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Stuart MacBride – Der Totenmacher

Stuart MacBride ist ein schriftstellerisches Sadist – anders ist seine Vorliebe für die Besetzung seiner Krimis nicht zu erklären. Stets begegnet man in seinen Büchern Figuren, die das Schicksal und die Vorgesetzten auf dem Kieker haben. Nackenschlag folgt auf Nackenschlag – und wenn man glaubt, dass es nicht schlimmer geht, dann baut MacBride doch wieder ein Fettnäpfchen auf, in das er seine Figuren tappen lässt. So lässt er in regelmäßigen Abständen seinen Detective Sergeant Logan MacRae durch Schottland stolpern (das Verb ermitteln trifft es immer nicht so ganz) – und nun hat er eine neue Figur ersonnen, die MacBride durch ein ganzes Buch hindurch piesackt: die Rede ist von Detective Constable Callum McGregor.

Dieser versieht im schottischen Oldcastle seinen Dienst inmitten einer Gruppe, die sich selbst als Paria bezeichnen. Ausgestoßene und entsorgte Kollegen, die mal die Kollegen ans Messer geliefert haben, mal bei einem Autorennen verletzt wurden. Auch Callum fügt sich nahtlos in diese Truppe ein, wird ihm doch vorgeworfen, willentlich für einen Gangster einen Tatort kontaminiert zu haben. In der Folge wurden die polizeilichen Ergebnisse angefochten und der Gangster kam auf freien Fuß. Beständig wird ihm von Vorgesetzten und Kollegen dieses Versagen vorgehalten – dabei möchte McGregor doch einfach seinen Dienst ohne viel Turbulenzen versehen. Daheim wartet die hochschwangere Frau, die Hypothek auf die Wohnung muss abgezahlt werden – und plötzlich kommt Leben in das schottische Städtchen. Denn die Paria-Truppe stößt in kurzen Abständen auf mumifizierte Leichen quer über ganz Oldcastle verteilt. Und nachdem wir einen Kriminalroman lesen, entpuppen sich die Mumien natürlich schon bald keineswegs als historisch, sondern doch als recht aktuelle Opfer eines Killers, der offenbar Menschen systematisch austrocknet und dann räuchert, um sie irgendwo in der Stadt zu hinterlassen.

Klingt durchgeknallt? Ist es auch – aber das ist man von den Büchern Stuart MacBrides ja nicht anders gewohnt. Der Schotte entwirft auch in seinem neuesten Buch wieder einen ausufernden Plot um einen verrückten Serienkiller, der aber dennoch über 800 Seiten nahezu ungestört morden kann, da dem Killer eine Ermittlungstruppe mit Callum McGregor an deren Spitze entgegen steht, für die der Begriff des Dilettantismus wie maßgeschneidert passt. Scheitert schon auf den ersten Seiten fast die Festnahme eines Gangsters, zieht sich eine ähnliche Qualität in den Ermittlungen durch die weiteren Kapitel. Das lässt manchmal den Kopf schütteln, noch viel öfter allerdings auflachen, denn so gut wie kaum ein anderer Schriftsteller verbindet Stuart MacBride Humor mit Krimiermittlungen.

Bei der Abkehr von einer eingeführten Reihe hin zu etwas Neuem stellt sich natürlich auch die Frage, welche Impulse der Autor in seinem neuen Werk setzen kann – unterscheidet sich Der Totenmacher nun grundlegend von der Logan-MacRae-Reihe (oder vor kurzem begonnenen Reihe um Ash Henderson)? Die Antwort auf diese Frage ist ein klares – Nein!

Als Leser der bisherigen Bücher von Stuart MacBride (zuletzt erschien Totenkalt) kommen einem die Figuren schon alle in ihren Grundzügen bekannt vor (lesbische Polizistinnen, dauerstreitenden Kollegen, ein Ermittler, dem das Pech an den Hacken klebt) – und auch viele Plottwists sind erwartbar oder MacBride-Fans schon bekannt. So weiß jeder halbwegs geneigt Krimileser oder Krimigucker, wenn nach 500 Seiten der offensichtliche Täter gestellt und aus dem Verkehr gezogen ist und der Polizeichef zur Belobigung ansetzt, dass der eigentliche Spaß erst beginnt. So kommt es dann natürlich auch- auch wenn dann immer noch 300 Seiten vergehen, bis es zum richtigen Showdown kommt.

