Category Archives: Sachbuch

Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz

Das Geheimnis großer Literatur

Was macht ihn aus, den guten Stil? Worauf kommt es an, was unterscheidet den Könner vom mittelmäßigen Autor beziehungsweise die Könnerin? Michael Maar wählt in seinem umfangreichen Stilführer die einzig erfolgsversprechende Herangehensweise: die der Subjektivität. Schon zu Beginn macht Maar klar, dass guter Stil genauso wie die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Dennoch versucht er sich an einer Unterscheidung von gutem und schlechtem Stil und rückt dabei sowohl die Makro- als auch die Mikroebene des Stils in den Blick

Herzstück des Romans ist das Porträt von 50 prägenden Stilist*innen der deutschen Sprache. Bewusst konzentriert sich Maar nur auf deutschsprachige Autor*innen (die Tücke der Übersetzung von Stil in eine andere Sprache streift er zu Beginn kurz). Einsetzend in der Weimarer Klassik beginnt die Reise durch die fiktive Bibliothek, macht einen Abstecher zu den österreichischen Autor*innen und endet dann in der Gegenwart bei Wolfgang Herrndorf und Clemens J. Setz.

Was macht guten Stil aus?

Michael Maar - Die Schlange im Wolfspelz (Cover)

Um diese Bibliothek herum gruppiert Maar einige Kapitel in dem er sich mit dem Handwerkszeug für guten Stil auseinandersetzt. Was ist Stil und was versteht der Autor darunter? Von der Interpunktion bis hin zum gelungenen Nebeneinander von Hypo- und Parataxen reichen die Betrachtungen des Germanisten, die immer nachvollziehbar und klar argumentierend sind. Was macht eine Metapher zu einer gelungenen? Warum klingen manche Dialoge so furchtbar hölzern, andere wieder geistreich und mitreißend? Und was hat es mit der titelgebenden Schlange im Wolfspelz auf sich?

Auch einen Kürzestausflug zur Lyrik erlaubt sich Maar und stellt fest, dass diese ja fast die Essenz von Stil beinhaltet. Durs Grünbein, Ann Cotten, Jan Wagner und Monika Rinck werden in den Blick genommen und ihre lyrischen Produktionen genau untersucht. Ein vergnüglicher Ausflug in die Welt der Erotik und des Todes schließt sich an, ehe die Auflösung der beiden Literaturquiz und ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit bibliographischen Angaben dieses monumentale Buch abschließen

Mit Leidenschaft und Humor

Um gleich einmal die von Michael Maar so klug genutzte subjektive Herangehensweise auch für diese Besprechung in Anspruch zu nehmen: die Lektüre von Die Schlange im Wolfspelz macht einfach große Freude. Michael Maar argumentiert klar und nachvollziehbar. Auch ist er professionell genug, manche Entscheidungen über den jeweiligen Stil auch dem Leser selbst zu überlassen oder eigene ambivalente Urteile zuzulassen (so etwas bei Hans Henny Jahnn).

Auch ist er so frei, die jeweilige Handschrift der gerade besprochenen Stilistin oder des Stilisten sanft zu imitieren, zu umspielen und so die jeweiligen Merkmale in den eigenen Text zu überführen. Das ist manchmal ironisch, mal kalauernd, mal schmunzelnd, aber immer respektvoll. Ein Beispiel für alle diese Merkmale zugleich findet sich in folgendem Paragraph, der sich mit der Prosa Arno Schmidts auseinandersetzt:

Wir behalten uns vor, die Prosa des späten Schmidt bei aller genialischen oder genitalischen Interessantheit letztlich partiell entsetzlich zu finden. Sein Mädchen- und Frauenbild ist es in jedem Fall. Räusper: Phall

Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz, S. 521

Mit einer Faszination für das Entlegene

Schön auch neben dem Humor, der in jeder dieser über 650 Seiten steckt, ist die Leidenschaft Michael Maars für das Entlegene, das Apokryphe. Neben allem Erwartbaren (Thomas Mann, Brigitte Kronauer, Martin Mosebach) überrascht er immer wieder. So lobpreist er etwa die Prosa Hildegard Knefs:

Wie blaß dagegen die gerühmte Kunstprosa Christa Wolfs. Sakrileg! Aber wir stehen hier und können nicht anders: für Knefs Memoiren gäben wir die ganze Kassandra.

Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz, S. 394

Auch andere schon wieder fast vergessene Autor*innen wie Wilhelm Raabe, Unica Zürn, Alexander Lernet-Holenia oder Ulrich Becher lässt er seine Aufmerksamkeit zuteilwerden und macht Lust auf ihre (Wieder)Entdeckung. Wie ein guter Lehrer macht er neugierig, reist manche Erzählungen an, ergeht sich aber nicht in ausufernden Inhaltsreferaten oder ähnlich Unarten. Vielmehr sind seine Porträts der Autor*innen wirkliche Kurzporträts, pointiert und konzise. Sie machen Lust auf eine weitere Beschäftigung mit den jeweiligen Schreibenden.

Immer wieder illustriert er seine Geschmacksurteile mit passenden Zitaten aus entsprechenden Werken und nutzt auch das Stilmittel des Vergleichs, um die jeweiligen Besonderheiten seiner Autor*innen herauszuarbeiten. So stellt er beispielsweise eine Wasserfallszene aus dem Zauberberg von Thomas Mann der aus dem Oeuvre Heimito von Doderers – jenem „austriakischen Kaktus“, so Maar – gegenüber.

Evident gelingt es ihm, Übereinstimmungen oder Unterschiede im Stil so herauszuarbeiten. Auch zeigt er, warum man Felix Salten zugleich als Verfasser des Bambis und der Josefine Mutzenbacher zuordnen darf (an den Satzzeichen sollt ihr ihn erkennen!). Hätte man Michael Maar als Deutschlehrer in der Schule gehabt, die Literaturbegeisterung hätte um sich gegriffen. Viele Lektüretrauma hätten vermieden und unzählige Schüler*innen über das Schulende hinaus zu Leser*innen gemacht werden können. Ein Jammer!

Mit keinem Anspruch auf Vollständigkeit

Auch macht Maar keinen Hehl aus der Tatsache, dass sein Buch keinen umfassenden Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. So formuliert er am Ende seines Buchs:

Als der Pfiff der Trillerpfeife ertönte, die letzten Türen geschlossen wurden und die Lokomotive langsam in Richtung Verlagshaus losdampfte, verblieb noch ein Grüppchen Passagiere im Wartesaal Daß es Droste-Hülshoff, Horváth, Hebbel, Mörike, Nestroy, von Keyserling, Jonson, Kempowski, Dürrenmatt, Rühmkorf, Serner und ein paar andere nicht mehr auf den Zug geschafft haben, ist zu bedauern und keineswegs ihre Schuld.

Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz, S. 545

Dieser Zustand ist natürlich bedauerlich. Aber einerseits lässt er sich mit der passenden Lektüre leicht beheben. Und andererseits gibt er Hoffnung auf einen Nachschlag, von dem man gerne noch hätte.

Fazit

Dieses Buch ist ein Sachbuch auf höchstem Niveau. Kenntnisreich, anregend, humorvoll. Michael Maar gelingt es hier unnachahmlich, Lust auf Literatur zu machen. Diese Reise durch die Welt der deutschen Literatur ist ein Erlebnis. Was man alles mit Sprache anfangen kann, hier wird es einem beim Lesen offenbar. In die Hände dieses kundigen Reiseleiters kann man sich ohne Sorgen begeben. Überraschungen, Kurzweil, Begeisterung. All das erwartet einen auf den vielen hundert Seiten dieses Buchs. Es ist anregend, geistessprühend, kurzweilig, bestechend klar im Urteil. Und es zeigt, wie beglückend das Leben als Leser*in sein kann.

