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Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

Also erste Sätze kann Dennis Lehane. Und wie:

An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann. (Lehane, Dennis: Der Abgrund in dir, S.7)

Zack, bumm. Da ist er wieder, jener Dennis Lehane, der mit seinen Büchern unzähligen Hollywoodfilmen ihre Grundlage geliefert hat, darunter Mystic River, Shutter Island oder In der Nacht. Nach einer Pause von drei Jahren seit Am Ende einer Welt gibt es nun Nachschub vom Meister des Thrillers und zwar in der Übersetzung von Steffen Jacobs und Peter Torberg.

Wobei ich mich über zweihundert Seiten nach dem oben zitierten Paukenschlag-Prolog fragte, ob ich hier wirklich ein Buch von Dennis Lehane lese. Denn in jenen grob zweihundert Seiten schildert Dennis Lehane zunächst einmal die Lebens- und Liebesgeschichte seiner Heldin Rachel Child vom Jahr 1977 an. Wie sie ohne Vater aufwuchs, ihr Glück in Beziehungen suchte und von Angstattacken gequält wurde, all das steht im ersten Drittel von Der Abgrund in dir im Mittelpunkt.

Natürlich will seine Heldin entwickelt werden, damit der Stoff auf einem festen Fundament steht und damit über die ganze Handlung trägt. Allerdings fehlten mir hierbei die typischen Lehane-Zutaten wie Tempo, unvorhersehbare Wendungen und vor allem das Wichtigste – die Spannung. Zunächst ist das Buch ein klassischer Roman, der von der Suche einer Frau nach Liebe handelt. Erst nach und nach zieht Lehane eine untergründige Ebene ein, die sich darum dreht, was man in der Partnerschaft wirklich von seinem Gegenüber weiß.

Nach den Enthüllungen, auf die hier natürlich nicht näher eingegangen werden soll, um die Lesefreude nicht zu schmälern, kommt dann doch plötzlich nach der Hälfte des Buchs Drive in die Handlung. Und zwar dann, als der Roman von der Liebesgeschichte langsam in Richtung Thriller kippt. Wie bei einem talentierten Fußballer merkt man hier auch klar, wenn ein Linksfuß zunächst vorher immer mit seinem schwachen Fuß geschossen hat, und sich jetzt auf seinen starken Fuß besinnt und damit einen ganz anderen Zugriff erhält.

Doch apropos Füße – betrachtet man den Roman als Ganzes, so steht Der Abgrund in dir für mich auf sehr wackligen Füßen. Dies bedingt sich durch die Kernidee, die hinter der ganzen Erzählung und dem Mord von Rachel an ihrem Mann steht. Wer schon bei Gillian Flynns Gone Girl über hanebüchene Ideen und realitätsferne Schilderungen hinwegsehen konnte, den dürften jene ähnlichen Baumängel hier auch nicht stören. In puncto Glaubwürdigkeit und Realismus würde ich Dennis Lehane hier allerdings dicke Punkte abziehen. Dies ist auch insofern schade, da er ja schon so oft bewiesen hat, dass er großartige und durchdachte Geschichten erzählen kann.

Hier konnte ich ihm das alles leider nicht so ganz abnehmen. Insofern für mich ein schwächeres Werk in einem ansonsten wirklich herausragenden Oeuvre.

Christopher Wilson – Guten Morgen, Genosse Elefant

Um diesen Roman zu kritisieren, möchte ich auf ein Zitat von Philipp Tingler aus dem Literarischen Quartett zurückgreifen. Zwar bezieht es sich auf ein anderes Buch, aber auch für Christopher Wilsons deutschsprachiges Debüt passt es ganz hervorragend (wenn nicht gar nicht gar sogar noch besser, als zu Prawda, über das sich Tingler damals dergestalt äußerte):

Dieses Buch ist wie ein alter, an Hospitalismus leidender Elefant in einem Zoo: Das schwankt nach links, nach rechts und dann kollabiert es mit debilem Grinsen.

Dieses Gefühl beschlich mich auch bei der Lektüre von Wilsons Guten Morgen, Genosse Elefant (im englischen Original deutlich besser: The Zoo, Übersetzung durch Bernhard Robben).

