Category Archives: Literatur

Ava Farmehri – Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen

Sheyda Porroya sitzt in Teheran im Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Wir schreiben das Jahr 1999. Die islamische Revolution ist schon lang vorüber – die Nachwirkungen sind aber immer noch zu spüren. Dort im Gefängnis beichtet uns Sheyda ihre Lebensgeschichte. Es ist eine dunkle Schehezerade, die von einer schwierigen Heldin erzählt und die auflöst, warum sie im Gefängnis auf ihre Hinrichtung wartet. Im düstern Wald werden unsre Leiber von der kanadischen Autorin Ava Farmehri (übersetzt von Sonja Finck).


Ich kam in Gefangenschaft zur Welt.

Ich wurde am 1. April 1979 in Teheran geboren, am selben Tag wie die Islamische Republik.

Monate vor meiner Geburt wurde ein Schah von seinem Volk verraten und auf den Mattscheiben weltweit als Verräter dargestellt. Zusammen mit seiner Kaiserin wurde er Exil und dann in einen Tod geschickt, der seinen größten Schmerz und seine schlimmsten Albträume übertraf. […]

Ein Hubschrauber hob ab, und Iran stand unter Belagerung.

Farmehri, Ava: Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen, S. 14 f.

Es gibt wahrlich zugänglichere Heldinnen als diese Sheyda Porroya, die uns in diesem Buch ihre Lebensgeschichte anvertraut. Schon als Kind hintertreibt sie die Erziehungspläne ihrer Eltern, stiftet Ärger, ist aufmüpfig – kurzum: eine echte Querulantin. Ein Psychiater betreut sie von Kindesbeinen an. Ihre Unbeugsamkeit prägt sich im fortschreitenden Lebensalter aus. Sie verrät Geheimnisse, missachtet die Erziehungsversuche der Eltern und ist in ihrem Heimatviertel in Teheran berühmt-berüchtigt.

Sie macht sich der Gotteslästerung schuldig, was man ihr des jungen Alters wegen noch verzeiht. Aber kompromisslos geht sie ihren eigenen Weg, was sie nicht nur mit den Obrigkeiten in einem Staat wie dem Iran kurz nach der Islamischen Revolution in Bedrängnis bringt. Zudem kann man Sheyda nicht wirklich trauen, die sie sich in Anlehnung an Dante ein Alter Ego namens Beatrice zugelegt hat. Was ist wahr, was erzählerisches Märchengarn?

Eine widerborstige Heldin

Ava Farmheri macht es den Leser*innen in ihrem Buch nicht wirklich leicht. Der Begriff „Heldin“ für Sheyda mag nicht so wirklich greifen. Zu widerborstig ist sie, als das man große Sympathien für sie empfinden könnte. Widerständig und teilweise schon fast masochistisch strapaziert sie die Nerven ihrer Umwelt und die der Leser*innen. Darauf muss man sich einlassen. Aber darauf stimmt ja schon auch der Titel dieses Buchs ein.

Ava Farmehri - Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen (Cover)

Wenn man es tut, wird man mit einem Buch belohnt, das Einblick in eine Lebenswelt gibt, die in unserer westlich geprägten Literaturszene wenig stattfindet. Die Beschreibung Irans, des Lebens in den Stadtviertel (die mich von der Beschreibungs- und Lebensintensität an Elena Ferrantes Sizilien erinnerte) und die Schilderung die Repressionen dort, das ist gut gemacht. Farmehri gelingt es, das Leben durch die Augen ihrer Ich-Erzählerin plastisch einzufangen und zu vermitteln.

Und dann ist da auch vom Inhalt abgesehen die literarische Ebene, die in diesem Buch überzeugt. So findet sie kluge Leitmotive, wie etwa die Dichtung Dantes, die dem Buch den Titel und Sheyda ihr Alter Ego liefert. Auch die Vögel bilden eines dieser Leitmotive, derer sich Ava Farmehri beident. Beständig folgen sie Sheyda und tauchen immer wieder an zentralen Stellen im Buch auf.

Fazit

Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen hat ein erzählerisches Konzept, das in der orientalischen Tradition verhaftet ist, aber doch durch die Spannung und die gesetzten Erzählschritte zu unseren westlichen Lesegewohnheiten passt. Ava Farmehri gelingt es, Einblicke in den Iran der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu liefern. Und nicht zuletzt ist hier eine gekonnte Beschreibung einer widerspenstigen Frau zu erleben, die über das eindrucksvolle Ende des Buchs hinaus bei mir blieb. Ein beachtliches Debüt und eine dunkle Märchenstunde.


