Category Archives: Historischer Roman

Sanora Babb – Namen unbekannt

Fast meint man bei der Lektüre den Staub aus den Seiten herausrieseln zu spüren. Eindrucksvoll erzählt die US-Amerikanerin Sanora Babb in ihrem Roman Namen unbekannt aus dem Jahr 1939 vom Elend der amerikanischen Farmer in den Great Plains zur Zeit der Wirtschaftskrise und den empörend Umständen, unter denen Wanderarbeiter ihre Arbeit in Kalifornien verrichten mussten.
Empörend ist auch die Geschichte des Buchs, denn jahrzehntelang stand Namen unbekannt im Schatten des Werks von John Steinbeck. Zu Unrecht, wie diese deutsche Erstausgabe des Buchs zeigt.


Etwas Besseres als den Tod finden wir überall – so befanden es die Bremer Stadtmusikanten am Ende des berühmten Märchens der Gebrüder Grimm, als sie aufbrachen, um an anderer Stelle ihr Glück zu finden. Doch dass solch ein Aufbruch keineswegs Besserung bringen muss, das beweist Sanora Babbs Roman Namen unbekannt beziehungsweise Whose names are unknown, so der englische Originaltitel, auf eindrückliche Art und Weise.

Denn darin verleiht Babb den abertausenden von Farmern und Wanderarbeitern zur Zeit der amerikanischen Wirtschaftskrise ein Gesicht und zeigt, dass zwischen Leben und Sterben kein großer Unterschied sein muss, wie es im Falle ihres Romans die Familie Dunne erleben muss.

Leben und Überleben in der Dust Bowl

Sanora Babb - Namen unbekannt (Cover)

Die Dunnes leben im Gebiet der sogenannten Dust Bowl, der Staubschüssel Amerikas — wobei man besser eigentlich von überleben sprechen müsste. Im Gebiet zwischen Kansas und Oklahoma, Oklahoma Panhandle genannt, bewirtschaften Milt und Julia zusammen mit dem Großvater Konkie Zeit und ihren beiden Töchtern eine Farm unter widrigsten Umständen.

Der Boden ist karg und lässt den Weizen kaum gedeihen, die Farmer sind auf Regen angewiesen, der aber dort im Land der Extreme schnell in Unwetter umschlagen kann, die dann wiederum die Ernte vernichten, von der man eigentlich selbst bei besten Bedingungen kaum leben kann.

Im Falle der Dunnes ist die Lage aber nun besonders bedrohlich. Denn während sich in Europa langsam ein zweiter Weltkrieg abzeichnet und sich die US-amerikanische Wirtschaft auf Talfahrt befindet, ziehen zu allem Überfluss auch noch hartnäckige Staubstürmen über Land, die die sowieso schon karge Ernte restlos vernichten. Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Folge, von denen Sanora Babb höchst anschaulich erzählt und dabei an die Erzähltradition des Naturalismus anknüpft.

Ein Roman in der Tradition des Naturalismus

Das Leid durch die Missernten, die schlechte Versorgung mit Nahrung, die sogar in Totgeburten endet, der durch alle Ritzen kriechende Staub und der trostlose Anblick der Natur, all das schildert die 1907 geborene Autorin sehr eindringlich und ungeschönt.

Der lange schwere Winter setzte ein, entfaltete sich grausam und dumpf, indem er von den Rocky Mountains im Westen in einem einzigen ungebremsten Riesenschwung hohe, schneidende Winde durch die Ebene zu ihnen herüberschickte. Nur gelegentlich milderten und verschönerten Schneefälle die grausame Pracht der Landschaft.

Der heftige Frost hatte kaum die Zweige der Schwarzpappeln, die die Flüsse säumten, geknickt und das Grün aus dem Unkraut gesogen, als der würzige Herbstgeruch aus der Abendluft verschwand und es bitterkalt wurde. Das Grün des zähen Büffelgrases, wie eine dichte, leicht gewellte Decke über der trockenen Ebene ausgebreitet, wandelte sich unmerklich zu Grau. Der Wind löste die starken Wurzeln des Salzkrautes und trieb es vor sich her über die Prärie, bis es in dichten Garben an den Stacheldrahtzäunen hängenblieb.

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 85 .

Das Erzählen Sanora Babbs speist sich auch aus eigener Erfahrung, schließlich wuchs sie unter ähnlich Bedingungen auf, wie sie diese im Roman schildert. Zudem half sie später als Sozialarbeiterin Farmern wie denen der fiktiven Dunnes und erlebte deren Überlebenskämpfe unmittelbar mit. Dies macht Namen unbekannt zu einer solch starken und eindrücklichen Lektüre, die Schicksal ihrer Figuren auch dann noch folgt, als diese ihre letzten Besitztümer verpfänden, um mit einer in ähnlicher Armut lebenden Nachbarin das alte Pionier-Motto „Go West!“ zu beherzigen und gemeinsam nach Kalifornien aufzubrechen.

Von Oklahoma nach Kalifornien

Dass das Leben dort zwar staubfreier, aber ansonsten auch alles andere als leicht für Menschen wie sie ist, das zeigt die zweite Hälfte des Romans. Zwar mag sich die Kulisse für den Überlebenskampf der Familie geändert haben, etwas Besseres als den Tod haben sie aber auch in Kalifornien nicht gefunden, wie die folgenden Ereignisse zeigen.

Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es nämlich ein Überangebot von amerikanischen Arbeitern, die mit Mexikanern und anderen Einwanderer um die spärlichen Jobs konkurrieren, was zu einem Unterbietungswettbewerb in Sachen Lohn und Lebensumstände führt. Sogar für Licht müssen sie in den Baracken zahlen und werden von den Aufsehern und Farmer an allen Stationen niedergehalten, egal ob bei der Baumwollernte oder beim Pflücken von Pfirsichen.

Auch hier zeigt sich, dass die Dunnes die ganze Pazifikküste auf der Suche nach Arbeit bereisen können, bessere Lebensumstände finden sie aber nirgends. Steter Begleiter sind auch hier Hunger und Entbehrung, was bis hin zum Kochen eines Pfeffertees als einziger Nahrungsquelle reicht. Bei diesem handelt es sich um heißes Wasser, das mit Salz und Pfeffer versetzt wird — tageweise die einzige Nahrung, die die Dunnes zu sich nehmen, während sie bis zur Selbstaufgabe schuften, verhöhnt von den Vorarbeitern und Aufseher, für die die Ausbeutung und das Leid der Ärmeren ganz natürliche Umstände sind.

„Es gibt eben auf der ganzen Welt eine Klasse von Menschen, die für diese Art von Arbeit gemacht ist. Denen kann man helfen, wie man will, sie landen immer wieder ganz unten“

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 264

Die Widerstandskraft der Vielen

Gespeist aus ihren persönlichen Erfahrungen ist Namen unbekannt ein kraftvolles Dokument für die Leidensfähigkeit und die Entbehrungen, die die tausenden Wanderarbeiter und Farmer zur Zeit der Wirtschaftskrise erleiden mussten, obgleich das Buch nicht nur in der Beschau des Leids verharrt. Sanft weist Sanora Babbs Werk auch einen Weg, um Unrecht und sozialen Missständen entgegenzutreten, indem immer wieder der Gedanke von Gemeinschaft und gewerkschaftlich organisiertem Widerstand als mögliche Wege aus der Krise aufscheinen.

Wie viele Leben waren nicht schon durch schieres Ertragen vergeudet worden? Wären all diese Leben, wenn sie sich zusammenschlossen, nicht in der Lage, die Welt zu verändern?

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 56

All diese Leben, die in der Geschichtsschreibung keinen Widerhall fanden, sie bekommen von Sanora Babb postum die Würdigung, die ihr Kampf gegen die omnipräsenten Widerstände verdient.

Die unbekannte Sanora Babb

Doch nicht nur die hier gewürdigten Schicksale der Wanderarbeiter sind heute noch weitestgehend unbekannt, auch für Sanora Babb trifft das leider zu. Denn die Autorin stand zeitlebens (1907-2005) im Schatten eines Mannes, der in seinen Romanen ebenfalls vom Schicksal der amerikanischen Wanderarbeiter erzählte und der zeitgleich mit Sanora Babb an einem Roman mit ähnlichem Plot wie Namen unbekannt arbeitete.
Sein Name: John Steinbeck.

Dieser hatte zuvor schon mit seinem Werk Von Mäusen und Menschen für Aufmerksamkeit gesorgt und stand mit dem gleichen Mann in Austausch, mit dem auch Sanora Babb für ihren Roman zusammenarbeitete. Möglicherweise hatte Steinbeck sogar Kenntnis von Babbs Entwürfen, wie die Autorin Mareike Fallwickl in ihrem Nachwort zu Namen unbekannt spekuliert.

So oder so ist die Geschichte bestürzend. Denn während Steinbecks Roman 1939 erschien, lehnten die Verlage auch angesichts des überragenden Erfolgs die Publikation des zeitgleich entstandenen Werks von Sanora Babb ab. Zu gleich seien die Themen der Bücher, als dass die Öffentlichkeit ein zweites, thematisch gleich gelagertes Buch interessieren könne, so das Urteil der Verlage.

Dass dies ausgemachter Unsinn ist, muss man nicht nur angesichts des ökonomischen Erfolgs von austauschbaren Regional- oder Serienmörderkrimis konstatieren, sondern es zeigt sich auf auch dem Buchmarkt in Form von erfolgreichen Doppelung von Romanen wie dem von Caroline Wahl, der auf den inhaltlich kongruenten und sprachlich deutlich besseren Erstling von Annika Büsing folgte.

Es sollte bis ins Jahr 2004 (!) dauern, bis der Roman publiziert werden sollte und Babb ihn in ihren mittlerweile 97 Jahre alten Händen halten durfte, immerhin noch ein Jahr vor ihrem Tod im darauffolgenden Jahr.

Fazit

So fügt sich Namen unbekannt in eine ganze Riege übersehener oder verdrängter Romane aus weiblicher Feder ein, die im Nachhinein zeigen, um wie vieles die Literatur ärmer ist, da man solche literarische Stimmen wie die von Sanora Babb über Jahrzehnte hinweg überging und ignorierte.

