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Simon Urban – Wie alles begann und wer dabei umkam

Ein Jurist legt eine Beichte ab. Im Todestrakt, wartend auf seine Hinrichtung erzählt er uns sein Leben. Er schildert dabei Wie alles begann und wer dabei umkam. Und zeigt sich als ambitionierter Jurist, dem das Recht schon früh nicht mehr ausgereicht hat. Simon Urban hat einen Roman geschrieben, der Entwicklungsroman, juristische Einführung, psychologische Feldstudie und Schelmenroman miteinander kombiniert. Ein Roman, der unterhaltsam, aber nicht ganz rund und schlüssig ist.


Schon früh zeigt sich im Leben des Justus Hartmann: dieses Kind ist nicht wie andere. Zusammen mit den Eltern wohnt er in der Einliegerwohnung des Hauses der eigenen Großmutter. Diese tyrannisiert die ganze Familie, die Schwiegertochter muss zum Hungerlohn bei ihr putzen. Aber immerhin: den Lohn zieht sie der eigenen Familie dann vom Mietpreis der Wohnung ab. Mit ihren Tiraden und wohlgesetzten Spitzen knechtet sie die ganze Familie, sodass Justus schon im Kinderzimmer einen Prozess gegen die eigene Großmutter anstrengt. Als Beisitzer fungieren Kuscheltiere, das Ergebnis seines kindlichen Richterspruchs ist eindeutig: die Todesstrafe.

Ab nach Freiburg

Simon Urban - Wie alles begann und wer dabei umkam (Cover)

Doch bis dieses Todesurteil bei der eigenen Großmutter rechtsgültig in Kraft tritt, werden noch viele Jahre vergehen. Einstweilen absolviert er erst einmal die allgemeine Hochschulreife und tritt nach der Schulzeit den Weg aus Stuttgart nach Freiburg an. Er will der Enge der Wohnung und der großmütterlichen Tyrannei entfliehen und erwählt das heruntergekommene Freiburger Studentenwohnheim als sein neues Domizil. Immer noch mit den Auswüchsen der Pubertät geschlagen beschließt er, sich dem Studium des Rechts zu widmen.

Schnell wird er zu einem Überflieger, der Tutorien leitet, allerdings wenig soziale Kompetenz an den Tag liegt. Seine größte Erfüllung findet er in schonungslosen Gesprächen mit Kommilitoninnen oder jüngeren Studenten, in denen man gnadenlos Geheimnisse oder wahre Ansichten über das Gegenüber teilt. An diesen Gesprächen berauscht sich Justus und schreckt dabei auch vor Manipulation nicht zurück.

Alles ändert sich, als man der etwas biederen Strafrechtslehre in Freiburg mehr Glamour verleihen will. So erhält eine Berliner Starprofessorin einen Lehrauftrag an der Freiburger Uni. Sie krempelt gleich mit ihrer Antrittsrede den Laden auf links und verstört mit ihren Ansichten zur Rechtsprechung Justus nachhaltig. Er beginnt, sich als Gegenspieler der Professorin zu sehen und treibt in seiner Freizeit den Versuch der globalen Renovierung des Strafrechts voran. Doch seine Überlegungen haben für ihn und seine Mitmenschen Konsequenzen. Konsequenzen, die Justus um den halben Erdball führen werden.

Zwei unterschiedlich überzeugende Teile

Wie alles begann und wer dabei umkam teilt sich in zwei Hälften. Endet der erste Teil mit einem wahren Paukenschlag, setzt Urban die Geschichte seines Juristen mit psychopathischen Zügen dann auf der anderen Seite der Erdkugel fort.

Dabei fällt ein qualitativer Unterschied der beiden Hälften ins Auge. Während der erste Teil des Romans recht stringent und vorwärtstreibend erzählt ist, verliert sich diese Dynamik in der zweiten Hälfte fast gänzlich. Hier lässt Urban den Erzählungsfluss deutlich stärker mäandern und unterbricht die Handlung immer wieder durch kurze Erzählepisoden, die sich nicht wirklich homogen einfügen. Zwar sind Teile der Miniaturen großartig (ein humoristischer Höhepunkt sicherlich die Schilderung des Heino-Konzerts, das Justus zusammen mit der tyrannischen Großmutter besuchen muss), andere Geschichten bringen eher erzählerische Längen in den Roman ein (der mit über 500 Seiten eh recht umfänglich geraten ist).