Immer wieder drängte sich mir der Eindruck auf, dass Wilson selbst nicht so wirklich weiß, was er hier erzählen will. Seine Erzählung der letzten Tage Stalins und dem Jungen Juri, der zum Vorkoster des Stählernen wird, ist so unentschieden wie ihre Hauptfigur.

Denn dieser Juri ist eigentlich ein reiner Tor. Als Kind vom Blitz getroffen, von Straßenbahnen und Wagen überrollt ist er ein Stehaufmännchen. Seine Mitmenschen versteht er nicht immer, schwankt irgendwo zwischen Asperger und Autismus und wird von seiner Umwelt meist als Idiot und Mobbingopfer abgestempelt. Allerdings verfügt er über ein stets lächelndes und ehrliches Gesicht, das seinen Mitmenschen in kürzester Zeit intime Geständnisse entlockt. Ein eigenständiges Leben ist für Juri Zipit allerdings nicht möglich, weswegen er seinem Vater, der als Zooveterinär seinen Dienst versieht, zur Hand geht und von diesem betreut wird. Dort im Zoo erwirbt sich Juri Kenntnisse, die ihm dann auch im Umgang mit Stalin und seinen Hofschranzen nützlich sein werden.

Er tätschelt meinen Kopf. „Armes Kind“, stellt er fest. „Was fangen wir nur mit dir an? Du siehst alles, aber du verstehst nichts.“

Wilson, Christopher: Guten Morgen, Genosse Elefant, S. 192

Immer wieder blitzen in der Erzählung gute Momente auf, treffende Beobachtungen oder Zuspitzungen, die den Geist des Stalinismus gut einfangen oder zeigen, welch Geistes Kind dieser Juri ist.

Um das Eis zu brechen, wird erst einmal Rate-die-Temperatur gespielt. Der Wodsch hält ein Quecksilberthermometer hoch, und alle müssen ihre Einschätzung abgeben.

Kruschka verfehlt die richtige Temperatur um sechs Grad und muss folglich sechs Gläser Wodka trinken, Bruhah irrt sich um zwei Grad, muss also zwei Schnäpse trinken.

Bulgirow errät die exakte Temperatur, und weil er offensichtlich auf Schlaumeier macht und den Neunmalklugen gibt, muss er zur Strafe sieben Gläser trinken, um dann auf Händen und Knien rund um den Tisch zu krabbeln und dabei wie ein Esel zu schreien.

Wilson, Christopher: Guten Morgen, Genosse Elefant, S. 125

Unentschiedenes Erzählen

Insgesamt reicht das aber nicht, um aus Guten Morgen, Genosse Elefant ein Buch zu machen, das mich überzeugt hätte. Immer wieder wechselt Wilson seine Erzählperspektive vom Einfaltspinsel Juri hin zu einem auktorialen Erzähler, der uns beispielsweise den Todeskampf Stalins und seine ärztliche Behandlung näher bringt. Das ist genauso unentschlossen wie der Erzählton seines Romans. Dieser schwankt auf erstaunlicher Breite von komödiantischer Satire bis hin zur ungefilterten Beschreibung des Leids, welches Stalin und seine Clique über ihr Volk brachten. Und das obwohl Christopher Wilson eigentlich zur Psychologie des Humors Forschung getrieben hat – in sein Werk sind diese Erkenntnisse für mein Empfinden nicht eingeflossen.

Hier überzeugt leider nur sehr wenig – eben wie ein Elefant, der ständig hin und  herschwankt, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können.

Ein Verweis an dieser Stelle sei noch zum inhaltlich fast identisch gelagerten Film The Death of Stalin erlaubt. Dieser verursachte in Russland Tumulte und wurde dann offiziell verboten. Ob das Christopher Wilsons Buch auch bevorstehen könnte? Möglich wäre es natürlich, aber insgesamt halte ich das Buch für zu belanglos, als dass es solche Kreise ziehen könnte.

Filmtrailer: The death of Stalin

Lauren Groff – Arcadia

Vor wenigen Tagen ging hier in Augsburg das Hohe Friedensfest zu Ende. Großes Motto des diesjährigen Festes war das Thema Utopien: Was wäre, wenn …? In vielen Veranstaltungen wurden vor Ort Utopien gesponnen, diskutiert und auch so manches Mal verworfen.

