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Von der Wirkungslosigkeit der Literatur

Angesichts dieser Überschrift zunächst ein paar Worte vorweg. Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich schätze Literatur über alle Maßen. Ich halte sie für sinnreich, aufklärend und in ihren besten Momenten für identitätsstiftend, wenn nicht gar befreiend. Wäre das anders, würde ich auch sicher dieses Blog hier nicht betreiben.

Ich würde mich durchaus als Literaturverfechter bezeichnen. Einer der Qualität, Relevanz und gutes Schreibhandwerk schätzt, Autor*innen kritisch begleitet und der sich auch bei rituellen Branchenspezifika wie etwa Buchmessen oder Preisverleihungen umtut. Literatur bereichert mein Leben und ich möchte sie nicht missen. Das schicke ich meinen Worten hier eindeutig voraus, um kein Missverständnis hinsichtlich des Folgenden entstehen zu lassen.

Literatur ist gesellschaftlich nicht relevant

Ich schätze Literatur sehr. Ich halte sie aber auch für weitestgehend wirkungslos. Wirkungslos in dieser Hinsicht, dass man Literatur auf eine Funktion in der Realität sublimieren möchte. Denn eine Instrumentalisierung von Büchern für bestimmte Anliegen und Zwecke ist zumeist so wirkungslos wie deplaziert.

Einmal mehr hat das die aktuelle US-Wahl eindrücklich gezeigt. Schon vor der Wahl Donald Trumps gab es zahlreiche Bücher, die seine Karriere und seinen Weg in die Politik beleuchteten. Seitdem sind Regalmeter um Regalmeter dazugekommen. Die meisten dieser Bücher sind sich in ihrer Ablehnung Donald Trumps und der Verdammung seiner Praktiken einig. Das reichte von medial breit besprochenen Titeln wie etwa den zwei Enthüllungsbücher von Reporterlegende Bob Woodward bis hin zu breit orchestrierten und in vielen Teilen der transatlantischen Leserschaft medial antizipierten Bestsellern wie etwa Feuer und Zorn von Michael Wolff. Nicht nur diese, sondern auch innerfamiliäre Enthüllungen wie etwa die von Trumps Nichte Mary Trump offenbarten die teilweise pathologische Großmannsucht, Lügen, Übertreibungen, fragwürdiges Geschäftsgebaren und Doppelzüngigkeit.

Nicht nur diese breit rezipierten Bücher ergaben ein vieldeutiges Bild des Präsidenten und seiner Verfasstheit. Auch literarisch irrelevante Werken wie die Insiderberichten von John Bolton oder James Comey fluteten den Büchermarkt und fanden großen Absatz. Für die (temporäre) Nachfrage ließ man in Deutschland teilweise die Übersetzer*innen im Dutzend und Akkord arbeiten, um dem öffentlichen (und natürlich auch wirtschaftlichen) Interesse möglichst rasch Genüge zu tun. Man kann also kaum sagen, dass das Themenfeld Donald Trump und dessen Abgründe auf dem Buchmarkt nicht abgebildet worden wäre. Es lag und liegt alles auf dem (Bücher-)Tisch

Keine Funktionieren der Literatur in der Realität

Und nun stellt sich heraus, dass trotz dieser dutzenden Aufklärungsbüchern und Insiderberichten im Übermaß dieser Präsident ohnegleich fast vor einer zweiten Amtszeit stehen könnte. Er hat neue Wähler erreicht, seine Basis ausgebaut und geht gestärkt aus vier furchtbaren Präsidentschaft hervor. Wirkungsvoller kann man die Irrelevanz der Literatur hinsichtlich gesellschaftlicher Prozesse und Entwicklungen nicht zeigen. Angewendet auf die Realität muss Literatur scheitern. Das geschriebene Wort, es vermag den Lauf der Dinge nicht wirklich zu beeinflussen, mögen auch gute Intentionen hinter diese Interpretation von Literatur verbergen.