  • Ava Farmehri – Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen
  • Aus dem Englischen von Sonja Finck
  • ISBN 978-3-96054-234-6 (Nautilus)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €

Ilja Leonard Pfeijffer – Grand Hotel Europa

Es gibt Bücher, die haben es mir in letzter Zeit deutlich leichter gemacht als dieses. Fast hätte ich nach gut fünfzig Seiten aufgegeben und Grand Hotel Europa aus Ärger über seinen Ich-Erzähler Ilja Leonard Pfeijffer abgebrochen. Gut, dass ich es nicht getan habe. Denn obschon das Buch in meinen Augen durchaus Schwächen hat, belohnt Grand Hotel Europa auch reichlich. Und so steht am Ende ein Leseerlebnis mit Höhen und Tiefen.


Da steigt ein Schriftsteller in einem Hotel namens Grand Hotel Europa ab. Der genaue Ort, die Umgebung oder die Zeit des ganzen bleiben abstrakt. Dort im Hotel beginnt der Schriftsteller zu schreiben und offenbart dadurch eine Romanze, die ihn schlussendlich einsam in das Hotel getrieben hat. Die Hintergründe der Geschichte des Schriftstellers offenbaren sich in der Folge genauso wie die Veränderungen, die das Hotel durchläuft. Denn ein chinesischer Investor hat im Hotel das Zepter übernommen und gestaltet es nun fleißig gemäß seiner modernen ästhetischen Vorstellungen um.

Das sind die erzählerischen Grundpfeiler von Ilja Leonard Pfeijffers Roman. Der niederländische Schriftsteller ersinnt für seine Geschichte einen Ich-Erzähler, der seinen Namen teilt. Und dieser Pfeijffer sorgte bei mir fast für einen Leseabbruch des Buch, schon auf den ersten Seiten dieses 550 Seiten starken Romans. Woran liegt das? Ganz klar am zur Schau gestellten Charakter eines alten weißen Mannes, dessen Weltbild voller Vorurteile steckt und vor Sexismen und Klischees schier überquillt.

So mokiert er sich über Touristen, die er schon einmal als „Koch-Homos“ betitelt, Frauen verfallen ihm, wobei er sich deutlich mehr für ihre sexuellen Reize als ihren Charakter erwärmt (so reist er beispielsweise zu einem Vortrag einer Koryphäe namens Deborah Drimble, um mit dieser eine Affäre wieder aufzuwärmen. In ihrer Beschreibung spielen für Pfeijffer ihre Initialen allerdings stets die wichtigste Rolle, da diese ihre körperlichen Reize abbilden, wofür er sich am meisten interessiert. Auch andere Frauen betrachtet er meist hauptsächlich auf ihre köperlichen Reize hin). Banal, paternalistisch, homophob, sexistisch und dergleichen mehr. Sollte ich wirklich mehr Zeit mit einem solch reaktionären Erzähler von vorgestern verbringen?

Im Grand Hotel Europa

Ich habe mich dafür entschieden – und diese Entscheidung nicht bereut. Denn dieses krasse Bild Pfeijffers eines Mannes von vorgestern schwächt sich im Fortgang merklich ab. Es wird nach und nach durchaus geschickt gebrochen. Pfeijffer erweist sich im Laufe des Buchs durchaus als beobachtungsstarker und vielschichtigerer Charakter. Vielschichtiger und interessanter, als ich das zunächst wahrgenommen habe.

Natürlich, es gibt absurde Sexzenen, die teilweise durchaus heiße Kandidaten für den Bad Sex in Fiction-Award wären. Der Eros dieses Mannes und seine Bettgeschichten sind mitunter grotesk. Auch stopft Pfeijjfer seine Erzählung neben der Rahmen- und der Binnenhandlung mit weiteren Erzählsträngen voll, die nicht immer ganz aufgehen. So reichert er seine Liebesgeschichte um einen Caravaggio-Erzählstrang an. In diesem erzählt vom Leben des berühmten Malers sowie der Suche nach einem verschollenen Gemälde, auf dessen Spuren sich Pfeijffer und seine Freundin Clio begeben. Daneben gibt es auch ein Medien-Projekt, von dem Pfeijffer erzählt. Zusammen mit einem kreativen Duo möchte er eine Reportage über den Tourismus und Europa anstrengen. Das beschwert das Buch mitunter, dann lassen sich aber auch wieder reizvolle Querverbindungen zwischen den Themen finden.

