Titel, die die eigene Familiengeschichte aufarbeiten und dem Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus nachspüren, haben auf dem Buchmarkt aktuell Hochkonjunktur. Auch Judith Hermann liefert nun mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit eine literarische Auseinandersetzung mit ihrem Erbe und blickt auf das, was nach dem Tod bleibt. Es ist ein Text, der zu wenig Erkenntnisgewinn gereicht — und das mit Ansage.
Die frühere Journalistin und spätere Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Hoffmann, machte vor vier Jahren mit ihrem Buch Alles, das wir nicht erinnern den Anfang. Darin schilderte sie die Wanderung, die sie zu Fuß in Erinnerung an ihren Vater unternahm, der 1945 als Neunjähriger vor der Roten Armee aus Schlesien nach Deutschland per pedes fliehen musste und ergründet dabei die familiären Nachwehen des Erlebten.
Letztes Jahr legte die Fernsehmoderatorin Caro Matzko mit Alte Wut ein thematisch ähnlich gelagertes Buch vor, in dem auch sie die Fluchtroute ihres Vaters aus Ostpreußen bereiste und dabei ebenfalls den Fragen innerfamiliär vererbter Traumata nachspürte.
Auch das ein Jahr nach Christiane Hoffmanns Werk erschienene, ebenfalls bei C. H. Beck publizierte Buch Ein Hof und elf Geschwister des Geschichtsprofessors Ewald Frie könnte man in diese Reihe der persönlich gefärbten Geschichtserkundungen anhand des eigenen Stammbaums stellen.
In seinem mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023 ausgezeichneten Buch blickt er mithilfe eigener Erinnerungen und Interviews mit seinen zehn Geschwistern auf seine Eltern und deren Leben, das den Abschied von der bäuerlichen Lebenswelt des 19. Jahrhunderts symbolisierte.
Und auch ein dritter und letzter Autor aus dem Hause C. H. Beck ist zu nennen, möchte man die auffällige Häufung dieser genealogisch grundierten Geschichtsstunden auf dem deutschen Buchmarkt belegen.
Der Verfasser des Buchs ist der normalerweise für die Wochenzeitung Die Zeit schreibende Autor Henning Sußebach. Diesem gelang im vergangenen Jahr mit Anna oder: was von einem Leben bleibt eine großartige Meditation über das Wissen um die eigene Herkunft und die Brüchigkeit von historischer Überlieferung, indem er den spärlichen Spuren und deutlich größeren Überlieferungslücken betreffend das Leben seiner eigenen Urgroßmutter nachspürte. Auch dieses Buch bedient sich der Bauweise der zuvor zitierten Titel.
Autobiografische Aufarbeitungen im Trend
Autobiografische Aufarbeitungen von Familien- und Fluchtgeschichten liegen also im Trend — und auch die preisgekrönte Autorin Judith Hermann fügt sich nun in diese Riege ein und betritt mit ihrem neuen Buch gut bereiteten Boden, wenn man mittlerweile nicht sogar schon von reichlich ausgetretem Grund sprechen könnte.
Interessant wir ihr Text Ich möchte zurückgehen in der Zeit durch den merklich verschobenen Ansatz ihrer familiären Erkundung. Denn Hermanns Großvater war für die SS in Radom in Polen tätig, so die etwas diffusen, aber bekannten Umstände der eigenen Familiengeschichte. Somit erkundet Hermann als Autorin nun eine familiäre Täterbiografie — oder versucht es zumindest.
Denn recht viel mehr die bekannten, diffusen Fakten wird ihr Aufenthalt vor Ort in Radom auch nicht zutagefördern, um dieses Faktum vorwegzunehmen.
In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Enltassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Aliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stpaelchen unsortierter Ftos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.
Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 12 f.
Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanke Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom.
Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.
Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.
Ausgelöst durch einen kurzzeitigen Gedächtnisverlust ihrer Mutter möchte sich Hermann nicht länger mit diesem ungefährem Wissen begnügen und reist selbst nach Radom. Dort in Polen will sie der Familiengeschichte nachspüren, vielleicht sogar neue Erkenntnisse gewinnen und sich in ihren Großvater einfühlen.
Spurensuche in Radom
Doch das will nicht so recht gelingen. Zwar durchstreift die Autorin den Ort, in dem auch der Literat Witold Gombrowicz zur Welt kam, versucht mit Menschen ins Gespräch zu kommen und liest höchst ambitioniert vor Ort Margarete und Alexander Mitscherlichs Standardwerk Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahr 1967, das sich mit verdrängter Schuld und dem kollektiven Wunsch nach Vergessen der Verbrechen der SS-Zeit beschäftigt.
Doch recht viel mehr an Wissen und Erkenntnis bringt auch der Ortsbesuch nicht. Die Rolle ihres Vaters an den Massakern in Radom bleibt nebulös, der Schleier der Geschichte, er will sich für die Autorin nicht recht heben.