Natürlich werden viele Sonntagsreden geschwungen und das Loblied auf die Literatur gesungen. Viele Preisverleihungen, Matineen oder Messeeröffnungen sind voller pathosgesättigter Worte, die immer wieder die These heraufbeschwören, Literatur könne uns und die Geschichte ändern. Ich finde sie allerdings reichlich wohlfeil.

Wie gering ihr Einfluss in Wirklichkeit ist, das hat diese US-Wahl und die Informationsfülle wieder einmal mehr gezeigt. Alles ist bekannt und publiziert – die meisten Menschen interessiert es allerdings nur peripher und/oder geht an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei.

Auch hier in Deutschland lässt sich die Entwicklung beobachten. Mag die Realität die Literatur durchaus beeinfluss, so gilt das nicht umgekehrt. Während der mediale Raum für die Literatur schwindet und dem Buchmarkt die Buchkonsument*innen abhanden kommen, hält man an den Sonntagsreden fest und beschwört ein Bildungsbürgertum herauf, das sich so kaum mehr in der Gesellschaft findet.

Unentschiedene oder noch uninformierte Menschen, die sich ihr Urteil auf der Basis von Literatur bilden wollen, sie haben doch zumeist andere Quellen, aus denen sie sich eine Meinung bilden. Bücher und Kultur generell gehört meiner Einschätzung nach kaum dazu. Aber mit der gesellschaftliche Relevanz und Systemrelevanz für Kunst, Theater, Museen oder Literatur ist es dieser Tage eh nicht weit her.

Für einen realistischen Blick auf Literatur

Auch wenn es fast so klingt – ich möchte hier keinen Abgesang auf das Medium Buch oder die Literatur generell singen. Mir geht es alleine um einen realistischeren Blick auf die Literatur und ihre gesellschaftliche Wirkungslosigkeit.

Lasst uns weiter über Literatur reden, sie mit all ihren Möglichkeiten rühmen und preisen. Aber bitte schätzen wir ihre Wirkmacht auch konkret ein. Und diese tendiert doch eher gegen null.

On the road

Jacques Poulin – Volkswagen Blues

Unter dem Motto All together Now ging am Sonntag die als Special Edition betitelte Frankfurter Buchmesse zuende. Eine Buchmesse, die anders war als alle zuvor erlebten. Keine Besucher, keine Aussteller in den Hallen, gerade mal in der Festhalle zeichnete die ARD das Begegnungsformat der Blauen Couch auf. Ansonsten ein unübersichtliches, chaotisches Programm, bei dem Verlage, Zeitungen, Messe und Autor*innen alle über diverse eigene Kanäle kommunizierten. Interviews, gefilmte oder gestreamte Lesungen, Zoom-Meetings. Ein Angebot, das mich etwas ratlos zurückließ und bei dem mit einer gebündelten Darstellung oder einer gemeinsamen Plattform sicher eine bessere Auffindbarkeit und Übersichtlichkeit zur Folge gehabt hätte. Aber es ist, was es ist.

Auch der Auftritt des diesjährigen Gastlandes Kanada auf der Frankfurter Buchmesse entfiel und wurde ins nächste Jahr verschoben. Eine etwas ungünstige Lösung, da viele Verlage nun schon freie Programmplätze für Kanada freigeräumt hatten. Inwieweit sich dise verlegerische Aufmerksamkeit für die kanadischen Autor*innen übertragen lässt, bleibt abzuwarten.

Auch auf dem Blog habe ich unter dem Motto #kandaerlesen schon einige Perlen aus den Programmen der Verlage in diesem Bücherherbst gesammelt. Ein weiterer Roman, der nun zu entdecken ist, ist Jacques Poulins Volkswagen Blues. Ein Buch, das laut dem Hanser-Verlag in Kanada Kultstatus genießt.

Ein seltsames Paar

Es ist ein äußerst seltsames Paar, das da in Poulins Roman zusammenfindet. Er, der Schriftsteller Jack Waterman, auf der Suche nach seinem Bruder. Und sie, Pitsémine, genannt Große Heuschrecke. Eine junge Frau mit indigenen Wurzeln, die von ihrer jungen Katze begleitet wird.

