Category Archives: Kriminalroman

Jörg Maurer: Unterholz

Auf der Alm, da gehts kriminell zu

Wer hat’s geschrieben: Jörg Maurer, Musikkabarettist und versierter Krimischriftsteller. Gewann bereits Preise für seine Kurzgeschichten und hat schon vier Jennerwein-Krimis geschrieben.

Worum geht’s: Diesmal sind wird im ungenannten Kurort auf der Wolzmüller-Alm zu Gast. Dort trifft sich eine klandestine Gruppe gedungener Gestalten, um über Themen wie Optographie und ähnliche nebulöse Themen gebildet zu werden. Während der Tagung verscheidet nun plötzlich eine der Teilnehmerinnen und die Gäste machen sich aus dem Staub. Kommissar Jennerwein muss erkennen, dass es auf der Alm zwar keine Sünde gibt, dafür aber offensichtlich Mörder. Sein Team versucht die Spuren der Toten zu rekonstruieren und Licht ins Dunkel um die Vorgänge auf der Wolzmüller-Alm zu bringen.

Warum sollte man es lesen: Jörg Maurer schafft den Spagat zwischen Lokalkrimi und Literatur mit Anspruch. Dennis Scheck äußert sich auf dem Umschlag positiv über den Autoren und adelt somit die Schreibe Maurers. Gekonnt unterhält der Autor mit Pointen (die in den meisten Fällen auch zünden) und hoher Sprachkunst. Zwar bleiben die Charaktere wie gewohnt etwas blass, doch dafür schlägt die Handlung Volten und speist sich aus zahlreichen Einzelsträngen, die insgesamt ein recht stimmiges Gesamtbild ergeben.

Was nicht geht: Das Buch lesen, ohne Spaß zu haben. Wie das Cover bereits suggeriert, nimmt das Buch nichts so richtig ernst, wahrt aber immer noch so viel Respekt, dass das Buch insgesamt ein veritabler Krimi bleibt.

Wem gefällt das: Den Lesern, die bereits Föhnlage, Hochsaison, Niedertracht und Oberwasser verschlungen haben. Und allen, die einen nicht bierernsten Sozialkrimi lesen wollen, sondern einfach mal für ein paar Stunden gut unterhalten werden wollen.

Roberto Costantini: Du bist das Böse

Italien mal anders

Wer hat’s geschrieben? Roberto Costantini, 61 Jähriger ehemaliger Unternehmensberater und Ingenieur, hat mit diesem Buch noch einmal einen beruflichen Wechsel gewagt und ist unter die Kriminalschriftsteller gegangen
Worum geht’s? Ein Mordfall, der zur Passion wird. Costantini zeigt in Du bist das Böse die zwei Seiten seines Ermittlers Balistreris. 1982 herrscht in ganz Italien WM-Euphorie, denn die Squadra Azzura spielt fantastisch. Da kommt dem jungen Commissario das Verschwinden einer jungen Angestellten des Vatikans denkbar ungelegen daher. Widerwillig ermittelt er in der sommerlichen Hitze und findet schließlich den Mörder. Nach ungefähr 200 Seiten springt die Handlung dann ins WM-Jahr 2006 und man ist Zeuge, wie sich Balistreri in einen deprimierten alten Ermittler verwandelt hat, der sich durch sein Leben schleppt. Doch schließlich muss er wieder ran, denn es hat den Anschein, als seien wieder junge Frauen in Rom verschwunden.
Warum sollte man es lesen? Vatikan, lebensfroher Ermittler, junge Frauen, die verschwinden? Hat man so ja schon mal alles gelesen, doch nicht so wie Roberto Costantini seinen Roman aufbaut. Seine in zwei Teile zerfallende Erzählung zeigt einen komplexen Kommissar in einem nicht minder komplex aufgebauten Kriminalfall. Da er schon im ersten Band seiner geplanten Trilogie mächtig vorlegt, darf man gespannt sein, was da noch alles kommt.
Was gibt es nicht? Ein simpler Roman mit einem sympathischen Filou als Ermittler. Gerade der zweite Teil des Romans ist deutlich düsterer als der Auftakt und so muss man schon gewaltig aufpassen ob der zahlreichen Charaktere und Namen der verschwundenen Frauen, damit man den Überblick über das große Ganze behält.
Wem gefällt das?: Alle, die Commissario Brunetti satt haben, keine Vatikanthriller mehr lesen wollen und die italienische Kriminalliteratur mal von einer anderen Seite kennen lernen wollen. Du bist das Böse ist alles andere als leichte Lektüre, dafür besticht der Roman durch einen komplexen Plot, bei dem sich Costantini schon anstrengen muss, damit die beiden Nachfolgebücher auch so gut werden!