Dass Die Schlange im Wolfspelz für den ersten Deutschen Sachbuchpreis nominiert wurde, begrüße ich sehr. Maars Buch verdient alle Ehre und viele weitere begeisterte Leser*innen. Denn wer hier keine Lust auf Literatur bekommt, dem ist auch nicht mehr zu helfen!

https://www.youtube.com/watch?v=AH3kZOZpTq8
  • Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz
  • ISBN 978-3-498-00140-7 (Rowohlt)
  • 656 Seiten. Preis: 34,00 €
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Casey Cep – Grimme Stunden

Sechs Morde, ein Prediger und Harper Lees letzter Roman

Zeit Verbrechen, Stern Crime, zahlreiche Dokumentationen echter Verbrechen in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: das Genre des True Crime boomt. Die Nacherzählungen und Aufbereitungen von Morden und anderen Gräueltaten erfreuen sich größter Beliebtheit. Die Medien haben diesen Trend schon lang erkannt und bedienen die Nachfrage fleißig. Man irrt jedoch, reduziert man die Faszination am Genre True Crime auf ein Merkmal unserer Zeit.

Denn schon vor Jahrzehnten gab es diese sensationslüsterne Betrachtung solcher Verbrechen. Man denke etwa nur an Truman Capotes Roman Kaltblütig aus dem Jahr 1965, der den Mehrfachmord an einer Farmerfamilie in Kansas beschreibt. Eine enge Freundin Truman Capotes, die ebenfalls nach einem literarischen Ausdruck für die Darstellung eines Verbrechens suchte, war Harper Lee. Die Journalistin Casey Cep schildert in ihrem erzählenden Sachbuch Grimme Stunden den Versuch Harper Lees, einen Tatsachenroman über einen todbringenden Reverend im Alabama der 70er Jahre zu schreiben. Gewissermaßen der Fall eines True Crime-Buchs im True Crime-Buch.


Für ihre Erzählung wählt Casey Cep eine Dreigliederung. Im ersten Teil erzählt sie die Geschichte des Reverend William Maxwells. Dieser wirbt in Alabama für seinen Glauben, ist selbst aber alles andere als fromm. Immer wieder kommt es zu mysteriösen Morden im Umfeld des Predigers. Man findet mehrmals Partnerinnen oder Verwandte von Maxwell ermordet in Autos, die am Rande von Straßen achtlos abgestellt wurden. Ein Nachweis der Tötung durch den Prediger fällt allerdings schwer. Eine Mordanklage muss niedergeschlagen werden.

Auffallend aber: immer wenn ein Verwandter oder Partner stirbt, profitiert William Maxwell von zahlreichen zuvor abgeschlossenen Lebensversicherungen. Nicht nur bei den Versicherern lässt die Totenquote im Umfeld des Predigers die Alarmglocken schrillen.

Nach insgesamt sechs Morden in seinem Umfeld, steht William Maxwell dann wieder vor Gericht, wo er während des Prozesses erschossen wird. Damit endet der erste Part von Grimme Stunden.

Ein mörderischer Prediger, ein Verteidiger, Harper Lee

Casey Cep - Grimme Stunden (Cover)

Der zweite Teil behandelt dann die Geschichte von Tom Radney, der als Anwalt für den Mörder William Maxwells vertritt. Sie erzählt von seiner Prozessführung, der Gewinnung von Geschworenen, den taktischen Manövern vor Gericht. Ebenso erzählt Cep auch von Radneys Geschichte, die bestürzend aktuell wirkt. Als demokratischer Bewerber wollte er sich für einen Sitz im Senat bewerben und eine Stimme für die benachteiligte schwarze Bevölkerung im Süden sein. Aufgrund einer Kampagne sah er sich allerdings von Verleumdung und Bedrohung ausgesetzt, sodass er sich letztendlich von seinen politischen Ambitionen verabschiedete. Stattdessen erfand er sich gut vernetzter Strippenzieher und Ansprechpartner für sämtliche Belange neu. Und so ist er es, der den Todesschützen verteidigt.

