Category Archives: Literatur

Christoph Poschenrieder – Das Sandkorn

Eine Ménage-à-trois

Christoph Poschenrieders Talent für Sprache ist bewundernswert. Nach seinem tollen Erstling Die Welt ist im Kopf und dem nicht minder geschickt konstruierten Der Spiegelkasten legt er nun mit Das Sandkorn ein Werk vor, das sich mit den beiden vorhergehenden Monographien mindestens messen lassen kann.

In seinem neuesten Roman erzählt der Münchner Autor von Jacob Tolmeyn, der in Berlin verhaftet wird, als er Sand in den Straßen der Stadt ausstreut. Im Verhör, das als Rahmenhandlung fungiert, erzählt Tolmeyn seine Geschichte, die zurück nach Italien führt. Dort sollte er nämlich zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Beat Imboden die Werke der Staufer dokumentieren und kartografieren. Doch der Auftrag wird durch das Auftauchen der Italienerin Letizia, die die beiden Männer vor Ort unterstützen soll, mehr als verkompliziert. Denn ehe sie sich versehen finden sich die drei Charaktere in einem Geflecht aus Anziehung, Begehren und Tabus verfangen. Allmählich entspinnt sich im Verhör das ganze Ausmaß der Beziehungen zwischen den drei Menschen. Die Rollen, die sie im Drama spielen, werden klarer.

Poschenrieder ist ein großartiger Autor, dessen fein ziselierte Sprache wirklich Hochachtung verdient. Er schafft ein eindrückliches Porträt eines jungen Mannes, für den die Liebe grobe Fallstricke bereithält, das er in eine tolle sprachliche Form gießt.

Mit Das Sandkorn ist Christoph Poschenrieder ein in formaler und stilistischer Hinsicht wirklich großartiger Roman gelungen. Eine mediterran-lockere Atmosphäre durchzieht das Buch, welche die Gerüche und Geräusche so kurz vor dem großen europäischen Weltenbrand 1914 vortrefflich einfängt.

Fazit

Ein Leckerbissen für jeden Liebhaber guter Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. Und für Liebhaber von ästhetisch ansprechenden Sprache natürlich ebenso!

John Williams – Butcher’s Crossing

Zurück zur Natur

Nach dem großartigen Stoner, DER Wiederentdeckung des Jahres 2012 hat sich nun der Deutsche Taschenbuchverlag eines weiteren Werkes John Williams angenommen. Butcher’s Crossing erscheint von Bernhard Robben makellos ins Deutsche übertragen als Hardcover und erhebt Jean Jaques Rousseaus Diktum „Zurück zur Natur“ zum Leitmotiv.

Der Roman erzählt von Andrews, einem jungen Studenten an einer Elite-Universität, der dieser gleich zu Beginn des Buchs den Rücken kehrt und in die amerikanische Einöde aufbricht. Er begibt sich ins titelgebende „Butcher’s Crossing“, einem kleinen Wildwest-Dörfchen inmitten der Ödnis. Dort will er der Büffeljagd nachgehen und rekrutiert sich ein Team aus erfahrenen Jägern. Einer dieser Jäger berichtet nämlich von einer sagenhaften Büffelherde, die er in den Bergen Colorados gesehen haben will. Andrews finanziert das wahnwitzige Vorhaben und gemeinsam brechen die vier Männer auf, um die Büffel zu erlegen und ihr Fell anschließend gewinnbringend zu veräußern.

Das Leben – ein großer Kampf

Doch wer John Williams Stoner gelesen hat weiß, dass seine Charaktere in den Büchern immer gegen Widerstände und Wirrnisse ankämpfen müssen. In Butcher’s Crossing ist dies die Natur, die den Glücksrittern eindrucksvoll in die Parade fährt. Gekonnt beschreibt Williams Metzeleien und den Überlebenskampf gegen die Elemente. Das Blutbad, das die Männer unter den Büffeln anrichten vermag der Autor genauso eindrucksvoll zu beschreiben wie die Überlebenskämpfe, als Schneefall im Tal Leib und Leben bedroht.