Zwar spät, aber nicht zu spät erfolgt nun die Wiederentdeckung dieser Frau und ihres Schreibens, das sowohl durch ihr Schicksal als auch durch die Themen ihres Erzählen zeigt, dass es nie zu spät ist, um sich den scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten entgegenzutreten und selbst Widerstand zu leisten, für eine bessere Welt, in der Unterdrückten doch noch Gerechtigkeit widerfährt!


  • Sanora Babb – Namen unbekannt
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Reinhardus
  • Nachwort von Mareike Fallwickl
  • ISBN 978-3-15-011471-1 (Reclam)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva

Wie ein Buchtitel täuschen kann. Statt um die männlichen Hinterbliebenen einer Stadt in Kanada zu kreisen, präsentiert der Autor Sven Heuchert in seinem Roman Die Witwer von Chaltouva einen ganz eigenen historischen Roman, der vom Fischfang, Männerfeindschaften und einem wüsten Dorf erzählt.


Wenn es ein literarisches Thema gibt, das Sven Heuchert in all seinen Romanen bespielt, dann ist es fraglos das Thema der Provinz. Einst schrieb er Kriminalromane der Gattung Country Noir, die im Niemandsland spielten, dann wendete er sich mit Werken wie Alte Erde oder Das Gewicht des Ganzen der Eifel und später Kanada zu. Die Begeisterung für Einsamkeit der Wildnis fernab der Zivilisation, sie blieb über alle Genregrenzen hinweg.

Sein neuer Roman ist am ehesten der Gattung des historischen Romans zuzuschlagen, weist aber auch wieder Elemente des Kriminalromans auf — vor allem aber spielt er wieder in der Provinz. Denn auch wenn man beim titelgebenden Städtchen Chaltouva an einen Ort in Kanada denken könnte, ist sein neuer Roman doch in deutschen Landen angesiedelt, genauer gesagt im Landstrich um die fiktive Stadt Vierheilig, die schon in Heucherts Roman Alte Erde Erwähnung fand.

Dort in der Eifelregion geht es reichlich düster und archaisch zu, oder wie es Sven Heuchert es selbst formuliert:

Es war immer schon ein raues Land. Dunkle Wälder: Versumpfte Talgründe. Schroffe Felsen und Procipissen. Ein Landstrich wie von den Göttern ausgeschissen, in ewiges Graubraun getaucht, im Nebel der Ville gelegen, erstreckt er sich von der unbedeutenden Seite des Rheins bis ins Bergische.

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva, S. 13

In einer düsteren Zeit

Sven Heuchert - Die Witwer von Chaltouva (Cover)

Ebenso wie die Region nicht näher eingegrenzt wird, bleibt auch der zeitliche Bezugsrahmen nur im Ungefähren. Ähnlich wie zuletzt bei seinem Schrifstellerkollegen Ralf Westhoff ist es eine diffus frühere Epoche, die den erzählerischen Rahmen der Geschichte bildet. Fernab von Chaltouva regiert ein König, die Kolonien locken in der Ferne – doch im Dorf überhört man diesen Ruf, niemand geht fort von hier.

Die Männer sitzen beim Wirt, saufen Bier, fressen die Fettwürste des Metzgers Kronewald und schwingen Reden, während die Frauen daheim am Herd schuften, um die Familien irgendwie durchzubringen, niedergehalten von ihren Männern.

Das größte Ereignis im dumpfen Jahresreigen stellt das Wettangeln nach den sogenannten Witwer-Fischen dar. Diese ziehen durch den nahen Fluss Ville und werden von den Männern des Dorfs jedes Jahr aufs Neue aus dem Fluss gezogen, was zugleich auch einen Initiationsritus im Dorf darstellt.

Eine beschauliche Jagd nach der größten Forelle oder anderer Trophäenfische ist diese Angeln allerdings mitnichten. Eher gleicht das Angeln einem Kampf auf Leben und Tod, denn Heucherts Witwer sind wahre Karwentsmänner von Fischen. Dies belegt auch der fiktive Wörterbucheintrag, den er in Sachen Witwer den Leser*innen seines Romans mitgibt.

Das Urbild unserer Familie, unser Witwer, zeichnet sich aus durch nackten Rumpf, kurze Rückenflosse ohne Stachelstrahlen, sehr lange Afterflosse, weites Maul und in Binden gereihte, hechelförmige Zähne auf Zwischen-, Unterkiefer und Pflugscharbeinen. „Dieß scheußliche Thier“, sagt unser alter Freund Geßner, „möcht ein teutscher Wallfisch genennt werden. Ist ein sehr scheußlicher, grosser Fisch, hat ein schußlich weit Maul vnd schlauch, grossen Kopff, keine Zän, sondern allein rauhe Kynbacken, ist an der gantzen Gestalt nit vngleich einer Trüschen, so grosse ding kleinen zu vergleichen sind, hat keine schüppen, sondern eine glatte schlüpfferige Haut.“

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva, S. 38

Auf der Jagd nach dem Witwer

In diesem Jahr soll auch Max, der Sohn des Metzgers, in den Kreis der Männer eingeführt werden. Doch sein eigentliches Interesse gilt weniger dem Witwer-Angeln als Klara, mit der er sich nachts heimlich auf dem Friedhof unter einer Buche trifft. Die Heimlichkeit der beiden ist durch die Feindschaft ihrer Väter bedingt – und in einem wüsten, archaischen Dorf wie Chaltouva steht die Möglichkeit von Versöhnung überhaupt nicht im Raum.

