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Veronica Lando – Der flüsternde Abgrund

Wenn der Regenwald ruft… Veronica Lando nimmt uns in ihrem Debüt Der flüsternde Abgrund mit nach Granite Creek, einem kleinen Dorf im australischen Regenwald. Hier ist ein Junge verschwunden – und das nicht zum ersten Mal. Der Regenwald habe ihn wie viele Menschen zuvor in seine Fänge gelockt, heißt es. Der Journalist Callum Haffenden mag das nicht glauben und steht bei seiner Suche nach dem Verschwundenen schon bald vor der Frage, welche Abgründe hier gefährlicher sind – die des Waldes oder die der Menschen?


Für Menschen wie ihn ist der australische Regenwald nicht gemacht. Das muss der preisgekrönte Journalist Callum Haffenden schnell feststellen, als er wieder in seine Heimat nach Granite Creek zurückkehrt. Der Anlass ist ein bestürzender. Denn wie schon einige Male zuvor ist erneut ein Junge im Regenwald verschwunden. Man munkelt von der Legende des flüsternden Waldes, der die Menschen zu sich lockt und sie dann im steinernen Abgrund seiner Felsen zerschellen zu lassen. Kinder wappnen sich mit klingelnden Armbändern, um der Versuchung des Waldes zu widerstehen. Und auch Callum spürt die Anziehung des Waldes, als er sich der Suche nach dem verschwundenen Jungen anschließt.

Dabei sind dauerbeschlagene Brillengläser noch das kleinste Hindernis. Undurchdringliche Fauna, mörderische Kasuare, giftige Pflanzen – und dann auch noch das lockende Felsenmeer, das immer wieder zu rufen scheint, wenn der Wind günstig steht. Sie alle erschweren Callum und den Freiwilligen die Suche. Die wahren Motive Callums, die ihn für die Suche die lange und sehr beschwerliche Reise aus dem tasmanischen Hobart antreten lassen, enthüllt Veronica Lando allerdings erst langsam.

Verschwunden in Granite Creek

Veronica Lando - Der flüsternde Abgrund (Cover)

Vor Ort versucht Callum Licht ins Dunkel zu bringen. Warum war der Junge im Wald campen, wo doch ein Hurrikan aufzieht und Dauerregen und die menschenfeindliche Umgebung des Regenwaldes doch eigentlich keinen Grund für einen längeren Aufenthalt im Freien liefern? Hat eventuell Callums alter Feind, der Vater des Jungen seine Hände im Spiel? Als dann auch noch in Callums Hotelzimmer eingebrochen wird, mehren sich die Zeichen, dass jemand überhaupt nicht daran gelegen ist, dass die Wahrheit über den Jungen und die Geheimnisse von Granite Creek ans Tageslicht gelangen.

Der flüsternde Abgrund von Veronica Lando ist ein Krimi, der für ein Debüt einen hohen Formwillen an den Tag legt (dem die Autorin literarisch tatsächlich auch entsprechen kann). So ergänzt sie die Handlung um Callums Suche nach der Wahrheit mit Rückblenden, die aus Ich-Perspektive Geschehnisse vor dreißig Jahren erzählen. Diese Rückblenden verschmelzen langsam mit der Gegenwart, ehe alles in einem sturmumtosten Showdown kulminiert, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart gegenseitig überlagern.

Während sie Callums Sicht auf den verschwundenen Jungen Stück für Stück dekonstruiert, indem immer mehr dunkle Flecken auf seiner in eigentlich so reinen Weste auftauchen drängen dazu gegenläufig immer mehr familiäre Geheimnisse und Wahrheiten in Granite Creek ans Tageslicht. Das ist alles wohldosiert und aufeinander abgestimmt. Mehrere, gut eingearbeitete Wendungen halten die Spannung hoch und lassen mit Callum miträtseln.

Vermisstensuche, Nature Writing und Familiengeheimnisse

Mit der Figur des ornithologisch begeisterten Callum bringt Lando zudem eine gehörige Prise Nature Writing ins Buch, ist die Natur des australischen Regenwaldes doch neben Callum der zweite große Hauptdarsteller. Von Säulengärtnern bis zur Flecken-Rußeule gibt es jede Menge Vögel zu entdecken, mit der man auch gut in Elizabeth Hargreaves‘ Spiel Flügelschlag punkten könnte.

