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Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers

Langsam werden die Folgen des Brexit sichtbar. Während sich die Regierung des Landes in symbolischen restituierenden Maßnahmen wie der Einführung von alten Gewichtseinheiten wie Unzen oder antiquierter Eichmaße we dem Crown Stamp übt, herrscht in Weiten Teilen des Landes die Lorry Crisis. Zahlreiche Facharbeiter*innen oder Fahrer*innen sind im Zuge des Abschieds aus der EU zurück auf den Kontinent gegangen, was sich nun in zahlreichen Bereichen des täglichen Lebens bemerkbar macht. So sind die Versorgungsketten brüchig geworden, was häufig zu leeren Supermarktregalen genauso wie zu langen Schlangen vor den Tankstellen führt. Egal ob Nahrungsmittel oder Benzin, der Brexit hat gezeigt, dass es mit der versprochenen neuen Stärke Großbritanniens nicht weit her ist.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich da auf dem Buchmarkt. Auf ihm treten vermehrt Bücher in Erscheinung, die ein gegenläufiges Bild Großbritanniens zeichnen. In den Dorfromanen sind es zumeist Protagonist*innen, die auf Bauernhöfen wohnen, in der ländlichen Umgebung fest verwurzelt sind und die aus der sie umgebenden Natur ihre Stärke ziehen. Zu nennen wäre hier beispielsweise Sebastian Barry mit seinem Roman Annie Dunne, der eine widerborstige Frau in den Wicklows 1959 zeigt. J. L. Carr beschreibt in seinem Roman Ein Monat auf dem Land die Gesundung eines Weltrkiegsveteranen im ländlichen Yorkshire. Benjamin Myers lässt in Offene See einen jungen Mann kurz vor dem Ernst des Lebens durch die englische Natur wandern . Und Reginald Arkell zeigt in Pinnegars Garten ein ebenso gegensätzliches Paar, das die Liebe zur englischen Natur, insbesondere der Flora, zusammengeführt hat.

Melissa Harrison - Vom Ende eines Sommers (Cover)

Viele Bücher also, die die Vorstellungen eines unberührten aus der Zeit gefallenen Vereinigten Königreichs bedienen und so konträr zu den aktuellen Entwicklungen stehen. Einmal mehr erscheint nun im Dumont-Verlag ein weiteres Buch, bei dem das Cover an genau die Sorte der obigen Beispiele erinnert. Schwalben, die eine blühende Natur aus Feldern und gesunden Bäume bestehend durchmessen. Helle Farben, blühende Sträucher und Sicht bis zum Horizont. Das verspricht der Melissa Harrisons Roman rein äußerlich – erschöpft sich dann aber gottseidank nicht Landschaftskitsch. Vielmehr ist Vom Ende eines Sommers der genaue Blick auf das Erwachsenwerden einer jungen Frau und die Probleme der ländlichen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg, fernab von jeglicher Empire-Romantik.

Sommer in Suffolk 1933

Wir schreiben das Jahr 1933 – es herrscht Sommer in Suffolk. Als Kind von Bauern weiß die vierzehnjährige Edie um die Fülle und den Reichtum der Natur. Mit den Gleichaltrigen vermag sie nicht allzu viel anzufangen. Stattdessen fasziniert die plötzlich in ihrem Dorf aufgetauchte Constance FitzAllen das junge Mädchen ungemein. Die Journalistin recherchiert über das Dorfleben und hegt ganz eigene Ansichten über den Lebensstil der Dorfbevölkerung. In ihrer Andersartigkeit wird sie für Edie zum Orientierungspunkt und zeigt dem Mädchen eine Alternative zum Altbekannten auf. Doch auch Constance FitzAllen hat ihre nicht so schönen Seiten, die Edie erst spät kennenlernen wird.

Vom Ende eines Sommers ist ein Roman, der die ganze Fülle des britischen Landlebens und der Natur atmet. Insofern verspricht das Cover nicht zu viel. Hier steht alles in voller Blüte, in den Hecken zwischen den Feldern ziept und zirpt es beständig. Melissa Harrisons Buch nimmt aber auch die weniger pittoresken Seiten des Dorflebens der 30er Jahre in den Blick. So grassiert die Armut, Edie Eltern leben am unteren Existenzminimum und sind auf gute Ernten angewiesen, um halbwegs die Schulden auf Abstand zu halten. Der lokale Adel wirft einmal im Jahr ein Fest und fällt ansonsten durch größtmögliche Distanz zur normalsterblichen Bevölkerung auf. Heruntergekommene Höfe und Armut, sie sind ein entscheidender Teil vom Bild des lokalen Englands.

