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Johannes Schweikle – Grobe Nähte

Wenn der Buchtitel zum erzählerischen Konzept wird: Johannes Schweikle über München im Sommer 2015. Und über die Risse, die Gesellschaftsschichten und Milieus durchziehen.

Es ist ein warmer Tag im Sommer 2015, an dem ein Mann durch die Innenstadt Münchens radelt. Auf seinem Rücken ein Sousaphon, sein Ziel ein Auftritt mit seiner HipHop-Band am Flaucher. Derweil machen sich auch Eva Moser, ihre Kinder und ihr Mann auf den Weg zur Isar. Jugendstilwohnung und Cargobike, es fehlt sich an nichts. Eine Familie wie aus dem Manufactum-Katalog. Und dann ist da noch Victor Akbunike, auf dem im Fußballstadion alle Hoffnungen ruhen. Sein Transfer wurde zum Glücksfall für den FC Bavaria München, auf seine Tore zählen Trainer und Fans – und Victor liefert.

Menschen in München im Sommer 2015

So führt Johannes Schweikle seine Figuren in Grobe Nähte ein. Ein Musiker, der die Richtigkeit des Allgemeinplatzes der Musik als recht brotlose Kunst unter Beweis stellt. Eine Mutter, die die richtige Auswahl des Kindergartens und der dort offerierten Speisen vor Grundsatzentscheidungen stellt. Ihr Ehemann, der als leitender Kopf aus seinem Büro über den Dächern Münchens heraus für analytische Schärfe bei der einflussreichsten Zeitung sorgt Bayerns. Und ein Stürmer aus Afrika, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, der im Trikot des FC Bavaria München zur deutschen Antwort auf Cristiano Ronaldo avanciert. Sie sind die Figuren, die im Mittelpunkt von Schweikles Roman stehen. Verbindendes Element sind die Ereignisse, die im Sommer 2015 ihren Anfang nahmen und bis heute die Gesellschaft beschäftigen.

Johannes Schweikle - Grobe Nähte (Cover)

Die Rede ist von jenem Sommer, in dem Flüchtlingsströme per Bahn von Ungarn aus nach Deutschland einsetzten. Jener Sommer, in dem durch das Verhalten der Münchner*innen und anderswo der Begriff der „Willkommenskultur“ entstand. Klatschende Menschen in der Bahnhofshalle von München, Offenheit und Hilfsbereitschaft prägten jene Stimmung, die dann spätestens nach den Ereignissen der Silversternacht von Köln kippte. Besonders Korbinian Moser und der Musiker Benedikt erleben die Veränderung am eigenen Leib. Korbinias intellektuell-liberale Haltung stellen die Entwicklungen genauso auf eine Probe wie die von Benedikt. Dieser merkt, dass seine Ansichten plötzlich alles andere als kompatibel zu denen seiner Freundin geworden sind.

Die Ankunft der Geflüchteten, sie veränderte München und sie veränderte die Menschen. Das zeichnet Johannes Schweikle auf interessante Art und Weise nach. Brüche und Grobe Nähte lassen sich überall in diesem Buch entdecken. Das beginnt bei den Straßenzüge, die reiche Stadtviertel ganz unvermindert von armen Quartieren trennen, setzt sich in der Patchworkfamilie von Eva und Korbinian Moser fort und endet bei auseinanderdriftenden Weltanschauungen, die Freundschaften erschweren.

Etwas disparat und unverbunden

Dieses Gefühl des Nebeneinanderstehens und Nicht-Mehr-Zusammenpassens setzt sich für mich leider auch in der Struktur und Erzählweise des Romans fort. Man kann das als gelungenen Kniff feiern, das Motiv bis in den Plot hineinzuziehen, mich hat es leider nicht wirklich überzeugt. Zu unverbunden und disparat sind für mich viele Teile und Erzählelemente des Buchs. So wechselt Schweikle beispielsweise die Erzählperspektive Benedikts, den er am Anfang und Ende des Buchs in der 3. Person beschreibt, um dann im Binnenteil des Buchs in die Ich-Perspektve zu schlüpfen. Schlüssig motiviert und gelöst hat sich dieser Kniff für mich nicht wirklich. Weiter geht es mit dem Gefühl, eine ganze Materialsammlung von Ideen oder essayistischen Ansatzpunkten zu lesen.

