Der 1954 in Nagasaki geborene Brite Kazuo Ishiguro erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Nach den Experimenten der letzten Jahre (2015 Svetlana Alexijewitsch, 2016 Bob Dylan) halte ich die aktuelle Wahl für eine gute Wahl, um den Preis wieder auf seinen Kern zurückzuführen – nämlich die Literatur höchstselbst. Nachdem man ja in den letzten Jahren vortrefflich stritt, ob jetzt Songtexte oder dokumentarisches Erzählen zu dieser Definition zählen, wie sie Nobel vorschwebte, hat man nun wieder einen traditionellen Romancier gekrönt.
Schade natürlich, dass es abermals keine Frau geworden ist, die mit dem 9 Million schwedischer Kronen dotierten Preis ausgezeichnet wird; in die engere Auswahl schien es dieses Jahr ja tasächlich nur Margaret Atwood geschafft zu haben. Wenigstens bekommt sie dieses Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels noch einen Preis, der für größere Aufmerksamkeit sorgen könnte. Dass die alten Bekannten Murakami, Roth oder Thion’go abermals verschmäht wurden, scheint schon zur Folklore des Nobelpreises zu zählen. Darüber kann man jammern, lohnen tut es sich auf alle Fälle nicht.
Eine feine Ironie ist es auch, dass ich just gestern Alles, was wir geben mussten aus meinem Bücherregal eine Etage tiefer räumte. Weniger als 24 Stunden später bekommt Ishiguro dann den Nobelpreis. Da bin ich auf alle Fälle schon einmal inspiriert, welche Bücher ich nächstes Jahr am Tag vor der Bekanntgabe des Siegers in meinen Regalen umstellen werden.
Es gibt so Bücher, die nimmt man in die Hand, man liest die ersten Seiten und weiß – das passt einfach. Da stimmt die Sprache, die Charakterzeichnung und die Setzung der Kapitel. Der Plot entfaltet sich Stück für Stück, das Tempo ist genau richtig und die Schilderungen lassen farbige Bilder im Kopf entstehen. Dem Engländer Abir Mukherjee ist mit seinem Debüt genau eines dieser Bücher gelungen.
Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee
Sein Buch Ein angesehener Mann (schön rund ins Deutsche übertragen von Jens Plassmann) entführt direkt zurück nach Indien, und zwar im Jahr 1919. Der Ich-Erzähler Sam Wyndham ist frisch aus England eingetroffen, nachdem er seinen Dienst bei Scotland Yard quittiert hat. Die Ereignisse aus dem Ersten Weltkrieg und der traumatische Verlust seiner Frau haben ihn dazu bewogen, sämtliche Brücken hinter sich abzubrechen und in Kalkutta noch einmal neu zu beginnen. Als Captain versieht er seinen Dienst bei den Polizeistreitkräften im Schmelztiegel Kalkutta und wird schon auf den ersten Seiten des Buches mit einem kniffligen Mord konfrontiert.
Ein wichtiger Berater des Lieutenant-Governors wurde in einer dunklen Seitengasse der Millionenstadt ermordet. In seinem Mund steckt eine Warnung an die englischen Besatzungskräfte. Der Gouverneur ist folglich alarmiert und erwartet von Wyndham und seinen Kollegen Ermittlungserfolge. Doch auch der Militärgeheimdienst steigt in die Ermittlungen ein und macht Wyndham Druck. Und dann ist da auch noch die indische Bevölkerung, die gegen die englischen Kolonialherren aufbegehrt und immer vehementer für Souveränität eintritt.
Abir Mukherjee macht in seinem ersten Buch auf Anhieb gleich alles richtig. Über den Plot transportiert Mukherjee viele Infos über die indisch-britische Geschichte und zeigt ein exotisches Indien, das aus vielen Widersprüchen besteht. Als Sohn indischer Einwanderer (seine Eltern stammen ebenfalls aus Kalkutta) ist er hierfür geradezu prädestiniert. Ihm gelingt es unaufgeregt, dieses brodelnde Indien, das zwischen dem Verlangen nach Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Stärke zerrissen ist so zu zeichnen, dass dabei die Krimihandlung nie zur Nebensache wird, sondern diese hervorragend ergänzt – oder mit anderen Worten: einfach ein stimmiger Krimi!
Von diesem Ermittler liest man gerne noch weitere Fälle!
Die Geschichte der beiden neapolitanischen Freundinnen Lila und Elena geht weiter. Nachdem zunächst die Kindheit und dann die Jugend im Mittelpunkt der Romane standen (Meine geniale Freundin und dann Die Geschichte eines neuen Namens), widmet sich Elena Ferrante nun den erwachsenen Jahren der beiden Freundinnen.
