Arne Dahl: Zorn

Mörderisches Europa

Bereits zum zweiten Mal schickt Arne Dahl sein Europol-Superteam Opcop quer durch den europäischen Kontinent (und diesmal noch viel weiter), um die Zusammenhänge zwischen mysteriösen Morden zu ergründen.

Nachdem das europäische OPCOP-Team im Debütband Gier seinen Einstand feiern durfte, geht es nun mit Zorn gleich Schlag auf Schlag weiter.

Mit dem Selbstmord eines Schönheitschirurgen in Belgien nimmt alles seinen Lauf. Dieser beging nur vermeintlich Suizid, denn wie das Team unter Leitung von Paul Hjelm herausfindet ist alles deutlich komplizierter.
Zudem sterben in Stockholm in einer Kneipe mehrere Menschen und es hat darüberhinaus den Anschein, dass ein Serienkiller europäische Inseln besuchen und sich dort seine Opfer suchen würde.

Das OPCOP-Team zum Zweiten

An vielen Baustellen wird das OPCOP-Team wieder gefordert, das sich dem Kampf gegen das internationale Verbrechen stellen muss. Die supranational gecasteten Polizist*innen müssen an verschiedenen Fronten kämpfen und teils hohe Preise für ihren Einsatz zahlen. Dafür wird der Leser des Thrillers abermals mit einem durchaus spannenden Roman belohnt!

Arne Dahl -Zorn (Cover)

Ähnlich wie im ersten Band braucht der Leser ein gutes Gedächtnis, um den Überblick über zahllose Charaktere, Handlungsstränge und Orte zu behalten. Wem dies gelingt wird mit einem Thriller der belohnt, der spannend ist, aber nicht die Klasse des Auftaktbandes erreicht.

So muss sich Arne Dahl immer den Vorwurf der konstruierten Handlungen gefallen lassen – auch dieses Buch macht in dieser Hinsicht keine Ausnahmen. So sind es hier (ohne zu viel verraten zu wollen) zwei gedungene Mörder, die Hjelm und seinem Team das Leben schwer machen. Schnelle Handlungsstränge, hinterhältige Mörder und dazu eine Sprache, die sich vom Gros der Thrillerautoren abhebt. Das sind die Zutaten, aus denen Arne Dahl sein Spannungssüppchen köchelt. Wie bereits bei der zehnbändigen A-Team-Reihe stattet er jeden der internationalen Polizisten mit eigenen Persönlichkeiten und Stimmen aus, lässt in Zwischensequenzen den Leser lange im Dunkeln tappen und überrascht schlussendlich mit einigen Twists.

Dies kann dem einen oder anderen Leser durchaus zu viel werden oder man könnte sich an manchen Formulierungen des Schweden (respektive der etwas lieblosen Übersetzung durch Antje Rieck-Blankenburg) stören. Das Bild, das am Ende von Zorn steht, ist mit dem Adjektiv komplex wahrlich noch untertrieben. Arne Dahl schafft es erneut, ein Abbild der heutigen länderübergreifenden Kriminalität zu zeichnen, dass sowohl anspruchsvoll als auch höchst spannend ist. Allerdings operiert der Schwede in diesem Band für meinen Geschmack jenseits von Glaubwürdigkeit und Realismus. In der Retrospektive aller vier Quartettbände in meinen Augen der schwächste der Reihe, der an den Haaren herbeigezogen wirkt. Schon im nächsten Band der Reihe Neid allerdings setzt Dahl dann wieder zu einer deutlich gehobenen Flughöhe an.

Cathi Unsworth: Opfer

Eher Jugendroman als Krimi

Sie sind zweifelsohne das Jahrzehnt mit der absonderlichsten Mode und dem bizarrsten Geschmack gewesen – die Rede ist von den 80ern. In diesem Jahrzehnt ist auch der eine der beiden Stränge von Opfer von Cathi Unsworth angesiedelt.

Damals wurde im kleinen englischen Städtchen Ernemouth Corinne Woodrow festgenommen, da sie im Verdacht stand, einen Jungen ermordet zu haben. Der zweite Strang, der zwanzig Jahre später im Jahr 2003 spielt, präsentiert nun Sean Ward, einen versehrten Privatermittler, der sich mit dem damaligen Mord beschäftigt.

