Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach zu ihnen: Redet mit den Kindern Israel und sprecht: Das sind die Tiere, die ihr essen sollt unter allen Tieren auf Erden. Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, wie das Kamel, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen. Die Kaninchen wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäut auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht; darum soll’s euch unrein sein. Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.

3. Buch Mose, Kapitel 11

Das Schwein als unreines Tier – sucht man die Ursprünge dieses Mythos, dann wird man im Alten Testament fündig. Bis heute hält sich dieses Bild, und das in mannigfaltiger Hinsicht. Sowohl in religiöser als auch in äußerlicher Hinsicht gilt vielen das Schwein als schmutzig. Es riecht stark, wälzt sich im Schlamm, verzehrt alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Dass Schweine zu den intelligentesten Tieren im Tierreich zählen, das fällt dabei oft unter den Tisch.

Vom ambivalenten Verhältnis von Mensch und Tier erzählt auch der Franzose Jean-Baptiste del Amo in seinem Roman Tierreich (erschienen bei Matthes& Seitz). Er setzt fünf Generationen gascognischer Schweinezüchter in den Mittelpunkt seines Romans. Diese bewirtschaften zunächst einen kleinen Pachtbetrieb in Puy-Larroque, einem Dorf am Fuß der Pyrenäen. Doch schon bald geht das 19. Jahrhundert und damit das Zeitalter der Industrialisierung zuende. Doch nun setzt eine andere Industralisierung ein – die des Fleischs.

Von Schweinen und Menschen

Eindrucksvoll gelingt es Del Amo in seinem Buch aufzuzeigen, wie sich der Hunger nach Fleisch innerhalb nur weniger Generationen und Jahre exponentiell steigert. Setzt die erste Generation der Gascogner Bauern noch auf eine Co-Existenz mit dem Schwein, so wird am Ende des Buchs im Jahr 1981 eine schon fast pervers übersteigerte Schweinezuchtanlage stehen, in der die Tiere im Tagestakt werfen und zur Schlachtbank geführt werden.

Die Sublimation des Schweins vom bäuerlichen Nutztier bis hin zur reinen Mäst- und Schlachtmasse, das ist ein Thema, das in Tierreich grandios und ebenso erschütternd inszeniert wird.

Ebenso eindrucksvoll ist die Milieustudie eines Bauernhofs über die Zeit hinweg, die Del Amo mit höchster Akribie betreibt. Beginnend im Jahr 1898 zeigt er die Lebensverhältnisse der Bauern, das dörfliche Leben, das harte Ringen ums Überleben. Die Bewirtschaftung der eigenen Scholle, den kalten und effizienten Umgang der Menschen untereinander, der höchstens etwas Raum für Bigotterie lässt – all das liest sich unheimlich dicht und bildstark. Die Vorstudien für Del Amos Buch müssen von größter Genauigkeit und Detailverliebtheit gewesen sein. Anders ist dieses gekonnte Einfühlen in alle Lebensverhältnisse nicht zu erklären.

Die engen und düsteren Bauernstuben, den Wahnsinn des Schlachthauses 1. Weltkrieg, die industrialisierten Mastanlagen – stets findet der Franzose (Jahrgang 1981) Bilder, die sich einprägen und die den oder die Leser*in sicher nicht mehr so schnell loslassen. Del Amo verzichtet auf jede Art von Weichzeichner – was teilweise schwer erträglich ist, aber genau deswegen auch so gut ist.

An der Grenze des Erträglichen – und deshalb so gut

Menschen, die äußere Schönheit mit ästhetischer Schönheit gleichsetzen (oder verwechseln, wie ich meine), die dürften mit diesem Buch garantiert nicht glücklich werden. Zwar gelingt es Del Amo meisterhaft, gerade in der ersten Hälfte bis hin zum Ersten Weltkrieg, eine Natur zu schildern, die man in dieser Benennungsstärke und Dichte kaum in anderen Büchern findet. Doch damit erschlägt man eben nur einen Teil des Buchs.

