Category Archives: Kriminalroman

Cilla und Rolf Börjlind – Die Springflut

Guter Schwedenkrimi

Die Springflut ist der erste gemeinsame Roman des erfahrenen Drehbuchschreiberpärchens Cilla und Rolf Börjlind, die zusammen für 26 Kommissar-Beck-Filme das Drehbuch verfasst haben. Diese Routine merkt man den Buch auch an – wer Schwedenkrimis liebt wird an diesem Roman nicht vorbeikommen.
Ausgangspunkt ist der Tod einer jungen Frau 1987, die auf grausame Art und Weise umgebracht wird – eingegraben in Sand wird sie durch die hereinkommende Springflut ertränkt. Der Fall muss ungelöst zu den Akten gelegt werden um dreiundzwanzig Jahre später wieder ans Tageslicht geholt zu werden. Die junge Polizeischülerin Olivia Rönning macht sich im Rahmen ihrer Ausbildung an das Aufrollen dieses Cold Cases aus der schwedischen Provinz und muss rasch erkenne, dass der damals zuständige Kommissar Tom Stilton Einiges über den Fall zu wissen scheint – doch dieser ist wie vom Erdboden verschluckt. So muss sich Olivia alleine auf die Suche nach den Mördern der jungen Frau machen und die Aufklärung des Verbrechens vorantreiben.
Cilla und Rolf Börjlind folgen mit ihrem ersten Roman dem Patentrezept eines jeden Schwedenkrimis: Ein brutaler Mord – am besten in der Vergangenheit, Ermittler mit schwerwiegenden Problemen (hier sind auch Analogien zur Sebastian-Bergmann-Reihe von Hjorth und Rosenfeld erkennbar) und die Kritik an sozialen Entwicklungen. Wer sich daran nicht stört erhält einen routiniert geschriebenen Krimi, der die vielen Handlungsstränge meist sauber auflöst und der einen vielversprechenden Auftakt zu der kommenden Serie bildet.
Was Die Springflut so gut lesbar macht, in meinen Augen allerdings auch ein kleiner Makel ist, ist das bunte gemischte Personentableau.
Dabei beschränken die beiden Schweden ihren Roman auf eine überschaubare Anzahl von Charakteren, die alle miteinander in Beziehungen stehen. Das macht das Buch übersichtlich, erweckt aber auch den Anschein von zuviel Konstruktion und Unglaubwürdigkeit, insbesondere was die Arbeit der Polizei angeht. So lösen die wenigen Figuren eigentlich im Alleingang einen alten Fall und verständigen sich nur untereinander. Am Ende scheint bei den beiden Autoren der Wunsch vorgeherrscht zu haben, alle Charaktere zusammenzuführen und eine Auflösung zu erzeugen, in der alle Mitwirkenden involviert sind. Ohne hier zu viel verraten zu wollen, scheint mir gerade das etwas überzogen.
Ansonsten machen Cilla und Rolf Börjlind wenig falsch und liefern ein fast stimmiges Gesamtwerk ab, das dank der originellen Charaktere noch viel Entwicklungspotenzial bietet und einen vielversprechenden Auftakt zu der neuen Reihe darstellt.

Joel Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Grandios doppelbödig

Ein Buch von einem Schriftsteller, der über einen Schriftsteller schreibt, der über einen Schriftsteller schreibt? Klingt kompliziert, ist aber ein großartiger Lesespaß, wie Joel Dicker in Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert beweist.

Sein Roman ist über 700 Seiten ein Krimi, eine Liebesgeschichte, das präzise Porträt einer amerikanischen Kleinstadt, eine Humoreske und noch viel mehr. Mehrfach ausgezeichnet erzählt das Buch über 31 Kapitel erstreckt vom Schriftsteller Marcus Goldmann, der in einen großen Kriminalfall hineingezogen wird.

Goldmanns Mentor, der berühmte Schriftsteller Harry Quebert, gerät unter Mordverdacht, nachdem auf seinem Grundstück die Leiche der vor 33 Jahren verschwundenen Nora Kellergan gefunden wurde. Dieses junge Mädchen aus der amerikanischen Provinzstadt Aurora stand Harry Quebert sehr nahe und erschwerend kommt hinzu, dass sich das Manuskript von Queberts Durchbruchroman bei dem Skelett findet.

Für Goldmann kommen diese Geschehnisse gerade recht, da er unter einer Schreibblockade leidet und von seinem Verleger unter Druck gesetzt wird. Er beschließt kurzerhand auf eigene Faust zu ermitteln und seine Erkenntnisse in Form eines neuen Buches zu veröffentlichen – allerdings ahnt er nicht, welche Lawine er mit seinen Ermittlungen lostritt.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist ein clever komponiertes Buch, das sich bei vielen Genres bedient und das auf hervorragende Weise die Handlung auf mehrere Zeitebenen und Personen verteilt. Obwohl Dicker ein Schweizer ist, liest sich der Roman höchst amerkanisch – und das im besten Sinne!