Dabei trennen sich die Wege der beiden Freundinnen recht bald, wie schon der Titel andeutet. Im Vorgängerband zog es Elena zum Studium nach Pisa, wodurch sie sich ihrer Familie und dem dumpfen und gewaltgesättigten Milieu Neapels entzog. Auch nach ihrem Studium bleibt sie Neapel fern, denn sie beschließt zu heiraten. Pietro Airota lernte sie im Zuge des Studiums kennen – nun stehen Verlobung und Heirat bevor.
Lenùs geniale Freundin Lila hingegen bleibt im Rione wohnen und zieht ihr Kind groß. Die Hoffnung auf ein Studium musste sie bereits Jahre zuvor begraben, nun wohnt sie weiterhin am Ort ihrer Kindheit. Ihr täglich Brot verdient sie in der Wurstfabrik von Bruno Soccavo, wo sie sich zahlreichen Schikanen ausgesetzt sieht. Die Freundschaft zu Lena bleibt dabei auch ein Stück weit auf der Strecke – ganz aus den Augen verlieren sich die beiden hingegen nie, wie Elena Ferrante in diesem dritten Teil der Reihe zeigt.
Viel Zeitkolorit
Neben der Freundschaft ist in diesem Roman des Quartetts der zeithistorische Kontext besonders ausgeprägt. Die Kämpfe der Faschisten gegen die Kommunisten, die Studentenrevolten und die vielen wechselhaften Entwicklungen in der Italienischen (und auch europäischen) Geschichte sind hier so präsent wie nie zuvor. Dies ist angenehm, da diese Elemente Abwechslung und Spannung ins Geschehen bringen – etwas, das der Geschichte sonst schmerzlich fehlt.
Im Rione Neapels
Ließ schon Die Geschichte eines neuen Names viel Entwicklung und Dynamik vermissen, so setzt sich das bei Die Geschichte der getrennten Wege fort. Elena Ferrante schildert minutiös die Entwicklungen ihrer beider Hauptcharaktere, und vergisst darüber den Spannungsbogen ihrer Erzählung, der oftmals bedenklich durchhängt. Statt Esprit herrscht so leider so manches Mal Langeweile vor, gerade wenn Ferrante die monotone Arbeit Lilas schildert oder das Hausfrauendasein Lenùs zu ausführlich beschreibt. Das ist besonders schade, da die Erzählung wirklich Potential besitzt, dieses aber zu oft nicht abgerufen wird.
Die Emanzipationsgeschichte der beiden Freundinnen und ihre Freundschaft wäre mit ein paar Straffungen und dem Verzicht auf redundante Szenen deutlich kompakter und lesbarer ausgefallen, so aber bleibt eine etwas kleinteilige und zähe Episode dieses Quartetts, so mein Eindruck. Hoffnung bleibt mir auf den abschließenden Teil der Reihe (der ebenfalls wieder wie alle Bücher von Karin Krieger übersetzt werden wird). Die Geschichte des verlorenen Kindes soll im Februar 2018 erscheinen und die Geschichte, die nun abermals mit einem Cliffhanger endet, zu Ende führen. Seien wir gespannt!
Am kommenden Samstag, 7. Oktober 2017, kommt der preisgekrönte Schriftsteller Sten Nadolny zu einer Literarischen Soiree in die Fuggerstadt. Die Lesung, die von der Augsburger Allgemeinen veranstaltet wird, beginnt um 19:00 Uhr in der Stadtbücherei Augsburg (Eintritt 12 €). Nadolny wird aus seinem jüngst erschienenen Roman Das Glück des Zauberers lesen. Das Buch erzählt vom Zauberer Pahroc, der mit 106 Jahren beschließt, sein Leben aufzuschreiben, um seine Enkelin als Erbin seiner Kunst zu gewinnen.
Im Anschluss gibt es ein moderiertes Gespräch, in dem der Autor Auskunft über sein Schaffen und Schreiben geben wird. Das wird sicherlich höchst hörenswert, gehen doch solche Erfolge wie der Ullsteinroman oder Die Entdeckung der Langsamkeit auf das Konto des 1942 geborenen Autors. Moderiert wird das Ganze von Michael Schreiner.
