Amy Waldman – Das ferne Feuer

Quasi aus dem dem Nichts heraus gelang Amy Waldman im Jahr 2011 mit ihrem Debütroman Der amerikanische Architekt ein veritabler Bestsellererfolg. Amy Waldman ist gelernte Journalistin, die zum Zeitpunkt ihrer Buchveröffentlichung für die New York Times tätig war. Diese, die Washington Post oder auch das Esquire-Magazin kürten Waldmans Debüt gleich nach dem Erscheinen zum beachtenswertesten Roman des Jahres. Zahlreiche weitere Auszeichnungen sollten folgen.

Man kann die Lobpreisungen verstehen, schließlich legte Waldman aus dem Nichts heraus einen Great American Novel vor, der die Befindlichkeiten der amerikanischen Seele nach den Anschlägen des 11. September hellsichtig analysierte. Sie ließ darin verschiedene Menschen zu Wort kommen, die nach der Entscheidung, einen Muslim mit der Gestaltung einer Gedenkstätte für den Platz des Anschlags zu beauftragen, ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge hatten. Die Dynamiken rund um die Entscheidung betrachtete sie mit Lust an der Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit.

Kurzum: ein Werk, das neugierig stimmte auf das, was da noch folgen sollte. Nun, acht Jahre seit dem Erscheinen der deutschen Übersetzung von Der amerikanische Architekt, liegt nun das neue Buch von Amy Waldman vor. Aus A door in the earth wurde nun in der deutschen Übersetzung Das ferne Feuer. Die Übersetzung besorgte abermals Brigitte Walitzek.

In ihrem neuen Buch wendet sie sich von den USA als Schauplatz ihrer Geschichte ab, führt aber zugleich die in Der amerikanische Architekt gesetzten Themen weiter.

Mutter Afghanistan

So heißt das Buch, das für Parvin Schams zum Wendepunkt ihres Lebens wird. Darin erzählt der Autor Gideon Crane, wie er einst nach einem halbseidenen Lebenswandel in Afghanistan Erfüllung fand und nach dem Tod einer jungen Frau beschloss, vor Ort ein Krankenhaus zu gründen. Das Buch avancierte zum Bestseller und Crane zum gefeierten Star. TED-Talks, Auftritte vor ausverkauften Häusern und Millionenauflagen seines Buchs sollten folgen. Sogar das Militär empfahl den Rekruten und sonstigen Militärangehörigen die Lektüre des Buchs, um Afghanistan besser zu verstehen.

Amy Waldman - Das ferne Feuer (Cover)

Auch für Parvin wurde das Buch zur Bibel. Als junge Frau mit afghanischem Migrationshintergrund fand sie sich im Buch wieder, sodass sie beschloss, Crane nachzufolgen und das im Buch beschriebene Krankenhaus und Dorf zu besuchen. Von ihrer Professorin aus der Ferne kritisch begleitet begibt sich Parvin also nach Afghanistan. Dort begnen wir ihr zu Beginn des Buchs.

Doch schnell stellt sich der Kontakt mit der Realität als schmerzhaft für Parvin heraus. Nicht nur zur Dorfgemeinschaft findet sie keinen rechten Zugang. Auch das Krankenhaus erscheint ganz anders, als in Mutter Afghanistan beschrieben. So kommt eine Ärztin gerade einmal in der Woche in die Klinik, um die Frauen des Dorfs dort zu behandeln. Auch ist das soziale Gefüge im Dorf ein ganz anderes, als Parvin sich dies aufgrund der Lektüre von Cranes Werk ausgemalt hatte.

Zwischen Buch und Realität klafft ein großer Unterschied, vor dem Parvin so gut es geht viele hundert Seiten in diesem Buch die Augen verschließt. So gut es geht, versucht sie Gideon Crane in Schutz zu nehmen. Sie missversteht die Dorfbewohner*innen absichtlich, betreibt eine Apologetik des Bestsellerautors. Aber schließlich muss auch sie einsehen: mit der Realität hat Mutter Afghanistan nur bedingt etwas zu tun.