Neue Spuren haben ergeben, dass Corinne Woodrow unter Umständen für eine Tat zur Rechenschaft gezogen wurde, die sie vielleicht gar nicht begangen hat. Dies ist ein schon fast klassischer Plot – ein einsamer Ermittler, der einen alten Fall neu aufrollt und dabei Überraschendes zutage fördert.

Doch leider vermag Cathi Unsworth in Opfer diesem altbekannten Muster keine neue Facetten abzugewinnen. Sie beschreibt detailliert die Dynamiken innerhalb der Jugendclique um Corinne Woodrow 1983 und lässt auch Sean Ward ausführlich herumschnüffeln. Leider geht ob der ausführlichen Beschreibung ihrer beiden Hauptcharaktere die Spannung über die ganze Länge des Buches ab. Als Kriminalroman würde ich deshalb Opfer mitnichten bezeichnen. 

Es ist ein ruhiger Roman über das Erwachsenwerden und den Sinn, der darin liegt. Cathi Unsworth vermag gekonnt von den Sehnsüchten und Taten der jungen Engländer in den 80ern zu erzählen – ein spannendes Buch wird daraus trotzdem nicht. Wer einen Coming-Of-Age-Roman sucht, der könnte mit Opfer sein Buch in Händen halten, allen anderen, denen die Spannung wichtig ist, sollten diesem Buch nicht unbedingt den Vorzug geben!    

Benedict Wells: Fast genial

Einmal quer durch die USA

Fast Genial ist ein rührendes Roadmovie, das sich mit den Themen Identität, Erwachsen werden und der Suche nach Glück und Erfüllung beschäftigt. Diese werden von Benedict Wells locker in seinem klar strukturierten Roman angerissen, während sich die Rahmenhandlung um den Teenager Francis Dean dreht, der eigentlich ein klassisches Loser-Dasein führt. Mutter mit schwerwiegenden psychischen Problemen, unbekannter Vater und Leben im Trailerpark.

Durch die Bekanntschaft mit der ebenfalls in psychischer Behandlung befindlichen rebellischen Anne-May reift in ihm ein Plan: Nachdem seine Mutter ihm den Namen seines Vaters und die skurrile Hintergrundgeschichte zu seiner Zeugung offenbart hat, macht er sich mit Anne-May und seinem besten Kumpel Grover auf den Weg quer durch die USA, um seinen Vater kennenzulernen.

In klar strukturierten Kapiteln lässt Benedict Wells seine drei Helden in verschiedenen Städten Amerikas Halt machen und wechselt dabei ruhige, fast kontemplative Phasen mit schnellen Beschreibungen ab. Dies sorgt für einen ganz eigenen Rhythmus des Buchs und gefiel mir ausnehmend gut. Lustige Szenen wechseln sich genauso mit nachdenklich machenden Schilderungen ab und zeigen die Dynamiken innerhalb der Gruppe, ihre Sorgen und Wünsche.
Stellenweise erinnerte mich dies sehr an die Filme Vincent will meer und Friendship, doch das Buch bleibt immer eigenständig und souverän. Bereits Becks letzter Sommer von Benedict Wells hat mich tief berührt und ist eines meiner Lieblingsbücher geworden und nun hat er mit Fast genial das Kunststück wiederholt. Ein berührender Roman, der Depression mit Hoffnung verschmilzt und ein wirklich fieses Ende bereithält, das zahlreiche Interpretationen erlaubt!

