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Paula Irmschler – Superbusen

Es gibt zweifelsohne attraktivere Orte als Chemnitz. Und es gibt auch deutlich attraktivere Vornamen für eine Mittzwanzigerin als Gisela. Aber es hilft ja alles nichts – Gisela ist nun mal in Chemnitz gelandet. Wie es dazu kam, was die junge Frau dort treibt und was es mit dem ominösen Superbusen auf sich hat, davon erzählt Paula Irmschler in ihrem Debüt. Keine große Literatur, aber ein Buch, das Spaß macht und einige Debatten unserer Tage aufgreift.


Thorsten, das hättest du mir so nicht zugetraut
Ich hab‘ die Technik ganz alleine aufgebaut
Natürlich muss da nochmal jemand drüber schauen
Doch ich hab‘ das ganz ordentlich verkabelt für ’ne Frau .

So singt es reichlich selbstironisch die Chemnitzer Band Blond, die aus den beiden Schwestern Nina und Lotta Kummer und Johann Bonitz besteht. Weiter heißt es in ihrem Song Thorsten:

Hör nicht drauf
Wenn ich mich über den Sound beklage
Weil der Sound ist nicht schlecht, hey
Ich hab einfach meine Tage
Aber scheiß drauf, scheiß auf den Ton
Weil das reicht aus, du sagst du regelst das schon
Mach da kein Ding draus, wir sollen jetzt nicht so tun
Am Ende sind wir eh nur hübsche Dekoration

Blond – Thorsten

Zwar ist Giselas Band Superbusen nicht ganz so bekannt wie die Band der Kummer-Schwestern. Die Probleme, die sie in ihrem Text ansprechen, sind aber auch Gisela wohlbekannt. Als Frau in einer Band gilt man automatisch als weniger kompetent. Paternalistische Tontechniker wollen den Frauen erklären, wie der Hase läuft. So viel Mühe in Sachen Sound gibt man sich für weibliche Bands eh nicht. Und so etwas wie Respekt erntet man für seine Musik eh kaum.

Wenig Schwung im Leben

Paula Irmschler - Superbusen (Cover)

Doch den hätte Giselas Punkband Superbusen alleine schon für ihren Titel oder Songtitel wie Sterbeschlüpfer oder Thomas Goletz, du hast mein Leben zerstört verdient. Zusammen mit anderen antriebslosen Freund*innen gründet sie ihre Band, die ihrem Leben etwas Schwung verleihen soll. Denn bislang ist von Schwung oder Zielstrebigkeit in Giselas Leben nichts auszumachen.

Sämtliche Semsterverlängerungen und Prüfungsverschiebungen sind ausgereizt. Auf dem Konto herrscht Ebbe. Das WG-Zimmer in Chemnitz kostet zwar kaum etwas – Lebensqualität sieht aber auch anders aus. Zusammen mit anderen linken Kommiliton*innen plant man Aktionen, fährt in andere Städte, demonstriert gegen Rechts, wird von Neonazis gejagt und verprügelt. Man schnorrt sich so durch das Leben. Der richtige Schwung aber, er fehlt.

Ein Lebensgefühl, das auch die bekannteste Chemnitzer Band Kraftklub (die aus der anderen Hälfte des Kummer-Clans besteht) in ihrem Song Karl-Marx-Stadt vertont hat.

Ich steh‘ auf keiner Gästeliste, ich bin nicht mal cool
In einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools
Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf
Die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff
Diskriminiert, nicht motiviert
Von der Decke tropft das Wasser, nichts funktioniert
Und so wohnen wir in Sachsen auf modernden Matratzen
Immer gut drauf auch ohne Kohle in den Taschen

Kraftklub – Karl-Marx-Stadt

Die Armut, die Motivations- und Antriebslosigkeit, sie kann man auch in Paula Irmschlers Roman wiederfinden. Ihr Chemnitz ist ebenfalls voll von Hooligans und Nazis. Die unfassbaren Ausschreitungen von Chemnitz 2018, die Aufmärsche, die Hetzjagden und die darauffolgende Demonstration unter dem Motto #wirsindmehr spielen in ihrem Buch eine Rolle. Die Zerrissenheit der Stadt, die Dominanz der Rechten, die Schwäche der Linken – sie finden sich in Superbusen wieder und wird von ihr durchaus treffend analysiert.