Denn das entschleunigte Leben gerade vor dem Weltkrieg, es hält auch jede Menge Schmutz, Derbheit und Obszönität bereit. Konsequent naturalistisch schildert der Franzose all das, was bei uns als tabuisiert gilt – egal ob bei Tier oder Mensch. Das Sterben, Ausscheidungen, sexuelle Gelüste bei Mensch und Tier, Triebe und Abgründe – all das ist in Tierreich bis hart an die Grenze des Erträglichen (und manchmal auch darüber hinaus) ausgeführt. Da wird beschrieben, wie der Leichensaft einer aufgebahrten Leiche das Holzbett durchsickert, wie eine Mutter eine Fehlgeburt den Schweinen zum Fraß vorwirft und dergleichen mehr. Das lässt oftmals schlucken, auch wenn man ahnt, wie es in vergangen Zeit zugegangen sein muss.

Dass das alles noch vor dem Ersten Weltkrieg passiert und wir dann noch einen Sprung ins Jahr 1981 vor uns haben, lässt dann schon ahnen, dass hier konsequenterweise auch nicht alles schöner oder besser werden wird.

Um es auf eine griffige Formel zu bringen: Jean-Baptiste del Amo schaut nicht weg, sondern eben genau hin. Unbarmherzig hält er seine Blick auf die Dinge gerichtet, auch wenn diese teilweise schwer erträglich sind. Die Unreinheit und Schmutzigkeit, die ja dem Schwein attributiert wird, sie ist hier konsequenterweise allgegenwärtig. Schweinisch eben.

Und das erwarte ich auch von guter Literatur, die nicht gefallen will, sondern unangepasst und unbequem ist. Sie soll mir Dinge zu zeigen, die nicht in meiner Komfortzone liegen, sondern die mich auch herausfordern und Dinge überdenken lassen, auch eben in ästhetischer Hinsicht.

Ein Feuerwerk der Sprache und Übersetzungskunst

Dass all diese oben beschriebenen Grausamkeiten und letzten Ende auch das ganze Buch dennoch so eindrücklich und genau sind, das hat auch einen ganz bestimmten Grund: die Sprache des jungen Franzosen, die bei ihm ein Instrument von größter Präzision ist. Ich kann mich an kein Buch in zurückliegender Zeit erinnern, das für alle Milieus, Zeiten und Ereignisse so einen guten sprachlichen Zugriff gefunden hat. Dass dem so ist, ist in genauso großem Maße natürlich auch der Übersetzerin Karin Uttendöfer zuzuschreiben. Wie sie den Sound und das teilweise hochspezielle bäuerlichen Sprachgewebe zu durchdringen vermag, das ist große Übersetzungskunst. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung war und ist da mehr als nur angemessen.


Ein Buch, das zugleich schweinisch und saustark ist. Eines, das ein sprachliches Kunstwerk ist. Und eines, das die Beziehung von Schwein und Mensch neu sehen lässt. All das ist Tierreich von Jean-Baptiste del Amo.

Vea Kaiser – Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger

Zu Besuch in der literarischen Apotheke

Vea Kaiser muss vor der Arbeit an Rückwärtswalzer eine literarische Apotheke besucht haben. In dieser Apotheke gibt es Schubladen und Regale vom Boden bis zur Decke. In diesen Schubladen, so stelle ich es mir vor, schlummern alle möglichen Ingredenzien, die man zum Verfassen eines Buchs brauchen könnte. Hinter einigen Türchen verbergen sich Plotzutaten wie Spannungsbögen, überraschende Wendungen oder für Krimischreiber*innen der ein oder andere Whodunnit. In anderen Ablagen hingegen befinden sich widersprüchliche Figuren, Schicksalsschläge oder Verwechslungen, die Bücher anreichern können.

Für Genres gibt es wieder eine ganze Abteilung mit Schubladen wie etwa Familienroman, Krimi, Entwicklungsroman oder Schmonzette. Fläschchen beinhalten Stimmungen wie Traurigkeit, Melancholie oder Lebensfreude, die über die Bücher gesprüht werden können.