Aber auch wenn einige Ansätze im Buch MacBride-Kenner sattsam bekannt vorkommen dürften – das Buch unterhält über weite Strecken sehr gut. Trotz der Überlänge von insgesamt 832 Seiten weiß MacBride, wie man eine gute Geschichte erzählt. Er bietet eine Cop-Oper mit persönlichen Schicksalschlägen, Rückblenden, Enthüllungen und dem ganz normalen Wahnsinn – und das im nasskalten, ungastlichen Setting Schottlands. Wer die Reihe noch nicht kennt, findet hier einen leichten Einstieg in die dunkle Welt des Stuart MacBride (Krimikenner sprechen hierbei auch vom Genre des Tartan Noir), ich persönlich ziehe allerdings weiterhin die Logan MacRae-Reihe vor.

Stuart MacBride – Totenkalt

Logan MacRaes zehnter Fall

Mit Totenkalt liegt nun schon der sage und schreibe zehnte Fall für DS Logan MacRae vor. Angemessenerweise gibt es in diesem Fall für den Seargent natürlich keine Blumen oder Ehrungen, sondern wieder viel Arbeit, Regen und missgelaunte Vorgesetzte.

Auch diesmal spielt der Fall nicht wie gewohnt in Aberdeen, sondern im Küstenstädtchen Banff, in das es MacRae bereits im Vorgängerband In Blut verbunden verschlagen hatte. Dort versieht er seinen eigentlich recht unspektakulären Dienst im und wird dabei wie gewohnt von seiner in Hassliebe verbundenen Vorgesetzten DI Roberta Steele drangsaliert. Doch plötzlich kommt Bewegung in das graue Einerlei im Norden Schottlands, als im Wald die Leiche des Geschäftsmanns Martin Milne gefunden wird.

Jener wurde schon länger vermisst und die Spekulationen schossen ins Kraut. Doch zur großen Überraschung der Ermittler stellt sich schnell heraus, dass die Leiche gar nicht die von Martin Milne, sondern die seines Geschäftspartners Peter Shepard ist. Der Modus Operandi der Tat erinnert an ein früheres Verbrechen und so muss sich Logan MacRae dranmachen, ein Motiv für den Mord zu finden und zu klären, ob Shepard eventuell nur ein weiteres Opfer eines Serienmörders wurde.

Stuart MacBrides Bücher werden mit den Labels Krimi oder Thriller kaum erschlagen. Seine ausufernden Plots sind so weit von der linearen Erzählweise seiner britischen AutorenkollegInnen entfernt wie Banff vom Rest der schottischen Zivilisation.

MacBrides Romane sind eine literaturgewordene, düstere und mit schwarzem Humor getränkte Polizeiserie. Viele Handlungsbögen aus früheren Romanen werden wieder aufgegriffen und fortgeführt, weswegen sich ein optimaler Lesegenuss nur einstellt, wenn man zumindest ein oder zwei Vorgängerbände gelesen hat.

In diesem Band lässt MacBride seinen Helden nun stärker als gewohnt taumeln, die Frage der Loyalitäten bringen MacRae schwer in die Bredouille. MacBride lässt damit auch viel Raum für weitere Bände, denn die Entwicklungen und Dynamiken, die Totenkalt bereithält, verlangen förmlich nach einem elften Einsatz des schottischen Ermittlers.

 

 

Arthur Conan Doyle – Heute dreimal ins Polarmeer gefallen

Der große Eistaucher

Arthur Conan Doyle kennt man als Schöpfer des wohl berühmtesten Detektivs der Literaturgeschichte, Sherlock Holmes. Dass der Schotte darüber hinaus auch ein spannendes Leben geführt hat, das ist schon weniger Menschen bekannt. Ein besonderes Kapitel aus Arthur Conan Doyles Leben behandelt das Buch Heute dreimal ins Polarmeer gefallen. Der Untertitel Tagebuch einer arktischen Reise zeigt schon, wohin für den jungen Mann seine damalige Reise ging.