Ein ideales Buch zu diesem Thema ist der zweite Roman der Amerikanerin Lauren Groff, die in Arcadia zurück in die 70er Jahre reist und einen Blick auf die psychedelisch bunte Welt der Hippiebewegung wirft. Wobei die Welt im Falle von Arcadia so bunt gar nicht ist. Aber der Reihe nach.

Nach dem Roman Die Monster von Templeton (2009 erschienen) veröffentlichte die Amerikanerin Lauren Groff im Jahr 2012 ihre Aussteiger-Erzählung, die ein Jahr später in der deutschen Übersetzung von Judith Schwaab im C.H.Beck-Verlag erschien.

Von der Flower-Power-Zeit bis in die Zukunft

Leider hat es das Buch im Gegensatz zu seinem Nachfolger Licht und Zorn zu keinem großen Erfolg gebracht. Zumindest blieb meine Recherche nach Besprechungsbelegen in Zeitungen, Journalen oder Blogs ohne nennenswerte Ergebnisse. Ein Zustand, dem ich Abhilfe schaffen möchte, denn das Buch lohnt sich auf alle Fälle. Hier beweist Groff einmal mehr ihr Talent, ihre Geschichten mit völlig unterschiedlichen Registern zu erzählen. Dabei ist das Buch auf der Montageebene mindestens genauso spannend wie auf der inhaltlichen Ebene.

Von Anbeginn der Flower-Power Ära bis hinein in eine Zukunft spannt Lauren Groff ihren Erzählbogen, dessen wichtigster Stützpfeiler jenes titelgebende Arcadia ist, das auch den Jungen Ridley „Bit“ Scott und seine Eltern Hannah und Abe beherbergt. Diese gründen zusammen mit anderen Enthusiasten auf dem Land im Staat New York Arcadia. Ein altes heruntergekommenes Haus wird von den Aussteigern wieder instand gesetzt und zum Hauptquartier der Kommune erklärt. Bit zieht mit seinen Eltern in das Haus, genauso wie viele weitere Hippies, denen Arcadia zum Refugium wird. Immer größer wirkt die Anziehungskraft der Landkommune und sorgt für einen regen Zulauf von Nudisten, Schwangeren und Junkies, die alle hoffen, in Arcadia ihr Leben verwirklichen zu können.

Keine lustige Hippieschnurre

Doch Groff tappt nicht in die Falle, eine lustige Hippieschnurre zu erzählen (wie dies beispielsweise T.C. Boyle in Grün ist die Hoffnung tut) – sondern sie kontrastiert diese Flower-Power-Welt auch mit den Abgründen. So ist auch dieses Paradies nicht für die Ewigkeit gemacht, denn der Erfolg von Arcadia wird auch schnell zum Mühlstein um den Hals der Arcadier. Der ungebremste Zustrom von Aussteigern sorgt dann auch für das Ende der Kommune, das weniger von Peace denn von Zerstörung geprägt ist.

Ach Bit. Ich kann es kaum glauben, dass du dich nicht mehr erinnerst. Es war kalt, sagte Helle. Nie war es warm. Wir hatten nie genug zu essen. Wir hatten nie genug Klamotten. Jede einzelne Nacht bin ich davon aufgewacht, dass irgendjemand im Pink Piper Liebe machte. Überall roch es nach Wichse. Handy ließ mich mit LSD versetzten Apfelwein trinken, als ich etwa fünf war. Was für Halluzinationen hat eine Fünfjährige? Zwei Monate lang sah ich jedes Mal, wenn meine Mutter etwas sagte, Flammen aus ihrem Mund kommen. Wir waren wie Gäste am Tisch des verrückten Hutmachers, merkten aber nicht, dass die Welt aus den Fugen geriet.

Groff, Lauren: Arcadia, S. 208

Und so sehen wir durch die Augen von Bit den Aufstieg, die Blüte und den Untergang des Hippie-Utopias, das an den Klippen der Realität zerschellen musste. Über das Ende von Arcadia hinaus bleibt Bit seinem Ort der Kindheit und Jugend verbunden und übernimmt das Beziehungsnetz auch mit in die „richtige“ Welt, wordurch Groff auch ein ganz eigener Blickwinkel auf unser Zusammenleben und unsere Beziehungen gelingt.