Alles ist da, man kann zugreifen und sich seine Bücher nach Herzenslaune zusammenbauen. Es gibt Autor*innen, die diese literarische Apotheke eher selten benutzen und wenn dann höchsten ein oder zweimal verschämt in Schubladen greifen. Dann gibt es aber auch Schreiber*innen wie Vea Kaiser, die vor jedem Buch ein paar Mal in der Apotheke vorbeischauen und die Zutaten in Massen nach Hause schleppen, um daraus dann ihre Romane zu basteln.

Diesmal muss sich die österreichische Autorin besonders lang in der Genre- und Figurenabteilung aufgehalten haben. Sie hat bei den Familienromanen und der Gattung Road Novel zugeschlagen, Slapstick, Traurigkeit, Humor und besonders viele skurrile Figuren in ihre Tüten eingepackt. Und all diese Zutaten finden sich nun in ihrem neuen Roman Rückwärtswalzer .

Hedi, Wetti, Mirl, der Lorenz – und eine tiefgekühlte Leiche

So ist der Roman zuvorderst auf seinem skurrilen Personal aufgebaut. Da gibt es den glücklosen und ziemlich bankrotten Schauspieler Lorenz, der von seiner Freundin verlassen Halt bei der Familie sucht. Dann gibt es die drei Tanten namens Hedi, Wetti und Mirl, die alle ganz eigene Vergangenheiten haben, und die mit ihrer Kochbegeisterung und dem omnipräsenten Speiseangebot auch ganze Kompanien des österreichischen Bundesheers versorgen könnten. Und da ist Onkel Willi, der mit seiner Verehrung des Diktators Tito, für dessen Meisterspion er sich selbst hält, auf die Nerven fällt.

Doch dann ist plötzlich der Onkel Willi tot, was die Tanten auf einen skurrilen Plan ruft: Onkel Willi stammt aus Montenegro, wo er auch unbedingt seine letzte Ruhe finden wollte. Doch das Geld für eine Überführung ist weg, und so werden die Tanten und Lorenz aktiv. Der Großvater wird in der Kühlkammer des benachbarten Fleischhauers tiefgekühlt, ehe es dann mit der schockgefrosteten Leiche, den drei Tanten auf der Rückbank und Lorenz am Steuer gen Montenegro geht.

Wenn man nach drei Büchern ein Thema im Schreiben Vea Kaisers ausgemacht haben kann, dann ist es wohl die Familie und die Frage des sozialen Verbunds. In Blasmusikpop war es ein ganzes Dorf, das im Fokus stand. In Makarionissi war Vea Kaiser dann auf die Generationen einer chaotischen griechischen Familie konzentriert. Und nun geht es eben um die Familie Prischinger und die Frage, was die Familie im Innersten zusammenhält.

Hierfür variiert die Österreicherin ihre Schreibweise, indem sie diesmal keinen ganz chronologischen Ansatz verfolgt. Ging es doch in den ersten beiden Büchern in immer kleiner werdenden Schritten von der Vergangenheit in die Gegenwart, operiert sie diesmal mit zwei Erzählsträngen. Der eine ist der oben geschilderte Erzählstrang, der das Verscheiden Onkel Willis und die Reise nach Montenegro beschreibt.

In diesen Strang hinein schneidet Kaiser immer wieder Episoden aus dem Leben der Beteiligten durch die Jahrzehnte hindurch. Eine spannende Montagetechnik, für den Kaiser den Begriff des Rückwärtswalzers erfunden hat.

So bekommen die Tanten alle unterschiedliche Schicksale verpasst, Willis Geschichte wird klarer und auch Lorenz bekommt ein bisschen eine Entwicklung zugestanden. Vom trägen Waschlappen bis zum Leichenchauffeur – muss man ja auch erst einmal schaffen.

