Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar

Nicht nur der Umfang fordert heraus. Mit Das Lied von Storch und Dromedar legt die niederländische Autorin Anjet Daanje einen anspruchsvollen Roman vor, der sich um eine geheimnisvolle Schriftstellerin rankt – und die Spuren, die sie im Leben anderer Menschen hinterlassen hat.


Eliza May Drayden — so heißt die Schriftstellerin, die zu Beginn von Anjet Daanjes Roman Das Lied von Storch und Dromedar ihren Auftritt hat und die trotz ihres frühen Todes und dem damit verbundenen Verschwinden aus dem Roman das Gravitationszentrum des selbigen bleiben wird.

Am 12. Dezember 1847 verstirbt sie mit gerade einmal 36 Jahren in einem Pfarrhaus im kleinen britischen Weiler Bridge Fowling und lässt ihre Schwester Millicent und ihren Schwager, den Pfarrer Daniel Jennings, alleine im Pfarrhaus zurück. Vor allem aber hinterlässt sie der Nachwelt ein Rätsel, das bis heute fasziniert. Denn zeitgleich mit ihrer Schwester hat Eliza ohne nennenswerte literarische Bildung einen Roman geschrieben, der den Titel Haeger Mass trägt.

Das Buch ist in seiner dunklen Erzählweise ein Solitär und seiner Zeit weit voraus. Während die Zeitgenossen Eliza May Draydens Werk in seiner Vielschichtigkeit und literarischen Qualität verkennen, entwickelt das Buch schon kurz nach dem Tod ein Eigenleben, das durch einige Mysterien rund um den Tod seiner Schöpferin noch befeuert werden.

Es entspinnt sich ein Hype um die beiden Schwestern und Haeger Mass beziehungsweise das von Millicent Drayden verfasste Witwe, der schon bald zum Kult wird. Fans stürmen Bridge Fowling und ein eine Fankultur setzt ein, der bis heute anhalten soll.

Der Hype um die Drayden-Schwestern

Anjet Daanje - Das Lied von Storch und Dromedar (Cover)

Das Nachleben von Werk und Autorin betrachtet Anjet Daanje im Lauf der 965 Seiten, die Das Lied von Storch und Dromedar umfasst. Die beiden Tiere haben im Buch spät in zwei unterschiedlichen Episoden ihren Auftritt, dazu gesellt sich eine vielgestaltige Betrachtung der unterschiedlichen Aspekte des Drayden’schen Werks, das Menschen sogar in den Wahnsinn treiben konnte. Durch die Jahrhunderte wohnen wir, geführt von Anjet Daanje, der Entwicklung des Mythos um die Schwestern aus dem Pfarrhaus bei.

Dabei wählt Daanje einen biographischen Erzählansatz, in dem sie — beginnend im 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert — voranschreitet und in elf großen Kapiteln elf ganz unterschiedliche Lebensgeschichten erzählt. Von Zeitgenossen der Draydens bis hin zu einem Erben von Draydens Notizbuch, dem das Erbe über hundertfünfzig Jahre später kein Glück bringen soll, reicht der erzählerische Bogen.

Sie erzählt von zwei Schwestern mit deutschen Wurzeln und ihrem komplexen Verhältnis, lässt einen holländischen Uhrmacher die Aspekte von Unendlichkeit berühren und erzählt von Flüchen und — passend zur Osterzeit — von leeren Gräbern in Kirchenkatakomben.
Mal umranken diese Biografien das Leben der Geschwister Draydens so eng wie Brombeerranken, die in der Heidelandschaft um Bridge Fowling zuhauf anzutreffen sind und ein Leitmotiv des Buchs bilden.
Mit zunehmender Distanz zu den damaligen Geschehnissen entfernen sich auch die Biografien weiter von den jung verstorbenen Frauen und lassen erst auf den zweiten oder dritten Blick eine Verwandtschaft zu deren Leben erkennen.

Leben und Nachleben eines außergewöhnlichen Werks – in großartiger Übersetzung

Zwischen diese vielstimmigen Lebensgeschichten sind zudem Auszüge aus fiktiven Biografien über Eliza May Drayden oder Zitate aus ihren Notizen und Gedichten gesetzt. Übersetzt hat diese stilistische Fülle der Übersetzer Ulrich Faure, der für diese gigantomanische Arbeit zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert wurde.