Amerikas Probleme mit Afghanistan

Das müssen auch die amerikanischen Truppen einsehen. Stellvertretend für diese macht Parvin die Bekanntschaft mit Colonel Trotter, der ebenfalls Gideon Cranes Buch gelesen hat. Auch er wurde von der Lektüre berührt. Und so will er mit seinen Truppen die afghanische Zivilbevölkerung unterstützen. Die amerikanischen Militärs möchten eine befestigte Straße ins Dorf bauen, damit dieses besser versorgt werden kann. Doch die Pläne der Amerikaner finden bei der lokalen Bevölkerung keinen Zuspruch. Schon bald drohen Anschläge das ambitionierte Projekte zum Erliegen zu bringen.

Sowohl Parvin als auch die Militärtruppen müssen erkennen, dass ein Land mit einer so wechselvollen Geschichte wie Afghanistan nicht einfach mit amerikanischer Selbstherrlichkeit von Heute auf Morgen modernisiert werden kann. Diese Hybris soll sich noch als tödliche Gefahr herausstellen.

Ein Buch, das nicht so recht weiß, was es will

Es sind viele Themen, die Amy Waldman in ihrem zweiten Buch zusammenrührt. Der Idealismus einer jungen Frau, die Hochstaplereien eines Mannes, der clash of culture. Die amerikanische Invasion in Afghanistan, und die Gründe für deren Misserfolg, die wechselvolle Geschichte Afghanistans, weibliches Empowerment. All das sind Themen, die für sich genommen durchaus spannend sind. Leider wird in ihrer Fülle hier kein gutes Buch daraus.

Löblich, dass sich Amy Waldman dafür entscheidet, mit dem zeitgenössischen Afghanistan einen Schauplatz zu wählen, der in unserer Wahrnehmung fast nur mit den Themen Krieg und Taliban besetzt ist. Und gut auch, dass sie aufzeigt, warum die amerikanische Strategie dort keinen Erfolg hat.

Aber denoch hätte eine entschiedenere literarische Stoßrichtung dem Buch gutgetan. Das ferne Feuer schwankt unentschieden zwischen Arztroman, ethnologischen Betrachtung eines afghanischen Dorfs und der Enthüllung einer Hochstapelei. Später wird das Buch dann zu einer Abrechnung mit der Strategie Amerikas in Afghanistan (die ja wohl eher gar keine ist), trotzdem: so recht stimmig und stringent mag sich das alles nicht entwickeln und fügen.

Schon nach wenigen Seiten ist den Leser*innen klar, dass Gideon Crane wohl das amerikanische Pendant zu Claas Relotius sein muss. Nichts passt in seinen Schilderungen zusammen – aber Parvin verschließt munter ihre Augen vor der Wahrheit und betet ihr Idol Crane weiterhin an.

Eine blasse und nervtötende Heldin

Überhaupt, Parvin: mit ihr wählt Amy Waldman eine blasse Heldin. Eine, die zumindest meine Nerven das ein ums andere Mal strapazierte. Ihre Naivität, gepaart mit der verblendeten Vergötterung Gideon Cranes, ihre Impulsivität, schwankenden Sympathien und teilweise überhebliche westliche Art, machten sie zumindest für mich zu keiner Figur, der ich besonders gebannt über die Länge des knapp 500 Seiten starken Romans gefolgt wäre. Zwar kippt die Monotonie des ausgiebig beschriebenen dörflichen Alltags später noch in eine Actionsequenz, auch findet der öffentliche Diskurs durch eine Tat von Parvins Professorin in das Buch. Besonders stimmig wirkte das allerdings nicht. Da, wo Der amerikanische Architekt souverän mit unterschiedlichen Perspektiven auftrumpfte, dominiert in Das ferne Feuer der Blick einer naiven Heldin, die mich ein ums andere Mal aufgrund ihrer verblendeten und naiven Sichtweise verärgerte.

Doch vielleicht stehe ich auch noch unter den Nachwirkungen des Relotius-Skandals, als das mich die Beschreibungen der recht offensichtlichen Flunkerei-Enthüllungen in Das ferne Feuer besonders überrascht oder emotional gepackt hätten.

