Category Archives: Historischer Roman

Volker Kutscher – Lunapark

Gereon Rath ist zurück – Machtergreifung, gedungene Serienkiller und eine Hochzeit haben ihm nichts anhaben können – in seiner eigenen Mischung aus Angepasstheit und Rebellion hat es der Berlin Kriminalkommissar auch ins Zeitalter der Nationalsozialisten hinübergeschafft. Immer noch versieht er seinen Dienst in der Burg am Alex während ehemalige Kollegen auf Seiten der Nazis Karriere machen.

lunapark

In diesen unruhigen Zeiten ist Raths neuer Fall mehr als brisant. Eine halbfertige kommunistische Parole prangt unter einer Eisenbahnbrücke, darunter liegt tot ein SA-Mann. Für Raths Ex-Kollegen und nun jetzt Gestapo-Ermittler Reinhold Gräf ist die Sache dann sofort klar. Kommunisten haben dieses Verbrechen verübt, da sie bei der Aufbringung ihrer Parole gestört wurden. Folglich bläst Gräf zum Angriff auf die letzten roten Kommunisten in Berlin und Rath soll ihm zuarbeiten. Diesen macht hingegen die Offensichtlichkeit des Verbrechens stutzig. Er ermittelt in eine ganz andere Richtung, denn wie es aussieht, verbindet das Opfer unter der Eisenbahnbrücke ein Geheimnis mit weiteren Männern aus dem SA-Sturm 101. Auch alte Bekannte scheinen in die Geschehnisse verstrickt und so klemmt sich Rath gegen den Widerstand der Gestapo hinter seine eigene Fährte. Denn da draußen lauert der Täter immer noch. Und er hat auch mit Gereon Rath noch eine Rechnung offen …

Verhaltener Auftakt, gute Entwicklung

Etwas verhalten beginnt der inzwischen sechste Band um den Berliner Kommissar. Kompetenzgerangel und die übliche Spurensuche dominieren das erste Drittel des Buchs, ehe sich Volker Kutscher etwas freischwimmt und den Fall um die ermordeten SA-Männer immer komplexer macht und die Erzählfäden rund um Rath, seine Frau Charly Ritter und Raths alten Bekannten Johann Marlow miteinander verstrickt. Hier zeigt sich dann die Klasse des Autors, indem er die Protagonisten immer näher zusammenführt und dadurch auch den Zeitkolorit gut in die Geschichte einwebt.

Die kurz zuvor erfolgte Machtergreifung der Nationalsozialisten, das Erstarken der SA und der Röhm-Putsch im Juli 1934 bilden diesmal das Grundgerüst für die Kriminalepisode. Kutscher fängt die Zeit und die Verhaltensweisen der Menschen hervorragend ein. Wie er Rath als widerspenstigen Ermittler aber halbwegs angepassten Menschen zeichnet, der sich durch die Herrschaft der Nazis  hindurchlaviert, und im Privaten verpasst, Stellung zu beziehen, das liest man gerne. Auch sein Wohlwollen gegenüber seines Ziehsohnes Fritze, der unbedingt in die HJ eintreten möchte, steht exemplarische für viele Biografien dieser Zeit und wird von Kutscher plausibel eingearbeitet.

Zum Verständnis der Reihe ist die Kenntnis der Vorgängerbände nicht zwingend erforderlich, wer allerdings bereits Märzgefallene gelesen hat, wird sich mit der Lektüre des Lunaparks einfacher tun, da Kutscher viele Fäden aus diesem Krimi wieder aufgreift und weiterwebt.

Angelika Felenda – Wintergewitter

Bereits einmal ließ Angelika Felenda ihren Kommisär Reitmeyer im krisengeschüttelten München ermitteln, nämlich im Fall Der eiserne Sommer. Damals  dräute der Erste Weltkrieg und in der Landeshauptstadt München brodelte es. Nachdem am Ende des Buchs der Kommisär seinen Einzugsbefehl an die Front erhielt, ist er nun nach sechs Jahren wieder zurück in München. Als Kriegszitterer hat er einige Traumata aus dem Krieg mitgebracht und versucht die Erinnerungen mit Geigenspiel zu verjagen.

wintergewitterDoch auch zwei Jahre nach Kriegsende kommt die Landeshauptstadt nicht zur Ruhe. Bürgerwehren patrouillieren auf den Straßen, die rechten und das linken Lager tragen blutig ihre Fehden aus und der verlorene Weltkrieg hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Sehr angespannte Zustände also, in denen sich München befindet. Der neue Fall für den Ermittler Reitmeyer nimmt sich allerdings erst einmal ganz unpolitisch aus. Eine junge Kellnerin namens Cilly Ortlieb wurde tot im Keller eines Gasthauses aufgefunden. Recht schnell steht der Tathergang fest. Das Mädchen wurde mit einer Heroinspritze ermordet. Das alleine würde kaum Aufsehen erregen, doch schon bald wird eine weitere junge Frau tot auf einer Parkbank sitzend aufgefunden. Der Modus Operandi des Täters ist identisch. Was ist das Motiv des Täters? Die Suche nach Erkenntnis führt den Kommisär in die Palais von Adeligen, bringt ihn mit der rechten Einwohnerwehr in Kontakt und wird schließlich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Continue reading →

