Was tun, wenn das Innerste der eigenen Beziehung plötzlich zum vielfach konsumierten und besprochenen Serienstoff wird? John Lanchester erkundet es in seinem neuen Roman Das habe ich wegen dir getan und legt sein Buch dabei als eine Art Königinnenduell an.
„Jede erfolgreiche Ehe hat ihre eigene Sprache. Eine Sprache, die nicht für fremde Ohren bestimmt ist.“ So hebt John Lanchesters neuer Roman an. Lanchester, der sich mit seinen Romanen schon in der Gattung des Gesellschaftsromans (Kapital) oder Dystopie (Die Mauer) literarisch umgetan hat, legt diesmal einen Beziehungsroman im wahrsten Wortsinn vor.
Das habe ich wegen dir getan blickt nun ins Innerste der Verbindung zwischen zwei Menschen. Die zwei Menschen, die uns an ihrer eigenen Beziehungssprache teilhaben lassen, sind die Ich-Erzählerin Kate und ihr Ehemann Jack, der laut Beschreibung seiner Frau zu jener Gattung von mittelalten Ehemännern zählt, die der Werbung für Altersvorsorge oder Kreuzfahrten im Rentenalter entsprungen sein könnten.
Bequem haben sie sich im fortgeschrittenen Altern eingerichtet in ihrem Londoner Oberschichtleben und sind das, was man gemeinhin als eingespieltes Duo bezeichnet. Auf Partys von befreundeten Architekten findet Jack Gefallen daran, mit Tiraden über die Ottolenghi’sche Kochschule die Abendgesellschaft zu unterhalten, Kate kennt die Marotten und Macken des Ehemanns und kann seine Worte und rhetorischen Winkelzüge schon im Schlaf vorhersagen. Es ist ein fast symbiotisches Miteinander, das die beiden im zum Smarthome ausgebauten Zuhause führen, fern großer Sorgen oder Nöte.
Keine Disco Doll mehr
Doch diese Beziehung kommt schon nach wenigen Seiten zu ihrem jähen Ende, denn überraschend stirbt Jack und die von ihm mit dem Kosenamen „Disco Doll“ bedachte Kate fällt in ein Loch der Trauer. Keine Lebensfreude, keine Disco mehr, nur noch eine schmerzende Leerstelle, wo früher ihr Mann an ihrer Seite war.
Erst ein Buchclub bei einer Bekannten, zu dem Kate nach einer langen Trauerphase eingeladen wird, ändert für sie alles. Denn das Buch, das die Damen an jenem Abend diskutieren, wirf Kate erneut aus der Bahn.
Ich will nicht sagen, dass das die letzten Sekunden waren, in denen ich glücklich war, denn ich war ja nicht glücklich, ich war in tiefer Trauer, ich fühlte mich verloren, leer, verzweifelt. Aber diese Trauer hatte etwas in sich Geschlossenes, eine Art Vollständigkeit. Ich wusste, was geschehen war, und ich wusste, was ich fühlte. Dieses Gefühl endete in diesem Raum in diesem Moment, als ich jemand etwas sagen hörte, das ich niemals für möglich gehalten hätte.
John Lanchester – Das habe ich wegen dir getan, S. 142 f.
„Und was soll diese Geschichte, dass er sie immer „Disco Doll“ nennt? Wie war das nochmal, was er da immer sagt? „Komm her, Disco Doll“ oder so was?“
„He, ich will dich, Disco Doll“, sagte Evely.
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen entglitt.
Intimes Wissen einer Beziehung
In dem Buch stößt Kate auf jene ureigene Sprache der Beziehung, die Jack und sie verband – und die sie eigentlich als einzige kannten. Doch sogar die Handlung und die Figurenzeichnung im diskutierten Buch scheint eine Blaupause ihrer eigenen Existenz zu sein. Wie kann die junge Autorin Phoebe von diesen intimsten Dingen ihrer Ehe wissen?
