Christoph Poschenrieder – Mauersegler
In Würde altern
„Die Frage ist nicht, wie alt man wird, sondern wie man alt wird.“
Dieses Zitat ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt von Christoph Poschenrieders Roman Mauersegler.
Die fünf Herren aus Christoph Poschenrieders Roman wollen da alles ganz anders machen. Als gut situierte und distinguierte Herren haben sie eigentlich alles erreicht. Da sie schon seit der Kindheit als Clique zusammengeschweißt sind, beschließen sie eines schönen Abends, eine Alten-WG zu eröffnen. Nach einer Standortsuche wird diese am idyllischen Ufer des Starnberger Sees gefunden, Geld spielt bei allen Entscheidungen keine Rolle, haben es die Herren doch meistens gar nicht so schnell ausgeben können, wie es hereinkam. Vom Theaterregisseur über den IT-Mogul bis hin zum Kultur-Schreiberling (der als Ich-Erzähler auch von der Entwicklung der Alten-WG berichtet) ist ein buntes Panoptikum an schrulligen Charakteren vertreten.
Behutsam schildert Poschenrieder die WG, die von einer Schnapsidee zum privilegierten Vorzeigeobjekt reift, ehe erste Schwierigkeiten auftreten. Denn der Autor glorifiziert nicht, auch wenn seine WG kaum ein Modell für weite Teile der monetär nicht so gut betuchten Gesellschaft darstellen dürfte. Als schließlich das Todesengel-Programm ins Leben gerufen wird, da der erste der fünf Senioren nicht mehr weiter leben möchte, bekommt die Erzählung dann eine neue dunklere Tonalität. Doch Poschenrieder spart nichts aus, gehört doch das Sterben genauso zum Leben.
Die Probleme der Alten-WG, in einem Presseartikel auch einmal WGaga genannt, regen manchmal zum Schmunzeln an, manchmal lassen sie aber auch daran denken, wie es mit einem selbst einmal kommen wird. Gelungen beschreibt Poschenrieder den Verfall über Jahre – während in der Bundesrepublik die Kanzler wechseln und die Mark verschwindet, sieht und hört der Ich-Erzähler Carl immer weniger und die Gedanken (genauso wie seine Erzählung) schweifen immer einmal wieder ab.
Mit in den Textkorpus eingewobenen Fetzen von Programmiertext reichert Poschenrieder seine Geschichte an und vergisst bei allem Ernst über die Fragen des Alterns und Sterbehilfe auch nicht den Humor, der an einigen Stellen hervorzutreten weiß und dem Mauersegler viel Schwere nimmt.
So macht er aus seinem Stück ein in dunklen und hellen Farben funkelndes Stück Literatur, das mit einer angenehm gewählten Sprache zu überzeugen und am Ende mit einer netten Pointe aufzuwarten weiß. Ein Buch, das man Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott zur Seite stellen möchte!
Anthony Marra – Die niedrigen Himmel
Mein Lieblingsbuch des Jahres
Paul Finch – Spurensammler
No more Mr. Nice Guy
Volker Weidermann – Ostende
Zweig am Strand
Ostende, 1936: Hier versammeln sie sich ein letztes Mal, all die Autoren, die wir heute unter dem Begriff der Exil-Autoren bündeln: Arthur Koestler, Hermann Kesten, Irmgard Keund und allen voran das ungleiche Duo Joseph Roth und Stefan Zweig.
In jenem kleinen belgischen Strandort treffen sich diese unterschiedlichen Figuren, die die Flucht vor dem Naziregime eint, das seine gierigen Finger über den gesamten europäischen Kontinent ausstreckt.
Als jüdische Schriftsteller verfemt gelingt es den Autoren kaum mehr, ihre Bücher abzusetzen – nur die Publikation im Ausland verspricht noch einen Erfolg. Doch von Fatalismus merkt man den Zusammenkünften in Ostende nicht viel an. Die SchriftstellerInnen feiern ein letztes Mal das Leben in dem kleinen Städtchen, helfen sich gegenseitig mit Ideen aus und machen sich gegenseitig Aufwartungen.
So könnte es gewesen sein, wie es Volker Weidermann in Ostende beschreibt. Vom Umfang her eher eine Novelle, berichtet der kommende Chef des Literarischen Quartetts von den einzelnen Figuren, die das Strandbad bevölkern. Seinen Schwerpunkt legt er hierbei auf die Freundschaft zwischen Jospeh Roth, dem schweren Trinker, und Stefan Zweig, dem Autorenstar, der später nach Südamerika emigrieren wird. Er zeigt zwei Schriftsteller, die sich gegenseitig Inspiration schenken (Joseph Roth wird Zweig bei einer literarischen Passage weiterhelfen, an der der Großmeister zu scheitern drohte), und die sich gegenseitig noch etwas Halt geben, auch wenn eigentlich alles schon zu spät ist.
Ein letztes Mal kreativ sein
Was das Buch besonders traurig macht, sind die Schicksale, die den Autoren und Autorinnen allesamt bevorstehen. Alt werden die wenigsten der Ostende-Gruppe, Suizid und das Verscheiden in jungen Jahren ist den meisten der Exil-Autoren gemein. Umso wichtiger, dass Weidermann ihnen noch einmal ein Denkmal gesetzt hat.
Im Nachklapp versammelt er noch einmal kurz die Lebensläufe der Autoren und ihr Ende. Dies macht betroffen, sind doch viele der Autoren und Werke aus dem allgemeinen Bewusstsein schon wieder verschwunden. Die Lektüre von Ostende regt auf jeden Fall dazu an, sich einmal mit dem Opus eines Stefan Zweigs oder Joseph Roths zu beschäftigen. Doch bei allen Fakten: So etwas wie Quellenangaben fehlen seinem Buch hingegen vollständig, womit es für mich irgendwo zwischen Nacherzählung und Biografie zu verorten ist. Als reines Sachbuch funktioniert Ostende nicht, vielmehr hätte es so gewesen sein können, wie Weidermann schreibt.
Wollte man mit den Mechanismen eines großen digitalen Buchhändlers operieren, müsste man sagen: Lesern, denen 1913 von Florian Illies gefiel, gefällt auch Ostende von Volker Weidemann. Nicht zu anspruchsvoll geschrieben vereint das Buch in Schlaglichtern zahlreiche Autorenschicksale und ist eine gute Einführung in das Genre der deutschen (und jüdischen) Exilliteratur.

