Wieder einmal ist es soweit: an einem meiner Arbeitsplätze, der Stadtbücherei am Ernst-Reuter-Platz in Augsburg, findet eine neue Literarische Soiree statt. Zusammen mit der Augsburger Allgemeinen und der Buchhandlung am Obstmarkt geht es wieder rund. Am 15.03.2019 ab 19:30 Uhr wird diesmal Ursula Krechel aus ihrem neuen Werk Geisterbahn lesen.
Zwar habe ich das Buch noch nicht gelesen (und wer weiß, wann ich dazu komme), aber der Klappentext klingt auf alle Fälle vielversprechend.
Fast ein Jahrhundert umspannt der Bogen dieses Romans, mit dem Ursula Krechel fortsetzt, was sie, vielfach ausgezeichnet und gefeiert, mit »Shanghai fern von wo« und »Landgericht« begonnen hat. »Geisterbahn« erzählt die Geschichte einer deutschen Familie, der Dorns. Als Sinti sind sie infolge der mörderischen Politik des NS-Regimes organisierter Willkür ausgesetzt: Sterilisation, Verschleppung, Zwangsarbeit. Am Ende des Krieges, das weitgehend bruchlos in den Anfang der Bundesrepublik übergeht, haben sie den Großteil ihrer Familie, ihre Existenzgrundlage, jedes Vertrauen in Nachbarn und Institutionen verloren. Anna, das jüngste der Kinder, sitzt mit den Kindern anderer Eltern in einer Klasse. Wer wie überlebt hat, aus Zufall oder durch Geschick, danach fragt keiner. Sie teilen vieles, nur nicht die Geister der Vergangenheit.
Zudem halte ich Landgericht (das gerechterweise mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde) – für ein wirklich großartiges Buch, weswegen ich auf den neuen Titel und Krechels Präsentation sehr gespannt bin!
Im Anschluss an die Lesung gibt es ein Interview mit der Autorin, ehe wir dann die Bühne entern. Zusammen mit Kurt Idrizovic von der Buchhandlung am Obstmarkt und Stefanie Wirsching von der Augsburger Allgemeinen diskutieren wir diesmal über folgende Bücher:
Kenah Cusanit – Babel
Anselm Oelze – Wallace
Takis Würger – Stella
Eigentlich dachte ich, dass der Kelch Stella an mir vorüber geht. Aber offensichtlich ist dem nicht so. Offenbar haben alle von uns sich ein Buch gewählt, das einen zweisilbigen Buchtitel besitzt. Wenn’s der Diskussion dient … Ich freue mich auf alle Fälle auf die hoffentlich kontroverse Diskussionen!
Ich wollte es eigentlich nicht – doch auch in dieser Besprechung muss einmal mehr das schon zur Sentenz geronnene Anfangswort aus Tolstois Anna Karenina stehen. Es bietet sich einfach zu gut an:
Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.
Tolstoi, Lew: Anna Karenina, S. 3
Auch Susan Hill scheint sich bei ihrem Roman Inspiration beim russischen Altmeister geholt haben. Ihr erstaunlich kurzer, nur 164 Seiten langer Roman Stummes Echo illustriert Tolstois These nämlich einmal mehr. Ihr Roman dreht sich um die vier Kinder einer Familie, die der Tod der Mutter zusammenbringt.
Da wäre May, die wieder nach Umwegen auf den heimischen Hof The Beacon zurückgekehrt ist. Ein Versuch eines Studiums in London und eine Tätigkeit in einem Kloster waren doch nur Station, ehe sie wieder an den heimischen Herd zurückkehrte, bedingt durch den Tod des Vaters und die Pflegebedürftigkeit der Mutter.
Ihre Geschwister Colin, Berenice und Frank haben The Beacon hingegen den Rücken gekehrt. Sie alle leben ihre eigene Leben, wobei vor allem das Tuch zwischen den drei Geschwistern und Frank zerschnitten ist. Den Grund dafür arbeitet Hill erst allmählich heraus.