Auch der zurückliegende Weltkrieg hat die Bevölkerung nachdrücklich geprägt und die Erinnerung an die damaligen Ereignisse ist bei den meisten Menschen noch immer präsent. Auf den Feldern Flanderns oder Frankreichs sind viele junge Männer zurückgeblieben, auch auf Edies Hof gab es tragische Verluste zu beklagen. Die Verluste wurden nicht richtig verarbeitet, Männer nehmen sich, was sie wollen. Gleichberechtigung und gegenseitige Achtung sind hier noch nicht wirklich festzustellen. Deshalb übt die so unangepasste und starke Constance einen derartigen Reiz auf Edie aus, die so wenig in die ländliche Umgebung passt, aber gerade deshalb umso mehr vom einfachen Landleben angezogen wird, in das sie sich ganz hineingibt.

Fazit

Durch den genauen Blick auf die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit besticht Melissa Harrisons Roman, der sich eben nicht alleine mit Naturschilderungen und Verklärung der „guten, alten Zeit“ begnügt. Das Buch ist in seiner Verschmelzung von romantischen und naturalistischen Ansätzen sehr reizvoll und kombiniert den klassischen Coming-of-Age-Roman mit zeitgeschichtlichem und naturnahem Kolorit. Von Werner Löcher-Lawrence wurde das Ganze in seiner ganzen Beschreibungsfülle ins Deutsche übertragen.

Ein Buch, das wenig beschönigt und nicht den Fehler begeht, die Geschichte der Landbevölkerung zu verklären. Und gerade dadurch gewinnt Vom Ende eines Sommers, das eben kein pures Nostalgiebedürfnis der Leserschaft befriedigt, sondern einen genauen Blick auf die ländliche Geschichte der 30er Jahre in Suffolk liefert. In diesem Buch steckt deutlich mehr, als es das Cover suggeriert!


  • Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-8321-8152-9 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Es war einer der großen Überraschungshits des vergangenen Jahres: aus dem Nichts gelang dem Briten Benjamin Myers mit Offene See ein durchschlagender Erfolg, der das Buch bis in die Top10 der Bestsellerlisten katapultierte. Ein Buch, das in der Tradition der Romantik stand, in der die Natur das Seelenleben des Protagonisten abbildete und das von Entgrenzung und der Sehnsucht nach Individualität erzählte. Ein Buch, das einen Nerv traf und sogar zum Lieblingsbuch des Unabhängigen Buchhandels 2020 gewählt wurde.

Nachdem auch ich dem Buch viel abgewinnen konnte, herrschte bei mir große Vorfreude, als ich die Ankündigung für Benjamin Myers neues Buch entdeckte. Ebenso schön gestaltet wie der erste Roman des Briten kommt nun auch Der perfekte Kreis daher. Darin erzählt Myers die Geschichte zweier gegensätzlicher Freunde und ihrer großen Mission: den perfekten Kornkreis anzulegen.


Benjamin Myers - Der perfekte Kreis (Cover)

Redbone und Calvert sind gegensätzliche Freunde. Der eine Kriegsveteran mit vielen Erlebnissen, über die er sich ausschweigt. Der andere ein Hippie mit einer Schwäche für halluzinogene Drogen, der Cider schätzt und die Polizei verachtet. Sie beide verbindet die Leidenschaft für Kornkreise beziehungsweise eher Korngemälde. Nachts ziehen die beiden los, um im ganzen Landstrich ihre Kreationen in die Felder zu walzen. Planvoll drücken sie im Schutz der Nacht die Ähren nieder und erschaffen so ausgefeilte Kunstwerke. Was zunächst als spleeniges Hobby beginnt, beschert den beiden Freunden schon bald viel Aufmerksamkeit. Im Laufe des Sommers werden die beiden zu einer Art Banksy der Kornkreise.

