Peter Høeg – Der Susan Effekt

The Great Danish Family

Susan Svendsen ist eine mehr als ungewöhnliche Frau: sie ist Experimental-Physikerin, hat eine Vorliebe für das physikalisch korrekte Kochen und Backen und spielt die Hauptrolle in Peter Høegs neuem Roman Der Susan-Effekt.
http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-susan-effekt/978-3-446-24904-2/
Nach seinem Welterfolg Fräulein Smillas Gespür für Schnee handelt es sich nun bei seinem neuen Roman wieder um eine Mischung aus Thriller und philosophischem Roman, der eine starke Frauenfigur in den Fokus stellt. Der titelgebende Susan-Effekt wurde dabei von Susans wissenschaftlicher Ziehmutter Andrea Fink entdeckt, die erstmals ein Phänomen klassifizierte, das Susan umgibt: sämtliche Menschen in Susans Umgebung geben im Gespräch mit ihr nämlich das Innerste preis, ähnlich wie bei einem Wahrheitsserum. Und dieser Effekt ist es auch, der die Dänische Regierung brennend interessiert, da er Susan für eine ganz bestimmte Mission prädestiniert. Sie soll sich auf die Suche nach verschwundenen Dokumenten der sogenannten Zukunftskommission machen. Wie Susan langsam herauszufinden beginnt, hat diese Kommission nämlich vor Jahrzehnten zahllose Prognosen und Vorhersagen gemacht, die nahezu komplett so eintraten. Doch während Susan mit Hilfe ihrer hochkriminellen Great Danish Familiy den Dokumenten und Mitgliedern auf die Spur zu kommen versucht, sterben die Mitglieder der Zukunftskommission hintereinander.
Peter Høeg hat einen Roman geschrieben, der Elemente eines Thrillers mit physikalischen Erklärungen und philosophischen Betrachtungen paart. Seine Heldin Susan Svendsen ist dabei eine Alleskönnerin, die mit dem Kuhfuß in ihrer Tasche genauso umzugehen weiß wie mit Männern oder kalibrierten Herden.
Diese fast übermenschlich anmutendende Heldin strapaziert mit ihren ellelangen Ausführungen zu physikalischen Phänomenen und Ähnlichem die Geduld des Leser das ein um das andere Mal. Dann gibt es aber auch wieder Passagen, die zum Nachdenken anregen oder innehalten lassen.
Realismus ist Peter Høegs Sache aber nicht: was Susan angeht, das gelingt ihr. Sie entgeht professionellen Killern, schafft es, im Getriebe der Macht zu bestehen und sogar die Croissants im Backofen gehen bei ihr auf. Glaubwürdig ist an Der Susan-Effekt nahezu nichts.
Das Showdown-Ende in bester James-Bond-Manier lässt den Roman, der Potential zu etwas Ungewöhnlichem gehabt hätte, leider dann doch sehr konventional und fast ein wenig enttäuschend enden.
Generell liegt das Problem des Buchs in seinem Bogen, den Høeg zunächst sehr groß anlegt (die Zukunftskommission, Morde an den Mitgliedern, die Lebensgeschichte von Susans Familie, die Leichen im Keller der dänischen Politik, etc.), dann aber nicht konsequent auserzählt. Stränge laufen ins Leere und für den Budenzauber, den er betreibt, endet das Ganze dann höchst profan.
Ein Lob an dieser Stelle gebührt der Lesung durch Sandra Schwittau. Die ungekürzte Lesung wird von der Schauspielerin mit Nüchternheit, manchmal auch sanfter Ironie oder knallharter Strenge vorgetragen. Sie verleiht Susan Svendsen eine schroffe, markante Stimme. Eine gute Wahl für das neun CDs und über elf Stunden umfassende Werk des dänischen Starautoren!