Von der ausführlichen Blattkritik eines Autors im Hause der Zeitung, die sich zur Grundbetrachtung der Rolle der Medien in der Krise auswächst, über den Berufswechsel einer jungen Frau von der Altenpflegerin zur SM-Sexarbeiterin bis zur Beschreibung eines Blechbläser-Adventskonzerts in der Kirche reicht die Fülle an Themen, die Schweikle verhandelt. All diese Ansätze sind nicht schlecht und lesen sich für sich alleine spannend – in ihrer Gesamtheit blitzen dann aber doch das ein ums andere Mal etwas zu deutlich die groben Nähte im Plot hervor. Bis auf einige wenige Berührungspunkte stehen die drei Geschichten um den Fußballstürmer, Sousaphonisten und den Zeitungsmacher recht unverbunden nebeneinander und haben für mich auch nicht alle eine gleichwertige Qualität.

Vielleicht wäre ich etwas gnädiger, wenn Schweikle nicht auch ein ums andere Mal etwas zu stark überzeichnet oder sich mit Allgemeinplätzen begnügte. Das Luxusleben eines Fußballers, der sich in einem Formtief mit Doping behilft oder die karikatureske Übermutter, die um die Frage von Gummibärchen ärger streitet als manche Partei bei Koalitionsverhandlungen. All das wirkte auf mich etwas too much.

Auch blieb für mich rätselhaft, warum Schweikle manches verfremdete, anderes wieder klar benannte. So spricht er von der CDU, allerdings von den Echten Patrioten anstelle der AfD. taz und Welt werden benannt, Korbinian Mosers Zeitung (für die auch Schweikle selbst einst schrieb) dabei nicht. Der FC Bayern, Uli Hoeness oder der insolvenzgeplagte Alfons Schuhbeck sind klar erkennbar, trotzdem bekommen sie Fantasienamen. Andere Figuren hingegen werden wieder mit Klarnamen bedacht. Benedikts Band gleicht der HipHop-Brassband Moop Mama bis ins letzte Details und gibt Liedtexte von dieser zum besten, dennoch heißt die Kapelle im Buch BrassXpress. Das mag zwar marginal sein, aber auch hier setzte sich für mich der Eindruck fort, dass hier nicht alles zusammenpasst.

Feinere Nähte wären wünschenswert

Auch läuft das Ende für mich etwas ins Leere, sodass ich von keinem wirklich runden und vollumfänglich überzeugenden Leseerlebnis sprechen kann. Das ist schade, denn Schweikles Buch hat wirklich Potenzial. Sozialanalytischer Schärfe blitzt auf, die große Bögen sind angedeutet und Schweikle verfügt über profunde Kenntnisse Münchens. Darüber hinaus hat der Autor hat ein wirkliches Talent zum Erzählen und könnte mit ein bisschen mehr Überarbeitung und klareren Ideen in die Sphären von Gesellschaftsanalyst*innen wie Juli Zeh, Francesca Melandri oder Karine Tuil vorstoßen. Es wäre ein wirklich großer München-Roman geworden, hätte dieses Buch doch nur etwas feinere Nähte.


  • Johannes Schweikle – Grobe Nähte
  • ISBN 978-3-520-75401-1 (Edition Klöpfer)
  • 240 Seiten. Preis: 22,00 €

Chris Whitaker – Von Hier bis zum Anfang

Auf knappe 7000 Rezensionen auf einem einschlägigen Shoppingportal bringt es die englische Originalausgabe von Chris Whitakers Roman We begin at the end. Eine stattliche Anzahl von Rezensionen, auch auf die Bestsellerliste der New York Times hat es der britische Autor mit seinem Buch geschafft. Nun erscheint das Buch in der deutschen Übertragung durch die bewährte Übersetzerin Conny Lösch auf Deutsch. Was kann der „must-read crime novel of the year“, wie es vom Cover der Originalausgabe kündet?