Die Jury lobte seine „meisterhafte Übersetzung, die Zeiten, Umstände und Perspektiven der Figuren greifbar vor Augen führt. In diesem mitreißenden Kaleidoskop der Stimmen findet er jederzeit den richtigen Ton.“, so die Jury im Rahmen der Preisverleihung im März 2026.

Nach der Lektüre von Das Lied von Storch und Dromedar mag man dem nur zustimmen. Ebenso, wie die Niederländerin Anjet Daanje stimmungsvoll vom schlechten Wetter in der englischen Heidelandschaft, von Pfarrhäusern und dem sich manchmal anschleichenden Wahnsinn zu erzählen weiß, findet sie in Ulrich Faure einen kongenialen Partner, der diesen so stimmungs- wie stimmenreichen Roman in ein Deutsch übersetzt, das zwischen allen Zeiten und Realitäten schwebt.

Sie haben sich in jahrelanger Übung aufeinander eingeschossen, sie schlittern durch die Risse der Realität, verdrehen, hübschen auf. So viele Worte, wie Sekunden auf ein Jahr gehen, haben sie produziert, dicke Lagen eines Bodensatzes, wie Parasiten auf der Wirklichkeit, Parasiten auf Parasiten auf Parasiten, und ganz unten in ihrem verqueren Konstrukt, im Keller, wo nie ein Lichtlein hinfällt, plattgewalzt, kahlgefressen, leichenbleich, ruht die Wahrheit.

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 739

Historisches Vorbild in den Brontë-Schwestern

Besonders spannend macht das Buch zudem auch der Abgleich mit seinen historischen Vorbildern, denen Anjet Daanje ihr Werk unter anderem auch widmet, nämlich den Schwestern Brontë.
Nicht nur biografisch bildet Das Lied von Storch und Dromedar viele Bezüge zum Leben und Werk Emily Brontës und ihrer ikonisch gewordenen Sturmhöhe heraus.

Doch auch die Unkenntnis des Brontë’schen Werks und Erzählkosmos mindert den Lesegenuss von Anjet Daanjes Buch nicht. Wenn man die nötige Lesezeit und den Fokus mitbringt, um sich auf ihre dunkel-romantische Spurensuche nach Leben und Werk der Draydens in den Heidehügeln von Yorkshire zu begeben, wird man mit einem großen Lesegenuss und einer bewundernswerten Stilsicherheit in Sachen atmosphärischer Zeichnung und außergewöhnlicher Plotführung belohnt, der ebenso wie das Werk Eliza May Draydens fast aus der Zeit gefallen scheint.

Nicht nur für lange, graue Herbstabende eine spannende und bisweilen herausfordernde Lektüre, bei der nicht nur der Titel höchst ungewöhnlich ist.

Der Roman hätte nirgendwo anders als in Yorkshire geschrieben werden können, und dasselbe gilt für Witwe, Millicents Roman. So wie Elizas Text von der wilden Natur durchtränkt ist, regiert in Millicents Text das unwirtliche Wetter von Yorkshire.

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 274

  • Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
  • Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
  • ISBN 978-3-7518-0641-1 (Friedenauer Presse)
  • 976 Seiten. Preis: 38,00 €

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers

Ja wo liegt es denn nun, Das Grab des Webers? In seinem kurzen Roman bietet Seumas O’Kelly alles auf, was die irische Literatur so ausmacht. Warmherzigkeit, skurrile Gestalten in einem eigensinnigen Dorf und ein Plot auf kleinstem Raum, den man nicht so schnell vergisst.


Sie erinnern etwas an Waldorf und Statler, die beiden Figuren, die Seumas O’Kelly in seinem kurzen Roman Das Grab des Webers gleich zu Beginn auf die Leser*innen loslässt. Mit wenigen Strichen skizziert er die beiden betagten Alten, die die letzte Ruhestätte eines verstorbenen Altersgenossen ausmachen wollen und sollen.