Als nun aber nach dem Wettangeln ein Toter gefunden wird, gerät etwas zuvor unter der Oberfläche des Dorfs brodelndes zum Ausbruch. Ein Ermittler aus den Kolonien trifft im Dorf ein, die Männer tratschen und über allem liegt die Frage: was ist in der Nacht des Wettangelns passiert und wer trägt Schuld am Tod?

Eine klare Zuordnung Die Witwer von Chaltouva fällt gar nicht so leicht, denn Sven Heuchert mengt in seinem Roman viele Zutaten zusammen. Da ist die Liebesgeschichte gegen die Widerstände, die Beschreibung der Dorfriten und die spät einsetzende Krimihandlung um den Toten und den zugereisten Ermittler, der es selbst kaum vermag, hinter die Mauern des Dorfes zu blicken. Auch findet mit der Jagd nach dem Witwer fast auch etwas Übersinnliches in den Roman, eine düstere Version des Kleinen Wassermanns gewissermaßen.

Ein historischer Roman mit eigenem Ton

Ebenso rau wie die Landschaft ist auch die Montage des Romans. Mal gibt es Kapitel, die nur aus im Dialekt gesprochenen Dialogen bestehen, dann gibt es fiktive Lexikoneinträge in altem Deutsch, es wird der zunächst wie ein weiterer Fremdkörper wirkende Teil über einen Rückkehrer aus den Kolonien eingeschoben, ehe sich die im Fortgang des Buchs Teile verbinden.

Ist man glatt erzählte, sprachlich eher biedere historische Kost gewohnt, dann wirkt vielleicht vieles so ruckelig wie die Reise in einer Kutsche, die sich auf den steinigen Weg nach Chaltouva macht.

Und auch die Sprache stellt in Sachen Ruckeligkeit keine Ausnahme dar. Neben den schon erwähnten Passagen um fiktive Wörterbucheinträge und ganze Kapitel, die in direkter Rede gestaltet sind, fällt auch der Ton ins Auge, der ebenfalls recht archaisch ist und den Schmutz dort in Chaltouva in allen Schattierungen besieht und beschreibt. Alte Begriffe wie die des Kommiss oder dem Beruf des Kopfschlächter stehen Erfindungen von Sven Heuchert wie dem Witwer-Fisch, der in seinem Königreich herrschenden Währung des Reppa oder dem Initaitionsritus des Grobels.

Fazit

Diese Eigenerfindungen fügen sich in den Gesamteindruck des Buchs, das die patriarchal geprägte Welt voller Schmutz und Gewalt detailreich beschreibt. Wer historische Romane lieber clean und frei von hygienischen wie gesellschaftlichen Unbillen möchte, der greife zu anderen Büchern.

Wer aber eigenwillige, sprachlich herausragende Unterhaltung mit ganz eigener Note schätzt, die quer zu Erwartungen und Gewohntem steht wie ein Witwer im Strom von Ville, für den ist ist dieser düstere Einblick in eine fremde Epoche sicherlich einen Blick wert. Und wer die literarische Vermessung der Provinz schätzt, der ist bei Heuchert eh an der richtigen Adresse!


  • Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva
  • ISBN 978-3-550-20265-0
  • 282 Seiten. Preis: 23,99 €

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim

Dass das Miteinander der Völker in Jerusalem nicht nur in diesen Tagen einem Pulverfass gleicht, das zeigt der historische Roman De Vriendt kehrt heim. Im 1932 erschienenen Roman von Arnold Zweig ringen Orthodoxe, Zionisten, Araber und englische Besatzungsmächte um die Macht in der Stadt. Der Mord an einem intellektuellen Scharfmacher passt da gar nicht hinein, und doch kommt es dazu – mit gravierenden Folgen.


„Verrat tötet.“ Mit diesen Worten wird Jizchak Josef de Vriendt in einer Gasse Jerusalems niedergeschossen – und das ziemlich genau in der Mitte des Romans, der sich zuvor ausführlich dem Mordopfer gewidmet hat.

Dass de Vriendt nicht gewarnt war, könnte man nicht behaupten. Schon zuvor hatte ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstmannes Lolard Irmin seinen Dienstherrn gewarnt, da er eines Nachts in einer Gasse ein Gespräch belauscht hatte, in dem zwei Männer den Tod des holländischen Dichters und Intellektuellen forderten. Doch auf die Warnungen und die inständigen Bitten Irmins wollte De Vriendt nicht wirklich hören.

Ein Mord in den Gassen Jerusalems

Arnold Zweig - De Vriendt kehrt heim (Cover)

Mit seinen unversöhnlichen Positionen zu Orthodoxie und seiner Abneigung des Zionismus — aus seiner Sicht ein klarer Irrweg— hatte er nicht nur unter seinen Bekannten viel Gegenwind und Widerspruch verursacht. Zeitschriften titelten gegen Jizchak Josef de Vriendt und forderten seinen Kopf, bis es dann nach der Hälfte des Romans tatsächlich zur Bluttat kommt.

