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Angie Kim – Miracle Creek

Von den kleinen Lügen, die Großes bewirken, erzählt Angie Kim in ihrem Roman Miracle Creek. Ein Gerichtsroman darüber, was Lügen auslösen können und wie weit man gehen sollte, um die Wahrheit hinter dem Berg zu halten.


Eine Lüge kann manchmal wie ein Streichholz sein. Es bedarf nur eines kleinen Reibens über die Zündfläche, und das Streichholz steht in Flammen. Und wenn man damit nicht aufpasst, kann am Ende ein ganzes Haus in Flammen aufgehen. Und das alles nur mit einer ursprünglich ganz winzigen Aktion.

Angie Kim - Miracle Creek (Cover)

Ein Streichholz ist es auch, das im Roman Miracle Creek (Übersetzung von Marieke Heimburger) eine Katastrophe auslöst. Dieses Miracle Creek ist eigentlich ein typisches amerikanisches Durchschnittskaff, in dem nichts passiert. Doch plötzlich ist alles anders. Das Gericht tagt, Elizabeth Ward muss sich vor der Justiz verantworten. Der Vorwurf: sie hat bei einer sogenannten HBO, einer Hyperbaren Oxygenierung, also einer Sauerstoffbehandlung bei Überdruck in einer abgeschlossenen Kammer, Feuer gelegt. Zwei Menschen sind dadurch zu Tode gekommen, darunter Elizabeths eigener Sohn, der sich während des Feuers in der Kammer befand. Die Spurenlage ist eindeutig. Schon lang trug sie sich mit dem Gedanken, die Therapie abzubrechen. Zudem verzweifelte sie des Öfteren an ihrer Rolle als Alleinerziehende mit einem autistischen Sohn. Für die Öffentlichkeit steht es schon vor dem Prozess fest: Elizabeth ist ein Monster, eine Mutter, die ihren eigenen Sohn durch Brandstiftung getötet hat. Alles klar also?

Mitnichten. Denn dass das mit der Wahrheit eine komplizierte Angelegenheit ist, das zeigt sich in Miracle Creek schon bald. Nachdem uns Angie Kim im Prolog an der Katastrophe teilhaben lässt, die sich in der Scheune in Miracle Creek ereignete, als die HBO-Druckkammer und mit ihr die Patienten in Flammen aufging, geht es dann im Hauptteil des Buchs um die Gerichtsverhandlung. Auf der Anklagebank sitzt Elizabeth, die sich mit ihrer Rolle als Schuldige abgefunden hat. Staatsanwälte, Richter, Verteidigung, alle sind bereit, um über sie Recht zu sprechen. Sogar eine Hinrichtung als Schuldspruch steht im Raum.

Lügen über Lügen

Doch dann beginnt Angie Kim damit, die verschiedenen Lagen aus Lüge, die sich um die Wahrheit gruppiert haben, langsam abzutragen. Auf Basis des Gerichtsprozesses kommen verschiedene Personen zu Wort. Da ist der Arzt, der mit den zwei Müttern und ihren autistischen Kindern in der Druckluftkammer saß. Da ist die koreanische Familie, die die Druckluftkammer und Scheune eigentlich betreuen sollte. Elizabeth selbst ist auch Teil der Wahrheit. Je weiter die Befragungen durch den Staatsanwalt und die Verteidigerin voranschreiten, umso klarer zeigt sich, dass in Miracle Creek gar nichts klar ist. Wie in einer Rückwärts-Kamerafahrt gelangen wir als Leser*innen von Angie Kim angeleitet langsam vom Scheunenbrand bis zurück zum Streichholz, das die Katastrophe auslöste.

Jede Figur hat ihre eigenen Geheimnisse. Untreue, Missgunst, Hoffart – die sieben Todsünden könnte man in diesem kleinen amerikanischen Kaff wunderbar durchexerzieren. Geschickt schafft es Angie Kim, die Widersprüche im Verhalten und die großen und kleinen Lügen Stück für Stück zu enthüllen. Eingeteilt in die vier Prozesstage wechselt sie immer wieder die Perspektiven und behandelt eine Vielzahl an Themen. Die Bewahrung der eigenen Identität in einem fremden Land, Anpassung, die Rolle als Mutter, der Wunsch nach Kindern – das alles sind Themen, die in Miracle Creek angerissen werden. Den inhaltlichen Schwerpunkt bilden in meinen Augen aber Missverständnisse und Lügen im Miteinander, die Kim uns zeigt.