Mortimer Hehir, der Weber, war gestorben, und sie waren gekommen, sein Grab auf Cloon na Morav, der Stätte der Toten, zu suchen. Meehaul Lynskey, der Nagelschmied, kam als Erster über den Zauntritt. Er konnte die Erregung, in der er sich befand, nicht verbergen. Sein langer, gebeugter Körper bewegte sich schlurfend heran. Ihm folgte Cahir Bowes, der Steinbrecher, der von der Hüfte aufwärts so tief herabgezogen war, dass sein Rücken waagerecht war wie der eines Tieres. Seine rechte Hand umklammerte einen Stock, der ihn vorn aufrecht hielt, mit der linken hatte er seinen Rock unmittelbar über dem Steiß gepackt. In dieser Haltung gelang es ihm, seinen Weg hinter sich zu bringen, ohne vornüber zu Boden zu stürzen. Die Erde selbst zog ihn mit magnetischer Kraft an, und Cahir Bowes suchte sich bis zuletzt ihrem verhängnisvollen Kuss zu entziehen.

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers, S. 5

Auf der Suche nach der richtigen Grabstelle

Seumas O'Kelly - Das Grab des Webers (Cover)

Doch schon auf den ersten Metern des Romans beginnt das Unglück. Denn die Alten, die den beiden Totengräbern den Weg zur angedachten Ruhestätte des Webers weisen sollen, sind sich uneins, wo sich die ausgesuchte Stelle auf dem gut gefüllten Dorffriedhof befindet. Sieben Fuß tief soll Mortimer Hehir ruhen, aber je länger die vier Männer über den Friedhof wandern, umso stärker lösen sich alle Gewissheiten auf.

Das Probebuddeln an den mit großer Überzeugung vorgebrachten Stellen zeitigt keinen Erfolg, im Gegenteil. An den beiden unterschiedlichen Stellen, die die Alten benennen, kann das Grab nicht sein. Und so muss der gebeugte Steinbrecher Cahir Bowes feststellen, dass felsenfeste Überzeugungen zerbröseln können und Gewissheiten zerrieben werden, dass am Ende nur noch kleine Kiesel aus Unsicherheit übrig bleiben.

Um dem Weber doch noch die letzte Ruhestätte zu sichern, macht sich also seine Witwe auf — die sage und schreibe vierte Ehefrau, die Mortimer Hehir zeit seines Lebens ehelichte — um die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Einen bettlägerigen Weggefährten ihres Mann will sie im Dorf befragen, um den Ort für Grablege zu erfahren. Doch damit wird die Sache auch nicht einfacher. Die Ulme, die der bettlägerige Greis als Ort für das Grab benennt, sie gibt es auf Cloon na Morav gar nicht …

Vergnüglich und skurril

Das Grab des Webers ist ein vergnügliches und skurriles Buch, das auf gerade einmal 92 Seiten aber auch existenzielle Themen berührt und damit deutlich mehr ist als nur eine nette irische Schnurre.

Seumas O’Kelly erzählt von der sich auflösende Gemeinschaft des Dorfs der Alten, mit der auch eine ganze Lebenswelt stirbt. Viele der Dorfbewohner hat sich der Tod schon zu sich geholt, was mit einem Verlust an Wissen und Überlieferung einhergeht – bis hin zur Frage, wer da eigentlich wo auf dem Totenacker liegt.

Zwar pflegt man noch Traditionen wie die der Totenwache, dennoch geht hier etwas unwiderruflich zu Ende, auch wenn der Nagelschmied, der Küfer und der Steinbrecher (auch das ja allesamt solche ausgestorbenen Berufe und Traditionen) ihr Bestes geben, um die Erinnerung im und an das Dorf wachzuhalten.

Wie erinnern wir uns, welche Traditionen pflegen wird – und was wird einmal von uns bleiben? Das Grab des Webers stellt große Fragen und ist damit über den eigentlichen Bezugsrahmen hinaus eine zeitlose Lektüre.

Ein Buch, das dem literarischen Vergessen entrissen wurde

Auch der Jung und Jung-Verlag stellt sich damit gewissermaßen in die Erzähltradition des Buchs, indem er mit dieser Neuausgabe von O’Kellys Buch literarisches Wissen und Tradition bewahrt. Denn eigentlich veröffentlichte Seumas O’Kelly seine kurze Erzählung bereits im Jahr 1919. Siebenundvierzig Jahre später folgte die Übersetzung für den Suhrkamp-Verlag durch Kurt Heinrich Hansen. Seine Übertragung bildet auch heute noch die Grundlage für die Neuausgabe, die einst als Nummer 177 in der Bibliothek des Suhrkamp-Verlags erschien.

