Category Archives: Historischer Roman

Hans Pleschinski – Wiesenstein

Da liegt es also, dieses Haus namens Wiesenstein: tief im Riesengebirge verborgen, die Schneekoppe in Sichtweite, abgelegen an einem Berghang befindlich. Erker, Türmchen, im Keller sogar ein Schwimmbad – und der Bewohner dieser mondänen Villa im Schlesischen ist kein Geringerer als Gerhart Hauptmann. Jener Gerhart Hauptmann, der 1912 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, Erschaffer von Dramen wie Vor Sonnenaufgang, Die Weber oder Bahnwärter Thiel. Seine letzten Jahre wird er umgeben von seiner Entourage in diesem Häuschen leben, das ihm zum Refugium vor Krieg und Bedrohung wird. Wie er diese Jahre verbringt, das zeigt Hans Pleschinski eindringlich in seinem neuesten Roman, der nach des Dichters Wohnstätte benannt ist.

Schon hochbetagt weilt Gerhart Hauptmann mit seiner Frau Margarete 1945 in einem Sanatorium in Dresden, als das Bombardement der Alliierten die Stadt in Schutt und Asche legt. Unter größten Mühen wird der Dichter mitsamt seiner Frau, Sekretärin und dem fahnenflüchtigen Masseur Metzkow aus der Stadt evakuiert und zurück in sein Haus in Agnetendorf gebracht. Fortan harrt ganz Wiesenstein der Dinge, die da kommen. Könnte man anfänglich Hauptmanns Haus für das Paradebeispiel eines weltfernen Gelehrten in seinem Elfenbeinturm halten (der Dichter pflegte sich nächtens zum Dichten und Philosophieren in sein Turmzimmer zurückzuziehen, gewandet in eine Mönchskutte), so lässt Pleschinski aber sehr schnell die grausame Realität in Wiesenstein einbrechen. Die Alliierten erobern langsam die deutschen Gebiete im Westen, der Volkssturm wirft mit Kindern und Greisen dem Feind sein letztes Aufgebot entgegen. Die Rote Armee nähert sich von Osten und schiebt panisch flüchtende Menschenströme vor sich her. Inmitten dieses Orkans liegt Wiesenstein zunächst noch relativ geschützt. Doch schon bald dringen die fatalen Nachrichten von der Kapitulation der Deutschen und den nahenden Truppen auch bis ins Haus zu Hauptmann und seinem Gefolge. Ängste und Panik erfassen auch Wiesenstein.

Wie werden die russischen Besatzer mit Hauptmann verfahren? Während die Rote Armee brandschatzt, vergewaltigt, Deutsche aus ihren Häusern vertreibt und ihre Besitztümer akquiriert, bangt man in Wiesenstein um das Leben und wirft alles in die Wagschale. Hat man doch an des Dichters Tafel Kommunisten genauso wie Gauleiter beherbergt, sich einst für Frieden mit Russland eingesetzt und unauffällig die von Hauptmann kommentierte Ausgabe von Mein Kampf verschwinden lassen. Pleschinski zeigt über dieses Bangen und Warten sehr geschickt die schwankende moralische Haltung Hauptmanns selbst. Er zeichnet einen widersprüchlichen Menschen, dessen Sympathien und Unterstützung nicht weniger verworfen sind, als es die Frontlinien vor der Haustür in Agnetendorf sind. Mal ganz stolz-national, dann aber wieder mit dem kommunistischen Dichter Johannes R. Becher befreundet und in Austausch stehend – Hauptmanns Leben ist kompliziert und findet in Wiesenstein ein angemessenes literarisches Abbild.

Immer schwankend lässt Pleschinski seinen greisen Dichter räsonieren, umgeben von seiner zweiten Ehefrau und einem Ensemble von Figuren mit ganz eigenen Schicksalen. Neben der angemessen-ambivalenten Annäherung an Hauptmann gelingt Pleschinski über diese Figuren auch eine höchst eindrückliche Schilderung der Schrecken und des Terrors, der durch den Begriff der Vertreibung noch viel zu harmlos umschrieben ist. Das unermessliche Leid der Menschen, aber auch das Mitläufertum und die Verehrung der Nationalsozialisten in der breiten Bevölkerung – Pleschinski bringt hier ein ebenso glaubhaftes wie detailliertes Zeit- und Sittengemälde aufs Tapet.