Dise beiden treffen auf den ersten Seiten des Romans aufeinander – und tun sich für den Rest des Romans zusammen. Denn Pitsémine stellt sich mit ihrem logischen Verstand und ihrem Aplomb als die passende Ergänzung für Jack und seine Mission heraus. Denn dieser hat durch Zufall eine Karte seines Bruders entdeckt. Jener Bruder, den Jack seit Dutzenden von Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch nun ist es doch an der Zeit, dass man diesen Spuren nachgeht, so beschließt es Jack.

Zusammen mit Pitsémine und dem Kater namens Chop Suey begibt er sich auf eine Schnitzeljagd, die sie vom Norden Kanadas bis nach St. Louis und entlang des Oregon Trails in den Westen der USA führen wird. Eine turbulente Schnitzeljagd beginnt. Und damit auch ein Roadtrip durch ein Amerika, das wie aus einer anderen Welt scheint.

Aus der Zeit gefallen

Volkswagen Blues erschien 1984 in Kanada. Das Alter merkt man dem Roman auch an, der völlig aus der Zeit gefallen wirkt. Da tut sich ein widersprüchliches Pärchen zusammen, da fährt man im VW Bulli mitsamt durchrostenden Bodenblech durch ein Kanada und eine USA, die unserer heutigen Lebenswelt nicht ferner sein könnte. Love, Peace and Happiness. Der Geist der Hippiebewegung durchweht diesen Roman. Und natürlich muss der Roman auch dort enden, wo schon Scott McKenzie das Paradies aller Hippies besang: San Francisco.

Jacques Poulin - Volkswagen Blues (Cover)

Man begegnet sich respektvoll, ist neugierig aufeinander und kennt keine gesellschaftlichen Barrieren. Die soziale Wirklichkeit in diesem Roman ist größtenteils eine, die mit Blick auf die heutigen Zustände in Amerika völlig absurd wirkt. In diesem Sinne ist Volkwagen Blues für mich auch ein Stück bittersüße Nostalgie, da hier eine Welt gefeiert wird, die noch in Ordnung ist, wenngleich Poulin auch die Gräuel an der indigenen Bevölkerung nicht verschweigt und während der Reise thematisiert.

Generell verfestigte sich aber für mich der Eindruck einer nostalgischen Lektüre. Fernab von sozialen Spaltungen, ökologischen Sorgen und materiellem Auskommen reist man da einfach mal ein paar tausend Kilometer quer durch die kanadische und amerikanische Landschaft und macht sich keine gesteigerten Sorgen um die eigene Existenz.

Höchster Akt der Anarchie sind Diebstähle von Büchern aus Bibliotheken oder Buchhandlungen, die die lesehungrige Pitsémine begeht. Ansonsten ist dieses Buch geradezu unschuldig, was auch seinen Status als Kultroman in Kanada erklären könnte.

Fazit

Zu einem Kultroman in Deutschland wird es zwar nicht reichen. Aber Volkswagen Blues nimmt doch mit auf eine toll erzählte Reise quer durch Kanada und Amerika und ist somit die ideale Möglichkeit einer „Lehnstuhlreise“. Ein leichtes Buch, das das Fernweh und die Sehnsucht nach einer anderen Zeit befeuert. Und das ein wirklich seltsames Paar in den Mittelpunkt rückt, das in diesem Bücherherbst zu den skurrilsten Paarungen der Literatur zählen dürfte. Von Jan Schönherr wurde der Roman aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und ist damit eine schönes Beispiel für #kanadaerlesen.


