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Worauf ich mich 2018 freue

Nachdem ich ja bereits einen Blick zurück auf das Lesejahr 2017 geworfen habe, ist es nun an der Zeit, den Blick nach vorne zu richten auf die Bücher, die uns 2018 erwarten. Bei meinem Stöbern durch die Verlagsvorschauen bin ich wieder auf eine Vielzahl an Titeln gestoßen, die allesamt recht spannend klingen. Vorhang auf für meine Novitätenrevue:

David Schalko kennt man als austrophiler Serienschauer von den Serien Braunschlag oder Die Aufschneider. Im April legt er seinen Roman Schwere Knochen vor. Einen Monat früher wird das Buch Das Echo der Bäume von Sara Novic veröffentlicht, das zurück in die Tage des Serbienkriegs 1991 führt. Im Piper-Verlag erscheint ebenfalls im März der Roman Ein Geständnis von Thekla Chabbi, in dem sie eine Frau im Gefängnis jenes titelgebende Geständnis ablegen lässt. Zuück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs entführt der Niederländer Stefan Hertmans mit seinem Buch Krieg und Terpentin (Erscheinungsdatum ebenfalls März).

 

Der Schöffling-Verlag aus Frankfurt veröffentlicht anlässlich des 100. Geburtstags von Jens Rehn sein Büchlein Nichts in Sicht noch einmal, Ursula März steuerte das Nachwort bei. Mit So enden wir gibt es im März Nachschlag für alle Leser von Daniel Galera. Im Suhrkamp-Roman erscheint der neue Roman, der sich um drei Freunde und verlorene Ideale dreht. Ebenfalls das zweite Buch auf Deutsch erscheint im April von Celeste Ng (die Autorin mit dem vokalärmsten Nachnamen, den ich kenne). Es hört auf den Titel Kleine Feuer überall. Und schließlich ist da noch George Saunders und sein Lincoln im Bardo. Für jenen Roman heimste der Amerikaner den Man Booker Prize 2017 ein, zudem freue ich mich besonders auf dieses Buch, da der Übersetzer Frank Heibert heißt. Auf seine Übertragung darf man schon gespannt sein.

 

Eine Geschichte der Wölfe von Emily Fridlund fuhr schon einige Lorbeeren ein, ich bin sehr gespannt, was das Buch wirklich kann. Auch Speicher 13 von Jon McGregor ist eines jener Bücher, die ich auf alle Fälle auf meinen Zettel gepackt habe. Der Liebeskind-Verlag aus München hat ja immer ein gutes Händchen, was lesenswerte Bücher abseits des Mainstreams angeht. Abseits des Mainstreams scheint auch das Buch Teich von Claire-Louise Bennett zu spielen, hier dreht sich alles um eine Frau in Irland, die aus der Gesellschaft aussteigt und in einem Cottage an der Küste ihr Leben nach ihren Spielregeln lebt. Über den großen Teich führt die nächste interessante Neuerscheinung – zu dem Schauplatz einer Familientragödie bringt die Autorin Emily Ruskovich die Leser nach Idaho.

 

Anthony McCarten hat mich bislang noch nie enttäuscht, auch von seinem Buch Jack erwarte ich Großes, zumindest jedoch eine nuancierte Annäherung an Jack Kerouac sollte drin sein. Große Erwartungen stelle ich auch an Ralf Rothmanns neues Buch Der Gott jenes Sommers, der damit zurückkehrt in jenes Universum, das er bereits in Im Frühling sterben durchmaß. Ein weiterer Kandidat in dieser Riege der vielversprechenden Verheißungen könnte auch David Mitchell sein, der mit dem Wolkenatlas eines meiner absoluten Lieblingsbücher geschaffen hat. Er legt diesmal einen Schauerroman mit dem Titel Slade House vor. Eine weitere Ankündigung, die aufhorchen lässt, ist der neue Thriller von Frank Schätzing. Dieser will ja immer den großen Wurf – ob ihm das bei Die Tyrannei des Schmetterlings gelingt – man darf gespannt sein!