Wie schon im ersten Roman von Benjamin Myers spielt auch hier die Natur wieder eine entscheidende Rolle. Auch hier verheißt sie den beiden Männern Erlösung und Freiheit. Während Calvert in einem Häuschen lebt, in dem man nicht einmal wirklich aufrecht stehen kann, ist es bei Redbone ein zugemüllter Bus, in dem sich der Hauptteil seines Lebens abspielt. Während der Nacht ist dann allerdings alles anders, wenn sie sich die Natur untertan machen, Eindrucksvoll fängt Myers die Vielfalt der Gerüche, Farben und Reize der Nacht ein. Was dem Briten hier wie schon bei seinem Debüt wieder großartig gelingt, wird dann aber auch leider zum großen Problem dieses Buchs. Denn irgendwann ist die Nacht dann auch auserzählt und die großzügig verwendeten Metaphern werden schal und in ihrer Fülle manchmal unfreiwillig komisch:

Wenn ihn schließlich die Müdigkeit überkommt, drückt er sich zwei Kissen auf die Ohren. Wenn er dann schläft, bohren sich leicht zu vergessende Träume wie Rüsselkäfer durch seinen Schlaf in das faulige Holz seines ruhenden Unterbewusstseins. Es sind unsinnige Geschichten, die sich in ruckartigen Bewegungen abspulen wie die Laterna-magica-Vorführungen von früher.

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis, S. 165 f.

Immer gleiche Abläufe und Abenteuer

Der Plot leidet unter einem Schablonenhaftigkeit, die jedem nächtlichen Kornkreis-Abenteuer zugrunde liegt. Jedes Mal fahren die beiden mit ihrem Bus los, stellen ihn vom Einsatzort entfernt ab und machen sich an die Arbeit. Dabei gibt es dann zwei Möglichkeiten, wie das Szenario weitergeht. Szenario Eins: Alles klappt, die beiden Freunde konversieren im Kornkreis, schmausen und machen sich nach getaner Arbeit wieder auf den Heimweg. Oder alles mündet in Szenario Zwei: Calvert und Redbone erleben eine Gefahr, die aber immer wieder gleich abläuft. Egal ob sie einem Bullen, einem versoffenen Adeligen oder einer greisen Dame im Korn begegnen – die Begegnungen lösen sich in Wohlgefallen auf, alle gehen ihrer Wege und in den nächsten Tagen berichtet die Zeitung über das neue Kornkreismuster. Damit hat es sich und alles beginnt mit der nächsten Nacht wieder von vorne.

Das macht zunächst noch Freude, irgendwann erschöpft sich aber alles in der Schablonenhaftigkeit der Abenteuer. Eine Entwicklung ist nicht bemerkbar. Und auch wenn das finale Abenteuer ganz leicht vom übrigen Schema abweicht – insgesamt gesehen ist mir das doch alles zu monoton gestrickt.

Hätte Myers nur ein wenig mehr von der Energie, die er in seine Fülle von Metaphern gesteckt hat, für einen abwechslungsreicheren Plot aufgewendet, hätte das dem Buch in meinen Augen gutgetan.

Fazit

So bleibt Der perfekte Kreis qualitativ leider hinter Benjamin Myers Erstling Offene See zurück. Die Schilderung der Natur beherrscht der Brite zweifelsohne. Leider ist der Rest des Buchs zu statisch und entwicklungsfrei, als dass man den Charakteren in diesem Sommer nahekommt und Bindung zu ihnen entwickeln kann. Gewiss kein schlechtes Buch, aber Benjamin Myers kann eben auch deutlich mehr.


  • Benjamin Myers – Der perfekte Kreis
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN 978-3-8321-8158-1 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 22,00 €

Maaza Mengiste – Der Schattenkönig

Er kann sich aber nicht vorstellen, was die Italiener den Menschen antun, seinem Volk, seinen Untertanen, den Kindern einer Generation, die geboren wurden, um sein Land aufzubauen. Bald werden die Kaiserin, seine Kinder und seine Berater sich um dieses Radio versammeln, sich zu den Nachrichten neigen und ihnen lauschen, als könnten sie jedes knisternde Detail mit dem Körper aufnehmen. Er hingegen, der Kaiser, Jan Hoy, Haile Selassie, Terefi Mekonnen, hat nur den Wunsch, aufzustehen und einen anderen Raum zu betreten, um den Ozean zu überqueren, in seinen Hafen einzulaufen und sich in das Hochland zu schleichen, um seinem Volk zu verkünden, dass er für den Kampf heimgekehrt ist. Stattdessen ist er hier, wo es keine Sonne gibt, wo alles, was atmet, im Schatten überlebt.

Maaza Mengiste – Der Schattenkönig, S. 363

Ein hierzulande reichlich unbekanntes Kapitel äthiopisch-italienischer Geschichte bringt die 1971 in Addis Abeba geborene Autorin Maaza Mengiste aufs Tapet. Sie schildert in Der Schattenkönig den Abessinienkrieg 1935 und den Kampf der Äthiopier*innen gegen die Besatzer. Fordernde Lektüre.