Im Strudel der Unwahrheiten

Er versuchte mehrfach, Marys Blick zu fangen, sie zu warnen, ihm nicht zu widersprechen, aber sie starrte weiter auf den vollen Teebecher. Als Pak fertig war, herrschte längeres Schweigen, dann sagte Young: „Du hast nichts weggelassen? Das ist wirklich die ganze Wahrheit?“ Ihre Miene war gefasst, aber in ihrer Stimme schwang ein leises Flehen mit, eine Traurigkeit, umhüllt von verzweifelter Hoffnung, und er wünschte, er könnte sagen, selbstverständlich hatte er nichts ausgelassen, sie würde ihn doch kennen, sie wüsste doch, dass er kein Mann war, der für Geld das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzte.

Aber das sagte er nicht. Manche Dinge waren einfach wichtiger als Ehrlichkeit, selbst der eigenen Frau gegenüber. Er sagte „Ja, das ist die ganze Wahrheit.“ und redete sich ein, dass es nur zu ihrem Besten war. Denn die wirkliche Wahrheit würde sie nicht verkraften.

Kim, Angie: Miracle Creek, S. 457

Angie Kims Buch ist ein Gerichtsthriller, aber auch ein Familienroman, der trotz des klassischen Settings näher an Celeste Ng als an John Grisham ist. Natürlich hält sie mit immer neuen Enthüllungen und Twists die Geschichte am Laufen. Aber im Kern ist Miracle Creek in meinen Augen ein Familiendrama, das eindringlich die möglichen Konsequenzen von fehlender Kommunikation und psychologischen Eigendynamiken belegt. Ein Blick tief hinein in einen Strudel aus Unwahrheiten und Lügen, der sich spannend und psychologisch glaubhaft liest.

Kakerlakack

Ian McEwan – Kakerlake

Lieber Ian McEwan,

was war das denn bitte? Mit diesem Buch hast du dir leider überhaupt keinen Gefallen getan. Eindrucksvoll beweist du, dass eine gute Absicht noch lange kein gutes Buch ausmacht. Immerhin ist dir das Kunststück gelungen, ein Buch mit Verfallsdatum zu produzieren, das schon wenige Monate nach dem Erscheinen deutlich überschritten ist.


Sicher, ich kann dich verstehen. Dieses Theater um den Brexit, du warst von Anfang an dagegen. Dieser Wahnsinn, den Verbleib in der EU und alle komplexen Abwägungen einfach an eine simple Ja-Nein-Abstimmung zu binden. Und dann auch noch das Theater, das folgen sollte. Remain-Kampagnen, Busse versehen mit offenkundigen Lügen, dutzendfach verschobene Abstimmungen. Brexiteers versus Remainers, Chaos im Unterhaus, sogar ein politisch motivierter Mord. Auch du magst dir verwundert die Augen gerieben haben. Diese Nation, die sich da gerade fröhlich selbst zerlegt, sie soll einst über den halben Erdball geherrscht haben? Schwerlich vorstellbar angesichts dieses Chaos, das die Insel erfasst hatte.

Was aber tun? Erst einmal zur Feder gegriffen und die Unterschrift unter einen offenen Brief gesetzt. Immerhin, John Le Carré, Vivienne Westwood oder Tom Stoppard taten das auch. Über 300 prominenter Brit*innen protestierte gegen den Austritt aus der EU. Aber hat es etwas gebracht? Man sieht es ja recht deutlich.

Das Buch als Protest

Dir war klar, dass es damit nicht getan sein kann. Deine Motivation hat dir dein Diogenes-Verlag auch prominent auf die Rückseite deines Buchs gedruckt: Was kann ein Schrifsteller in diesen Zeiten nur tun? Schreiben! So deine Erkenntnis. Das mag schon alles richtig sein. Aber doch bitte um himmelswillen nicht dieses Buch!