 

Als Stefan-Zweig-Fan und Schachfreund ist auch das Buch Die Schachspieler von Buenos Aires von Ariel Magnus ein Werk, das ich auf meinem Zettel habe. Genauso wie das mit dem National Book Award ausgezeichnete Werk Singt, ihr Lebenden und Toten von Jesmyn Ward. Sie ist die bislang einzige Frau, der das Kunststück gelang, zweimal mit jenem Preis ausgezeichnet zu werden. Nach einem wirklich faszinierenden Schmöker, der zum Versinken einlädt, klingt auch John Boynes neues Buch Cyril Avery. In Die Kunst zu verlieren entführt Alice Zeniter schließlich die Leser in ein Land, das auf meiner literarischen Landkarte bislang noch kaum vorkam – Algerien. Erscheinen wird jenes Buch im Juni 2018.

 

Klaus Modick ist einer meiner deutschsprachigen Lieblingsschriftsteller. In seinem neuen, im März erscheinendem Buch, widmet er sich nun Keyserlings Geheimnis. Was sich hinter jenem Geheimnis verbirgt und wie sich Modick dem heute schon wieder ziemlich vergessenen Schriftsteller annähert, das bleibt abzuwarten. Im Herbst 2018 werden sich abermals die Tore zur Buchmesse in Frankfurt öffnen. Das Gastland heißt diesmal Georgien. Georgische Literatur (mit Ausnahme von Nino Haratischwili) ist nun auch nicht so meine Domäne. Vielleicht ändert sich das mit dem Buch Reise nach Karabach von Aka Morchiladze aus dem Weidle-Verlag (Erscheinungsdatum Februar 2018). In eine ganz andere Richtung geht Jonathan Lees Roman High Dive, der zurück in die Thatcher-Jahre Englands führt. Und schließlich hat mich beim Durchblättern der Vorschauen auch der Roman Barbarentage von William Finnegan  aus dem Suhrkamp-Programm gepackt, der von der Leidenschaft zum Surfen handelt. Auch dieses Buch wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf meine Leseliste wandern.

 

Diese bunte Mischung ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns dieses Jahr so alles erwarten wird. Nicht nur ich habe schon fleißig in den Programmen geschmökert, auch viele andere Blogger haben sich Gedanken gemacht, was sie dieses Jahr lesen möchten und worauf sie sich freuen. Stellvertretend seien hier die Vorschauen auf den Blogs Muromez, Bücherherbst, Zeichen&Zeit sowie bei Stefan Mesch verwiesen. Viel Spaß beim Schmökern – und gerne freue ich mich auch auf eure Tipps und Anregungen!

Mein kleiner Jahresrückblick 2017

So, nun ist schon wieder ein Jahr vorbei – so banal diese Erkenntnis, so unvermittelt kommt sie auch daher. Tatsächlich habe ich das Gefühl, diese zwölf Monate seien im Schnelldurchlauf an mir vorbeigeflitzt. Der Blick in mein Lesejournal zeigt dann aber, dass trotz der manches mal recht hektischen Zeit auch einige produktive Momente darunter waren. Insgesamt hat es zu genau 180 gelesenen Büchern dieses Jahr gereicht. Eine erkleckliche Zahl, die sich aus der Überschneidung von beruflichem und privatem Lesen ergibt. Eine Rezension all dieser Titel ist natürlich nicht möglich (und lohnt auch oftmals nicht), stattdessen sei nun hier also dieses kleine Resümee über mein literarisches Jahr gezogen:

Ein große Freude war mir die Begleitung des Bayerischen Buchpreises, den ich zusammen mit den Kompetenzblogs 54Books und Sätze&Schätze begleiten durfte. Neben den netten Kontakten waren wirklich viele lesenswerte Neuentdeckungen unter den nominierten Büchern (Das Floß der Medusa, Blau, Justizpalast). Zudem durften wir drei BloggerInnen auch der Preisverleihung in München beiwohnen und twittern. Größter Erfolg hierbei – unser Hashtag #baybuch trendete in Deutschland kurzzeitig auf Platz 2 der Twittercharts hinter Der Höhle der Löwen. Wäre ja gelacht wenn wir die im nächsten Jahr auch noch zersägen.