John Williams – Augustus

Die Erfolgsgeschichte von John Williams mutet ziemlich kurios an. Zu Lebzeiten recht erfolglos brachte der amerikanische Professor und Schriftsteller nur vier Romane zuwege, darunter die Titel Stoner und Butcher’s Crossing. Der Erfolg blieb recht überschaubar und erst 20 Jahre nach seinem Tod avancierten die oben genannten Bücher zu Welterfolgen. Die einzige Ausnahme stellt sein letzter Roman Augustus dar, der ihm schon zu Lebzeiten den National Book Award einbrachte und die Kritik aufhorchen lies.

Genau 43 Jahre nach dieser Auszeichnung erscheint der Roman nun von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen bei dtv. Im Vergleich zu den beiden schon zuvor publizierten Romanen lässt sich hier konstatieren – dieser Roman fällt aus dem Rahmen. Nicht nur wegen des Topos, das von den amerikanischen Settings komplett abweicht, sondern auch von der Schreibweise her.

augustus

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Gaius Octavius Cäsar, der unter seinem Namen Oktavian beziehungsweise Augustus zu einem der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte wurde und diese entscheidend mitprägte. Für seine fiktive Biographie des Cäsaren wählt Williams die Form einer Collage. Chronologisch spannt der Autor den Bogen von den Jugendjahren Augustus über dessen Nachfolge des ermordeten Cäsars bis hin zu seinem Tod im Alter von 77 Jahren bei Neapel. Dabei lässt er Weggefährten und Augustus selbst in Briefen, Tagebüchern und Berichten erzählen. Viele der Protagonisten stehen in häufiger Korrespondez miteinander und berichten dabei von der Entwicklung Octavians hin zu Augustus. Dichter wie Vergil oder Horaz schreiben über ihn, Seneca und Cicero finden mit ihren Schriften auch Eingang in den Roman. Williams verwendet für seinen Roman sogar in den Text eingebaut Auszüge aus der Propagandaschrift Res gestae divi Augusti, die die Heldentaten Augustus‘ preisen.

Dies ist profund gestaltet, allerdings ist dieses Buch auch das forderndste aus Williams Feder. Die Lektüre von Augustus ersetzt ein ganzes Pro-Seminar der römischen Geschichte, so detailliert hat sich der Autor eingearbeitet. Neben den zahlreichen berühmten schon oben geschilderten Namen treten auch noch weitere historische Figuren wie der spätere Kaiser Tiberius oder Augusts Weggefährten wie Maecenas und Salvidienus auf. Da die Charaktere auch untereinander immer wieder schreiben, Tagebucheinträge an Erinnerungen montiert sind und das Personaltableau nahezu uferlos ist, braucht man für diese Lektüre schon jede Menge Konzentration bzw. Erinnerungsvermögen, um alle wichtigen Charaktere im Kopf zu behalten. Erleichterung verschaffen da die angefügte Zeittafel und das Who’s who im Alten Rom. Auch der angehängte aufschlussreiche Essay des Williams-Kenner Daniel Mendelsohns soll hier lobend Erwähnung finden.

Fazit: Zweifelsohne Williams‘ ambitioniertester Roman, dessen Lektüre einiges an Zeit bzw. Willen zur Einarbeitung verlangt. Wer dies mitbringt, wird mit einem kenntnisreichen und durchaus auch modernen Roman belohnt, der mit Gewinn (wiederzu-)entdecken ist!

Elena Ferrante – Meine geniale Freundin

Wohl kaum ein Titel wurde schon vor Erscheinen so gehypt wie der vorliegende Titel Meine geniale Freundin der Italienerin Elena Ferrante (übertragen ins Deutsche von Karin Krieger). Der Suhrkamp-Verlag legte es seinen Mitarbeitern ans Herz, hunderte Rezensionsexemplare wurden unters Volk gebracht und zuletzt widmete sich Das literarische Quartett ebenfalls dem Titel. Was ist dran am #FerranteFever und dem Wind, der um das Buch gemacht wird?