Jason Starr – Phantasien

Vorstadt-Phantasien

Phantasien hegen sie alle, die Bewohner der amerikanischen Savage Lane, einer Vorstadtzeile wie aus dem Bilderbuch. Mark träumt von einer Affäre mit seiner alleinstehenden Nachbarin, seine eigene Frau setzt die Phantasie einer Affäre gleich einmal in die Tat um, und zwar mit einem 18-jährigen Jungen. Ausgehend von diesen Personen entfaltet Starr in seinem Roman ein Panoptikum des Begehrens, Vertuschens und Lügens. Immer mehr Figuren geraten in den Starr’schen Fokus und werden unbarmherzig seziert.
In seinem bereits neunten beim Schweizer Diogenes-Verlag erschienenen Buch macht Starr das, was er schon immer am besten konnte – mit großer Lust Menschen scheitern und sie sich in mörderische Umtriebe verstricken lassen. Bei den Bewohnern der Savage Lane ist das auch nicht anders, schließlich bezieht sich der doppeldeutige Originaltitel des Buchs auch den Charakter der Bewohner des Vororts . Immer undurchdringlicher wird das Gespinst aus Realität und Fantasie – bis die Bewohner der Straße die von ihnen losgetretenen Dynamiken kaum mehr überblicken können und der erste Todesfall zu beklagen ist.
Allzu tiefenscharf leuchtet Jason Starr seine Figuren nicht aus, aber ihm geht es in diesem Roman auch um etwas Anderes: wie können sich Begehren und Hoffnungen im maximal schlechtesten Fall entwickeln? Die Dynamiken, die er im Gewand einer bitterbösen, tiefschwarzen Komödie erzählt, sind frappant. Meist reden die Personen aneinander vorbei, missinterpretieren das Verhalten des Gegenübers oder überschreiten Grenzen.
Immer wieder berichtet er aus unterschiedlichen Blickwinkeln, lässt Szenen überlappen und springt zwischen den hypokritischen Figuren hin und her.
Immer schneller wird sein Strudel, in den die Savage-Lane-Bewohner gezogen werden – bis hin zum Finale, dass trotz allem etwas abrupt erscheint. Denn wer Starr kennt weiß, dass Happy Ends und Harmonie zum Schluss eines Buchs hin nicht seine Sache sind.
Wer in diesem dunklen Herbst Lust auf noch viel dunklere und kurzweilige Lektüre hat – herzlich willkommen in der Savage Lane!

Ben Aaronovitch – Fingerhut-Sommer

Peter Grant auf dem Land

Ab in die Provinz: Nachdem er sich in London nur knapp seiner Haut erwehren konnte (siehe Der böse Ort) muss Peter Grant dem wimmeligen London diesmal den Rücken kehren. Ein Fall von Kindsentführung in der englischen Provinz fordert ihn. Also ab ins Grüne, oder wie es Peter selbst formuliert:

„Jenseits des Flüsschens Teme gab es dann nur noch verschlungene, einspurige Sträßchen, die durch ein derart fotogenes Idyll führten, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn mir hinter der nächsten Kurve Bilbo Beutlin persönlich entgegengekommen wäre, immer vorausgesetzt, der hatte sich inzwischen einen Nissan Micra angeschafft.“

Ben Aaronovitch, Fingerhut-Sommer, S. 17

Dort sind zwei Mädchen zusammen spurlos verschwunden. Weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass eine übersinnliche Kraft mal wieder ihre Finger im Spiel hat, wird der Constable von seinen Vorgesetzten auf Mission geschickt. Vor Ort stößt er auch schnell auf erste Spuren, die ihn daran zweifeln lassen, dass es bei der Entführung mit rechten Dingen zugegangen ist.

Freunde berichten von einem unsichtbaren Pferd, mit dem eines der Mädchen befreundet gewesen sein soll. Die Mobiltelefone der Mädels scheinen von Magie pulverisiert worden zu sein und ein Schaf liegt plötzlich von einem großen Horn getötet auf einer Weide.