Nun also der Tod der Mutter und damit verbunden die Geschehnisse, die man schon aus unzähligen Romanen und Filmen kennt. Die verstreut lebenden Geschwister finden sich wieder ein. Schließlich muss die Beerdigung ihrer Mutter organisiert werden. Und auch die Verlesung des Testaments steht noch aus – also raufen sich alle zusammen und versuchen, der Mutter die letzte Ehre zu erweisen.
Eine Familie, vier Kinder, viele Probleme – 164 Seiten
Das ist im Grunde die ganze Handlung hinter Stummes Echo. Wenn ich oben schrieb, dass man die Motive und Geschehnisse schon aus anderen Romanen und Filmen kennt, dann ist das auch die Stärke und Schwäche des Buchs zugleich. Stärke, da es Hill wirklich gelingt, auf den 164 Seitenihre Figuren vernünftig auszugestalten, aufeinandertreffen zu lassen und die Motivationen kurz und knapp zu beleuchten – und zwar so, ohne dass man das Gefühl hat, es fehle etwas oder wäre zu überstürzt beschrieben.
Gut reduziert Hill ihr Buch auf das Wesentliche – das aber nichts Neues bietet. Das ist eben die zugleich angedeutete Schwäche. Die Reihe derer, die um die Fragilität der Familie wussten und wissen, ist lang. Schon Tolstoi hat den allzugrüchigen Frieden, der sich Familie nennt, eindrucksvoll thematisiert. Und bis heute ist es ein Thema, zuletzt beispielsweise in Karl-Heinz Otts Die Auferstehung.
Dieses Thema ist schon landauf landab behandelt worden. Man könnte es auf die Formel bringen: alles ist schon gesagt worden – aber noch nicht von jedem. Und so bearbeitet Susan Hill dieses Thema eben einmal mehr, ohne dem Sujet etwas Neues hinzufügen zu können oder dem Ganzen besondere Aspekte abringen zu können.
Stummes Echo ist eine nette kleine Geschichte. Eine sonderliche Tiefenwirkung oder Erinnerungswürdigkeit besitzt das Buch in meinen Augen allerdings leider in nur geringem Maße.
Wie soll und kann man von Geschichte erzählen? Herbert Kapfer versucht sich in seinem Buch 1919 – Fiktion als eine Art literarischer DJ. Er sampelt verschiedenste Quellen und Augenzeugenberichte, um den Leser*innen die ganze Fülle an Ereignissen aus jenen Revolutionsjahren 1918/19 zugänglich zu machen. Eine sinnvolle Herangehensweise, denn anders ist diesem epochalen Wendepunkt in der deutschen Geschichte kaum beizukommen.
Zwar kennt man durch den Schulunterricht so manche Gedenktage und historische Personen. Auch das im letzten Jahr verstärkt einsetzende mediale Erinnern an die Ereignisse vor hundert Jahren hat einige historische Landmarken wachgerufen. Doch wie geballt Revolutionen, Räterepubliken, Kriegsnachwehen, Morde und politische Grabenkämpfe in dieser so kurzen Zeitspanne auftraten, das wird bei der Lektüre von 1919 eindrücklich erfahrbar.
Revolution, Anarchie, Räterepublik, Freikorps
Plakat zur Räterepublik in Bayern von Siegmund von Suchodolski: Raus mit euch! Bei ons gibt’s koa Anarchie!
Kapfer erzählt in fünf Teile aufgesplittet von den Ereignissen, die ausgehend vom Kriegsende 1918 zu jenen Revolutionsereignissen 1919 führten. Der Matrosenaufstand 1918 in Kiel steht am Anfang jener Ereigniskette, dem schon bald die Herrschaft von Arbeiter- und Soldatenräten im Deutschen Reich folgten. So ist die Räterepublik in Bayern und die Ermordung Kurt Eisners ein Thema im Buch, das einen großen Platz einnimmt. Auch andere spektakuläre Morde finden in Augenzeugenberichten Niederschlag – so etwa die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch eine militärische Truppe . Von Weimar bis Berlin, von München bis ins Baltikum reichen die Schauplätze, die Kapfer durch die Augenzeugenberichte und Tagebücher einfängt..