Fazit

So bleibt leider Das ferne Feuer ein Buch, dem es nicht gelingt, an Waldmans Erstling anzuknüpfen. Gewiss kein schlechtes Buch, auch durchaus mit interessanten Themensetzungen. Die literarische Ausgestaltung des Ganzen überzeugt dann aber leider nicht. Mit einer Idee weniger, dafür einer entscheideneren Umsetzung des Ganzen, wäre hier mehr drin gewesen. Leider!

Eine weitere Meinung zum Buch gibts bei Bookster HRO.


  • Amy Waldman – Das ferne Feuer
  • Aus dem Amerikanischen von Brigitte Walitzek
  • ISBN 978-3-89561-168-1 (Schöffling)
  • 496 Seiten. Preis: 26,00 €

Doug Johnstone – Der Bruch

Kaum ein literarisches Genre blickt so tief in die sozialen Abgründe der Gegenwart, wie es der Kriminalroman tut. Der schottische Autor Doug Johnstone bestätigt das einmal mehr und zeigt, wie gut es funktionieren kann, wenn Spannung auf harten Sozialrealismus trifft.


In seinem Buch Der Bruch beschreibt er die Welt von Tyler Wallace. Dieser lebt in einem heruntergekommenen Hochhaus am Rande Edinburghs. Seine Mutter ist schwerst drogenabhängig und fällt als Erziehungsberechtigte vollkommen aus. Und so obliegt es dem 17-jährigen Tyler, für seine kleine Schwester Bethany, genannt Bean, zu sorgen. Der Vater ist längst verstorben, nur seine Halbgeschwister Barry und Kelly sind Teil der Familie.

Dog Johnstone - Der Bruch (Cover)

Aufgrund seiner kleingewachsenen Statur ist Tyler für seinen Halbbruder Barry das ideale Mittel zum Zweck. Denn Barry finanziert sich sein Leben und den immensen Drogenkonsum durch Einbrüche. Und so schickt er Tyler stets vor, um Häuser auszukundschaften und sich über Oberlichter Zutritt zu den Wohnungen der Besserverdienern von Edinburgh zu verschaffen.

Das überschaubare Leben der Familie findet allerdings nach einem Einbruch ein schnelles Ende. Denn Barry sticht bei einem schiefgelaufenen Bruch eine Frau nieder. Bei dieser Frau handelt es sich allerdings um die Frau eines lokalen Gangsterbosses. Und der lässt diese Tat nicht ungesühnt. Er bläst zur Jagd auf die Einbrecher und setzt sogar ein Kopfgeld aus.

Anspielungsreich und mit Hoffnung versehen

Es sind verschiedene Gründe, die für die Qualität dieses Krimis entscheidend sind. Da ist zunächst die Spannung, die Doug Johnstone immer intensiver in seinen Roman einfließen lässt. Nimmt er sich zunächst Zeit für die Skizzierung des sozialen Milieus und dem familiären Gefüge, wird spätestens mit der Kurzschlussreaktion von Tylers Bruder die Spannungsschraube angezogen. Der Bruch ist ein kriminalliterarisches Crescendo, das vom Piano des Beginns hin zu einem im wahrsten Sinne ohrenbetäubenden Finale reicht.

Die Sprache, die Doug Johnstone hierfür wählt, ist in nuancenreich und spiegelt das deprivierte Handlungsumfeld wieder. Den teilweise derben und ungeschönten Sound sollte man allerdings nicht mit Kunstlosigkeit verwechseln. Denn Johnstone beherrscht sein Metier und paraphrasiert in Bezug auf seine Wallace sogar Tolstoi.

Er wandte sich Flick zu. „Meine Familie ist voll abgefuckt“.

„Alle Familien sind abgefuckt“.