Verfolgt man nicht gerade ganz genau die aktuelle Nachrichtenlage oder liest beste italienische Literatur, dann kommt einem das Thema Äthiopien und das des Abessinienkriegs heute nicht mehr häufig unter. Das Bestreben Benito Mussolinis nach Expansion, die Überrumpelung des Gegners und der Einsatz von Massenvernichtungswaffen sind hier in Deutschland ein Kapitel, das wir auch eingedenk der eigenen Geschichte, nicht wirklich präsent haben. Maaza Mengiste holt dieses Kapitel mit voller Wucht wieder hervor und macht den Krieg und das damit verbundene Leid wieder erfahrbar.

Hirut und Ettore

Hierzu stellt sie zwei Figuren in den Mittelpunkt: Hirut, die im Haus von Aster und deren Mann Kidane als eine Art Leibeigene lebt. Und später wird dann noch Ettore Navarra in den Fokus rücken. Er ist ein venezianischer Soldat, der unter seinem Befehlshaber Fucelli das Land Hiruts besetzt.

Maaza Mengiste - Der Schattenkönig (Cover)

Doch zunächst lernen wir Hirut kennen, der einzig ein wuijgara von ihren Eltern geblieben ist. Dieses Gewehr soll sie nur in höchster Not abfeuern, so brachte es ihr Vater bei. Doch nun behält es Kidane ein. Er ist der Abkömmling großer Krieger und sieht sich in der Verantwortung, nach der Besatzung seines Landes durch die faschistischen Italiener Gegenwehr zu leisten. Er schart eine Gruppe lokaler Bauern um sich, um den Truppen Mussolinis (oder Mussolonis, wie er in Äthiopien geheißen wird) Paroli zu bieten. Seine Frau Aster und Hirut werden trotz eines mehr als komplizierten Verhältnisses zueinander zu Unterstützerinnen in diesem Kampf.

Derweil ficht Ettore seinen ganz eigenen Kampf aus. Er hadert ebenfalls mit seiner Herkunft, auch sein Verhältnis zu seinen Eltern ist nicht einfach. Diese Herkunft erweist sich zudem als Gefahr für ihn, da er, wenngleich nicht praktizierend, Jude qua Abstammung, ist. Und Mussolini treibt die antisemitischen Säuberungen im Militär voran, sodass Navarra permanent unter Beobachtung steht. Für seinen brutalen Vorgesetzten Fucelli dokumentiert er derweil mit der Kamera den Eroberungsfeldzug und die unglaublichen Gräuel, die die Schwarzhemden vor Ort verursachen.

Die Herkunft beziehungsweise die Aufgabe der beiden Charaktere formen auch über die beiden Erzählstränge hinweg die Struktur des Buchs. Denn immer wieder unterbrechen Fotobeschreibungen und Chor-Einschübe die Handlung und rhythmisieren so das Ganze. Und zu guter Letzt flicht Maaza Mengiste auch immer wieder Passagen ein, in denen sie sich in den Kaiser Haile Selassie einfühlt, wie etwa im Eingangszitat. Der Herrscher, der ins Exil nach England flieht und mit seinen eigenen Entscheidungen hadert, bildet so etwas wie die dritte Hauptfigur.

Die Grausamkeiten des Abessinienkriegs

Durch diese drei Figuren entsteht ein Panorama des Abessinienkriegs, das von Leid, Unterdrückung und unfassbarer Gewalt erzählt. So schildert Mengiste plastisch den Tod, den Mussolinis Schwarzhemden über die Menschen bringen. Sie setzten Gas gegen die lokale Bevölkerung ein. Navarras Vorgesetzter Fucelli errichtet im Hochland ein Lager, in das er Gefangene interniert und hundertfach in den Tod schickt. Während Ettore Navarra mit der Kamera das Geschehen dokumentiert, lässt Fucelli die Äthiopier über Klippen in der Nähe des Lagers in den Tod springen.

Hier wird der Krieg mit seiner ganzen Härte erfahrbar. Aber auch Hiruts Kampf und Verzweiflung zeichnet Maaza Mengiste plastisch nach. Zusammen mit Aster wird sie zur Leibgarde des Schattenkönigs, einer Finte ihres Mannes Kidane. Dieser macht einen Musiker zum Wiedergänger des geflohenen Präsidenten, der langsam in seine Rolle als Schattenkönig hineinfindet und die Äthiopier zum Durchhalten motiviert und unter den Italienern für Ablenkung sorgt.