Margarete und Gerhart Hauptmann

Er findet hierfür genauso wie für das alltägliche Leben in Wiesenstein eindrückliche Bilder und inszeniert seine Erzählung meisterhaft. Immer wieder fließen bisher unveröffentlichte Stücke aus dem Tagebuch Margarete Hauptmanns in die Erzählung ein, die das fiktionale Werk stringent ergänzen. Auch fügt Pleschinski immer wieder Auszüge aus dem reichhaltigen und teilweise schon wieder vergessenen Ouevre des Dichters ein (das in seiner Qualität und Stilistik nicht minder schwankend wie Hauptmanns Haltung und Einstellung ist). Dem normalen Leser mögen naturalistische Werke wie Der Biberpelz oder das eingangs erwähnte Sozialdrama Die Weber wenn schon nicht aus dem Schulunterricht, dann zumindest dem Namen nach bekannt sein. Andere Werke aus dem Schaffen des schlesischen Dichters hingegen sind schon lange dem Vergessen anheimgefallen und dürften wirklich nur noch in Germanistenkreisen bekannt sein. Ein Beispiel hierfür ist das mehrmals im Buch zitierte dichterische Werk Till Eulenspiegel. Hier lässt sich vieles entdecken, was auch Pleschinski in seinem Nachwort noch einmal betont. Wiesenstein steckt voller Wiederentdeckungen und lädt zum erneuten Kennenlernen dieses Dichters ein, den einige Protagonisten im Buch auch als Sprachmagier rühmen.

Der Fairness halber sollte man aber auch erwähnen, dass die Bezeichnung des Sprachmagiers nicht nur auf Hauptmann zutrifft, sondern auch auf Hans Pleschinski selbst. Denn die Sprache, in die er seine Annäherung an Gerhart Hauptmann kleidet, ist von größter Brillanz und Eindringlichkeit. Wiesenstein bietet Sprachkino auf höchstem Niveau. Wie fein der Münchner seine Sätze, Sprachbilder und Szenen webt, das ist mehr als meisterlich. Auf jeder Seite versteckt sich eine Fülle an Anspielungen und Metaphern, sodass man diesen 520 Seiten starken Roman wirklich langsam und aufmerksam genießen sollte, um die ganze Detailfülle an Eindrücken aufnehmen zu können.

Wiesenstein ist so vieles: Dokumentation des Kriegsjahres 1945 und der Vertreibung im Osten, Hauptmann-Biografie, Sprachfest – schon jetzt ein Anwärter für den Roman des Jahres (mit einer Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse oder den Deutschen Buchpreis sollte man auf alle Fälle rechnen) – und ein Geschenk für jeden Germanisten und für alle Liebhaber guter Literatur!

 

 

 

[Quelle Foto Margarete und Gerhart Hauptmann: Bundesarchiv, Bild 102-14016 / CC-BY-SA 3.0]

Gabriele Tergit – Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger vom Blog Sätze und Schätze ist schuld: nachdem sie Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf dem Blog empfahl, wurde ich neugierig und beschaffte mir flugs den Roman, dessen Autorin mir zuvor völlig unbekannt war. Und schon konnte die Reise ins brodelnde Berlin der 1930er Jahre beginnen.


Gabriele Tergit (1894-1982), heute mehr oder minder vergessen, hat mit ihrem Käsebier einen Roman vorgelegt, der wie gemacht für unsere Tage scheint. Ausgangspunkt ist jener Georg Käsebier, ein mediokrer Sänger, der im Berliner Außenbezirk der Hasenheide in einer Art Varieté die Zuhörer mit Lieder wie etwa Mensch muss Liebe schön sein oder Wie soll er schlafen durch die dünne Wand? unterhält.