Diese Verschmelzung von Natur, Suche nach einem vermissten, dörflichen Legenden und familiären Geheimnissen erinnert in dieser Kombination etwas an ihren australischen Landsmann Kyle Perry. Mit dessen Debüt Die Stille des Bösen ist dieses Debüt ebenbürtig (was deutlich für beide Autor*innen aus Down Under spricht und wieder einmal kriminalliterarisch deutlich das übertrifft, was sich hierzulande so auf den Bestsellerlisten tummelt).

So gelingt Herausgeber Thomas Wörtche hier erneut eine tolle Entdeckung für das von ihm kuratierte Krimiprogramm bei Suhrkamp. Hier ist eine kriminalliterarische Stimme aus Australien zu lesen, deren reifes und souverän gestaltetes Krimidebüt auf weitere Werke diesen Kalibers hoffen lässt.

Von dem Flüstern dieses Buchs kann man sich gerne in die Seiten hineinlocken lassen – man wird es im Gegensatz zu einigen Figuren im Buch nicht bereuen!


  • Veronica Lando – Der flüsternde Abgrund
  • Aus dem australischen Englisch von Karen Witthhun
  • ISBN 978-3-518-47366-5 (Suhrkamp)
  • 370 Seiten. Preis: 18,00 €

Vorschaufieber Frühjahr 2024

Zweimal im Jahr nehme ich mir die Verlagsvorschauen vor und sichte hunderte von neuen Büchern hinsichtlich Titeln, die aus der Masse herausstechen und die meine Aufmerksamkeit wecken. Das Hauptkriterium hierbei ist ein sehr subjektives – mein Geschmack und meine Neugier. Große Häuser, unabhängige Verlage, bekannte Stimmen oder Debüts – all das versucht diese Übersicht in drei Kategorien zu bündeln – vielleicht macht das ein oder andere hier aufgeführte Buch euch ja auch Lust, sich etwas genauer damit zu beschäftigen oder es auf eure Listen zu packen.

Falls dem so sein sollte: der Link hinter den jeweiligen fett gesetzten Buchtiteln führt zur Verlagshomepage, auf der die Bücher und ihre Autor*innen genauer vorgestellt werden – und nun viel Vergnügen beim Entdecken und Stöbern!

Belletristik National

Ronya OthmannVierundsiebzig (Rowohlt). Sebastian GuhrDer Spanische Esel (Berenberg). Julja Linhof – Krummes Holz (Klett-Cotta). Deniz OhdeIch stelle mich schlafend (Suhrkamp). Dana von Suffrin – Nochmal von vorne (Kiepenheuer Witsch)

Franziska Gänssler – Wie Inseln im Licht (Kein & Aber). Kristin Höller – Leute von früher (Suhrkamp). Kathrin Schumacher – Liste der gebliebenen Dinge (Leykam). Maria Leitner – Hotel Amerika (Reclam). Hank Zerbolesch – Gorbach (Steidl).

Belletristik International

Ann Napolitano – Hallo du Schöne (aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Dumont). Eleanor CattonDer Wald (aus dem Englischen von Melanie Walz. btb). Aleksandar Hemon – Die Welt und alles was sie enthält (aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Claassen). Anthony Passeron – Die Schlafenden (aus dem Französischen von Claudia Marquardt. Piper). Paul Murray – Der Stich der Biene (aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Kunstmann).

Audrey Magee – Das Habitat (aus dem Englischen von Nicole Seifert. Nagel und Kimche). Uri Jitzchak Katz – Aus dem Nichts kommt die Flut (aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Hoffmann und Campe). Hari Kunzru – Blue Ruin (aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind). Patrícia Melo – Die Stadt der Anderen (aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Unionsverlag). Teju Cole – Tremor (aus dem Englischen von Anna Jäger. Claassen)

Percival EverettJames (aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser). Elizabeth Graver – Kantika (aus dem amerikanischen Englisch von Juliane Zaubitzer. mare) Danya Kukafka – Notizen zu einer Hinrichtung (aus dem Englischen von Andrea O’Brien). Anjet Daanje – Der erinnerte Soldat (aus dem Niederländischen von Ulrich Faure. Friedenauer Presse). Maria Borrély – Das letzte Feuer (aus dem Französischen von Amelie Thoma. Kanon).