In Episodenform verknüpft Dicker die Ermittlungen Goldmanns mit den damaligen Geschehnisse und erzeugt einen Lesesog, da man unbedingt wissen will, was mit Nola vor 33 Jahren passiert ist und ob Harry Quebert wirklich unschuldig ist.

Der Roman ist ein doppelbödiges Spiel, da Joel Dicker mit geschickten literarischen Kniffen immer wieder Unsicherheit beim Leser erzeugt, inwieweit er den Figuren und ihren Schilderungen der damaligen Ereignisse trauen kann.

Das Buch ist komplex, ohne kompliziert zu sein und schafft es selbst mit der Danksagung, den Leser noch nachgrübeln zu lassen – oder um es mit den Worten Harry Queberts zu sagen:

„Ein gutes Buch lässt sich nicht allein an seinen letzten Worten bemessen, sondern an der Gesamtwirkung aller vorausgegangenen Worte, Marcus. Ungefähr eine halbe Sekunde nachdem der Leser mit Ihrem Buch fertig ist, nachdem er das letzte Wort gelesen hat, muss er spüren, wie ihn ein starkes Gefühl überkommt. Er muss einen Moment lang an nichts anderes denken als an das, was er gerade gelesen hat, und den Einband mit einem Lächeln, aber auch mit einer Spur von Traurigkeit betrachten, weil ihm alle Figuren fehlen werden. Ein gutes Buch, Marcus, ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat.“

Dicker, Joel: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

So erging es mir mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert definitiv – eines der starken Bücher dieses Bücherherbstes!

Don Winslow – Manhattan

Senatoren und Suizid

Mit Manhattan veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag erneut den aus dem Jahre 1996 stammenden Roman „Isle of Joy“ von Don Winslow. Wer nun aber einen schnell geschnittenen, hochtourigen Thriller im Stile der späteren Bücher Winslows erwartet, dersollte sich schnell getäuscht sehen.

Die Handlung von Manhattan dreht sich um Walter Whiters, einen vielschichtigen Angestellten – früher bei der CIA, nun bei der Firma Forbes and Forbes – und dauert genau eine Woche, nämlich vom 24. bis zum 31.12.1958. Walter verdient seine Brötchen eigentlich mit der Personenüberprüfung wird dann aber von seinem Chef mit einer delikaten Angelegenheit betraut. Er soll für einen ranghohen Senator als Sicherheitsmann aushelfen und wird prompt in eine gefährliche Lage manövriert. Sein Name taucht im Zuge des Selbstmordes eines Starlets auf und nun muss er all seine Talente aufbieten, um seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Wer die letzten Bücher Winslows schätzte (Boone-Daniels-Reihe, Tage der Toten, Kings of Cool, etc.), dürfte sich bei Manhattan erst einmal verwundert die Augen reiben, wenn man keinen Blick ins Impressum geworfen hat. Sprachverknappnung, grimmiger Humor und detailliert beschriebene Action lassen sich in diesem Frühwerk Winslows nur in Ansätzen finden. Der Roman ist vielmehr eine klassische Spionage-Erzählung, die ihren Reiz aus der Verschwörung zieht, in deren Fäden sich Walter Withers verfängt.

Würde sich Winslow alleine auf seine Verschwörung als Grundgerüst der Erzählung verlassen, wäre Manhattan nicht viel mehr als solider Durchschnitt, denn durch sonderliche Innovationen weiß das Buch nicht zu überzeugen. Besonders ist die Erzählung dann aber durch ihre Referenzen zum New York der 1958, das Winslow hervorragend zu gestalten weiß. Manhattan ist mit Zeitgeschichte und Lokalkolorit nur so durchsättigt. Fast unverschleiert lässt er den Kennedy-Clan auftreten und verwickelt den aufstrebenden Senatoren in eine Liebesaffäre mit Marilyn Monroe, die auch kaum getarnt wird. HUAC, Mobster, Jazz, Hoover und Filmstars bilden eine interessante Melange, in der man das ein oder andere Mal den Überblick verlieren könnte – am Ende aber dennoch wieder bei Walter Withers ist, der sich in einem spektakulären Showdown eben durch Manhattan kämpft und sein Überleben sichern will.

Manhattan ist nicht das beste Buch Winslows, die späteren Werke sind da deutlich knapper und stringenter. Dennoch stellt das Buch einen interessanten Einblick in eine vergangene Epoche dar und man meint förmlich das swingende New York Sinatras vor sich zu sehen, wenn Walter Withers durch Manhattan streift.

Joe R. Lansdale – Gluthitze

Der Stich ins Wespennest

Derb, brutal und spannend – das sind die Adjektive, die das Buch Gluthitze von Joe R. Lansdale wohl am besten beschreiben.

Bereits 2010 unter dem Titel Gauklersommer im Golkonda-Verlag erschienen hat sich der Suhrkamp-Verlag die Rechte für das Taschenbuch gesichert und dieses nun unter einem weniger aussagekräftigen Titel publiziert.  

