Es gleicht einem Wunder, dass wir miteinander sprechen und uns verstehen – zumindest nach der Lektüre von Elias Hirschls neuem Roman Schleifen. Denn darin erzählt er von babylonischer Sprachverwirrung, von sprachfanatischen Sektenanhängern, Medikamenten, bei denen die Lektüre des Beipackzettels erst die Wirkung entfaltet oder einem Kreisel in Japan, auf dem sich ganz eigenes Biotop entwickelt. Dieser Roman schäumt fast über vor lauter erzählerischer Energie und Erfindungsreichtum.
Wieder einmal muss man konstatieren – tu felix, austria. Denn wo bei uns meist eine uniforme Schreibschulprosa der nachwachsenden Schriftsteller*innengeneration den Eindruck von literarischer Monokultur verströmt, da wächst und wuchert es in Österreich auf das Herrlichste. Autor*innen wie Clemens J. Setz oder Raphaela Edelbauer schreiben an einem ganz eigenen Werk und entwerfen Plots fernab von jeder erzählerischen Schablone. Skurril, eigen, verspielt und mutig sind diese Stimmen, zu denen man besonders nach seinem neuesten Wurf auch unbedingt Elias Hirschl zählen muss.
Es empfiehlt sich fast, seinen neuen Roman unter einer Schutzhaube zu lagern, da Schleifen vor lauter Ideen und schöpferischer Kraft nur so sprüht und sprudelt.
Nach seinem Roman Content, der sich mit den Mechanismen von Social Media und der Schaffung des Mülls befasste, der uns in den digitalen Weiten täglich begegnet, widmet sich Schleifen einem noch viel omnipräsenteren Thema, nämlich dem der Sprache. Ihr Wirkweise, ihre Vieldeutigkeit, aber auch die Gefahr, die in Sprachen lauern kann, das sind Themen dieses Romans, dem man nicht vorwerfen kann, unterambitioniert oder unterfordernd zu sein.
Franziska Denk und Otto Mandl
Ausgangspunkt ist das Paar Franziska Denk und Otto Mandl. Er Mathematiker, sie Sprachexpertin vor allem für ausgefallene Sprachen und Sprachsysteme. Die Freundschaft der beiden beginnt im Schatten des Wiener Kreises, bei dem Größen wie Gödel oder Wittgenstein zusammenfinden, um über die Logiken der Sprache und ihre Grenzen zu debattieren.
Franziska Denk weckt schon in Jugendjahren die Neugier des Kreises, da sie unter einer ganz besonderen Krankheit leidet. So zeigen sich bei ihr sämtliche Symptome von Krankheiten, von denen sie zuvor lediglich gehört hat, was Elias Hirschl dann auch zum schönen Romanauftakt befleißigt, der da lautet „Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder“.
Die Frau, in deren Verwandtschaft angeblich schon die Lektüre von Sterbeanzeigen zu Todesfällen führte und die Lektüre von Beipackzetteln ganze Krankheitskaskaden auslöste, sie fasziniert Otto, dessen Suche nach Logik und Kohärenz in mathematischen Bezugsystem mit der Faszination Franziskas für ebenjene Faktoren bei Sprachen aufs Beste harmonieren.
Deshalb wolle er nun Kontakt herstellen, diese zwei Schnittstellen miteinander verbinden. Er habe eine Skizze mitgeschickt von einer Mathematik, an der er gerade selbst arbeitet, es handle sich um eine bloße Spielerei, nichts Besonderes, ein Hektalsystem, also ein arithmetisches Gefüge, das statt den üblichen zehn Ziffern gleich hundert verschiedene Symbole benutzte. Er erhoffte sich davon eine Lösung für das Problem des strong law of small numbers, nach des zu wenig kleine Zahlen gibt für all die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Also habe er einfach ein paar zusätzliche kleine Zahlen hergestellt – einhundert davon.
Elias Hirschl – Schleifen, S. 65 f.
Logik, Sprachsystem und die reine Mathematik
Der Mathematiker und die Sprachexpertin, die sich auf exotische Sprachen und Plansprachen wie das Esperanto verlegte, um dem Symptomleiden von Krankheiten in den gängigen Sprachen zu entgehen, sie werden ein Paar und entwickeln sich doch in ganz unterschiedliche Richtungen. Denn während Otto im Nachlass seines Vaters bahnbrechende Erkenntnisse entdeckt, diese aber nicht mehr teilen kann, weil er auf einer Reise in Japan in einem Verkehrskreisel verschütt geht, entwickelt Franziska ganz eigene Sprachen und Sprechweisen – und geht den Weg in die Radikalisierung.
Recht viel mehr sollte man bei diesem immens kreativen und spielfreudigen Roman gar nicht verraten, denn immer wieder sind es Erzähleinfälle von Hirschl, die auf den Seiten begeistern. Und auch wenn das Buch durchaus theorielastig ist, sich mathematische Beschreibungen wie die oben zitierte immer wieder im Text finden oder Schnittmengen zwischen Mathematik und Sprachwissenschaften wie etwa das Zipf’sche Gesetz erkundet werden, so vergisst Hirschl doch auch nicht den Unterhaltungsanspruch und geht auch mit einer gehörigen Dosis Quatsch zu Werke.
Da finden sich fiktive Denker, da ballen sich Anagramme, bei denen Walter Moers mit seinem zamonischen Anagrammspaß etwa eines Doelerich Hirnfidler grüßt, da werden Quellen erfunden, da wird in Fußnoten großer Quatsch behauptet, der sich dann aber wieder als wahr erweist, da scheint sogar die Möglichkeit eines Turms von Babel in glaubhafter Reichweite zu liegen.
Je weiter man sich in die Welt von Schleifen hineinwagt, umso absurder, umso existenzieller wird aber auch dieses Erzählen von Elias Hirschl, der bis in den Anhang hinein kreative Ideen und Gags präsentiert, etwa den Wahnwitz einer hundertseitigen Novelle, die Franziska Denk ersonnen haben soll, bei der sich kein einziges Wort wiederholt – oder die Möglichkeit einer Palindrom-Lyrik, die der 1994 geborene Österreich dann prompt gleich selbst vorexerziert.
Die Lust am literarischen Spiel
In diesem Roman verbindet sich Ernsthaftigkeit mit der Lust am Spiel, was en passant auch die Fragen von Radikalisierung und die Faszination des Querdenkertums tangiert. Wie können wir uns verständigen – und welche Wirkkraft entfaltet Sprache und wie teilt sie auch unsere Wahrnehmung? Es sind große Fragen, die bei aller Freude am literarischen Spiel in Elias Hirschls Text mitschwingen.
Das Einzige, das man diesem wild sprühenden Roman vorwerfen könnte, wenn man denn möchte, liegt in der Konstruktion begründet. Die Tatsache, dass der Roman vom Titel an bis hin in die Erzählmotive immer wieder von Schleifen handelt, Hirschl das aber nicht nutzt, um einen Ringschluss in seinem Buch herzustellen und so ein literarisches Möbiusband zu weben, das ist ein kleiner Wermutstropfen, der durch das große Spiel und die unbändige Freude am Erzählen aber wieder mehr als wettgemacht wird.
Fast möchte man sich nach der Lektüre selbst einen Buchdeckel auf den Kopf setzen, wie es einige Figuren in Schleifen tun, um seiner Begeisterung für diese kreative Schaffenskraft Ausdruck zu verleihen!
- Elias Hirschl – Schleifen
- ISBN 978-3-552-07588-7 (Zsolnay)
- 408 Seiten. Preis: 26,00 €