Drei Kugeln treffen de Vriendt – und wirken wie ein Brandbeschleuniger in einem Konflikt, der zuvor schon lange schwelte.
Die Debatten um Zionismus, Orthodoxie und das rechte Miteinander von Juden und Arabern entwickelt sich schnell zu einem Flächenbrand. Immer wieder kommt es zu Pogromen in Jerusalem und an anderen Stellen in Palästina, wo sich die aufstachelnden Worte nun in Taten übersetzen:

Überall geschehen befremdende Taten, grauenvolle, heldenhafte. Arabische Männer des Dorfes Surbah’r geleiten befreundete Juden, die sich bei ihnen versteckt hatte, sorgsam nach Jerusalem und werden auf dem Rückweg von einer britischen Patrouille niedergeschossen.

Auf die Ermordung von Juden durch unbekannte arabische Täter antwortet Blutrache: die Ermordung arabischer Familien durch unbekannte jüdische Täter. Ein gelehrter britischer Jude, der vom Ertrag seines Vermögens intelligente arabische Jugend auf Universitäten geschickt hat und leidenschaftlich an der Hebung des geistigen Lebens seiner moslemischen Mitbürger arbeitet, wird von seinem arabischen Chauffeur mitten in den bewaffneten Demonstrationszug hineingefahren und an der Seite seines Sekretärs ins Herz gestochen: den rettet nur der Tarbusch auf seinem Kopfe. Jüdische Arbeiter verteidigen eine Moschee gegen jüdische Angreifer, arabische Frauen decken jüdische Greise gegen die Messer arabischer Burschen. Das ist Bürgerkrieg in seinem Wirrwarr, seiner scheußlichen Unberechenbarkeit; er bricht aus und erlischt wieder, herrscht bald da, bald dort, Tage, manchmal Stunden, anderswo wieder Wochen. Jedenfalls stockt dem Lande Puls und Atem: unter britischer Verantwortung, ein gesittetes Land, und nun überall Mord, Verwundung, Raub und Feuer!

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 167

Das Massaker von 1929

Was Arnold Zweig hier beschreibt, ist leider alles andere als eine Fiktion, wie nicht zuletzt die Gegenwart zeigt. So beruht die Figur des Jizchak Josef de Vriendt auf einem historischen Vorbild, nämlich dem „unglücklichen Dichter und unseligen Politiker J. I de Haan“, wie Arnold Zweig im beigefügten Nachwort der holländischen Ausgabe seines Romans schreibt.

Dieser hatte sich vom Zionisten zum ultraorthodoxen Anti-Zionisten gewandelt und wurde 1924 in Jerusalem erschossen. Zweig datiert diesen Mord fünf Jahre nach hinten, um ihn dann mit dem historischen Ereignis des Massakers von 1929 zu verschmelzen und so das fragile Miteinander von Juden und Arabern zu zeigen, was er aus dem Mord an de Vriendt ableitet.

Dabei ist sein Roman kein Kriminalroman, auch wenn ein Verbrechen und die Suche nach Tätern eine Rolle spielen. Vielmehr interessiert sich der 1934 selbst nach Haifa emigrierte Zweig für die sozialen Dynamiken und die Bruchlinien in Jerusalem als pars pro toto für das ganze Land.

Konflikte und Bruchlinien in Israel

Nach anderthalb Jahren harter Arbeit unter den sephardischen und jemenitischen Kindern von Akko hatte sie ihren Mann geheiratet. „Wir sind schon ein sonderbares Stück menschlicher Materie“, erklärte sie, ihre schönen Augen nachdenklich auf dem Pflaster der Herzl-Straße, die man bergab ging. „Wir haben kaum hundertfünfzigtausend Juden hier, und schon bilden wir uns ein, die Erde kreise um uns“.

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 189

Das ist nicht immer ganz leicht zu lesen, wirkt manchmal durch den Ton reichlich antiquiert und etwas ausufernd – auch ist ein Aspekt wie die „Knabenliebe“ de Vriendts zu einem arabischen Jungen heute wohl noch deutlich problematischer als die leicht exotisierende Beschreibung Arnold Zweigs in seinem Buch. Dennoch hat De Vriendt kehrt heim auch heute noch seine Qualitäten, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Konflikte, die wie eine Fortführung der alten Fehden und Streitereien wirken.

Nicht ganz glücklich ist in meinen Augen dabei die editorische Entscheidung, den Anmerkungsapparat mit der Erklärung vieler zeithistorischer Bezüge und Namen kommentarlos ans Buchende zu verbannen, statt mit Fußnoten oder Markierungen im Text anzuzeigen, dass sich weiter hinten im Buch Erklärungen zu Begriffen wie den deutschen Templern, Schaufäden oder der Balfour-Deklaration befinden.
Eine Markierung solcher Begriffserklärungen direkt im Text würde die Lektüre dieses kenntnis- wie anspielungsreichen historischen Buchs deutlich erleichtern.

Fazit

So oder so ist die Neuausgabe dieses Buchs aus dem Jahr 1932 eine interessante Geschichtsstunde, die um einen politischen Mord kreist, der stellvertretend für die vielen Konflikte steht, die nicht nur damals, sondern auch heute noch Israel und Palästina zu zerreißen drohen. Hoffnungsfroh stimmt sie dabei nicht, die Lektüre von Zweigs Buch, aber viele Streitereien klarer erkennen lässt De Vriendt kehrt heim allemal.


  • Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim
  • Mit einem Vorwort von Meron Mendel
  • ISBN 978-3-8477-2065-2 (Die Andere Bibliothek)
  • 272 Seiten. Preis: 26,00 €

Franz Braumann – Rastlos solidarisch

Raiffeisen – wenn man diesen Namen heute hört, denkt man zuvorderst wahrscheinlich an die gleichnamigen Finanzinstitute. Welch reichhaltiges Wirken das Leben ihres Gründers bereithielt, das lässt sich nun wieder aus der Romanbiografie des 2003 verstorbenen Autors Franz Braumann erfahren, die unter dem Titel Rastlos solidarisch – Roman über Friedrich Wilhelm Raiffeisen neu aufgelegt wurde.


Eigentlich war alles dazu angetan, diesen Roman gar nicht erst zur Hand zu nehmen. Im normalen Tagesgeschäft neben der Arbeit bleibt für die zu rezensierenden Bücher meist eh schon zu wenig Zeit, als dass ich mich auch noch zusätzlich unverlangt eingesandte Titeln widmen könnte. Dazu noch ein mir völlig unbekannter Verlag und obendrein auch noch das Nachwort einer Landesministerin. Eigentlich sprach nicht viel dafür, diesem aus der Post gefischten Buch meine Aufmerksamkeit zu schenken. Und doch begann ich in Franz Braumanns Buch zu blättern, nicht zuletzt auch aufgrund der Aufmachung durch die Buchgestalterin Cosima Schneider, die sonst bei der Büchergilde wirkt.

Raiffeisen in Weyerbusch

Franz Braumann - Rastlos solidarisch (Cover)

Schon nach wenigen Seiten fand ich mich inmitten der Geschichte, die 1845 mit dem Amtsantritt eines jungen Mannes beginnt, der in einer kleinen Gemeinde namens Weyerbusch im Rheinland-Pfälzischen zum Bürgermeister bestellt wird. Der junge Kreissekretär, der so die verschneite Szenerie betritt, trägt den Namen Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Es handelt sich bei ihm tatsächlich um den Ideengeber jener Banken, die heute noch seinen Namen im Titel tragen.

Doch bis diese ins Spiel kommen, vergeht noch viel Zeit. Chronologisch zeichnet der österreichische Autor Franz Braumann (1910-2003) in seiner Romanbiografie das Wirken Raiffeisens nach, der schon in jungen Jahren durch Tatkraft und den Willen zur Veränderung auffällt. Im Zuge einer großen Hungersnot mindert er die Abhängigkeit der Armen von den Brotpreisen, indem er in seiner Brotverein ins Leben ruft, der selbst das Mehl zu Brot verarbeitet und so den Wucher der Bäckereien umgeht. Dieser (bis heute existente) Verein ist nur einer der vielen Zusammenschlüsse, die Raiffeisen zeit seines Lebens gründen wird. Egal ob der gemeinschaftliche Bau eines Schulhauses oder die Gründung eines Wohltätigkeitsvereins: viele Ideen Raiffeisens waren sprichwörtlich aus der Not geboren und entfalteten eine große Wirkung im Kleinen.

Sozialreformer, Wirtschaftsdenker, Visionär

Über mehrere Amtswechsel hinaus wird das Engagement und der hohe persönliche Einsatz des von puritanischen Erziehungsidealen geprägten Mannes sein Wirken entfalten. Stück für Stück verbreiten sich die Theorien und Ideen des Wirtschafts- und Sozialreformers und münden schließlich in der Schaffung von Zentralkassen, die ebenfalls dabei helfen sollen, die Not zu lindern und der Bevölkerung Planungssicherheit zu geben, wovon Braumann Raiffeisen selbst etwas technokratisch berichten lässt:

„Jetzt haben Sie ihr Werk von den Wurzeln bis zum Gipfel abgeschlossen“, sagte Rudolf Weidenhammer, ein langjähriger Freund und Mitarbeiter in Hessen. „Keineswegs“, wehrte Raiffeisen ab. „Alle diese Zentralkassen, wenn sie einmal in jedem deutschen Land bestehen, sollten in einer landwirtschaftlichen Generalbank vereinigt werden“. „Wäre das nicht zu viel Zentralisierung an einem Ort?“ „Die Zentralkassen müssen eben gleichberechtigte Mitglieder sein. Der zweifache Überbau würde alle Darlehnskassen-Vereine Deutschlands zusammenhalten. Es gibt noch viele Notgebiete. Wenn wir unsere gesammelte Kraft auch dort einsetzen, werden diese letzten Schandflecke sozialer Rückständigkeit und Ausbeutung mit den Jahren verschwinden.“

Franz Braumann – Rastlos solidarisch, S. 231

Zweifellos, manche Dialoge klingen eher nach Volkswirtschaftslehre als wirklich lebendigen Gesprächen. Auch hätte dem Biografen an manchen Stellen etwas kritische Distanz zu seinem Erzählobjekt gutgetan. Dennoch aber entfaltet Rastlos solidarisch einen erzählerische Kraft, indem man dem rastlosen Reformer durch ganz Rheinland-Pfalz folgt und der Verbreitung seiner Lehren und den immer neuen Lösungsansätzen gegen die drängenden Probleme seiner Zeit beiwohnt.