Hugh Howey: Silo

Eine spannende Dystopie

Die Geschichte von Hugh Howey und seinem Roman „Silo“ zeigt eindrucksvoll, wie die digitale Revolution die Welt der Literatur ändert. Howey, bereits als Skipper, Buchhändler oder Bootsbauer tätig, hat seinen Romanerstling in den USA zunächst auf eigene Faust als E-Book veröffentlicht. Der Erfolg auf dem E-Book-Markt rief dann Verlage auf den Plan, das E-Book als Printprodukt zu publizieren und so wurden auch die Rechte ins Ausland verkauft. Und nun ist „Silo“ auch in deutschen Buchregalen anzutreffen und hat den Sprung in die Bestsellerlisten geschafft.
Zudem hat sich der Piper-Verlag in Deutschland auch dazu entschieden, das Buch als zerstückeltes E-Book anzubieten. Dies ist eine gute Gelegenheit einfach mal unverbindlich in das Buch hineinzuschnuppern, da der erste Abschnitt des Buchs kostenlos heruntergeladen werden kann.
Howeys Roman entwirft eine Dystopie der Zukunft, in der die Menschen in einem riesigen Silo autark leben. Die Hintergründe des Silos und seiner Entstehungsgeschichte bleiben zu Beginn nebulös, erst allmählich erschließt sich der Leser Zusammenhänge und findet in diese Parallelwelt hinein. Ähnlich wie die junge Ingenieurin Juliette muss man die Hintergründe des Silos erkunden und stößt auf Ungereimtheiten. Dies ist sehr geschickt gelöst, da sich der Leser quasi notgedrungen gleich mit der jungen Juliette identifizieren muss und ihre Erkundungen begleitet.
Insgesamt bleibt „Silo“ sprachlich stets angenehm und kann sich zwar nicht mit einer herausragenden stilistischen Sprache überzeugen – schlecht ist die Prosa Hugh Howeys aber keinesfalls. Da ich gerade bei selbst publizierten E-Books immer recht skeptisch bin, was die Qualität des Produkts angeht, wurde ich bei „Silo“ angenehm überrascht. Es ist nicht verwunderlich, dass verschiedene Verlage die Vorzüge des Buchs erkannten und es als physisches Produkt veröffentlichten.
Das Buch ist originell und spannend und erinnerte mich von der Grundidee an den Film „Die Insel“ von Michael Bay – was dem Buch keinesfalls zum Nachteil gereicht.Die 544 Seiten sind klug gewählt und strukturiert. Wenn man möchte, kann man im Roman Bezüge und intertextuelle Verweise erkennen oder hineininterpretieren – man kann das Buch aber auch einfach nur als spannende Zukunftsvision lesen, die den Leser packt und manchmal frösteln lässt!

Hier gehts zur Webpräsenz des Buchs 

Geschmackssichere Cover

Der steigende Absatz von E-Book Readern jeglicher Couleur hat auch ein anderes Phänomen mit sich gebraucht: Nachdem nun Bücher vom EPUB- bis hin zum PDF-Format auf Readern gelesen werden können, kann nun auch jeder halbwegs im Umgang mit einem Textverarbeitungsprogramm geschulte Laie zum Autoren werden. Ein Blick in die Verkaufscharts einschlägiger Onlineportale offenbart hierbei Grausiges:
Neben Titeln wie „In Liebe, dein Mörder“, „Und alles nur wegen Uschi“ oder „Zum Glück ein Pörßenel-Trainer“ stechen vor allem manche Cover der Werke ins Auge.
Egal ob grellbunt, Titelbilder mit Comic-Sans-Font oder Bilder, die wirken als hätten die Sprößlinge der Autoren diese mit Fingermalfarben oder Paint die Cover erstellt. Ästhetisch wertvoll ist meist kaum eines dieser Bücher und dürfte folglich auch von der Stiftung Buchkunst ignoriert werden.
Wer gerne einmal ein Panorama von selbsterstellten E-Book-Covern aus Übersee betrachten möchte, dem sei diese Webseite ans Herz gelegt. Der Blog sammel akribisch die schönsten (bzw. eigentlich eher abschreckendsten) Beispiele für das, was ambitionierte Hobbyautoren unter einem guten Cover verstehen.
Egal ob selbstgemalte Elfen im nonchalanten Lila-Grün Mix, kindliche Schrifttypen mit Neon-Hintergrundbeleuchtung oder wild zusammengestückelte Bildelemente, die nicht wirklich zusammenpassen.
Akribisch dokumentiert der Blog ein Kaleidoskop des visuellen Schreckens, bei dem man nicht weiß, ob es einen eher vor den Autoren oder den Leser solcher Machwerke gruselt. Unten angefügt findet sich eine kleiner Appetizer für solche lousy bookcovers, die zumindest mir keine Lust auf mehr machen!