  • Jacques Poulin – Volkswagen Blues
  • Aus dem Französischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-446-26761-9 (Hanser)
  • 256 Seiten. Preis: 23,00 €

The time of my life

Tom Barbash – Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens

Wenn man zurückschaut, dann neigt man ja dazu, alles zu verklären. Insbesondere im Blick auf die USA hat man das Gefühl, dass früher doch alles noch ein bisschen besser war. Es gab die bessere Musik, von einem narzisstischen Populisten im Weißen Haus ahnte man noch nichts und auch die Risse in der Gesellschaft waren noch nicht so ausgeprägt. Tom Barbash hat einen Roman geschrieben, der in diese „gute, alte“ Zeit zurückversetzt. Und dem es gelingt, nostalgisch zu sein, ohne zu romantisieren. Und der John Lennon noch einmal auferstehen lässt. Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens.


Eine solche Berühmtheit hätten wohl viele Menschen gerne zum Nachbarn gehabt – für Anton Winter ist es Realität. John Lennon heißt der berühmte Nachbar. Er wohnt mit Yoko Ono und seinem Sohn Sean unter einem Dach mit der Familie Winter. Beide Familien sind nämlich Mieter im legendären Dakota Building in New York, einem Appartementhaus der Upper Class.

Nach dem Ende der Beatles hat sich Lennon in das Haus zurückgezogen und will dort seine Ruhe genießen. Auch Anton Vaters Buddy sehnt sich nach Ruhe. Denn als berühmter Talkmaster ist ihm seine Show und sein Dasein irgendwann über den Kopf gewachsen. Und so verschwand er vor einigen Jahren während einer seiner Talkshows von der offenen Bühne. Seither reiste er umher und suchte sich selbst.

Auch Anton selbst war irgendwann mit dem Status Quo als Sohn und Zuarbeiter des berühmten Buddy Winter unzufrieden. Und so begab er sich nach Afrika, wo er als Mitglied des Peace Corps Aufbauhilfe leistete. Doch eine lebensbedrohliche Malaria-Erkrankung zwang ihn zurück nach New York in die Arme seiner Familie. Und so treffen nun diese drei Männer unterschiedlichen Alters im Dakota Building aufeinander. Sie alle kämpfen mit ihren eigenen Problemen und laborieren an ihrem momentanen Dasein.

Die Suche nach Erfolg

Buddy Winter möchte eigentlich wieder an die goldenen Talkshow-Zeiten anknüpfen, zugleich ist er höchst unsicher, ob er dem Druck des Fernsehens noch genügt. Mit dem Ich-Erzähler Anton hat er allerdings Unterstützung an seiner Seite. Und wäre der Nachbar John Lennon nicht der ideale Talkshowgast für ein Comeback – oder warum nicht gleich eine triumphale Reunion der Beatles? Die Pläne der Winters im Sommer 1980 sind wahrlich groß, nicht zuletzt, da auch die finanziellen Ressourcen der Familie zusehends schmelzen.

Tom Barbash - Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens (Cover)

Allerdings hält das Buddy und seine Familie nicht vom Feiern ab. Eine Party reiht sich an die nächste, Berühmtheiten geben sich die Klinke in die Hand, Antons Mutter macht Werbung für die Kampagne Ted Kennedys. Man besucht die Olympischen Spiele in Lake Placid. Anton unternimmt sogar einen Segeltörn mit John Lennon. Über allem schwebt aber die Frage – kann Buddy noch einmal an seine alten Erfolge anknüpfen?

Es ist bemerkenswert, wie es Tom Barbash gelingt, die Welt der Jahre 1979/80 auferstehen zu lassen. Die Welt der Hauspartys, Segeltrips und Wahlkämpfe fängt er atmosphärisch dicht und für mich als Nachgeborenen durchaus glaubhaft ein. Seine Reanimation von John Lennon in diesem hell-nostalgischen Roman ist ebenfalls mehr als gelungen. Auch als Hommage an die Beatles und Lennon funktioniert dieser Roman ausgezeichnet.

