Monthly Archives: Juni 2026

Markus Orths – Die Enthusiasten

Hat er es nun oder hat er es nicht? Die Möglichkeit eines unbekannten zehnten Bandes des megalomanischen Textwerks Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne macht im Roman Die Enthusiasten von Markus Orths den Sterne-Ultra Vincent völlig kirre — und eröffnet den Blick ins Innere einer besonderen Familie.


Es ist ein literarisches Erweckungserlebnis, wie es nur wenigen Literaturfans zuteilwird. Als er in einem Zug gen Freiburg ein liegengelassenes Exemplar des britischen Klassikers Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne zu lesen beginnt, wird Vince Stein förmlich in den Text gesogen, sodass er seinen Ausstieg in Freiburg verpasst und sich ein Land später als völlig neuer Mensch am Endhalt des Zugs am Badischen Bahnhof in Basel wiederfindet.

Es ist der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für den so außergewöhnlichen wie sperrigen Text, der Vince sogar jährlich ins kleine englische Dörfchen Coxwold pilgern lässt, wo sich der Schöpfer des Tristram Shandy begraben ist. Dort, an der letzten Ruhestätte des Dichters, trifft er sich mit Gleichgesinnten, die allesamt die Leidenschaft für Sterne und die akademisch höchst umstrittene Theorie des zehnten Buchs verbindet.

Die Nachricht fiel auf fruchtbaren Boden. Im Grunde genommen hatten wir insgeheim unser ganzes Leben lang nach einer solchen Nachricht gedürstet. Dazu muss gesagt werden: Das für uns meisterhafteste Werk der Literaturgeschichte, ebenjenes Buch The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, besteht aus neun Büchern oder Bänden, englisch Volumes genannt. Veröffentlich wurden die Bücher oder Bände in den Jahren 1759 bis 1767. Sowohl Professor Doktor Ole Andersson als auch Professor Doktor Bianca Barbosa als auch ich sind Vordenker, um nicht zu sagen, Initiatoren der sogenannten Zehn-Bücher-Theorie.
Diese Theorie basiert unter anderem auf der Veröffentlichungshistorie der vorhandenen neun Bücher, welche sich wie folgt darstellt:
Das erste Buch & das zweite Buch. York 1759.
Das dritte Buch & das vierte Buch. London 1761.
Das fünfte Buch & das sechste Buch. London 1762.
Das siebente Buch & das achte Buch. London 1765
Das neunte Buch… London 1767.
Das zehnte Buch: es fehlt.

Markus Orths – Die Enthusiasten, S. 28

Auf der Jagd nach dem zehnten Volume

Markus Orths - Die Enthusiasten (Cover)

Doch nun ist alles anders, als sie dort am Grab Sterne die Nachricht eines mysteriösen Mannes namens Morton Minelli erhalten, der im Besitz des zehnten Buchs des Tristram Shandy sein will. Erste Sätze aus dem Werk zeigen, dass tatsächlich etwas dran sein könnte mit dem fehlenden Band.

Eine Sensation zeichnet sich ab. Doch schon die Frage nach dem Erwerbungsbudget des im Besitz Minellis befindlichen Volumes stellt die Akademiker vor große Probleme, weshalb Vince nur einen waghalsigen Ausweg sieht. Damit liegt der junge Mann ganz auf seiner Familienlinie, wie der zweite Erzählstrang des Buchs beweist, den Markus Orths immer wieder in die Handlung zwischenschaltet.

Denn Vincents Familie ist eine Ansammlung von Exzentriker*innen, was von der „Koboldmutter“ bis hin zu den drei Kindern reicht. Während der Vater als Schriftsetzer die Biografie von Guido Westerwelle sinnentstellt, dreht Vince‘ Bruder Marcellus experimentelle Filme und forscht die Tochter Elfi in Sachen Antimaterie.
Ein Schwarzes Loch findet sich auch in der Familie, es ist die Mutter, die 1984 ohne ein weiteres Lebenszeichen aus dem Leben der übrigen vier Familienmitgliedern verschwand.

