin das Leben der Figuren gehörig durcheinanderwirbelt.

Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ein Thriller, wie ich ihn mir vorstelle. Clever gebaut, mit genauem Blick auf die Figuren und ihre Widersprüche, ein spannendes Setting und dazu noch verschiedene Zeitebenen, die Liz Moore kunstvoll miteinander verknüpft, um so aus dem Buch das Maximalmögliche herauszuholen. Ein Feriencamp in den Adirondacks, eine reiche Familie, verschwundene Kinder und der „Schlitzer“, der in den Wäldern umgeht.

Christoph Hein – Das Narrenschiff

Manchmal zu didaktisch, zu platt in der Erzählanlage, aber trotzdem dieser Anspruch, die Entstehung, Sein und Vergehen der DDR aus Sicht seiner fünf Figuren zu erzählen, die mit der sozialistischen Republik mitaltern. Das ist bestechend gemacht und erlaubt es, mit geradezu chronistischer Detailfülle nachzufühlen, wie es damals war hinter dem „antifaschistischen Schutzvorhang“ – Christoph Hein machts möglich!

Jehona Kicaj – ë

Ein Buch, das Rezensenten bei der Suche nach dem Sonderbuchstaben des ë wahnsinnig gemacht haben dürfte. Jehona Kicaj untersucht in ihrem Debüt, wie sich Kriegstraumata der Vergangenheit bis in die Körper der Gegenwart fortpflanzen – und wie knirschende Zähne von Sprachlosigkeit und Ohnmacht erzählen. Ein verheißungsvolles Debüt, das die Autorin da vorlegt. Und übrigens: Alt-Taste gedrückt, dann 0235 eintippen, und schon ist es da, das ë.

Tommie Goerz – Im Schnee

Noch einmal Franken, diesmal im Seethaler-Sound. Gelungen erzählt Tommie Goerz von einer einzigen Nacht, in der vieles zu Ende geht in dem kleinen fränkischen Dorf im Fichtelgebirge. Schorschs bester Freund ist tot, die Dorfbewohner halten Totenwache – und währenddessen ersteht noch einmal eine Welt auf, die schon im Verschwinden inbegriffen ist. Ruhig, klar, berührend, und das nicht nur im Winter.

Ralf Westhoff – Niemals nichts

Der Hinweis des Gegenübers, man habe da selbst ein Buch geschrieben, ob man nicht einmal hineinlesen möchte, er kann zu heiklen Situationen führen. Im Fall von Ralf Westhoff, der mir sein Buch in der U-Bahn auf dem Weg von der Leipziger Buchmesse nach Hause in die Hand drückte, ist alles gut gegangen. Denn sein Debüt um zwei Bauern im Kampf gegen die Schulden ist alles anders als nichts, sonder nicht anders als gelungen zu rühmen!


Welche Bücher und Themen bleiben für euch am Ende des Jahres? Was wird fortdauern, was uns noch länger begleiten? Ich freue mich auf eure Einschätzung!

Lara Haworth – Das Abschiedsmahl

Massaker, welches Massaker? In ihrem Roman Das Abschiedsmahl lässt Lara Haworth eine Familie über ein Denkmal grübeln, das zum Gedenken an ein Massaker ausgerechnet am Platz ihres eigenen Hauses in Belgrad errichtet werden soll. Schnell zeigt sich, dass die Auffassungen über die Gestaltung des Mahnmals ebenso unterschiedlich sind wie die Beantwortung der Frage, welchen Massakers hier eigentlich gedacht werden soll.


Da hilft selbst das impulsive Zerreißen des Briefs nicht: als Olga Pavić Post von der Stadtverwaltung von Belgrad erhält, ist sie mehr als nur konsterniert. Ausgerechnet an der Stelle ihres Hauses ist ein Denkmal für ein Massaker geplant. Weder ihre Tochter Hilde noch ihr Sohn Danilo oder Olga selbst wissen allerdings, für welches Massaker. Und auch die Architekten selbst, die sich vor Ort vorstellen und das Anwesen der Pavićs in Augenschein nehmen, scheinen sich nicht ganz sicher zu sein, wofür das Denkmal jetzt eigentlich stehen soll.