Im Anschluss an die Lesung und das Gespräch gibt es dann eine Neuausgabe des Literarischen Salons. Zusammen mit Wolfgang Schütz und Stefanie Wirsching (beide Augsburger Allgemeine) und Buchhändler Kurt Idrizovic werde ich über folgende drei Neuerscheinungen diskutieren:
Zwei der Bücher fand ich fabelhaft – eines wirklich unterirdisch (fleißige Blogleser können sich hier schon ein Bild machen, welches Buch von meinem Zorn getroffen werden wird …). Die Diskussion wird von daher auf alle Fälle kontrovers, bunt und regt im besten Falle hoffentlich zur Lektüre an. Und auch Bücher gibt es im Anschluss noch zu gewinnen …
Karten für den Literarischen Abend gibt es bei uns in der Stadtbücherei, bei der Buchhandlung am Obstmarkt und beim AZ-Ticketservice, Maximilianstraße 3, Augsburg. Ich würde mich freuen – eine Blogleser an diesem Abend zu treffen!
Es ist kein Heimweh, an dem Raimund Merz in Lichter als der Tag leidet – es ist Lichtweh. So formuliert es Mirko Bonné in seinem neuen Roman, der sich um das Leben und die Liebe jenes Raimund Merz dreht. Das Licht, nachdem er sich verzehrt, findet sich manchmal im Hamburger Bahnhof. Wenn es im richtigen Winkel und zur richtigen Zeit durch die Scheiben des Bahnhofs dringt, erzeugt es eine Stimmung, die Merz glücklich macht und Energie für seinen kargen Alltag tanken lässt. Denn dieser ist alles andere als lichtdurchflutet, wie Bonné in Lichter als der Tag zeigt.
Raimund Merz lebt in Hamburg eine scheinbare Vorzeigeehe. Tochter, erfolgreiche Kieferchirurgin zur Frau, Eigenheim – was will man da schon mehr? Doch die Gefühle und Leidenschaft gibt es schon lange nicht mehr in Merz‘ Beziehung. Denn Merz ist eigentlich in Inger verliebt, eine Freundin aus Kindertagen. Ihr gilt sein Streben und seine Sehnsucht. Doch diese ist mit Moritz verheiratet, einem weiteren gemeinsamen Freund aus Merz‘ Jugend.
Diese vier Figuren bilden das Kernstück von Lichter als der Tag. Bonné betrachtet die Geschichte der Freunde und ihre Wege durch das Leben interessiert und schildert diese Wege von Jugendjahren an. Das von Bonné verwendete Motiv der ménage a quartre kennt der literaturhistorisch gebildete Leser natürlich – und auch in zahlreichen Rezensionen (Verlagswerbung inklusive) wird darauf hingewiesen: Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften standen bei der Figurenkonstellation dieses Romans Pate. Welches richtige Leben ist nach der Hochzeit der falschen Partnerin möglich? Diese Frage beleuchtet Bonné in seinem Roman eingehend.
Vom richtigen Leben und dem falschen
Er spielt im Buch eine zentrale Rolle: Der französische Landschaftsmaler Camille Corot
Wer das Buch nun aber nur als Wahlverwandtschaften-Update liest und betrachtet, der wird dem Buch aber nicht gerecht. Viele weitere Themen sind es, die der Hamburger Autor in seinem Buch unterbringt. Insekten haben genauso ihre Funktion wie auch die Kunst, die eine wenn nicht DIE zentrale Rolle in Lichter als der Tag spielt (nicht zufällig endet ja schon der Vorgängerroman Nie mehr Nacht in der Kunsthalle Hamburgs). Cy Twombly und Jean-Baptiste Camille Corot sind Leitmotive, die sich durch den ganzen Roman ziehen.
Der Roman ist wie ein Triptychon gestaltet, neben seinen vielen mäandernden Motiven und wechselnden Schauplätzen ist es besonders die Sprache, die durch Feinheit und Zurückhaltung überzeugen kann. Immer wieder fallen Bonné schöne Bilder und Formulierungen ein, wie etwa diese, wenn es um die karge Existenz Raimund Merz‘ geht:
In einem Charlottenburger Keller saß er reglos an einem Pult und überlegte, wie er sich am besten aus seinem eigenen Leben herausschlich.
Bonné, Mirko: Lichter als der Tag, S. 154
Das Buch ist für den Deutschen Buchpreis nominiert, es findet sich mit neunzehn weiteren Titeln auf der Longlist 2017. Die Nominierung ist auf alle Fälle gerechtfertigt, schließlich weiß Bonné sein Buch zu gestalteten und in die passende Sprache zu kleiden. Für einen Sprung auf die Shortlist fehlt mir bei diesem Buch dann doch etwas Ambition und der Wille zum Wagnis. Eine präzise gepinselte neue Version der Wahlverwandtschaften ist mir insgesamt etwas zu wenig, auch wenn das Ende noch etwas Drive und Ankänge an Donna Tartts Epos Der Distelfink mit sich bringt. Ein sprachlich und inhaltlich schöner Roman, den Bonné für meinen Geschmack noch etwas mehr gegen den Strich hätte bürsten können …