Positiv auch, dass die meisten der von mir bewusst ausgewählten und gelesenen Büchern der Lektüre lohnten. Vor großen literarischen Enttäuschungen blieb ich 2017 gefeit, die neuen Machwerke von Arne Dahl, Juli Zeh oder Paulo Coelho seien da einmal ausgenommen. Bei der Rückschau stellte ich wieder einmal fest, dass das Jahr im Ganzen wenig Raum zum Meckern lies.

So viele spannende Bücher und Ideen, man weiß gar nicht wo man anfangen soll. Festgestellt habe ich, dass sich während meines Lesejahres unterschiedliche Schwerpunkte und Interessen ausgeprägt haben. Vor allem die spanischsprachigen Autoren haben es mir angetan, so standen 2017 überproportional viele Werke aus diesem Kulturraum auf meinem Lesezettel: Carlos Ruiz Zafon, Gabriel Garcia Marquez, Albert Sanchez Pinol, Juan Vasquez und Rodrigo Hasbún sind nur einige Autoren, die mir schöne Lesestunden beschert haben.

 

 

Auch viele Schwergewichte mit 700 Seiten und mehr waren darunter (und alle herausragend gut, genannt seien stellvertretend nur drei: Annie ProulxAus hartem Holz, Michael RoesZeithain und Chris KrausDas kalte Blut).

Weitere Highlight waren für mich Gottesdiener von Petra Morsbach, Der Gentleman von Forrest Leo, Telex aus Kuba von Rachel Kushner und Licht von Anthony McCarten. Außergewöhnliche Helden, nuancierte Charakterzeichnungen, fesselnde Plots, außergewöhnliche Schauplätze. So sollten Bücher immer sein – doch nicht alle sind es. Umso schöner, dass diesen vier Büchern dieses Kunststück gelingt.

 

Weitere Highlights in meiner Jahresbilanz waren die Romane Die goldene Stadt von Sabrina Janesch, Die Geschichte der Einsamkeit von John Boyne, Transatlantik von Colum McCann und Die Rettung des Horizonts von Reif Larsen. Egal ob Peru, Irland oder Kroatien – die Bücher erschlossen mir neue Räume und ließen mich im Kopf reisen (auch wenn man natürlich einwenden könnte, dass nicht alle dieser Titel 2017 erschienen, aber es geht ja hier um Bücher, die ich dieses Jahr für mich entdeckte).

 

Bei einem anderen Genre hingegen stellt sich bei mir zunehmend ein Gefühl von Überdruss ein- die Rede ist von Krimis und Thrillern. Die Namen und Plots klingen austauschbar, das Personal bleibt meist diffuser als Novembernebel. Tumbe Ermittler stampfen durch die bayerische Provinz und jodeln die Lösung des Falles herbei, depressive trinkende Hausfrauen beobachten Morde und zweifeln an ihren Erinnerungen oder Serienkiller morden mit exotischen Werkzeugen und führen die unfähige Polizei an der Nase herum.

Den Vogel in puncto sinnlosester Buchtitel und absurderster Plot des Jahres hat dabei einmal mehr der Leserliebling Sebastian Fitzek mit Flugangst 7a abgeschossen.  (ein militanter Veganer will auf die Verbrechen der Milchindustrie hinweisen, ein Psychiater reserviert sich 4 Plätze in einem Flugzeug und soll auf jenem Flug eine ehemalige Patientin zurücktherapieren, damit diese das Flugzeug, in dem sie sich befinden, zum Absturz bringt, sonst stirbt seine Tochter). Hat man da noch Worte? Verkaufen tut sich dieser Schrott aber blendend, die Leser lieben es und man könnte beim Blick in die einschlägigen Foren denken, Fitzek sei der nächste Nobelpreisträger. Für mich ist dieser Mann ja ein inverser König Midas. Alles was er anfasst, wird zu Mist.

Aber genug des Meckerns, auch bei den Krimis ließen sich 2017 auch großartige Perlen entdecken. Dieser Bücher, die die vorhersehbaren oder absurden Muster aufbrechen und etwas ganz Neues kreieren, sie bescherten mir höchst spannende Lesestunden. Es seien hier die Werke von Andreas Pflüger (Operation Rubikon, Niemals), Viet Thanh Nguyen (Der Sympathisant) und Dennis Lehane (Dunkelheit, nimm meine Hand) genannt.