In Marburg sind alle [Linken] sehr viel progressiver unterwegs und machen Lesekreise und Plena. Wir hatten nie Lesekreise, wir haben nicht mal besonders viel gelesen. Unsere Plena waren einfach Treffen unter Freunden und Bekannten, bei denen etwas schlecht gefunden, etwas dagegen geplant und irgendwann lustige YouTube-Videos angemacht wurden. Wir waren nicht anti-intellektuell, wir hatte nur immer anderes zu tun.

Irmschler, Paula: Superbusen, S. 210

Literarisch betrachtet schwach

Literarisch betrachtet ist Superbusen schwach. Das Buch ist eng dran an Umgangssprache, so etwas wie Eleganz und Rhythmus findet sich in Irmschlers Prosa nicht. Sätze wie die folgende sprechen für sich.

Als ich nach Chemnitz zog, war wie heute Montag. Es war Oktober und hat geregnet wie Sau.

Irmschler, Paula: Superbusen, S. 39

Ebenso antriebslos wie Giselas Leben ist auch das Buch selbst. Ein Handlungsbogen oder so etwas wie eine Beschleunigung hin zu einem bestimmten Ereignis, es fehlt. Die lakonische Handlung tritt auf der Stelle, wenngleich Gisela durch die halbe Republik gondelt, den Kölner Karneval besucht oder Superbusen gründet. Es geht kaum etwas vorwärts. Und trotzdem macht das Buch durch seine schnoddrige Erzählweise, den Humor, die gesellschaftliche Relevanz Spaß.

Auch greift Irmschler Themen wie das Erstarken der Rechten, die Schwäche der Linken, Diskriminierung von (dicken) Frauen im Popgeschäft oder Tabuthemen wie Menstruation auf, die hier angenehm unaufgeregt nebenbei einfließen. Der feministische Einschlag des Buchs ist klar erkennbar – und er tut Superbusen gut.

Wie ist das Buch nun also zu bewerten? Für mich ein typischer Fall von einem Easy Read, wie gemacht für den Sommer. Ein gelungener Blick in ein linkes Milieu, der in der zeitgenössischen Literatur so nicht häufig gewagt wird. Sprachlich eher wenig relevant, gesellschaftlich schon eher. Ein feministischer Pop-Roman mit gutem Soundtrack.

Der ewige Gärtner

Reginald Arkell – Pinnegars Garten

Gibt es etwas Altmodischeres als Blumenschauen? Das Flanieren durch Gärten und das Fachsimpeln über Blüten, Saat und Aufzucht ist doch etwas aus der Mode geraten. Zwar erfreuen sich Botanische Gärten oder Kleingärten großer Beliebtheit und auch der Tag der offenen Gartentür findet noch statt. Aber die Gartenkunst hatte schon mal eine größere Bedeutung. Davon zeugt der Roman Pinnegars Garten von Reginald Arkell. Ein hinreißend altmodisches Vergnügen.


Reginals Arkell kam 1881 in Gloucestershire auf die Welt. Er schrieb Theaterstücke und Singspiele, diente im Ersten Weltkrieg als Offizier und verfasste mit Pinnegars Garten (beziehungsweise Old Herbaceous im Original) einen Klassiker der englischen Gartenliteratur. Sein Roman genoss solche Popularität (und tut es noch immer), dass das Buch als Theaterstück 1979 sogar vor der englischen Königsfamilie auf Schloss Windsor aufgeführt wurde. Was macht dieses Buch also zum Klassiker, der sich solcher Beliebtheit erfreut?

Reginald Arkell - Pinnegars Garten (Cover)

Es ist ein warmherziger Ton, der dieses 1950 erschienene Buch durchzieht. Ein alter Mann, genannt Old Herbaceous, also frei übertragen etwa Alter Krautkopf, sitzt in seinem Lehnstuhl und sinniert über sein Leben. Eigentlich trägt er den Namen Herbert Pinnegar. Aber zu seinem Ehrennamen kam er durch seine Passion, die sein ganzes Leben prägen sollte.

