Sierra Greer – Annie Robot

Wie fühlt sich eigentlich eine Maschine? Sierra Greer zeigt es uns in ihrem Roman Annie Robot und beschert damit nicht nur dem Liebeskind-Verlag ein fulminantes Comeback, sondern legt auch eine der bislang klügsten Auseinandersetzung in Sachen Künstlicher Intelligenz und menschlichem Verhalten vor.


Zwei Jahre dauerte die Pause, die uns der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag zugemutet hat. Verabschiedete man sich vor im Frühjahr 2024 mit Elmore Leonards Western Letztes Gefecht am Saber River in ein Sabbatical, so ist diese Pause nun vorbei.
Wie gut das Comeback des Verlags dem deutschen Buchmarkt nach dieser Zeit tut, das stellt das Buch eindrücklich unter Beweis, mit dem sich Liebeskind nun zurückmeldet.

Annie Robot ist das literarische Debüt der US-Amerikanerin Sierra Greer, die zuvor unter ihrem eigentlichen Namen Caragh M. O’Brien dystopische Bücher für Jugendliche veröffentlicht hatte. Der erste Ausflug ins Genre der „erwachsenen“ Literatur bescherte ihr gleich die Auszeichnung mit dem Arthur C. Clarke-Award, einem prestigeträchtige britischen Literaturpreis, der jährlich für das beste in Großbritannien erschienene Science-Fiction-Werk ausgelobt wird.

Erste Preisträgerin dieses Awards im Jahr 1987 war keine Geringere als Margaret Atwood, die für ihren visionären Weitwurf Der Report der Magd den Preis erhielt. Sierra Greer hat mit der kanadischen Autorin nun nicht nur den Gewinn des Preises, sondern auch das Thema weiblicher Unterdrückung in einer patriarchalen Welt der Zukunft gemein.

Ein Roboter nach den Wünschen des Besitzers

Sierra Greer - Annie Robot (Cover)

Bei Greer ist es allerdings keine wirklich lebendige Frau, aus deren Sicht die Erzählung erzählt wird. Denn Annie ist ein Roboter, und zwar einer der neuesten Generation. Rein äußerlich ist sie nicht von Menschen zu unterscheiden und kann bei der Wartung immer wieder neu nach den Wünschen des Besitzers optimiert werden.

Größere Brüste oder weniger Kilos auf den Rippen? Etwas schlauere Ansprache oder ein naiver Charakter? Für den Anbieter der modernen Roboter ist das alles kein Problem.

Ausgestattet ist Annie mit Künstlicher Intelligenz, die ihr das Lernen und frühzeitige Erkennen der Bedürfnisse ihres Besitzers ermöglicht. Wahlweise im Kuschelhasen-Modus ansteuerbar widersetzt sich der Roboter keinen Wünschen und ist außerhalb seiner Ladezeit immer für den Menschen da.

Doch wie sieht es im Inneren eines solchen Roboters aus, der nur auf die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen wie Sex und Haushalt in Form von Putzen und Kochen ausgelegt ist, der aber dank seiner autodidaktischen Funktion dazulernt? Wie denkt solch ein selbst lernender Roboter, der sich seine Umwelt immer weiter erschließt und durchdringt, während das menschliche Verhalten seines Besitzers immer wieder Rätsel aufgibt?

„Sag mir eins“, sagt er. „Hast du dich gestern Abend wohlgefühlt? Und heute Morgen unter der Dusche?“
Das hat sie, abgesehen von ihrer Unsicherheit und Scham. Sie nickt.
„Ich auch“, sagt er. Er atmet langsam ein und dreht ihre Hand zärtlich in seiner. „Ich möchte, dass wir etwas ausprobieren. Ich sage nicht, dass wir die Vergangenheit vergessen müssen, aber ich möchte nicht mehr darüber nachdenken. Sie muss uns nicht beherrschen. Du wirst mich nicht mehr anlügen oder Geheimnisse vor mir haben. Das ist doch das Wichtigste, oder?“
Sie unterdrückt einen Anflug von Panik. Sie hat bereits Geheimnisse. Gedanken, die sie für sich behält. „Stimmt“, sagt sie.
„Dann verdienen wir es, glücklich zu sein. Guten Sex zu haben. Ein bisschen Spaß.“
„Das fände ich schön.“
„Ich auch“, sagt er mit einem schwachen Lächeln. „Wir versuchen beide, anständige Menschen zu sein. Mal sehen, wohin uns das führt. Okay?“

Sierra Greer – Annie Robot,

Annie ein Mensch? Liest man Sierra Greer stets aus der Außenperspektive geschilderten Roman, ist man doch ganz tief drin in der Gefühlswelt der Maschine, die vielleicht doch die menschlichere im Vergleich zu ihrem Besitzer ist.