Elsa Morante – La Storia (aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. Wagenbach). Richard RussoVon guten Eltern (aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont). Claire Fuller – Jeanie und Julius (aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Kjona). Leo Vardiashwili – Vor einem großen Walde (aus dem Englischen von Wibke Kuhn. Claassen). Barbara Kingsolver – Demon Copperhead (aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. dtv).

Daisy Hildyard – Notstand (aus dem Englischen von Esther Kinsky. Suhrkamp). Sarah WinmanDas Fenster zur Welt (aus dem Englischen von Elina Baumbach. Klett-Cotta). María José Ferrada – Der Plakatwächter (aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berenberg). Isaac Rosa – Ein sicherer Ort (aus dem Spanischen von Luis Ruby. Liebeskind). Carlos Fonseca – Austral (aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Wagenbach).

Maria Messina – Das Haus in der Gasse (aus dem Italienischen von Ute Lipka. Friedenauer Presse). Liz Nugent – Die seltsame Sally Diamond (aus dem Englischen von Kathrin Razum). Terhi Kokkonen – Arctic Mirage (aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. Hanser Berlin). Svetlana Lavochkina – Carbon. Ein Lied von Donezk (aus dem Ukrainischen von Diana Feuerbach. Voland & Quist). Nana Kwame Adjei-Brenyah – Chain-Gang All-Stars (aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Hoffmann und Campe).

Spannung

Ron Rash – Der Friedhofswärter (aus dem Englischen von Sigrun Arenz. Ars Vivendi). Adam Morris – Bird (aus dem Englischen von Conny Lösch. Edition Nautilus). Lavie Tidhar – Maror (aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp). Susanne Tägder – Das Schweigen des Wassers (Tropen). Gary Philips – One-Shot Harry (aus dem Englischen von Karen Gerwig. Polar).

Arnon Grünberg – Gstaad

Wie man sich in einem Buch täuschen kann. Statt eines luftigen und unterhaltsamen Schelmenromans irgendwo zwischen Manns Felix Krull, Der Zauberberg und Drei Männer im Schnee, den die Außengestaltung des neuesten Bandes der Anderen Bibliothek nahelegt, gibt es mit dieser Neuausgabe eines Frühwerks von Arnon Grünberg einen bedrückenden, teils ekelerregenden, doch auch faszinierenden und rätselhaften Roman zu lesen, der tief in die menschlichen Abgründe hinab- und dann wieder auf die Hügel und Berge bis nach Gstaad emporsteigt.


François Lepeltier ist ein Kind der vielen Namen und Geschichten. Einst wurde er im Badezimmer eines Hotels in Heidelberg gezeugt, in dem seine Mutter als Zimmermädchen arbeitete. Seinen Vater, von dem Francois den Namen übernahm, verstarb kurz nach der Geburt an einer Krebserkrankung. Trotz einer erwogenen Abtreibungen und Adoptionsversuchen ist er bei seiner Mutter geblieben, mit der er nach einem regelrechten Vagabundenleben nun in Baden-Baden in der Pension am Sonnenhügel Quartier bezogen hat.

Er macht sich im Haus nützlich, unterstützt die Mutter bei ihren Diebestouren, lenkt das Verkaufspersonal ab und ist treuer Adlatus seiner Mutter, die von der Pensionsbesitzerin ausgenutzt wird. Dort in Baden-Baden machen Mutter und Sohn die Bekanntschaft mit dem illustren Ehepaar Cecherelli, die als Dauergäste in der Pension wohnen. Zunehmend geraten François und seine Mutter in den Bann der beiden. Während Herr Cecherelli den Korintherbrief übersetzt, braucht seine Gattin „Bewachung“, die ihr François‘ Mutter zukommen lassen soll. In diesen rätselhaften Spielen aus Befriedigung, Voyeurismus, ödipaler Spielereien und Streicheleinheiten begegnen sich die Beteiligten, wobei es sogar zu Verstümmelungen kommt.

