Nadine Schneider – Das gute Leben

Vier Generationen Frauen zwischen Rumänien und Franken, Nähe und Distanz, sie stehen im Mittelpunkt des Romans Das gute Leben von Nadine Schneider. Darin erzählt sie von den so unterschiedlichen Leben ihrer Frauenfiguren und der Frage, was nach dem Tod bleibt.


„Alles leer. Quelle. Das ist unsere Weltgeschichtsstraße. Quelle, Adler, AEG, lauter untergegangene Weltunternehmen.“.
Es sind noch keine zehn Minuten im ersten Franken-Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden aus dem Jahr 2015 vergangen, da ist der verblichene Ruhm der ehemaligen Nürnberger Großkonzerne schon Thema. Während einer Autofahrt beschreibt die von Dagmar Manzel gespielte Kommissarin Paula Ringelhahn ihrem neuen Kollegen die Besonderheit jenes Areals im Westen der Stadt, das sich zum damaligen Zeitpunkt durch viele Leerstände und bauliche Hoffnungslosigkeit auszeichnete.

Tatsächlich sind große Namen wie Grundig oder Quelle aus der Region verschwunden, die von den Zeiten des Wirtschaftswunders an die Identität der Region prägten und deren Ende im Leben der Menschen nicht nur als Arbeitgeber eine große Lücke hinterließen, bis hin zum Tatort, der sechs Jahre nach der offiziellen Insolvenz des Versandhauses den Verlust erneut thematisierte.

Verluste des Lebens

Auch im Leben von Anni spielt der Verlust des Quelle-Versandhauses eine große Rolle. Sie war früher Angestellte des Konzerns, verlor aber zwei Jahre vor Renteneintritt ihren Job dort.

In zwei Jahren wollte Anni ihren Renteneintritt feiern. So wie die anderen vor ihr wollte sie Sekt trinken, ein Geschenk und eine Karte und Umarmungen entgegennehmen, eine Urkunde von der Quelle kriegen. Stattdessen kriegt sie jetzt einen Arschtritt. Personalabbau. Und sie ist eine von denen, die abgebaut werden.

Nadine Schneider – Das gute Leben, S. 214

Dabei bedeutete der Kosmos des Arbeitgebers damals ihre Welt. Als Alleinerziehende fand sie in den 60er Jahren hier Arbeit, bewährte sich beim Packen der Pakete, die von Nürnberg aus in die ganze Bundesrepublik versendet wurden und traf sogar die Firmenchefin Grete Schickedanz, die sie zeitlebens hoch verehrte.

Doch nicht nur das Kapitel Quelle hat zu einem Ende gefunden, auch Anni selbst ist tot, wie wir im zweiten Erzählstrang des Romans von Nadine Schneider erfahren. Ihre Enkelin Christina hat ihr Haus geerbt, das sich im Nürnberger Umland befindet und begibt sich nun nicht nur räumlich auf eine Erkundung der Lebenswelt ihrer Großmutter.

Lebensspuren im Haus, Brüche in der Biografie

Nadine Schneider - Das gute Leben (Cover)

Fortan entspinnt sich eine Lebenserkundung auf zwei Ebenen. Denn nicht nur, dass Christina tief in ihre eigene Vergangenheit eintaucht und die Lebensspuren ihrer Großmutter vom Keller bis ins Schlafzimmer nachgeht und so neben vielen Erinnerungen an die gemeinsam dort verbrachte Zeit auch einen tiefergehenden Eindruck von ihrer Großmutter erhält.

Aber wir gehen weiter, und das geduckte Haus mit dem eingedellten Dach, das Haus mit den schlechten Fenstern und der alten Dämmung, das, wenn ich es hergebe, wahrscheinlich an Leute verkauft wird, denen man schon in der Anzeige eine Lust am Renovieren attestiert, sieht auf einmal sehr klein aus, dafür, dass es ja der Mittelpunkt der Welt gewesen ist.

