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Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Titel, die die eigene Familiengeschichte aufarbeiten und dem Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus nachspüren, haben auf dem Buchmarkt aktuell Hochkonjunktur. Auch Judith Hermann liefert nun mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit eine literarische Auseinandersetzung mit ihrem Erbe und blickt auf das, was nach dem Tod bleibt. Es ist ein Text, der zu wenig Erkenntnisgewinn gereicht — und das mit Ansage.


Die frühere Journalistin und spätere Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Hoffmann, machte vor vier Jahren mit ihrem Buch Alles, das wir nicht erinnern den Anfang. Darin schilderte sie die Wanderung, die sie zu Fuß in Erinnerung an ihren Vater unternahm, der 1945 als Neunjähriger vor der Roten Armee aus Schlesien nach Deutschland per pedes fliehen musste und ergründet dabei die familiären Nachwehen des Erlebten.

Letztes Jahr legte die Fernsehmoderatorin Caro Matzko mit Alte Wut ein thematisch ähnlich gelagertes Buch vor, in dem auch sie die Fluchtroute ihres Vaters aus Ostpreußen bereiste und dabei ebenfalls den Fragen innerfamiliär vererbter Traumata nachspürte.

Auch das ein Jahr nach Christiane Hoffmanns Werk erschienene, ebenfalls bei C. H. Beck publizierte Buch Ein Hof und elf Geschwister des Geschichtsprofessors Ewald Frie könnte man in diese Reihe der persönlich gefärbten Geschichtserkundungen anhand des eigenen Stammbaums stellen.
In seinem mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023 ausgezeichneten Buch blickt er mithilfe eigener Erinnerungen und Interviews mit seinen zehn Geschwistern auf seine Eltern und deren Leben, das den Abschied von der bäuerlichen Lebenswelt des 19. Jahrhunderts symbolisierte.

Und auch ein dritter und letzter Autor aus dem Hause C. H. Beck ist zu nennen, möchte man die auffällige Häufung dieser genealogisch grundierten Geschichtsstunden auf dem deutschen Buchmarkt belegen.
Der Verfasser des Buchs ist der normalerweise für die Wochenzeitung Die Zeit schreibende Autor Henning Sußebach. Diesem gelang im vergangenen Jahr mit Anna oder: was von einem Leben bleibt eine großartige Meditation über das Wissen um die eigene Herkunft und die Brüchigkeit von historischer Überlieferung, indem er den spärlichen Spuren und deutlich größeren Überlieferungslücken betreffend das Leben seiner eigenen Urgroßmutter nachspürte. Auch dieses Buch bedient sich der Bauweise der zuvor zitierten Titel.

Autobiografische Aufarbeitungen im Trend

Judith Hermann - Ich möchte zurückgehen in der Zeit (Cover)

Autobiografische Aufarbeitungen von Familien- und Fluchtgeschichten liegen also im Trend — und auch die preisgekrönte Autorin Judith Hermann fügt sich nun in diese Riege ein und betritt mit ihrem neuen Buch gut bereiteten Boden, wenn man mittlerweile nicht sogar schon von reichlich ausgetretem Grund sprechen könnte.

Interessant wir ihr Text Ich möchte zurückgehen in der Zeit durch den merklich verschobenen Ansatz ihrer familiären Erkundung. Denn Hermanns Großvater war für die SS in Radom in Polen tätig, so die etwas diffusen, aber bekannten Umstände der eigenen Familiengeschichte. Somit erkundet Hermann als Autorin nun eine familiäre Täterbiografie — oder versucht es zumindest.

Denn recht viel mehr die bekannten, diffusen Fakten wird ihr Aufenthalt vor Ort in Radom auch nicht zutagefördern, um dieses Faktum vorwegzunehmen.

In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Enltassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Aliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stpaelchen unsortierter Ftos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.
Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanke Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom.
Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.
Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 12 f.

Ausgelöst durch einen kurzzeitigen Gedächtnisverlust ihrer Mutter möchte sich Hermann nicht länger mit diesem ungefährem Wissen begnügen und reist selbst nach Radom. Dort in Polen will sie der Familiengeschichte nachspüren, vielleicht sogar neue Erkenntnisse gewinnen und sich in ihren Großvater einfühlen.