Vom Sonnenhügel in Heidelberg bis nach Gstaad

Arnon Grünberg - Gstaad (Cover)

Schlusspunkt dieses Kapitels Sonnenhügel wird der Tod Frau Cecherellis in der pensionseigenen Badewanne sein, die sich mit einem Tauchsieder selbst kocht und daraufhin von François‘ Mutter ersetzt wird. Zusammen verlassen Herr Cecherelli und die nunmehr Rodolfo Cecherelli und seine Mutter die Pension, um das Vagabundenleben fortzusetzen. Die nächsten Stationen des Vagabundenlebens liegen vor ihnen…

Ebenso wie in der Folge die Hotels und Städte wechseln, ist auch die Beziehung zwischen François und seiner Mutter sowie dessen Karriere und das gemeinsame Erleben vielen Veränderungen unterworfen. Es wird es zu Morden kommen, Francois wird in Stuttgart zu Herrn Kühler werden, der als Hochstapler-Zahnarzt unter Mitarbeit seiner Mutter Ausgestoßene und randständige Menschen behandelt und sie um ihr weniges Geld erleichtert, wobei es doch nach eigenem Bekunden dieser Beichte in Romanform nach alleine darum geht, am Baum des Guten zu rütteln.

Eine Welt des Ekels und der Perversion

Ob als Skilehrer oder als Wein-Sommelier in Gstaad, wohin der letzte Abschnitt dann doch noch führt – immer wieder erfindet sich François neu und manövriert sich mit seinen primitiven Trieben und seltsamen Verhaltensweisen in Situationen, aus denen dann wieder eine Flucht an einen neuen Schauplatz erwächst.

Dabei ist Grünbergs Roman, der ursprünglich unter Pseudonym im Jahr 2002 erschien und nun in der Übersetzung von Rainer Kersten als 464. Band in der Anderen Bibliothek vorliegt, kein heiterer Schelmenroman, der einen ödipalen Hochstapler auf seiner Tour durch Europa zeigt. Nein, sein Roman ist düster, ekelerregend, bietet grausame Morde und Tode in Serie – und doch auch unbestreitbar faszinierend. Man fragt sich, warum man Grünberg doch immer weiter in diese düstere Welt folgt, in der es trotz aller montanen und mondänen Schauplätze so abstoßend zugeht – aber man tut es.

Wenn das neue, aus der Schriftstellerin Julia Franck und Rainer Wieland bestehende Herausgeberduo der Anderen Bibliothek schreibt, dass es hier in Grünbergs Roman nichts Reines mehr gibt, sondern nur unappetitliche Dinge und Menschen, die einander auf alle erdenkliche Weise erniedrigen, dann trifft das hier wirklich zu. Moralische Maßstäbe gibt es hier nicht, allenfalls einen von nahezu animalischen Trieben besessenen Erzähler, dessen eigenes kultiviertes Auftreten von seinem Verhalten konterkariert wird und das einem ganzen Tross Verhaltenstherapeuten auf lange Zeit Arbeit geben könnte.

Fazit

Ähnlich wie zuletzt Ottessa Moshfegh in ihrer tiefschwarzen Fantasie Lapvona blickt auch Arnon Grünberg hier ganz tief in die Abgründe der menschlichen Temperamente und Neigungen. Die Schattenseiten menschlicher Existenzen beleuchten und eine Erkundung des eigenen Ekels zwischen beschriebener Selbstverstümmelung, Ekzemen und sexueller Perversion, das leistet Gstaad von Arnon Grünberg – oder wie es das Herausgeberduo formuliert: Schonungslos, mit sardonischem Humor lotet Arnon Grünberg in diesem Buch die Grenzen des Zumutbaren aus. Auch das kann und muss bisweilen die Aufgabe von Literatur sein.

So schnell brauche ich nach Moshfegh und Grünberg eine solche Auslotung persönlich allerdings nicht mehr. Seien Sie gewarnt!


  • Arnon Grünberg – Gstaad
  • Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten
  • ISBN 978-3-8477-0465-2 (Die Andere Bibliothek, Bd. 464)
  • 336 Seiten. Preis: 48,00 €

Owen Booth – Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones

Ein Titel so lang wie die Lebensreise, die der britische Journalist und Werbetexter Owen Booth in seinem Debütroman schildert: Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones erzählt von der Mannwerdung, der Heldenreise und den kuriosen Begegnungen des jungen Daniel Bones, der Ende des 18. Jahrhunderts von seiner englischen Heimat bis nach Südfrankreich und Italien gelangt.