Solidarität und Genossenschaft als Mittel gegen Wucher

Egal ob Wucherer, die Pachtbauern in die Armut treiben, oder Großhändler, die ihre exklusiven Monopole zum finanziellen Gewinn ausnutzen – Raiffeisens Wirken und Ideen zeigen eine andere Welt auf, wie es auch gehen könnte mit einer abgesicherten und zufriedenen Gesellschaft, anstatt immer weiter auf den eigenen Vorteil und das ständige Wachstum zu schielen. Das macht das Buch auch in unserer Zeit noch lesenswert und zeigt die Aktualität seines Tuns und Denkens, während anderswo die Axt an den Sozialstaat gelegt werden soll.

Solidarität und genossenschaftliches Wirken gegen den Wucher und die Abhängigkeit von anderen Finanzpartnern und ein auf Gemeinwohl statt auf Gewinne ausgelegtes Handeln, sie sind Mittel zum Zweck, wie das Wirken Friedrich Wilhelm Raiffeisens zeigt – und wie es Franz Braumann auf unterhaltsame und zugleich erhellende Art und Weise beschreibt.

Irgendwo zwischen Ulrike Herrmanns Das Ende des Kapitalismus, Henning Sußebachs Anna oder: was vom Leben bleibt und Ralf Westhoffs Niemals nichts sortiert sich diese Romanbiografie eines Mannes ein, der uns heute in Zeiten des entfesselten Kapitalismus und Gewinnstrebens vielleicht noch mehr zu sagen hat, als es Zeit seines Lebens der Fall war.

Ursprünglich 1959 unter dem Titel Ein Mann bezwingt die Not erschienen, wurde das Buch nun unter seinem nun etwas weniger pathetischen Titel neu aufgelegt und im Inneren wie Äußeren schön gestaltet. Auch fast siebzig Jahre nach dem Erscheinen verdient Rastlos solidarisch einer Lektüre, wenn nicht sogar – wie schon erwähnt – dieser Tage mehr denn je.


  • Franz Braumann – Rastlos solidarisch
  • ISBN 978-3-87151-346-6
  • 255 Seiten. Preis: 20,00 €

Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden

Was sind die anstrengendsten Malerreisen in den Dschungel schon gegen die Liebewirren, in denen sich der Augsburger Landschaftsmaler Johann Moritz Rugendas verfängt? Nichts, wie der chilenische Autor Carlos Franz in seinem Roman Das Quartett der Liebenden zeigt. Darin lässt er Charles Darwin und Rugendas um die Liebe einer Frau im Dschungel Chiles wetteifern. Gelungene Prosa mit hohem Potenz-Anteil.


Rugendas – Landschaftsmaler. So verkündet es die Karte, mit der sich Johann Moritz Rugendas ausweist – und die er nach seiner ersten Begegnung Carmen Gutiérrez überreicht, die er im Hafen von Valparaiso auf den ersten Seiten von Carlos Franz‘ Roman kennenlernt.

Schon bei seiner ersten Begegnung hat die selbstbewusste Frau im Hafen von Chile mächtig Eindruck auf den aus Augsburg stammenden Maler gemacht.

So nimmt es die bildschöne Frau mit dem Kapitän von Rugendas Schiff auf, das den Maler in den Hafen der chilenischen Stadt gebracht hat. Energisch setzt sie sich gegen die grobschlächtigen Männer durch, um eine Schiffsladung zu sichern, die sie sehnsüchtig erwartet. Ihr Intervenieren nutzt auch Rugendas, der sich für ihren Einsatz mit einem von schneller Hand hingeworfenen Porträt der schönen Frau bedanken möchte. Doch dieses Porträt zerreißt sie brüsk und weist Rugendas Avancen kühn zurück. Damit weckt sie aber im Maler aber erst recht den Wunsch, diese Frau näher kennenzulernen.

Eine Begegnung in Valparaíso

Carlos Franz - Das Quartett der Liebenden (Cover)

Tatsächlich kommt es nach einigen Anfangsschwierigkeiten der beiden gegensätzlichen Charaktere zu einer Annäherung, die in einer Affäre zwischen dem Maler und der temperamentvollen Chilenin gipfelt, dem sie Porträt sitzt. Doch nicht nur Carmens Gatte bedroht die Affäre – auch ein anderer Naturforscher namens Charles Darwin weckt das Interesse von Carmen Gutiérrez – was auf Gegenseitigkeit beruht.

So entspinnt sich die Dynamik der Handlung, die sich aus den Anziehungen und Abstoßungen zwischen den drei Männern und Carmen im Zentrum speist, die Carlos Franz mit Sinn für die erotische Aufladung der Konstellation schildert.