Schon als Kind gewann er einen Preis bei einer Gartenschau, als er ein außergewöhnliches Blumenbouquet pflückte. Während gleichaltrige Kinder nach der Schule zu Knechten oder Schäfergesellen wurden (wir schreiben ein England vor der Jahrhundertwende), so hat das Schicksal für Herbert einen anderen Verlauf vorgesehen.

Ein Leben als Gärtner

Über die Jahre steigt er zum Obergärtner im Dienste von Miss Charteris auf. Diese ist die Besitzerin eines Herrenhauses mit ausgedehnten Ländereien. Und Herbert tritt in den Dienst ihres Hauses ein und wächst in den folgenden Jahrzehnten mit seinen Aufgaben. Kriege kommen und Kriege gehen – Old Herbaceous ist aber mit voller Hingabe für die Gärten von Miss Charteris da. In guten, wie in schlechten Zeiten.

In einem ruhigen Ton erzählt sich Reginald Arkell chronologisch durch das Leben von Old Herbaceous. Wie er mit Miss Charteris ein ganz eigenes dynamisches Doppel bildet, wie er seinen Job interpretiert und wie er seine Gärten genauestens hegt und pflegt, davon erzählt Arkell. Und zwar so, dass man gar nicht anders kann, als diesen Gärtner und seine Chefin ins Herz zu schließen.

Dabei ist Pinnegars Garten aber keineswegs nur ein weltabgewandter und schrulliger Roman, der die Gartenkunst feiert und sonst wenig zu sagen hat. Arkell zeigt die gesellschaftlichen Verwerfungen auf, die der Übergang vom Viktorianischen zum Edwardianischen Zeitalter bedeutete. Und nicht zuletzt ist das Buch auch eine Dokumentation darüber, wie die Bedeutung der Gartenkunst über die Jahre abnahm.

Nicht nur für Gartenliebhaber*innen oder Gärtner*innen stellt Pinnegars Garten ein wirkliches Geschenk dar. Liebevoll von Elsemarie Maletzke ins Deutsche übertragen (großartig schon allein der Ausdruck Zungendresche) und mit einem Nachwort von Penelope Hobhouse versehen, ist das Buch ein wirkliches Kleinod. Mit einem Leineneinband ausgestattet nimmt uns das Buch noch einmal mit in eine längst vergangene Zeit, als die Öfen in den Gewächshäuser bollerten und Erdbeeren im Februar eine gärtnerische Sensation waren. Einfach ein toller Roman, der die Möglichkeit gibt, auch ohne eigenen Garten literarisch durch Old Herbaceous Gärten zu lustwandeln.


  • Reginald Arkell – Pinnegars Garten
  • Aus dem Englischen von Elsemarie Maletzke
  • Mit einem Nachwort von Penelope Hobhouse
  • ISBN 978-3-293-00423-8 (Unionsverlag)
  • 224 Seiten, 14,95 €

Auf Schmugglerpfaden

Matteo Righetto – Die Seele des Monte Pavione

Italien und der Anbau von Tabak. Zwei Dinge, die man nicht automatisch in Verbindung miteinander setzt. Ich assoziiere Tabak stets mit Südamerika und erfuhr erst durch Matteo Righettos Buch von der Geschichte des Tabakanbaus in Italien. Und tatsächlich ist es so, dass auch heute noch in verschiedenen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, Tabak angebaut wird. Der Anbau wird sogar von der EU subventioniert, allerdings gilt die Aufzucht der Tabakpflanze als kaum rentabel.

Matteo Righetto - Die Seele des Monte Pavione (Cover)

Wie aufwändig das Geschäft mit dem Tabak ist, das erfährt man auch in Die Seele des Monte Pavione. In diesem Roman schildert Righetto das Leben einer Familie von Tabakpflanzern, die im Norden Italiens an der Grenze zu Südtirol leben. Man schreibt das Ende des 19. Jahrhunderts. Obwohl die Industrialisierung auch in dieser Region langsam Einzug hält, geht in Nevada alles noch einen anderen Takt. Augusto de Boer pflegt zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern die Tabakpflanzungen, die nur einen kümmerlichen Profit abwerfen. Genau von Behörden kontrolliert obliegt dem Mann die Aufzucht und Trocknung der begehrten Blätter.