Eine genaue Beobachterin des Prozesses ist Harper Lee, deren Geschichte den letzten und größten Teil des Sachbuchs einnimmt. Sie war nach dem Welterfolg ihres Romans Wer die Nachtigall stört auf der Suche nach neuem Material. Ihr enger Freund Truman Capote hatte eine neue Möglichkeit aufgezeigt, um Realität in Literatur zu verwandeln. Und auch wenn sie mit Capotes Umsetzung haderte, so war das Genre des True Crime doch eine reizvolle Möglichkeit für Harper Lee, um neuen literarischen Grund zu betreten.

Von ihrer Karriere, ihrer Freundschaft mit Capote, ihrem Versuch den Stoff in den Roman „The Reverend“ umzuwandeln (der schlussendlich nie erschien und verloren ist), davon erzählt sie in diesem letzten Teil.

Ein erzählendes Sachbuch mit leichten Mängeln

Und bei aller Begeisterung für das mitreißende Material: als erzählendes Sachbuch und True-Crime-Schilderung in der Schilderung konnte mich Grimme Stunden doch nicht rechtlos überzeugen.

Das beginnt bei der Übersetzung (Claudia Wenner), in der so einiges ruckelt und knirscht (was soll eine „Akkuratheit“ sein, ist es nicht viel mehr Akuratesse? Hätte man den „Saupfad“ nicht viel besser mit dem geläufigeren „Viehwechsel“ übersetzt?). Und auch im Erzählen von Casey Cep entdeckte ich ein paar Punkte, die mich störten.

So besitzt Grimme Stunden immer wieder Passagen, die ausufern und zahlreiche Hintergrundinfos liefern, die in ihrer Fülle und Genauigkeit nicht wirklich zum Vorankommen der Handlung beitragen. Die Flutungen und der Dammbau in Alabama werden zur Einleitung über mehrere Seiten hinweg geschildert. Die Entstehung und Auswüchse von Lebensversicherungen werden lang und breit erörtert. Die Lebensgeschichte von Tom Radney wird ausführlich geschildert (und ist in ihren Parallelen zur heutigen Zeit durchaus frappierend) – zum Ablauf des Prozesses trägt sie allerdings nicht sonderlich viel bei. Und auch in Sachen Harper Lee startet Casey Cep bei Adam und Eva. Ein wenig mehr Fokussierung und erzählerische Stringenz hätte dem Buch gut getan. Denn mit über 400 Seiten plus einem fünfzig Seiten langen Anmerkungsapparat fordert Grimme Stunden viel Aufmerksamkeit und Disziplin vom Leser ein. Ein paar Straffungen und ein konzentrierter Fokus hätten zumindest mir die Lektüre erleichtert

Fazit

Der Kern, der in Grimme Stunden steckt, ist wirklich spannend. Auch bietet das Buch immer wieder Anknüpfungspunkte in unsere Gegenwart hinein. Als Schilderung eines True Crime-Verbrechens und als Biographie überzeugt Casey Ceps Debüt leider nicht vollumfänglich. Für das nächste Buch wäre eine klarer erzählerische Ausrichtung und eine bessere Übersetzung wünschenswert.

Eine weitere Meinung zu Casey Ceps Buch gibt es von Sonja Hartl auf Dlf Kultur.


  • Casey Cep – Grimme Stunden
  • Aus dem Amerikanischen von Claudia Wenner
  • ISBN 978-3-550-08162-0 (Ullstein)
  • 480 Seiten. Preis: 24,00 €
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Will Hunt – Im Untergrund