Spurensuche in Radom

Doch das will nicht so recht gelingen. Zwar durchstreift die Autorin den Ort, in dem auch der Literat Witold Gombrowicz zur Welt kam, versucht mit Menschen ins Gespräch zu kommen und liest höchst ambitioniert vor Ort Margarete und Alexander Mitscherlichs Standardwerk Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahr 1967, das sich mit verdrängter Schuld und dem kollektiven Wunsch nach Vergessen der Verbrechen der SS-Zeit beschäftigt.
Doch recht viel mehr an Wissen und Erkenntnis bringt auch der Ortsbesuch nicht. Die Rolle ihres Vaters an den Massakern in Radom bleibt nebulös, der Schleier der Geschichte, er will sich für die Autorin nicht recht heben.

So löst Hermanns Text bis hierhin genau das ein, was die Autorin selbst prophezeit, nämlich dass ein solcher Text nicht gelingen kann.

(..) ich versuchte, etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht. Gelang ist nicht der richtige Ausdruck, oder anders gesagt, mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch, es wäre unmöglich, über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos, an einer Auslöschung beteiligt gewesen war, einen gelingenden Text zu schreiben. Was kann man ausdrücken, nichts kann man ausdrücken.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 35

In seinem ausbleibenden Erkenntnisgewinn dreht dieser Text tatsächlich hohl und findet nur in seiner metaphysischen Reflektion über den Zugang zu Vergangenem zu einer Form. Denn an die siebzig großzügig gesetzten Seiten über die Radomer Reise folgt ein zweiter Teil, der Hermann nach einer Lesung in Krakau in den Süden Italiens führt.

Von Polen nach Italien

Dort in einem Landhaus nahe Salerno wohnt ihre Schwester mit ihrer Familie, die — höchst symbolträchtig — ihrem Beruf als Archäologin nachgeht. Und auch wenn die Autorin und ihre Schwester in distanziertes Verhältnis haben, so sind sich die beiden Frauen doch nahe, was den Blick auf Vergangenes und das Freilegen dieses Vergangen mit unterschiedlichen Mitteln betrifft.

Das wird besonders deutlich, als die gesamte Sippe vom Landhaus in den zweiten Wohnsitz der Familie umsiedelt, nämlich in eine Wohnung in Neapel. An diese in einem Palazzo befindliche Wohnung kam die Familie durch Vitamin B, denn es handelt sich bei dieser Immobilie um die Wohnung der verstorbenen Mutter eines Bekannten. Deren Lebensspuren sind in der ganzen Wohnung präsent, da sich ihr Sohn bislang zu keiner Auflösung des Inventars aufraffen konnte. So künden die auf einem Zwischenboden eingelagerten Kisten vom Leben der hochbetagt gestorbenen Frau, einer Lehrerin, Malerin und Kommunistin.

Hier zeigen sich wieder die Motive der Bewahrung und Erkundung von Vergangenem. Was bleibt von einem Leben und welchen Zugang finden die Nachgeborenen zu diesen Leben? Der letzte Teil des Buchs mit einer kleinen Anekdote über kurzzeitig verschwundene Eltern schließt ein finaler Absatz an, der in seinem knappen Fazit auch den Charakter des Buchs gut trifft.

Als meine Mutter ein Kind war, im zerstörten Berlin der fünfziger Jahre des vergangenen, untergegangenen Jahrhunderts, spielte sie ein Spiel, das sich Geheimnis nannte, alle Kinder in ihrer Straße spielten das.
Sie gruben kleine Löchter in die Erde und legten Dinge hinein, die ihnen etwas bedeuteten, die wichtig waren. Wsrum auch immer wichtig waren; schöne Dinge und hässliche. Knöpfe, Stanniolpapier, Spatzenfedern, Kiesel, farbigen Schutt, Splitter und Knöchelchen. Sie verschlossen die Löcher mit Scherben, schütteten Erde darüber, strichen die Erde glatt. Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 155 f.

Vielleicht ist es wirklich nicht mehr, was vom Vergangen bleibt, so die Erkenntnis nach diesem kurzen Text.

Dennoch fordert die zuvor schon zitierte Ansicht der Autorin über die Unmöglichkeit eines Erfolgs solcher forschender Texte die Frage heraus, was nun in Bezug auf ihr Werk aus einer äußeren Perspektive gilt. Ist der Text misslungen, da die Zugänge zu ihrem Großvater so verschüttet erscheinen wie manche der Sarkophage, die die Berliner Kinder in der Nachkriegszeit in den Boden pflanzten – oder bietet das Buch andere Qualitäten?

Fazit

Blickt man auf Erkenntnisse, die Hermanns Spurensuchen zutagefördern sollten, muss man das Vorhaben des Buchs klar als gescheitert ansehen. Andere Autor*innen haben in ihrer Erkenntnisstärke bessere Bücher vorgelegt, als es dieser Text überhaupt kann.