Ein österreichischer Roman im besten Sinne

Rückwärtswalzer ist ein österreichischer Roman im besten Sinne. Stets ist die Faszination des Morbiden und des Jenseitigen präsent, egal ob in Form der tiefgefrorene Leiche oder als Tod durch Silagegase. Dies geht dann aber auch wieder mit einer großen Portion Humor einher, der manchmal auch fast etwas in kalauerhafte und Peter-Steiners-Theaterstadelhafte kippt. Doch insgesamt balanciert Vea Kaiser ihre Geschichte dann schon immer wieder gut aus, sodass es vom Lachen bis zur Traurigkeit oder Melancholie nur ein kurzer Sprung ist. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Die Mischung aus der literarischen Apotheke ist ganz gut abgewogen.

Eine Hymne auf den Familienverbund, ein Gruß an John Irving (der Bär lässt grüßen) und Shakespeare (die drei Tanten weckten bei mir manchmal Erinnerungen an Macbeth), ein facettenreiches Buch, das ich ohne Bedenken weiterempfehlen kann, egal ob hier in der Bibliothek oder als Geschenk für Bekannte.

Joel Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Alles nur Theater

Der Schweizer, der die überzeugendsten amerikanischen Romane schreibt, ist wieder da. In Das Verschwinden der Stephanie Mailer taucht Joel Dicker wieder in den mörderischen Kosmos einer amerikanischen Kleinstadt ein (übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Meßner)

Diesmal heißt das Städtchen Orphea und liegt an der Ostküste, direkt vor den Toren New Yorks. Ein höchst beschauliches Städtchen, in dem jeder jeden kennt. Eine kleine Buchhandlung, Cafés, Feuerwerk am 4. Juli. Alles recht durchschnittlich, wäre da nicht jene Katastrophe, die 1994 Orphea heimsuchte. Als Touristenattraktion hatte man das erste Theaterfestival Orpheas ins Leben gerufen. Doch während der ganze Ort der Eröffnung des Festivals beiwohnte, ereignete sich ein paar Straßen weiter ein brutaler Mehrfachmord. Der Bürgermeister, seine ganze Familie und eine Joggerin wurden damals brutal erschossen. Wenig später wurde ein Täter dingfest gemacht – und damit wäre es ja eigentlich gut.

Das wäre dann allerdings auch ein relativ kurzer Roman geworden. Wer schon einmal einen Roman von Joel Dicker gelesen hat (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert oder Die Geschichte der Baltimores), der weiß allerdings auch: kurz und bündig ist die Sache des Schweizers nicht. Und so setzt der voluminöse Roman (ca 650 Seiten) dann auch 20 Jahre später ein.

Auf einer Feier im Polizeirevier wird Jesse Rosenberg verabschiedet. Von Kollegen wird er nur der 100-Prozentige genannt, seine Aufklärungsquote ist legendär. Doch dann begegnet er der titelgebenden Stephanie Mailer, die als Journalistin für die lokale Gazette schreibt. Sie konfrontiert ihn mit einer unbequemen Aussage: damals habe er nämlich den Falschen verhaftet. Alle Kollegen einschließlich Jesse hätten wichtige Spuren übersehen.

Das nagt natürlich am 100-Prozentigen und so beschließt er, noch einmal eine letzte Ermittlung vor seinem Abschied durchzuführen. Diese erhält unerwartet eine besondere Brisanz, nachdem Stephanie Mailer wie vom Erdboden verschluckt scheint. Was meint die Journalistin entdeckt zu haben, das damals jeder andere übersehen hatte?

Ein Cold Case wird aufgeklärt

Das Verschwinden der Stephanie Mailer ist wieder ein Roman, der irgendwo zwischen Kriminalroman und Great American Novel in der Tradition von Richard Russo oder John Updike angesiedelt ist. Dicker spielt mit den Versatzstücken des Kriminalromans, um ein Poträt seiner Kleinstadt Orphea zu zeichnen. Das Buch bedient sich klar der Erzähltechnik des Cold Case. Immer wieder springt Dicker von der Gegenwart 2014 zurück ins Jahr 1994, als die Bluttat die ganze Stadt erschütterte. Stück für Stück enthüllt er die damaligen Geschehnissen und Verflechtungen, die die ganze Stadtgesellschaft durchdrangen und auch heute noch durchdringen.