Nostalgie ohne Verklärung

Seine wahre Klasse aber besteht nun darin, dass dieser Roman nicht in die Kitsch- und Verklärungsfalle tappt. Denn Barbashs New York ist eben nicht nur eine sonnendurchflutete Partymetropole, in der jeder jeden kennt. Morde und Gewalt (auch gegenüber Kindern) sind eben auch hier an der Tagesordnung. Mit der aufziehenden Bewerbung Ronald Reagans für das Amt des Präsidenten zeigt sich, dass Lügen, Fake-News und Unsinn verbreitende Präsidentendarsteller nicht nur ein Menetekel unserer Tage sind. Dieser Roman beherrscht das Kunststück der Nostalgie ohne Verklärung. Geradezu bittersüß wirkt das Buch, wenn Barbash einen John Lennon in voller Schöpferkraft zeigt, der von seiner Hamburger Zeit mit den Beatles erzählt oder ein Schiff über das Meer steuert. Einen John Lennon, der am Ende des Buchs – die Historie verrät es – vor den Türen des Dakota Buildings erschossen werden wird.

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens ist auch ein Buch, das sich mit dem Thema der Depression auseinandersetzt. Wie umgehen mit Druck und Erwartungen, die von außen an einen herangetragen werden? Und warum nicht einfach mal aus den gewohnten Mustern ausbrechen? Das Werk von Tom Barbash ist den Grundzügen ein leichter Roman. Aber die Qualität des Buchs besteht eben auch darin, in dieser Leichtigkeit genug Ebenen mit tiefergehenden und durchaus bewegenden Themen eingebunden sind. Die Emanzipation von den eigenen Eltern etwa und die Kunst, ein eigenes Leben zu führen sind integraler Bestandteil seiner Erzählung.

Man könnte Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens auch auf folgenden Nenner bringen: Nostalgie ohne Kitsch, Romantik ohne Verklärung. Das kennzeichnet dieses Buch, das ich hiermit nachdrücklich empfehle, wenngleich es eine etwas rundere Übersetzung vertragen hätte.

Nicht nur eingedenk des 80. Geburtstags, den Lennon vor wenigen Tagen hätte feiern können. Eine schöne Hommage!


  • Tom Barbash – Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens
  • Aus dem Englischen von Michael Schickenberg
  • ISBN: 978-3-462-05311-1 (Kiepenheuer-Witsch)
  • 352 Seiten: Preis: 22,00 €

Eine Oral History des 11. September

Garett M. Graff – Und auf einmal diese Stille

Es ist zweifelsohne eines der einschneidendsten Erlebnisse des 21. Jahrhunderts: der 11. September 2001. Wohl jeder Mensch weiß noch, was er an diesem Tag getan hat, als die Nachricht des Attentats auf das World Trade Center die Welt kurzzeitig aus dem Takt geraten ließ. Inzwischen ist die Erinnerung an diese wirkmächtigen Anschläge auf Amerika etwas verblasst. Die Bilder werden natürlich wiederholt und haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Das Gedenken, das Verlesen der Namen, das Läuten der Totenglocke, im Fernsehen meist überkleistert mit Musik von Enya. Das Gedenken ist inzwischen zu einem Ritual geworden, das aber nun dank der fast schon 20 vergangenen Jahre seit dem Anschlag in der von immer neuem Terror überlagert und überschrieben wird.

Garett M. Graff holt mit seinem Buch die Ereignisse rund um das World Trade Center, das Pentagon und Co. nun allerdings wieder prominent auf die Bühne und entstaubt die Erinnerung an jenes ikonische Datum maximal. Ihm gelingt in Und auf einmal diese Stille ein Erinnerungsbuch, das mit Wucht den 11. September in allen Facetten beleuchtet. Ein wichtiges Zeitdokument.

Augenzeugenberichte des 11. September

Garrett M. Graff - Und plötzlich diese Stille (Cover)

Dabei besteht die Leistung des Autors und seines Teams keinesfalls in eigenen Beschreibungen des 11. Septembers. Vielmehr versammelt das Buch Augenzeugenberichte und Schilderungen des gesamten Tages. Diese reichen von den Erinnerungen des einzigen Amerikaners, der sich am 11.09 nicht auf der Erde, sondern auf der ISS befand, bis hin zu hochrangigen Politiker*innen wie etwa die damalige Verteidigungsministerin Condoleeca Rice und dem Beraterstab rund um Präsident George W. Bush.