Gewiss, du warst wütend. Und eine Satire war dir früher doch schon einmal gut von der Hand gegangen. Warum also nicht auch jetzt? Und Material war ja auch in Übermaße vorhanden. Eine Nation, die austreten will, aber nicht mehr vor und zurück kann. Eine Regierung, voll mit Exzentrikern und Rücktritten im Wochentakt. Und dann erst dieser Premierminister. Ein Hasardeur, ein Spieler, ein clownesker Eliteschulen-Absolvent, der sich gerne als Mann des Volkes mit wirrem Haar und eigenwilligen Ansichten produziert.

Also die Feder gespitzt und drauflosgeschrieben. Einen wirklichen Plan hattest du allerdings nicht, wie mir nach der Lektüre deines mit viel guten Willem auf 140 Seiten und von Bernhard Robben hurtig ins Deutsche übersetzten Machwerks scheint. Gewiss, du hast dich von Franz Kafka inspirieren lassen. Die Verwandlung, einmal anders herum. Eine Kakerlake, die sich dann in den britischen Premierminister verwandelt. Und dann auch noch der Name. Jim Sams, damit es auch wirklich jeder versteht. Sams – Samsa. Klare Sache! Und fast alle anderen Mitglieder deines Kabinetts – auch eigentlich Kakerlaken. Ja witzig! (Das war jetzt Ironie meinerseits. Nein, ich finde es nicht sonderlich witzig. Der PM eine Kakerlake? Ist das wirklich dein Niveau, der du in wirklich schwarzem Humor einen Nobelpreisträger lügen und täuschen oder eine einen Säugling aus dem Mutterbauch heraus Intrigen beobachten ließt?)

Ein Kessel voll Buntes

Dass diese Idee gerade einmal für ein paar Seiten und einige witzige Sätzen reichen würde, das ging dir dann selbst auf. Also flugs noch ein paar andere Themen hineingezimmert. Eine vogelwilde Theorie namens Reversalismus, die du im Stil eines BWL-Einführungsseminar seitenlang erklärst (für alle Taten, die man verrichtet, muss man Geld errichten. Für alle Erwerbungen hingegen gäbe es Geld). Dann noch ein bilateraler Konflikt mit Frankreich um ein versenktes Fischerboot im Ärmelkanal. Anschließend eine Prise Parodie auf den anderen twitterenden Hasardeur im Weißen Haus und auf Frau Merkel geschrieben. Dann noch ein bisschen übers Abstimmungsverhalten im britischen Unterhaus referiert. Zack fertig, schon ist die Kakerlake fertig.

Dass ein Kessel Buntes voller halbgarer Ideen noch kein Buch ausmacht, das sollte doch auch dir aufgegangen sein? In deiner Kakerlake knirscht es nicht im Er-zäh-lgefüge, nein, es ist schon komplett zusammengebrochen. Platteste Figuren, ein nicht vorhandener Erzählbogen, vier völlig disparate Kapitel, die zwischen Kafka-Adaption, Brexit-Parodie und Shakespeare’schem Intrigenstandel irrlichtern.

Gewiss, an der Realität des Brexits konntest du eigentlich nur scheitern. Das monatelange Chaos, dem man immer fassungsloser beiwohnte. Die Spektakel im Unterhaus voller Oooooorda! und Medien, die in die Brosche einer Verfassungsrichterin seitenweise größte Geschichten hineininterpretierten.

Wie da noch eine vernünftige Satire schreiben, zudem dir auch dein Verlag und das immer näher rückende Datum einer der finalen Brexit-Abstimmungen im Nacken saßen. Aber hättest du es doch einfach gelassen oder das Buch in deine Schreibtischschublade oder einen diskreten Ordner auf deinem Arbeits-PC-Desktop verschoben.

Warum dieses Buch?

So ist Die Kakerlake ein Tiefschlag in deinem Schaffen, ein Buch, das sich in deinem sonst so beeindruckenden Oeuvre ausnimmt wie eine Burger vom Vortag gegenüber einem 3-Sterne-Menü in einem guten Restaurant.

Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen: ich weiß es auf alle Fälle zu schätzen, wenn sich exponierte Persönlichkeiten aus dem Bereich der Kultur für etwas einsetzen und einstehen. Aber man sollte auch immer die Wahl seiner Mittel bedenken. So nützt auch eine Satire nichts, wenn sie unlogisch, stumpf und völlig durchschaubar daherkommt. Und vielleicht hättest du sie auch vorher verfassen sollen, als die Abstimmung zum Brexit offensichtlich wurde, als nachher in dieser Form zu lamentieren.