Henning Mankell: Vor dem Frost

Übergabe des Staffelstabs

Wer hat’s geschrieben: Henning Mankell, Krimi-Routinier und einer der Begründer des skandinavischen Krimi-Booms
Worum geht’s: Kinder an die Macht! Nachdem Kurt Wallander in der neun vorhergehenden Fällen ermitteln durfte, gibt er jetzt den Staffelstab an seine Tochter Linda ab, die in Vatis Fußstapfen tritt. Bevor sie in Ystad offiziell ihren Dienst als Polizistin antritt, kümmert sie sich noch um das Verschwinden ihrer Freundin Anna. Dieses scheint auf mysteriöse Weise mit brennenden Tieren und einem Leichenfund zusammenzuhängen.Warum sollte man es lesen: Konsequent entwickelt Henning Mankell seine Buchreihe um den griesgrämigen aber genialen Ermittler Kurt Wallander weiter und stellt seine Tochter in den Mittelpunkt. Bereits in den Vorgängerromanen erhielt man immer wieder Infos über Linda Wallander, nun ist ihr großer Auftritt gekommen.

Was nicht geht: Gute Laune, Sonnenschein oder einfache Verbrechen. „Vor dem Frost“ ist ein komplexer Roman, der nicht immer wahnsinnig spannend ist. Stattdessen gibt der Roman Einblick in die Welt der Sekten und charismatischen Führerfiguren. Mankell nimmt sich Zeit für seine Protagonisten und jagt sie durch Schweden und Dänemark – mit einem typisch skandinavischen Spannungssetting in Moll.

Wem gefällt das: Allen Fans von Kurt Wallander, die von Buch zu Buch wissen wollen, wie es mit Linda Wallander weiter geht. Zudem dürften alle Fans von nordischer Krimikost auf ihre Kosten kommen und gut unterhalten werden!

Malla Nunn: Ein schöner Ort zu Sterben

Hochspannende Geschichtsstunde

Ein schöner Ort zu Sterben von Malla Nunn ist ein packendes, faszinierendes und überaus vielschichtiges Buch, bei dem ich mich richtig ärgere, es erst so spät zur Hand genommen zu haben.

Bereits vor einem Jahr erworben, fristete es lange ein Dasein in den unteren Bereichen meiner Bücherstapel, ehe ich es mir nun zur Hand nahm, um das Buch endlich auch einmal zu lesen. Und schon wenige Kapitel später ärgerte ich mich schon über mich selbst und fragte mich, warum ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe – denn es ist wirklich großartig.

Nicht erst seit der WM 2010 erfährt Südafrika einen großen Boom, der sich besonders in der Kriminalliteratur niederschlägt. Deon Meyer, Roger Smith und Mike Nicol stehen für extraordinäre Kriminalliteratur, die sich besonders durch ihre Härte und ihre Schnelligkeit auszeichnet. Malla Nunn geht hier andere Wege. Beinahe bedächtig lässt sie den englischstämmigen Constable Emmanuel Cooper in Jacob’s Rest, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Mosambik ermitteln. Der örtliche Dorfpolizist wurde erschossen und treibt tot in einer Furt – und das im Jahr 1952, in dem die menschenfeindliche Apartheid-Politik gerade in Kraft tritt. Unbeirrt vertritt Cooper seine Auffassung von Gerechtigkeit und nimmt mit seinen Kollegen die Ermittlungen auf. Dabei muss er nicht nur zwischen der schwarzen und weißen Lebenswelt hin- und herwechseln, sondern kommt mit seiner Spurensuche schon bald dem mächtigen südafrikanischen Geheimdienst, genannt Security Branch, in die Quere.