So zoomt die Autorin auf die persönlichen Erfahrungen und stellt den Kampf in seiner ganzen Unmittelbarkeit dar. In dieser erzählerischen Mikroebene bleibt Maaza Mengiste ganz eng an ihren Figuren, Empfindungen, Gedanken und Reflexionen überwiegen. Persönlich hätte ich mir angesichts des hochspannenden und komplexen Themas noch etwas mehr Makroebene gegenüber der dominierenden Introspektive gewünscht. Der geschichtliche Rahmen, der politische Überblick und die Einordnung des Ganzen bleiben hinter dem subjektiven Blick zurück und fehlten mir persönlich. Viele Informationen zum Geschehen musste ich mir über Sekundärliteratur verschaffen.

Auch wäre mir eine etwas stärkere erzählerische Ausbalancierung zwischen den Figuren zupassgekommen. So bleibt Ettore zunächst blass und kaum greifbar, während Hirut stark im Vordergrund steht. Eine besser getaktete Engführung zwischen diesen beiden Figuren hätte mir persönlich gefallen.

Wie sie aber von ihnen erzählt, für Hirut, Ettore und Selassie eine eigene Sprache findet, das beeindruckt doch und rechtfertigt auch die Berufung in die finale Auswahl des Booker Prizes 2020. Zudem kommt hier mit Hirut eine Figur zu Wort, die in den herkömmlichen Chroniken sicher vergessen worden wäre. Sie steht symbolisch für den Krieg aus weiblicher Perspektive. Ihre Erfahrungen, ihr Kampf mit eigenen Mitteln und ihre Verarbeitung des Kriegs stehen als Sinnbild für viele tausende andere Abessinier*innen, die sonst nicht einmal als Fußnote in der Geschichtsschreibung auftauchen.

Fazit

In Der Schattenkönig beschwört Maaza Mengiste ein hierzulande wenig bekanntes Kapitel italienisch-äthiopischer Geschichte herauf. Das Buch nur als Schilderung des Abessinienkriegs aus einer sonst eher marginalisierten Perspektive auszugeben, würde Mengistes Buch allerdings Unrecht tun. Die Erfahrungen, die der Krieg bedeutete, das unmittelbare Leid und der parallele Blick auf Unterdrücker und Unterdrückte machen aus diesem Buch eine eindringliche Lektüre, die zu weitergehenden Beschäftigung mit dieser Materie einlädt. Übersetzt von Patricia Klobusiczky und Brigitte Jakobeit.


  • Maaza Mengiste – Der Schattenkönig
  • Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-423-28292-5 (dtv Literatur)
  • 576 Seiten. Preis: 25,00 €

Claire Fuller – Unsere unendlichen Tage

Romane, die vom Überleben in der Natur erzählen, liegen im Trend. Das zeigen viele der Neuerscheinungen in letzter Zeit. Da wäre etwa Gabriel Tallents Mein Ein und Alles, in dem der Autor von einem Mädchen und dessen Vater erzählt, der sich als Prepper auf das Überleben in der Natur vorbereitet und sein Kind als Waffe erzieht und prägt. Diesem mit zu viel literarischen Geschmacksverstärkern, krasser Explizität und Fehltönen aufgeladenen Roman folgten eine ganze Riege an thematisch ählich gelagerten Romanen.

Mick Kitson tat dies mit Sal, und machte seinen Job deutlich besser. Auch C. H. Beck brachte eine Überlebensgeschichte in der Wildnis auf den Markt. Diese lieferte Rye Curtis mit dem Titel Cloris und erzählte von der gleichnamigen Seniorin, die sich nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis der Bitterroot Mountains durchschlägt. Während eine alkoholkranke Rangerin die Seniorin sucht, kämpft sich diese mithilfe eines mysteriösen Helfers durch die unwirtliche Natur.

Auch könnte man Michael Crummeys Schilderung des Überlebenskampfes eines Geschwisterpaars vor der rauen Kulisse Neufundlands um 1800 in diese Reihe stellen. Oder in einer nicht so fernen Zukunft angesiedelt wäre Edan Lepuckis California zu nennen. Viele Bücher also, zu denen sich nun auch noch Claire Fullers Roman Unsere unendlichen Tage gesellt. Ein Roman, der viele Themen und Motive der eingangs erwähnten Bücher in sich vereint.

Trotzdem sollte man dieses Buchs nicht der billigen Kopie oder einer lieblosen Amalgamierung von bereits Bestehendem bezichtigen. Denn dieser Roman ist das Debüt Claire Fullers, der eigentlich schon 2015 erschien, nun aber erstmals auf Deutsch vorliegt. Ein Buch, das viele der späteren Themen der Autorin vorwegnimmt und das vom Überleben in der Bergwelt Bayerns erzählt.