Nadine Schneider – Das gute Leben, S. 289

In den dazwischengesetzten Kapiteln blickt Nadine Schneider auf das Leben von Anni selbst, in dem nicht nur die Entlassung bei der Quelle eine große Zäsur darstellte. So stammt Anni aus Rumänien und entschied sich in jungen Jahren mitsamt ihrer neugeborenen Tochter Helene für einen Neuanfang in Franken.

Diese Zeit, die Verbindungen nach Rumänien und die Herausforderungen einer neuen Verwurzelung, sie betrachtet die 1990 geborene Autorin, die damit jene Themen vorsetzt, die sie seit ihrem Debüt 3 Kilometer immer wieder umkreist und bearbeitet. Dabei legt sie einen feinen Sinn für Brüche im Leben und zwischenmenschliche Konflikte an den Tag.

Das schwierige Verhältnis von Anni zu ihrer Tochter, die generationenübergreifende Verbindung von Anni hin zu Christina und die familiären Spuren der in Rumänien verbliebenen Generation, all das ist Thema in Das gute Leben und hat der Autorin in meinen Augen zurecht Vergleiche mit einer Autorin wie Iris Wolff eingebracht, die in ihrer Prosa ähnliche Themen wie Nadine Schneider bearbeitet und einen ebenso zarten Erzählton an den Tag legt.

Fazit

Das gute Leben ist dreigenerationales Porträt einer Familie mit Brüchen und zugleich ein Blick auf ein zentrales Kapitel deutscher Unternehmensgeschichte, das hier aus Perspektive einer Arbeiterin geschildert wird und das die Verluste, die der Niedergang des Unternehmens für das Land bedeutete, auf privater Ebene nachzeichnet und so viele unterschiedliche Themen gelungen zusammenführt.


  • Nadine Schneider – Das gute Leben
  • ISBN 978-3-10-397713-4 (S. Fischer)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €

Bildrechte: Flickr/Labormikro unter CC BY-SA 2.0

Julian Barnes – Abschied(e)

Wie geht Abschied? Der britische Schriftsteller Julian Barnes verabschiedet sich mit seinem letzten Werk Abschied(e) von der literarischen Bühne und seinen Leser*innen — und nimmt sie mit in die Welt seiner Gedanken und Reflektionen. Großes Thema, lose Form.


Der Gedanke, der hinter Julian Barnes von ihm selbst als letztes Werk betitelten Abschied(e) steckt, ist ein großer. Wie geht man von der literarischen Bühne ab, wie verabschiedet man sich als Autor von seinem Publikum, wenn man noch selbst in der Lage ist, über den Abschied zu bestimmen?

Berühmt etwa das Beispiel von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm das Grimm’sche Wörterbuch verfasste, in dem sie alle Wörter ihrer Zeit und deren Bedeutungen und Herkunft sammelten und erfassten. Auf der Seite 259 heißt es da in einer Fußnote zur Eintragung des Begriffs Frucht: Mit diesem Worte sollte Jacob Grimm seine Feder von dem Werke leider für immer niederlegen.

Ein selbstbestimmtes letztes Werk

Julian Barnes - Abschied(e) (Cover)

Julian Barnes möchte es da anders machen und selbstbestimmt ein letztes Werk vorlegen, da ihm sein Ende schon vor Augen steht. Myeloproliferative Neoplasie heißt die Diagnose, die er erhalten hat. Ein Art seltener Blutkrebs, zwar behandelbar, aber dennoch letal, sodass ihm noch etwas Zeit gegeben ist, um sich von der Welt zu verabschieden.
Er hat diese Zeit über die letzten drei Jahre hinweg genutzt , um Abschied(e) zu verfassen und zu nehmen.

Sein Buch ist ein Spaziergang durch Erinnerungen, dessen Ausgangspunkt der literarische Versuch eines sogenannten IAMs bildet, eine Involuntarily Autobiographical Memory, also eine unwillkürliche autobiographische Erinnerung, die eine Erinnerungskaskade auslöst.