Zunächst zwei kurze Feststellungen vorweg: im Vergleich zum englischen Originaltitel ist der deutsche Titel Von hier bis zum Anfang deutlich schwächer, da ungenauer. Und ein Krimi ist das Buch in meinen Augen auch nicht, genauso wenig wie es die Romane von Joel Dicker, Ann Petry oder Delia Owens sind. Warum komme ich zu diesen Urteilen?

Ein vermeintlicher Krimi

Zunächst klingt alles tatsächlich sehr nach einem klassischen Krimi, blict man auf den Klappentext oder die Inhaltszusammenfassung. Vor 30 Jahren soll Vincent King Sissy Radley umgebracht haben. Seine Strafe hat er im Gefängnis verbüßt, wurde wegen eines Mordes im Gefängnis noch länger einbehalten und kehrt nun nach Cape Haven zurück. Dort hat eigentlich niemand auf ihn gewartet, nur sein Freund aus Kindertagen, der lokale Polizeichef Walk hät ihm aus alter Verbundenheit die Treue. Doch die Rückkehr des verurteilten Mörders verursacht viel Aufruhr – und wenig später wird Walk zu einem neuen Tatort gerufen. Das Opfer diesmal: Star Radley, die Schwester von Sissy. Am Tatort greift er den blutverschmierten Vincent King auf, der auch diesen Mord gesteht. Die Spuren sprechen eine eindeutige Sprache und so steht eine Verurteilung von Walks altem Freund unmittelbar bevor. Doch was führte zu der Tat?

Um diese zu verstehen, muss man wirklich am Anfang der Geschichte ansetzen, die vor 30 Jahren begann. Geschickt schafft es Chris Whitaker, nach und nach kleine Puzzlestücke an den Platz zu rücken, während er seine Geschichte vorantreibt. Er schildert die Spurensuche Walks auf eigene Faust, der sich in der Kleinstadt Cape Haven auskennt und der mit seiner lokalen Expertise und Verbundenheit mit den Bewohner*innen viel Vorsprung vor den eigentlichen Ermittlern hat.

Den größten Raum in dieser Erzählung nimmt aber das Schicksal der beiden Kinder der ermordeten Star Radley ein. Da ist die Erstgeborene Dutchess. Ihren Vater kennt sie nicht, dafür spendet ihr der eigene Familienstammbaum Orientierung. In diesem Stammbaum findet sich ein Outlaw, der zum Vorbild für Dutchess wird. Die Qualitäten eines Outlaws braucht sie auch tatsächlich, um ihren kleinen Bruder Robin zu beschützen. Musste Dutchess schon vor dem Mord an ihrer Mutter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, steht sie nun nach der Ermordung noch mehr in der Verantwortung. Zusammen mit ihrem Bruder wird sie nach Montana zu ihrem Großvater geschickt. Wirklich zur Ruhe kommen die beiden hier aber auch nicht. Die Macht des Schicksals ist stark und holt die beiden auch dort ein.

Ein potentieller Bestseller mit vielen Qualitäten

Dass dieses Buch zum Bestseller avancierte, überrascht wenig. Denn Whitakers Debüt besitzt ganz unterschiedliche Qualitäten, die das Buch für eine wirklich breite Leserschicht interessant machen. Da ist zunächst die Tatsache, dass das Buch rund ist. Erst am Ende ergeben sich die Zusammenhänge und die Schicksalsfäden werden entwirrt. Insofern ist der Originaltitel, der vom Beginn am Ende spricht, sehr gut passend. Alles fügt sich und ergibt ein sinnreiches Bild.

Dieses Bild, das sich dann zeigt, zielt deutlich aufs Herz und besitzt eine starke emotionale Kraft. Das Waisenschicksal von Dutchess und ihrem Bruder Robin rührt an, auch wenn Chris Whitaker hier so manches Mal etwas zu stark auf die Tränendrüse drückt. Aber wie er von Einsamkeit und dem viel zu frühen Erwachsenwerden von Dutchess erzählt, das ist wirklich stark gemacht (und erinnert an Delia Owens Bestseller).