Dabei ist jedoch der Begriff der Autorenschaft im Fall von 1919 ein kniffliger Fall. Denn Kapfer selbst stellt im Nachwort seines Buchs klar
1919 setzt sich aus Texten zusammen, die zwischen 1918 und 1938 veröffentlich worden sind – ausgenommen die Zeilen von Heiner Müller. Alles ist Zitat, bis auf etwa fünfzig Wörter, die in der Titelei von mir eingefügt wurden. Orthographie, Interpunktion und Grammatik wurden unverändert beibehalten. Auslassungen, Umstellungen, auch innerhalb einzelner Sätze, nicht gekennzeichnet.
Kapfer, Herbert: 1919, S. 411
So ist 1919 eigentlich eine Collage voller Fremdtexte, bei denen die Kunst darin besteht, diese so miteinander zu verfugen und zu verzahnen, wie es Kapfer in seinem Werk tut. Dass er hierbei einige Kunstfertigkeit erlangt hat, das erklärt auch ein Blick in seinen beruflichen Werdegang. So leitete Kapfer bis 2017 die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im Bayerischen Rundfunk. Und auch als Buchautor sammelte er mit dieser Art von Erinnern und Erzählen schon Erfahrung. So verarbeitete er zusammen mit Lisbeth Exner bereits die Jahre 1914 und 1915-1918. Hierbei erzählten die Autor*innen, indem sie aus über 240 verschiedenen Tagebüchern zitierten und so durch Primärquellen einen unmittelbaren Eindruck des Ersten Weltkriegs und dessen Auswirkungen erschufen. 1919 ist da nur die konsequente Fortschreibung dieser Art von Erinnungsarbeit (wenngleich Lisbeth Exner hier nur als Mitarbeiterin im Nachwort Dank erfährt und nicht als Co-Autorin fungiert. Zudem erscheint das Werk nun bei Kunstmann statt bei Galiani).
Wie bei den anderen Büchern Kapfers drängt sich auch hier der Vergleich mit Walter Kemposwkis Echolot auf. Ganz ähnlich zu dem Mammutwerk Kempowskis fängt der Autor hier polyphon die Stimmen von ganz unterschiedlichen Zeitgenossen ein. Von Dada (Hugo Ball und Richard Huelsenbeck) über militärische Berichte (Ludwig von Reuter) bis hin zu den Romanen und Erinnerungen großer Literaten (Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Erich Mühsam) reicht die Bandbreite in Kapfers Collage. So fließen auch Zeitungsmeldungen, Militärmeldungen und zeitgenössische Fotografien in das Werk ein. Den Mittelteil des Buchs bildet dann ein Theaterstück Karl Polenskes, der darin seinen Mitrat Silvio Gesell porträtiert und karikiert. Jener wollte nämlich in seiner Funktion als Finanzminister in der Münchner Räterepublik die Freiwirtschaftslehre einführen – ein Vorhaben, das Gesell eine Amtszeit von ganzen sieben Tagen bescherte.
Viele Quellen – viele Stimmen
Das alles verschafft einen umfassenden Eindruck jenes Revolutionsjahrs – und ist doch so Manches auch mühsam zu lesen. Einige Texte wirken frisch und manchmal gar von großer Komik (großartig beispielsweise Tollers Schilderung eines geplanten Flug nach Leipzig), andere sind durchaus anstrengend, besitzen einen antiquierten Stil, wirken manchmal zu nüchtern, dann wieder zu überladen. Ein einheitliches Lesegefühl stellt sich kaum ein, zu heterogen sind die Quellen, sowohl in thematischer als auch in inhaltlicher Hinsicht. Hier sprechen viele Quellen und somit auch viele Stimmen – die einen angenehmer, die anderen etwas gewöhnungsbedürtiger.