Graff gliedert seine Augenzeugenberichte weitgehend chronologisch und beginnt den 11. September morgens noch ganz ruhig. Er lässt etwa den Flughafenmitarbeiter zu Wort kommen, der die Attentäter eincheckte. Auch die Feuerwehren beobachtet er an diesem Morgen oder lässt vom eigentlich geplanten Tagesablauf des amerikanischen Präsidenten berichten.

Ausgehend vom ersten Einschlag eines Flugzeugs erzählt er mithilfe der niedergeschriebenen Erinnerungen von den entführten Flugzeugen, dem Anschlag aufs Pentagon, der Unsicherheit im Umfeld von Präsident Bush oder von den Rettungskräften, die zum brennenden World Trade Center eilten und diesen Einsatz häufig mit dem eigenen Leben bezahlten.

Das Gefühl von Unmittelbarkeit

Man ist fast selbst in den Treppenhäusern der Twin Towers dabei, als couragierte Büromitarbeiter einen Kollegen im Rollstuhl dutzende von Stockwerken nach unten tragen. Oder man kann sich einfühlen, wie Menschen reagieren, deren Angehörige sich aus entführten Flugzeugen melden und letzte Worte hinterlassen. Wie Rettungskräfte verschüttet und wieder ausgegraben werden. Wie unzählige Menschen vom Himmel stürzen und dabei noch andere mit in den Tod reißen (dieses Kapitel „Springen“ zählt sicherlich zu den schockierendsten und buchstäblich niederschmetterndsten). Von all diesen Momenten erzählt Und auf einmal diese Stille. Graff selbst bemerkt im Vorwort:

Und auf einmal diese Stille ist zwar umfassend, aber keineswegs vollständig. Die hier präsentierten Geschichten erfassen nur einen einzelnen historischen Moment. Der 11. September ist aber nicht zuletzt deshalb so ergreifend, weil wir etwas über die weiteren Schicksale der betroffenen Menschen erfahren, darüber, wie es ihnen in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach ergangen ist. Während das Land nach den Angriffen einerseits enger zusammenrückte und die Menschen sich solidarisch zeigten, zog es zugleich in zwei Kriege, die bis heute keinwirkliches Ende gefunden und viele Weltgegenden drastisch verändert haben. Auch deshalb ist der 11. September jeden Tag gegenwärtig. Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.

Garret M. Graff: Und plötzlich diese Stille, S. 11

Diesen Tag wieder gegenwärtig zu machen, ihn in seiner Vielgestaltigkeit erneut begreif- und erlebbar zu machen, diese Aufgabe erfüllt Garrett M. Graffs Buch bravourös. Und auf einmal diese Stille ist eine minutengenaue Chronik, die uns Lesenden spüren lässt, warum dieser 11. September eine solche Zäsur der jüngeren Geschichte war und ist.


  • Garrett M. Graff – Und auf einmal diese Stille
  • Übersetzt von Philipp Albers und Hannes Meyer
  • ISBN: 978-3-518-47090-9 (Suhrkamp)
  • 537 Seiten. Preis: 20,00 €

Steph Cha – Brandsätze

Ein erschossener schwarzer Jugendlicher. Polizeigewalt, Proteste, Black Lives Matter. Es ist kaum möglich, näher an die amerikanische Gegenwart heranzukommen als in diesem Roman. Steph Cha erzählt in Brandsätze von zwei Familien, deren Schicksal durch eine verhängnisvolle Tat miteinander verknüpft ist. Und von Rassismus und Gewalt, die eine ganze Nation nicht zur Ruhe kommen lassen (übersetzt von Karen Witthuhn).