Neben der emotionalen Güte ist es auch die Qualität eines Justiz- und Spannungsromans, die dem Buch innewohnt. Es gibt Tote, Vermisste, einen Prozess mit Geschworenen, der die Suche nach der Wahrheit beschleunigt und immer drängender werden lässt. Dabei übertreibt es Whitaker auch nicht mit der Gewalt, alles geschieht in allgemein verträglicher Intensität, sodass auch zarter besaitete Leser*innen durchaus gut unterhalten werden. Ist Vincent King schuldig? Wer hätte weiteres Interesse an den Morden und wo sind die Motive zu suchen? All diese Fragen ziehen sich durch das Buch.

Neben all der Schwere gibt es aber auch immer wieder komische Momente, etwa wenn Walks Nachbar alleine als Bürgerwehr fungiert und dabei höchst sachverständig erscheinen will, ein Wahrheit aber ständig die Polizeicodes durcheinanderbringt. Aber auch die anderen Figuren sind zumeist glaubwürdig gezeichnet und haben alle ihre zwei Gesichter.

In Von hier bis zum Anfang stellt Chris Whitaker auch unter Beweis, dass es nicht viele Figuren braucht, um eine große Geschichte zu erzählen. Er konzentriert sich auf ein sehr überschaubares Figurenensemble. Genauso klein wie die Figuren ist auch der Schauplatz Cape Haven. Dem Engländer Whitaker gelingt es ähnlich wie dem Schweizer Joel Dicker, das Leben in der amerikanischen Kleinstadt ungemein plastisch zu schildern. Man vermeint, selbst durch die Straßenzüge Cape Havens zu bummeln, die Läden und Häuser vor sich zu sehen oder in der Weite Montanas zu stehen.

Fazit

Die Atmosphäre in diesem Buch ist stark. Die Naturbeschreibungen überzeugen genauso wie das soziale Gefüge in Whitakers Kleinstadt, das Buch hat eine untergründige Spannung und große emotionale Wucht. Viele Punkte also, die das Buch maximal anschlussfähig an verschiedene Leseinteressen machen. Ein breiter Erfolg beim lesenden Publikum sollte diesem Buch gewiss sein, davon bin ich überzeugt. Ein potentieller Bestseller, den ich mir auch bei der Wahl zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels im Herbst gut vorstellen könnte.


  • Chris Whitaker – Von Hier bis zum Anfang
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-492-07129-1 (Piper)
  • 448 Seiten. Preis: 22,00 €

C Pam Zhang – Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

Was für ein Debüt! Mit Wie viel von diesen Hügeln ist Gold legt C Pam Zhang ein Buch vor, dem das Kunststück gelingt, sowohl von zeitlosen Themen zu erzählen, als auch in alle aktuellen Debatten vorzustoßen. Ein vermeintlich historischer Roman, der erstaunlich viele Berührungspunkte mit der Gegenwart aufweist und der angenehm vieldeutig ist. Sehr stark!

Ob Zhangs Buch ein historischer Roman ist, darüber lässt sich schon einmal vortrefflich streiten. Denn C Pam Zhang entzieht sich einer allzu eindeutigen Zuordnung, indem sie einen Kniff anwendet. Denn anstelle einer ganz konkreten Verhaftung in Zeit und Ort wählt sie für ihre verschiedenen Teile des Buchs eine semi-konkrete Zeitbeschreibung. Ihre Kapitel spielen in den Jahren XX59 oder XX68. So enthebt sie sich einer althergebrachten und klassischen Geschichtsschreibung und zielt etwas am Eindeutigen vorbei. Das ist auch in vielen anderen Bereichen des Romans ein Kennzeichen ihres Schreibens. Das Uneindeutige, vielfach lesbare findet sich in verschiedensten Ausprägungen im ganzen Buch wieder.