Quo vadis Europa

Dieses von Touristen heimgesuchte Europa ist auch in zahlreichen Diskussionen und theoretischen Erörtungerungen im Grand Hotel Europa selbst Thema. Während Pfeijffer von all den oben geschilderten Dingen erzählt, trifft er sich häufig mit dem betagten Hotelgast Patelki, mit dem er über den Zustand und das Wesen Europas debattiert. George Steiner, berühmte Epen der Geschichte oder Exkurse zu Oswald Spengler sind in den langen Dialogen Thema. Das klingt dröge. Ist es aber abgesehen von ein paar zu lang geratenen Ausführungen aber nicht.

Ilja Leonard Pfeijffer - Grand Hotel Europa (Cover)

Denn Pfeijffer gelingt das Kunststück, diese scheinbar disparaten Themen und Erzählstränge dann doch zu verbinden. Und zwar so, dass sich im Lauf des Buchs bei mir ein echter Leseseog einstellte. Was ist unser Europa heute noch wert und worauf gründen seine Werte? Wie umgehen mit Flüchtlingen in der EU? Wie sollte man dem überbordenden Tourismus in Regionen wie Cinque Terre oder Amsterdam Herr werden? Und welchen Einfluss nimmt Asien, insbesondere China, auf die Entwicklung des alten Kontinents? Darüber macht sich Pfeijffer Gedanken und schafft so den Spagat zwischen Erzählung, Sachthemen und philosophischen Exkursen.

Dass dies gelingt, ist auch dem schriftstellerischen Vermögen Ilja Leonard Pfeijffers geschuldet. Denn wo Robert Seethaler in seinem mediokren Der letzte Satz zuletzt postulierte, dass man über Musik nicht schreiben könne, beweist Pfeijffer das Gegenteil. Seine Schilderung eines Konzerts im Grand Hotel Europa ist derart packend und plastisch, dass man meint, selbst im Auditorium zu sitzen. Seine Beschreibungen von Orten wie etwa Venedig oder Amsterdam sind farbenreich, sein Sprachwerkzeug vielgestaltig. Mal elegisch, mal selbstironisch, mal vorwärtsdrängend, dann auch wieder reflektiert präsentiert sich der niederländische Schriftsteller. Dass sich das auch im Deutschen so gut liest, verdanken wir der Übersetzung von Ira Wilhelm.

Fazit

Hatte ich zunächst persönliche Probleme mit dem Buch und sehe auch durchaus Schwachstellen, so muss man objektiv gesehen auch konstatieren, dass Pfeijffer sein Handwerk als Schriftsteller gänzend beherrscht.

Ihm gelingt ein Buch, das postmodern und verwinkelt wie das Grand Hotel Europa selbst ist. Sein Buch steckt voller Themen und Fragen. Die Referenzen zu anderen Werken der Literaturgeschichte sind spannend eingearbeitet. Mal ist das Werk eine Suche nach Identität, dann wieder ein doppelbödiges und autofiktional gespiegeltes Porträt eines Mannes und eines Kontinents mit Geschichte. Philosophisch, auf der Höhe der Zeit, romantisierend, mitunter etwas anstrengend und dann wieder ironisch – das alles ist Grand Hotel Europa!

Weiter Meinungen zum Buch gibt es bei Letteratura, Buchpost und Libertine Literatur.


  • Ilja Pfeijffer – Grand Hotel Europa
  • Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
  • ISBN 978-3-492-07011-9 (Piper)
  • 560 Seiten. Preis: 25,00 €

Susan Hill – Die kleine Hand

Endlich Zeit für etwas Grusel hier in der Buch-Haltung! Passend zu Halloween gibt es ein Buch aus der schönen Reihe Gatsby Geisterhand. Diese kleine Reihe erscheint im Schweizer Kampa-Verlag und versammelt so illustre Namen wie Henry James, Paul Theroux oder Oscar Wilde. Kurze, in einheitlichem Reihendesign gestaltete Schauermärchen und Erzählungen mit übersinnlichen Elementen gibt es hier zu entdecken. Unter anderem auch das vorliegende Buch von Susan HillDie kleine Hand.