Doch das Auskommen aus dem Verkauf der Tabakblätter reicht hinten und vorne nicht. Und so bedient sich Augusto kreativer Möglichkeiten, um das Einkommen der Familie zu verbessern. Wie andere Bauern in der bergigen Grenzregion verdient er sich beim Schmuggel von heimlich abgezweigter Tabakgüter etwas dazu. Nur so kann er sicherstellen, dass seine Familie genug zu essen hat, wenn saisonal bedingt keine Aufzucht der Tabakpflanzen möglich ist. Doch dann passiert es: von einem seiner Schmuggelgänge nach Österreich kommt er nicht wieder. Und so obliegt es nun seiner ältesten Tochter Jole, die Schmuggeltätigkeit des Vater aufzunehmen.

Righettos Schilderungen der Natur

Von diesem Schmuggelgang erzählt Righetto in seinem Buch in einer romantischen, manchmal fast märchenhaft anmutenden Sprache. Ein ums andere Mal auch knapp an der Grenze zum Kitsch entlanggeschrammt.

Der Himmel füllte sich mit Sternen, leuchtend hell, schön und frei. So schön und erhaben dieser Augenblick war, fühlte Jole doch mit plötzlicher Bitterkeit ihre Einsamkeit und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Und es kam ihr so vor, als weine das Firmament über ihr ebenfalls.

Righetto, Matteo: Die Seele des Monte Pavione, S. 184

Gewiss, man sollte eine gewisse Toleranz für Pathos, klopfende Spechte, wisperndes Gras und einfach gezeichnete Figuren mitbringen. Aber wer zu einem Buch mit dem Titel Die Seele des Monte Pavione greift, bringt diese Toleranz wahrscheinlich auch mit. Wie schon vor ein paar Jahren, als Paolo Cognetti mit Acht Berge ein Überraschungserfolg und veritabler Longseller gelang, rückt auch hier sein Landsmann Righetto die innere Reifung und die Naturerfahrung in unwirtlicher Umgebung in den Mittelpunkt. Durch die gefährliche Schmuggeltour, auf die sich Jole notgedrungen begibt, reift die junge Frau und lernt auch sich im Kampf der Bergwelt Südtirols kennen. Den Monte Pavione, der die Wegscheide auf dieser Tour darstellt, inszeniert Righetto mit geisterhaft brausenden Winden als eine Art italienischen Untersberg. Und auch sonst ist die unberührte Natur der zweite große Hauptdarsteller neben Jole.

Zwar hört man von drunten im Tal schon die Bauarbeiten der Eisenbahn heraufklingen. Aber von Jole und ihrem Pferd, die sich oben am Berg auf den Schmugglerpfaden bewegen, ist dies alles denkbar weit entfernt. Eine Szene mit Aussagekraft. Hier lässt jemand noch einmal die Naturidylle aufleben und taucht in die archaische Bergwelt Südtirols ein.

Dieses Buch trifft einen Nerv der Zeit – auch bei mir. Die entschleunigte Lektüre, die trotzdem nicht vergisst, die Handlung voranzutreiben und die bildreichen Naturbeschreibungen – sie gelingen Righetto sehr gut. Oder um es mit der Bergmetaphorik auszusprechen: Righetto ist ein erzählerischer Wanderer, der für seine Tour das richtige Tempo anschlägt und nur wenige Mal neben seinen Pfad in die Abgründe des Kitsches tritt.


  • Matteo Righetto – Die Seele des Monte Pavione
  • Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
  • ISBN: 978-3-89667-616-0 (Blessing)
  • 240 Seiten, 20,00 €

Ein Gang ins Gericht mit sich selbst

Susanne Kerckhoff – Berliner Briefe

Einmal mehr eine erstaunliche Wiederentdeckung, die dem Verlag Das Kulturelle Gedächtnis da gelungen ist. Susanne Kerckhoffs Berliner Briefe aus dem Jahr 1947. Ein Briefroman, der sich mit Schuld, Sühne, Verdrängung und der Frage auseinandersetzt, ob das geht: passiver Widerstand und aufrechtes Leben in einer Diktatur. Ein Roman, in dem sich in Form von Briefen seine Verfasserin und damit eine ganze Gesellschaft hinterfragt.