Es ist ein seltsamer Anblick, der sich dem jungen Daniel Bones bietet, als er eines Abends um das Jahr 188- herum mal wieder durch die Marschlandschaft seiner Heimat streift. Ein Mann in einem schwarzen Anzug entsteigt dem Wasser, um sich bei Daniel über den richtigen Weg zum Fluss W. zu erkundigen. Auch wenn er den falschen Abzweig im Wasser genommen hat – Daniel ist von der Erscheinung des Mannes so eingenommen, dass er ihm wenig später auf dessen abenteuerlichen Reise folgen wird.

Als das Etwas näher kommt, erkenne ich, dass es tatsächlich ein Mensch ist, aber er schwimmt nicht, sondern gleitet wie in einem sehr niedrigen Eskimokajak dahin. Er liegt flach auf dem Rücken im Wasser in einer Art aufgepumptem Anzug, hat nur den Kopf angehoben und bewegt sich mithilfe eines kurzen Doppelpaddels vorwärts. Dabei zieht er eine kleine Trage aus Segeltuch, in der vermutlich seine Habseligkeiten oder seine Ausrüstung verstaut sind, an einem mehrere Meter langen Tau hinter sich her.

Owen Booth – Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones, S. 20

Die Mutter tot, der Vater ein Schläger und Alkoholiker, der dem kleinen Bruder schon einmal den Arm bricht, wenig Perspektiven außerhalb einer Nachfolge im Austernzucht- und Schmuggelgewerbe – so begibt sich Daniel statt eines ebenso vorhersehbaren wie deprimierenden Lebens auf die Reise mit diesem seltsamen Mann, der aus dem Wasser kam und auf den Marktplätzen des Landes für seine Erfindung, den aufblasbaren Taucheranzug, wirbt.

Aufgemuntert durch die Gemeinschaft seines Heimatdorfs, die durch eine patriotische Rede des tollkühnen Captain Clarke B. in Euphorie versetzt wurde, wird er zum Assistenten des schillernden Captain, der ihn auf seiner Reise begleitet und fortan als dessen Adlatus fungiert.

Mit dem Froschmann von England bis nach Italien

Im Gefolge des tollkühnen Froschmanns reist er durch kleine englische Städte und Weiler, hilft dem Captain bei der Vorführung von dessen Tauchanzug, sammelt Geld ein und lernt das Leben in seiner ganzen Fülle kennen. Per Schlauchboot geht es über den Ärmelkanal, Stationen in Frankreich und Italien werden auf der Reise folgen. Immer zieht der Captain eine Melange aus neugieriger Bevölkerung, Organisierter Kriminalität, faszinierten Würdenträgern und äußerst hingebungsvollen Frauen an.

Owen Booth - Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones (Cover)

Denn dieser Captain, den wir durch die Beschreibungen seines Lehrjungen kennenlernen, er ist vieles: ein Scharlatan, ein Abenteurer, ein Erotomane, eine Glücksspieler und noch so viel mehr. Immer wieder erzählt er fantastische Märchen, will mit der Vorführung seines Anzugs mal Seeleute retten, mal die maritimen Streitkräfte unterstützen – immer aber irgendwie einen eigenen Vorteil herausschlagen, der ihn in Kontakt mit den Reichen und Mächtigen bringt und für eine gefüllte Börse sorgt.

Bis zum König von Italien bringt es der Captain auf seiner Tour, den er mit Daniel im Gefolge in Neapel am Fuße des Vesuvs kennenlernt und der schließlich durch ein Komplott sterben soll, in welchem Daniel eine entscheidende Rolle spielt.

Es sind tolldreiste Episoden wie diese, die den Reiz von Owen Booths Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones ausmachen.

Vom Rheinfall bis zum König von Italien

Dieses Buch ist als großer Bilderbogen angelegt, der voller Begegnungen und außergewöhnlicher Momente steckt. Kleinen Prinzessinnen, Mönchen, Räuberbanden oder reiche Witwen, Daniel Bones lernt sie alle kennen. Eine lebensgefährliche Fahrt den Rheinfall hinab, die Explosion eines Schiffs mit anschließender Rettung oder spätrömisch-dekadente Orgien sind nur einige Episoden in diesem an Geschichten und Figuren reichen Roman.