Von Susan Hill liegt im Kampa-Verlag schon ein Krimi um den Inspector Simon Serrailler und zwei weitere Romane vor, darunter die Familiengeschichte Stummes Echo. In England ist Susan Hill auch für ihre Geistergeschichten bekannt. Mit Die Frau in Schwarz erlangte sie große Popularität, die Verfilmung mit Daniel Radcliffe sorgte für zusätzliche Bekanntheit ihres Schauerromans.

Nun ist wird ihr sonstiges Schaffen langsam durch die Editionsarbeit des Kampa-Verlags auch in Deutschland bekannter. Ihr Roman Die kleine Hand ist dabei ein hervorragender Einstieg in das Oeuvre der vielseitigen Britin. Denn es hat alles, was ein guter Schauerroman braucht. Und das auf gerade einmal etwas mehr als 170 Seiten.

Ein Antiquar auf Abwegen

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich-Erzähler Adam Snow. Er ist als Antiquar auf alte Bücher spezialisiert. Ankäufe und Verkäufe von seltenen oder vergriffenen Ausgabe bedeuten für ihn sein Auskommen und seine Passion. Als jäger besonderer Bücher kommt er herum – so auch an jenem Abend, als er eigentlich nach einem beruflichen Ausflug zurück richtung London möchte. Doch er verfährt sich und landet auf der Zufahrt zu einem verlassenen Haus. Dieses Haus übt eine rätselhafte Anziehung auf den Antiquar aus. Und so beschließt er, den Ort zu erkunden.

Als er sich dann im Garten umtut, spürt er plötzlich eine unsichtbare Kinderhand, die nach seiner greift. Diese Hand wird er im Laufe des Buchs noch öfter spüren. Und damit eine Macht, die eine zunehmend tödliche Gefährlichkeit für Adam entwickelt …

Susan Hill hat eine Gespenstergeschichte geschrieben, die wenig Wünsche offenlässt. Ein verwunschenes Haus, eine gespenstische Erscheinung, alte Bücher, eine Prise Der Name der Rose, alles drin. Die Zutaten ihrer Geschichte sind gut vermengt und bilden aufgrund der Kürze den idealen Gruselsnack für einen nebligen und dunklen Abend. Übersetzt von Susanne Aeckerle ist Die kleine Hand eine Empfehlung, ebenso wie die restlichen toll gestalteten Monographien in dieser Geisterhand-Reihe. Da kann Halloween kommen!


  • Susan Hill – Die kleine Hand
  • Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
  • ISBN 978 3 311 27001 0 (Kampa)
  • 176 Seiten. Preis: 18,00 €

Sandra Gugić – Zorn und Stille

Blickt man auf die Veröffentlichungen der Verlage in diesem Herbst und achtet auf Themencluster, ist die Fülle an Büchern, die sich mit der Geschichte Jugoslawiens beschäftigen, frappant. So hat David Grossman mit Was Nina wusste einen Familienroman über drei Generationen verfasst, der im Tito-Regime und einer während dieser Zeit gefällten Entscheidung wurzelt. Ebenfalls (leider nicht so gelungen) thematisiert Zora del Buono diese Zeit in ihrem Buch Die Marschallin. Sie kreist in ihrem Buch um die Figur ihrer eigenen Großmutter, die im Lauf ihres Lebens fünf Pässe besaß und sich in den Partisanenkriegen und im Tito-Regime engagierte.

Und nun liegt auch von Sandra Gugić ein Roman vor, der sich der wechselvollen Geschichte Serbiens widmet und der die Auswirkungen der Geschichte im Privaten untersucht.


1976 in Wien geboren verfügt Sandra Gugić selbst über serbische Wurzeln. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in Berlin. Seit ihrem Debüt Astronauten im Jahr 2015 hat sie sowohl Prosa als auch Lyrik vorgelegt. Zorn und Stille ist nun der zweite Roman von ihr, der sich mit einer in Wien lebende Migrantenfamilie beschäftigt.

Eine Familiengeschichte aus drei Perspektiven

Die Erzählung setzt im September 2016 ein. Die Ich-Erzählerin Billy Bana erzählt ihre Geschichte. Eigentlich trägt sie den Namen Biljana Banadovic. Sie hat allerdings beschlossen, sich von ihrer Herkunft ebenso wie von ihrem Namen zu emanzipieren. Als Billy Bana ist sie als Fotografin tätig und hat die Flucht von Zuhause angetreten.