Betrachtet man die Nachkriegszeit und die Beschäftigung mit der Schuld der Deutschen, dann geht die Erzählung zumeist ja so: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schlug die Stunde Null. Verdrängung, Verleugnung und Totschweigen der Ereignisse während des Nationalsozialismus herrschten vor. Das Wirtschaftswunder brachte dem Land wieder den Aufschwung. Zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe und der eigenen Schuld kam es dann aber erst durch die 68er-Bewegung und die Hinterfragung der Schuld der Eltern durch ihre Kinder und Enkel.

Der Autor Harald Jähner schreibt über jene Nachkriegszeit, die er in seinem preisgekrönten Roman Wolfszeit getauft hat:

Wo waren sie hin, die stolzen Herrenmenschen, die angeblich lieber sterben wollten, als jedwede Form von Fremdherrschaft zu erdulden? Das fragten sich nicht nur die Besatzer, sondern auch die Deutschen selbst. Die meisten hatten ihre Führertreue mit einem Schlage eingestellt. Sie knippsten ihre ehernen Überzeugungn wie mit einem Schalter aus – und die Vergangenheit gleich mit. Wie sonst hätte jemand keine zwei Jahre nach Kriegsende auf die irre Idee kommen können, zu fragen, warum eigentlich niemand auf der Welt die Deutschen so richtigen leiden könne? „Was macht den Deutschen in der Welt so unbeliebt?“ überlegte tatsächlich im Januar 1947 die Zeitschrift „Der Standpunkt“, als hätte es den Krieg nie gegeben.

Jähner, Harald: Wolfszeit, S. 375

Eine vergessene Autorin wird wiederentdeckt

Doch dass es nicht alle Deutschen mit Verdrängung und Verleugnung bewenden lassen wollten, davon zeugt der Briefroman von Susanne Kerckhoff. Er zeigt eine Deutsche, die sich in Form eines Briefwechsels mit einem emigrierten Freund selbst hinterfragt. Sie geht mit sich selbst ins Gericht – und zeigt eine durchaus schizophrene Gesellschaft. Und das schon im Jahr 1948, zwanzig Jahre vor der Zäsur 68. Ein erstaunliches Buch.

Susanne Kerckhoff - Berliner Briefe (Cover)

Dabei ist schon das Schicksal seiner Autorin außergewöhnlich. Die 1918 geborene Susanne Kerckhoff schloss sich schon zu Schulzeiten der Sozialistischen Arbeiterjugend an, begann ab 1935 zu schreiben (zu Beginn noch weitestgehend unpolitische Prosa) und wurde 1937 Mitglied der Reichsschrifttumkammer. Nach dem Krieg trat sie in die SPD ein, trennte sich von ihrem Mann und den Kindern und wurde 1948 Mitglied der SED. Zugleich erschienen in diesem Jahr auch ihre Berliner Briefe. Ein Jahr später macht sie als Feuilletonchefin der Berliner Zeitung Karriere. Nach publizistischen und ideologischen Debatten und sinkendem Rückhalt durch die SED-Regierung beging Kerckhoff 1950 schließlich Suizid. Ihr Grab befindet sich auf dem Berliner Waldfriedhof Grünau.

Ihr schriftstellerisches und lyrisches Werk fiel mehr oder minder dem Vergessen anheim, obwohl Monica Melchert und Ines Geipel schon lange für eine Wiederentdeckung dieser Autorin kämpften, wie Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort schreibt. Er hat nun im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis den Versuch unternommen, dieses Buch abermals einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Mit Erfolg, wie auch die Debatte im Literarischen Quartett nun zeigt.

Eine erstaunliche Selbstbefragung

Dass dieses Buch so erstaunlich ist, liegt auch darin begründet, dass es dem altbekannten Narrativ von einer gesamtgesellschaftlichen Verdrängung so offensichtlich widerspricht. Denn wie Susanne Kerckhoff hier mit ihrer Briefeschreiberin Helene und dem ganzen Land ins Gericht geht, und das schon drei Jahre nach Kriegsende, das erstaunt doch sehr. Unbarmherzig befragt sich die junge Frau selbst, indem sie 13 Briefe an Hans schriebt. Dieser hat das Land verlassen – und Helene legt ihm nun die Gründe für ihren Verbleib in Deutschland und die momentane Lage dar.