Das ist nicht frei von Komik und Sinn für Skurrilität, die mich persönlich manchmal an den lakonischen Witz Wes Andersons erinnerte. Als Referenzpunkte kann aber auch ebenso Esi Edugyans Washington Black herangezogen werden, mit dem sich Booths Buch in meinen Augen die Anklänge an Jules Vernes technologieoffene Reiseliteratur á la In 80 Tagen um die Welt teilt.

Doch nicht nur an diese Erzähltradition knüpft Booths Roman an. Wenn man wollte, könnte man Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones auch in der Erzähltradition des Barock verorten, und das nicht nur des Titels wegen.

Reiseliteratur mit Anklängen an die Barockliteratur

Aventüre und Heldenreise sind das Motto, das über den drei Büchern steht, die den Roman unterteilen (und die selbst wiederum jede Menge kleine Kapitel mit sprechenden Titeln aufbieten). Ähnlich wie Grimmelshausens Simplicissimus oder Swifts Gulliver ist auch Daniel Bones ein ständig Reisender, der die Lande durchmisst und dem die unglaublichsten Dinge auf seiner Reise widerfahren, wovon er in diesem Buch Zeugnis ablegt.

Bei diesem Fokus auf Vorankommen, Erleben und Staunen ist es die charakterliche Entwicklung und die im Vergleich zu diesem immensen Schilderungswillen manchmal etwas Zeichnung der Figuren, die bei Booths Debüt ins Hintertreffen gerät und manchmal etwas flach ausfällt. Auch sprachlich geht Booth den einfachen Weg, indem er Daniel als manchmal etwas naiven und nicht allzu gebildeten Jungen zeigt, dessen Sprache frei von historisierenden Burlesken ist und den Blick auf die Handlung wirklich nicht verstellt. Als Unterhaltungsroman mit rasantem Plot funktionieren diese wirklich wahren Abenteuer aber hervorragend. Stets treibt die Handlung voran, immer wieder warten neue Figuren und Episoden am Wegesrand. Langweilig wird es hier nie!

Fazit

Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones ist ein Abenteuerroman alter Schule, der die Retro-Anmutung des Covers auch im Inneren einlöst. Originell und von großer Handlungsfülle ist die Welt an der Schwelle des 18. zum 19. Jahrhundert, in die uns Owen Booth in seinem Abenteuer mitnimmt. Mit Daniel Bones und Captain Clarke B. kann man wirklich in diese historischen Welten eines wirklich ausgezeichnet, nämlich abtauchen!


  • Owen Booth – Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN 978-3-86648-663-8 (Mare)
  • 384 Seiten. Preis: 25,00 €

Dennis Lehane – Kalt wie dein Herz

Ob der dritte Format- und Gestaltungswechsel innerhalb von fünf Bänden den verdienten Ruhm bringt? Angesichts der bisherigen Rezeption der Diogenes-Neuausgabe der Krimis von Dennis Lehane bezweifle ich. Obgleich Kalt wie dein Herz einmal mehr ein absoluter Ausnahmekrimi ist.


Dabei sieht es zu Beginn des Krimis gar nicht nach einem Fall von Kenzie & Gennaro aus, wie der fünfte Band der Reihe analog zu den anderen Krimis untertitelt ist. Denn die erfolgreiche (Arbeits-)Beziehung des Bostoner Detektivpaars ist nach den dramatischen Ereignissen aus Gone baby gone zu ihrem abrupten Ende gekommen. Angie Gennaro ist aus der Wohnung ausgezogen und man lebt getrennt.

Die junge Frau und der Stalker

Während sie für ein Sicherheitsunternehmen arbeitet und Männer datet, hält sich Patrick Kenzie weiterhin mit Detektivjobs über Wasser. In dieser Funktion sucht ihn Karen Nichols auf die sich von einem Stalker bedroht fühlt. Dieser stellt ihr nach und überschreitet dabei alle Grenzen.

Um das Problem zu lösen, setzt Patrick auf seine alte Freundschaft zu Bubba Rogowski, mit dem er den Stalker zuhause aufsucht und mit schlagkräftigen Argumenten auf ein sofortiges Ende der Annäherungen dringt.