Butcher’s Crossing ist voller bitterer Erkenntnis und zeigt eindringlich, wie schnell der Wandel der Zeit Opfer von den Menschen verlangt. Am Ende muss auch Andrews erkennen, dass man zwar gescheiter, aber auch gescheitert sein kann. John Williams ist auch mit „Butcher’s Crossing“ ein großartiger Roman gelungen, für dessen Veröffentlichung man dem Deutschen Taschenbuchverlag danken sollte!

Ian McEwan – Kindeswohl

Down by the salley gardens …

Der britische Schriftsteller Ian McEwan legt mit Kindeswohl ein Buch vor, das zwischen Juristerei, Liebe, Musik und Verantwortung oszilliert. Sein neuer Roman ist zwar äußerlich nicht umfangreich (gerade einmal 220 Seiten zählt das von Werner Schmitz übersetzte Buch), dafür aber sehr gehaltvoll. McEwan erzählt von Fiona Maye, einer circa 60-jährigen Richterin, die am High Court als Familienrichterin ihren Dienst mehr als korrekt versieht. Von Kollegen für ihr brillant formulierten Urteile geschätzt, hat sie nicht nur in ihrem Gerichtssaal alles unter Kontrolle, bis sie sich eines Tages auf das Minenfeld der Liebe begeben muss. Ihr Mann beklagt das eingeschlafene Eheleben des Paares, weshalb er von Fiona das Eingeständnis einfordert, sich eine Geliebte nehmen zu dürfen. Zudem ist Fiona beruflich auch noch mit einem hochdiffizilen Fall eines siebzehnjährigen Zeugen Jehovas konfrontiert, der eigentlich einer Bluttransfusion bedürfte, diese aus Glaubensgründen jedoch ablehnt. Die geordneten Verhältnisse Fionas geraten zunehmend außer Kontrolle …

Komplizierte Frauengestalten sind ja die Spezialität Ian McEwans – und in Kindeswohl zeigt er seine Meisterschaft im Entwerfen solcher Figuren erneut. Seine Richterin Fiona Maye ist eine ambivalente Figur, der man gerne durch die Gerichts- und Gedankengänge folgt und die auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis des Lesers bleibt. Dem britischen Großautoren ist es auch hoch anzurechnen, dass in seinen fachkundigen Händen die Juristerei zu einer wunderbar zu goutierenden Prosa gerät. Ebenso wie die Gesetzgebung durchzieht die Musik den Roman unaufdringlich und verwebt so die akustischen, philosophischen, juristischen und amourösen Gedanken der Protagonisten zu einem dichten Netz, das auch allen Nicht-Juristin gerne empfohlen werden kann. Ein wunderbar geschriebener Roman mit einem nicht alltäglichen Thema, das durch die Schreibe Ian McEwans zu großer Literatur wird und den Leser grübelnd ob dem Gelesenen zurücklässt.

Mittlerweile gibt es auch eine Verfilmung mit Emma Thompson in der Rolle von Richterin Fiona Maye. Hier ein Trailer für einen Eindruck der Leinwandadaption:

Karine Tuil – Die Gierigen

Die Lügen der Anderen

Das Debüt der Französin Karine Tuil ist ein famoses Stück über Täuschung, Identität, Verrat, Begehren und gesellschaftliche Normen. Die Gierigen entführt den Leser von Frankreich nach New York. Dorthin hat sich Samir aufgemacht, um ein geachteter und reicher Staranwalt zu werden. Früher waren er, der Jude Samuel und Nina, die die Begehrlichkeiten der beiden Jungen auf sich zog, ein befreundetes Triumvirat.

Karine Tuil - Die Gierigen (Cover)

Nina und Samuel leben nun in Paris in bescheidenen Verhältnissen, während es Samir Jay Gatsby gleich getan hat und sich selbst neu erfunden hat. Eines Tages erfährt das Pariser Ehepaar vom Aufstieg Samirs und muss feststellen, dass sich Samir Teile von Samuels Identität zu eigen gemacht hat, um seinen Aufstieg zu begründen. Geschockt fordert Samuel eine Aussprache zwischen den Dreien, infolge der sich alle Verhältnisse umkehren und Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden, die ebendieses besser nicht mehr erblickt hätten. Eine große Katastrophe für alle Beteiligten nimmt ihren Lauf.