Das beginnt bei der Geschlechtszuordnung und endet bei der Frage, wie konkret das Beschriebene überhaupt ist. Goldfunde vor dem Goldrausch, Tiger in der Prärie, die eigenen Familienlegenden die genaue Herkunft ihrer Protagonistinnen: was davon kann man trauen? Was ist im Fakt, was Fiktion? Vieles entzieht sich in Wie viel von diesen Hügeln ist Gold einer eindeutigen Lesart – was das Buch so vielschichtig und grandios macht. Aber der Reihe nach.

Zwei Waisenkinder auf der Flucht

C Pam Zhang - Wie viel von diesen Hügeln ist Gold (Cover)

Alles beginnt in Zhangs Roman mit der Flucht zweier Waisenkinder. Sam und Lucy sind auf der Flucht, nachdem sie zwei Silberdollars geraubt haben. Diese benötigen sie, um ihrem Vater ein rituelles Begräbnis zukommen zu lassen. Nach ihrer Mutter ist nun auch der Vater verstorben, ein jähzorniger und schwieriger Zeitgenosse, der den Tod der eigenen Frau nicht verwinden konnte. Dieser Tyrann ist nun tot und Sam und Lucy möchten seine Beine gestatten. Mit der Leiche des Vaters auf dem Rücken ihres Pferdes reiten sie nun durch die Prärie, damit seine Seele nach dem Begräbnis Frieden finden kann.

Nachdem uns die Autorin hier eine schon nahezu völlig fragmentierte Familie präsentiert, geht es in den folgenden Teilen zurück zu den Anfängen. Vater und Mutter dürfen erzählen, ihre Sichtweise zu Gehör bringen. Wie fanden sich die Eltern, beide aufgrund ihres Aussehens und ihrer Andersartigkeit Außenseiter? Wie erlebten die beiden den Goldrausch, was bedeutet und bedeutete Familie für die beiden? Zhang zeigt hier einen ganz besonderen Familienverbund, die als Kuriosum in der lokalen Goldgräbergemeinde angesehen wurde. Sprache, Aussehen, Verhalten – alles an dieser Familie war anders als die Mehrheit. So gelingt es C Pam Zhang, einen alternativen Blick auf den amerikanischen Goldrausch und seiner Abgründe zu werfen, wie er mit seit Jugendtagen (damals in Form von Rainer M. Schröders Goldrausch in Kalifornien) nicht mehr begegnet ist. Fernab von jeder Klondike- und Glücksritterromantik zeigt sie hier den Raubbau an Mensch und Natur, den dieser Rausch bedeutete.

Von der Frage der Identität

Nicht nur in diesem Punkt der Ökologie und des fragwürdigen Umgangs mit den Ressourcen der Natur weist Wie viel von diesen Hügeln ist Gold viele Berührungspunkte mit der Gegenwart auf. Auch die Frage von Geschlecht und gesellschaftlicher Zuschreibung spielt in diesem Roman eine wichtige Rolle. So nutzt Zhang geschickt den Kniff, Sam stets nur mit dem geschlechtslosen Kurznamen anzusprechen (was auch gut in die tolle deutsche Übersetzung von Eva Regul hinübergerettet wird). Denn obwohl Sam eigentlich ein Mädchen ist, wurde ihr vom Vater die Rolle des nicht vorhandenen Sohns zugewiesen. Und Sam fühlt sich mit dieser Zuschreibung ganz wohl. Sie trägt das Haar kurz und ist mit ihrem durchaus aggressiven Charakter so ganz anders als Lucy, die versucht, die letzten Rumpfbestände der Familie zusammenzuhalten. Hochinteressant, wie Zhang hier zeigt, wie Geschlecht eben nicht nur Biologie sondern auch gesellschaftliche Zuschreibung sein kann.

Und nicht zuletzt ist es auch die Sprache, die dieses Buch so besonders macht. Wie viel von diesen Hügeln ist Gold besitzt einen eigenen Sound ist sprachmächtig und ragt aus der Masse heraus. C Pam Zhang besitzt die Gabe, poetische Schilderungen mit höchster Grausamkeit zu verbinden, Elegie, Tod und Action zu einer eindringlichen Melange zu verschmelzen. Immer wieder sind chinesische Satzfetzen in die Gespräche eingeflochten, reden Menschen aneinander vorbei und sind auch hier wieder: uneindeutig.