Eigentlich wäre dieses Buch damit dem literarischen Vergessen anheimgefallen und allenfalls gut unterrichteten Kennern der irischen Literaturgeschichte ein Begriff geblieben, hätte sich der kleine österreichische Verlag nicht entschieden, dieses Buch wieder auszugraben und sich damit dem literarischen Vergessen so entgegenzustemmen, wie es O’Kellys Geschichte die Figuren auf dem Cloon na Morav tun.

Schön wäre dabei ein begleitendes Nachwort gewesen, das Seumas O’Kelly den deutschen Leser*innen etwas näher vorgestellt hätte — Informationen über den Iren sind hierzulande nämlich äußerst spärlich gesät. Einen Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es zu dem 1881 geborenen Iren nicht, der als Journalist reüssierte, Kurzgeschichten wie auch einen Roman schrieb für das Parteiorgan von Sinn Féin publizierte und infolge eines Herzinfarkts, ausgelöst durch die Durchsuchung der Redaktionsräume der Zeitschrift, mit gerade einmal 37 Jahren starb.

Sein literarisches Wirken, die Themen seines Buchs, eingeordnet durch kundige Hand, hätten dieser Neuausgabe sicherlich gut getan. So oder so bleibt Das Grab des Webers aber eine tolle Erzählung, die tief eintauchen lässt in das skurrile Geschehen auf dem Totenacker und die ein tolles irisches Erzähltalent dem Vergessen entreißt. Vielleicht folgt dieser literarischen Ausgrabung ja noch mehr – es wäre nach der Lektüre dieses Texts mehr als zu befürworten!


  • Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers
  • Aus dem Englischen von Kurt Heinrich Hansen
  • ISBN 978-3-99027-446-0 (Jung und Jung)
  • 96 Seiten. Preis: 21,00 €

Maylis de Kerangal – Brandung

Als die Polizei aus Le Havre die namenlose Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman Brandung kontaktiert, fällt sie wie aus allen Wolken. Ein ebenfalls namenloser Toter wurde an einer Mole in Le Havre aufgefunden. Den einzigen Rückschluss auf seine Identität lässt ein Zettel mit einer Telefonnummer zu — es ist die der Erzählerin. Wie kam er der Tote an ihre Nummer und was verbindet ihn mit der Erzählerin? Sie selbst und die Polizei stehen vor einem Rätsel…


Es hatte drei Tage lang gebraucht, um den Toten zu identifizieren, den man in einer Märznacht 1974 im Bahnhof Penn Station in Manhattan aufgefunden hatte. Erst nach Ablauf der drei Tage ließ sich die Identität des Mannes klären, dessen Äußeres verwahrlost und sein Personalausweis derart zerkratzt war, dass die Behörden kaum ein Rückschlusse betreffend seiner Daten wollte. Zur Verblüffung der Nachwelt handelte es sich bei dem Toten um Louis Kahn, einen einflussreichen Architekten, der sich unter anderem mit dem Bau großer öffentlicher Projekte rund um Philadelphia hervorgetan hatte und zu den Stararchitekten der Nachkriegszeit zählte.

Jene Episode um die langwierige Identitätsermittlung kommt der hochgebildeten Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman in den Sinn, als sie auf der erste Seite des Romans durch ein klingelndes Telefon aus ihrer Routine gerissen wird.

Der Anruf kam um zwei, ich war gerade nach Hause zurückgekehrt, hatte noch den Mantel an und meine Tasche über der Schulter, schwer wie Stein, ich kramte darin, ohne mein Handy zu finden, leerte schließlich alles auf den Tisch in der Diele, der uns als Ablage dient, aber nichts, ich hielt inne, die Wohnung war verlassen, die Vibration des Telefons deutlich zu hören, aber die Quelle schien fern zu sein, unsituierbar, ich tastete meine Manteltaschen ab, die tief waren und weit untern, voller zerknitterter Zettel, Krümel, Späne, ich spürte es durch den Stoff unter meinen Fingern pulsieren, und als ich es endlich hervorgezogen hatte, zeigte das Display eine Festnetznummer, Vorwahl 02, Westen, ich hob an, ein Mann meldete sich mit „Kriminalpolizei“ und verlangte mich zu sprechen, ich sagte, das bin ich, während ich wie ein Automat auf den nächsten Stuhl zusteuerte, denn es zog mir schon jetzt den Boden unter den Füßen weg, und als ich dann saß, hörte ich zu, wie mich der Beamte mit der neutralen, sachlichen Ausdrucksweise derjenigen, die Verfahren durchführen, aufforderte, im Kommissariat von Le Havre zu erscheinen: Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.