Ähnlich wie bei seinem Hausheiligen Marcel Proust, bei dem ein in den Tee getunkter Madeleine die von Erinnerungen getriebene Handlung seines Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Gang setzt, die sich über ganze viereinhalbtausend Seiten erstreckt. Ganz so viele Seiten werden es bei Barnes nicht, ihm genügen 240 Seiten für die Coda seines über vierzig Jahre währenden Karriere als Schriftsteller.

Erinnerungen eines Lebens

Reich an Erinnerungen ist aber auch Barnes Werk. Im leichten Parlando begibt er sich ausgehend von der Theorie der IAM auf eine Erinnerungsreise, die ganz unterschiedliche Themen berührt. Barnes begreift sein Buch nämlich wirklich als Gespräch mit uns als Leser*innen, was er auch so klar formuliert.

Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig , und dies ist definitiv mein letztes Buch — mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben — wie Brian Moore fürchtete — unterbrochen wird. So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.

Julian Barnes – Abschied(e), S. 229

Möchte man kritikasterhaft sein, könnte man sagen, dass Barnes‘ Werk wirklich das Gespräch mit einem älteren Herrn ist. Seine Erinnerungen kreisen um die alterstypischen Themen Krankheit, Tod und die hell glänzenden Erinnerungen der eigenen Jugend, hier in Form der Studienjahre des Erzählers in Oxford, als auch einmal ein Mädchen im Zimmerspind versteckt wurde und die olfaktorischen Spuren von deren Anwesenheit mit fleißigen Rauchen überdeckt wurden, um die Nase des Zimmerinspekteurs auf eine falsche Fährte zu locken.

Ein Gespräch mit Julian Barnes

Nun hat man aber das Glück, dass Julian Barnes der Gegenüber in diesem Gespräch ist. Denn das, was leicht in eine peinliche oder larmoyante Beschwörung der eigenen Jugend und der Hinfälligkeit hätte werden können, ist in der Realität eine durchaus charmantes Unterfangen, das von Barnes Distinguiertheit und feinem, britischen Witz getragen ist.

Egal ob Krankenhausaufenthalt zu Coronazeit, bei der Barnes als berühmter Schriftsteller erkannt wird, oder die Geschichte seiner guten Freunde, für die er gleich zwei Mal im Leben zum Beziehungsstifter wird, immer liegt über allem ein augenzwinkernder Ton, der mal wehmütiger und mal heiterer ist.

Was Abschied(e) fehlt, ist ein roter Faden. Ein wenig arg unbehauen stehen die Themen hier nebeneinander. Jugend in Oxford, der um ihn herum wegsterbende Freundeskreis von Intellektuellen wie Martin Amis oder Christopher Hitchens, der Verlust seiner Frau und die eigene Diagnose über den nahenden Tod. Immer wieder springt Barnes in seiner Erinnerungskaskade hin und her, ergeht sich in Gedanken, literarischen Betrachtungen oder biografischen Splittern.
Auch ist der Text durchwirkt von Zitaten, die von Goethe über den ebenschon erwähnten Marcel Proust bis hin zu George Sand reichen.

Fazit

So entzieht sich sein Text auch einer klaren Zuordnung. Ist es Autofiktion, ein Memoir, literarische Meditation oder in seiner Vielgestaltigkeit etwas womöglich ganz anderes? Abschied(e) lässt Fragen offen, womöglich sogar die, ob es sich hier um Julian Barnes wirklich letztes Werk handelt.

Ich würde es dem mittlerweile achtzig Jahre alten Schriftsteller auf alle Fälle wünschen, damit es ihm dann wirklich nicht so geht wie Jacob Grimm und dessen Feder, die ihm noch vor der Vollendung seines Lebenswerks aus der Hand fiel. Ein interessanter Schlusspunkt ist hier auf alle Fälle gefunden.