Zudem präsentiert Dicker auch eine ganze Vielzahl an Figuren, deren Blick man als Leser*in immer wieder einnimmt. Das Haupttrio sind dabei Jesse Rosenberg und sein damaliger Partner Derek Scott sowie Anna Kanner, eine junge und ambitionierte Polizeibeamtin. Diese leidet unter dem Sexismus und dem Mobbing ihrer Kollegen und will es allen zeigen. Diese Trio versucht die Spuren des damaligen Falls wieder aufzunehmen. Dabei kreuzen sie die Bahn von zahlreichen Stadtbewohnern, die alle ganz eigene Leichen im Keller haben. Denn nicht nur beim Theaterfestival ist vieles Kulisse, Lug und Trug – auch Orphea selbst ist nicht besser.

Die Figuren, die Joel Dicker in seinem Roman präsentieren, decken eine wirklich enorme Bandbreite ab. Von wirklich glaubwürdig bis hin zu völlig clownesk präsentiert er hier alle Schattierungen. Viele der cartoonartigen Figuren (man denke nur an die Einführung des Literaturkritikers Meta Ostrowski – hatte Joel Dicker noch eine Rechnung offen?) erhalten erst relativ spät so etwas wie Konturen und Tiefe.

Da er über diese Figuren aber auch Humor ins Buch bringt, der auf Holzhammer-Pointen zumeist verzichtet, sah ich Joel Dicker das gerne nach. Er schafft es, die verschiedenen Töne seines Buchs gut zusammenzuführen und daraus ein vielschichtiges Buch zu kreieren, das am Ende gar etwas an Fargo erinnert. Kein Krimi im reinen Sinn, aber eines auf alle Fälle: erneut sehr, sehr gute Unterhaltung!


Indiebookday 2019

Fünf Empfehlungen

Auch dieses Jahr ist es wieder soweit: der Indiebookday findet statt. Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: man sucht an diesem Tag einen Buchladen seines Vertrauens auf und kauft dort ein oder mehrere Bücher. Diese sollten allerdings aus unabhängigen Verlagen stammen.

Aus diesem Grunde habe ich hier fünf kurze Empfehlungen zusammengetragen, die ich gerne weiterempfehlen möchte, und die in den nächsten Wochen hier auf Buch-Haltung noch etwas genauer vorgestellt werden sollen.

Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Leider hat es mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzung des Buchs durch Karin Uttendörfer nicht so ganz klappen wollen. Nichtsdestotrotz eine große Empfehlung für dieses wirklich schweinische Buch!

Während Europa von Kriegen und Umwälzungen erschüttert wird, kämpft eine Familie von Schweinezüchtern um ihr Fortbestehen – und nutzt die in immer größerem Maßstab stattfindende Ausbeutung des Rohstoffs Tier, um sich in unsere heutige, hochindustrialisierte Welt hinüberzuretten. Éléonore, Kind eines kranken Vaters und einer lieblosen Mutter, erbt Anfang des 20. Jahrhunderts von ihren Vorfahren Schweine und die Gewissheit, dass Gewalt gegen Mensch und Tier zum Leben dazugehört. Mit Disziplin und unbändiger Härte gegen sich selbst allen Schicksalsschlägen trotzend, hält sie den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht und versteht es, ihn über die Jahrzehnte hinweg zu vergrößern und später ihrem Sohn Henri zu übergeben. Achtzigjährig erlebt die erschöpfte Matriarchin schließlich, wie dieser mit ihren Enkeln Serge und Joël den familiären Zuchtbetrieb zu einer gigantischen, die Ressource Tier grausam ausbeutenden Tierfabrik ausbauen. Das anonymisierte Elend der Schweine spiegelt nicht nur den Wahnsinn dessen, was die Menschheit unter Fortschritt versteht, sondern wirft auch die Frage auf: Wer sind die eigentlichen Bestien?