Was denkt die Maschine?

Wie denkt und fühlt die Maschine? Was beschäftigt eine Künstliche Intelligenz in Menschenform? Wer Annie Robot liest, der versteht es.

Fragte sich der Visionär Philip K. Dick im Titel seines später von Ridley Scott als Blade Runner verfilmten Buchs Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, so gibt Sierra Greer zwar keine Antwort, führt aber Dicks Idee weiter.

War es bei Dick die Empathie, die Mensch und Maschine unterscheidet, so ist die Technik nun zur perfekten Simulation von Empathie in der Lage, passt sich der Stimmungslage der Besitzer an und ist auch optisch nicht mehr vom Rest der Welt zu unterscheiden. Was ist es dann, das uns zu Menschen macht und uns von den Androiden unterscheidet?

Mit diesen bedenkenswerten Fragen von philosophischer Tiefe verortet sich Sierra Greers Roman inmitten der Gegenwart, in der über die Chancen und Gefahren Künstlicher Intelligenz und deren emotionale Implikationen diskutiert wird.
Zugleich geht Annie Robot aber noch einige Schritte weiter, indem ihr Roman nicht nur Fragen der Technik verhandelt, sondern auch viele weitere gesellschaftliche Reibungspunkte besieht (übersetzt von Stefanie Schäfer).

Zwischen toxischer Männlichkeit und technischer Wunscherfüllung

Annie Robot liefert Impulse für die Themen toxischer Männlichkeit und dem Rückbau feministischer Errungenschaften in der Gesellschaft (womit man wieder bei Atwoods Der Report der Magd wäre). Wohin geraten wir, wenn sich die Tech-Bros des Silicon Valley mit ihrer Hypermännlichkeit durchsetzen und die technischen Lösungen liefern, die die Rolle der Frau in der Gesellschaft weiter zurückdrängen? Was geschieht mit einer Welt, in der sich Männer ihre „Frauen“ so bauen, wie es ihnen beliebt?

Nicht zufällig begegnet Annie und ihrem Besitzer Doug bei einem Ausflug in den Park im Roman dann auch folgendes Musikstück:

Bei ihrem nächsten Ausflug gibt Doug ihr Paunch mit, und das hilft. Es ist ein windiger Abend, und sie macht einen Rundgang um einen großen See, während Doug sie vom Pavillon aus beobachtet. Sie trägt einen kurzen Rock, ein blaues Neckholder-Top und rote Sandalen und fühlt sich immer noch etwas unsicher, aber sie merkt, dass die meisten Leute sie ignorieren und die wenigen, die sie beachten, sie gleichgültig oder bewundernd ansehen. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf Paunch und die anderen Hundehalter. Als sie zu Doug zurückkehr, ist sie etwas außer Atem.
„Gut gemacht“, sagt er.
„Danke.“
Er nimmt Paunchs Leine. „Dein Gang war gut, aber du hast zu viel gelächelt. Du sollst nicht zu freundlich wirken.“
„Ich arbeite daran.“

Sie gehen gemeinsam weiter, während der Hund vor ihnen herschnüffelt. Sie kommen an ein paar Mädchen im Teenageralter vorbei, die für Selfies posieren, und Annie hört eine von ihnen sagen: „Ich sehe so aufgebläht aus.“ An der Ecke spielt ein Mann einen gefühlvollen Song auf dem Saxophon.
„Ich kenne dieses Lied“, sagt Doug. „Meine Großmutter hatte eine Spieluhr mit dieser Melodie.“ Er denkt einen Moment nach. „Es geht um eine Straße, aus My Fair Lady.“

Sierra Greer – Annie Robot

Jenes Musiktheater über die gesellschaftliche Formung des Blumenmädchens Eliza Doolittle als Wettstreit zweier Männer basiert ja bekanntermaßen auf dem Theaterstück von Georg Bernard Shaw, in dem dieser den alten Pygmalion-Mythos bearbeitet.