Heute dreimal ins Polarmeer gefallen von Arthur Conan Doyle

Im Jahr 1880 heuerte Conan Doyle als Schiffsarzt an Bord der Hope an. Dieses Boot war als Walfänger in der Arktis unterwegs und durchkreuzte das Meer auf der Suche nach Walfischen und Robben, die im Vereinigten Königreich dann gewinnbringend verkauft wurden. Mit gerade einmal zwanzig Jahren versah der junge Schotte Conan Doyle ein halbes Jahr seinen Dienst an Bord der Hope, kümmerte sich um das Wohlergehen der Mannschaft und versuchte sich auch selbst als Jäger im Eis. Davon berichtet das mit viel Selbstironie und Humor geschriebene Tagebuch, das Doyle während seines Aufenthalts verfasste. Neben Einblicken in das Leben auf dem Walfänger gewährt es auch Einblicke in das blutige Tagewerk der Männer und zeigt einen jungen, literarisch begabten Mann, der sich an Bord Respekt erarbeitete, trotz seines Missgeschicks auf dem Bord, das ihm schließlich den Titel als großer Eistaucher einbrachte. Denn Conan Doyle fiel mehrmals ins eiskalte arktische Wasser und konnte sich einmal nur mit knapper Not wieder auf eine Eisscholle ziehen. Das und mehr berichtet er in einem nonchalanten und kurzweiligen Tonfall, der das Tagebuch auch heute noch lesenswert macht.

Ergänzt wird das Ganze durch zahlreiche Essays, über 220 kommentierende Fußnoten und einige in der Buchmitte eingebrachte Auszüge aus dem Faksimile des Original-Tagebuchs. Neben einem Einleitungswort der beiden Herausgeber Jon Lellenberg und Daniel Stashower gibt es auch noch Geschichten und Schriften von Arthur Conan Doyle, die von seinem Arktis-Aufenthalt inspiriert sind, darunter auch die Sherlock-Holmes-Geschichte Der Schwarze Peter. Beigefügt ist ebenfalls eine Zeittafel, die Einblick in das Leben Conan Doyles gibt, und ein Essay von Alexander Pechmann, der das vorliegende Buch übersetzte und einen Aufsatz beisteuerte, in dem er die von Arthur Conan Doyle beschriebenen Tierarten teilweise korrigiert und Einblick in die Fauna der Arktis gibt.

Dies alles rundet den positiven Eindruck des Tagebuchs ab, das auch in seiner Taschenbuchausgabe ein schön gestaltetes Buch ist. Eine wirkliche Wiederentdeckung, bei der sich Erkenntnis und Lesespaß nicht ausschließen!

Ian Rankin – Das Gesetz des Sterbens

Väter und Söhne

Obwohl John Rebus sich schon eigentlich längst in den Ruhestand verabschiedet hat, kommt Ian Rankin nicht ohne seine prägendste Figur aus und gönnt ihr nun in Das Gesetz des Sterbens abermals einen Einsatz. Mit an Bord ist auch wieder Rebus‘ alte Gefährtin Siobhan Clarke und Malcom Fox, der bei den Internen Ermittlern zuhause ist. Das Trio hat sich bereits in Schlafende Hunde warmgespielt und darf nun in der Triobesetzung den neuesten Fall entwirren.

Das Gesetz des Sterbens von Ian Rankin

Das Gesetz des Sterbens von Ian Rankin

Wobei der Satz mit dem Trio eigentlich auch nicht stimmt, vielmehr arbeitet den Ermittlern eine vierte, altbekannte Kraft zu. Die Unterweltgröße „Big Ger“ Cafferty spielt nämlich eine zentrale Rolle. Auf den Gangster wurde nämlich geschossen, nachdem ihm vorher eine schriftliche Drohung zuging. Nun treibt den Kriminellen eine große Furcht um, die nicht kleiner wird, als bekannt wird, dass Dave Minton, ein angesehener Kronanwalt bei einem scheinbaren Raubüberfall erschlagen wurde. Und auch in dessen Haus findet sich die gleiche Nachricht, die Big Ger bei sich vorfand. Was verbindet die Männer und wer will ihnen an den Kragen?

Langsam führt Ian Rankin die Fäden in seinem neuen (inzwischen auch schon 19. Fall für Rebus) zusammen, während draußen in Edinburgh ein Bandenkrieg droht, in den verschiedene Parteien verwickelt sind. Neben all den erzählerischen Fäden zieht sich das Thema der Väter und Söhne klar erkennbar durch Das Gesetz des Sterbens, denn auch so hätte das Buch heißen können. Während Malcom Fox‘ Vater im Sterben liegt, fechten andere Charaktere ihre ganz eigenen Kämpfe mit dem Erbe der Väter. Soll man sich an alten Feinden rächen? Einen Neustart wagen? Das Erbe der Väter um jeden Preis bewahren? Rankins Figuren finden im Lauf des Buchs ganz eigene Wege, um diese Fragen für sich zu beantworten.