Betrachtet man ihren dreigeteilten Text allerdings als eine Reflektion über das, was bleibt und das, was nicht bleibt — und wie wir uns dem nähern, so ist Ich möchte zurückgehen in der Zeit doch ein interessantes Buch, das dem flüchtigen Schleier der Vergangenheit nachspürt, der manchmal trügerisch dünn und dann wieder so blickdicht ist.
Hermann versucht ihn in diesem Text zu fassen, indem bei ihr alles auf die zentrale Frage zuläuft: Was bleibt vom Leben und welche Spuren sind es, die wir hinterlassen und denen andere folgen können?


  • Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
  • ISBN 978-3-10-397764-6 (S. Fischer)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €

Lukas Rietzschel – Sanditz

Von der DDR in die Gegenwart, von der Corona-Pandemie in den Ukrainekrieg. Mit seinem neuen Roman Sanditz will Lukas Rietzschel viel. Leider zu viel, wie man nach der Lektüre seines Romans konstatieren muss.


Das muss man erst einmal schaffen. Mit über 475 Seiten legt Lukas Rietzschel seinen bislang dicksten Roman vor, der seinen letzten, ebenfalls bei dtv erschienenen Roman Raumfahrer um fast zweihundert Seiten übertrifft. Und dennoch bleibt trotz aller papiernen Reichhaltigkeit des Buchs ein Gefühl des Mangels zurück.

An den Themen liegt es nicht. Denn Sanditz erzählt von einigen Bewohnern des fiktiven Städtchens, ausgehend vom Jahr 2021. Der Tagebau hat sich in die Landschaft gefressen, das Flachglaswerk, einstiger Arbeitgeber zu DDR-Zeiten, bröckelt nur noch vor sich hin — viel Leben ist nicht mehr in diesem Dorf.
Und dann kommt auch noch Covid 19, was das eh schon karge Leben dort vollends zum Erliegen bringt. So verunmöglicht die Corona-Pandemie auch das gewohnte Weihnachtsfest, das die restlichen Sanditzer wenigstens einmal im Jahr noch in Teilen zusammenbrachte. Die Christmette und Orgelspiel, die Besinnlichkeit, all das leidet unter den Schutzmaßnahmen, die zur Einhegung der Pandemie getroffen wurden.

Corona in Sanditz

Verschiedene Figuren sind es, die Rietzschel in diesem so prägenden Jahr zusammenführt und zeigt. Vor allem die Generationen der Familie Wenzel erweisen sich als zentrale Figuren des Romans, der schon bald von der im Präsens erzählten Gegenwart zurück in die konsequenterweise im Präteritum erzählte Vergangenheit springen wird.

Da ist Tom, ein Slacker, der in Telegram-Chats abhängt und das mit den Schutzmaßnahmen kritisch sieht. Seine Schwester Maria hingegen sieht vor allem in der wie von Geisterhand gestürzten Bismarckstatue in der Nähe von Sanditz eine Chance, journalistisch voranzukommen. Ihre Eltern Marion und Roland, dazu Onkel Dirk, die im Gemeindeleben verankerte Großmutter Erika und der alleinlebende Großvater Roland. Sie bilden das erzählerische Figurengerüst, das Rietzschel in verschiedenen Rückblenden bis in die Jugend der Großeltern zurückverfolgt und zeigt, wie der Drift in der Familie seinen Ausgang nahm.

Dabei besieht Sanditz viele Themen der DDR-Geschichte und greift erzählerisch in die Vollen.
Mauerfall, Stasi, Opposition zum DDR-Staat in Kirchenkreisen, das Aufwachen in einem neuen Land nach der Wende und die anschließende Übernahme des Ostens durch den Westen: Rietzschels Roman thematisiert all das, was wütende Polemiken wie die von Dirk Oschmann bis hin zu belletristischen Bearbeitung wie das Annett Gröschners buchpreisnominierter Roman Schwebende Lasten oder der Nachwende-Krimi Das Schweigen des Wassers von Susanne Tägder in den letzten Jahren aufgearbeitet haben. Das Umtun auf einem so intensiv beackerten literarischen Feld provoziert natürlich die Frage: kann Sanditz diesem Gros von DDR-Romanen diese Werke hinaus etwas Neues hinzufügen?