Kapfer verzichtet dabei auf eine Nennung seiner Quellen im Text. Erst im Anhang offenbart sich, von welchem Autor welche Zeilen stammen. Das ist manchmal ein reizvolles Rätselraten – mir wäre eine direkte Nennung der Quellen jedoch deutlich lieber gewesen. So ist man ständig am Zuordnen, muss schauen, von wem jetzt wieder die Rede ist, wer gerade erzählt, und wie das Ganze einzuordnen ist. 1919 fordert permanent und ließ mich oftmals pausenlos zwischen der Bibliographie im Anhang und dem eigentlichen Text springen.
Eine gefällige Präsentation von Zeitgeschichte im Stile eines Florian Illies oder Volker Weidermann ist 1919 somit weniger und will es auch nicht sein. Das Buch ist eine große Fundgrube für historisch Interessierte, ein Buch, das schon lange vergessene Gestalten wie einen Max Hoelz oder Eduard Stadtler wieder in Erinnerung ruft. Eine polyphone Collage, die versucht, das Revolutionsjahr 1919 mit all seiner Anarchie, seinen politischen Entwicklungen, seiner Bedeutung einzufangen- und das gelingt ihm auf alle Fälle!
Auch das Kulturjournal Titel, Thesen, Temperamente hat sich mit dem Buch und seinem Verfasser beschäftigt. Den Beitrag dazu findet man hier
Mit ihrem Neapolitanischen Quartett gelang Elena Ferrante auch in Deutschland der große Durchbruch. Die Kritiker jubelten, die Bücher verkauften sich wie geschnitten Brot und sogar eine Serienadaption steht in den Startlöchern.
Die erste Minute dieses Trailers fängt mein Lesegefühl der vier Bände sehr gut ein. Alles düster, dumpf, gewaltgesättigt. Der Rione in Neapel und seine Einwohner, von einer Sonnenseite zeigten sich diese beiden Parteien in den Büchern nie. Von dolce vita war das Neapolitanische Quartett so weit weg wie der italienische Staatshaushalt von einer Konsolidierung.
Zum Nachteil gereichte das den Bänden nicht – und damit auch dem Suhrkamp-Verlag, der jene vier Bände veröffentlichte. Vom Erfolg beflügelt, widmet man sich in Berlin nun in hoher Taktung der Backlist der Autorin. Im Oktober erschien der Roman Lästige Liebe, der sich um eine Mutter-Tochter-Beziehung drehte. Ebenfalls im Oktober brachte man (wie alle bisherigen Titel von Karin Krieger übersetzt) in der Inselbücherei Der Strand bei Nacht auf den Markt. Eine Schauergeschichte über eine Puppe, die am Strand zurückgelassen wird.
Nun veröffentlicht Suhrkamp – erstmals in der Übersetzung durch Anja Nattefort – den Roman Frau im Dunkeln, im Original erschienen 2006. Um den Plot zu erzählen, reicht es eigentlich, die beiden vorher erwähnten Bücher Lästige Liebe und Der Strand bei Nacht einmal kräftig zusammenzuschütteln – und schon erhält man Frau im Dunkeln. Denn die Motive der Erzählung, sie dürften Lesern der bisherigen Bücher bekannt vorkommen.