Oder um es kurz zu machen. Lieber Ian, bitte sieh mir es nach: aber ich kann von deinem Buch nur abraten. Du hast so großartige Bücher geschrieben, da sollte über diesen literarische Rohrkrepierer (das Wort Schnellschuss kommt mir zu harmlos vor) ein gnädiger Mantel des Schweigens gebreitet werden.

Diesmal empfehle ich viel lieber ein anderes Buch, das gelungen die Entstehung des Brexits und die Verwerfungen in den sozialen Schichten Großbritanniens nachzeichnet. Ein Buch, das stark in Sachen Analyse ist, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben oder sich zu einfachen Schlüssen verleiten zu lassen.

Der Verfasser des Buchs trägt den Namen Jonathan Coe, das Buch heißt Middle England, wurde von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs ins Deutsche übertragen und erscheint im Folio-Verlag. Diese um Welten bessere Alternative zur deiner Kakerlake wollte ich unbedingt noch an dieser Stelle erwähnt haben.

Bitte sieh mir meine offenen Worte nach, aber es war mir ein Anliegen!

Dein Marius

Cihan Acar – Hawaii

Vier Tage und die Welt steht Kopf. Beziehungsweise Heilbronn. Aber in diesem Buch kommt das letzten Endes auf das Gleiche heraus. Cihan Acars Debüt „Hawaii“ über einen jungen Mann zwischen den Welten und eine Stadt im Ausnahmezustand. Ein politischer Flaneurroman, der punktgenau hineinblickt, in die Verwerfungen unserer Gesellschaft.


Es sind vier Tage im Sommer, die Cihan Acar in seinem Flaneurroman beschreibt. Alles beginnt dabei eigentlich ganz harmlos. Es ist eine dieser Hochzeiten, auf denen man eigentlich gleich wieder gehen sollte. Man kennt kaum jemanden, die Hälfte der Gäste ist schon betrunken und irgendwie gehört man nicht hierher. Auch Kemal fühlt sich etwas deplaziert auf jener Hochzeit, auf der er sich zu Beginn des Buchs wiederfindet. Doch nicht nur auf dieser Hochzeit fühlt er sich fehl am Platz. Auch im wahren Leben weiß er eigentlich überhaupt nicht, wo er hingehört.

Aufgewachsen im migrantisch geprägten Stadtteil Hawaii in Heilbronn war es früh sein Fußballtalent, das ihn aus dem Gros seiner Mitschüler*innen heraushob. So schmiss er die Schule kurz vor dem Abitur, wurde in der Türkei Fußballprofi und ruinierte bei einem Verkehrsunfall sein Bein. Nun ist er mit 21 Jahren wieder in Deutschland zurück. Von den Hawaiianern ebenso misstrauisch beäugt wie von den „normalen“ Deutschen da draußen. Irgendwo zwischen zwei Welten steckend, nirgends wirklich daheim.

Es gärt in Heilbronn

Cihan Acar - Hawaii (Cover)

So beschließt er bei der eingangs geschilderten Hochzeit, einfach zu gehen. In der Folge lässt er sich durch Heilbronn treiben, besucht seine Eltern, Spielhallen und wird Zeuge, wie etwas in der Gesellschaft kippt. Denn jene Hundstage im Juli, die Acar in seinem Buch beschreibt, steigen einigen Heilbronner*innen zu Kopf. So gärt es schon lange in der Bevölkerung, aber in jenen Tagen brechen die Gräben zwischen „Biodeutschen“ und „Migranten“ endgültig auf. Auf der einen Seite die Vereinigung HWA, kurz für Heilbronn Wach Auf. Sogenannte besorgte Bürger, rassistisch, gewaltbereit und bereit für den großen Clash. Auf der anderen Seite die Kankas, eine Gruppe zumeist türkischer Jugendlicher, die sich gegängelt und in dieser Gesellschaft nicht repräsentiert fühlen. Beide Gruppen prallen am Ende der vier Tage aufeinander. Und Kemal wider Willen mittendrin in diesem Clash der Kulturen. Cihan Acar inszeniert diese Konfrontation aufrüttelnd, realitätsnah und weckt Erinnerungen an ähnliche Vorkommnisse in Chemnitz.