Nature Writing liegt im Trend. Fast jeder große Verlag hat inzwischen zwei oder drei erzählende Sachbücher im Programm, die sich mit Aspekten der Natur auseinandersetzen. Vor allem der Verlag Matthes und Seitz hat sich mit seinen Naturkunden hervorgetan, aber auch Publikumsverlage wie Hanser, Suhrkamp oder Ullstein haben den Trend aufgegriffen. Doch bei aller Faszination für die Aale, Eulen, Füchse, Farne oder Bäume – jeder Trend birgt auch die Gefahr der Übersättigung. Und bei mir stellt sich diese allmählich ein. Immer mehr vom Immergleichen – das macht auch dem allerschönsten Nature Writing-Titel langsam dem Garaus. Umso schöner, dass im Liebeskind-Verlag (der sich schon in der Vergangenheit mit kleinen Preziosen hervortat) nun ein Buch erscheint, das anders ist. Denn anstelle sich nur auf Einzelaspekte der Natur- oder Tierwelt zu fokussieren, macht der Autor Will Hunt etwas anderes. Er geht in den Untergrund.

Das tut er in insgesamt neun Kapiteln. Er nimmt uns mit unter die Erde, reist zum tiefsten Punkt, zu dem Bohrarbeiten je vorgedrungen sind. Er begibt sich auf die Suche nach einem Graffiti-Tagebuchschreiber in die U-Bahn-Tunnel New Yorks oder durchquert Paris unterirdisch. So erzählt er vom Aberglaube der Bergleute, die Götzenbildern ihre Opfer darbringen, um vor Unglück verschont zu bleiben. Er lernt die eingeschworene Gemeinschaft Pariser Katakombengängern kennen und erzählt vom Trieb des Grabens und Höhlenbauens, der Menschen immer wieder befiel.

Eine Verquickung von Themen

Will Hunt - Im Untergrund

Das Schöne an Will Hunts Buch ist neben dem außgewöhnlichen Thema auch die Verquickung von Elementen, die seine Reportagen und Berichte bedeuten. So erschöpfen sich die Kapitel nicht mit der Beschreibung von Erlebnissen, die Hunt gemacht hat. Er bringt Philosophie, Naturwissenschaft und Psychologie zusammen. Das bedeutet im konkreten Fall von Im Untergrund auch, dass er parallel die Höhlenlandschaften, die dort existenten Mikroben und den Glauben der indigenen Lakota ergründet. Während er im australischen Outback in eine Ockermine hinabsteigt, erzählt er zugleich von den Vorstellungswelten der Aborigines und den durch Bruce Chatwin zu Berühmtheit gelangten Traumpfaden. Es finden in seinen Texten viele Elemente zueinander. Und das macht ihren besonderen Reiz aus.

Seine Schilderungen sind zugleich eine Vermessung der eigenen Geschichte, der des Untergrunds und des Anthropozän. Höchst unterhaltsam erzählt er vom Wirken der Menschen und Tiere im Verborgenen und von unserer Sehnsucht, das zu ergründen, auf dem wir wandeln. In seinem Buch wird die Faszination für den Untergrund, für Höhlen und Tunnel wirklich greifbar.

Von Anke Carolin Burger wurde dieser schmucke Band ins Deutsche übertragen. Ein wirklich originelles Buch, eine prägnante Stimme im Vielerlei der Gattung Nature Writing.


  • Will Hunt – Im Untergrund
  • Aus dem Englischen von Anke Carolin Burger
  • ISBN 978-3-95438-126-5 (Liebeskind)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 Euro
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Robert Moor – Wo wir gehen

Unser Weg durch die Welt

Die kürzeste Verbindung zweier Punkte, sie ist eine Strecke. Diese Definition kenne ich noch aus aus der Schule, und auch Robert Moor zitiert diese Definition in seinem Buch. Strecken oder Wege, sie spielen in Wo wir gehen eine entscheidende Rolle. Darin erzählt er von Wegen, die wir alle beschreiten, egal ob Mensch oder Tier. Seien es Wanderwege, Viehpfade, Wildwechsel oder Straßen – fast immer bewegen wir uns auf Pfaden, die schon jemand vor uns gegangen ist. Egal ob in der Natur, in der Stadt oder im Geist. Wege finden sich überall. Mal sind es Pfade zur Weisheit, mal stellen wir im Geist Verbindungen her, mal sind es Wunschlinien, die unbewusst in Parks oder Gärten entstehen.