Maylis de Kerangal, S. 9f.

Eine Leiche in Le Havre

Maylis de Kerangal - Brandung (Cover)

Diese ominöse Angelegenheit ist der Fund einer Leiche im Hafenbereich von Le Havre aufgefunden worden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, was die Identität des Mannes anbelangt. Die einzige Spur ist ein Zettel in seinen Hinterlassenschaften, auf denen eine Telefonnummer notiert ist. Bei der Nummer handelt es sich um den Anschluss der Erzählerin, wodurch sie die Polizei kontaktiert hat.

Doch wie kommt der Tote an ihre Nummer und wer ist der Mann? Die Erzählerin, die ihr Geld als Synchronsprecherin verdient, fühlt sich schon bald selbst wie im falschen Film. Denn die Nachricht von dem Toten lässt sie nicht länger ruhen und so begibt sie sich nach Le Havre, um erst bei der Polizei vorstellig zu werden und dann selbst mit einer Suche in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend, zu beginnen.

Literarisch bestechend komponiert

Brandung ist ein Roman, der der Brüchigkeit unserer eigenen Existenz und den spärlichen Spuren nachgeht, die wir manchmal im Leben anderer und der Nachwelt hinterlassen. Die Plötzlichkeit, mit der die Erzählerin aus ihrem Alltag mit Mann und Tochter gerissen wird und die schleichende Unruhe, die die Nachricht um den Toten und ihre Nummer in ihr eigenes Leben bringt, fängt Maylis de Kerangal hervorragend ein.

So wird die Synchronsprecherin selber zur Ermittlerin gleich der Filme, die sie vertont. Sie findet sich in Gespräch mit Offiziellen der Polizei wieder und nimmt passenderweise die Fährte des Toten in einem Kino auf, in dem sich der Tote vor seinem Exitus offenbar einen Film ansah. Diese Ermittlungen kommen ihr unverhofft nahe, denn je weiter sie sich in das Leben des Toten einfühlt, umso mehr wird sie auch in ihre eigene Vergangenheit gesogen.

Aus dieser Gemengelage entsteht ein hochreflexives Werk, mit der Maylis de Kerangal eine normannische Version von Patrick Modianos erinnerungsgetränkten Paris-Spazierromanen abliefert, was zugleich auch an Percival Everetts Erschütterung erinnert, wo ebenfalls ein unverhoffter Zettel mit einer Notiz den Alltag eines unbescholtenen Mannes durcheinanderwirbelt und diesen schließlich zum handelnden Ermittler macht.

Doch nicht nur die Handlung macht de Kerangals Roman aus, auch viele weitere Aspekte tragen zum gelungenen Charakter des Buchs bei. So ist Brandung neben seinem leichten kriminalliterarischen Einschlag um die Ermittlung der Identität des Toten auch ein literarisches Stadtporträt Le Havres, das sorgfältig gearbeitet und mit vielen Themen klug durchsetzt ist.

Erzählerischer Rhythmus wie ein Wellenschlag

Die in den ersten Sätzen benannten und ausgebreiteten Gegenstände in der Tasche der Erzählerin, sie haben auf den letzten Seiten des Romans noch einmal ihren Aufritt. Auch fließt die Architektur stark in den Roman ein, was sich unter anderem im Aufgreifen von Architekten wie dem eben schon erwähnten Louis Kahn oder Oscar Niemeyer äußert — Brandung steckt so voller Details, die auch eine zweite Lektüre reizvoll machen.

Neben diesen thematischen Raffinessen besticht Brandung aber auch durch seine sprachliche Kraft und den Rhythmus. Es sind häufig lang gebaute Satzperioden, wie der eingangs zitierte Auftakt zur Geschichte. Sie sind es, die das Tempo des Erzählens bestimmen und die wie die Wellen an die Molen Le Havres schlagen (Übersetzung durch Andrea Spingler).

All diese Elemente machen aus Maylis de Kerangal ein wunderbar komponiertes Buch um Erinnerung und Ermittlung, das Le Havre und dessen manchmal so brutalistischer Architektur und Rauheit ein literarisches Denkmal setzt und das die genaue Lektüre belohnt!