Gabriele Tergit - Käsebier erobert  den Kurfürstendamm (Cover)

Normalerweise würde sich für diesen im wahrsten Wortsinne cheesy Sänger Käsebier niemand interessieren, wenn die Berliner Rundschau nicht dringend Schlagzeilen bräuchte. Der redaktionelle Trott verlangt nach Auflockerung und Schlagzeilen – und da kommt jener Käsebier gerade recht. Nach einer ersten euphorischen Jubelrezension setzt schon bald ein Run auf den Sänger aus der Hasenheide ein. Systematisch beginnt die Hauptstadtpresse den mittelmäßigen Mann hochzuschreiben, eine Jubelarie jagt die nächste. Ein Hype setzt ein und jeder möchte ein Stück vom Käsebier-Boom abhaben. Presse, Bauspekulanten, gewiefte Unternehmer – alle setzen auf Käsebier, dem sogar eine internationale Karriere zugetraut wird.

Liest man sich in jenes Käsebier-Berlin hinein, kommen einem gleich andere Referenztitel in den Sinn. Tergits Buch gehört in die Reihe zu Erich Kästners Fabian, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz und Hans Falladas Kleiner Mann, was nun?. In einer flirrenden und dialoggetriebenen Sprache erschafft Gabriele Tergit ein pulsierendes Berlin voller eindrücklicher Charaktere. Sie zeigt eine Welt im Wandel, in der Zeitungen um die Deutungshoheit und das wirtschaftliche Fortbestehen kämpfen müssen, in der zunächst Wohnungsnot herrscht, dann aber der ganze Bauboom zu einem Platzen der Immobilienblase führt. Höchst aktuelle Themen also, die man in ihrem Roman entdeckt, und der eine Epoche wieder zum Leben erweckt, die uns näher ist, als so manchem lieb sein kann.

Eine originelle Wiederentdeckung

Im aktuellen Boom der historischen Berlin-Stoffe (man denke nur an den durchschlagenden Erfolg von Tom Tykwers Serienadaption Babylon Berlin der historischen Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher) ist Tergits Roman eine orginelle Wiederentdeckung, die nicht immer ganz leicht zu lesen ist, die aber die geneigten Leser und Kenner der Neuen Sachlichkeit durchaus überzeugen kann. Das pulsierende Zwischenkriegsberlin ist genauso eindringlich gestaltet wie die Szenen, die vom Inneren einer Zeitung der 30er Jahre berichten. Für mich ist es die gelungenste Szene des ganzen Romans, als Tergit beschreibt, wie in der Setzerei aus den einzelnen Artikeln und Lettern schlussendlich durch die kundigen Hände von Metteuren und Co eine Tageszeitung entsteht. Hier zeigt sich Gabriele Tergits beruflicher Hintergrund. Sie war nämlich selbst als Journalistin tätig, unter anderem beim Berliner Tageblatt, ehe sie vor den Nazis flüchten und emigrieren musste.

Das informative Nachwort von Nicole Henneberg beleuchtet dazu die Entstehung des Romans und die biographischen Hintergründe von Gabriele Tergit genauer. Sie liefert lesenswerte Informationen und weist unter anderem darauf hin, dass einige der auftretenden Personen tatsächlich an historisch verbürgte Journalisten angelehnt sind. Dies sorgt für eine Abrundung des Romans.

Verdient hätte es Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf alle Fälle, in der oben genannte Reihe der bekannten Werke der Weimarer Republik Aufnahme zu finden. Tergits flirrendes und pulsierendes Berlin-Gemälde ist vielschichtig und eindringlich – Zeit wird es, dass sie wieder gelesen wird!

Jean-Francois Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel

Siebzehn Jahre hat es gedauert, bis die in Frankreich erfolgreiche Reihe um den Commissaire Nicolas Le Floch nun auch bei uns erschien. In der Übersetzung von Michael von Killisch-Horn liegt der Auftakt für die mehrbändige historischen Krimirreihe um den französischen Kommissar im Blessing-Verlag nun vor. Hat sich das Warten gelohnt?

In meinen Augen ja, denn Jean-Francois Parot gelingt es, die Leser zugleich in ein längst vergangenes Paris zu versetzen und zugleich einen vertrackten Mordfall zu präsentieren. Lösen darf jenen Fall der junge Nicolas Le Floch, der zu Beginn des Buchs aus seiner Heimat in der Bretagne auf Empfehlung seines Ziehvaters nach Paris geschickt wird. Dort untersteht er direkt dem obersten Polizeichef, der ihn mit einer heiklen Mission betraut. Der König wird von einem Minister mit vertraulichen Schreiben erpresst. Ein Commissaire, der den Fall lösen sollte, ist verschwunden und nun liegt es an Nicolas Le Floch, den Verbleib des Commissaires und den der Schreiben zu ermitteln.