Robert Moor erforscht in seinem Debüt die Vielfalt von Wegen und ihre Bedeutung. Als leidenschaftlicher Wanderer bezwang er einst den Appalachian Trail und reiste rund um die Welt, um auf Wegen zu wandeln und ihre Geschichte zu ergründen.

Von fossilen, tierischen und menschlichen Wegen

Sein Buch unterteilt er dabei in sechs Abschnitte. So erzählt er zunächst von Fossilienspuren, den ältesten Zeugnissen von Wegen. Danach widmet er sich den Insekten und erzählt, wie beispielsweise Ameisen immer effizientere Wege erschaffen. Nach den Insekten geht er dann zu den Wildtieren über. Er erzählt von Wildwechseln, seinen Jagderfahrungen und vom Hüten von Schafen. Danach folgt der anthropologische Teil des Buchs. Moor erzählt vom Wandern auf dem Appalachian Trail, seinen Begegnungen und den Ursprüngen dieser Pfade, die auf die indigene Bevölkerung Amerikas zurückgehen. Die Cherokees und ihre Orientierung im Gelände sind hierbei genauso Thema wie die Entstehung der ersten Reservate und Naturschutzparks.

Robert Moor - Wo wir gehen (Cover)

Robert Moor endet dann in der Gegenwart, indem er vom Appalchian Trail berichtet, den er einst erwanderte. Dieser Trail zählt mit über 1900 Kilometern zu den längsten Fernwanderwegen der Welt. Er erzählt von seinen Erfahrungen, dem Reiz dieses Wegs und den Versuchen, den Weg nach Kanada auf Inseln oder auch in Marokko fortzuführen. So entsteht ein Kaleidoskop verschiedener Wege, ihrer Entstehung und ihrer Zwecke. Moor gelingt ein Buch, das eine Mischung aus Erfahrungsbericht eines Wanderes, historische und naturwissenschaftliche Forschung und philosophische Überlegungen darstellt. So entsteht ein Sachbuch mit hohem Nature Writing-Anteil.

Der Ton ist klar, von gelegentlichen thematischen Abschweifungen abgesehen gelingt ihm eine vielschichte Darstellung von Wegen und ihrer Bedeutung. Wo wir gehen lädt ein, den Untergrund, über den wir wandeln, genauer in den Blick zu nehmen. Denn egal ob Oregon Trail, Wunschlinie in der Stadtplanung oder fossile Spuren in Neufundland – Wege haben immer eine Geschichte zu erzählen. Robert Moors Buch sensibilisiert dafür.

Ins Deutsche übertragen wurde das Buch, das auch zum New York Times Bestseller avancierte, von Frank Sievers. Erschienen ist es im Insel-Verlag.


  • Robert Moor – Wo wir gehen
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Sievers
  • ISBN 978-3-458-17874-3 (Insel)
  • 413 Seiten. Preis: 24,00 €
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Eine Oral History des 11. September

Garett M. Graff – Und auf einmal diese Stille

Es ist zweifelsohne eines der einschneidendsten Erlebnisse des 21. Jahrhunderts: der 11. September 2001. Wohl jeder Mensch weiß noch, was er an diesem Tag getan hat, als die Nachricht des Attentats auf das World Trade Center die Welt kurzzeitig aus dem Takt geraten ließ. Inzwischen ist die Erinnerung an diese wirkmächtigen Anschläge auf Amerika etwas verblasst. Die Bilder werden natürlich wiederholt und haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Das Gedenken, das Verlesen der Namen, das Läuten der Totenglocke, im Fernsehen meist überkleistert mit Musik von Enya. Das Gedenken ist inzwischen zu einem Ritual geworden, das aber nun dank der fast schon 20 vergangenen Jahre seit dem Anschlag in der von immer neuem Terror überlagert und überschrieben wird.