„Nicht wie meine.“

„Jede ist auf ihre eigene Art abgefuckt.“

Doug Johnstone – Der Bruch, S. 192

Solche Bezüge und Zitate sind schlau eingebunden und passen sich in den Gesamtkontext des Romans sehr gut ein. Und ja – die Hoffnungslosigkeit, die psychische und physische Gewalt spielt in Der Bruch eine wichtige Rolle. Aber es gibt eben auch die Dur-Akkorde, die das Moll des Buchs kontrastieren.

Diesen Kontrast bringt Doug Johnstone durch die Liebe in das Buch ein. Wie Tyler auf einem seiner Einbrüche Flick begegnet, wie sich diese beiden Außenseiter anziehen, wie sie Hoffnung schöpfen, das ist doch ausnehmend verheißungsvoll geschildert. Ob die Liebe jedoch in Erfüllung geht, das muss an dieser Stelle offenbleiben.

Fazit

Der Bruch steht in der Tradition des Sozialrealismus. Doug Johnstone schafft es, dass man hier in ein Milieu blickt, das sonst nicht viel Aufmerksamkeit erhält.

Diese Familie, in der schwerer Drogenmissbrauch, Hoffnungslosigkeit, Inzest und immer wieder ausbrechende Gewalt vorherrschen, lebt ebenso am Rande der Gesellschaft, wie sie geographisch auch tatsächlich tut. Das Leben dort in den Hochhäusern am Rande Edinburghs hat wenig mit dem sonst gut verkäuflichen Schottenkrimi gemein, wie ihn Ian Rankin, Helen Fields oder Oscar de Muriel schreiben. Hier verleiht jemand denen einen Stimme, die sonst eher verdrängt und totgeschwiegen werden.

Und das ergibt in Verbindung mit der ansteigenden Spannungskurve und der doch auch vorhandenen Hoffnung im Buch ein packendes Leseerlebnis. Gerne mehr hiervon!


  • Doug Johnstone – Der Bruch
  • Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
  • ISBN: 978-3-948392-20-8 (Polar Verlag)
  • 308 Seiten. Preis: 20,00 €

Maya Angelou – Was für immer mir gehört

Wenn es noch eines Beweises für die Berühmtheit Maya Angelous bedurft hätte, hier wäre er. Der Puppenhersteller Mattel hat sich entschieden, im Rahmen der Reihe „Inspirierende Frauen“ auch eine Maya Angelou nachempfundene Puppe auf den Markt zu bringen.

Während sie in den USA als Ikone gefeiert wird, für ihr Engagement geehrt wurde und als erste schwarze Frau bei einer Präsidenten-Inauguration in den USA sprechen durfte, ist sie in Deutschland deutlich unbekannter. 2018 legte der Suhrkamp-Verlag die 1980 von Harry Oberländer für den Verlag Stroemfeld/Roter Stern übersetzte Fassung von Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt noch einmal neu auf.

Im Rahmen des Lesekreises des Blogs 54Books entstand damals meine Besprechung des Buchs. Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil ihres insgesamt sieben Bände umfassenden Erinnerungszyklus. Sämtliche weitere Teile dieser Memoiren wurden nicht mehr ins Deutsche übertragen. Allerdings wagt sich nun der Suhrkamp-Verlag sukzessive an die Veröffentlichung des Werks. Melanie Walz übertrug nun zum ersten Mal das ursprünglich 1974 erschienene Gather together in my name ins Deutsche. Und im Gegensatz zu der altmodischen und überholten Übersetzung Harry Oberländers gelingt ihr diese Aufgabe deutlich besser.

Mehr als ein Leben

Das Buch setzt an der Stelle ein, an der Angelou ihren ersten Band beendete. Sie ist als Siebzehnjährige mit ihrem Sohn Guy alleinerziehend und hat beschlossen, ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Weit weg vom rassistischen Süden, dem Krämerladen ihrer Großmutter und der Gefahr durch den Ku-Kux-Klan will sie in Kalifornien ein neues Leben beginnen. Doch dass Träume manchmal Schäume sein können, das zeigt sich sehr schnell. So versucht sich Maya als Köchin, als Zuhälterin oder als Tänzerin. Zweimal verliebt sie sich in die falschen Männer. Lässt ihren Sohn in der Obhut anderer Frauen zurück, um Geld zu verdienen.