Ein Strand, zwei Mütter, eine Puppe
Ein heißer Sommer an der süditalienischen Küste, Leda – knapp fünfzig, allein lebend, Mutter zweier erwachsener Töchter – verbringt unbeschwerte Tage am Strand. Sie vertreibt sich die Zeit damit, eine junge Mutter und deren kleines Mädchen zu beobachten, die innig vor sich hin spielen. Doch plötzlich verdüstert sich das Idyll und die sonst so beherrschte Leda lässt sich zu einer unbegreiflichen Tat hinreißen …
So raunt es der Klappentext. Die neugierige Leser*in mag sich da natürlich fragen – welche Tat? Entführt sie das Kind? Wagt sie es, den Badeplatz der Mutter mit einem eigenen Handtuch zu belegen? Nein, es ist noch eine viel unbegreiflichere Tat: Leda nimmt die Puppe des Kindes an sich (so viel Spoilern muss erlaubt sein).
In der Folge beobachtet sie den neapolitanischen Familienclan mit Mutter, Kind und restlicher Sippschaft. Dabei steigen auch bei Leda Erinnerungen an die Oberfläche, die sie an ihre Töchter und ihr Familienleben erinnern.
So gelingt es Elena Ferrante, ein ambivalentes Bild der Mutterschaft zu zeichnen. Über Leda und die von ihr betrachtete Familie entwirft Ferrante ein Bild von Mutterschaft, das nichts verklärt, sondern eher dem Themenbereich Regretting Motherhood zuzuschlagen ist. Dies alles konzediere ich, dennoch ist Frau im Dunkeln eine Lektüre, die mich nicht zu überzeugen vermochte.
Dies hat auch einen Grund – das Personal von Ferrantes Roman ist das, was ich „hochgradig unsympathisch“ nennen würde. Die Frauen in Ferrantes Buch sind durch die Bank weg Furien. So zischt Rosaria, eine Frau aus der neapolitanischen Sippschaft, nachdem der Verlust der Puppe offenbar wird:
Derjenige, der sie geklaut hat, soll einen Gehirntumor kriegen.
Ferrante, Elena: Frau im Dunkeln, S. 83
Hier zeigt sich schon eine gewisse Überspanntheit und Hysterie, die alle Figuren in diesem Buch befallen zu haben scheint. Wir rufen uns noch einmal in Erinnerung, dass es hier um den Verlust einer Puppe geht.
Überspannte Figuren, Furor furioso
Doch auch die Ich-Erzählerin Leda legt kein entspannteres Verhältnis an den Tag, wenn es um den Umgang mit einer Spielzeugpuppe geht. Vielleicht liegt es auch an mir als Mann, dass ich eine derartige Bindung nur unzureichend nachvollziehen kann. Aber in einer Szene mit ihren eigenen Kindern finde ich auch die Handlungsmotivation einmal mehr reichlich übertrieben. So hat eine von Ledas Töchtern ihre geliebte Puppe im Spiel verletzt,
(…)sie hatte sie von oben bis unten mit einem Kugelschreiber vollgekritzelt. Ein Schaden, der sich beheben ließ, aber mir schien sie hoffnungslos verloren. Alles in jenen Jahren schien mir hoffnungslos, ich selbst war hoffnungslos. Ich warf die Puppe über das Eisengeländer des Balkons.
Als ich sie auf den Asphalt zufliegen sag, empfand ich grausame Genugtuung. Ich sah sie fallen, und sie erschien mir wie ein unflätiges Wesen. Ich weiß nicht, wie lange ich an das Geländer gelehnt hinunterblickte und zusah, wie die Autos darüberfuhren. Dann bemerkte ich, dass auch Bianca zuschaute, auf Knien, die Stirn an die Streben des Geländers gedrückt. Ich nahm sie auf den Arm, sie ließ es ergeben geschehen. Ich küsste sie lange, drückte sie fest an mich, als wollte ich sie mir wieder einverleiben.“
Ferrante, Elena: Frau im Dunkeln, S. 62
Hier zeigen sich die Affekte, zwischen denen Leda beständig oszilliert. Sympathisch macht sie das für mich leider in keinster Weise – was auch meine Lektüre stark hemmte.