Das treibt Kate um und wird noch dringlicher, als sich das Buch in seiner Serienadaption zu einem weltweiten Netflix-Streaminghit á la Sally Rooney auswächst, der gleichermaßen von der Kritik wie auch dem Publikum für seine Amoralität gefeiert wird. Denn Drehbuch wie Roman sind bar jeder Moral oder Zuneigung zu ihren Figuren – und Kate ist erschüttert.
Wie das sein kann, dass die Autorin von jener Sprache der Beziehung weiß und was sie zum Verfassen der Geschichte und des Drehbuchs bewogen hat, das erzählt die andere Perspektive des Romans. Hier kommt die zweite Ich-Erzählerin ins Spiel, nämlich Phoebe selbst, die in der Logik des Romans den Widerpart zur trauernden und verratenen Kate einnimmt.
Nicht nur altersmäßig ist sie das Gegenteil von Kate. Die junge Frau laboriert an der Bindung zu ihrer Mutter, die mit den Worten „anstrengend“ und „kompliziert“ nur unzureichend beschrieben ist. Während ihr Bruder sein Glück in Tasmanien sucht, kümmert sich Phoebe um ihre Mutter, der sie es nicht recht machen kann, das aber auch gar nicht so wirklich will. Der Erfolg ihres Buchs ist für sie auch eine Belastung, die noch deutlich größer wird, als plötzlich Kate vor ihrer Haustür steht und Redebedarf hat…
Die Vielfalt von Beziehungen
Das habe ich wegen dir getan blickt auf unterschiedliche Beziehungen, die der Roman allesamt feinnervig analysiert. Das eingespielte Miteinander von Mann und Frau, die Bindung von einer Tochter zu ihrer Mutter – und das Werben verschiedener Frauen um den gleichen Mann. Diese drei Beziehungsformen sind gewissermaßen der erzählerische Motor, die Lanchesters Geschichte antreibt.
Durch die Perspektivwechsel zwischen Phoebe und Kate beschleunigt der Text zusätzlich, der nicht nur auf eine große Konfrontation in diesem Königinnenduell der zwei so unterschiedlichen zuläuft. Auch fragt Lanchesters Roman danach, welchen Preis wir für unsere Beziehung zu zahlen bereit sind und wohin uns diese im Extremfall führen können. Mal entweichen Figuren gen Tasmanien, mal erfordert das Aushalten in Beziehungen auch eine gehörige Portion Resilienz und Selbstverleugnung.
Die Unzufriedenheit der Figuren mit ihren Bindungen ist greifbar, bis hin zu den dramatischen Konsequenzen, die das Buch dann für eine der Figuren bereithalten wird…
Fazit
Was macht eigentlich eine gute Ehe aus? Und wie geht man mit Verrat in dieser Ehe um? Und was ist das Gegenteil einer Ehe? John Lanchester stellt sich in Das habe ich wegen dir getan diesen Fragen und illustriert sein literarisches Nachdenken höchst unterhaltsam, zulaufend auf eine große Konfrontation.
Auch wenn Bastian Sick ob des Titels die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte – schließlich empörte sich dieser einst in seiner Zwiebelfisch-Kolumne über den Umstand des um sich greifenden fehlerhaften Dativ-Trends, der mit der Konstruktion wegen dir immer stärker das eigentlich korrekte deinetwegen verdränge – so ist das Buch von solchen Spitzfindigkeiten abgesehen der unterhaltsame Blick in das Innere einer geschmeidig funktionierenden Ehe und zugleich der Blick auf das Gegenteil davon, das konfliktreiche Gegeneinander zwischen zwei Frauen und Generationen, das sich fast wie ein Königinnenduell auf großer Theaterbühne liest, ausgefochten mit durchaus heutigen Mitteln.
John Lanchester ist mit Das habe ich wegen dir getan ein unterhaltsamer, ebenso aktueller wie universeller Roman gelungen, den man gar nicht als Netflix-Serie verfilmt braucht — das Buch schafft das mit dem Kopfkino spielend selbst!
- John Lanchester – Das habe ich wegen dir getan
- Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
- ISBN 978-3-608-96726-5 (Klett Cotta)
- 400 Seiten. 26,00 €