Damit könnte das Buch natürlich zu Ende sein, doch wie das immer bei Dennis Lehane der Fall ist, liegt der Fall auch hier deutlich komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Denn auch Patrick Kenzie lässt nach der Trennung von Angelia Gennaro nichts anbrennen und fliegt mit einer attraktiven Strafverteidigerin in den Urlaub, statt sich vor dem Abflug noch einmal mit Karen Nichols in Verbindung zu setzen, die ihn unbedingt kontaktieren wollte.

Ein Suizid mit Folgen

Dennis Lehane - Kalt wie dein Herz (Cover)

Zurück aus dem Urlaub erwischt ihn die Nachricht vom Suizid Karens mit voller Wucht. Hat der Stalker nach der Abschreckung durch Bubba und Patrick doch noch einmal eine fatale Annäherung an Karen gewagt? Oder steckt etwas ganz anderes hinter dem Tod der jungen Frau?

Nichts ist hier, wie es scheint. Weder bei der Familie von Karen Nichols, noch im Umfeld der jungen Frau. Dass muss Patrick Kenzie erkennen, als er tiefer in die Ermittlungen einsteigt, nachdem ihm der Suizid von Karen alle Ruhe kostet. Wie konnte es zu dieser Tat kommen und warum hat er sich damals nur so wenig für das weitere Schicksal Karen interessiert und sich lieber dem Hedonismus hingegeben? Und wie konnte die Frau innerhalb weniger Monate so tief sinken, wie es alle Zeuginnen und Zeugen um sie herum beschreiben?

Das schlechte Gewissen quält Patrick und lässt ihn trotz der vielen Sackgassen, in die er sich manövriert, immer wieder weiterforschen. Seine Suche nach den Gründen für den Suizid bringt ihn schließlich auf die Spur eines wirklich gefährlichen Mannes.

Nach wie vor aktuell und von bestechender Qualität

Die Reihe um Patrick Kenzie und Angela Gennaro ist wirklich ein Phänomen. Schon seit Lehanes Debüt Dunkelheit, nimm meine Hand gelingt ihm eine Reihe auf erstaunlich hohem Niveau, die abseits von Zeitkolorit (wie antiquierter Überwachungstechnik etc.) auch über zwanzig Jahre nach ihrem ursprünglichen Erscheinen ganz hervorragend funktioniert. Jeder der Bände weist eine andere Erzählstruktur und Herangehensweise auf, Themen und Setzungen variieren, wobei sich die Romane am ehesten in Sachen Auftreten eines bestimmten gefährlichen Typs von Mann ähneln. Das ist bei Kalt wie dein Herz auch nicht anders, hier ist es ein eiskalter Psychopath, in dessen Plan der Selbstmord von Karen Nichols nur ein Baustein ist.

Wie Lehane diesen Plan langsam enthüllt und bis ins Finale dieses über 500 Seiten starken Krimis immer wieder neu zu überraschen weiß, das ist großartig gemacht. Der Heißsporn Patrick Kenzie, das Duell mit dem Psychopathen, die Annäherung an Angela Gennaro, das Einbinden von Architektur und Stadtgeschichte Bostons, das macht Lehane so in dieser Qualität keiner nach.

Zu wenig Interesse – und editorischer Wankelmut

Der einzige Wermutstropfen bei der Sache ist und bleibt das mangelnde öffentliche Interesse – und der Wankelmut des Diogenes-Verlags, der bei jedem Buch eine neue Gestaltungsidee zu verfolgen scheint (nach einem schwarzen Cover bei Band 2 ein weißer Rücken, dann wieder zurück zur schwarzen Gestaltung bei Band 3, dann ein weißes Paperbackformat mit Kinomotiv für Band 4, Band 5 dann als Taschenbuch mit Klappenbroschur). So darf man gespannt sein, ob und wie uns der finale Band der Reihe Moonlight Mile noch erwartet. Im Buchregal herrscht bei dieser Reihe auf alle Fälle optisch das, was in Lehanes Neo-Noir Boston die Erfahrungswelt der beiden Detektive dominiert: nämlich Chaos.

Davon abgesehen ist jeder Band eine Entdeckung wert, besonders durch die zeitgemäße Neuübersetzung durch Peter Torberg.


  • Dennis Lehane – Kalt wie dein Herz
  • Aus dem Englischen von Peter Torberg
  • ISBN 978-3-257-30046-8 (Diogenes)
  • 510 Seiten. Preis: 18,00 €