Die Herausbildung einer Frau allein nach dem männlichen Blick, ihre Formung und die dabei völlig vernachlässigte Perspektive der Frau, Sierra Greer schreibt mit Annie Robot auch diesen Mythos fort und in unsere Gegenwart hinein.

Fazit

Was macht die Maschine zur Maschine und wohin geraten wir, wenn man sich seine Frau wirklich nach den eigenen Wünschen bauen kann? Sierra Greer liefert mit Annie Robot eine ebenso unterhaltsame wie intelligente Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen unserer Gegenwart.
Dieser Roman weist weit hinaus über reine Science Fiction und ist reichhaltige Geistesnahrung, wie wir sie vom Liebeskind-Verlag gewohnt sind und viel zu lange darauf verzichten mussten. Gut, dass es nun weitergeht!


  • Sierra Greer – Annie Robot
  • Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
  • ISBN 978-3-95438-181-4 (Liebeskind)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €

Das Deutscher Buchpreis-Lotto 2026

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Eine Jury, die aus den üblichen Branchenvertretern zusammengesetzt ist und die versucht, den Roman des Jahres zu küren. Jedes Jahr eine sich immer mehr ins Influencerhafte verschiebende Riege an digitalen Stimmen, die den Buchpreis begleiten – und wie jedes Jahr natürlich auch mein Tippspiel, wie gewohnt höchst subjektiv und mindestens ebenso fehlbar.

Gewissheit wird erst der 11. August bringen, denn dann wird die Liste von der Jury offiziell bekanntgegeben. Bis dahin gibt es diese zwanzig Tipps von mir. Bücher, die ich erwarte, die ich gerne auf der Liste sähe oder die manchmal auch nur ein Gefühl ihrer Nominierungswürdigkeit bei mir auslösten, alles bunt gemischt und damit das Gegenteil des extrem trostlosen Logos des diesjährigen Buchpreises, kurzum: mein Lotto in Sachen Deutscher Buchpreis 2026!

  • Elias Hirschl – Schleifen
  • Oliwia Hälterlein – Wir Töchter
  • Leh-Wei Liao – Glaszeit
  • Tomer Gardi – Liefern
  • Nadine Schneider – Das gute Leben
  • Yade Yasemin Önder – Anti-Müller
  • Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
  • Thea Mengeler – Öffentlicher Nahverkehr
  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • Clemens Böckmann – Das richtige Leben des Alvaro Maderholz
  • Svenja Leiber – Nelka
  • Son Lewandowski – Die Routinen
  • Petra Morsbach – Orion
  • Boris Schumatsky – Die Seine fließt ins Schwarze Meer
  • Annika Büsing – Magisch
  • Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
  • Dana Vowinckel – Anton und Alma
  • Christoph Peters – Entzug
  • Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
  • Muri Darida – King Cobra

Johanna Sebauer – Popóm

Ceci, n’est pas un Popóm. Johanna Sebauer konfrontiert einen recht durchschnittlichen Mann aus heiterem Himmel mit seinem Doppelgänger – und macht aus der tollen Idee leider viel zu wenig.


Mit Johanna Sebauer schreibt sich eine Autorin in die österreichische Literaturgeschichte ein, die sich besonders dem Skurrilen und Außergewöhnlichen verschrieben hat. So erzählte sie in ihrem Debüt Nincshof von einem Dorf in der österreichisch-ungarischen Grenzregion, das kurzerhand verschwinden will und dabei allerlei Anstrengungen unternimmt, um sich von der übrigen Welt abzukapseln. Ein Jahr nach ihrem Debüt nahm sie im Jahr 2024 beim Wettlesen im Rahmen des Bachmannwettbewerbs teil.

Mit ihrem Text Das Gurkerl errang Sebauer den 3sat-Preis sowie den BKS-Bank-Publikumspreis als auch das Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Klagenfurt. Der Biss in eine Essiggurke zeitigt hier ungeahnte Folgen, da dieser zunächst nur einen Spritzer säuerlichen Gurkensafts auslöst, dann aber in großen Turbulenzen münden.