Fazit

Diese Ambiguität, Vielfalt der Themen und überzeugende literarische und poetische Gestaltung neben einer interessanten Konstruktion machen für mich den Reiz von Wie viel von diesen Hügeln ist Gold aus. Eine Gegenerzählung zum oftmals romantisierten „Goldrausch“ und seiner Glücksritter, das Porträt einer auseinanderdriftenden Familie und dazu noch viele Berührungspunkten mit aktuellen Diskursen und Fragestellungen. Ein Buch, das auf ganzer Linie überzeugt und viele Denkanstöße liefert.


  • C Pam Zhang – Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
  • Aus dem Amerikanischen von Eva Regul
  • ISBN: 978-3-10-397392-1 (S. Fischer)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €

James Scudamore – English Monsters

Missbrauchsskandale wie etwa der in der Odenwaldschule oder bei den Regensburger Domspatzen erschüttern immer wieder die Öffentlichkeit. Erst nach Jahrzehnten kommen diese Skandale ans Tageslicht, wenn Betroffene den Mut haben, sich mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit zu wenden. Man verspricht Aufarbeitung, Untersuchungskommissionen werden eingeleitet, manchmal werden auch Entschädigungen geleistet – doch die Traumata bleiben. In seinem Roman English Monsters erzählt James Scudamore die Geschichte einer Clique von Freunden, die auf einem Internat Übergriffe erlebten und seither nicht wirklich loskommen von diesen Erfahrungen. Ein Roman, der sich differenziert einem schwierigen Thema nähert.


Sie wird nur die „Schule auf dem Berg“ genannt. Dorthin wird der junge Ich-Erzähler Max Denyer von seinen abwesenden Eltern geschickt. Der Großvater und die Großmutter kümmern sich auf dem eigenen Hof um den Jungen, abseits davon erfährt er wenig Geborgenheit und soziale Bindung. Seine eigentlichen Eltern sind immer unterwegs, momentan haben sie ihre Zelte in Mexiko aufgeschlagen. Für ihren Sohn ist in diesem Leben allerdings wenig Platz.

Und so ist das Internat für sie die passende Lösung. Dort beginnt für den Jungen eine besondere Zeit. Nach und nach lernt er die undurchsichtigen Regeln der Schule dort kennen. Die Pädagogen vor Ort pflegen einen strengen Umgang, körperliche Gewalt ist zu Züchtigungszwecken ein probates Mittel. Wer sich dem harten Regiment nicht fügt, bekommt die Konsequenzen am eigenen Leib zu spüren. Auch Max muss diese Erfahrung machen.

Während er zögerlich Freundschaften schließt, lernt er auch seine Dozenten besser kennen. Exzentriker, Waffennarren und andere Unikate bilden das Lehrerkollegium des Internats. Erst im Erwachsenenalter zeigen sich Max und der ganzen Öffentlichkeit die wahren Abgründe, die hinter den Schulmauern auftaten. Auch auf seine Freunde gewinnt der ehemalige Internatszögling einen neuen Blick.

Kein leichtes Thema, souverän erzählt

James Scudamore - English Monsters (Cover)

Es ist wahrlich kein leichtes Thema, das sich James Scudamore ausgewählt hat. Sexueller Missbrauch in einer schulischen Institution und Missbrauch von Schutzbefohlenen sind keine Themen, die einem in zeitgenössischen Roman häufig begegnen. Zu heikel, zu unverkäuflich, zu unangenehm für den Buchmarkt, so heißt es oft. Umso schöner, dass Scudamore das Risiko eingegangen ist und genau das in English Monsters thematisiert.