Fehlender Drive im zweiten Teil

Auch schafft es Simon Urban nicht so recht, aus den beiden Hälften mitsamt der ganzen Erzählminiaturen ein literarisches Ganzes zu formen. Der Paukenschlag, der den ersten Teil beendet, läuft im zweiten Teil ins völlige Nichts, ehe der dann am Ende des Romans mithilfe einer Mail halbgar zu Ende gebracht wird. Auch weckt der Auftakt mit der Beichte aus dem Todestrakt heraus Erwartungen, die das Buch nicht erfüllen kann.

Statt einem skrupellosen Mr Ripley, dessen Taten nach und nach eine Lawine auslösen oder zu einem kriminellen Crescendo anschwellen, dümpelt die Handlung oft einfach vor sich hin. Justus scheint in seinen Schilderungen eher an sexuellen Erlebnissen, entblößenden Gesprächen und juristischen Fragestellungen oder Paradoxa Interesse zu haben, als sich als das zu präsentieren, was Klappentext und Geständnis am Anfang des Buchs insinuieren. So bleibt ein etwas unrunder Leseeindruck zurück.

Etwas nervig auch die Angewohnheit, sämtliche besonderen oder hervorgehobenen Wörter ständig kursiv zu setzen. Mit fortschreitender Dauer erweist sich diese Marotte als manieriert und erzählerisch nicht zweckdienlich. Ohne diese Kursivsetzung hätte das Buch kein Gran an Literarizität verloren. So zumindest mein Eindruck

Fazit

Wie alles begann und wer dabei umkam ist ein unterhaltsamer Roman, der besonders im ersten Teil vorandrängt und einen skrupellosen Ich-Erzähler in den Mittelpunkt rückt. Wer viele juristische Fallbeispiele und Betrachtungen über Recht und Unrecht abkann, den dürfte das Buch gut unterhalten. Einige Straffungen und Überarbeitung hin zu einem homogenen erzählerischen Ganzen hätten dem Buch gutgetan. So bleibt für mich der Eindruck, dass hier etwas mehr drin gewesen wäre. Ich empfehle vorrangig Simon Urbans Debüt Plan D, in dem er ein alternatives Deutschland entwirft, in dem die DDR noch fortbesteht. Diesen Thriller würde ich persönlich nach wie vor Wie alles begann und wer dabei umkam vorziehen.

Ein gesonderter Hinweis sei an dieser Stelle noch auf den originellen Trailer des Verlags zum Buch:


  • Simon Urban – Wie alles begann und wer dabei umkam
  • ISBN 978-3-462-05500-9 (Kiepenheuer Witsch)
  • 544 Seiten. Preis: 24,00 €

Mirko Bonné – Seeland, Schneeland

Vor fünfzehn Jahren erschien der Roman Der eiskalte Himmel von Mirko Bonné. Er erzählte darin von der Expedition Ernest Shackletons, den diesen und seine Mannschaft ins ewige Eis und an den Rand des Todes führte. Mit an Bord der Endurance damals: ein blinder Passagier. Der Name des damals 17-Jährigen: Merce Blackboro. Wie ging es für ihn nach der Rückkehr aus dem Eis weiter? Davon erzählt Bonné nun in Seeland, Schneeland.

Es ist ein trauriges Leben, das Merce in seiner walisischen Heimat fristet. Sieben Jahre sind seit der Shackleton-Expedition vergangen. Seine Geschwister haben ihren Platz im Leben gefunden, Merce sucht ihn immer noch. Eigentlich wartet auf ihn die Fortführung des Familienbetriebs, die traditionelle Zimmerei, die seit Jahrhunderten Schiffe ausstattet. Doch es ist die Liebe zu Ennid Muldoon, die Merce wirklich umtreibt und ihn nicht loslässt. Nur eine kurze Zeit war ihm mit der jungen Frau vergönnt, sie hat sich ihm aber unauslöschlich eingebrannt.