Nachts im Kiosk

Auch Popóm, ihr zweiter Streich in Sachen Roman, weist wieder jene skurrile Ideen auf, die schon jetzt wie ein Markenzeichen des Sebauer’schen Schreibens sind. Da ist Hendrik Popóm, der eines Tages beim abendlichen Einkaufen auf seinen Doppelgänger trifft.

Es war Abend, frühe Nacht. Im Kiosk lief deutscher Rap aus den 90ern, die Bodenfliesen waren frisch gewischt und glänzten noch leicht feucht, ein Mitarbeiter füllte Bier im Kühlschrank nach. Man stimmte sich ein auf die Nachtgestalten, die hier jeden Augenblick einrauschen würden, herdenweise. Ich wanderte durch die Regalreihen, ließ mir Zeit, studierte die Ecke mit den teuren Süßigkeiten aus aller Welt und das Regal mit den verstaubten Weinflaschen. Ich griff nach einer Packung Sonnenblumenkerne, las auf der Rückseite die Produkthinweise in einer mir unbekannten Sprache, schlenderte vorbei an Hygieneprodukten und Fertiggerichten in abenteuerlichen Geschmacksvariationen, mein Kopf nickte sanft zum Beat. Schließlich fand ich Anjas gewünschte Schokolade und die Limo, nahm noch eine Dose gerösteter Pistazien für mich selbst, wollte mich aufmachen Richtung Kasse, doch dann. Direkt vor mir.

Johanna Sebauer – Popóm, S. 5

Er, das ist Hendrik Popóm. Er sieht – obgleich etwas älter als der Ich-Erzähler mit seinen fast 30 Jahren, ähnlich aus wie er und löst in ihm das starke Gefühl von Ähnlichkeit aus. Eine Verfolgung des Unbekannten folgt ebenso wie eine erste Kontaktaufnahme. Immer wieder wird Popóm Popóm begegnen, bis er sogar dessen Zuhause und Arbeitsstelle ausgemacht hat, wo Popóm Pfeifen verkauft.

Das ist natürlich ein schöner Bezug auf René Magritte und dessen Symbolismus, allen voran die berühmte Abbildung einer Pfeife unter dem schönen Titel „Ceci n’est pas une pipe“, die nicht nur Magrittes Bild ziert, sondern auch das Covermotiv des Romans von Johanna Sebauer ziert.

Der doppelte Popóm

Johanna Sebauer - Popóm (Cover)

Aber obschon das Cover Kunst schreit und das eingeführte Doppelgänger-Motiv ja die Kunst- wie auch Literaturgeschichte von Fjodor Dostojewski bis hin zu Theodor Storm prägt, so ist Popóm selbst leider kein allzu überzeugendes Kunstwerk.

Natürlich lädt eine Doppelgängergeschichte immer ein zu Reflektionen: was stimmt, was ist Fantasterei, wer ist der echte Doppelgänger, was erkennt man alles in der Spiegelung des Individuums? Solche Fragen interessieren Johanna Sebauer leider nur peripher. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Beziehungen, die in Hendriks Umfeld enden und neu beginnen.

Seine Freundin trennt sich von ihm, um mit einem griechischen DJ aus Thessaloniki durchzubrennen. Dafür gibt es in seiner Werbeagentur eine neue, recht verschlossene Mitarbeiterin namens Fritzi, die Henriks Interesse weckt und die auf seine außerdienstlichen Angebote von Treffen eingeht. Auch der andere Popóm weckt seine Neugier, bis hin zur Obsession, wenn er diesem nachschleicht oder rennend durch die Straßen der Stadt verfolgt.

Leider ist das alles recht schal und zu keinem Zeitpunkt zwingend. Dass es natürlich ein gutaussehender Südländer mit musikalischem Talent ist, der dem recht schluffigen Hendrik die Partnerin abspenstig macht, dass sich Fritzi als lesbisch herausstellt und in Hendrik nur einen Gesprächspartner sieht, obschon er sich derweil Hoffnung auf deutlich mehr macht, na ja. Es sind zumeist Klischees, die Sebauer aufbietet – und auch aus der Doppelgänger-Idee macht sie recht wenig.