Maya Angelou - Was für immer mir gehört (Cover)

Und auch wenn es effektiv nur zwei Jahre sind, die Angelou in ihrem Buch beschreibt, so bekommt man doch den Eindruck, dass sie in einem Jahr mehr erlebt hat, als es den meisten Menschen in einem ganzen Leben vergönnt ist. Schonungslos berichtet sie von fataler Liebe, Fehlentscheidungen, ihren Versuchen, sich zu prostituieren, Drogen und der Beziehung zu ihrer Familie. Das Scheitern ist in diesem knapp 250 Seiten starken Buch genauso Thema wie ihr unverzagtes Sich-Ausprobieren und Neuerfinden. Man kann Maya Angelou nur bewundern, wie klar sie ihren Lebensweg hier offen legt und zeigt, wie wechselvoll ihre Geschichte war und ist.

Sie beschönigt nichts, schont weder sich selbst noch andere und schreibt so ein lebenspralles Buch, das eine Ahnung auf die Fülle gibt, die die weiteren Memoirs von Maya Angelou bereithalten.

Ein Nachwort von Verena Lueken

Maya Angelou - Nur mit meiner Stimme (Cover)

Verena Lueken erzählt in ihrem Nachwort vom Einfluss, den Maya Angelou auf das schwarze Leben in Amerika hatte. Für Persönlichkeiten wie James Baldwin, Malcom X., Barack Obama oder Toni Morrison stellte sie eine Inspiration dar. Sie schrieb Reden, Gedichte, Theaterstücke, spielte in Filmen mit, engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. Kurz, und das macht auch Luekens Nachwort klar: sie führte ein überreiches Leben, das sich jeder Einordnung oder Kategorisierung entzog.

Gespannt bin ich deshalb auch schon auf die weiteren Werke Maya Angelous, die nun auch hierzulande langsam etwas bekannter werden. Im Juni folgt im Suhrkamp-Verlag dann ebenfalls in der Übersetzung von Melanie Walz der nächste Band des Angelou’schen Erinnerungszyklus. Er trägt den Titel Nur mit meiner Stimme. Man sollte ihn auf dem Zettel haben, nicht nur wenn man sich für Schwarze Identität oder Empowerment interessiert!


  • Maya Angelou – Was für immer mir gehört
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
  • ISBN: 978-3-518-47082-4 (Suhrkamp)
  • 247 Seiten. Preis: 16,00 €

Titelbild: „Maya Angelou“ von Burns Library, Boston College lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0

Raphaela Edelbauer – DAVE

Sehen wir der Wahrheit ins Auge: die Menschheit hat ihre Chancen gehabt. Aber Artensterben, Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und das Erstarken autoritärer Regime sind nur ein paar aussagekräftige Beweise die zeigen, dass es die Menschheit alleine nicht schafft. Anstatt die ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen gerecht und nachhaltig zu verteilen, dominiert der Raubbau an der Natur und damit die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Vernunft ist ein hehres Prinzip – nur wir folgen ihr nicht. Wäre es da nicht an der Zeit, das Management jemand anderem zu überlassen? Und da eine intelligente außerirdische Lebensform nicht in Sicht ist, würden sich Computer anbieten. Eine künstliche Intelligenz, die nicht Macht oder politische Durchsetzungskraft zum Maßstab ihres Handelns nimmt. Sondern eine Intelligenz, die auf Bedarfe und Nachhaltigkeit achtet und die passgenau die Befriedigung von Bedürfnissen zum Ziel hat? Eine Intelligenz, der der Spagat zwischen Bewahrung der Schöpfung und dem Fortbestand der Menschheit gelingt.

Doch wie erschafft man eine solche Künstliche Intelligenz? Wie sorgt man dafür, dass sie die richtigen Entscheidungen trifft und so etwas wie ein Bewusstsein entwickelt? Darüber hat Raphaela Edelbauer einen Roman geschrieben. Er trägt den Titel DAVE und ist nach Das flüssige Land das zweite Buch der österreichischen Autorin, das im Klett-Cotta-Verlag erscheint.