Ferrante

Meine geniale Freundin ist der Auftaktband einer Tetralogie, in deren Mittelpunkt die Ich-Erzählerin Lenù und Lila stehen, beste Freundinnen seit Kindesbeinen an. Das Buch behandelt den Ursprung der Freundschaft zwischen den beiden italienischen Kindern, die in einem dampfigen und gewaltgeschwängerten Neapel der 50er Jahre ihren Anfang nimmt. Die beiden Mädchen wachsen miteinander auf und schweben permanent zwischen Freundschaft und Rivalität, die vor allem zunächst in der Schule zutage tritt. Lila erweist sich als blitzgescheit, hat sich selber Lesen und Rechnen beigebracht und avanciert zum unangefochtenen Klassenprimus. Dies ficht natürlich auch die junge Lenù an, die mit ihrer Freundin konkurriert und so auch zu schulischen Ehren gelangt. Da Bildung im ländlichen Süden in den 50er nicht den Stellenwert von klassischer Handwerksarbeit und Hausarbeit hat, müssen Lila und Lenù kämpfen, um weiter eine schulische Laufbahn verfolgen zu dürfen.

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Daniel Sánchez Pardos – Die Sieben Türen

Brände, Barcelona, Gaudí – in seinem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman lässt der Spanier Daniel Sánchez Pardos den wohl berühmtesten Architekten Spaniens und Stadtgestalter in ein Komplott stürzen, das einigen Bewohnern der Stadt den Kopf kosten könnte …

Gabriel Camarasa ist ein junger Architekturstudent, den auf den ersten Seiten des Romans schon fast wieder das Zeitliche segnet. Bei einem Brand droht er im Barcelona des Jahres 1874 von durchgegangen Pferden zertrampelt zu werden. Zum Retter aus höchster Not wird ihm ein anderer Architekturstudent namens Antoni Gaudí, der zum Lebensretter Gabriels und schon bald dessen bester Freund wird. Die beiden jungen Studenten freunden sich im Zuge des Brandes an, der die Räume einer Zeitungsredaktion zerstört hat. Das Konkurrenzblatt dieser Zeitung ist das Boulevardblatt Las noticias ilustradas, das ausgerechnet von Gabriels Vater geleitet wird.

Dieser gerät auch schon bald in den Fokus der Ermittlungen, da sich herausstellt, dass der Brand in der Zeitungsredaktion vorsätzlich gelegt wurde. Wollte sich Gabriels Vater einem unliebsamen Konkurrenten entledigen? Gabriel und Gaudí beschließen eigene Nachforschungen anzustellen, denn anders als die Polizei ist Gabriel fest von der Unschuld seines Vaters überzeugt. Doch schon bald stellt sich heraus, dass die Familie Camarasa auch eigene Geheimnisse hütet, von denen Gabriel nichts ahnte. Ist sein Vater wirklich ein unschuldiger Mann?

Barcelona im Jahre 1874

Sieben Türen

Für seinen Roman Die sieben Türen hat sich Daniel Sánchez Pardos eine spannende Epoche ausgesucht. Im Barcelona des Jahres 1874 kämpfen revolutionäre Gruppe, Bourgeoisie und Royalisten um die Herrschaft, man bezichtigt sich gegenseitig umstürzlerischer Umtriebe und belauert und beharkt sich. Ein brodelndes Barcelona also, durch das sich Gabriel und Antoni Gaudí ermitteln.

Musste ich auch bei der Beschreibung des Klappentextes und einer ersten Betrachtung der Aufmachung des Buches an den Großmeister aller Barcelona-Romane denken, nämlich Carlos Ruiz Záfon, so relativiert sich dieser Eindruck schon bald nach den ersten dutzend Seiten des Buchs. Das Flair, das Zafon zwischen die Seiten zaubert, bekommt Sánchez Pardos in dieser Form nämlich leider nur in verminderter Form hin. Sein Buch ist eigentlich ein reiner historischer Kriminalroman, nicht mehr und nicht weniger.

Die Begeisterung des Autoren für die Werke Arthur Conan Doyles merkt man Die sieben Türen auch deutlich an, wenngleich der Spanier etwas von der konzisen Schreibe des englischen Autoren hätte übernehmen können. Der Plot ist nämlich reizvoll und gut, nur hätte er auch einige Straffungen oder Kürzungen vertragen. Sein Ermittlerduo erinnert nicht von ungefähr an Watson und Sherlock Holmes, auch in puncto Dynamik. Für die Figuren des Verlegersohnes und des kommenden Stararchitekten hätte ich mir allerdings etwas mehr Ecken und Kanten beziehungsweise Tiefe in den Profilen gewünscht. So bleiben alle Charaktere etwas austauschbar, was schade ist, da hier viel Potential ungenutzt verstreicht. Davon abgesehen allerdings ein passabler historischer Krimi, der für Barcelona-Fans Pflicht ist!