Ständig wird entweder „leicht hysterisch gekreischt“ (S. 170) oder den Partner angekeift und geschrieen (S. 100). So etwas wie Liebe oder zwischenmenschliche Wärme findet sich auch in diesem Buch wieder nur im Promillebereich. Kein Lächeln, nirgends. Eher ist es ein Furor furioso, der sich aller bemächtigt hat.
Regretting Motherhood in Romanform
Zur Illustration meiner Probleme mit dem Buch hier nur noch ein letztes Beispiel für den Erzählton, der mir das Buch verleidete.
Doch dann kam Marta. Sie war es, die meinen Körper attackierte, ihn unkontrollierbar aufbegehren ließ. Sie war von Anfang an nicht Marta, sondern ein lebendiger Eisenklumpen in meinem Bauch. Mein Leib war nichts als blutiger Schleim, mit einem breiigen Bodensatz, in dem sich ein aggressiver Polyp ausbreitete, der so fern war von jeder menschlichen Natur, dass er mich, obwohl er sich von mir nährte und aus mir wuchs, auf eine faulende Substanz ohne Leben reduzierte. In meiner zweiten Schwangerschaft ähnelte ich der schwarzen Moder speienden Nani (die andere Mutter am Strand).
Ferrante, Elena: Frau im Dunkeln, S. 162
Lebendiger Eisenklumpen, Polyp, schwarzer Moder – eine Nummer kleiner geht es bei Leda selten. Dass sie da ihre Familie einmal verlassen hat und nun fern von ihren Töchtern lebt, das überrascht nun wirklich nicht.
Mit einem Blick als Frau oder Mutter mag man diesen Roman vielleicht anders lesen – für mich bleibt leider nur der Eindruck überspannter Figuren, die unlogische Handlungen begehen, zurück. Natürlich dürfen Charaktere in einem Roman auch mal unsympathisch sein – doch wenn man keinerlei Identifkationspotential in solch einem Roman findet, wird es schwierig.
Von Strand, la dolce vita und Entspannung ist bei Elena Ferrante nicht viel übrig. Auf ihre Welten muss man sich einlassen – mir ist das hier leider überhaupt nicht gelungen. Die Faszination für die Frau im Dunkeln liegt für mich im Dunkeln.
Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit
Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.
Plautus: Asinaria (Eseleien)
Menschen und Wölfe – eine Beziehung, die stets eine besondere war und ist. Ob als Reizthema in der Oberlausitz, als furchterregendes Märchenmotiv bei den Gebrüdern Grimm oder in der oben zitierten Komödie des römischen Dichters Plautus. Der Wolf, er fasziniert uns Menschen durch die Zeiten hindurch.
Der mexikanische Drehbuchautor Guillermo Arriaga erzählt in seinem Roman Der Wilde von einer ganz besonderen Beziehung von Menschen zu Wölfen. Er erkundet in seinem fast 750 Seiten starken Epos das Tierische im Menschen und erzählt darüber hinaus eine Geschichte einer komplexen Beziehung.
Wobei es eher ein ganzes Beziehungsgeflecht ist, das Arriaga in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Dreh- und Angelpunkt ist der Ich-Erzähler Juan Guillermo. Er wächst in den 60er Jahren in Mexiko-City heran. Zusammen mit seinen Freunden erkundet er sein Viertel und durchstreift Straßen und vor allem die Dächer der Stadt. Leitstern ist für ihn sein sechs Jahre älterer Bruder Carlos, der zunächst noch auf dem Hausdach der Familie eine Chinchilla-Zucht betreibt. Doch Carlos und seine Gang führt der Weg dann zu einem weitaus einträglicheren Geschäft.
Chinchillas, Drogen, Geheimpolizei
Zusammen organisieren einen äußert lukrativen Vertrieb von Drogen wie LSD, die in den 60er Jahren ironischerweise den „verkehrten“ Weg bereisen. Denn statt wie heute von Mexiko aus sind es hier die USA, die für die jungen Mexikaner als Drogenlieferant dienen. Aus dem Süden der USA schmuggelt Carlos‘ Gang die Drogen nach Mexiko-Stadt, wo sie diese Besuchern ihrer Kinovorstellungen feilbieten. Diese erleben auf den Drogen psychedelische Räusche, die sich schon bald im ganzen Viertel herumsprechen.