  • Maylis de Kerangal – Brandung
  • Aus dem Französischen von Andrea Spingler
  • ISBN 978-3-518-43278-5 (Suhrkamp)
  • 238 Seiten. Preis: 25,00 €

Thomas Hettche – Liebe

Langmütig ist sie und freundlich, sie eifert nicht, treibt nicht Mutwillen und bläht sich nicht auf. So definiert die Liebe zumindest der berühmte Korintherbrief, hier zitiert nach der Einheitsübersetzung nach Martin Luther. Und doch ist diese Definition nur eine unter vielen. Thomas Hettche versucht sich in seinem neuen Roman Liebe ebenfalls am Versuch, ein Gefühl in Worte zu bannen. Kann das gutgehen?


Liebesgeschichten gibt es mindestens so viele, wie es auch Definitionen für die Liebe gibt. Auch Thomas Hettches Buch ist voll von ihnen, mal zitiert er indirekt Biblisches und dann wieder direkt Poetisches, nämlich die berühmten Zeilen von Erich Fried: Es ist, was es ist. Auch der Auftakt zu seinem Roman versucht sich in einer philologischen Betrachtung der Liebe und ihrer sprachlichen Besonderheit.

Liebe ist eines jener seltenen Wörter, die uns auffordern zu tun, was sie bezeichnen.

Thomas Hettche – Liebe, S. 5

Aber was ist es denn nur mit der Liebe? Nach Hettches Roman ist man auch nicht schlauer, wenngleich er Anschauungsunterricht in Sachen intensiver Liebe erteilt.

Bei ihm ist es der Ocularist Max, der wie schon zuvor schon sein Vater im Institut für künstliche Augen mit großer Kunstfertigkeit jene Glaskörper formt, die dann blinden Menschen in ihre Augenhöhlen eingesetzt werden, auf dass sie zumindest den Anschein einer Sehfähigkeit vermitteln.

Max drehte die kleine weiße Glaskugel vor sich auf dem Arbeitstisch in der fauchenden Flamme. Das Menschenaugenglas wird seit über hundert Jahren im Thüringer Wald in Form kleiner Röhrchen hergestellt, ein bläulich schimmerndes Glas, dem man Kryolith beimischt, was es weicher macht und den Schmelzpunkt verringert. Max hatte es über dem Bunsenbrenner geschmolzen, ein Ende mit den Lippen umschlossen und vorsichtig hineingeblasen, bis die Kugel sich gebildet hatte. Nach und nach griff er jetzt die bunten Glasstäbe vom Tisch, die aussahen wie lange bunte Bleistiftminen, und schmolz die Iris als feines Glasgespinst in den Augapfel, blau, braun, mit hellen Sprenkeln, dunklen Pünktchen, einem leuchtenden Kranz, schließlich als schwarzer Glastropfen die Pupille, anschließend die Äderchen aus hauchfeinen gelben und roten Fäden und zuletzt aus durchsichtigem Kristallglas die Hornhaut.

Thomas Hettche, Liebe, S. 14 f.

Ein Augenmacher, blind vor Liebe

Thomas Hettche - Liebe (Cover)

Dass man aber auch als kunstfertiger Spezialist für Augen förmlich blind werden kann, das erfährt der in Trennung lebende Max mit einer Heftigkeit, die ihn selbst am meisten überrascht. Als Gast eines Sommerfestes am Saaler Bodden lernt er im Dunkel der Nacht eine Frau kennen, die ihn nicht mehr loslässt und ihn, ja, blind vor Liebe werden lässt.

In Chats kommunizieren sie und das Verlangen wächst, ehe sie sich das erste Mal nach dem Sommerfest begegnen können. Das Sich-Sehen ist bei ihnen alles andere als leicht, schließlich ist Anna mit einem Notar verheiratet und kann sich nur mit Aufwand Zeit abseits von diesem ermöglichen. Diese geheimen Treffen sind dann aber umso intensiver. Mal auf Hiddensee, mal zwischen den Buden eines Weihnachtsmarkt finden ihre Treffen statt, bei denen beide kaum das Bett verlassen, ehe man sich wieder trennen muss, bis sich wieder ein neues Zeitfenster öffnet.
So beginnt im fortgeschrittenen Alter eine leidenschaftliche Affäre, die in Max aber auch den Wunsch nach mehr weckt…

Chronologisch arbeitet sich Thomas Hettche durch diese Liebesgeschichte hindurch, die immer wieder von eingeschobenen Chats unterbrochen wird. Intensives Begehren, Sehnsucht, aber auch die Neigung, sich im Rausch der Hormone der Lächerlichkeit preiszugeben, all das konjugiert auch seine Liebesgeschichte durch.