Was verbindet all diese einzelnen Vorkommnisse? Der smarte aber auch manchmal leicht tollpatschige Peter ermittelt sich von Vorgarten zu Vorgarten und erhält Unterstützung von der Flusstochter Beverley Brook, die die Fans schon aus den Vorgängerbänden kennen.

Eine Binnenfolge in der Serie

Ben Aaronovitch - Fingerhut-Sommer (Cover)

Fingerhut-Sommer ist wie eine hervorragende Binnenfolge einer Fernsehserie, die die Zeit zwischen zwei essenziellen Folgen bindet. Zwischenmenschlich entwickeln sich die Charaktere fort, doch die spektakulären Ereignisse, die in Der böse Ort ihren Anfang nahmen, werden nur angerissen und scheinen erst im Folgeband eine wichtige Rolle zu spielen. Die Spannung darauf bleibt auch nach dem Ende des Titels bestehen.

Auch in diesem Band, dem mittlerweile fünften Band der Reihe, feuert Ben Aaronovitch seine bewährte Mischung aus Magie, Ironie und Krimi ab, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen zu zeigen.

Das Einzige, das bei Fingerhut-Sommer für mich negativ ins Gewicht fiel, war der Schluss, der unter dem Herannahen einer Abgabefrist geschrieben worden zu sein scheint.

Dies schmälert das Buch ansonsten aber nicht in großem Rahmen, Ben Aaronovitch ist und bleibt mit diesem Buch weiterhin ein Garant für unglaubliche, spannende und witzige Titel mit dem gewissen Schuss Britishness.

So bleibt nach dem Ende des Fingerhut-Sommers nur zu hoffen, dass der Brite Aaronovitch schnell nachliefert!

Jo Nesbø – Blood on snow – Der Auftrag

Nesbøs Noir-Pulp

Jo Nesbø hat die Seiten gewechselt. Stand er bei seiner Harry-Hole-Reihe immer auf der Seite der Polizei, so hat er mit seinen anderen Romanen schon mal die Abweichung vom Pfad der Tugend gewagt. Nun ist er auf der komplett anderen Seite des rechtlichen Spektrums angekommen und widmet sich einem Killer.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/blood-on-snow-der-auftrag-9783550080777.htmlDieser heißt Olav und ist starker Analphabet. Er hat kein Problem damit, sich unterzuordnen und die zweite Geige zu spielen. Dies tut er allerdings mehr als gut, denn als Auftragskiller ist er in den 70er Jahren für den Osloer Drogendealer Hoffmann tätig und expediert in dessen Auftrag lästige Konkurrenz.
Nun bekommt es Olav allerdings mit einem folgenschweren Auftrag zu tun. Er soll die Frau seines Bosses liquidieren – allerdings entwickelt er Gefühle für sie. Stattdessen tötet ihr ihren Liebhaber, der sich als Hoffmanns Sohn entpuppt. Fortan steht Olav damit auf der Abschussliste von Hoffmann selbst. Kann ihn das Überlaufen zur Konkurrenz retten?

Die Story hinter Blood on snow – Der Auftrag ist wahrlich nicht sonderlich neu. Der pulpige Plot ist schon mehr als genug ausgewalzt worden. Was das Buch in meinen Augen allerdings von dem Durchschnitt abhebt, ist die Technik des unzuverlässigen Erzählers, bei dem man sich nicht sicher sein kann, was nun stimmt und was nun der Fantasie des Erzählenden entsprungen ist. Gerade nach dem Ende des Buches blieben für mich noch Fragen übrigen, die das Geschehen noch einmal neu überdenken und interpretieren lassen.

Die Schreibe Jo Nesbøs ist gewohnt knackig und präzise. Auch an der Übertragung von Günther Frauenlob ins Deutsche lässt sich nicht viel bekritteln. Das Buch mit seinen lediglich 186 Seiten ist gut gestaltet, der schwarze Buchschnitt passt sich gut in die gesamte Erscheinungsweise des Buchs ein.