Cihan Acar [(c) Robin Schimko]

Die große Stärke von Cihan Acars Roman sehe ich in dieser Realiätsnähe. In Zeiten, in denen Rassismus und Extremismus auf immer krassere Art und Weise um sich greifen, ist Hawaii ein Kommentar der Gegenwart. Er weckt Verständnis für die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund und thematisiert die Frage migrantischer Idenität auf nachvollziehbare Art und Weise. Leider ist ausgerechnet Acars Titelheld für mich ein weitestgehend belangloser Pappkamerad.

Schulabbrecher, Fußballstar, Millionär, dann gescheitert Heimkehrender. Kemal als Ich-Erzähler fehlen für meine Begriffe leider die Brüche und die Reibungspunkte, die eine interessante Persönlichkei ausmachen. So darf Kemal zwar in der Tiefgarage mit seinem geschrotteten Auto plaudern wie weiland Macbeth mit dem Geist Banquos. Das macht aus ihm aber lange noch keine Figur mit Tiefgang. Zudem ist die Sprache in Hawaii für mich auch nur durchschnittlich zu nennen.

Wie ist „Hawaii“ zu bewerten?

So gilt es für mich, zwei Seiten abzuwägen. Da sind zum einen die Figuren, allenvoran Kemal, denen es an Tiefe gebricht. Eine interessante Biografie oder einigermaßen komplexe Charaktere haben sie alle nicht. Auf der anderen Seite schafft es Cihan Acar aber auch wirklich gut, trotz oder vielleicht gerade wegen der Schablonenhaftigkeit seiner Figuren, gesellschaftliche und politische Themen in Hawaii zu verhandeln. Die Aktualität, mit der Acar Verwerfungen in unserer Gesellschaft beschreibt, ist nach Chemnitz und Hanau kaum zu übertreffen. Und aufgrund dieser Unmittelbarkeit, die Acar in Hawaii gelingt, bin ich doch geneigt, dieses Buch als äußerst gelungen zu bewerten, trotz aller Einwände, die ich habe. Ein hochaktueller, politischer Flaneurroman, der zeigt, das Heilbronn literarisch deutlich mehr als nur das Käthchen bietet.


  • Cihan Acar – Hawaii
  • ISBN 978-3-446-26586-8 (Hanser Berlin)
  • 256 Seiten, 22,00 €

Akiz – Der Hund

Wenn Salz begehrter ist als ein Tütchen Kokain: Akiz‘ Geschichte über einen begnadeten Außenseiter in einem Gourmettempel: Der Hund.


Das Kochen sinnlich ist, verschiedene Reize anspricht und im besten Falle eine Kunst, das ist ein Allgemeinplatz. Für diese Seite des Kochens interessiert sich der Regisseur und Drehbuchautor Akiz in seinem Debüt allerdings nicht. Er schaut dahin, wo es ganz anders zugeht. Wo geflucht, geschlagen und geschuftet wird. Dort, wo der Umgangston mindestens ebenso unbarmherzig wie die Anforderung an Körper und Geist ist: die Küche. Dort, wo teils unter indiskutablen Verhältnissen die Speisen produziert werden, die dann im vorderen Teil des Restaurants dem Gast serviert werden, der vom Zustandekommen seines Gerichts nichts merken soll.

Akiz - Der Hund (Cover)

In einer Küche, in der die Anforderungen noch einmal um ein vielfaches höher sind wie in der normalen Gastronomie, dort schuften Mo und der Hund. Kennengelernt haben sich die beiden in einer Dönerbude. Unter ihrem despotischen Chef versahen die beide ihren Dienst. Mo als Fleischraspler und Döner-Beleger, der Hund als Quasi-Leibeigner, der vom Besitzer des Ladens drangsaliert wurde. Mehr oder minder verwildert, ohne große Sprachkentnisse und ohne jegliche soziale Kompetenzen nahm Mo diesen Hund unter seine Fittiche. Nachdem sie in einem Streit eines Tages den Job quittieren, stehen beide im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße.