Dabei vermeidet der Autor dankenswerterweise allzu plakative Aussagen und Weisheiten. Sein Buch ist angenehm differenziert und weiß das schwierige Verhältnis der Jungen untereinander und zu den Lehrern in Worte zu fassen. Seine Beschreibungen des Lebens in der englischen Lehranstalt, der Drill und die Abgründe des Erziehungssystems zeichnet der Brite klar und schonungslos. Auch kommt Scudamore der gewählte Erzählansatz zupass.

Denn immer wieder vermischt er die Zeitebenen. So erzählt er von Max‘ Kindheit im Internat und seinem Leben danach in fließenden Übergängen, statt einen chronologischen Erzählansatz zu wählen. Mal trifft er seine Schulfreunde von damals im gesetzten Alter, dann ist er wieder zurück in der Schule am Berg und erinnert sich, wie er sich in dem Schulkosmos einlebte. Die Konsequenzen des Erlebten, das Fortwirken der Taten der Lehrer werden so nachvollziehbar geschildert. Auch das schwierige Verhältnis zu den inzwischen greisen Pädagogen nimmt in seinem Roman Raum ein. Vor allem sein Freund Simon, der den körperlichen Missbrauch unmittelbar erlebte, weiß hierbei Erschütterndes zu berichten, ohne dass der Roman ins Platt-Voyeuristische kippt. Der Blick zurück, die Erfahrungen der Kindheit, all das ist gut ausbalanciert und nachvollziehbar erzählt.

Fazit

Die Ambiguität und Vielstimmigkeit der Erinnerungen und Erinnerungen Max‘, die seinen Charakter geformt haben, beschreibt James Scudamore wirklich eindringlich. Sein Roman steckt voller Themen, die in den oftmals etwas einfach geführten Debatten zu kurz kommen. Was begünstigt den Missbrauch, welche Mechanismen begünstigen das Vertuschen, wie kann man über das Erlebte reden? English Monsters bietet gute Ansätze für Debatten und begegnet der Thematik angenehm komplex und vielschichtig. Die Erfahrung des Missbrauchs, das komplizierte Leben mit der Wahrheit, das Verdrängen oder Aufarbeiten der Erfahrungen, all das bettet Scudamore fundiert und klug in seinen Roman ein. Ein außergewöhnliches und engagiertes Buch, dessen Mut ich gerne mit vielen Leserinnen und Lesern belohnt sähe.


  • James Scudamore – English Monsters
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN 978-3-446-26946-0 (Hanser)
  • 464 Seiten. Preis: 22,00 €

Beth Ann Fennelly / Tom Franklin – Das Meer von Missisippi

Überschwemmungen in einigen Teil Deutschlands wie aktuell in Teilen Frankens und Nordrhein-Westfalens lassen aufhorchen. Immer wieder sind es Starkregen oder Wetterlagen wie die in Stuttgart, die Teile des Landes unter Wasser setzen. Solche Ereignisse lassen Erinnerungen hochkommen an Naturkatastrophen, die zu Landmarken der deutschen Geschichte wurden, etwa die Sturmflut in Hamburg oder das Elb-Hochwasser im Jahr 2002.

Während wir uns in Deutschland an diese Ereignisse immer wieder erinnern, ist es in Amerika eine deutlich größere Flutkatastrophe, die nahezu dem Vergessen anheimgefallen ist, wie es das Autorenpaar Beth Ann Fennelly und Tom Franklin im Vorwort zu Das Meer von Mississippi schildert. 1927 kam es in großen Teilen der Mississippi-Region nach starken Regenfällen zu einer Überflutung der Region, die zahlreiche Menschenleben forderte.

Doch weder den amtierenden Präsidenten Coolidge noch sonstige ranghohe Repräsentanten schien die Katastrophe zu kümmern. Während bei uns schnell Regierungsvertreter zu den Schauplätzen solcher Katastrophen eilen und sich als Krisenmanager*innen inszenieren, glänzte die Obrigkeit in Mississippi mit Abwesenheit und Desinteresse. Aber nachdem der Landstrich von überwiegend armer und damit nicht wahlentscheidender Bevölkerung besiedelt war, hielt sich das Engagement der Regierung eher in Grenzen (was sich ja nicht nur beim Hurrikan Katrina wiederholen sollte). Auch das Erinnern an die Katastrophe wurde nicht wirklich aktiv betrieben, der Blick ging schnell nach vorne. Und so haben es sich Fennelly und Franklin zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an die damaligen Geschehnisse noch einmal wachzurufen und die Leserinnen und Leser mitzunehmen in ein von Regen getränktes Mississippi-Delta im Jahr 1927.