Diese Nachwehen von Arcadia erzählt Lauren Groff in einer geschickten Montagetechnik und erreicht damit eine Tiefe in den Figuren, die die Erzählung endgültig von allen Hippie-Verklärungen oder Parodien enthebt. Hier zeigt sich eine wirklich talentierte Autorin, die stilsicher aus den unterschiedlichsten Milieus erzählen kann.

Ihr Arcadia ist ein Ort, den man als Besucher zwar gerne betritt und einmal in alle Räume hineinspitzt – dann ist man aber auch wieder froh, diese Welt verlassen zu können. Und nebenbei wirft die Amerikanerin auch noch individuelle Fragen auf, die subtil in den Text eingearbeitet sind.

Fazit

Bei mir blieb vor allem jene Frage zurück: wie sieht unser ganz eigenes Paradies aus? Und welche Abgründe hält dieses Paradies dann für uns bereit? Wer Arcadia liest, blickt noch einmal neu auf die Hippiebewegung und die Utopien, die heute so verblasst und überlebt wirken. Und beginnt vielleicht doch selbst noch einmal zu träumen.

Michael Ondaatje – Kriegslicht

Michael Ondaatje ist zurück. Kürzlich wurde sein Roman „Der Englische Patient“ im Rahmen des Man Booker Prize zum besten Buch der letzten 50 Jahre gewählt. Nun kehrt er mit „Kriegslicht“ wieder zu seinen Topoi von Kindheit, Erinnerung und Krieg zurück.

Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.

Ondaatje, Michael: Kriegslicht, S. 13

So erzählt es uns der Ich-Erzähler Nathaniel, der in Kriegslicht (Deutsch von Anna Leube) die Erinnerung an seine Kindheit in London während und nach dem Zweiten Weltkrieg heraufbeschwört. Jene beiden möglicherweise Kriminellen, denen die Betreuung von Nathaniel und seiner Schwester Rachel übertragen wird, werden von den Kinder Der Boxer und Der Falter tituliert.

Von einer Betreuung der Kinder zu sprechen, ist allerdings zu hoch gegriffen. Rachel und Nathaniel bleiben sich meist selbst überlassen und werden manchmal von den beiden Erwachsenen für halbseidene Touren eingespannt. So wird das Flussnetz und die Architektur Londons Nathaniel schon bald sehr vertraut, da er immer wieder mit dem Boxer zu Touren aufbricht, bei denen sie Hunde für Rennen schmuggeln und Ähnliches wagen, das die Grenze der Legalität überschreitet. Doch alle Abenteuer im Dschungel der Großstadt Londons können nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine offene Wunde bei den Geschwistern zurückgeblieben ist – das Verschwinden ihrer Eltern.

Der alte Fluss Tyburn verschwand, auch Geografen und Historiker verloren seine Spur. So ähnlich glaubte auch ich, meine sorgfältig verzeichneten Gebäude an der Lower Richmond Road seien gefährlich gefährlich provisorisch,so wie große Gebäude im Krieg verlorengegangen waren, so wie wir Mütter und Väter verlieren

Ondaatje, Michael: Kriegslicht, S. 43

Doch – ohne hier Entscheidendes der Handlung vorwegnehmen zu wollen: Dieser Verlust ist kein dauerhafter. Denn Kriegslicht ist genauso die Geschichte von Nathaniel wie die seiner eigenen Mutter, deren Geheimnisse zentral für die Handlung von Ondaatjes neuem Roman sind. So schafft das Buch den Bogen vom Zweiten Weltkrieg hin zum Kalten Krieg, der aus den Ergebnissen jenes Zweiten Weltkriegs erwächst.

Ondaatjes Buch ist zum Teil eine Spionagegeschichte und zum Teil die Rekonstruktion eines Verlustes. Diese Ambivalenz macht das Buch reizvoll, lässt aber auch etwas Tiefe vermissen. So wird viel angerissen, vertieft wird es hingegen kaum. Dieses fragmentarische Schreiben lässt auch keinen durchgängigen Lesefluss entstehen, vielmehr muss man sich als Leser einen Teil der Geschichte selbst ausmalen. Das ist nicht immer bequem für den Rezipienten, funktioniert allerdings von der inneren Logik des Romans her ganz ausgezeichnet. In die Kategorie Saftiger Schmöker passt dieses Buch so eindeutig nicht (auch wenn der Inhalt dies eigentlich impliziert) – zudem lässt die Länge von gerade einmal 320 Seiten so etwas wie ein tiefes Abtauchen in die Doppelgeschichte kaum erwarten.