Karine Tuil hat einen Roman geschrieben, der deutlich mehr enthält, als der Klappentext verraten mag. Neben den Feldern der Identität und Herkunft behandelt sie auch Themen wie das Judentum und den Islamismus und die gesellschaftliche Stellung der Religion in verschiedenen Gesellschaften. Sie kreist permanent um die Lebensentwürfe der drei Hauptprotagonisten und wechselt die Perspektiven. Selbst jeder Nebencharakter wird von ihr noch mit einer Fußnote bedacht.

Sprachlich ansprechende Gesellschaftsanalysen

Neben dem klug komponierten Inhalt auffällt, ist die Art, mit der Karine Tuil ihre Erzählung über 400 Seiten vorantreibt. Die Autorin schaut unbarmherzig auf die Lebensentwürfe und leuchtet diese mit ihrem geschärften Sprachsensorium aus. So besticht Die Gierigen durch einen kraftvollen Sound (Übersetzung Maja Ueberle-Pfaff), der die Erzählung nicht nur trägt sondern auch vorwärts treibt.

Das Buch erinnert in manchen Passagen an die Theaterstücke Yasmina Rezas oder Der Vorname, da hier ähnlich unbarmherzig Lebensentwürfe seziert werden. Insgesamt ein kluges Buch, das mit den unterschiedlichsten Themen prall gefüllt daherkommt und dem viele Leser zu wünschen sind!

Kristof Magnusson – Arztroman

Keine Halbgöttin in Weiß

Das Topos des Arztes – es ist nicht unterzukriegen. Von gruseligen vorsintflutlichen Serien wie der Schwarzwaldklinik bis heute zieht sich der Halbgott in Weiß durch die Pop-Kultur. Von Konsalik bis Greys Anatomy – der Arzt bzw. die Ärztin als Motiv bietet reichlich Stoff für mediale Bearbeitungen.

Der Übersetzer und Autor Kristof Magnusson hat sich nun für seinen zweiten Roman nach dem großartigen Das war ich nicht nun ebenfalls einen Arztroman ausgedacht.

Eine Ärztin in Berlin

Kristof Magnusson begeht nicht den Fehler, einen Abklatsch der unzähligen Arztserien (von Emergency Room über Greys‘ Anatomy bis hin zu Doctor’s Diary) anzufertigen. Stattdessen entscheidet er sich bewusst für eine realistische Zeichnung des Arztberufs und des Lebens.
Sein Rettungsärztin Anita Cornelius ist eben keine Halbgöttin in Weiß, sondern eine Frau mit viel Grau. Diese Ambivalenz macht den Reiz des Arztromans aus. Man muss Kristof Magnusson auch Respekt zollen, mit welcher Akribie er sich in die Welt der Ärzte und Rettungssanitäter eingearbeitet hat. Medizinische Eingriffe werden detailliert geschildert und nach der Lektüre hat man das Gefühl, selbst eine halbe Famulatur hinter sich zu haben.

Seine Heldin heißt Anita Cornelius und lebt und arbeitet in Berlin im Urban-Krankhaus. Zusammen mit ihrem Rettungssanitäter Maik versucht sie die Bevölkerung Berlins vor dem Ersticken, toxischen Schocks und ähnlichen Unglücken zu bewahren. Dies gelingt ihr auch ausnehmend gut und professionell. Im Privatleben hingegen sieht es desaströs aus.
In Scheidung lebend mit einem halbwüchsigen Sohn versucht sie, zwischen Eifersucht, dem Wunsch nach Nähe und aufkeimenden Gefühlen wenigstens ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. Dies mag ihr allerdings kaum gelingen – zur Freude der Leser*innen.

Dies möchte ich aber nicht kritisch verstanden wissen. Im Gegenteil. Dieser Realismus tut dem Arztroman sehr gut.
Geschickt schafft es Magnusson, dem Arztberuf in diesem Beruf den Nimbus zu nehmen und zu zeigen, dass das Bild der Halbgötter in Weiß kein Richtiges ist. Selten ist das Leben so interessant, wie wenn Kirstof Magnusson es schildert!


  • Kristof Magnusson – Arztroman
  • ISBN 978-3-88897-966-8 (Kunstmann)
  • 320 Seiten, 19,95 €