Kapitelüberschriften wie „Der beste Liebhaber der Welt“, „Die Musen entkleiden“, „Ich bin doch kein Deckhengst“ oder „Der längste Penis der Welt“ verschweigen die Potenz von Franz‘ Prosa nicht. Liebe in Form sexueller Eskapaden und gehäufter Kopulation nimmt in Das Quartett der Liebenden einen durchaus prominenten Raum ein. Aber die Tonsetzung offenbart sich nicht erst hier. Sie wird schon mit dem ersten Absatz von Franz‘ Roman klar:

Der leuchtende Junimorgen, an dem du Carmen kennenlerntest, strahlte nach einer Woche voller Gewitter über dem Pazifik. Dein Schiff wäre vor der chilenischen Küste beinahe untergegangen, mehrere Male hattest du dich schon mit dem Tod abgefunden. Doch nun lief der Schoner mit zerfetzten Segeln, ziemlich zerlumpt, in die helle Bucht von Valparaíso ein. Das tat er mit dem zärtlichen Verlangen eines Mannes, der in die geliebte Frau eindringt.

Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden, S. 9

Viel amouröses und künstlerisches Potential

Den Roman allerdings nur auf sein amouröses Potenzial zu reduzieren, täte dem Quartett der Liebenden allerdings unrecht. Denn der Roman atmet die Farben und Kulissen in Chile, versetzt mit einer Rahmenhandlung, die Darwin und Rugendas als gealterte Liebhaber Carmens zwanzig Jahre später nach den eigentlich Ereignissen 1854 in Großbritannien noch einmal zusammenführt. Zudem ragt der Roman mit seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive in Form der Zweiten Person Singular heraus. Immer wieder wird der von Carmen liebevoll „Moro“ geheißene Rugendas in Du-Form adressiert.

Und auch die Kunst spielt in Carlos Franz‘ Roman eine große Rolle. Da weisen Überschriften wie „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ auch auf den im wahrsten Wortsinn malerischen Hintergrund des Romans hin. Immer wieder gelingen Franz beeindruckend geschilderte Momente, die sich auch an die Kunst wichtiger Maler der Zeit anlehnen.

Immer wieder findet sich Rugendas in Szenen wieder, die wie in diesem Fall von Caspar David Friedrich stammen könnten. Aber auch Albrecht Dürer oder Hans Holbein sind wichtige Einflussfaktoren sowohl für das Erzählen Franz‘ als auch für den Künstler Rugendas, wie Carlos Franz in diesem „Werk der reinen Fantasie“ zeigt, so der Autor in seinem Nachwort.

Malen mit Worten

Das Malen mit Worten, Carlos Franz beherrscht die Kunst hervorragend. Dort ein Showdown auf einer Hängebrücke im Nebel, während der Fluss unter Rugendas tobt, an anderer Stelle der massive Felssturz und Vulkanausbruch auf dem Berg Aconcagua, der in einem Überlebenskampf in einer Höhle mündet, die in Darwin und Rugendas nicht nur ungeahnte Kräfte freisetzt, sondern auch zu einem archaischen Schöpferakt führt, wenn die beiden Naturerkunder schließlich sogar die Höhlenwände bemalen und damit wieder zum künstlerischen Urtext des Buchs zurückkehren.

Hier kommt dem Buch zupass, dass das Werk mit Carlos Franz nicht nur einen Autor hat, der mit Worten fast ebenso gut malen kann wie Rugendas mit seinen Pinseln. Auch der Übersetzer Lutz Kliche erweist sich als gewandter Sprachmeister, der das registerreiche Spanisch Franz‘ voller historisierender Begriffe in ein fließendes und sprachmächtiges Deutsch überträgt.

Ein riesiges Stück des Gletschers, der die linke Schulter des Aconcagua bedeckte, begann die Südwand des Bergs hinunterzurutschen und wurde jetzt unter der Nebeldecke sichtbar. Ein langsames, phantastisches Schiff ganz aus Eis, stahlblau, majestätisch, unwiderstehlich. Sein Bug, durch hunderte Vergletscherungen gehärtet, bahnte den Weg für einen riesigen Kiel, der den Hang aufschlitzte- Sprachlos schautest du hinauf, Moro, und fühltest dabei, dass das Erhabene – dem du so sehr nachgejagt warst – jetzt dir nachjagte. Das losgelöste Gletscherstück von mindestens einem halben Kilometer Länge zerschnitt mit seinem Sporn die Metalladern, die den Hang kreuzten, zerteilte die Sehnen aus Stein, die ihn zusammenhielten. Der Aconcagua brüllte und kreischte vor Schmerz, während das Eis seine Flanke aufschlitzte. Auf eurem Felsvorsprung mussten Darwin und du sich die Ohren zuhalten.

Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden, S. 280

Fazit

Erotik, Anziehung, Natur und Kunst finden in Das Quartett der Liebenden zu einem stimmigen Leseerlebnis zusammen, das von Ilja Trojanow im Rahmen der Edition Weltlese entdeckte und das im Programm der Büchergilde Gutenberg zugänglich gemacht wurde. Carlos Franz‘ Buch erzählt vom heute fast unbekannten Künstler Rugendas und zeigt, wie spannend auch Literatur aus Landstrichen wie in diesem Falle Chile sein kann, die hierzulande eher ein unbeachtetes Dasein fristet.

Bildquelle Titelbild: Flickr/Canal C


  • Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden
  • Aus dem Spanischen von Lutz Kliche
  • Art. Nummer 171376 (Edition Weltlese, Büchergilde Gutenberg)
  • 479 Seiten. Preis: 26,00 €