Ein Retter namens DAVE

Held von Edelbauers Geschichte ist der Programmierer Syz, der in einer überbevölkerten Welt Arbeit in einer termitenähnlichen Fabrik gefunden hat. Dort versieht er mit vielen anderen Programmierer*innen seinen Dienst, der aus der Erstellung von Scripts besteht. Diese Scripts sollen in DAVE eingespeist werden, einen Supercomputer, auf dem die Hoffnung der Menschheit ruhen. Diese steht nämlich kurz vor dem Aussterben. Viel zu viele Milliarden von Menschen bevölkern die Erde, das Klima hat sich dramatisch verändert, sodass das Überleben auf der Erde kaum mehr möglich ist. DAVE soll es nun richten, um mithilfe seiner künstlichen Intelligenz Lösungen für das Überleben der Menschen zu schaffen.

Raphaela Edelbauer - DAVE (Cover)

Das Problem der künstlichen Intelligenz ist allerdings ein zentrales: wie schafft man es, dass der Computer ein Bewusstsein entwickelt, das für die Problemlösung essenziell ist? Wie schafft man es, aus der künstlichen Intelligenz eine echte zu machen, die sich dem Primat der Logik verschreibt?

Für die Chefentwickler von DAVE ist die notwendige Strategie klar: um das Denken zu lernen, reicht es nicht, tausende von Scripts, also Beschreibungen verschiedener Entitäten, in die Maschine einzuspeisen. Wessen DAVE bedarf, um das Denken zu lernen, ist ein menschliches Vorbild. Und so kommt Syz ins Spiel. Das System hat ihn als perfekten Kandidaten ausgewählt, um seine Persönlichkeit auf DAVE zu übertragen. Funktionieren diese Sitzungen anfangs noch sehr gut, wächst in ihm allerdings schon bald das Misstrauen. Er erhält anonyme Nachrichten zugestellt, die ihn auf die Fährte eines Vorgängers bringen. Offenbar gab es schon einmal den Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen in DAVE einzuspeisen. Doch dieser Mensch ist seither verschwunden, seine Spuren verlieren sich im Nichts.

Science-Fiction, Programmieren, Philosophie

Es sind Motive der Science-Fiction-Kultur, mit denen Raphaela Edelbauer in ihrem Roman spielt. Ein hermetisch abgeschlossenes System, Technologie und Fortschrittshörigkeit, das Ausbrechen eines Menschen aus der Routine, der hinter die Kulissen des Ganzen scheint und das Geschehen zu hinterfragen beginnt. Irgendwo zwischen Blade Runner und Matrix und ist Edelbauers dystopisches Setting anzusiedeln, das sie mit philosophischen Fragestellungen, Exkursen zu Programmierung und Bewusstsein anreichert.

So entsteht ein Text, der aufgrund seiner Struktur und intellektuellen Fülle fordert (und mich offen gestanden auch manchmal überforderte). Die Diskussionen um philosophischen Problematiken, Pascal-Moravec-Vermutung, Neoterraner und Neoplatumanisten oder Programmiersprech sind so schnell getaktet, dass der Prozessor des Lesenden besser ohne zusätzliche Ablenkung laufen sollte.

„Halt“, unterbrach Felix. „Ich habe dir immer gesagt, dass diese Fixierung auf Sprache ist ein Fehler. Ein Artefakt, reine Struktur, bloßes Netzwerk an Netzwerken, Abstraktion – menschliche Sprache hält DAVE doch nur auf – „

„Felis, du weißt, dass das nicht stimmt. Natürliche Sprache ist viel leistungsstärker als programmierter Unsinn. Wir haben intuitiv Einsicht in Dinge, die formell zu beweisen ewig dauert. Eins plus eins ist zwei – weißt du, wie lange Whitehead und Russell für einen formalen Beweis brauchten?“

„Genau“, warf ich ein. „Dass wir über diese intuitive Form von Sprache verfügen, ist die Basis für ein Bewusstsein, Bewusstsein die Basis für Entscheidungsfindung, Entscheidungsfindung für Problemlösung. Und was heißt denn auch: nichtmenschliche Sprache? Programmiersprachen sind nichts als abgespeckte Versionen von natürlicher Sprache.“ Garaus warf mir einen anerkennenden Blick zu. „Und Sprache braucht Identität! Levertov meinte, die Mehrheit in der Theoretischen halte es für plausibel, ja, für die einzige Möglichkeit – „

Edelbauer, Raphaela: DAVE, S. 54 f.