Zu viel an Themen, zu wenig an Tiefe

Lukas Rietzschel - Sanditz (Cover)

Dem ist leider nicht so, denn Rietzschel möchte einfach zu viel. Statt sich auf die Familie auf ihrem Weg durch die DDR zu konzentrieren und eng an den Figuren zu bleiben, wie es beispielsweise Christoph Hein in seinem letztjährig erschienenen DDR-Großpanorama Das Narrenschiff tat, weitet er sein Ensemble, erzählt von der Marmeladenpfarrerin, die ihre Kirche und das Gemeindehaus auch als Gegenort zur DDR mit ihrem Einberufungszwang und der intellektuellen Beschränktheit begreift.

Er deutet den von der Stasi erzwungenen Verrat von Freunden an, etwa wenn der Orgelbauer Norbert den Preis der Freiheit, die ihm sein Job verschafft, mit der Auslieferung von Freunden an den Geheimdienst bezahlt. Oder er erzählt von einer homoerotisch grundierte Freundschaft, die starke Erinnerungen an Lutz Seilers großartiges Werk Kruso weckt.

Im letzten Viertel des Romans nimmt das Buch dann auch noch den Schwenk vom historischen Dorf- und Familienroman hin zum Kriegsbericht, wenn Rietzschel den Slacker Tom in Aktionismus versetzt, da dieser an die Front in der Ukraine aufbricht, wo er als Freiwilliger gegen die russischen Invasionstruppen kämpft.

Spätestens hier stellt sich das Gefühl einer Überfrachtung des Plots ein, das auf der anderen Seite mit einer nicht allzu ausgefeilten Zeichnung der Figuren einhergeht, obschon Rietzschels Figuren alle Brüche und Verletzungen kennen. Tiefer im literarischen Gedächtnis können sie sich leider nicht verankern.
Ein Weniger an historischen Rückblenden und großen Themen, dafür ein Mehr an Fokus auf die zentralen Figuren, das hätte Sanditz in meinen Augen schlüssiger gemacht.

Kein Erklärroman für ostdeutsche Verhältnisse

Das Feuilleton wird diesen Roman wahrscheinlich wieder als großen Kommentar auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart deuten, Porträts und Podiumsauftritte rund um die anstehende Leipziger Buchmesse sind wahrscheinlich schon in hoher Schlagzahl eingeplant.

Tatsächlich erfüllt Lukas Rietzschel mit seinem Auftreten und seinen Positionierungen die Rolle als ostdeutscher young public intellectual mustergültig, diskutiert immer wieder auf Podien über die Kunst, die Meinungsfreiheit und Ostdeutschland, legt als Dramatiker Theaterstücken vor — darunter eine ostdeutsche Adaption von Tschechows Kirschgarten — oder gibt als gefragter Gesprächspartner auch zu Themen wie dem deutsch-polnischen Grenzverhältnis Auskunft. Nur liefert seine Romankunst selbst nicht das, was viele gerne in ihr sähen.

Wie schon auch sein vielbesprochenes Debüt gibt auch Sanditz kaum Antworten auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart. Der Blick in die Vergangenheit ist nicht erhellender als der auf die Gegenwart. Die Linie von Corona-Skeptizismus hin zur freiwilligen Teilnahme am Ukrainekrieg, die Erfahrungen von Brüchen und Enttäuschungen, die das Buch zeigt alles auf einer für mich zu oberflächlichen Ebene.

Tom und sie hatten unterschiedliche Ansätze, der Angst und dem Hass in der Gesellschaft zu begegnen. Tom glaubte an Aufklärung, sie glaubte an Liebe. Nach ihrem Verständnis waren alle Menschen brüderlich miteinander verbunden. Sie war der Ansicht, dass es seine tiefe Liebe gab, die wie ein unsichtbarer Faden jeden Menschen und die Welt zu einer Einheit knäulte. Die Politik, egal, welche, trennte diese Fäden. Sie säte Zwietracht und schaufelte Gräben so tief, dass jeder Mensch zu einer Insel wurde. Als ihr Vater in die AfD eintrat (es hätte für sie auch jede andere Partei sein können), war ihr klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hatte.

Lukas Rietzschel – Sanditz, S. 123 f.