Es plätschert ohne Esprit dahin

Nicht nur, dass das Umfeld von Hendrik die Ähnlichkeit zu seinem Doppelgänger Popóm recht kaltlässt, auch entwickelt die Geschichte keinerlei spannende Ideen oder neue Erzählansätze.
Man hängt ab im Pfeifengeschäft des anderen Popóms, dieser entwickelt sprachliche Eigenheiten und zwischen missinterpretierten Dates am verstaubten Sushi-Förderband und Wohnungseinzug plätschert die Handlung vor sich hin und verärgert ob des nicht genutzten Potenzials.

Selbst die Dialoge, die Johanna Sebauer aus dem übrigen Text ausgegliedert hat, plätschern ohne Esprit dahin. Dass die Sprache keinen besonderen Sound oder gar Drive entwickelt, fügt sich ins restliche Bild ein.
Zwar gibt es ein paar schöne Austriazismen wie das Adjektiv „patschert“, sonst aber bietet Popóm sprachlich wenig auf, das das Buch besonders oder gar erinnerungswürdig machen würde.
Kein literarisches Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv, kein besonderer Sprachrhythmus oder Klang, der die Literatur aus Österreich sonst gerne einmal kennzeichnet. Die weltbilderschütternde Schlag, sich plötzlich selbst gegenüberzustehen und sich in einem anderen zu erkennen, er ist nur im perkussiven Po-Póm im Nachnamen ihres Helden angelegt, im Buch vernimmt man ihn leider kaum.

Das ist ausnehmend schade, denn die Anlage von Popóm böte ja durchaus die Möglichkeit, auf den Spuren großer Literaten und Künstler zu wandern. So ist das Präsentierte leider deutlich zu wenig, als dass es in irgendeiner Form überzeugen könnte.

Ganz anders sieht das beispielsweise der Literaturkritiker Carsten Otte. Er bescheinigt Johanna Sebauer mit ihrem Popóm in seiner Kritik ein „humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang“.


  • Johanna Sebauer – Popóm
  • ISBN 978-3-7558-0079-8 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €

Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen

Mit Von Göttern und Menschen wandelt Sarah Iles Johnston auf den Spuren von Gustav Schwab und Co. und liefert das, was der Untertitel des Buchs schon verheißt. Sie erzählt bekannte Mythen in leicht verdaulicher Form für die Gegenwart nach und schlägt dabei den Bogen von der Erschaffung der göttlichen Welt bis hin zur Odyssee.


Wenn es eine Form der Erzählung gibt, die nie aus der Mode zu kommen scheint, dann sind es Mythen und Sagen. Schon seit antiken Zeiten erfreuen sie sich größter Beliebtheit, wurden immer wieder umgeformt und neu interpretiert. Auch Sarah Iles Johnston weist in ihrem Buch Von Göttern und Menschen schon im Vorwort auf die Unvergänglichkeit dieses mythologischen Schatzes hin.

Was fasziniert uns – und früher die Griechen – so an diesen Geschichten? Ein Grund ist sicher ihre bedeutende kulturelle und soziale Leistung. Mythen erklären und bestätigen die Ursprünge wichtiger Institutionen wie etwa das Rechtssystems in Athen. Sie helfen, Verhaltensregeln zu vermitteln, etwa die, dass sich Gastgeber und Gäste mit gegenseitiger Ehrerbietung behandeln. König Lykaon hielt sich nicht an diese Regel und wurde prompt von Zeus in einen Wolf verwandelt.

Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen, S. 17

Von Göttern, Sterblichen und Helden

Sarah Iles Johnston - Von Göttern und Menschen (Cover)

Ihren Überlegungen zur Bedeutung der Mythen und Sagen lässt sie dann nach dem ausführlichen Vorwort tatsächlich jede Menge dieser Mythen folgen.