Während Merce von seinen Erinnerungen wie gelähmt ist, will Ennid Muldoon derweil ein neues Leben beginnnen. Hinaus aus der walisischen Enge, die sie an den Tod ihres Mannes erinnert, hinaus ins Weite. Amerika ist ihr Ziel, weshalb sie eine Passage auf dem Auswandererschiff Orion gebucht hat. Ein weiterer Gast auf diesem Schiff: der Millionär, Erbe und Trinker Diver Robey, der in Wales Flugzeuge inspiziert hat und der sich nichts lieber als von seinem familiären Erbe emanzipieren möchte.

Eis auf dem Schiff, Eis auf der Seele

Mirko Bonné - Seeland, Schneeland (Cover)

Diese drei Figuren beobachtet Mirko Bonné in Seeland, Schneeland. Aufgrund des Klappentextes und der Beschreiung könnte man einen wuchtigen Abenteuerroman alter Schule erwarten. Ein im Schneesturm festsitzendes Schiff. Ein Mann auf Rettungsmission, getrieben von Liebe und Sehnsucht. Die Erinnerungen an die Shackleton-Expedition ins ewige Eis. Die Motive für eine solche Gattung von Literatur sind allesamt vorhanden. Und ja, Bonné bedient diese Erwartungen auch und findet große Bilder für die Actionszenen.

Allerdings handelt Seeland, Schneeland noch viel mehr vom Blick ins Innere der Menschen. Er zeigt Figuren, deren Seelenleben wie hinter dicken Schichten aus Eis verborge ist. Die sich nicht wohl in ihrem Leben fühlen, die nach Tiefe, Wahrhaftigkeit und dem Echten streben. Figuren, die das Trinken oder das selbstversunkene Grübeln als Bewältigungsstrategien für ihre Leben gewählt haben. Im Falle von Merce Blackboro müsste man in meinen Augen hier schon von einer ausgewachsenen Depression sprechen.

Im Schildern dieser Seelenzustände ist Mirko Bonné sehr stark. Eis auf dem Schiff vor der Küste Schottlands, Eis auf den Seelen seiner Figuren. Damit dürfte er reine Abenteuerpuristen ein Stück weit verschrecken. Immer wieder versinkt Merce im Trübsinn und taumelt durch die Straßen Newports, während sich der Regen auf die Gassen der Stadt am Severn erießt. Ebenso verzweifelt versucht sich Ennid Muldoon auf der Orion in die Lektüre von Tolstois Anna Karenina zu stürzen. Besonders das Schneekapitel hat es ihr angetan. Aber auch in der Lyrik Keats und Yeats sucht sie Ablenkung.

Es lohnt sich aber, mit Bonné in die Abgründe der Seelen seiner Figuren hinabzusteigen. Glaubhaft vermittelt der Hamburger Autor das Zaudern und die Flucht vor den eigenen Bedürfnissen. Seine Sprache ist fein beobachtend, zurückhaltend, von großer Kraft und Ausdrucksfähigkeit. Bonnés zweite Passion als Lyriker und Übersetzer kann diese genaue und variantenreiche Prosa nicht verhehlen – und sie will es zum Glück auch nicht.

Am Ende doch noch ein Abenteueroman

Eine etwas austariertere Balance zwischen der Introspektive und der Handlung hätte ich mir an manchen Stellen des Buchs gewünscht. Gerade zum Ende des Buchs hin löst Bonné dann aber auch viele Versprechen ein, die die Beschreibung des Buchs bei mir weckte. Das sich beschleunigende Geschehen auf dem Schiff und die Reise Merce Blackboros geben dem Roman sichtlich Schwung. Immer wieder wechselt Bonné die Perspektive und lässt seinen Blick durch die Gänge des Schiffs und die verschiedenen Kabinen gleiten. Irgendwo zwischen Titanic, Jack London und Herman Melville kommt Seeland, Schneeland zum Ende.

Abenteuerfans, die bis hierhin durchgehalten haben, werden auf den letzten Metern doch noch belohnt. Aber auch ohne solche Erwartungen lohnt dieses Buch, da Bonné der Spagat aus Abenteuerroman alter Schule und genauer Beschreibungen von Erwartungen, Depressionen und Ängsten überzeugt. Dass die Sprache zudem sehr stark ist, kommt Seeland, Schneeland sehr zupass.