Liest man Unsere unendlichen Tage, so ist man erstaunt, wie viele Motive und Themen sich hier finden, die später in den Romanen der Britin wichtig werden sollten.

Sie erzählt in ihrem Roman die Geschichte von Peggy, die in den 70ern als Tochter eines britischen Vaters und einer deutschen Mutter aufwächst. Ihre Mutter Ute ist eine gefeierte Konzertpianistin, die sogar den renommierten Chopin-Wettbewerb gewonnen hat. Ihr Vater ist das, was wir heute als Prepper bezeichnen. Ein Apokalyptiker, der sich mittels hauseigenem Atombunker, Listen und Vorräten auf das Überleben nach einem Zusammenbruch der Zivilisation vorbereitet. Als ihre Mutter zu einer längeren Konzertreise aufbricht, beginnt Peggys Vater zusammen mit ihr eine Reise.

Eine Reise, die sie über den Ärmelkanal führen wird, quer durch verschiedene Länder, ehe die beiden einer Bergregion ankommen, in der die Bewohner Bajuwarisch sprechen, wie ihr Vater es Peggy erklärt. Er ist von der Idee einer hutta besessen, die sich dort irgendwo in den Bergen befinden soll. Nach einiger Suche stoßen die beiden tatsächlich auf die Überreste einer Hütte, die zum Unterschlupf der beiden für die nächsten acht Jahre werden soll. Die Menschheit, so erklärt es Peggy ihr Vater, ist vernichtet worden, hinter den Gipfeln und einem reißenden Fluss befindet sich das Nichts. Nur sie beiden hätten überlebt, so geht die Geschichte ihres Vaters, die Peggy zunächst nicht hinterfragt.

Vom Überleben in der Natur

Claire Fuller - Unsere unendlichen Tage (Cover)

Immer wieder springt Claire Fuller in ihrem Roman zwischen den Ereignissen in jenen acht Jahren und der Gegenwart des Jahres 1985 hin- und her. Peggy ist in der erzählten Gegenwart zurück im Elternhaus – inzwischen hat sie sogar einen Bruder bekommen. Doch der ganze Umfang der damaligen Ereignisse und die Hintergründe liegen noch im Nebel. Erst allmählich dröselt sie ihre Geschichte auf, verbindet Erkenntnisse aus der Gegenwart mit Zurückliegendem.

Unsere unendlichen Tage ist eine Geschichte, die vom Überleben erzählt und die die Natur mitsamt all ihrer Reize und Gefahren ausleuchtet. Stark, wie Claire Fuller die archaische Bergwelt inszeniert. Der reißende Fluss, die reichhaltige Flora und Fauna, aber auch die tödlichen Gefahren durch lange Winter und Waldbrände. Fuller zeichnet das Überleben in der Natur in sämtlichen Schattierungen.

Dass die Plausibilität des Debüts manchmal etwas auf der Strecke bleibt, möchte ich hier nicht verschweigen. Dass Peggy und ihr Vater unbemerkt in dieser Hütte acht Jahre leben sollten, das scheint mir auch im Bayerischen Wald der 70er Jahre etwas übertrieben, vor allem eingedenk der Tatsache, dass der Bayerische Wald seit dem Jahr 1970 Nationalpark ist. Zwei Menschen in einer Hütte, unbemerkt von Landvermessern, Waldarbeitern oder Jägern, da scheint doch die Realität mit der Fiktion zu kollidieren.

Nicht immer ist dieses Erählen ganz präzise, manchmal bleiben Leerstellen, auch die Auflösung deutet sich schon etwas zu klar an. Die psychologische Ausdeutung des Vaters bleibt durch den kindlichen Blick Peggys über lange Zeit auf der Strecke und wird genauso wie die räumliche Verortung des Schauplatzes erst sehr spät angegangen. Dennoch hat das alles Wucht – für ein Debüt läuft der Erzählmotor erstaunlich rund und kraftvoll.

Viele spätere Themen sind schon angelegt

Blickt man nun auf diesen Erstling zurück, ist es auch faszinierend, wie viele Themen aus den folgenden Werken Claire Fullers hier schon angelegt sind.

Da ist zunächst die Kultur als Überlebenstechnik, wie sie später für Ingrid in Eine englische Ehe essenziell wird. Wo Ingrid die Literatur zum Leitstern der eigenen Existenz wird, ist es in Unsere unendlichen Tage die Musik in Form eines selbstgebauten Klaviers, das sich Peggy und ihr Vater ausgedacht haben. Darauf lernt Peggy das Klavierspiel und kehrt immer und immer wieder zu Lizsts La Campanella zurück, das ihr Kraft und Trost spendet.