Interessant bleibt auch, was Nesbø im zweiten Roman aus dem Blood-on-Snow-Universum zaubert. Dieses Buch soll im Februar 2016 unter dem Titel Blood on Snow – Das Versteck erscheinen und richtet seinen Fokus auf Ulf, der als Geldeintreiber für den Fischer arbeitet, der auch im vorliegenden Buch eine zentrale Rolle spielt.

David Pfeifer – Die rote Wand

 Krieg in den Alpen

Ein Mädchen wird zum Mann, beschließt sich die Haare abzuschneiden, sich beim Militär einzuschreiben und zu kämpfen. Aus dem jungen Mädchen wird Richard, der mit seiner Truppe im Ersten Weltkrieg in den Dolomiten in Südtirol in den Bergen die Stellung gegen die herannahenden Italiener verteidigen muss. Eine Himmelfahrtsmission inmitten von Schnee, Steinschlägen und Kanonendonner.

Die Geschichte, auf der David Pfeifers dritter Roman basiert, ist allerdings nicht ausgedacht, vielmehr spinnt er seine Version der damaligen Ereignisse um die Biographie der historisch verbürgten Figur der Viktoria Savs, die tatsächlich im Alter von 15 Jahren diese wahnsinnige Unternehmung bestritt.

Pfeifer erzählt vom kargen Ausharren auf Bergspitzen, weil es die Offiziere so angeordnet haben. Inmitten der Männer wird das Mädchen selbst zu einem vorbildlichen Kämpfer, sie hält mit den Männern mit und schleppt schweres Material auf Berge, erlegt Gämsen und verteidigt Stellungen. Doch der Krieg fordert auch hohe Opfer, Kriegsgefangene wie Soldaten aus der eigenen Truppe sterben oder werden vom Feind erschossen. Die Rote Wand, so der Name einer Bergformation, soll zum entscheidenden Wendepunkt des Kampfes um die Alpen und Tirol werden. Die Truppe um Richard scharrt sich zum letzten Gefecht.

Mit Die Rote Wand hat sich David Pfeifer wirklich ein spannendes Thema ausgesucht, das aus dem breiten Bewusstsein schon verschwunden ist. Wie kam es, dass Südtirol von Tirol abgetrennt wurde und wie hat man sich den Krieg in den Bergen vorzustellen? Im Buch des österreichischen Autors wird all das wieder lebendig.

Etwas mehr Tiefe wäre wünschenswert

Ein hochspannendes Sujet, leider gelang es Pfeifer für mein Empfinden nicht, die Figuren in seinem Buch mit Leben zu füllen. Die Kämpfe des Mädchens in den Baracken auf den Bergen, sein Einsatz und die Opfer, die die Kämpfe in den Bergen kosteten, werden klar dargestellt. Wie es in „Richard“ drinnen aussieht, dafür interessiert sich Pfeifer eher weniger. Auch die anderen Soldaten sind eher mit groben Pinsel gezeichnet, hier hätte ich mir ein wenig mehr Tiefe und Ausleuchtung gewünscht.

Manchmal kippt mir das Buch für mein Empfinden auch zu sehr in eine Art Landserroman, wenn die Kameradschaft auf dem Berg beschworen wird. Dies konnte mich nicht wirklich überzeugen.

So bleibt bei mir nach der Lektüre von Die Rote Wand das Gefühl einer Lehrstunde über den ersten Weltkrieg in den Alpen zurück. Der Roman sensibilisiert für das Thema, die Figuren, die in der Roten Wand kämpfen, können dafür nicht so mitreißen.

Ein positives Wort sei nur noch über die Gestaltung des Buchs sowie die vorbildlich ergänzende App verloren, die kostenlos tolle Hintergrundinfos und Bilder zu den Locations im Buch liefert. Dies wünscht man sich öfters bei solchen Büchern!