  • Mirko Bonné – Seeland, Schneeland
  • ISBN 978-3-89561-410-1 (Schöffling)
  • 448Seiten. Preis: 24,00 €

Steffen Kopetzky – Monschau

Steffen Kopetzky bleibt seinem Schauplatz Eifel treu. Schilderte er in seinem zuletzt erschienen Roman Propaganda die die Schlacht im Hürtgenwald am Ende des Zweiten Weltkriegs, so spielt Kopetzkys neue Erzählung nun im Jahre 1962 dort in der Eifel. Schauplatz ist das beschauliche Städtchen Monschau, südlich von Aachen gelegen, fast direkt an der Grenze zu Belgien. Dort kommt es im Anfang des Jahres zu einem Pockenausbruch. Ein Monteur der ortsansässigen Ritherwerke hatte sich auf einem Indienaufenthalt mit den tückischen Viren infiziert. Doch anstelle der Einhaltung der strengen Quarantäneregeln feierte der Monteur im Anschluss an seinen Auslandsaufenthalt Weihnachten und traf viele Kolleg*innen. Mit der Folge dieses Verhaltens sieht man sich gleich zu Beginn des Buchs konfrontiert: es kommt zu einer Pockenendemie in Monschau.

Während der Chef der Ritherwerke die Produktionsfähigkeit seiner Werke in Gefahr sieht und den Betrieb auf gar keinen Fall einschränken will, ist es die Wissenschaft in Form des Düsseldorfer Dermatologen Günther Stüttgen und dem griechischen Medizinstudenten Nikos Spyridakis, die auf einen lokalen Shutdown drängt, um Infektionsketten nachzuverfolgen und den Ausbruch der Viren einzugrenzen. Zwischen den beiden Positionen entfalten sich einige Spannungen, die durch eine beginnende Liebesgeschichte und alte Verbindungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zusätzlich belastet werden.

Eine frappierende Ähnlichkeit mit unserer Gegenwart

Man kann Monschau nicht lesen, ohne das von Kopetzky geschilderte Geschehen permanent im Kopf mit unserer pandemischen Gegenwart abzugleichen. Die Ähnlichkeiten sind ja frappierend. Ähneln sich der Verlauf und die Bilder der Pandemie (wenngleich hier Nikos Spyridakis hier noch in eine alte Stahlkocheraurüstung schlüpfen muss, um sich vor den Viren zu schützen) sind es vor allem die Fehler im Umgang mit der Endemie dort, die bei der Lektüre mit dem Kopf schütteln lassen ob der Unfähigkeit, etwas aus der Geschichte zu lernen.

Steffen Kopetzky - Monschau (Cover)

So ist der Karneval den Monschauer*innen heilig und soll nicht der Virenbekämpfung geopfert werden. In der Folge begeben sich zahlreiche Monschauer*innen ins benachbarte Dorf, um dort trotz der zahlreichen Vireninfektionen sorglos zu feiern und sich dem Amüsement hinzugeben. Die Parallele zu einem ähnlich halsstarrigen Beharren auf Starkbierfeste, Skigaudi und Karneval während der aktuellen Pandemie ist bestürzend.

In der genauen Beschreibung des Ablaufs des Pockenausbruchs entfaltet Monschau die Kraft eines mitreißenden Dokudramas. Kopetzky nimmt verschiedene Figuren und ihren Blick auf die Pandemie in den Blick und zeigt ihre Beweggründe für ihr Verhalten. Vom tumb-strategischen Direktor der Ritherwerke bis hin zu Spyridakis, dem der aufkeimende Liebe zur jazzhörenden Erbin der Ritherwerke Kraft gibt, gelingt es Kopetzky, nachvollziehbare Figuren zu gestalten. War schon Propaganda eine große Verbeugung vor dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Günther Stüttgen, so führt er in Monschau diese Verbeugung fort.

Wie ein Christian Drosten des Jahres 1962 wirkt dieser Stüttgen in der Beschreibung Kopetzkys, den er als kundigen und umsichtigen Manager des Pockenausbruchs zeigt (von höchster „strategischer Intelligenz“, S. 96). Unerwartet dramatisch wird das Buch dann in seinem ungewöhnlichen Schluss, der die erzählerischen Fäden aus Propaganda rund um Stüttgen noch einmal aufgreift. Hier wirkt das Buch fast manchmal wie eine Ausarbeitung übrigen Materials, das Kopetzkys letztes großes Schreibprojekt noch bereithielt (was die Qualität des Buchs aber keinesfalls mindert). Denn bis auf kleine stilistische Holprigkeiten habe ich keinerlei Kritikpunkt an diesem Buch.