Die Narben der Vergangenheit Südafrika

Malla Nunn hat mit Ein schöner Ort zu Sterben ein Buch geschrieben, das noch lange über das Ende hinaus nachdenklich macht und den Leser fesselt. Gelungen gibt sie Einblick in eine Zeit und in ein rassistisch motiviertes Denken, dass wir uns heute weder vorstellen wollen, noch können. Dennoch schafft sie es, weder die Krimihandlung, noch ihre Protagonisten oder die geschichtliche Rahmenhandlung zu kurz geraten zu lassen. Man meint förmlich die aufgeladene Stimmung in Jacob’s Rest zu spüren, wenn Cooper die Dorfgemeinschaft aufmischt und dann auch noch die sadistischen Schergen des Geheimdienstes die Südafrikaner quälen.

Für mich kommen bei diesem Buch zwei wichtige Aspekte zum Tragen: Zum einen schafft es Malla Nunn wirklich hervorragend, die Geschichte Südafrikas und seine wechselvollen Perioden und Einwohner glaubhaft zu schildern, und zum anderen ist dieses Buch ein ausgezeichneter Kriminalroman, der spannend ist, ohne je die Glaubwürdigkeit zu verlieren und der seine Spannung bis zum großartigen Finale halten kann. Müßig ist es zu erwähnen, dass die Autorin mit Emmanuel Cooper einen tollen Ermittler geschaffen hat, der mich in seiner unbeirrbaren Haltung zwecks Wahrheitsfindung stark an Leo Demidow aus den Büchern Tom Rob Smiths erinnert.

Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach Lektüre für den Kopf und für spannende Stunden seid, greift zu diesem Buch – intelligenter kann man Geschichte und Literatur nicht zusammenbringen!

Martin Suter: Der Teufel von Mailand

Schweizer Synästhesie

Martin Suter zählt zu den wohl bekanntesten Schweizer Bestsellerautoren. Der Teufel von Mailand ist hierbei wohl nicht das kreativste seiner Werke, allerdings auch kein wirklich schlechtes Buch. Alles beginnt mit einem LSD-Trip, der die gerade frisch von ihrem Mann getrennte Sonia völlig aus der Bahn wirft. Synästhesie lautet die Diagnose – fehlgekoppelte Sinneseindrücke.

Sonia schmeckt plötzlich Farben, hört Geschmacksrichtungen und ist wie vor den Kopf gestoßen. Sie beschließt, eine berufliche Chance wahrzunehmen und in einem Hotel in den Schweizer Bergen als Physiotherapeutin einen Neuanfang zu wagen.

Doch die Idylle in dem mysteriösen Hotel und dem dazugehörigen Dorf währt nicht lange. Schon bald nimmt eine Kette von gefährlichen Vorgängen ihren Lauf, die mit dem geheimnisumwitterten Teufel von Mailand in Verbindung zu stehen scheint.

Es wabert die Gefahr

Stets wabert über dem ganzen Plot in Suters Buch die Gefahr wie der omnipräsente Nebel in den Schweizer Bergen. Das mysteriöse Hotel mit seinen Gästen und den nicht minder geheimnisvollen Dorfbewohnern, von denen letztere für mein Empfinden im Buch etwas zu viel Raum einnahmen, erinnert etwas an den Film „Shining“. Da geraten die Ereignisse im Hotel, so unscheinbar sie auch daherkommen mögen, unversehen zu einem echten Psychothriller für die Nerven.

Martin Suter - Der Teufel von Mailand (Cover)

Für seine elegante Prosa und Begriffe wie rauchfarbene Perlerinen kann man diesen Autor nur schätzen. Stets wohlformulierend kleidet Suter seine Erzählung in ein Gewand, das nicht zu leicht oder zu schwer daherkommt. Der Plot changiert gekonnt zwischen Alpenroman, Volkssage, Psychothriller und Dorfchronik.

Obwohl ich nach der Lektüre des Klappentextes noch dachte, dass Der Teufel von Mailand eine glatte Kopie des großartigen Suter-Romans Die dunkle Seite des Mondes sein könnte, bewies das Buch dann schnell seine Eigenständigkeit.

Natürlich sind Themen wie Identität und Sinnkrise immer wiederkehrende Motive in Suters Schaffen, doch Der Teufel von Mailand ist ein höchst lesenswertes und spannendes Buch. Zwar ist die Auflösung des Ganzen dann etwas unspektakulär, passt sich aber gut in das Gesamtkonzept des Romans ein und rundet den Roman ab.