Ein Paar voller Gegensätze

Dazu setzen sie ein äußerst gegensätzliches Paar Protagonisten in den Mittelpunkt des Buchs. Da ist der Bluesliebhaber und Prohibitionsagent Ted Ingersoll, der mit seinem Partner Johnson einen Spezialauftrag von Herbert Hoover erhält. Im Süden der USA sind zwei andere Agenten verschwunden, die mit dem Aufspüren von Schwarzbrennern beauftragt waren. Nachdem die Männer wie vom Erdboden verschluckt sind, sollen Ingersoll und Johnson nun Licht in die Angelegenheit bringen. Bei ihrer Suche im Dauerregen von Mississippi stoßen die beiden bei ihrer Suche auf ein herrenloses Baby, dessen sich Ingersoll annimmt.

Beth An Fennelly / Tom Franklin - Das Meer von Mississippi (Cover)

Um sich auf ihre Suche konzentrieren zu können, gibt Ingersoll das Baby in die Obhut von Dixie Clay Holliver, der zweiten Hauptfigur des Romans. Dabei ahnt Ingersoll allerdings nicht, dass es just Dixies Mann war, in dessen Gegenwart man die zwei verschwundenen Agenten zuletzt gesehen hat. Denn Dixies Mann ist ein Alkoholschmuggler, der die strengen Prohibitionsgesetze geschickt zu umgehen weiß. Die eigentliche Kraft hinter seinen Umtrieben ist allerdings Dixie selbst, eine hochtalentierte Schwarzbrennerin, die auf ihrer Farm in der Nähe des kleinen Dörfchens Hobnob den besten Moonshine im Süden brennt.

Aus der Spannung zwischen diesen eigentlich diametral entgegengesetzten Figuren zieht Das Meer von Mississippi seinen Reiz. Während der Regen unerbittlich vom Himmel fällt und einen immer größeren Druck auf die Flüsse und Deiche ausübt, kommen sich Ingersoll und Dixie näher. Beth Ann Fennelly und Tom Franklin inszenieren das mit wuchtigen Bildern und viel Gespür für Timing und Tempo. Wie sich die beiden immer weiter annähern, wie zugleich die Pegelstände steigen und sich die Handlung um die beiden gegensätzlichen Figuren herum immer schneller beschleunigt und schließlich in nicht nur einem metaphorischen Dammbruch endet, das ist ausnehmend gut gemacht. Immer wieder gelingen den beiden eindrucksvolle Szenen und farbig geschilderte Momentaufnahmen aus einer Welt, die sich zunehmend im Chaos verliert (übersetzt von Eva Bonné).

Fazit

Das Buch kann überzeugen und ist eine wirkliche Lesefreude, wenngleich der Publikationsort im Verlag Heyne Hardcore etwas in die Irre führt. Schreibt Tom Franklin sonst Thriller ganz anderen Kalibers, handelt es sich hier doch zuvorderst um einen Roman, der Elemente aus Krimi, Schmonzette und historischem Schmugglerepos á la Dennis Lehane miteinander formidabel verzahnt. Hardcore ist hier nichts, dafür aber durchaus eindrücklich. Und somit ist das Anliegen des Autoren- und Ehepaars durchaus gelungen, an diese vergessene Katastrophe zu erinnern und ihr ein literarisches Denkmal zu setzen! Ein Buch, das nicht nur in diesen regnerischen Tagen wärmstens empfohlen sei!


  • Benn Ann Fennelly / Tom Franklin – Das Meer von Mississippi
  • Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
  • ISBN: 978-3-453-27285-9 (Heyne Hardcore)
  • 384 Seiten. Preis: 22,00 Euro