Ein unterhaltsames medizinisches Dokudrama

Ahnte Vera, dass sie mit dieser Geschichte und ihrem in die Zukunft weisenden Entschluss nun Nikos Spyridakis‘ Herz endgültig zum Schmelzen brachte, so wie der geniale Induktionsofen aus dem Ingenieurskontor ihres Onkels ein Stück Metall? Wurde er in diesem Moment zu einem kupferfarbenen griechischen Ritter, Vera treu ergeben, weil er vermeinte, in ihre Seele geblickt zu haben?

Steffen Kopetzky – Monschau. S. 164 f.

Hätte es auch einzelne Abschweifungen wie etwa die Schilderung der Hamburger Sturmflut im gleichen Jahr oder einige überanstrengte Bilder wie das obige nicht gebraucht, so gelingt es Kopetzky doch ein toller historischer Roman und ein Stück Medizingeschichte, das die Atmosphäre und die belastende Enge dort in den Gassen Monschaus aufgreift. Von Grass, Simmel und „Zwei kleine Italiener“ bis hin zu Stuyvesant und Rémy Martin atmet dieses Buch den Geist des Jahres 1962. Unterhaltsam und informativ zugleich, das ist Monschau von Steffen Kopetzky. Und in seiner Parallele zur Lage unserer Tage wirklich bemerkenswert.

Empfohlen sei an dieser Stelle auch das Video, in dem Kopetzky die Hintergründe seiner Geschichte erläutert:


  • Steffen Kopetzky – Monschau
  • ISBN 978-3-7371-0112-7 (Rowohlt)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €

Ling Ma – New York Ghost

In China greift ein neuartiges Virus um sich. Bei einer Ausbreitung in China bleibt es nicht, schon bald wird das sogenannte „Shen-Fieber“ zu einer Pandemie, bei der es keine Heilungschancen gibt. Die USA riegeln sich ab, die See- und Luftwege nach China werden abgeschnitten. Und doch ist das Virus mobiler als gedacht. Schon bald breitet es sich auch in den USA aus, trotz der Pflicht zu Schutzmasken und vermehrter Hygiene. Die Gesellschaft driftet zunehmend auseinander, vereinzelt sich, tritt den Rückzug ins Private an.

Klingt wie eine Blaupause zu unserer aktuellen Situation? Auf alle Fälle – allerdings, und das ist das Bemerkenswerte: dieses Buch erschien bereits 2018. Ling Ma verfasste damals New York Ghost, das nun aufgrund seiner Prophetie geradezu unheimlich wirkt. Ein Buch, das man auf der Suche nach Ablenkung von der Gegenwart besser nicht in die Hand nehmen sollte. Wer allerdings originelle Endzeiterzählungen zu schätzen weiß, der kann hier unbedingt zugreifen.

Alles beginnt mit einem dystopischen Setting. Die Erzählerin Candace Cheng hat sich einer Gruppe Überlebender in einem postapokalyptischen Amerika angeschlossen. Fast alle Menschen sind tot, die Erde wirkt unbevölkert. So etwas wie eine Zivilisation gibt es nicht mehr. Candace wurde in einem Taxi von ein paar Überlebenden aufgefunden, die sich nun unter der Leitung eines Anführers auf den Weg machen, um eine Mall in ihren Besitz zu bringen. Doch wie kam es zu dieser Situation? Davon erzählt Candace in Rückblenden.

Auf der Suche nach Identität

Dabei beschränkt sich Ling Ma allerdings glücklicherweise nicht auf eine pure dystopische Erzählung, sondern bringt einige Themen mehr in ihren Roman ein. So ist Candace das Kind zweier chinesischer Einwanderer und in ihrer Suche nach einer Identität zwiegespalten. Einerseits wird sie durch die familiären Wurzeln und Aufstiegshoffnungen geprägt, auf der anderen Seite möchte sie sich auch dem amerikanischen Lebensstil anpassen.

Immer wieder durchstreift sie vor dem Ausbruch des tödlichen Fiebers New York. Sie beobachtet Menschen, wandert durch Chinatown und pflegt ein Blog mit dem sprechenden Titel New York Ghost. Wie ein Geist durchmisst sie ein New York, in dem sie keinen rechten Anschluss finden mag, fotografiert urbane Szenen und ist von Unrast geprägt.