 

Insgesamt bin ich also, wie schon während des Artikels bemerkt, hochzufrieden mit meinem Lesejahr 2017. Besonders freut es mich auch, wie sich der Blog hier entwickelt, wie er wächst, neue Leser erhält und wie sich spannende Kontakte und differenzierter Meinungsaustausch ergeben. Das belebt und macht das Lesen und Schreiben zu einer großen Freude. So kann es 2018 weitergehen!

 

Was waren eure Bücher des Jahres? Was hat euch 2017 begeistert oder wovon wollt ihr nichts mehr lesen?

 

Kurz und gut

Frank Schirrmacher – Die Stunden der Welt

Eine Neuauflage ist der Titel Die Stunden der Welt des mittlerweile schon verstorbenen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher. Ursprünglich erschien dieses Buch im Jahr 1996, nun hat sich der Blessing-Verlag des Buchs angenommen und spendiert eine Neuauflage (die auf alle Fälle gerechtfertigt ist, um das schon einmal vorwegzunehmen).

Im Buch ergründet Schirrmacher den Mythos fünf prägender Dichter, die an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert stehen – namentlich handelt es sich um Hugo von Hofmannsthal, Georg Trakl, Gottfried Benn, Stefan George und Rainer Maria Rilke. Namen, die dem geneigten Leser spätestens aus der Schulzeit ein Begriff sein sollten. Schirrmachers Buch ermöglicht einen neuen Blick und Zugang zum Werk der fünf Dichter und zeigt, wie diese sich gegenseitig beeinflussten und wie ihr Wirken die Literatur revolutionierte und für poetische Weiterentwicklungen sorgte. Kein ganz einfach zu lesendes Werk des Feuilletondoyens, aber ein sehr lohnendes Buch, wenn man sich für deutsche Lyrik und diese einschneidende Epoche der Literaturgeschichte interessiert.

 

 

Christoph Poschenrieder – Kind ohne Namen

In seinem neuen Roman versucht sich Christoph Poschenrieder an einer Nacherzählung der Flüchtlingskrise und der damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen, in nuce auf eine Dorfgemeinschaft heruntergebrochen. Dies verschneidet er mit einer Neuinszenierung von Jeremias Gotthelfs Biedermeier-Novelle Die schwarze Spinne. Was sich etwas krude ausnimmt, ist es dann in der Bearbeitung von Poschenrieder auch tatsächlich. Er erzählt aus der Perspektive von Xenia, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt und deshalb in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um dort bei ihrer Mutter Zuflucht zu suchen. Währenddessen sind einige Flüchtlinge im Dorf untergebracht worden und das Dorfklima verkommt zusehends. Öl ins Feuer gegossen wird in dieser Situation durch einen Burgherren, der weitreichenden Einfluss besitzt und seine Wehrsportgruppen in den örtlichen Wäldern exerzieren lässt. Dieser geht mit Xenias Mutter einen folgenreichen Pakt ein (hat man Die schwarze Spinne bereits gelesen, wird man wissen, was im Zentrum des Handels steht).

Leider eines der schwächeren Bücher aus der Feder Poschenrieders. Die Behandlung der Flüchtlingskrise und das Update der Schwarzen Spinne alleine hätten gut funktioniert, das von ihm angemischte Amalgam mag sich für mein Empfinden leider nicht verbinden und stößt sich immer wieder gegenseitig ab.

 

 

Christiane Halter-Oppelt (Hrsg.) – Rock my home

Im Buch der deutschen Journalistin Christiane Halter-Oppelt geben Musiker Auskunft über ihr Zuhause und zeigen, wie sie eingerichtet sind. So erhält man als Musik- und/oder Einrichtungsfan Einblick hinter die Haustüren von Stars wie Moby, Cher, Frank Sinatra oder Lilly Allen. Das Ganze funktioniert so: großflächige Fotos aus dem jeweiligen Zuhause werden ergänzt von einem Essay über den Werdegang der Musiker. Am Ende gibt es dann noch einzelne Einrichtungselemente, die besonders herausgehoben werden und deren Bezugsquellen genannt werden. Für Einrichtungsästheten mit dem entsprechenden Geldbeutel sicher einen Blick wert. Ansonsten ist bietet dieses Cooffeetable-Buch wirklich schön fotografierte Aufnahmen von ganz unterschiedlichen Wohnzimmern, vom puristischen Stil bis hin zum ausladendenden Barock ist bei den Musiker so gut wie alles vertreten. So erschließt Halter-Oppelts Buch schlauerweise gleich zwei Zielgruppen: Musikerfans und Einrichtungsfans. Sehr gelungen und von guter Qualität!