Ein Fall, der höchstes Fingerspitzengefühl fordert und der zur echten Belastungsprobe für den jungen Le Floch wird. Man sieht die Stadt durch dessen Augen, folgt ihm in die finsteren Gassen und durchmisst auch die ganze Pariser Stadtgesellschaft, vom König bis hin zum Lumpenproletariat.

Jean-Francois Parot zeichnet ein ungeschöntes Bild von der französischen Hauptstadt um das Jahr 1760 fernab von dem Bild, das heute unser Denken dominiert. Von Haussmann-Boulevards, Eiffelturm und Hygiene keine Spur, dafür dominieren Dreck, leichte Mädchen und gedungene Mörder die Straßen. Als studierter Historiker mit Schwerpunkt auf dem 18. Jahrhundert kennt sich Parot hier zweifelsohne gut aus. Schön auch, dass er trotz seiner akademischen Bildung nie zu viel Theorie oder Faktenlastigkeit in seine Erzählung einstreut.

Abgerundet wird dieser verheißungsvolle Auftakt der Reihe durch ein Personenregister, ein Glossar und angehängte Kurzbiographien der historisch verbürgten Personen, die den Roman bevölkern.

Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Zwei Herzen in meiner Brust

Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin. (Nguyen, Viet Thanh, Der Sympathisant, S. 9)

Was für ein Einstieg in den Roman Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen. So groß wie der Einstieg in das Buch ist auch der ganze Rest dieses außergewöhnlichen Romans – ein ganz großer Wurf! Nguyens Buch betrachtet die Verwerfungen Vietnams in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines Doppelagenten, der nicht mehr weiß, welchem Land seine Treue gehört und wer er eigentlich selbst ist.

Diese Dialektik, die schon durch das kongeniale Cover und das Intro eingeführt wird, setzt sich in der Person des Ich-Erzählers fort. Jener sitzt gerade in Haft und legt nun ein schriftliches Geständnis ab. Mithilfe dieses klassischen Kniffs fächert nun Nguyen die Biographie seines (Anti)Helden auf. Wer er ist und wie er zu dem wurde, was er nun ist, das blättert sich langsam vor den Augen des Lesers auf. Die Janusköpfigkeit dieses Erzählers gründet schon in seiner Geburt, denn er kam als Bastard eines Amerikaners und einer Vietnamesin zur Welt. Diese Mischung verwehrte ihm zeitlebens den Zugang zu geschlossenen Kreisen und sorgt dafür, dass er schon in der Schule stets abgestoßen wurde und sich außerhalb der Gesellschaftsschichten wiederfand.

In seinem Wirken setzt sich diese doppelte Polung nahtlos fort, denn schon zu Beginn des Romans muss der Sympathisant im Gefolge eines Generals aus dem unter Beschuss stehenden Saigon fliehen. Hier setzt die Handlung ein und begleitet die Flucht des Erzählers bis nach Amerika. Dort lässt sich der General mit seiner Entourage in Los Angeles nieder. Während nun die Expats aus Vietnam ein Leben fernab von Panzerbeschuss und militärischen Verwerfungen führen, wird der Sympathisant langsam zwischen seinen Identitäten zerrieben. Besonders deutlich wird dies bei einer der eindrücklichsten Episoden des Buchs – denn als „echter“ Vietnamese soll er Hollywood beim Drehen eines Blockbusters unterstützen, der den Vietnamkrieg thematisiert. Auch wenn dieser Film im Buch den Arbeitstitel Das Dorf trägt, so sind doch die Bezüge kristallklar erkennbar (Francis Ford Coppola lässt grüßen).