Davide Enia – Schiffbruch vor Lampedusa

Eine Entdeckung, auf die mich Louisa Kröning vom Wallstein-Verlag auf der Buchmesse brachte. Von Davide Enia hatte ich bis vorletzte Woche nämlich noch nie etwas gehört oder gelesen.

Davide Enia ist nach Lampedusa gefahren, um sich selbst ein Bild von der Insel zu machen, die in den Medien zum Sinnbild für die Flüchtlingskrise geworden ist. Seine Gespräche mit Rettungshelfern, Freunden und Fischern, aber auch seine persönlichen Eindrücke bei Rettungsaktionen und »Anlandungen« verwebt er zu einer unglaublich dichten und ergreifenden Erzählung. Lampedusa ist dabei ein Mikrokosmos, in dem die Folgen von Migration, Flucht und Grenzen unmittelbar spürbar sind. Gleichzeitig erinnert Enia sich an magische Sommer an der sizilianischen Küste und seine früheren Urlaube auf der Insel, und versucht, die Unschuld dieser Zeit wieder heraufzubeschwören.

Die Schönheit des Mittelmeers und der Natur werden ebenso sichtbar wie die menschlichen Tragödien, die dort zum Alltag geworden sind.

Auguste Hauschner – Der Tod des Löwen

Auch vom Homunculus-Verlag hörte ich auf der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal. Meine liebe Kollegin Birgit Böllinger wies mich auf den Verlag und besonders auf diesen Titel von Auguste Hauschner hin.

Das frühe 17. Jahrhundert. Prag ist in Aufruhr. Wie ein böses Vorzeichen hängt ein blutroter Meteor über der Stadt. Der böhmische König Rudolf II. leidet unter Verfolgungswahn und fürchtet um seinen Thron. Er beauftragt Alchemisten und Astronomen, seine Macht zu sichern. Als diese keine Lösung finden, zwingt er Rabbi Löw, den Erschaffer des Golems, ihn in die Geheimnisse der Kabbala einzuweihen – und ihm dazu die Kammer von dessen schöner, schwer kranker Tochter zu öffnen. Doch sein Handeln bringt nicht nur das Mädchen an den Rand des Todes, sondern treibt auch einen Keil zwischen die Glaubensgemeinschaften Prags. Während im Judenviertel die ersten Häuser brennen, beginnt das Lieblingstier des Königs, ein mächtiger Berberlöwe, in seinem Käfig zu rasen.

Sigurdur Pálsson – Gedichte erinnern einer Stimme

Die Lyrik ist hier auf dem Blog ja äußerst schwach vertreten. Umso wichtiger, auch in diese Richtung einmal eine nachdrückliche Empfehlung auszusprechen.

Der kleine Elif-Verlag von Dincer Gücyeter kümmert sich um diese literarische Gattung. Immer wieder gibt es spannende Lyrik-Projekte, für die sich der Verlag stark macht – so auch dieses: Gedichtern erinnern einer Stimme des Isländers Sigurður Pálsson fängt die Stimmen und Gedanken eines Menschen ein, der um sein baldiges Ableben weiß, und nun noch einmal die Momente nutzt, um Rückschau zu halten. Übertragen wurden diese Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine zweisprachige Ausgabe – so kann man das Unvertraute Isländische und das vertraute Deutsch besonders gut auf sich wirken lassen.

Gabriele Tergit – Effingers

Dieses Buch hat durch die Vorstellung im Literarischen Quartett schon etwas an Bekanntheit hinzugewonnen. Dennoch ist Gabriele Tergit noch immer eine Unbekannte, deren Werke (z.B. Käsebier erobert den Kurfürstendamm) zu Unrecht vergessen sind. Der Schöffling-Verlag kümmert sich jetzt dankenswerterweise um diese spannende Autorin.