Eingeteilt in drei Hauptkapitel widmet sich Johnston zunächst der Welt der Götter, in der sie die mythologische Schaffung der Erde, das Mit- und vielmehr Gegeneinander der einzelnen Götter, Giganten, Erinnyen, Nereiden und Co beschreibt, ehe sie sich dem Spannungsfeld zwischen Göttern und Sterblichen widmet. Den letzten und umfassendsten Teil des Buchs bilden dann die Erzählungen der Helden. Neben bekannten Namen wie Herakles, Theseus oder Ödipus sind es die großen Linien von Krieg und Vertreibung, die Sarah Iles Johnston im dritten Teil nachzeichnet.
So beschreibt die Professorin für klassische Philologie als eines der letzten Großkapitel den Trojanischen Krieg, der dann in die Odyssee übergeht, die den Schluss des Buchs bildet.

Eingeteilt in kleinere Erzählportionen fächert sie so das komplizierte Gefüge von Helden und Göttern auf, die immer wieder ins Geschehen eingreifen, etwa wenn der Meeresgott Poseidon Odysseus die Rückkehr in seine geliebte Heimat verwehrt oder der Wettstreit der Göttinnen den Trojanischen Krieg auslöst.

Es sind kurze Kapitel, die fast durchgängig einen Umfang von vier bis fünf Seiten aufweisen und die dadurch trotz der manchmal recht unübersichtlichen Personenkonstruktionen gut zu konsumieren sind. In den insgesamt 140 Kapiteln finden sich bekannte Motive wie Iason und das Goldene Vlies, die Prüfungen Ödipus‘, Phaeton und sein Sonnenwagen oder der Minotaurus in seinem Labyrinth.
Ebenso lässt sich in Von Göttern und Menschen aber auch viel Neues und Unbekanntes entdecken, wie etwa die Jagd nach dem Kalydonischen Eber durch Meleagros oder die Geschichte der Argonautin Atalante oder die Geschichte der Äpfel der Hesperiden.

Namen wie der von Iphigenie, Orion oder Herakles erhalten hier eine Geschichte, die über die bloße Kenntnis ihrer Namen hinausreicht. Mustergültig listet das beigefügte Register in der Folge auch über dreiundzwanzig Seiten hinweg alle Figuren auf, die in den Geschichten Erwähnung gefunden haben und verweist auf alle Kapitel, in denen sie ihren Auftritt haben Übersetzung aus dem Englischen Heike Schlatterer).

Sagen mit Sinn für Action, Timing und Kontext

Mit Sinn für Action und Timing erzählt Johnston mit einem heutigen Blick von der einstigen Welt, wobei sie eng am philologischen Urmaterial bleibt, was auch die umfangreichen Quellen und Erläuterungen im Anhang des Buchs belegen.
Die Professorin erlaubt sich aber auch einen kritischen Blick auf Themen wie Vergewaltigung oder Misogynie, die untrennbarerer Teil vieler Sagen sind, die von ihr kontextualisiert, aber nicht ausgespart werden.

Gegenwärtig ist auch der Erzählton, der viele Erzählungen rafft oder auf ihren Kern reduziert. Da schreien Figuren schon einmal mit Panik in der Stimme, sind kurz weg oder es findet sich durchaus das ein oder andere Splatterelement in der Neuerzählung.

Überhaupt, manche der von Sarah Iles Johnston nacherzählten Sagen wirken wie Vorläufer zu modernen Action- oder gar Horrorfilmen, etwa die Prüfungen des Theseus, bei der er sich mit wirklich monsterhaften Gegnern herumschlagen muss, die ihn in schon einmal in ihr Zuhause einladen mit dem Plan, diesen während seines Schlafs in einem Bett auf passende Größe zurechtzusägen. Dennoch ist das Ganze nicht krampfhaft in die Jetztzeit geholt, sondern modernisiert das jahrhundertealte Erzählgut auf vorsichtige Art und Weise.

Neben der den Geschichten eingeschriebenen Gewalt und Racheorgien ist aber vor allem die kulturelle Prägekraft der Geschichten stupend. Wie kam das Rote Meer zu seinem Namen, wie ergründen sich die Namen einiger Sternbilder? Liest man die Nacherzählung der Sagen, dann wird klar, wie uns in unseren Vorstellungen auch heute noch diese Sagen prägen.