So löst Hermanns Text bis hierhin genau das ein, was die Autorin selbst prophezeit, nämlich dass ein solcher Text nicht gelingen kann.
(..) ich versuchte, etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht. Gelang ist nicht der richtige Ausdruck, oder anders gesagt, mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch, es wäre unmöglich, über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos, an einer Auslöschung beteiligt gewesen war, einen gelingenden Text zu schreiben. Was kann man ausdrücken, nichts kann man ausdrücken.
Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 35
In seinem ausbleibenden Erkenntnisgewinn dreht dieser Text tatsächlich hohl und findet nur in seiner metaphysischen Reflektion über den Zugang zu Vergangenem zu einer Form. Denn an die siebzig großzügig gesetzten Seiten über die Radomer Reise folgt ein zweiter Teil, der Hermann nach einer Lesung in Krakau in den Süden Italiens führt.
Von Polen nach Italien
Dort in einem Landhaus nahe Salerno wohnt ihre Schwester mit ihrer Familie, die — höchst symbolträchtig — ihrem Beruf als Archäologin nachgeht. Und auch wenn die Autorin und ihre Schwester in distanziertes Verhältnis haben, so sind sich die beiden Frauen doch nahe, was den Blick auf Vergangenes und das Freilegen dieses Vergangen mit unterschiedlichen Mitteln betrifft.
Das wird besonders deutlich, als die gesamte Sippe vom Landhaus in den zweiten Wohnsitz der Familie umsiedelt, nämlich in eine Wohnung in Neapel. An diese in einem Palazzo befindliche Wohnung kam die Familie durch Vitamin B, denn es handelt sich bei dieser Immobilie um die Wohnung der verstorbenen Mutter eines Bekannten. Deren Lebensspuren sind in der ganzen Wohnung präsent, da sich ihr Sohn bislang zu keiner Auflösung des Inventars aufraffen konnte. So künden die auf einem Zwischenboden eingelagerten Kisten vom Leben der hochbetagt gestorbenen Frau, einer Lehrerin, Malerin und Kommunistin.
Hier zeigen sich wieder die Motive der Bewahrung und Erkundung von Vergangenem. Was bleibt von einem Leben und welchen Zugang finden die Nachgeborenen zu diesen Leben? Der letzte Teil des Buchs mit einer kleinen Anekdote über kurzzeitig verschwundene Eltern schließt ein finaler Absatz an, der in seinem knappen Fazit auch den Charakter des Buchs gut trifft.
Als meine Mutter ein Kind war, im zerstörten Berlin der fünfziger Jahre des vergangenen, untergegangenen Jahrhunderts, spielte sie ein Spiel, das sich Geheimnis nannte, alle Kinder in ihrer Straße spielten das.
Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 155 f.
Sie gruben kleine Löchter in die Erde und legten Dinge hinein, die ihnen etwas bedeuteten, die wichtig waren. Wsrum auch immer wichtig waren; schöne Dinge und hässliche. Knöpfe, Stanniolpapier, Spatzenfedern, Kiesel, farbigen Schutt, Splitter und Knöchelchen. Sie verschlossen die Löcher mit Scherben, schütteten Erde darüber, strichen die Erde glatt. Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.
Vielleicht ist es wirklich nicht mehr, was vom Vergangen bleibt, so die Erkenntnis nach diesem kurzen Text.
Dennoch fordert die zuvor schon zitierte Ansicht der Autorin über die Unmöglichkeit eines Erfolgs solcher forschender Texte die Frage heraus, was nun in Bezug auf ihr Werk aus einer äußeren Perspektive gilt. Ist der Text misslungen, da die Zugänge zu ihrem Großvater so verschüttet erscheinen wie manche der Sarkophage, die die Berliner Kinder in der Nachkriegszeit in den Boden pflanzten – oder bietet das Buch andere Qualitäten?
Fazit
Blickt man auf Erkenntnisse, die Hermanns Spurensuchen zutagefördern sollten, muss man das Vorhaben des Buchs klar als gescheitert ansehen. Andere Autor*innen haben in ihrer Erkenntnisstärke bessere Bücher vorgelegt, als es dieser Text überhaupt kann.
Betrachtet man ihren dreigeteilten Text allerdings als eine Reflektion über das, was bleibt und das, was nicht bleibt — und wie wir uns dem nähern, so ist Ich möchte zurückgehen in der Zeit doch ein interessantes Buch, das dem flüchtigen Schleier der Vergangenheit nachspürt, der manchmal trügerisch dünn und dann wieder so blickdicht ist.
Hermann versucht ihn in diesem Text zu fassen, indem bei ihr alles auf die zentrale Frage zuläuft: Was bleibt vom Leben und welche Spuren sind es, die wir hinterlassen und denen andere folgen können?
- Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
- ISBN 978-3-10-397764-6 (S. Fischer)
- 160 Seiten. Preis: 23,00 €