  • Julian Barnes – Abschied(e)
  • Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
  • ISBN 978-3-462-00919-4
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

Vorschaufieber Herbst 2026

Das Jahr geht seiner Höhe entgegen – und die Verlagsprogramme schon jetzt dem Jahresende. Denn sukzessive veröffentlichen alle Häuser wieder ihre halbjährlichen Vorschauen für die zweite Jahreshälfte, die ich mir wie üblich vorgenommen habe, um sie hinsichtlich besonders verheißungsvoller Titel zu sichten.

Dabei fällt auch ein bedenklicher Trend auf.

So stellen viele kleiner Häuser ihr Tun ein (siehe beispielsweise das Literaturprogramm des österreichischen Leykam-Verlags oder das des feinen Berenberg-Verlags, der am 31.03. diesen Jahres seine Geschäftstätigkeit einstellte) und verlieren die von ihnen geförderten Autor*innen, wie es beispielsweise bei Adania Shibli und Anne Serre ist, die nun bei anderen Verlagen ein Zuhause gefunden haben. Auch andere kleine Häuser wie etwa Steidl erleben dies. Zuerst hat man mit viel Herzblut und Geduld Autorinnen wie Annika Büsing oder Louise Kennedy entdeckt und gefördert, nur um diese nun an größere Häuser zu verlieren. Ander kleine Verlage wie etwa der Polar-Verlag reduzieren ihre Veröffentlichungsfrequenz um die Hälfte, sodass hier nur noch alle zwei Monate ein neues Buch erscheint.

Das sind bedenkliche Entwicklungen eines schrumpfenden Markts, der aber auch tolle Nachrichten bereithält.
Diese kommen unter anderem aus der bayerischen Landeshauptstadt. So meldet sich der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag nach zwei Jahren Pause nun wieder mit einem verheißungsvollen Programm zurück. Angesichts des so starken und immer wieder überraschenden Programm des Hauses zwischen Western, Nature Writing und Noir eine tolle Neuigkeit, die hoffentlich mit viel Interesse und Käufen vergolten wird.

Noch mehr Verheißungsvolles aus großen wie kleinen Verlagshäusern versammelt so das Vorschaufieber, wie gewohnt aufgeteilt in mehrere Kategorien.
Die Links in den aufgeführten Buchtitel führen wie immer auf die Verlagsseiten, die weiterführende Infos zu den vorgestellten Titeln enthalten.

Ich wünsche gutes Stöbern und vor allem gute Inspiration!

National

Philipp OehmkePapenburg (Piper). Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster (Residenz-Verlag). Annika Büsing – Magisch (S. Fischer). Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle (S. Fischer). Sabrina Janesch – Territorium (Rowohlt).

Lutz SeilerDas tickende Herz (Suhrkamp). Eva MenasseAlleinruhelage (Kiepenheuer & Witsch). Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr (Hanser Berlin). Luca KieserSimsalabim, Simon Brenner (Blessing). Christina WalkerVerteidigung eines Gartens (Residenz-Verlag).

Yael Inokai – Die Auster (Hanser). Dana VowinckelAnton und Alma (Suhrkamp). Franziska zu Reventlow – Ellen (Suhrkamp). Mirko BonnéKanzlerkino (Schöffling). Norbert ScheuerHolunderholz (C. H. Beck).

International

Patrick Ryan – Buckeye (Aus dem Amerikanischen von Thomas Überhoff. park x ullstein). Melania G. Mazzucco – Vita (Aus dem Italienischen von Katrin Fleischanderl. Folio). Louise KennedyRed (Aus dem Englisch von Hans Christian Oeser und Claudia Glenewinkel. Claassen). Adania ShibliTäuschung (Aus dem Hebräischen von Günther Orth. Hanser). Bert Natter –Am Ende des Kriegs (Aus dem Niederländischen von Andreas Gressmann und Rainer Kersten. Berlin-Verlag).