Nachdem Mo eine einzigartige kulinarische Kombinationsgabe beim Hund ausgemacht hat, beschließt er, alte Kontakte zu reaktivieren. Über Umwege gelangen sie als Aushilfsköche in die Küche des legendären Gourmettempels El Cion. In dieser Küche, irgendwo zwischen Noma und El Bulli, hat der sagenumwobene Sternekoch Valentino das Sagen. Noch.

Erst nach einer Weile, als der Hund seine Augen wieder öffnete, drehte sich Valentino um und verschwand im Dampf der Küche. Er hatte keine Ahnung, dass der Hund auf dem Weg war, in sein Reich einzudringen wie der Antichrist im Vatikan.

Akiz: Der Hund, S. 32

Zwischen Sinnlichkeit und Derbheit

Der Hund ist ein wilder Ritt. Gerade einmal 190 Seiten hat die Erzählung, die mit unglaublichem Tempo voranprescht. Im Kern ist Akiz‘ Buch eine Aufstiegs- und eine Abstiegsgeschichte. Während sich der Hund von der Gosse bis in den höchsten Gourmettempel vorarbeitet, sinkt Valentinos Stern unaufhörlich. Als Erzähler dieser beiden Geschichten fungiert Mo, durch den wir als Leser*innen ganz unmittelbar mit dabei in der Welt einer Gourmetküche sind. Die Welt, die sich hinter dem Pass auftut, über den die Essen geschickt werden, lernen wir durch seine Augen sehen. Nur selten verlässt Akiz‘ den Ich-Erzähler Mo, um dann aus auktorialer Perspektive weiterzuerzählen.

Die glühend heißen Pfannen, die Arbeitsunfällen, den psychischen Druck, der in einer solchen Küche herrscht, in der Abend für Abend 200 Gerichte über den Pass gehen, die Köch*innen, die sich nachts halb zerschlagen aus dem Hintereingang des El Cion schleppen, all das versteht Akiz‘ durch Mo mehr als eindringlich zu schildern. Die Sprache, die er dafür entwickelt hat, oszilliert beständig zwischen großer Sinnlichkeit und Vulgarität.

Hier, er solle den Mund aufmachen, sagte Valentino und schüttete dem Hund eine winzigen Prise [eines kostbaren Salzes aus Himalaya] in den Mund, drohte ihm, dass er niemandem davon erzählen dürfte, dann legte er sich selbst ein paar Salzkristalle auf die Zunge und schloss die Augen.

Die beiden ließen den Geschmack auf der Zunge zerschmelzen. Auch der Hund schloss die Augen. Vor ihm zogen Wolken vorbei. Steiniger Boden. Trocken Falten unter grauen Haaren. Fell eines struppigen Tiers, vom Wind zerzaust. Karges, verblichenes Kraut, knorriger Wuchs zwischen wuchtigen Felsen.

Akiz: Der Hund, S. 113

Sprachliche Stärken

Akiz ist in seinem Debüt stark, was das Finden von eingängigen Vergleichen und Metaphern angeht. Da glüht der heiße Grill in der Dönerbude wie ein Atommeiler oder die Straßen scheinen am frühen Morgen in feurigen Rot und Gelb, als hätte man sie in tausend Tonnen Glutamat getunkt. Er schafft es, die Welt der Kulinarik in funktionierende Sprachbilder zu überführen, sodass man rasch Hunger bekommen könnte:

Vor dem Hund lag ein in weißes Porzellan gerahmtes, abstraktes Gemälde, in der Mitte war die Leber eines Gans angerichtet, überzogen mit einer brüchigen Glasur aus salzigem Honig, umgeben von krustig gebratenen Bohnen und einem Apfelgratin, so zart, dass er beim bloßen Anblick in sich zusammenfiel und bestäubt war das Ganze mit etwas, das aussah wie Splitter kandierter Rinde.

Akiz: Der Hund, S. 31

Dann ist das Buch aber auch wieder unglaublich derb. Es wird geflucht, die Sprache ist alles andere als jugendfrei. Das geht aber auch völlig in Ordnung, ist die tatsächliche Küchensprache ja oftmals noch derber, als sie hier zu lesen ist. Bis auf einzelne, manchmal etwas verunglückte Metaphern ist dieses Buch auf sprachlicher Ebene wirklich mehr als überzeugend.