Wie schon bei Kahlschlag, dem ersten von Lansdale im Suhrkamp-Verlag erschienen Roman, stellt sich wieder ein einzelner Protagonist einem ganzen System entgegen, um für Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen.

Diese Verbindung kommt nicht von Ungefähr, schließlich ist Cason Statler der Urenkel der in Kahlschlag agierenden Sunset Jones, die schon vor Generation im texanischen Kaff Camp Rapture ein Verbrechen aufdeckte. In Gluthitze ist es nun an Cason, die Familientradition zu wahren und dem Bösen den Kampf anzusagen.

Die Heimkehr des Cason Statler

Cason kehrt aus dem Irak-Krieg zurück und findet bei der örtlichen Dorfgazette eine Anstellung als Kolumnist, wo er schnell seinen Riecher beweist. Statler, früher einmal für den Pulitzer-Preis nominiert, klemmt sich hinter die Geschichte der verschwundenen Caroline, über deren Verbleib sich das Dorf ausschweigt. Schon bald pflastern Gewalt und Leichen den Weg zur Wahrheit, den Cason unbeirrt beschreitet..  

Gluthitze ist ein typischer Lansdale: Wie immer in Texas angesiedelt erzählt der amerikanische Autor von einer bigotten Gesellschaft und skrupellosen Morden, charakterisiert einen gescheiterten Reporter und blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft.

Leider zählt die Geschichte nicht zu den stärksten Romanen, die Lansdale vorgelegt hat. Der Plot ist zumindest in den ersten Teilen reichlich übersichtlich und lässt einiges an Finesse vermissen, ehe er im letzten Drittel noch einmal aufdreht. Auch kann die Sprache und die Zeichnung der Charaktere von Gluthitze nicht immer überzeugen – zu derb und brutal sind manche Passagen und Protagonisten geraten.

Dennoch ist es für mich unerklärlich, warum ein fantasievoller und sprachmächtiger Autor wie Lansdale nach wie vor eher den Krimikennern als der breiten Masse ein Begriff ist. In seinen Werken beweist er – mal stärker, mal eher weniger – wie bunt und aufregend Kriminalliteratur sein kann.

Zwar mag Gluthitze nicht Lansdales Meisterwerk sein, spannend und originell ist das Buch doch zumeist und passt nicht nur vom Titel her hervorragend zum Sommer und sorgt für einige spannenden Stunden in der Hitze!

Paolo Roversi – Milano Criminale

Milano Criminale stammt vom jungen Mailänder Krimiautoren Paolo Roversi, von dem bislang zwei Krimis um den gewieften Hacker Enrico Radeschi im List-Verlag veröffentlicht wurden (Die linke Hand des Teufels und Tödliches Requiem). Nett zu lesen waren beide Krimis, doch nun entschied sich der Ullstein-Verlag, ein anderes Werk des Italieners zu publizieren

Die rote Stadt

Milano Criminale ist die Lebensgeschichte zweier Rivalen und ein Bild der chaotischen 68-Jahre in Mailand, die als Ligera in die Annalen der Geschichte eingehen werden. Antonio und Roberto sind Weggefährten im Mailand der 60er Jahre, aufgewachsen in den Straßen und Gassen der Arbeiterstadt – doch schon bald bewegen sich ihre Viten diametral auseinander.
Während sich Roberto der Unterwelt Mailands andient beschließt Antonio sein Leben in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen. Er wird Mitglieder Polizei Mailands und macht fortan Jagd auf die Verbrecher der Stadt – und schon bald wird sich sein Lebensweg wieder mit dem von Roberto kreuzen …

Es ist eine klassische Ausgangslage, die Paolo Roversi in Milano Criminale zum Aufhänger seines Buches benutzt. Zwei Männer auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Das wäre so eine klassische Idee, doch das Buch gewinnt seinen Reiz aus der Tatsache, dass der Kampf der beiden Charaktere Teil eines noch viel größeren Plots ist.

Roversi erzählt von verschiedenen Verbrechern und Polizisten, von Studentenprotesten, die den deutschen 68er-Revolten gar nicht so unähnlich sind, und vom Weg in den zielgerichteten Terror, der den Studentenaufständen erwuchs. Dies packt der italienische Autor in 460 kurz getaktete Kapitel, die durch das verwendete Präsens vorwärtspreschen und dem Leser ein umfassendes Bild der chaotischen Jahre in der roten Stadt Mailand vermitteln.

Leser, die an dem Film Carlos – der Schakal oder den Büchern James Ellroys Gefallen gefunden haben, dürfte auch Milano Criminale zusagen.

Ein starkes Stück Kriminalliteratur, dass sein Finale auch wirklich erst auf den letzten Seiten erlebt und das den Leser teilhaben lässt an den tödlichen Geschehnissen in der roten Stadt Mailand – sehr lesenswert!