Diese Unrast im Charakter von Candace Cheng steht in einem groben Kontrast zu ihrer Arbeitsdisziplin, die von einem hohen Arbeits- und Leistungsethos geprägt ist. Jeden Tag begibt sie sich pflichtbewusst in ihre Arbeit nahe des Time Square, wo sie für einen großen Verlag Bibelprojekte vergibt und koordiniert. Der Verlag zeichnet sich durch ein immenses Preisdumping aus, weswegen die Bibel zumeist im Ausland gefertigt werden müssen, genauer gesagt in China.

Und obwohl Candace qua Job ganz nah dran ist an den Ereignissen, die von China ausgehend ihren Lauf nehmen, bekommt sie zunächst wenig davon mit. Sie stürzt sich in die Arbeit und selbst als New York schon ganz entvölkert und entgeistert ist, schleppt sie sich mit stoischer Disziplin in die Arbeit. Denn die Ordnung muss ja aufrechterhalten werden.

Doch irgendwann muss auch Candace einsehen: in einer Welt, in der fast niemand mehr lebt, in der die öffentliche Ordnung komplett zusammengebrochen ist, hilft auch ein hohes Arbeitsethos nur bedingt, um zu überleben.

Vom Überleben, Arbeitsethos und dem Shen-Fieber

Eine der Lobeshymnen auf das Buch preist New York Ghost als eine Mischung aus The Office und The Leftovers. Und so krude es klingen mag – das trifft den Kern sehr gut (auch wenn ich vom Humor der Ricky Gervais-Serie hier nur bedingt etwas merkte). Ling Ma bringt in ihrem Buch viele scheinbar widersprüchliche Themen zusammen. Die hellsichtige Schilderung einer Pandemie. Betrachtungen der amerikanischen Gegenwart durch eine chinesischstämmige Migrantin. Schilderungen unserer teilweise absurden Arbeitswelt und ihrer ökonomischen Folgen. All das führt ihr Buch zusammen und vergisst dabei auch die Spannung nicht. Denn während Candace immer wieder zurückblickt und so langsam an Kontur gewinnt, treibt die Handlung in der entvölkerten Gegenwart weiter voran.

Immer wieder bricht die Gruppe der Überlebenden zu sogenannten Pirschen auf. Man begibt sich auf die Suche nach der Sicherheit verheißenden Mall. Und zu allem Überfluss muss Candace auch noch ein allesentscheidendes Geheimnis vor der Gruppe Überlebender verbergen. Das Überleben in einer pandemischen Endzeit, es ist mehr als kompliziert.

Fazit

Hätte man hier im Deutschen Ling Mas Roman schon zum Erscheinungszeitpunkt lesen können, man hätte das Buch sicher als reine Fiktion abgetan. Eine Endzeiterzählung mehr, wie sie sicher nie eintreten würde. Doch schon zwei Jahre später hatte die Gegenwart das Buch in Teilen eingeholt. Bei literarisch schwächeren Titeln wäre zu diesem Zeitpunkt das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten gewesen. Die Realität hätte die Fiktion überschrieben und das Buch als schwachen Abklatsch des Erlebten hinter sich gelassen, zumal die Schilderung der Dystopie kein besonderes Alleinstellungsmerkmal gegenüber ähnlichen Veröffentlichungen hat.

Glücklicherweise hat sich Ling Ma aber eben nicht nur auf eine Endzeiterzählung von erschreckender Prophetie verlassen. Ihr Buch bietet ja wie eingangs erwähnt noch andere Blickwinkeln. New York Ghost ist in seiner Gesamtheit ein faszinierendes und hochaktuelles Leseerlebnis. Auch unter dem Aspekt der aktuellen Diskussion über die Frage von Repräsentanz in der Literatur ist das Buch mehr als lesenswert.

Ein Dank gebührt der Herausgeberin und Übersetzerin Zoe Beck. Sie hat das Buch mit ihrem Indie-Verlag CulturBooks dem deutschen Buchmarkt zugänglich gemacht. Und bietet uns damit die Chance auf eine echte Entdeckung einer jungen Autorin mit prophetischen Gaben.