Doch nicht nur die Kultur ist schon hier als Motiv zu entdecken, auch die Natur spielt immer wieder im Schreiben Claire Fullers eine Rolle, etwa wenn das Herrenhaus in Bittere Orangen langsam von der Natur zurückerobert wird, während die Beziehungen der Protagonist*innen ebenfalls großen Veränderungen unterworfen sind.

Auch die Frage weiblicher Selbstbestimmung ist ein Motiv, das sowohl Unsere unendlichen Tage als auch die späteren Romane der Autorin prägt. Das Erkennen eigener Bedürfnisse, die Ausprägung eines eigenen Charakters gegen männliche Widerstände, das ist etwas, das die Autorin merklich umtreibt.

Schön, wie man diese ganzen Motive und ihre Entwicklung nun dank des abermals von Susanne Höbel ins Deutsche übertragenen Debütromans verfolgen kann. Hier ist eine Autorin zu entdecken, die sich mit jedem Buch neu erfindet, in ihren übergreifenden Motiven aber treu bleibt – und das auf einem erfreulich hohem Niveau.

Fazit

Trotz aller Mängel und kleinen Unwuchten im Erzählen ist Unsere unendlichen Tage ein beeindruckendes und nachhallendes Buch. Für ein Debüt schnurrt der Erzählmotor hier bereits sehr rund. Claire Fuller gelingt ein Buch, das vom Überleben in der Natur und der Rettungskraft der Musik erzählt. Im Konzert der eingangs erwähnten Überlebenstitel kann Fullers Roman absolut bestehen.

Schön, dass dieses nachgereichte Debüt nun endlich auf Deutsch vorliegt. Claire Fuller wäre größerer Ruhm zu gönnen – ihr vielfältiges Schreiben verdient es!


  • Claire Fuller – Unsere unendlichen Tage
  • Aus dem Englischen von Susanne Höbel
  • ISBN 978-3-492-05828-5 (Piper)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €

Franzobel – Die Eroberung Amerikas

Diese Nominierung hat mich wirklich überrascht. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021 findet sich Franzobel mit seinem Roman Die Eroberung Amerikas. Eigentlich keine so wirkliche Überraschung, schließlich war der Österreicher bereits 2005 mit seinem Roman Das Fest der Steine für den Preis nominiert. 2017 schaffte er es mit Das Floß der Medusa eine Runde weiter auf die Shortlist. Der Sieg damals ging zwar an Robert Menasses Roman Die Hauptstadt – ganz leer ging aber auch Franzobel nicht aus. Er erhielt einen Monat später den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik. Eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung, denn Franzobel gelingt es in diesem Roman fabelhaft, die Geschehnisse rund um den Schiffbruch der Fregatte Medusa zu erzählen, garniert mit postmodernen Brechungen und Ironie.

Eine überraschende Nominierung

Franzobel - Die Eroberung Amerikas (Cover)

Dieses Erzählkonzept recycelt er nun auch für seinen neuen Roman – erleidet diesmal aber wirklich erzählerischen Schiffbruch. Nach dem Erscheinen von Die Eroberung Amerikas im Januar nahm ich mir den Roman gespannt zur Hand, schließlich war sein letztes Werk einer der überzeugendsten historischen Romane, der mir seit langem untergekommen war. Die Spannung wich aber schnell einer Enttäuschung. Denn der Auftakt geriet zu arabesk und unkonzentriert, als dass mich das Buch hätte überzeugen können. Ausschweifende Plaudereien, Sprünge durch die Zeit und maue Gags vermiesten mir den Lesegenuss.

Alles Islamische hatte man unsichtbar gemacht ,aber es gab noch türkischen Honig, ein Dampfbad, Zisternen und hunderte Wörter, deren Ursprung arabisch war: Alkohol, Alchemie, Algebra, Almanach, Algorithmus, Alraune, Allianz Versicherung, Alka Seltzer, Alleluja…

Franzobel – Die Eroberung Amerikas, S. 36

Ich stellte das Buch erst einmal zurück, um jetzt dann im August bei der Verkündung der Longlist überrascht zu werden. Dieses Buch, das zum Erscheinen nur durchwachsenes Kritikerlob erhielt, hatte es tatsächlich auf die Longlist geschafft? Unmittelbar nach der Bekanntgabe griff ich also erneut zu dem Buch. Würde es sich auf den zweiten Blick bewähren können?