Er nahm ab. „Olga Pavić!“ Einfach magisch, die Anruferkennung.
Olga klang hysterisch. Wobei er wusste, dass man Frauen nicht mehr so nennen sollte, Franka hatte ihm das erklärt. Aber wie dann? Jedenfalls wurde Olgas Stimme immer schriller. Während er durchs Fenster einem Flugzeug nachschaute, bat er sie behutsam, sich zu beruhigen.
„Moment“, unterbrach er sie schließlich. „Was für ein Massaker denn? Welches?“

Lara Haworth – Das Abschiedsmahl, S. 8 f.

Ist es der Jugoslawienkrieg, dem hier gedacht werden sollte oder ist es vielleicht das Erinnern selbst, an dass die Installation auf dem Grundstück erinnern soll? Je mehr Architekten sich bei Olga vorstellen, umso unklarer wird die Lage. Zwischen auf dem Grundstück vergrabenen Geheimnissen und den Geheimnissen der Figuren entspinnt sich nun ein munteres Rätselraten, welches Massaker gemeint sein könnte.

Von welchem Massaker reden wir eigentlich?

Lara Haworth - Das Abschiedsmahl (Cover)

Wie erinnert man richtig und welche Tücken hält die Erinnerungskultur bereit? Mit diesen Fragen befasst sich das literarische Debüt der Filmemacherin Lara Haworth, das trotz seiner Kürze von gerade einmal 140 Seiten voller Themen und Geheimnisse steckt.

Da ist der homosexuelle Danilo, der sein Begehren versteckt, Hilde hat als CEO einer Baufirma in Frankfurt in einer Baugrube verunglückte Bauarbeiter zu verantworten und ihre Herkunft hinter einer Fassade der knallharten Businessfrau von Welt gut versteckt, ehe der Anruf durch ihre Mutter auch hier wieder ihre eigenen Wurzeln freilegt. Das Erinnern schwebt als Motiv durch sämtliche Seiten dieses Textes, der trotz des Titels Das Abschiedsmahl gar nichts Theatrales an sich hat.

Hier wird keine Familiengeschichte mit vielen bühnenreifen Dialogen verhandelt und demontiert, obwohl man bei dem Text an Königsdramen am Familientisch denken könnte. Stattdessen ist Haworths Text ein schneller, knapper Text, der trotz seiner Kürze immens verdichtet und abwechslungsreich gestaltet ist (Übersetzung aus dem Englischen durch Stefanie Ochel).

Ein knapper Text mit vielen Themen und Humor

Mit den Mitteln des absurden Theaters und einer literarischer Ausgestaltung aller zentraler Figuren entsteht so ein kleines Kammerspiel, das die Geschichte Serbiens ebenso wie Debatten unserer Tage um das richtige Erinnern und die Gestaltung von Mahnmalen aufgreift.

Ähnlich wie hierzulande zuletzt Jehona Kicaj in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman ë stellt auch Haworths Text die Frage nach dem Fortwirken von Konflikten und wie sich diese durch Generationen ziehen, obschon die direkten Auswirkungen der Konflikte eigentlich schon Geschichte sind.

So ist dieses Aufeinandertreffen von Architekt*innen und Familie, die sich allesamt nach Belgrad begeben haben, ein ergiebiger Clash von Ideen und Familiengeschichte, der zwar keine Funken sprüht, aber gut unterhält.

Fazit

Etwas weniger ernst und erzählerisch spielerischer greift ihr Text die Fragen nach dem Fortwirken von Konflikten und die schwierige Verständigung auf kollektives Gedenken auf. Mit drei wahnwitzigen Architekturideen für das Mahnmal versehen ist Das Abschiedsmahl ein klug erzählter Text, der aufmerksames Lesepublikum braucht, das die vielen Themen und Erzählansätze von Lara Haworth zu goutieren weiß. Lässt man sich auf die Lektüre ein, wird man mit einem thematisch wie stilistisch reichhaltigen Leseerlebnis belohnt!


  • Lara Haworth – Das Abschiedsmahl
  • Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-910372-50-4
  • 144 Seiten. Preis: 23,00 €