Eine Leerstelle namens Mutter

Orths Buch liest sich in Sachen der exzentrischen Familie wie eine Weiterführung seines Kinderbuchs Crazy Family, das vor drei Jahren erschien, nur diesmal eben an ein älteres Publikum gerichtet. Die exzentrischen Charaktere sind sich sehr ähnlich, wozu sich hier eine nicht minder verrückte Handlung gesellt.

Neben der Jagd nach dem zehnten Band des Tristram Shandy erzählt Die Enthusiasten auch von der Leerstelle der fehlenden Mutter und der Suche nach ihr, die die drei Geschwister füllen wollen. So führt sie die Suche nach dem Verbleib ihrer Mutter unter anderem nach Italien, wo sie sich auf der Suche nach der selbstbetitelten „Koboldmutter“ in Berge hineinbuddeln und dabei im Untergrund nicht nur auf grimmige Bären stoßen.

Orths Roman ist voller wilder Erzähleinfälle wie der einer asiatischstämmigen Masseurin, die seit Kurzem im kleinen Coxwold arbeitet und an deren Wand wiederum ein Bild von Vincents Bruder Marcellus hängt. Diese gerät dann in die wahrhafte Räuberpistole um das Werk Laurence Sternes, dazu werden hier Ratten aus der Toilette torpediert und verbeißen sich im Hintern des Erzählers, noch dazu gibt es intertextuelle Spielereien mit früheren Romanen Markus Orths, daneben kleine textliche Eastereggs wie etwa eine Pistole, die im Tschechow’schen Sinn eingeführt wird dann viele Seiten später auf Seite 214 genau zum richtigen Zeitpunkt erneut Erwähnung findet.

Literarische Spielfreude im Überfluss

Man kann Markus Orths wirklich keine mangelnde Spielfreude vorwerfen. Dennoch bleibt die Frage, ob das, was uns hier so kreativ präsentiert wird, erzählerisch auch aufgeht.

Dem ist leider nicht wirklich so. Denn obschon die Räuberpistole rund um das zehnte Buch Laurence Sternes eine schöne Idee ist (mit der Orths erstmals im Galiani-Verlag publiziert, der auch die prachtvolle Neuausgabe des Tristram Shandy in der Übersetzung von Michael Walter verantwortet), die Familiengeschichte mit ihren Originalen und der schmerzenden Leerstelle der fehlenden Mutter auch keine schlechte Idee ist und das Buch einen Lesesog erzuegt, so verbindet sich das alles aber nicht wirklich organisch.

Orths erzählt seitenweise Filmhandlungen aus Der Zauberer von Oz oder Mr. Bean macht Ferien nach, spielt mit den Realitätsebenen seines Erzählens und bringt auf die letzten Meter noch eine waghalsige Schlusspointe in den Roman ein, die zwar angesichts der Diskussionen um die Künstliche Intelligenz nicht unrelevant ist, dennoch aber den bruchstückhaften Charakter dieses Erzählens weiter offenlegt.

Thematisch auf der Höhe der Zeit, aber erzählerisch zu unausgegoren

Es passt alles nicht wirklich zusammen und wirkt, mit Abstand betrachtet, als erzählerisches Ganzes unausgegoren. Bestes Beispiel ist der Buchtitel. Worauf bezieht sich der Titel der Enthusiasten? Sind es die Laurence Sterne-Enthusiasten, die sich selber zwar so nicht nennen, aber vielleicht so umschrieben werden könnten? Oder bezieht sich der Titel auf die Familie, die ja eigentlich den erzählerischen Hauptteil des Buchs ausmacht, aber weniger enthusiastisch denn exzentrisch ist?
Besieht man dieses Erzählen näher und bedenkt es genauer, wirkt alles nicht ganz rund, sodass sich in die Bewunderung für Markus Orths Fabulierlust auch leichte Enttäuschung über die fehlende Haftfähigkeit zwischen den einzelnen Erzählelementen mengt.