Die Liebe in Literatur, Philosophie, Poesie, Kunst und Musik

Dabei zitiert der preisgekrönte Schriftsteller munter neben der schon erwähnten Literatur und Poesie auch aus der Philosophie (Hegel), der Kunst (Caravaggios Amor als Sieger) und der Musik (Jaques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen). Vor allem letzteres Kunstwerk weist überdeutlich auf eine Fährte, die schon der Beruf von Max legt. Leere Augenhöhlen und künstliche Augen, das ist doch E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, der darin von dem Wahn und der Liebe Nathanaels zu Olimpia erzählt.
Jene Olimpia, die sich später als Phantasmagorie erweisen wird, bekommt auch in Offenbachs Bearbeitung des Hoffmann-Stoffes eine eigene Arie, die wiederum Max und Anna in einer Theateraufführung erleben.

Auch Max‘ Beruf um die Erschaffung künstlicher Augen ist gewissermaßen mit dem Stoff verbunden. So weist der Wetterglashändler Giuseppe Coppola mit dem Ruf nach den „Schönen Augen“ auf sein Angebot hin, das eigentlich auch Max‘ Slogan im Institut für Künstliche Augen sein könnte.
Nicht zuletzt ist es auch der Schauder, den Max bei einer Begegnung in seiner Werkstatt verspürt, den auch E. T. A. Hoffmanns Werk aus der schwarzen Seite der Romantik kennzeichnet. Das Gefühl des Unheimlichen hält in einer kurzen Begegnung Einzug, wird dann aber nicht weiter ausgedeutet.

Viel weiter als ein Spiel mit diesen Motiven geht die Deutung der dunklen Hoffmann’schen Erzählwelt in Hettches Roman —zumindest für mich — aber erkennbar nicht. Später bricht Corona über die Welt herein, die Belastungen und Chancen einer Liebe gegen Widrigkeiten werden angedeutet, der unter verschiedenen Umständen geführte Dialog zwischen zwei Seelen durchzieht das Buch, dann gibt es wieder höchst explizite Beschreibungen des Liebeslebens der beiden, was alles für sich genommen auch sprachlich durchaus interessant gemacht ist.

In seiner Mischung aus Motiven und Versatzstücken der Kunst ist das Ganze aber zu unentschlossen, um wirklich überzeugen zu können.


  • Thomas Hettche – Liebe
  • ISBN 978-3-462-00204-1
  • 176 Seiten. Preis: 22,00 €

Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung

Es gibt näherliegende Orte, um über die Bauernkriege zu forschen, als der Ort, an dem in Achim Stegmüllers Roman Der Prozess der Modernisierung alles seinen Ausgang nimmt. Ausgerechnet in Japan wird der Erzähler von einem Professor mit der Aufgabe betraut, Forschungsansätze für eine Konferenz über das Thema zu entwickeln.
Das Ergebnis des Ganzen ist eine Art Flaneurroman, mit dem sich der Erzähler durch Zeit und Raum bewegt.


„Die juristische Fakultät plant ein Symposium: Europa auf dem Weg zu den Menschenrechten. 500 Jahre Bauernkriege. Es gibt verschiedene Titel- und Konzeptvorschläge. Wir anderen Fakultäten sind eingeladen, uns zu beteiligen, je größer und bedeutender das Symposium, desto besser für die Universität, desto besser die Aussichten auf Förderungen.
Im jetzigen Stadium geht es um die konzeptuellen Grundlagen. Ich erwäge, dass auch wir uns beteiligen. Ich möchte, dass du für die eventuelle Organisation und Durchführung einer solchen Konferenz vorbereitet sein wirst.“
Dann ging er durch den langen Gang davon. Alles wird dunkel.

Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung, S. 8

Er, der den Erzähler in Achim Stegmüllers Roman auf den ersten Seiten so überfällt, ist Professor Kobayashi. Dieser lehrt an der Universität von Kyoto und hat den Erzähler seiner befreundeten deutschen Kollegin abgenommen, damit dieser vielleicht in der Ferne zur Vollendung seiner akademischen Arbeit fände.