»Effingers« ist ein Familienroman – eine Chronik der Familie Effinger über vier Generationen hinweg. Außer dass sie Juden sind, unterscheidet sich ihr Schicksal in nichts von dem anderer gutsituierter gebildeter Bürger im Berlin der Jahrhundertwende. Alle fahren sie im sich immer wiederholenden Lebenskarussell, das sich durch Glück, Schmerz, Leichtsinn, Erfolg und Scheitern dreht. »Effingers« ist ein typisch deutsches Bürgerschicksal in Berlin, wie es das der »Buddenbrooks« in Lübeck war.
Als der Nationalsozialismus sich breitmacht, wird das deutsche Schicksal zu einem jüdischen. Wer wachsam ist, wandert aus.
Die Geschichte der Familie Effinger beginnt mit einem Brief des 17-jährigen Lehrlings Paul Effinger, und sie endet mit einem Brief: dem Abschiedsbrief des nunmehr 80-Jährigen kurz vor seiner Deportation in die Vernichtungslager.

Das sind meine Empfehlungen zum Indiebookday 2019. Habt ihr auch Lieblingsbücher aus unabhängigen Verlagen? Was empfehlt ihr?

Victor Pouchet – Warum die Vögel sterben

Also dieser Victor Pouchet erlaubt sich etwas. Er will in seinem Debüt erklären Warum die Vögel sterben – und bleibt am Ende doch alle Antworten schuldig. Ein Erstling, der mit Erwartungshaltungen bricht (übersetzt von Yvonne Eglinger).


Der Inhalt von Pouchets Buch wird eigentlich schon auf den ersten Seiten recht konkret umrissen. In der Normandie hat es mehrfach tote Vögel vom Himmel geregnet. So sind auch in Bonsecours, der Heimat des Ich-Erzählers, zahllose Vögel vom Himmel gestürzt. Diese Ereignisse beunruhigen den Erzähler so sehr, dass er beschließt, in die Heimat aufzubrechen. Für seine Reise wählt er ein etwas anachronistisches Fortbewegungsmittel. Mit einem Schiff geht es die von Paris aus die Seine hinunter. Mit an Bord des Schiffs sind auch andere, deutlich ältere Passagier*innen, die ebenfalls zur Flusskreuzfahrt angetreten sind. Auf der Reise mehren sich bedrohliche Vorzeichen – sind die toten Vögel etwa Vorboten eines ganz anderen Ereignisses?

In der Konstruktion orientiert sich Victor Pouchet tatsächlich an einem Fluss. Sein Erzählfluss mäandert mindestens ebenso wie die Seine im Gebiet der Normandie. So steht im Hintergrund der mysteriöse Tod der Vögel, doch diese Frage beschäftigt den Ich-Erzähler nicht immer. So verliert er sich in Gesprächen an Bord, geht eine kleine amouröse Bekanntschaft ein, forscht über viele Seiten hinweg in einer Bibliothek. Dort stößt er nämlich auf die Spur Félix Archimède Pouchets, einem Forscher des 19. Jahrhunderts, der den Nachnamen mit dem Ich-Erzähler teilt.

Hier zeigt sich auch exemplarisch, welches Spiel Victor Pouchet mit dem Leser treibt, den er gerne rätseln lässt. In welchem Verhältnis steht der Autor zu dem Ich-Erzähler mit dem Nachnamen Pouchet? Warum tritt nun just der Tod der Vögel auf? Wo liegen die Verbindungen? Gibt es überhaupt welche?

Viele bleibt in Warum die Vögel sterben im Ungefähren. Warum der Erzähler beispielsweise just per Schiff in die Region reisen will? Es wird nie ganz offenbar. Vieles wird angedeutet, nicht zu Ende erzählt. Auch wenn das formidable Cover den Eindruck nahelegt, dass Pouchet in die Richtung Nature Writing abbiegt – genau das tut er nicht. So wenig wie eine konkrete Handlung des Buchs über die nicht einmal 200 Seiten des Romans ersichtlich wird. Eher schauen wir einem Slacker dabei zu, wie er sich, seiner Familie und dem Geheimnis der Vögel annähert. Ob ihm das gelingt, das muss wohl jede Leserin und jeder Leser für sich entscheiden. Eher ein ruhiger Roman, der so einige in die Irre führen wird.