Das Gesetz des Sterbens ist zwar nicht der stärkste Titel aus dieser nun schon fast 30 Jahre laufenden Reihe, gehört aber ins obere Mittelfeld. Auflösung und Grundidee des Plots sind etwas konventionell geraten, dennoch gelingt es Ian Rankin auch mit diesem (von Conny Lösch gewohnt solide übersetzten) Streich den Leser bei der Stange zu halten. Da darf Rebus gerne noch einmal aus seinem Ruhestand zurückkommen und durch Edinburgh streifen!

 

Stuart MacBride – In Blut verbunden

Schottland, kurz hinter Aberdeen, am Rande der Welt. Ein Landstrich, der außer Meer und Wiesen nicht viel zu bieten hat. Die Käffer tragen Namen wie Banff oder MacDuff – und inmitten dieser Ödnis Detective Sergeant Logan McRae. Dieser hat es wieder einmal geschafft, zugleich einen Fall zu lösen und sich damit  ein Stück auf der Karriereleiter hinabzuarbeiten. Nachdem er einen Entführer im Alleingang stellte, droht nun der ganze Fall wie ein Baiser in sich zusammenzufallen. Die Öffentlichkeit und die Interne Ermittlung toben, und so heißt es für Logan – ab aufs Land: Spektakuläre Fälle wie in Schlangenlinien fahrende Autos, verschwundene Senioren oder Brände sind hier an der Tagesordnung, mit denen er sich nun als diensthabender Sergeant herumschlagen darf.

In Blut verbunden von Stuart MacBride

In Blut verbunden von Stuart MacBride

Doch schon bald schlagen McRaes kriminalistische Instinkte an. Immer wieder verschwinden pädophile Männer ohne jegliche Spur in der Region Aberdeenshire. Als dann auch noch in einem verlassenen Strandbad die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden wird, lässt sich der schottische Kriminalbeamte auch von Komptenzen oder Kollegen nicht mehr stoppen. Er beginnt zu ermitteln, wobei ihm auch seine alte Nemesis/Busenfreundin DI Roberta Steel zur Seite steht. Schnell wird es für Logan McRae dann auch persönlich, als die Mutter des mutmaßlichen Opfers bei ihm vor der Tür steht. Und dann ist da noch die Interne Ermittlung, die ihm am Zeug flicken will.

In Blut verbunden ist abermals ein Ziegelstein von Buch, wie von Stuart MacBride nicht anders gewohnt. Über 700 Seiten verwendet der schottische Autor, um den Kosmos um Logan McRae erneut einen Besuch abzustatten (dies ist nun auch schon der neunte Band aus der ganzen Reihe, zuletzt erschien Das Knochenband). Neben dem veränderten Setting (hier ist nun statt der granite city Aberdeen das vermeintlich beschauliche Hinterland der Schauplatz) setzt Stuart MacBride wieder auf die bekannten Charaktere und Dynamiken (noch immer zählen die Schlagabtausche zwischen Roberta Steel und McRae zum lustigsten, was die britische Kriminalliteratur derzeit hervorbringt).

Das Buch ist mit seiner gut gelungenen Mischung aus dunklem Humor und Krimi eine nahtlose Fortsetzung der McRae-Reihe und fällt auch in der neunten Fortsetzung nicht ab. Einen stringent durchgehenden Kriminalfall gibt es auch in diesem Buch nicht, zwar dominiert die Suche nach der Identität und des Mörders des Mädchens, doch McBride reichert sein Buch wieder mit allerhand sonstigen Episoden an. So muss hier eine Bande gestellt werden, die Raubüberfälle auf Geldautomaten verübt, Drogen-Ermittlungen laufen, eine Undercover-Ermittlerin wurde erschossen, Steels Gattin wird abermals Mutter, etc. – viel zu tun also für McRae!

Auch im neunten Band um Detective Sergeant Logan McRae lässt sich Stuart McBride nicht lumpen und beschenkt Fans der Reihe um den sturköpfigen Ermittler mit dem Hang zum Griff ins Klo wieder mit einem tollen Buch!