Tatsächlich verbringt der Erzähler, der mit seinem Auto Achim Stegmüller die Tätigkeit an der Universität in Kyoto teilt, seine Tage mit Deutschunterricht für semiinteressierte Student*innen, die in seinen Kursen Creditpunkte sammeln sollen. Der Forschungsauftrag für den Professor verheißt da Abwechslung im universitären Alltag der Lehre, da es nun an die Forschung geht.

Obschon die Universitätsbibliothek mit ihren Beständen zum Thema des Bauernkriegs im fernen Deutschland besticht, treten der Erzähler und sein Professor alsbald selbst die Reise nach Deutschland an, um vor Ort zu Thomas Müntzer, den 1525 entstandenen Zwölf Artikeln von Memmingen und der Kunst des in die Bauernkriege involvierten Tilmann Riemenschneider nahe Würzburg zu recherchieren.

Würzburg, Kyoto, Münnerstadt

Achim Stegmüller - Der Prozess der Modernisierung (Cover)

Was folgt, ist ein Text, der Elemente des Flaneurromans mit denen des Campusromans verschmilzt. Während sich Wendy, die Kollegin des Erzählers, vor Ort in eine Fehde mit der Universität für mehr berufliche Gleichberechtigung und Anerkennung stürzt und auch den Erzähler gerne an ihrer Seite sähe, entweicht dieser lieber mit seinem Professor, um sich auf eine Tour d’Horizon durch Deutschland zu machen.

Somit stehen statt Wendys Kämpfen mit dem Universitätsapparat in Japan für den Erzähler erst einmal die historischen Kämpfen der Bauernhaufen in Europa an. Gemeinsam folgen Professor und Famulus den Spuren, die diese Bauernheere beziehungsweise Haufen in der Geschichte und Landschaft hinterlassen haben.

Der Erzähler wandelt so auf den Spuren der zentralen Protagonisten der Bauernkriege, bricht auf ins unterfränkische Münnerstadt, wo sich der sogenannte Magdalenenretabel, ein vom Künstler Tilmann Riemenschneider erschaffener Altar mit der Himmelfahrt Mariens befindet. Schwimmen in sommerlichen Seen, Diskussionen mit Professor Kobayashi und ein Ausflug nach Frankenhausen schließen sich an.

Dort in Thüringen war der heute etwas in Vergessenheit geratene Thomas Müntzer mit seinem Heer von Aufständischen von den Truppen des Fürstenheers erst geschlagen und dann enthauptet worden. Der Umgang mit der Figur Thomas Müntzers in der ehemaligen DDR spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Kunst Bruegels und den Wechselbeziehungen zwischen der Historie und der Gegenwart des Erzählers, der sich in ganz eigenen Kämpfen wiederfindet.

Locker verknüpft Achim Stegmüller dabei Gedanken und Geschichte, Kunst und Kyotoer Universitätskämpfe zu einem schwebenden Text, der eine Brücke schlägt zwischen den einstigen Ereignissen, als die „Haufen“ durch die Lande zogen und der Gegenwart, in der er mit Professor Kobayashi ebenfalls die Orte bereist, die damals die Geschichte des Landes beeinflussten.

Fazit

Der Prozess der Modernisierung ist ein Roman, der sich ebenso wie sein Titel einer eindeutigen Kategorisierung entzieht. Mit Schauplätzen in Japan wie auch in Deutschland, einer Handlung in der Gegenwart, die der Zeit vor 500 Jahren nachspürt und einem durch die Gedanken und Historie flanierenden Erzähler gelingt ihm ein interessantes Stück Literatur, dass trotz einiger Unsauberkeiten im Lektorat (etwa bei eigentümlichen Schreibweisen wie peux a peux oder synkron) einen ganz eigenen Rhythmus und Ton entfaltet und damit besticht.

Mit Achim Stegmüllers Roman gelingt dem unabhängigen Gans-Verlag ein interessantes Buch, dem man fast eine Veröffentlichung im letzten Jahr gewünscht hätte, in dem das öffentliche Interesse für sein Thema eingedenk des fünfhundertjährigen Jubiläums der Bauernkriege und der Zwölf Artikel von Memmingen erstarkte.

Nichtsdestotrotz funktioniert sein Buch ja auch unabhängig von solchen Jubiläen und ist einen Blick und vor allem eine Lektüre wert!


  • Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung
  • ISBN 978-3-946392-83-5 (Gans Verlag)
  • 180 Seiten. Preis: 22,00 €