Literarisch zu bieder

Als soziologisch grundierte Schlüsselromane zum Verständnis Ostdeutschlands taugen Rietzschels Werke nur bedingt, das stellt auch Sanditz wieder unter Beweis.
Aber könnte man diesen geringen Erkenntniswert in Sachen gesellschaftlicher Diagnosen als nicht entscheidend für ein literarisches Werk abtun (wer solche Analysen sucht, ist wahrscheinlich eh mit Experten wie Steffen Mau besser beraten), so ist aber der mangelnde ästhetische Gehalt von Rietzschels Buch ein Kritikpunkt, der zumindest in meinen Augen wirklich stichhaltig ist.
Und das, obschon seine Geschichte höchst spannend beginnt.

Verheißungsvoll der Auftakt mit dem Motiv der Raben, das an Otfried Preußler und dessen am sorbische Sagengut geschulten Krabat erinnert. Könnte man meinen, dass der 1994 geborene Autor sich hier an einem magischen Realismus versucht, so verliert sich dieser Ansatz im Folgenden völlig.
Zwar flattern immer wieder Raben durch das Bild, ausgenommen die Schlusspointe bleiben sie aber ein wenig schlüssiges Leitmotiv. Sprachlich ist das Ganze recht bieder geraten und transportiert die Geschichte solide, aber auch unspektakulär.

Blickt man aber auf Titel, die in diesem Frühjahr im literarischen Fokus stehen, etwa die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Anja Kampmann oder Tomer Gardi mit seinem wilden, im besten Sinne globalen Liefern, so bleibt bei Lukas Rietzschels Roman ein Gefühl der sprachlichen Bräsigkeit.
Gewiss, alles ist schon irgendwie in Ordnung, Anstrengungen für eine besondere sprachliche Gestaltung seines Plots unternimmt er aber nicht. Sanditz findet keine eigene, wiedererkennbare Sprache.
Überraschungsfrei schreitet der Plot in seinem Miteinander von Rückblenden und Gegenwart voran. Bis auf einen, einer erzählerischen Pointe wegen an seinem Dialekt zu identifizierenden Mannes klingen die Figuren bei Rietzschel alle gleich. Auch die Dialoge wirken wie erzählerischer Standard, statt diese zu nutzen, eine tiefergehende Psychologisierung der Figuren vorzunehmen.

Fazit

So bleibt am Ende von Sanditz das Gefühl eines ambitionierten Romans, dem ein Stück weit die erzählerischen Mittel und die Dringlichkeit fehlt, blickt man auf die Vielzahl zuvor erschienener Romane, die die Themen seines Romans schon weitestgehend abgegrast haben. Die Fülle an Themen kann den erzählerischen Durchschnitt leider nicht ganz wettmachen und so fehlt dem Buch etwas der Fokus, was wirklich schade ist, da Rietzschels junge Perspektive auf den Osten und seine Geschichte eigentlich so spannend sein könnte…


  • Lukas Rietzschel – Sanditz
  • ISBN 978-3-423-28516-2 (dtv)
  • 480 Seiten. Preis: 26,00 €

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit

Wie geht eigentlich Ruhestand? Das muss Tom Baldwin, der Held von R. C. Sherriffs Glücksfall von wiederentdecktem Roman Vor uns die Zeit erst noch lernen. Bis dahin leiden wir mit dem ehemaligen Angestellten mit, dem es sichtbar schwer fällt, sich mit der neugewonnen Freiheit zu arrangieren. Aber man wäre nicht in einem Roman von R. C. Sherriff, wenn sich nicht doch alles noch irgendwie fügen würde…


Es gibt gelungenere Symbole als das einer Uhr, die der Angestellte Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag von den Kollegen überreicht bekommt. Ist es ein Zeichen, dass seine Zeit abläuft, ein Hinweis auf die verbleibende Lebensspanne? Oder vielleicht doch eher ein Geschenk mit der Intention, dem Beschenkten vor Augen zu führen, wie viel Zeit er nun hat?

Dass es ganz schön schwierig sein kann, mit der nun neugewonnenen Zeit im Ruhestand umzugehen, das muss Tom Baldwin schon recht bald erkennen. Denn nun ist er auch tagsüber zu Hause in seinem kleinen Häuschen im Londoner Vorort Brondesbury Park zusammen mit der Hausangestellten Ada und seiner Frau Edith. Statt Harmonie und neugewonnener Zeit mehren sich aber schon bald die atmosphärischen Störungen zwischen den Eheleuten und mit der Hausangestellten.