Es ist ein filmisches Leseerlebnis, Der Hund zu verschlingen oder sich ihn langsam auf der Zunge zergehen zu lassen. Würde man nach Vergleichen suchen, dann ist Akiz Buch irgendwo zwischen Brad Birds Ratatouille, Süskinds Das Parfüm und Fatih Akins Soul Kitchen einzuordnen. Eines meiner großen Lesehighlights in diesem Frühjahr. Sinnlich, sprachlich überzeugend, mitreißend und temporeich.

Roadtrip mit Huhn und Hund

Jasmin Schreiber – Marianengraben

Die Trauer und der Verlust, sie haben ja immer etwas Schweres. In der Behandlung des Themas schwingt zumeist viel Gravitas mit. Bedrückte Mienen, Anteilnahme, gesenkte Stimmen. Der Tod als grausiger Schnitter und Sensenmann, die Beerdigung als Trauerspiel. So war es und so ist es zumeist.

Dass dieses Thema langsam etwas aus der tabuisierten Zone geholt wird, ist vermehrt feststellbar. Bestatter, die Bücher über ihren Broterwerb und ihre Erfahrungen schreiben (zuletzt etwas Eric Wrede in The End, Heyne) oder Forscherinnen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen (Sue Black – Alles was bleibt, Dumont) bevölkern neuerdings die Buchlandschaft. Sogar der Tod selbst wird zum Protagonisten und Erzähler, wenn man an eines der erfolgreichsten Jugendbücher der letzten Zeit denkt, nämlich Markus Zusaks Die Bücherdiebin.

Ein Enttabuisierung dieser Themen ist vermehrt zu beobachten – und auch Jasmin Schreiber leistet in ihrem Debütroman Marianengraben einen Beitrag, um den Umgang mit Verlust und Trauer zu normalisieren.

Schreiber arbeitet als ehrenamtliche Sterbebegleiterin und bloggt auch über dieses Thema. Sie beschäftigt sich besonders mit Kindern, die jung sterben, sogenannte Sternenkinder. Daneben veröffentlicht sie literarische Miniaturen auf ihrem Blog La vie vagabonde, wofür sie im Jahr 2018 als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Viele ihrer Texte berühren und treiben den Lesern Tränen in die Augen, so die Begründung der Jury für die Auszeichnung Schreibers. Eine Aussage, die ich nach der beendeten Lektüre ihres Romans bestätigen kann. Aber der Reihe nach.

Eine Depression, tief wie der Marianengraben

Die Geschichte, die Jasmin Schreiber in ihrem Buch erzählt, ist die von Paula. Eigentlich studiert Paula Biologie und könnte das unbeschwerte Student*innenleben genießen. Doch in Paula herrscht nur Schwere und Trauer. Denn ihr geliebter Bruder Tim ist verstorben. Beim Schwimmen im Urlaub ist er ungekommen – und seitdem ist für Paula nichts mehr wie zuvor. Sie steckt in einer tiefen Depression, so tief wie der Marianengraben, wie sie selbst bemerkt. Denn der Graben ist mit einer Tiefe von über 11.000 Metern ein gutes Symbol ihrer Trauer. Zudem war ihr Bruder ein großer Fan der Meere und ihrer Bewohner – weswegen Paula nun in Erinnerung an ihren Bruder ihren eigenen Marianengraben bewohnt.

Im Lauf des Buchs beginnen wir mit Paula aus diesem Graben aufzusteigen. Allmählich löst sich der Druck, der auf ihr lastet. Dies resultiert aus einer absurd-komischen Begegnung. Denn als Paula nachts auf dem Friedhof einsteigt, um ungestört am Grab ihres Bruders zu trauern, bemerkt sie in unmittelbarer Nachbarschaft einen alten Herren. Dieser müht sich gerade, die Urne einer Frau auszubuddeln. Paula beschließt ihm zu helfen und bildet in der Folge mit Helmut, so der Name des Urnendiebs, ein reichlich ungewöhnliches Tandem. Denn Helmut möchte die Asche von Helga, seiner Exfrau, in den Bergen verstreuen. Paula beschließt, ihm zu helfen, und so begeben sich die beiden auf einen skurrilen Roadtrip. In Helmuts Wohnmobil geht es durch Deutschland gen Berge, und das im Schneckentempo. Zahllose Pinkelpausen, ein Schäferhund namens Judy und ein Huhn namens Lutz inklusive.