Sandra Gugic -Zorn und Stille (Cover)

Eine Nachricht reißt sie aus dem Leben, das sie sich aufgebaut hat. Ihr Vater ist tot. Folglich fliegt sie in die Heimat ihres Vaters, aus der er und seine Frau damals aufbrachen, um nach Wien zu gehen. Die Lebensgeschichten der beiden ist dann Thema der beiden anderen Teile, die Gugić zunächst aus Sicht von Billys Mutter im Juli 2008 erzählt, ehe dann ihr Vater Sima im Jahr 1999 Thema ist.

Aus diesen Teilen ergibt sich das Bild einer zerrissenen Familie. Eine, in der sich die Geschichte und die Verwerfungen des Balkans abbildet. Ein verschwundener Sohn, viele Kompromisse, nicht Ausgesprochenes und Verdrängtes. Dazu ständig die Unsicherheit, in einem Land zu leben, das einen nicht wirklich wollte:

Zuhause war damals die Vorstadt von Wien, dieses Zuhause mit seinen strengen Regeln holte uns jedes Jahr nach den Ferien zuverlässig wieder ein. Das oberste Gebot meiner Eltern war das aller braven Migranten: um keinen Preis auffallen oder Aufsehen erregen, unsichtbar und unangreifbar sein vor den Blicken und dem Urteil der Anderen. Sie waren Gastarbeiter, ihr Bleiben war nicht vorgesehen. Wir lebten in einem Häuserkomplex aus roten Backsteinen, in einer Substandardwohnung im zweiten Stock, die aus einem Zimmer und einer Küche bestand.

Gugić, Sandra: Zorn und Stille, S. 25

Drei Perspektiven, aber ähnlicher Sound

Gugić erzählt ihre Geschichte in einem schlichten Ton, der – und das wäre mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch – bei allen drei Erzähler*innen relativ gleich bleibt. Zwar ändert sich die Erzählperspektive von Billy hin zu ihren Eltern. Klingen tun sie allerdings recht ähnlich, was sich aber durch einen Hinweis auf die Familienbande auch ein Stück weit erklären ließe. Abgesehen vom gleichen Sound ist Zorn und Stille ein konzentriertes Buch, das Einblick in das Seelenleben einer „Gastarbeiterfamilie“ gewährt. Das zeigt, wie die Konflikte des Balkan in der Familie fortwirken. Und das innerfamiliäre Konflikte aus mehreren Perspektiven beleuchtet. Das lässt sich nicht viel meckern.

Besondere Erwähnung muss an dieser Stelle natürlich auch das Cover finden. Ein echter Eyecatcher, der auch tatsächlich auf das Buchgeschehen anspielt. Da greift man gerne zu.

  • Sandra Gugić – Zorn und Stille
  • ISBN 978-3-455-00976-7 (Hoffmann und Campe)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €

On the road

Jacques Poulin – Volkswagen Blues

Unter dem Motto All together Now ging am Sonntag die als Special Edition betitelte Frankfurter Buchmesse zuende. Eine Buchmesse, die anders war als alle zuvor erlebten. Keine Besucher, keine Aussteller in den Hallen, gerade mal in der Festhalle zeichnete die ARD das Begegnungsformat der Blauen Couch auf. Ansonsten ein unübersichtliches, chaotisches Programm, bei dem Verlage, Zeitungen, Messe und Autor*innen alle über diverse eigene Kanäle kommunizierten. Interviews, gefilmte oder gestreamte Lesungen, Zoom-Meetings. Ein Angebot, das mich etwas ratlos zurückließ und bei dem mit einer gebündelten Darstellung oder einer gemeinsamen Plattform sicher eine bessere Auffindbarkeit und Übersichtlichkeit zur Folge gehabt hätte. Aber es ist, was es ist.

Auch der Auftritt des diesjährigen Gastlandes Kanada auf der Frankfurter Buchmesse entfiel und wurde ins nächste Jahr verschoben. Eine etwas ungünstige Lösung, da viele Verlage nun schon freie Programmplätze für Kanada freigeräumt hatten. Inwieweit sich dise verlegerische Aufmerksamkeit für die kanadischen Autor*innen übertragen lässt, bleibt abzuwarten.