Davon erfährt natürlich auch die Geheimpolizei, deren lebhaftes Interesse geweckt wird. Und dann gibt es auch noch die Guten Jungs. Eine katholisch-verbrämte Gruppe jugendlicher Eiferer, die unter Führung des ebenso manipulativen wie gefährlichen Humberto für Zucht im Stadtviertel sorgen wollen. Unterstützung und Rückendeckung bei ihrem Treiben erhalten sie dabei von der katholischen Kirche, die ebenso ein vitales Interesse an Macht und Einfluss hat, welches durch Carlos‘ Treiben unterminiert.
Dass es mit Carlos kein gutes Ende nimmt, das weiß man als Leser schon nach den ersten Seiten des Buchs. Das Schicksal seiner Figuren umreißt Guillermo Arriaga auf den ersten Seiten seines Buchs. Der Wilde kennzeichnet eine reizvolle Kombination aus chronologischen und achronologischen Erzählelementen, die im Lauf des Buchs eine regelrechte Sogwirkung entwickeln.
Nun ist diese Erzählung schon bärenstark – aber bislang war vom eingangs erwähnten Wolf noch keine Rede. Diesen Erzählstrang flicht Guillermo Arriaga immer wieder in seine Erzählung ein, obwohl diese zunächst noch etwas wahllos erscheinen mag. Aber Stück für Stück schälen sich die Bezüge heraus und geben dann ein stimmiges Ganzes. Denn Der Wilde zeigt einmal mehr, wie nahe sich Wolf und Mensch doch sind.
Ein Autor, der sein Handwerk versteht
Dass Guillermo Arriaga sein Geschäft versteht, davon war schon im Vorfeld des Romans auszugehen. Schließlich verfasste der Mexikaner vor diesem wuchtigen Werk zahlreiche andere Romane und Drehbücher. Filme wie Amores Perros und Babel gehen auf die Drehbücher des 1958 geborenen Autors zurück. Ein hoher Startbonus also, den er glücklicherweise einlösen kann.
Neben seiner atmosphärisch dichten Schilderungen des Lebens auf den Hausdächern oder in der kanadischen Wildnis sind es auch die vielen inszenatorischen Einfälle, die sein Buch so besonders machen. So greift er immer wieder Mythen und Märchen aus allen Winkeln der Welt auf, die im Roman weitere Ebenen eröffnen. Dies geht sogar so weit, dass er immer wieder Ansätze von Konkreter Poesie in sein Buch hineinmontiert. Das verkommt nie zum Selbstzweck, sondern erfüllt eine wichtige Funktionalität und ist genau deshalb so gut.
Immer wieder erschließen sich Querbezüge, immer wieder kommt Arriaga vom Wolf auf den Menschen. Das ist niemals artifiziell, sondern entwickelt nachgerade einen Sog, den ich so bei einer Lektüre schon länger nicht mehr verspürt habe. Immer wieder kann man sich in die Bild- und Lebenswelten seiner Helden hineinversetzen, fühlt mit den Figuren mit und ist erstaunt ob der Plastizität des Lebens, die zwischen den Seiten herrscht.
Einen großen Anteil an dieser Stimmigkeit hat natürlich auch die Übersetzung durch Matthias Strobel, der für die Polyphonie des Romans eine glänzende deutsche Entsprechung gefunden hat. Egal ob Konkrete Poesie oder elegische Schilderungen der Natur – hier stimmt einfach der Ton, was dieses Buch zu einer großen literarischen Freude macht!
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel (Orig.: El Salvaje, Alfaguara Mexiko) 1. Aufl. 2020, 746 Seiten, Taschenbuch ISBN: 978-3-608-98321-0