Sierra Greer – Annie Robot (Aus dem Englischen von Stefanie Schöfer. Liebeskind). George Moore – Albert Nobbs (Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Pendragon). Valeria LuiselliAnfang, Mitte, Ende (Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Rowohlt). Anne SerreEin Leopardenhut (Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Nagel & Kimche). George SaundersNachtwache (Aus dem Englischen von Frank Heibert. Luchterhand).

Lauren Groff – Raufbold (Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Claassen). Banu Mushtaq – Meistens bleibt ja die Frau zu Hause (Aus dem Indischen von Katrin Binder. Kjona). Vincent Delecroix – Schiffbruch (Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. Luchterhand). Juliet Grames – Die Verlorenen von Santa Chionia (Aus dem Englischen von Catherine Hornung, Katrin Fleischanderl. Folio). Anna Mallamo – Dinge, die im Dunkeln liegen (Aus dem Italienischen von Jan Schönherr. Eichborn).

Keiichirō Hirano – Ein letztes Mal Mensch (Aus dem Japanischen von Katja Busson. Suhrkamp). John LanchesterDas habe ich wegen dir getan (Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta). Tash Aw – Der Süden (Aus dem Englischen von Pociao, Roberto de de Hollanda. Luchterhand). Alexander Baron – Der Tagedieb (Aus dem Englischen von Holger Hanowell. Reclam). Ko Hyewon – Die Nachtapotheke (Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Aufbau).

Krimi

Kevin Barry – Das Herz im Winter (Liebeskind). Lou Berney – Crooks (Aus dem Englischen von Oliver Hoffmann. Harper Collins). Wolfgang Schorlau – Das kalte Werk (Kiepenheuer & Witsch). Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit (Aus dem Englischen von Conny Lösch. Kunstmann). Ivy PochodaEkstase (Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp).

Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €

Colin Walsh – Kala

Eigentlich hätte sie ja alles ausgehalten, die Freundschaftsbande, die vier jungen Iren in einer Kleinstadt an der Westküste des Landes einst verband. Doch dann kam das Verschwinden – und nun der Tod, der drei der vier einstigen Teenager nun wieder in ihre Heimatstadt zurückführt. Dort müssen sie gemeinsam die Leerstelle besehen, die in ihrer brüchig gewordenen Bande klafft.
Der Name dieser Leerstelle lautet Kala. Sie war es, die die so unterschiedlichen Jugendlichen verband und als Zentrum zusammenhielt. Doch nun ist dieses Zentrum verschwunden und Colin Walsh lässt seine großgewordenen Jugendlichen sich fragen, was da eigentlich passiert ist.


Sterbliche Überreste seien in der Nähe der irischen Kleinstadt Kinlough gefunden worden, so heißt. Sterbliche Überreste, die zu allem Überfluss auch noch rituell angeordnet gewesen seien und ein Foto beinhaltet hätten, so munkelt man in der Kleinstadt.

Wessen Knochen da gefunden worden sein könnten, ist für die Bewohner von Kinlough schnell klar. Es muss sich um die Überreste von Kala handeln, die einst spurlos aus der Stadt verschwand.

Drei (ehemalige) Bewohner*innen der Stadt triff diese Nachricht besonders, denn sie verband in Jugendtagen eine enge Freundschaft mit der Kala. Dass es dann auch tatsächlich die Überreste von Kala sind, die man im Wald gefunden hat, das stellt sich schnell heraus und die Freunde vor Fragen.

Die verschwundene Kala

Colin Walsh - Kala (Cover)

Was ist in jener Zeit passiert, als Kala spurlos verschwand und sich die Freundschaftsbande der einstigen vier Freunde auflöste? Dem geht Colin Walshs Roman nach, indem er aus Sicht von Mush, Helen und Joe zurückblickt auf ihre Freundschaft mit Kala, die nun im Jahr 2018 endgültig traurige Geschichte ist.