Immer weiter erodieren die Sympathien, immer unklarer wird, wohin der Sympathisant eigentlich gehört. Diese Zerrissenheit fasst Viet Thanh Nguyen in sprachgewaltige Bilder (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch durch Wolfgang Müller). Weiß oder schwarz? Der Sympathisant ist eindeutig grau, weder ist er klarer Held, noch Antiheld. Zerrieben zwischen den Polen, gebunden an ein Land, das ebenso fremdbestimmt ist und war wie der Sympathisant selbst. Nguyen bietet keine Antworten, sondern beobachtet nur, die Gräuel des Krieges fasst er genauso wie sinnliche Szenen in Worte. Zu Recht wurde dieser Roman mit dem Pulitzerpreis im Jahr 2016 ausgezeichnet, denn der vietnamesisch-amerikanische Autor schafft es in diesem meisterhaft komponierten Buch, einen Gegenblick auf das normalerweise von der amerikanischen Lesart dominiert Kapitel Vietnam und dessen Konflikte zu werfen. Stark!

Klaus Modick – Der kretische Gast

Goethes Heldin Iphigenie wollte einst das Land der Griechen mit der Seele suchen – Johann Martens ist in Klaus Modicks Der kretische Gast schon dort angekommen. Und dies in mehr als stürmischen Zeiten, wie schon der Ankunftsflug zeigt. Denn nicht nur die Maschine wird in den Luftströmungen über der griechischen Insel durcheinandergewirbelt – auch die politischen Verhältnisse sind mehr als turbulent. Denn Johann Martens betritt im Jahre 1943 die Insel. Die Deutschen haben Kreta mehr oder minder okkupiert, doch die Zivilbevölkerung leistet Widerstand, die Truppenstärke bröckelt und die Siegesserie der Deutschen hat sich schon lange ins Gegenteil verkehrt.

Eine angespannte Lage, von der Martens anfangs nur wenig merkt. Denn ihn führt ein ganz spezieller Auftrag nach Kreta. Er soll für Hitler-Deutschland die Kuntsschätze der Insel dokumentieren und archivieren. Der attisch-hellenistische Kunst mündet laut Meinung der Auftraggeber ja unmittelbar in die arische Kunst – und Martens soll diese blödsinnige These nun mit Material aus Kreta unterfüttern. Dieser kommt seinem Auftrag natürlich gerne nach, hält ihn die Arbeit doch von seiner unter Bombenbeschuss stehenden Heimat fern. Zudem verlor er Eltern und Geliebte in einem Bombenangriff, sodass Kreta für ihn einen Neustart bedeutet. Und dieser nimmt sich auch gut aus. Zusammen mit seinem griechischen Führer Andreas Sidaris erkundet er die Insel, ein klein wenig die Kunstschätze und sehr ausführlich die kretische Lebensart.

Modick zeigt zunächst ein Kreta wie von der Postkarte oder Nikos Kazanthakis‘ Alexis Sorbas. Viel Glückseligkeit, Ouzo, Sonne und Gastfreundschaft. Von den aufziehenden Wolken ist anfangs wenig zu spüren. Aber Klaus Modick ist ein zu guter Schriftsteller, um sich nur auf Griechenlandklischees auszuruhen. Seine Geschichte greift viel tiefer, je weiter die Erzählung voranschreitet. Denn schon bald steht Martens‘ Loyalität auf einem harten Prüfstein, als er sich zwischen seinen Auftraggebern und den rebellischen Kretern entscheiden muss. Und dann ist da auch noch die hübsche Eleni, die Johann gewaltig den Kopf verdreht …

Für die Erzählung wählt Klaus Modick zwei Handlungsstränge, um Johann Martens Schicksal zu erzählen. Da ist zunächst der 1943 spielende Strang, der dessen Abenteuer auf der Insel beschreibt. Sekundiert wird das Ganze von einem 1975 spielenden Erzählbogen, in dessen Mittelpunkt Hollenbach steht, ein junger Mann auf Sinnsuche, der die Geheimnisse seines Vaters ergründen will. Jener Vater war 1943 der Vorgesetzte von Johann Martens – so entfaltet sich ein reizvolles Panorama aus Vergangenheit und Gegenwart, das für viel Abwechslung sorgt.

Über 550 Seiten gelingt Klaus Modick mit Der kretische Gast das, was man landläufig einen wunderbaren Schmöker nennt. Auch wenn dieses Werk Klaus Modicks schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, lohnt die Lektüre des kretischen Gastes immer noch über die Maßen. Klaus Modick ist und bleibt ein wunderbarer Schriftsteller, der mit Keyserlings Geheimnis schon bald wieder von sich hören lassen wird!