DAVE als Gedankenpalast

Ein Thema, das auf die Autorin eine große Faszination ausübt, ist das Thema des Gedankenpalasts. Dieser spielt in DAVE eine zentrale Rolle und ist auch für die Form des Buchs entscheidend. Immer wieder begegnen wir auf der Reise durch das Buch neuen Erinnerungsbruchstücken. Mal sind es Rückblenden, dann wissenschaftliche Fallbeschreibungen oder eine satirische Kindersendung, die in die Erzählung eingewoben sind. Viele dieser Bruchstücke und erzählerischen Fraktale ergeben erst ganz am Ende des Romans Sinn. Hier gelingt Edelbauer eine erzählerische Schleife, die das Buch zu einem runden Ende fügt. Die zuvor immer wieder verstreuten und manchmal gar widersinnigen Puzzleteilchen fallen an ihren Platz. Und auch wenn ich schon einige Dutzend Seiten zuvor ahnte, wo die Reise hingeht, birgt das Ende von DAVE doch eine wirklich schlaue Schlusspointe.

Das Gedicht von T. S. Eliot, das leitmotivisch im Buch an verschiedenen Stellen auftaucht, bringt das Lesegefühl am Ende von DAVE sehr gut auf den Punkt.

We shall not cease from exploration. And the end of all our exploring will to be to arrive where we started and know the place for the first time.

T. S. Eliot

Bereits zwei Versionen dieses Buch hatte Raphaela Edelbauer geschrieben, ehe sie nun mit der dritten Variante des Buchs nach zehn Jahren des Schwanger Gehens zufrieden war. Auch erzählte die Autorin, dass das Buch gedanklich bereits abgeschlossen war, als sie mit der Arbeit des Schreibens begann. Dieses Gefühl einer wohlüberlegten Konzeption merkt man DAVE auch an. Das sprachverliebte Buch wartet mit vielen kompositorischen, philosophischen und technischen Ideen auf. Es bietet eine herausfordernde Leseerfahrung und bringt das Thema der digitalen Welten und Künstlichen Intelligenz in literarisch ansprechender Form weiter in die belletristische Gegenwart hinein.

Fazit

Der Besuch dieses Gedankenpalasts namens DAVE lohnt auf alle Fälle. Eine gelungene Symbiose aus Digitalem, Dystopie, Philosophie und Science-Fiction. Das Durchhalten bei diesem Buch ist dringend angeraten – denn wer am Ende von angelangt ist, will gleich wieder von vorne beginnen und diesen Gedankenpalast noch einmal besuchen.

Auch Carsten Otte hat der Besuch in Edelbauers eigentümlicher Welt gefallen. Er hat für Zeit Online ebenfalls eine Besprechung des Buchs verfasst.


  • Raphaela Edelbauer – DAVE
  • ISBN 978-3-608-96473-8 (Klett Cotta)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €

John Boyne – Die Geschichte eines Lügners

In seinem neuesten Roman erzählt John Boyne von einem Mann, der für eine Geschichte über Leichen geht. Es ist die Geschichte von Maurice Swift. Lügner, Hochstapler und skrupelloser Geschichtendieb.

Die Figur des Maurice Swift, die John Boyne für seinen neuen Roman ersonnen hat, könnte auch aus der Feder Patricia Highsmiths stammen. Denn ähnlich wie ihr Tom Ripley ist auch Maurice Swift ein junger Mann, der für seinen Traum bereit ist, über Leichen zu gehen. Ihn treiben zwei Wünsche an: den, ein Kind zu haben. Und den, ein erfolgreicher Romanautor zu sein. Um diese Wünsche wahrwerden zu lassen, kennt Swift keine Skrupel. Schließlich gilt es, eine gute Geschichte zu erbeuten.