Auch auf dem Blog Poesierausch wurde das Buch besprochen.


  • Ling Ma – New York Ghost
  • Aus dem Englischen von Zoe Beck
  • ISBN 978-3-95988-152-4 (CulturBooks)
  • 359 Seiten. Preis: 23,00 €

Polly Samson – Sommer der Träumer

Ein Elysion und ein Sommer, der scheinbar niemals zu Ende geht. Davon erzählt Polly Samson in ihrem Roman Sommer der Träumer, der auf griechischen Insel Hydra im Jahr 1960 spielt. Darin erzählt sie von (Überlebens-)Künstlern, Liebe, Eifersucht und dem Ringen um künstlerischen Erfolg. Und mittendrin die junge Erzählerin Erica, die nach dem Tod ihrer Mutter ihren Platz im Leben sucht.


Der Buchmarkt hat erkannt – was uns Leser*innen gerade fehlt. Unbeschwerte Sommerurlaube in fernen Ländern. Pandemiebedingt ist eine allzu exzessive Reisetätigkeit nicht möglich, weshalb uns die Verlage in diesem Bücherfrühling umso mehr mit Sommerbüchern im Dutzend versorgen. Egal ob Sommer in einer amerikanischen Kleinstadt in den 80ern (Benedict Wells mit Hard Land), in Wicklow im Irland 1959 (Sebastian Barry mit Annie Dunne) oder in der deutschen Provinz (Ewald Arenz mit Der große Sommer): Sommerbücher liegen im Trend. Der Ullstein-Verlag und Polly Samson erweitern die Palette neu erschienener Romane nun um den Schauplatz Griechenland. Dorthin verschlägt es die jugendliche Erica zusammen mit ihrem Bruder Bobby.

Ihre Mutter ist gestorben, das Auskommen zuhause mit dem Vater schwierig, und so beschließen die Geschwister, nach Griechenland aufzubrechen. Die Mutter hat den beiden einen Wagen und ein ebenso geheimes Sparkonto mit tausend Pfund Inhalt hinterlassen. Zudem hat Charmian Clift, eine frühere Mitbewohnerin im Haus der Familie, ihr neues Buch namens Peel me a lotus an die Familie geschickt. Darin erzählt sie von ihrem Leben auf einer griechischen Insel namens Hydra. Da sich Erica von Charmian Auskünfte über das Leben ihrer Mutter und deren Geheimnisse erhofft, steht der Beschluss der jungen Menschen schnell fest. Zusammen mit Ericas Freund machen sie sich gen Griechenland auf, das Land der Griechen mit der Seele suchend.

Eine pulsierende Gemeinschaft

Auf Hydra erwartet sie eine lebhafte Gruppe von Malern, Schriftsteller*innen und Einheimischen. Schnell wachsen die so unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen. Man zieht in Häuser, organisiert sich in Gruppen, erkundet die Insel und feiert rauschende Feste, stets auch auf der Suche nach der nächsten künstlerischen Eingebung. Das Zentrum der pulsierenden Gemeinschaft ist dabei stets Charmian Clift, die als mütterliche Inspirations- und Seelenhilfe fungiert. Auch Erica sucht beständig ihre Nähe.

Man liebt und streitet sich, Liebe, Treue und Affären sind ein beständiges Klatschthema. Es kriselt in so mancherlei Beziehung, mancher verschwindet im Laufe des Sommers von der Insel, andere Künstler stoßen wieder zur Gemeinschaft, wie etwa der junge kanadische Poet namens Leonard. Es hat den Anschein, als würde der Sommer auf der Insel für die Künstlergemeinschaft nie zu Ende gehen. Doch auch im vermeintlichen Paradies ist alles endlich.

Von großer Beschreibungsfreude

Davon erzählt Polly Samson in ihrem Buch auf detailgenaue Art und Weise. Ihr Buch atmet förmlich den Geist jenes Sommers vor siebzig Jahren, in dem alles noch nicht so kompliziert schien (aber in Wahrheit natürlich auch war). Wem der Griechenlandurlaub fehlt, bei dem kommt während der Lektüre sicher das ein ums andere Mal Nostalgie auf.

Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich über den Golf zu den Bergen von Troizen. Schönes breitet sich vor mir aus. Das Meer liegt wartend da, der Hafen verspricht Drama, der Fels hallt von den Glocken der vielen Inselkirchen wider. Ich stehe am oberen Ende der Stufen und sauge all das in mich auf. Die Hügel von gelben Blüten entflammt, die Berggipfel mit Rotgold überzogen, Quarz funkelt in den geweißten Mauern. Weinlaub ziert den weiß übertunnelten Anstieg. Reife Aprikosen zieren einen gewölbten Eingang, Wildblumen sprießen aus den Ritzen eingefallener Mauern und Ruinen. In einer Tür schüttelt eine Frau einen Teppich aus; selbst der Staub glitzert.

Polly Samson – Sommer der Träumer, S. 81

Diese Schilderungen sind Bonus und Malus des Buchs zugleich. Denn wenn der Berghirte mit seinem Esel über die Bergpfade der Insel zuckelt, im Gepäck rahmiger Joghurt, die Schwammfischer zurückkehren und auf dem Fensterbrett die Honigwabe im Sonnenlicht glänzt, dann schrammt das Ganze oftmals nicht am „Mamma Mia“-Kitsch vorbei, nein, dann ist es „Mamma Mia“-Kitsch. Man wäre nicht überrascht, spränge Pierce Brosnan „Dancing Queen“ knödelnd hinter der nächsten weiß gekalkten Häuserwand hervor.

Aber zugleich ist Polly Samsons Beschreibungsgabe so reich, ihre Schilderungen der Flora und Fauna der griechischen Inselwelt immer reich an präzisen Bildern (Übersetzung Bernhard Robben), sodass ich ihr nach dem abschließenden Lektüreeindruck diese Postkartenkitsch-Passagen gerne verzeihe.

Eine weibliche Coming of-Age-Erzählung

Polly Samson - Sommer der Träumer (Cover)

Ihre Prosa ist reich, geradezu überbordend an Beschreibungsfreude, die das Bild einer nahezu paradiesischen Insel heraufbeschwört. Doch es zählt zu den Qualitäten von Sommer der Träumer, dass das Buch eben nicht nur den Eskapismus feiert, sondern auch von der Suche nach einem Platz im Leben, vom Scheitern von Lebensträumen und der Brüchigkeit der Idylle erzählt. In die Künstlergemeinschaft, die sich auf Hydra trifft, ist die Vergänglichkeit schon eingeschrieben. Und diese Vergänglichkeit und Nostalgie kleidet Polly Samson in schöne Worte und Bilder und schafft so neben aller Nostalgie und allen Kitschmomenten auch einen ernsten Hintergrund ihrer Erzählung.

Zudem ist Polly Samsons Buch der rare Fall einer weiblichen Coming of Age-Erzählung. Ein Genre, das in diesem Bücherfrühling zumeist von Männern bedient wurde. Aber Polly Samson zeigt, dass auch sie mithalten kann im Konzert dieser nostalgischen Adoleszenzromane. Die Zutaten sind die ähnlichen, wie sie etwa die eingangs erwähnten Ewald Arenz, Callan Wink oder auch Benedict Wells in ihren letzten Büchern anwendeten: ein junger Mensch an der Schwelle zum Erwachsenenwerden, ein Sommer, randvoll mit Erlebtem, die Rückschau, aus der heraus die Handlung geschildert wird. Es ist alles drin. Und auch im Vergleich zu den anderen Titeln dieser Saison kann Polly Samson bestehen und aufgrund ihres Beschreibungsreichtums sogar leicht herausstechen.

Fazit

Polly Samson hat ein Buch über den Zustand des Paradieses und dessen Bröckeln geschrieben. Ein Buch, das vielleicht die ein oder andere Nostalgie- und Kitschschleife zu viel dreht, insgesamt aber eine bildmächtige Erzählung über einen längst vergangen Griechenland- und Künstlerbegriff darstellt. Ein starkes Buch, das Sehnsucht nach Griechenland weckt und in diesen unsicheren pandemischen Zeiten wenigstens eine Lehnstuhlreise auf die Insel Hydra erlaubt. Schöne Sommerlektüre mit Mehrwert!


  • Polly Samson – Sommer der Träumer
  • Aus dem Englischen von Bernhard Robben
  • ISBN 978-3-550-20142-4 (Ullstein)
  • 384 Seiten. Preis: 20,00 €