Eines ist von Anfang des Endes an schlecht gelungen: der deutschen Allgemeinheit Schuldgefühl und Sühnebereitschaft aufzunötigen. Die Erfolglosigkeit aller Erziehung zur Einsicht war von vornherein zu befürchten. Ein besigtes Volk läßt sich von den Siegern höchst widerwillig belehren. Fahre in Gedanken mit mir in der Stadtbahn, stehe mit mir in der Schlange vor dem Fleischerladen und höre zu:

„Wenn wir gesiegt hätten, dann wären Stalin und Churchill in Nürnberg aufgehängt worden! „Wir sind ja das schlechteste Volk der Welt – ehe nicht Millionen von uns draufgegangen sind, sind die nicht zufrieden! „Nächsten Winter soll es noch weniger Kohlen geben – Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (…)

Lieber – wozu noch mehr dieser Phrasen! Sie drücken alle das gleiche aus. Äußerungen Unterlegener, die sich gegen die moralische Diskriminierung wehren und durch ihre Art des Wehrens sich noch schärfer ins Unrecht setzen. Ich kenne diese Menschen von früher her, wo sie mit bitterböser Arroganz und dümmlicher Gefolgschaftstreue in ihren Herzen achtlos über Leichen gingen, ehrpußlig Mordorden einklaubten“

Kerckhoff, Susanne – Berliner Briefe, S. 15f

Ihre Schilderungen der Nachkriegsgesellschaft, die Abwesenheit von Schuld- und Sühnebereitschaft, das beeindruckt. Ein wichtiges Zeitdokument, dass der Stunde-Null Erzählung leise, aber umso entschiedener widerspricht. Eine wirkliche Wiederentdeckung, die zurecht in den Medien nun vielfältiges Echo erfährt. Zudem noch ausnehmend toll gestaltet – so wie alle Bücher dieses Verlags.


Informationen zum Buch

  • Susanne Kerckhoff – Berliner Briefe
  • Herausgegeben von Peter Graf
  • ISBN: 978-3-946990-36-9
  • Erschienen im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis
  • 120 Seiten, 20,00 €

Nazis in Amerika

Ulla Lenze – Der Empfänger

Romane über den Zweiten Weltkrieg, besonders über die Deutschen und ihr Tun und Treiben gibt es wie Sand am Meer. Mal sind sie besser, mal sind sie etwas überflüssiger. Ulla Lenze gelingt es nun allerdings in ihrem Roman „Der Empfänger“, dem Thema des Zweiten Weltkriegs eine wirklich neue Facette abzuringen und einen ganz eigenen Blick auf die Thematik zu werfen. Sie erzählt von einem Deutschen, der sich im Geflecht der deutschen Abwehr in Amerika verstrickt. Ein Buch über Nazis in Amerika und die Frage, wie man vom Mitläufer zum Täter wird.


Ulla Lenze ist eine weitgereiste Schriftstellerin. So war sie schon Stadtschreiberin in Damaskus und wurde mit einem Arbeitsstipendium der Konrad Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Vor vier Jahren bekam sie den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft für ihr Gesamtwerk zugesprochen, das fünf Romane und zahlreiche Aufsätze und Beiträgei in Anthologien umfasst. Das jüngste Werk in ihrem Schaffen ist nun der Roman Der Empfänger. Ein Buch, das den Blick über den großen Teich wagt und von einem Einwanderer und dessen Verstrickung in die Arbeit der Deutschen Abwehr zu Zeiten des Dritten Reichs erzählt.

Die Geschichte des Josef Klein

Ihr Protagonist heißt Josef Klein, ebenso wie Lenzes eigener Großonkel. Im Vorwort stellt sie allerdings fest:

Dieses Buch ist ein Roman. Obowohl ich die Lebensgeschichte meines Großonkels Josef Klein zu großen Teilen verarbeitet habe, ist die literarische Figur Josef Klein meine Erfindung.