Büchertipps zur Weihnachtszeit

Alle Jahre wieder – das Weihnachtsfest steht vor der Tür und es stellt sich die Frage, was um alles in der Welt man seinen Liebsten schenken soll. Die Antwort lautet (wie jedes Jahr): gute Bücher! Kein anderes Geschenk ermöglicht es, noch vor dem obligatorischen Gänsebraten ins Mittelalter zu reisen und nach dem Gänsebraten dann durch das postapokalyptische Südafrika zu springen – nur Bücher schaffen dieses Kunststück. Mit dem passenden Buch liegt man nie falsch.

Um euch die Suche nach dem richtigen Buch etwas zu vereinfachen, habe ich hier ein paar Büchertipps versammelt, mit denen man sicher nicht verkehrt liegt. Ähnlich wie bei den Büchertipps für den Urlaub aus der ersten Jahreshälfte speist sich auch hier der Großteil aus neu- und wiedererschienenen Werken, die mir gut gefallen haben und die ich ruhigen Gewissens empfehlen kann. Nur eine Bitte habe ich, bevor ihr euer Geld investiert. Tut mir einen Gefallen und unterstützt lieber den lokalen Buchhändler, der euch alle Bücher mindestens ebenso schnell wie Amazon liefern kann. Nur der Buchhändler ums Eck zahlt auch hier Steuern und sorgt für seine Angestellten. Hier kann jeder mit seiner Kaufentscheidung direkt Impulse setzen und den lokalen Handel unterstützen. So zeigt man Verantwortung und muss sich auch keine Gedanken machen – die Bücher kosten schließlich ja auch überall dasselbe. Nun aber los:

 

 

Für historische Interessierte gibt es dieses Jahr eine ganze Fülle toller Bücher. Stellvertretend seien hier drei Monographien genannt, die mich sehr begeistert haben. Zunächst ist da Zeithain, ein dicker, literarisch anspruchsvoller Schmöker, der sich um die sogenannte Katte-Tragödie dreht. Diese spielte sich am preußischen Königshof ab, als Kronprinz Friedrich II. mit seinem Freund Hans Hermann von Katte vor seinem strengen Vater, dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. fliehen wollte.

Etwas weiter vorangeschritten in der Zeit sind wir dann mit der zweiten Empfehlung, ebenfalls einem wirklichen Epos, nämlich Franzobels Das Floß der Medusa. Dieses Buch behandelt den historisch verbürgten Untergang des Schiffes Medusa. Um zu überleben, zimmerten Passagiere des Schiffes ein Floß und wagten darauf die Überfahrt in der Hoffnung, jemand würde sie retten. Doch die Rettung lässt auf sich warten …

Ein Klassiker, der vor 90 Jahren erschien, ist der dritte Tipp: Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit versammelt zwölf Miniaturen mit Momenten, an denen sich persönliche und politische Schicksale entschieden. Ein Sammelsurium unterschiedlichster Menschen und Situationen, das in einer sehr gelungenen Neuauflage nun vom Stefan-Zweig-Zentrum herausgegeben wurde. Anmerkungen, Erläuterungen und Hintergrundwissen inklusive.

An Stefan Zweigs Konzept der Geschichtsschreibung lehnt sich auch Blau – Eine Wunderkammer und seine Bedeutung von Jürgen Goldstein an. Ein stupendes Werk, das das Blau in all seinen Facetten ergründet, egal ob Blue Jeans oder Blaue Stunde.