Kriegslicht hat unterschiedliche Themenschwerpunkte. So ist das Buch eine Hymne an ein London, das im Zuge von Gentrifizierung und Bauboom völlig zu verschwinden droht. Die Flüsse, die Gebäude, die Geschichte – all das drückt sich in diesem Buch genauso aus wie das Thema des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen. Die Kindheit und die Erinnerung fasziniert Ondaatje ebenso unübersehbar (es sei hier nur an seinen letzten Roman Katzentisch erinnert) – und so liest sich sein neues Buch tatsächlich auch ein Stück weit wie eine Synthese aus dem Englischen Patienten und letzterem Werk. Kein ganz leichtes oder zugängliches Buch, im Gegenteil. Das Sperrige ist hier immer präsent und zeigt einmal mehr, wie wahr das Zitat aus Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit ist

Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.

Richard Flanagan – Begehren

Der Piper-Verlag meint es ernst mit der Autorenpflege – nun erscheint mit Begehren (Deutsch von Peter Knecht) ein weiteres Buch aus der Backlist des tasmanischen Autors Flanagan, ehe im Herbst mit Der Erzähler Neues vom Meister zu entdecken ist.

Sir John Franklin

Das Buch stellt mehrere Figuren ins Rampenlicht, deren Schicksal Begehren verfolgt. Da ist zum Einen der im Klappentext erwähnte Sir John Franklin, der als Gouverneur von Tasmanien zusammen mit seiner Frau über die Inseln am Ende der Welt herrscht. Auf Van Diemens Land versucht er die einheimische Bevölkerung zu kultivieren und ihnen die westliche Zivilisation nahezubringen – mit katastrophalen Folgen.

Zusammen mit seiner Frau beschließt er, ein Kind der Ureinwohner von Van Diemens Land zu sich ins Haus zu holen, um ihm Erziehung angedeihen zu lassen. Doch der eigentliche Plan entwickelt schon bald eine gefährliche Dynamik, da das Mädchen namens Mathinna das Gefüge im Hause Franklin völlig verschiebt.

Charles Dickens

Eine große Rolle spielt aber auch kein Geringerer als Charles Dickens, den das Schicksal von Franklin im fernen London zu kreativen Schüben verleitet. Ähnlich wie Franklin durch Mathinna erhält auch der englische Romancier und Dichter entscheidende neue Impulse, die sein Leben verändern.

Diese gespiegelte Motivlage macht den Reiz in Begehren aus. Richard Flanagan arbeitet heraus, wie diese beiden Männer auf dem Zenit ihres Schaffens jeweils durch Frauen einen neuen Spin erhalten. Auch wenn sie sich auf den entgegengesetzten Seiten der Weltkugel befinden mögen – vor der Kraft des Begehrens sind beide nicht sicher.

Der Fluch der Kolonialisation

Zudem stellt dieser Roman auch eindrücklich da, mit welcher Ignoranz und welcher Mutwilligkeit indigenes Leben in Tasmanien und Van Diemens Land durch die englischen Eroberer zerstört wurde. Die Figur der Mathinna ist hier stellvertretend für das Schicksal von vielen Zehntausenden zu lesen, denen von den Kolonialherren einfach neue Lebens- und Kulturweisen aufoktroyiert wurden – und das auf Biegen und Brechen. Diese Ignoranz hier so eindringlich vor Augen geführt zu bekommen, das macht betroffen.

Richard Flanagan - Begehren (Cover)

So bietet der Roman einen eindringlichen Blick auf die koloniale Geschichte Tasmaniens und zeigt zudem zwei Männer und ihre Verstrickungen in Liebe, Begehren und Vernunft. Die erzählerische Flughöhe von Tod auf dem Fluss oder Goulds Buch der Fische erreicht der tasmanische Autor hier bei allen Sprüngen durch die Leben seiner Helden nicht ganz, dafür ist es aber definitiv ein Titel, der aus der Backlist nach vorne gehoben gehört. Meine Aufforderung bleibt bestehen: Lest mehr Richard Flanagan – der Autor hat es verdient!

  • Richard Flanagan – Begehren
  • Aus dem Englischen von Peter Knecht
  • ISBN 978-3-492-30840-3, erschienen bei Piper
  • 304 Seiten