Fazit

So modernisiert Von Göttern und Menschen den ewig strahlenden Sagenschatz unserer Kultur und blickt zugleich auf die Urmythen, die von Auguste Lechner über Gustav Schwab bis hin zu den TikTok-kompatiblen Nacherzählungen der Mythen, etwa von Madeline Miller oder Referenzen zu diesen wie Game of Thrones nicht aus der Mode kommen und es wohl auch nicht werden, viel zu einflussreich ist die ihnen innewohnende Kraft. Das führt Sarah Iles Johnstons Buch deutlich vor Augen.


  • Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen. Die griechischen Mythen neu erzählt
  • Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
  • ISBN 978-3-406-82709-9 (C. H. Beck)
  • 558 Seiten. Preis: 36,00 €

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies

Ein Kinderwunsch zieht in Ron Rashs Roman Mit einem Fuß im Paradies weite Kreise. Aus verschiedenen Perspektiven blickt der US-amerikanische Autor auf das Geschehen im ländlichen South Carolina, das aus dem Sehnen nach einem Kind erwächst und erweist sich dabei einmal mehr als Spezialist für zwischenmenschliche Abgründe


Vor zwei Jahren stellte der im fränkischen Cadolzburg beheimatete Ars Vivendi-Verlag mit Ron Rash wieder einmal seinen Spürsinn für erzählerische Talente und gute Bücher unter Beweis. Der Friedhofswärter hieß das Buch, das ein schon fast shakespeare’sches Geflecht von Liebe, Lüge und Täuschung aufbot und von einem jungen Paar erzählte, das durch die Intrige seiner Eltern auseinandergebracht werden sollte.

Damit erschloss der unabhängige Verlag Ron Rash erstmals für den deutschen Buchmarkt und erhielt dafür einiges an Aufmerksamkeit. Nun setzt der Verlag diese Arbeit fort und präsentiert mit Mit einem Fuß im Paradies ein Frühwerk, genauer gesagt das Debüt des 1953 geborenen Autors und Universitätsprofessors.
One foot in eden stammt aus dem Jahr 2002 und liegt nun erstmals in der Übersetzung von Gottfried Röckelein vor (wofür sich der Verlag nun löblicherweise dafür entschieden hat, auch den Übersetzer prominent auf dem Cover auszuweisen).

Ein Vermisster in South Carolina

Ron Rash - Mit einem Fuß im Paradies (Cover)

Obgleich Rash sein Debüt diesmal in South Carolina statt in North Carolina (wie im Fall des vor zwei Jahren erschienenen Friedhofswärters) spielen lässt, sind es auch hier die 1950er Jahre, die den zeitlichen Rahmen der Geschichte bilden. Und auch der Erzählansatz den Rash später weiter verfolgen sollte, ist hier schon angelegt. Verschiedene Ich-Erzähler blicken nacheinander auf das Geschehen und ergeben so allmählich das erzählerische Ganze, das tief in zwischenmenschliche Abgründe blickt.

Alles beginnt mit einer Vermisstenanzeige, die den Bezirkssheriff Will Alexander erreicht. So ist Holland Winchester verschwunden, der sich in der Gegend schon einen Ruf als Quertreiber erarbeitet hat.
Für Sheriff Alexander ist der Fall klar: Winchester muss vom Farmer Billy Holcombe ermordet worden sein, denn dessen Frau hatte ein Affäre mit Winchester. Dass Winchester und nicht Billy Holcombe der Vater des gemeinsame Kind des Farmerpaars ist, es ist ein offenes Geheimnis und wäre ein gutes Motiv, das hinter dem Verschwinden Winchesters stecken könnte.
So macht sich der Sherriff auf die Suche nach dem Vermissten, der eigentlich nur tot sein kann.

Mord aus Eifersucht, Billy, das hätte deine Verteidigungsstrategie sein können, dachte ich und folgte ihm durchs seichte Wasser. Du hättest gestern zu mir ins Büro kommen, dich stellen und mit offen und ehrlich alles über Holland und deine Frau sagen sollen. Dann wärst du wahrscheinlich noch glimpflich mit einem „Verbrechen aus Leidenschaft“ davongekommen, Billy, auch wenn es ein Kriegsheld war, den du umgebracht hast. Aber jetzt hast du es vermasselt. Du hast dein Verbrechen vertuscht. Und nun sieht alles nach Planung aus, nach Vorsatz.