 

 

Historisch ist auch die fünfte Empfehlung in der Runde, auch wenn es streng genommen kein ganz neues Buch ist. Klaus Modicks Der kretische Gast (im Original erschienen 2003) spielt überwiegend im Jahr 1943 auf der von den Deutschen besetzen Insel Kreta. Modick gelingt ein großartiger Schmöker, bei dem Leid und griechische Lebensfreude eng beieinander liegen.

Etwas gibt Bücher, deren Titel wirklich in die Irre führen könne. Dorothy Bakers wiederentdecktes Buch Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft ist genau solch ein Fall. statt einem kitschigen Seifenblasenbüchlein gibt es hier die sehr realistische und mit viel Jazz und Swing ausgekleidete Lebensgeschichte eines Trompeters, dessen Liebe zur Musik ihn erst ganz nach oben führt, und dann wieder abstürzen lässt. Der Originaltitel Young man with a horn (1938) ist hier deutlich zielführender.

Doch nicht nur der nostalgische Blick zurück soll gewagt werden, Bücher schauen auch immer nach vorne und ermöglichen einen Blick in die Zukunft, wie sich (hoffentlich nicht) eintreten könnte. Der südafrikanische Bestsellerautor Deon Meyer versucht sich in Fever an solch einer Vision. Eben jenes titelgebende Fieber hat die der Welt in der nahen Zukunft nahezu entvölkert. In Südafrika schlägt sich ein Junge mit seinem Vater durch und versucht einen Neustart der Zivilisation. Ein spannender, von großem Humanismus durchwirkter Schmöker.

Ein paar weniger Seiten hat William Shaws neuer Krimi Der gute Mörder, der an der Südküste Englands spielt. Dort verbringt der Dorfpolizist William South sein beschauliches Leben und pflegt die Vögelbeobachtung. Alles wird allerdings auf den Kopf gestellt, als South‘ Nachbar ermordet aufgefunden wird. Nun muss er ermitteln und dabei versuchen, sein eigenes Geheimnis vor den Kollegen zu verstecken. Ein ruhiger Krimi mit Anlängen an den IRA-Konflikt.

 

 

Ein süffiges Leseerlebnis und eine spannende Biographie bietet Klaus Cäsar Zehrer mit seinem Debüt Das Genie. Das titelgebende Genie ist James William Sidis, ein Junge, der schon im Wochenbett von seinem ehrgeizigen Vater dazu getriezt wird, das schlaueste Kind der Welt zu werden. Und anfänglich scheint der Plan von James‘ Vater tatsächlich auch aufzugehen. Doch damit beginnt ein Ikarus-Flug, der nicht gutgehen kann.

Neben diesem Buch sei auch ein weiterer Roman wärmstens empfohlen, der sich genauso wie das Genie und das Floß der Medusa auf der Nominierungsliste des Bayerischen Buchpreises fand. Die Rede ist vom Buch Justizpalast der Autorin Petra Morsbach, die darin aus dem Leben der Richterin Thirza Zorniger erzählt und nebenbei auch noch ein tiefenscharfes und facettenreiches Bild unseres Rechtssystems zeichnet. Hätte nicht Franzobel das Rennen gemacht, Morsbach wäre der Preis genauso zu gönnen gewesen.

Eine andere lesenswerte Autorin ist Mariana Leky, der mit Was man von hier aus sehen kann, einer der Überraschungserfolge des Jahres gelungen ist. Sie erzählt von einer kleinen Dorfgemeinschaft im Westerwald und überträgt dabei den Marquez’schen Magischen Realismus eigenwillig und lesenswert ins deutsche Mittelgebirge. Immer wenn die Seniorin Selma von einem Okapi träumt, stirbt 29 Stunden später jemand. Wie würdest du mit der Aussicht auf 29 Stunden Restlaufzeit leben?

Der letzte Tipp in dieser illustren Runde ergeht für den Roman Niemals des Drehbuchautoren Andreas Pflüger. Jener schickt seine blinde Heldin Jenny Aaron zum zweiten Mal auf ein wahres Himmelfahrtskommando, das sie diesmal von Schweden nach Marrakesch bis in die Alpen führt. Breitwand-Actionkino für Sprachästheten und ein echtes Geschenk für jeden, der spannende Romane mag.

 

Nun wünsche ich frohes Schenken, Schmökern und einige ruhige Tage inmitten des ganzen Festtagstrubels.