Schon längst hat das Leben die drei einstigen Freunde auseinandergetrieben. Joe ist als Musiker in Übersee erfolgreich. Nun ist er nach Kinlough zurückkehrt, um als strahlender Held und Retter einen Pub neu zu übernehmen, Helen, mittlerweile Journalistin, kehrt der Hochzeit ihres Vaters wegen aus Quebec zurück in ihre Heimatstadt. Nur Mush ist geblieben und betreibt zusammen mit seiner Mutter ein Cafe, in dem vor allem im Sommer zur Hochzeit der Race Week das Geschäft brummt.

Der Warren umgarnt den Bus. Bäume hat es immer schon gegeben. Knorrige Äste und verzerrte Fratzen lauern, harren. Die Straßen sind immer noch rumpelig, voller Steine und Schlaglöcher.
Ich wollte nie wieder zurückkehren.

Colin Walsh – Kala, S. 31

Rückkehr nach Kinlough

Nun sind sie alle drei also wieder in Kinlough angekommen als die Nachricht von den sterblichen Überresten die Bewohner der Stadt aufschreckt und bei den dreien viele Erinnerungen auslöst. Ans Ankommen in Kinlough, an Freundschaft, erste Liebe, erlebte Abenteuer, aber auch illegale Aktivitäten, mit denen die Jugendlichen konfrontiert waren.

Das liest sich wie eine Art irisches Stand by me, das sich langsam entfaltet, während sich die drei Protagonist*innen zurückerinnern an die Tage, an denen man sich wagemutig mit den Fahrrädern von den Hügeln hinabstürzte und um die Wette raste, in den Wäldern umherstreifte und hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kam.

Auch erinnert Colin Walshs Erzählen an Joel Dickers Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, in dem ebenfalls der Fund von sterblichen Überresten Ermittlungen und Erinnerungen an einstige Geschehnisse auslöst. Die Brillanz von dessen verschachtelter Cliffhanger-Montagetechnik zwischen Vergangenheit und erzählerischer Gegenwart beherrscht Colin Walsh leider noch nicht so wirklich.

An manchen Stellen zieht sich das über fünfhundert Seiten starke Buch merklich, wenn der Plot auf der Stelle tritt und zum wiederholten Male die Freundschaft der Jugendlichen verhandelt wird.

Hier zeigte beispielsweise Richard Russo in seinem Roman Jenseits der Erwartungen, wie man mit dem gleichen Plot (drei Freunde, eine in Jugendjahren verschwundene Freundin, die Frage nach den Hintergründen des Verschwindens) deutlich konziser und auch mit mehr Tiefe erzählt.
Alle Figuren in Kala vertrügen noch etwas mehr von der charakterlichen Brüchigkeit, die Walshs Landsfrau Megan Nolan in ihrem ebenfalls dieser Tage erschienenen Debüt an den Tag legte.

Fazit

So ist Kala ein sehr langsam erzählter Roman, der der Freundschaftsbande, aber auch Abhängigkeiten und verhängnisvollem Schweigen nachgeht.

Auch wenn der sprachmächtige Auftakt des Romans Erwartungen weckt, die Colin Walshs aus drei Perspektiven zusammengesetztes Erzählen dann nicht ganz einlösen kann, so ist ihm mit Kala doch ein solides Debüt gelungen, das noch etwas Luft nach oben zu anderen, arrivierten Erzählern wie Richard Russo, Tana French, Liz Moore oder Joel Dicker lässt.

Der unterhaltsame Roman nimmt sich Zeit, um das Vergangene ebenso wie die Gegenwart zu betrachten und dürfte in seiner Mischung aus Kleinstadtstudie, Cold Case und Freundschaftsbande eine große Zielgruppe ansprechen, eine Platzierung in den Bestsellercharts ist nicht ausgeschlossen.


  • Colin Walsh – Kala
  • Aus dem irischen Englisch von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-98941-130-2 (Gutkind)
  • 512 Seiten. Preis: 24,00 €