Auch auf dem Blog habe ich unter dem Motto #kandaerlesen schon einige Perlen aus den Programmen der Verlage in diesem Bücherherbst gesammelt. Ein weiterer Roman, der nun zu entdecken ist, ist Jacques Poulins Volkswagen Blues. Ein Buch, das laut dem Hanser-Verlag in Kanada Kultstatus genießt.

Ein seltsames Paar

Es ist ein äußerst seltsames Paar, das da in Poulins Roman zusammenfindet. Er, der Schriftsteller Jack Waterman, auf der Suche nach seinem Bruder. Und sie, Pitsémine, genannt Große Heuschrecke. Eine junge Frau mit indigenen Wurzeln, die von ihrer jungen Katze begleitet wird.

Dise beiden treffen auf den ersten Seiten des Romans aufeinander – und tun sich für den Rest des Romans zusammen. Denn Pitsémine stellt sich mit ihrem logischen Verstand und ihrem Aplomb als die passende Ergänzung für Jack und seine Mission heraus. Denn dieser hat durch Zufall eine Karte seines Bruders entdeckt. Jener Bruder, den Jack seit Dutzenden von Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch nun ist es doch an der Zeit, dass man diesen Spuren nachgeht, so beschließt es Jack.

Zusammen mit Pitsémine und dem Kater namens Chop Suey begibt er sich auf eine Schnitzeljagd, die sie vom Norden Kanadas bis nach St. Louis und entlang des Oregon Trails in den Westen der USA führen wird. Eine turbulente Schnitzeljagd beginnt. Und damit auch ein Roadtrip durch ein Amerika, das wie aus einer anderen Welt scheint.

Aus der Zeit gefallen

Volkswagen Blues erschien 1984 in Kanada. Das Alter merkt man dem Roman auch an, der völlig aus der Zeit gefallen wirkt. Da tut sich ein widersprüchliches Pärchen zusammen, da fährt man im VW Bulli mitsamt durchrostenden Bodenblech durch ein Kanada und eine USA, die unserer heutigen Lebenswelt nicht ferner sein könnte. Love, Peace and Happiness. Der Geist der Hippiebewegung durchweht diesen Roman. Und natürlich muss der Roman auch dort enden, wo schon Scott McKenzie das Paradies aller Hippies besang: San Francisco.

Jacques Poulin - Volkswagen Blues (Cover)

Man begegnet sich respektvoll, ist neugierig aufeinander und kennt keine gesellschaftlichen Barrieren. Die soziale Wirklichkeit in diesem Roman ist größtenteils eine, die mit Blick auf die heutigen Zustände in Amerika völlig absurd wirkt. In diesem Sinne ist Volkwagen Blues für mich auch ein Stück bittersüße Nostalgie, da hier eine Welt gefeiert wird, die noch in Ordnung ist, wenngleich Poulin auch die Gräuel an der indigenen Bevölkerung nicht verschweigt und während der Reise thematisiert.

Generell verfestigte sich aber für mich der Eindruck einer nostalgischen Lektüre. Fernab von sozialen Spaltungen, ökologischen Sorgen und materiellem Auskommen reist man da einfach mal ein paar tausend Kilometer quer durch die kanadische und amerikanische Landschaft und macht sich keine gesteigerten Sorgen um die eigene Existenz.

Höchster Akt der Anarchie sind Diebstähle von Büchern aus Bibliotheken oder Buchhandlungen, die die lesehungrige Pitsémine begeht. Ansonsten ist dieses Buch geradezu unschuldig, was auch seinen Status als Kultroman in Kanada erklären könnte.

Fazit

Zu einem Kultroman in Deutschland wird es zwar nicht reichen. Aber Volkswagen Blues nimmt doch mit auf eine toll erzählte Reise quer durch Kanada und Amerika und ist somit die ideale Möglichkeit einer „Lehnstuhlreise“. Ein leichtes Buch, das das Fernweh und die Sehnsucht nach einer anderen Zeit befeuert. Und das ein wirklich seltsames Paar in den Mittelpunkt rückt, das in diesem Bücherherbst zu den skurrilsten Paarungen der Literatur zählen dürfte. Von Jan Schönherr wurde der Roman aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und ist damit eine schönes Beispiel für #kanadaerlesen.


  • Jacques Poulin – Volkswagen Blues
  • Aus dem Französischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-446-26761-9 (Hanser)
  • 256 Seiten. Preis: 23,00 €