Es herrscht eine feindselige und aufgeheizte Stimmung in Los Angeles dieser Tage. Ein schwarzer Junge wurde erschossen. Die Polizei behauptet, der Junge wollte in eine Wohnung einbrechen. Dabei hatte er die Schlüssel für seine Wohnung vergessen und wollte an der Rückseite des Gebäudes in seine Wohnung einsteigen. Nach dem gewaltsamen Tod kocht nun die Stimmung über. Polizeigewalt, struktureller Rassismus, Proteste vonseiten der Black Lives Matter-Bewegung. Was sich wie eine Blaupause der jüngsten Vorfälle in Kenosha oder Wisconsin liest, hat sich die amerikanische Autorin Steph Cha in Wahrheit schon 2019 ausgedacht und veröffentlicht. 2019 spielt auch der Hauptteil ihres Romans Brandsätze, der um zwei ganz unterschiedliche Familien kreist.

Steph Cha - Brandsätze (Cover)

Da ist die Familie von Grace Park. Koreanische Einwanderer, die sich mit einem kleinen Laden im koreanischen Bezirk der Stadt eine eigene Existenz aufgebaut haben. Und da ist die Familie von Shawn Matthews. Die beiden Familie verbindet eine Bluttat, die sich kurz vor den Rodney King-Unruhen 1991 in Los Angeles zutrug.

Shawn sollte zusammen mit seiner Schwester Ava Milch für die Familie besorgen. Seit Monaten herrschte in der Stadt eine angespannte Lage zwischen den verschiedenen Ethnien, insbesondere zwischen Koreaner und Schwarzen. Nach einem Handgemenge im Laden erschoss die Ladenbesitzerin Ava, die das benötigte Geld noch in der Hand hielt, mit einer Handfeuerwaffe. Bei der Ladenbesitzerin handelte es sich um Grace Parks Mutter, die nach dem Vorfall mit einer Bewährungsstrafe davonkam.

Zwei gegensätzliche Familien

Diese Geschichte erfährt Grace erst stückweise, nachdem ihre Mutter niedergeschossen wurde. Der oder die Täter sind flüchtig. Für die Polizei steht aber schnell fest, wo sie nachforschen muss. Die Matthews geraten in das Blickfeld der Polizei, insbesondere, da man in Shawns Familie schon öfter mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Derweil nehmen die Spannungen in Los Angeles immer weiter zu, nicht zuletzt auch aufgrund des eingangs geschilderten Todes eines weiteren schwarzen Jungen.

Abwechselnd blickt Steph Cha in ihrem Roman immer wieder auf die beiden gegensätzlichen Familien. Da die Familie Matthews, die mit Rassismus und einem schweren Erbe hadert. Und da die Familie Park, die sich anpassen und den amerikanischen Traum zu ihrem eigenen machen wollte, die aber auch trotz aller Assimilierungsversuche mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat.

Steph Cha selbst hat einen Migrationshintergrund, vermeidet in ihrem Roman allerdings geschickt, für eine der beiden Familien Partei zu ergreifen. Sie erzählt ihre Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert, völlig ausgewogen und weckt für beide Seiten dieser Tragödie Verständnis. Das ist erzählerisch ungemein klug gemacht und besitzt eine Relevanz, die dieser Tage immer größer zu werden scheint. Ein literarisch gut ausbalancierter Sprung mitten hinein in die Gräben, die die amerikanische Gesellschaft durchziehen. Ein souveränes Buch, das auch Leser*innen von Celeste Ng, Alexi Zentner oder Leonard Pitts jr. begeistern dürfte. Diese Brandsätze haben es in sich!

Das sieht auch Marcus Müntefering bei Spiegel Online so. Und auch die Frankfurter Rundschau ist vom Roman begeistert. Jetzt dürften gerne noch ein paar Blogger*innen nachziehen. Das Buch hätte es verdient!


  • Steph Cha – Brandsätze
  • Aus dem Englischen von Karen Witthuhn
  • ISBN 978-3-7472-0115-2 (Ars Vivendi)
  • 336 Seiten. Preis: 22,00 €