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies, S. 47

Ein Mord ohne Leiche

Bei der Suche nach dem Vermissten gibt es allerdings nur ein Problem – Holland ist nicht aufzufinden, weder als Lebender noch als Toter. Zwar weisen alle Indizien auf die Ermordung Winchesters hin, aber weder eine Durchsuchung des Flusses noch eine Suche in den umliegenden Wäldern und Feldern führt zu einem Ergebnis. So steht der Sheriff vor einem Problem: keine Leiche, keine Mordermittlung und auch kein Prozess.

Während sich der Sheriff in die Suche nach Winchesters Leiche verbeißt, blickt Ron Rash derweil dann aus den Augen des Farmers und später auch seiner Frau auf das Geschehen, das im Verschwinden des Quertreibers mündete. Dabei fügt sich Strich für Strich zu einem Bild von Enttäuschung, von unerfüllten Kinderwünschen und einer Dorfgemeinschaft zusammen, in der viele viel zu viel voneinander wissen, und das Entscheidende dann doch unausgesprochen bleibt.

Alle Ich-Erzähler blicken aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das gleiche Geschehen und schaffen es trotz viel Gemeinsamkeiten nicht, zu einem förderlichen Miteinander zu kommen. Weit stehen der Farmer, seine Frau und der ermittelnde Sherriff vor der eindrucksvoll geschilderten Weite der Natur auseinander. Mit ihrem Handeln setzen sie alle den letzten Satz des Romans eindrucksvoll in die Tat um: Dies war ein Ort für die Verlorenen.

Untiefen in verschiedenen Formen

Von dieser Verlorenheit, dem Unausgesprochenen und dem Willen einer physischen Lösung für psychologische Bedürfnisse erzählt Rash anschaulich. In Mit einem Fuß im Paradies wird eben nicht nur der Fluss mit seinen Untiefen durchsucht, sondern auch der Autor lotet die Untiefen in den zwischenmenschlichen Beziehungen aus.
Dabei kommt auch wieder sein Talent für die Inszenierung des Schauplatzes zum Tragen. Die von Dürre geplagten Landschaft, die Schönheit der Natur, die Gefahr, aber auch die Unbeschwertheit, die sie bieten kann, all das fängt sein Buch bravourös ein.

Einmal hatten Travis und ich als Kinder im Wolf Creek geangelt. Es war Oktober gewesen, die Zeit, wenn die Süßwasserforellen zum Laichen in die Bäche schwimmen. Wir hatten am Creek-Zufluss gleich zwei Forellen gefangen, stattliche Männchen mit hakenförmigen Kiefern, deren Flecken an beiden Seiten leuchteten und groß waren wie Stechpalmenbeeren. Travis und ich hatten uns den Bach hinaufgearbeitet und unsere schweren Fischgalgen hinter uns hergezogen. Eine Untiefe noch, dann machen wir kehrt, hatten wir uns immer wieder vorgenommen, da wir wussten, wer an der Quelle dieses Baches lebte. Aber Fische zu fangen war einfach zu schön. Also machten wir weiter.

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies, S. 59

Fazit

Schon dieses Debüt zeigt einen genauen Beobachter, der weiß, dass im Spannungsfeld zwischen den Menschen und ihren Wünschen die interessantesten Geschichten entstehen. Mit einem Fuß im Paradies ist ein starkes Buch, das anschaulich illustriert, welche großen Folgen aus einem kleinen Kinderwunsch erwachsen können. Dieses Werk macht Lust auf weitere Übersetzungen des US-Amerikaners.

Und tatsächlich gäbe es da noch einiges zu entdecken. Mit Kurzgeschichten, Lyrik und weitere sechs unübersetzte Romanen ist das übrige Oeuvre von Ron Rash tatsächlich noch äußerst reichhaltig und bietet sicherlich noch einige Glanzlichter auf. Das lässt sich nach nun zwei Proben aus dem Werk des US-Amerikaners auf alle Fälle sagen.

Es wäre dem Ars Vivendi-Verlag zu wünschen, dass sich die beharrliche Arbeit in Sachen Autorenförderung dann auch weiter auszahlt!


  • Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
  • ISBN 978-3-7472-0766-6 (Ars Vivendi)
  • 252 Seiten. Preis: 24,00 €