Von der Trauer und dem Umgang mit ihr

Wie sich aus meiner kurzen Zusammenfassung der Handlung schon entnehmen lässt, ist es auch die Komik und das Absurde, dem bei Jasmin Schreiber eine große Bedeutung zukommt. Wie im thematisch ähnlich gelagerten Rückwärtswalzer von Vea Kaiser aus dem letzten Jahr geht es auch hier um die letzte Ruhe, die einer Leiche auf rechtlich fragwürdigen Wegen verschafft werden soll. Auch Dirk Pope mit seinem für den Jugendliteraturpreis nominierten Roman Abgefahren über den Leichtransport der eigenen Mutter wäre in dieser Reihe zu nennen, in der auch Marianengraben steht.

Vom Tonfall und vom Setting gehört Schreibers Debüt für mich ebenfalls in die Kategorie Jugendbuch. Der Roadtrip und der Blick in die jugendliche Psyche Paulas sind gelungen. Der Humor wird gut mit der Trauer verbunden, der Verlust mit dem Aufbruch, der Tod mit der Freiheit. So deckt das Buch viele Facetten ab, ohne zu sehr in eine Richtung das Übergewicht zu bekommen und ist auch durchaus für Jugendliche geeignet (eine Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis würde ich hier durchaus in Betracht ziehen).

Leichte Unstimmigkeiten

Allerdings: alles ist noch nicht ganz glatt, rund, stimmig. Eine Biologiestudentin, die sich mit allen möglichen maritimen, neuronalen und sonstigen biologischen Eigenschaften von Mensch und Tier auskennt, dann aber nicht weiß, „wer, was oder wo Bozen“ ist (S. 152), das ließ mich stutzen. Solcherlei Inkonsistenzen in der Figurengestaltung bleiben allerdings die Ausnahme.

Auch konnte ich folgendem Bild nicht viel abgewinnen:

Doch in mir gab es nichts zu schöpfen, ich saß im Marianengraben mit einer kleinen Suppenkelle und sollte damit all das Wasser und den Schmerz aus mir herausholen, damit es mir besser ginge, ich sollte alles hochholen und zur Betrachtung ausbreiten und zeigen. Doch das funktionierte nicht. Ich saß elftausend Meter weit unten der der Druck war so hoch, dass von außen sofort wieder alles in mich einströmte, sobald ich ein bisschen abschöpfte.

Schreiber, Jasmin: Marianengraben, S. 15

Schlägt man im Duden unter dem Verb (ab)schöpfen nach, so sagt das Buch Folgendes: schöpfen = (etwas oben Befindliches schöpfend von etwas) herunternehmen.

Da sich Paula in diesem Bild allerdings unter Wasser befindet und der Druck von abertausenden Tonnen Wasser auf ihr lastet, kann sie ja schlecht etwas abschöpfen. Dies würde funktionieren, wenn sie in einem Boot säße oder eine sonstige Oberfläche in der Nähe wäre. Aber unter Wasser schöpft es sich schlecht. So ist das hier ein Bild, das für mich nicht funkioniert.

Dann gibt es aber auch wieder unglaublich eindringliche Szene und Bilder, die im Kopf bleiben. Sicher, alles an Schreibers Buch ist noch nicht rund, Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann, sind durchaus vorhanden. Sprachlich ist auch noch etwas Luft nach oben. Aber bei einem Debütroman darf das meiner Meinung nach auch so sein.

Fazit

Mit Marianengraben gelingt Jasmin Schreiber ein gut ausbalanciertes Buch, das unverkrampft von Tod und Trauer erzählt. Schreibers Buch rührte mich zu Tränen, ohne rührselig zu sein, und spendet Trost. Im besten Sinne gelingt der Debütantin ein All-Age-Roman, der den Tod und das Trauern in den Mittelpunkt stellt und zeigt einen ungewöhnlichen Verarbeitungsprozess. Jasmin Schreiber ist mit diesem Buch ein großer Erfolg zu wünschen.