  • Markus Orths – Die Enthusiasten
  • ISBN 978-3-86971-330-4
  • 365 Seiten. Preis: 24,00 €

Tanja Šljivar – Nationaltheater

WEISST DU ÜBERHAUPT, WAS DAS NATIONALTHEATER IST? Diese Frage stellt nicht nur Tanja Šljivars Text auf Seite 80, sondern auch ich stellte mir nach der Lektüre von Nationaltheater diese Frage.
Was ist dieses Nationaltheater und was will es uns sagen? Leider kann ich es nach gut 240 Seiten an wildem Stil- und Figurendurcheinander nicht beantworten.


In den 1990er Jahren erlebte das Nationaltheater von Serbien seine Blütezeit, so schreibt es die studierte Dramaturgin und Theaterautorin Tanja Šljivar in ihrem Debütroman Nationaltheater. Der Grund war allerdings weniger im Künstlerischen zu suchen. Die hohe Auslastung erklärte sich vielmehr mit dem Umstand, dass das Theater eines der wenigen Gebäude war, das in Belgrad noch ordentlich geheizt wurde, während um das Haus herum das ehemalige Jugoslawien im Kriegstaumel versank.

Die Erfahrung der Gewalt und des unübersehbaren Chaos scheinen sich in den Mauern des Hauses eineschrieben zu haben, wenn man sich in die wilde Welt dieses Romans hineinbegibt, dessen Gravitationspunkt das Gebäude im Herzen Belgrads bildet.

Die neue Schauspieldirektorin

Tanja Šljivar - Nationaltheater (Cover)

Im Laufe des 240 Seiten starken Romans lernen wir das Gebäude kennen, das noch nicht einmal sein Personal in Gänze zu kennen oder verstehen scheint. Erzählerischer Fixstern ist dabei die junge Dramaturgin Dina, die in Tanja Šljivars Fiktion genauso wie die Autorin in der Realität einst selbst, zur Schauspieldirektorin des Hauses wird.

Es ist eine Position, für die sich bislang keine geeignete Kandidatin finden lassen wollte, ehe die Intendantin Dina die Position antrug. Zusammen mit dem Sicherheitschef des Hauses, einer Art derbem Geheimdienstmann, der wie ein zwielichtiger Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdiensts erscheint, hat sich die Intendantin für Dina entschieden und darf nun mit dieser in einer der ersten Szenen das ganze Haus inspizieren.

Dabei tritt Wunderliches zutage. Ein Tattoostudio findet sich im Nationaltheater ebenso wie viele Schauspieler, die schon Jahre lang nicht mehr auf der Bühne standen, aber fleißig ihre Gage einstreichen. Kostüme werden verkauft, die Putzfrau in den Kulissen widmet sich eher dem Fernsehen als der Reinigung des Bühnenbodens und die Stelle des Theaterkomponisten ist gleich doppelt besetzt.

Je weiter man sich durch diese seltsame Theaterwelt bewegt, umso absurder wird es. Eingemauerte Köpfe in den Wänden des Theaters, haufenweise theatrale Vergewaltigungen auf der Bühne, die dann sogar als „Spielzeit der Vergewaltigungen eingeht“, von der serbischen Autorin mit einigen ausführlichen Beispielen untermauert, dazu noch Hakeleien und Intrigen unter den Mitarbeitenden: es ist ein großes Durcheinander.

Erzählerisches Durcheinander, platte Figuren

Nicht leichter zu durchschauen wird dieses Durcheinander, da Tanja Šljivar auf so etwas wie eine Handlung oder einen erzählerischen roten Faden verzichtet. Noch dazu bestückt sie ihren Text weniger mit echten Figuren denn mit Stellvertreterfiguren, die von ihr allenfalls einen Namen spendiert bekommen. Da ist die Brecht-liebende Intendantin mit ihrem Hamster Lubitsch, ein Narzisst, ein Dissident, der Sicherheitschef, die Staatsschauspielerin mit Tochter und der Staatsschauspieler, dessen Tod am Anfang des Romans steht.