Leider nein, wie ich nun nach vielen durchgehaltenen Seiten später feststellen muss. Denn mein Eindruck der ersten hundert Seiten setzt sich im Inneren dieses immerhin 544 Seiten umfassenden Buchs fort. Alles beginnt mit einer Sammelklage, die das Zeug hat, die Grundfesten Amerikas zu erschüttern. Die indigenen Stämme klagen vereint auf die Herausgabe des besetzten Landes, das doch eigentlich ihnen gehört. Der zweite Erzählstrang führt zu einem Mann, der die heutigen Zustände begründet hat. Ferdinand Desoto war ein Eroberer, der 1538 eine Expedition gen Florida unternahm, keifendes Weib, Missionare und tumbe Soldaten inklusive. Der dritte Erzählstrang ist dann der von Elias Plim, der auf einer Tür treibend von einem Piratenboot aus dem Meer aufgelesen wird. Dann gibt es noch die Erzählung eines widerstandsfähigen Anwalts mit Ben Kingsley-Gesicht, der auf der Suche nach einem Erbe halb Spanien durchquert und diesen Erben dann im Gefolge der Desoto-Expedition aufspürt. Und so weiter, und so fort.

Das Erzählkonzept geht nicht auf

Das könnte alles ein funkelndes Erzählwerk sein, doch das ist es leider nicht. Zwar ist Franzobels Erzählkonzept der postmodernen Brechungen, das immer wieder Bezüge in die Gegenwart herstellt, innovativ und tut dem historischen Stoff gut. Doch hier vermag er aus seinem Erzählkonzept einfach keine Funken zu schlagen. Die Erzähltricks kennt man, etwa wenn Franzobel im Floß der Medusa seine Figur des Schiffsarztes Savigny mit dem gleichnamigen Platz in Verbindung brachte. Hier ist es nun eben Desoto, der zum Namensgeber der Automarke von Chrysler wird oder dessen Frau, deren Antlitz sich heute noch auf den Rumflaschen der Marke Havana Club findet. So etwas ist amüsant, bleibt aber das ganze Buch über aber sehr an der Oberfläche. Viel Neues über die Konquistadoren und das Leid, das sie über Amerika brachten, erfährt man hier nicht.

Wo Das Floß der Medusa zur packenden Parabel auf Hybris und Untertanengeist wurde und eine spannende Variante des alten Themas des Narrenschiffs darstellte, fehlte mir in Die Eroberung Amerikas diese zweite Ebene weitestgehend. Das Buch begnügt sich mit der Schilderung von Brutalität und expliziten Schilderungen von Leid, Gräuel und Genozid, ohne dabei das Buch wirklich voranzubringen oder erhellende Funken aus dem Aufeinanderprall von Historie und Gegenwart zu erzeugen. Auch die Figuren sind nicht wirklich interessant gestaltet. Widersprüche oder Ambivalenzen, gar nuancierte Ausdeutungen der Figuren vermisste ich. Der widerstandsfähige Anwalt lässt sich nicht beirren und bereist die halbe Welt auf der Suche nach dem Erben, Desoto will seiner keifenden Frau entkommen, die er nicht liebt, das spanische Volk liebt Hinrichtungen und Gewalt. Ja mei – Entwicklungen bei Figuren sehen anders aus.

Fazit

Trotz vieler erzählerischer Spielereien und auktorialer Erzählkniffe bleibt das Buch doch erstaunlich zäh und langweilig und fällt gegen den Vorgängerroman deutlich ab. Insofern überraschte mich diese Nominierung dieses Buchs wirklich – und ich würde nach wie vor klar zum Floß der Medusa raten, möchten man einen ungewöhnlich erzählten und packenden historischen Stoff erleben. Hier ist alles doch recht mau – und auch die Gags waren schon einmal besser und die Seiten ziehen sich.

Eine echte Überraschung auf der Nominierungsliste, wenngleich für mich keine positive. Auf der Shortlist sehe ich diesen Roman ganz klar nicht. Detaillierter auf die stilistischen Eigenwilligkeiten (die mich so manches Mal zum Verzweifeln brachten), geht Matthias Fischli in seiner Besprechung auf Aufklappen ein. Eine weitere Stimme zum Roman gibt es bei Sounds&Books.


  • Franzobel – Die Eroberung Amerikas
  • ISBN 978-3-552-07227-5 (Hanser)
  • 544 Seiten. Preis: 26,00 €