Sein erstes Opfer wird Erich Ackermann, der im Anfangsteil des Buchs als Ich-Erzähler seine Geschichte schildert. Dieser begegnet Maurice Swift in der Lobby des Savoy Hotels und fühlt sich sofort zu dem deutlich jüngeren Mann hingezogen. Ackermann hat einen wichtigen Literaturpreis, den Prize, für seinen Roman Furcht gewonnen. In der Folge avancierte er auf seine alten Tage zu einem Star des Literatubetriebs. Und nun, kurz vor dem Fall der Mauer, tritt Maurice Swift in Ackermanns Leben.

Sofort ist Ackermann in Liebe zu diesem schönen, jungen Mann entflammt. Er engagiert ihn als Assistent für eine Lesereise. Immer näher kommt Swift Ackermann, der ihm schließlich auch ein wohlgehütetes Geheimnis aus seiner Kindheit im Dritten Reich erzählt. Eine Geheimnis, das er besser nicht preisgegeben hätte. Denn Swift stiehlt Ackermann die Geschichte und avanciert dadurch seinerseits zum vielbeachteten und geschätzen Literaten.

Ein unersättlicher Geschichtendieb

Doch damit ist Maurice Swift keineswegs am Ende seiner Träume angekommen. Er giert weiterhin nach Geschichten, die ihm Prestige verschaffen. Und so lügt und betrügt er weiter, um an weitere Erzählungen zu kommen, die ihm zum Vorteil gereichen.

Davon erzählt John Boyne auf interessante Art und Weise. Denn statt sich für eine Erzählweise, Perspektive oder Figur zu entscheiden, wartet das Buch mit einer Vielzahl an Erzählstrategien auf. Den Hauptanteil bilden dabei drei erzählerische Blöcke. Der erste wird vom Ich-Erzähler Erich Ackermann als Rückschau erzählt. Der zweite Hauptblock wird von der Universitätsdozentin Edith bestritten, die ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. Ihre Erinnerungen richtet sie allerdings an ein „Du“, dem sie ihre Geschichte schildert. Der dritte Ich-Erzähler ist dann abschließend Maurice Swift selbst, der das letzte Drittel einläuten darf. Die Kapitel der drei Ich-Erzähler*innen sind dabei gut unterscheidbar. Während Erichs Kapitel nach Orten gegliedert sind, sind es im Falle Ediths Monate und bei Maurice Swift Pubs, die die Ordnung der Teile vorgeben.

Dazwischen fügt John Boyne zwei Zwischenspiele ein. Diese zeigen einen jungen und mittelalten Maurice Swift, der genau da weitermacht, wo wir ihn in den jeweiligen Dritteln davor aus den Augen verloren haben. So entsteht das Bild eines skrupellosen, berechnenden und abstoßenden Helden, der so etwas wie einen moralischen Kompass nicht zu besitzen scheint.

Nun ist das Thema des Ideenklaus bei Romanen ja kein zwingend Neues. Man denke beispielsweise nur an Martin Suters Lila, Lila. Dennoch schafft es John Boyne, ein originelles Buch vorzulegen, das um die Themen des Lügens, der sexuellen Identität, die Eitelkeiten im Literaturbetrieb und noch mehr kreist. Interessant montiert und mit schwarzem Humor versehen stellt dieses Buch eine Abkehr vom ausschweifenden Irland-Porträt Cyril Avery dar, das von Boyne zuletzt auf Deutsch erschien. Diese Geschichte eines Lügners überzeugt und hinterlässt bei mir den Wunsch, dass wirklich John Boyne und nicht Maurice Swift hinter der Erzählung steckt.


  • John Boyne – Die Geschichte eines Lügners
  • Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg
  • ISBN 978-3-492-05963-3 (Piper)
  • 432 Seiten. Preis: 24,00 €