Liest man Nationaltheater, fühlt man sich des Öfteren, als müsste man sich selbst schnell auf einer rotierenden Theaterdrehbühne bewegen, während die alle Figuren um einen herum nach einer undurchschaubaren Ordnung wirbeln, manchmal den Weg versperren und beständig neu gruppieren.
Eine Übersicht und eine sichere Position für die Ergründung des Ganzen lässt sich zu keinem Zeitpunkt wirklich gewinnen.

Erinnert die Anlage von Tanja Šljivar Roman an den 1998 erschienen Opernroman von Petra Morsbach, so zeigen sich bei der Lektüre des knapp dreißig Jahre später entstandenen Textes schnell gravierende Unterschiede.

Erinnerungen an Petra Morsbachs Opernroman

War auch schon Morsbachs Roman stilistisch von einer gewissen Heterogenität gekennzeichnet, so bot der Opernroman doch noch eine klare Übersicht und Erzählabsicht, die Nationaltheater zumindest in meinen Augen völlig fehlt. Morsbach erzählte entlang der Produktion verschiedener Musiktheater von der Welt des Theaters, während Šljivar ein solches erzählerisches Konzept in Gänze abgeht (Übersetzung aus dem Serbokroatischen von Maša Dabić).

Gewiss, Dina wird der Job als Schauspieldirektorin angetragen, wir blicken mit ihr hinter die Kulissen des Hauses und am Ende steht eine Entscheidung ob ihres weiteren Karrierewegs. Alles dazwischen ist aber von einem solchen Chaos und Durcheinander, dass man sich wirklich auf das Wagnis der Lektüre einlassen muss. Nicht umsonst bezeichnet Barbi Marković auch in ihrem auf dem Klappentext abgedruckten Blurb als „völlig verrückt“.

Mails, Stream of Consciousness, historische Rückgriffe, immer wieder kurze Einblendungen unter dem Titel „Was das Nationaltheater ist“, dazu Dialoge zwischen Dina und einer Figur Dica, die sich doch eher als Monologe entpuppen, Nationaltheater bietet viele Formen und Themen auf, ohne sich aber für einen Erzählansatz wirklich zu entscheiden. Die Magie des Theaters, die Wirkkraft von gesprochenen und gespielten Texten auf der Bühne, dieser Roman kann und will ihn vielleicht auch gar nicht vermitteln.

Fazit

So bleibt die Frage offen, wovon Tanja Šljivar wirklich erzählen möchte. Ist das Nationaltheater als Stellvertreter der serbischen Gesellschaft zu lesen? Will das Buch eine Satire auf den Theaterbetrieb oder eine literarische Verarbeitung von Šljivars eigener Zeit als Schauspieldirektorin sein?

Vielleicht muss man aber auch einer Interpretation bemühen, die eine Schauspielerin im Gespräch äußert.

„Ich kann und ich will außerhalb des Theaters arbeiten, aber das Theater ist eine Droge, und da ist dann auch meine Sucht nach Aufmerksamkeit, so ist das. Und hier bin ich also, jetzt mit Ihnen.“

Tanja Šljivar – Nationaltheater, S. 178

Das Theater als Droge, die Arbeit von Dina als bewusstseinserweiternder Trip, bei dem Mauern durchbrochen werden und stilistische wie auch formale Grenzen gesprengt werden? Eine wirklich schlüssige Lesart erschloss sich mir nicht.

Vor allem kann all dies auch nicht dabei helfen, die eingangs zitierte Frage nach dem Wesen dieses Nationaltheaters zu beantworten. Am Ende dieser kraftraubenden Lektüre muss ich gestehen, dass ich immer noch nicht weiß, was dieses Nationaltheater ist oder sein soll. Nur eines weiß ich: So schnell werde ich dieses Nationaltheater sicher nicht wieder besuchen.


  • Tanja Šljivar – Nationaltheater
  • ISBN 978-3-518-43217-4 (Suhrkamp)
  • 236 Seiten. Preis: 25,00 €