Garett M. Graff holt mit seinem Buch die Ereignisse rund um das World Trade Center, das Pentagon und Co. nun allerdings wieder prominent auf die Bühne und entstaubt die Erinnerung an jenes ikonische Datum maximal. Ihm gelingt in Und auf einmal diese Stille ein Erinnerungsbuch, das mit Wucht den 11. September in allen Facetten beleuchtet. Ein wichtiges Zeitdokument.

Augenzeugenberichte des 11. September

Garrett M. Graff - Und plötzlich diese Stille (Cover)

Dabei besteht die Leistung des Autors und seines Teams keinesfalls in eigenen Beschreibungen des 11. Septembers. Vielmehr versammelt das Buch Augenzeugenberichte und Schilderungen des gesamten Tages. Diese reichen von den Erinnerungen des einzigen Amerikaners, der sich am 11.09 nicht auf der Erde, sondern auf der ISS befand, bis hin zu hochrangigen Politiker*innen wie etwa die damalige Verteidigungsministerin Condoleeca Rice und dem Beraterstab rund um Präsident George W. Bush.

Graff gliedert seine Augenzeugenberichte weitgehend chronologisch und beginnt den 11. September morgens noch ganz ruhig. Er lässt etwa den Flughafenmitarbeiter zu Wort kommen, der die Attentäter eincheckte. Auch die Feuerwehren beobachtet er an diesem Morgen oder lässt vom eigentlich geplanten Tagesablauf des amerikanischen Präsidenten berichten.

Ausgehend vom ersten Einschlag eines Flugzeugs erzählt er mithilfe der niedergeschriebenen Erinnerungen von den entführten Flugzeugen, dem Anschlag aufs Pentagon, der Unsicherheit im Umfeld von Präsident Bush oder von den Rettungskräften, die zum brennenden World Trade Center eilten und diesen Einsatz häufig mit dem eigenen Leben bezahlten.

Das Gefühl von Unmittelbarkeit

Man ist fast selbst in den Treppenhäusern der Twin Towers dabei, als couragierte Büromitarbeiter einen Kollegen im Rollstuhl dutzende von Stockwerken nach unten tragen. Oder man kann sich einfühlen, wie Menschen reagieren, deren Angehörige sich aus entführten Flugzeugen melden und letzte Worte hinterlassen. Wie Rettungskräfte verschüttet und wieder ausgegraben werden. Wie unzählige Menschen vom Himmel stürzen und dabei noch andere mit in den Tod reißen (dieses Kapitel „Springen“ zählt sicherlich zu den schockierendsten und buchstäblich niederschmetterndsten). Von all diesen Momenten erzählt Und auf einmal diese Stille. Graff selbst bemerkt im Vorwort:

Und auf einmal diese Stille ist zwar umfassend, aber keineswegs vollständig. Die hier präsentierten Geschichten erfassen nur einen einzelnen historischen Moment. Der 11. September ist aber nicht zuletzt deshalb so ergreifend, weil wir etwas über die weiteren Schicksale der betroffenen Menschen erfahren, darüber, wie es ihnen in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach ergangen ist. Während das Land nach den Angriffen einerseits enger zusammenrückte und die Menschen sich solidarisch zeigten, zog es zugleich in zwei Kriege, die bis heute keinwirkliches Ende gefunden und viele Weltgegenden drastisch verändert haben. Auch deshalb ist der 11. September jeden Tag gegenwärtig. Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.

Garret M. Graff: Und plötzlich diese Stille, S. 11

Diesen Tag wieder gegenwärtig zu machen, ihn in seiner Vielgestaltigkeit erneut begreif- und erlebbar zu machen, diese Aufgabe erfüllt Garrett M. Graffs Buch bravourös. Und auf einmal diese Stille ist eine minutengenaue Chronik, die uns Lesenden spüren lässt, warum dieser 11. September eine solche Zäsur der jüngeren Geschichte war und ist.


  • Garrett M. Graff – Und auf einmal diese Stille
  • Übersetzt von Philipp Albers und Hannes Meyer
  • ISBN: 978-3-518-47090-9 (Suhrkamp)
  • 537 Seiten. Preis: 20,00 €
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