 

 

Kurz und gut

Gael Faye- Kleines Land

Was passiert, wenn man den Ort seiner Kindheit hinter sich lassen musste und in einem anderen Land erwachsen wird? Davon erzählt Gael Fayes Debüt Kleines Land. Sein Protagonist Gabriel, genannt Gaby, wächst in Burundi mit seiner Schwester auf. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter stammt aus Burundi und gehört der Ethnie der Tutsi an. Die unbeschwerte Kindheit endet aber recht bald, als nach einem Militärputsch die Auseinandersetzungen von Hutu und Tutsi zunehmen und schließlich in einem brutalen Bürgerkrieg münden. Nach der Flucht aus diesem sich selbst zerstörenden Land lässt Gaby die Erinnerung allerdings nicht los und er beschließt, noch einmal nach Burundi zurückzukehren.

Ein Buch, das ordentlich beginnt und dann immer faszinierender und besser wird, ehe es in einen packenden Schluss mündet. Faye erzählt bildstark und sehr farbig. Literatur über Afrika und dessen Menschen und Länder fristet in unserem literarischen Bewusstsein doch eher ein Nischendasein, umso schöner, dass uns hier ein junger frankophoner Autor in die wechselvolle Geschichte Burundis eintauchen lässt. (Übersetzung von Brigitte Große und Andrea Alvermann)

 

Hari Kunzru – White Tears

Hari Kunzru erschafft mit White Tears einen reizvollen Bastard aus Musikgeschichte, magischem Realismus und amerikanischer Gesellschaftsanalyse. Ähnlich wie Grégoire Hervier in Vintage ist es bei Kunzru auch die Musik, die einen Strudel aus Tod und Verderben auslösen wird. Dabei beginnt bei Kunzru eigentlich alles recht unscheinbar, und zwar mit der Freundschaft von Seth und Carter. Jene freunden sich auf dem Campus an und halten ihre Freundschaft auch nach dem Studium aufrecht. Ein von ihnen aufgenommenes und verfremdetes Musikstück wird dann allerdings zum Wendepunkt, an dem sich ihre Freundschaft und schon bald ihre Leben scheiden. Denn dieses Musikstück führt zu einem schweren Angriff auf Carter – und Seth beschließt, dem von ihnen produzierten Musikstück auf den Grund zu gehen. (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Kunzru schickt seinen Helden auf einen düsteren Trip in den (musikalischen) Süden der USA. Dabei stößt er an die Wurzeln von Rassismus, Blues und kultureller Aneignung vor. Ein Buch, das sich einer Einordnung konsequent entzieht, und das durch seine flirrende Art zu den eindrücklichsten und originellsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt werden darf.

 

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

In ein unbekanntes England entführt die Autorin Sarah Perry in ihrem wirklich wunderbar gestalteten Buch Die Schlange von Essex. Ihre Geschichte spielt im ländlichen Essex gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während sich zu dieser Zeit Sherlock Holmes bereits durch ein rasch wandelndes und von der Industrialisierung gekennzeichnetes England ermittelt, herrscht bei Perry noch höchste Entschleunigung. Ihre Heldin ist Cora Seaborne zieht sich aus Land nach Essex zurück, nachdem ihr Mann verstorben ist. Dort kollidiert sie mit dem ansässigen Pfarrer, der einen Gegenpol zu Cora bildet. Denn die Leidenschaft der jungen Frau gilt den Naturwissenschaften und dem Kampf um Selbstbestimmung. Punkte, die zu Konfrontationen mit William Ransome, so der Name des Pfarrers, führen. Doch lauert unter allem Streit auch eine starke Anziehungskraft zwischen beiden Parteien. (Übersetzung von Eva Bonné)

Leider konnte der von Sarah Perry entfachte Funke bei mir nicht überspringen. Über allen eigenwilligen Figuren vergisst Perry für meinen Geschmack etwas zu sehr, die Handlung zu strukturieren und voranzutreiben. Stattdessen dominiert das Figurenensensemble, was bei mir für einige Lesedurchhänger sorgte. Mehr Esprit und Agilität hätten dieser Schlange gut getan!