Lenze, Ulla: Der Empfänger

Sein Leben erzählt Lenze achronologisch springend in mehrere Teile fragmentarisiert. So erleben wir gleich zu Beginn Josef Klein alias Don José im Jahr 1953 auf Costa Rica, wohin er über Belgien und Casablanca geflüchtet ist. Dann führt uns die Autorin zurück ins Jah 1925, als Klein als Einwanderer ins „Gelobte Land“ Amerika kam. Sein Leben in Harlem im Moloch New York ist anschließend genauso Thema wie sein Aufenthalt bei seinem Bruder in der Nachkriegszeit 1949 in Neuss.

Vieles wird zunächst im Buch nur skizziert. Die wichtigsten Lebensstationen stellt uns Lenze gleich zu Beginn durch die spunghafte Erzählweise dar. Die Verbindungen und das dahinterstehende Leben füllt sie allerdings erst Stück für Stück. Allmählich zeichnet sie das Bild eines Mannes, der nach der Ankunft in der harten Realität der Millionenmetropole New York mehr oder minder ungewollt immer weiter in den Dunstkreis deutscher Nazis im Big Apple rutscht. Was zunächst mit dem Funken als harmlosen Hobby beginnt, führt schon bald zu gefährlichen Verstrickungen Josef Kleins in die Geschäfte der Deutschen Abwehr, die im Auftrag Wilhelm Canaris Amerika unterwandern sollen.

Aufmarsch des Amerikadeutschen Bundes in den Straßen New Yorks 1939

Wie eine Fliege im Netz

Es sind kaum fassliche Szenen, die Ulla Lenze in ihrem Roman schildert. So organisierte der Amerikadeutsche Bund im Jahr 1939 eine Nazi-Kundgebung im Madison Square Garden, an der über 20.000 Menschen teilnahmen. Mit Julius Kuhn als Hautptredner wollte man auf dieser Veranstaltung für den Nationalsozialismus auch in Amerika werben. Hakenkreuze und ähnliche Devotionalien wurden ebenso wie der Hitlergruß gezeigt und ein Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte und die Propagierung des Antisemitismus standen auf der Tagesordnung.

Ein schier unglaubliches Kapitel, an dem Lenze auch ihren Protagonisten Josef Klein teilhaben lässt. Dieser ist zu diesem Zeitpunkt schon in den Dunstkreis des Nazis Schmuedderich geraten. Wie eine Fliege hängt Klein im Netz der Nazis, in das er sich immer weiter verstrickt. Hin und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Schmuedderich, zu einer jungen Amerikanerin, die er durch das Funken kennengelernt hat und die Furcht vor den Konsequenzen seiner Taten durchstreift er die Häuserschluchten New Yorks. Schlussendlich wird Josef Klein zum Doppelagenten, immer wieder schwankend in der Frage seiner Loyalität.

Ulla Lenze - Der Empfänger (Cover)

Ulla Lenze bringt in ihrem Roman eine mir bislang wirklich kaum bekannte Facette des Zweiten Weltkriegs nahe. Die Unterstützung Hitler-Deutschlands durch den Amerikanischen Bund und die Umtriebe der Deutschen Abwehr in Amerika habe ich so in keinem zeitgenössischen Roman gelesen. Manchmal erinnert Lenzes Werk etwas an Oliver Guez, gerade was die letzten Jahre des Romans 1953 in Costa Rica angeht. Die Beschreibung des Lebens der deutschen Auswanderer in Buenos Aires, die Endstation der Rattenlinie und das Fortbestehen der alten Nazi-Kader lässt schaudern.

Auch ist Lenze besonders stark, was die Skizzierung ihre Charakters Josef Klein angeht. Dieser entzieht sich einer klaren Einordnung. Ist er nun Täter oder nur ein Mitläufer? Zeigt er Reue oder verweigert er sich der Anerkennung seiner Schuld? Die schlussendliche Deutung dieser Figur überlässt Lenze ihren Leser*innen, was durchaus überzeugt.

Fazit

Insofern ein wirklich starkes Buch, das einen komplexen Charakter und ein unbekanntes Stück Geschichte in den Mittelpunkt stellt. Noch dazu interessant montiert. Große Empfehlung für diesen Empfänger!

Ganz anders sieht das im Übrigen der Literaturblog Aufklappen. Und auch die Meinung von Marina Büttner sei hier hingewiesen.