Willkommen im Ruhestand

Dabei hatte er sich alles so schön ausgemalt, auch im Hinblick auf Vorbilder in Sachen Schaffenskraft im Rentenalter:

Das goldene Zeitalter lag für einen Mann, wenn er vernünftig gelebt hatte, zwischen sechzig und fünfundsiebzig. Männer hatten sich in dieser Zeit aus Tälern zu Berggipfeln emporgeschwungen. Hindenburg zum Beispiel, 1914 ein Soldat im Ruhestand, weltberühmt mit siebzig, Präsident von Deutschland mit fast achtzig. Oder Gladestone, der mit sechsundsiebzig an die Macht zurückgekehrt, mit , mit dreiundachtzig noch ein großer Premierminister war… oder Dutzend andere … Shaw schrieb mit siebzig Meisterwerke, und da war er, der als Pensionist nach Hause kam und dachte, er stünde mit achtundfünfzig mit einem Fuß im Grab!

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit, S. 22

Weder die Versuche des Studiums historischer Bücher noch die Gartenarbeit führen zu einem erfüllten Dasein Baldwins, im Gegenteil. Sogar bei so profanen Dingen wie der Nutzung eines Besens geraten sich die drei Hausinsassen in die Haare. Immer unglücklicher wird dieser Tom Baldwin und es scheint sich zu bestätigen, was ihm schon eine Zeitungsmeldung auf dem letzten dienstlichen Heimweg in der Bahn einst vor Augen führte. Denn damals stolperte er über die Zeitungsmeldung eines Mannes, der im Ruhestand angesichts des nun vor ihm liegenden unstrukturierten Zeithorizonts keine Lösung außer einem Suizid wusste.

Im Milieu der kleinen Leute

R. C. Sherriff - Vor uns die Zeit (Cover)

Ganz so dramatisch kommt es in R. C. Sherriffs Vor uns die Zeit aber nicht, da der Autor von einer großen Hingabe und Sympathie zu seinen Figuren getragen ist und diese mit Geschick und Wohlwollen durch die Handlung lenkt.

Wie schon bei seinem ersten wiederentdeckten Roman Zwei Wochen am Meer spielt auch dieser Roman im Milieu der kleinen Leute. Es sind keine spektakulären Wendungen oder Ereignisse, die der 1896 geborene Brite in den Mittelpunkt seiner Bücher rückt. Vielmehr sind es die kleinen Dinge im Leben wie ein Strandurlaub oder im vorliegenden Fall der Ruhestand und die Frage, welche Wagnisse man im gesetzten Alter noch einzugehen bereit ist.

Mit viel Liebe zu seinen Figuren beschreibt Sherriff in seinem 1936 unter dem Titel Greengates erschienenen Roman das vertraute Miteinander der Eheleute Baldwin, ihre kleinen und größeren Sorgen und Nöte – und gönnt ihnen einen Neuanfang zu zweit (ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen). Dabei lebt das Buch von seiner Atmosphäre zwischen den Figuren und dem Optimismus, der dem Buch trotz der leicht niederschmetternden ersten Hälfte doch innewohnt.

Neben der Wärme und dem Optimismus ist es aus heutiger Sicht auch eine ganz große Portion Nostalgie, die Vor uns die Zeit innewohnt. Denn nicht nur der Erzählton stimmt nostalgisch, auch der ruhige Gang des Lebens oder Umstände wie ein Renteneintritt mit 58 Jahren oder Kaufpreise von 850 oder 1100 Pfund für ganze Häuser in und um London herum lassen heute wehmütig schmunzeln bei der Lektüre.

Fazit

Wie schon in seinem ersten wiederentdeckten Roman ist auch Vor uns die Zeit (diesmal benachwortet wie auch übersetzt von Rainer Moritz , der einen besseren Job gemacht hat als sein Kollege der Übertragung von Zwei Wochen am Meer) ein warmherziger Roman aus der Welt der kleinen Leute.

Möchte man den Roman in der originellen Zuordnung einpassen, die eine der Romanfiguren, nämlich ein Pfarrer unter dem schönen Titel Bücher zum Lesen und Bücher zum Feuermachen anbietet, muss man Vor uns die Zeit unbedingt in die erstere Kategorie packen.

Eine wundervolle Wiederentdeckung ist dieses Buch – nicht nur für kurz vor der Rente stehenden oder in dieser Sinn suchenden Leser, sondern für alle Fans warmherziger und gut beobachtete Literatur der alten britischen Schule, wie sie auch ein J. L. Carr oder Reginald Arkell schrieben!


  • R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit
  • Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz
  • ISBN 978-3-293-00635-5 (Unionsverlag)
  • 336 Seiten. Preis: 26,00 €

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Rachel Khong – Real Americans

Was ist schon wirklich echt? In Real Americans blickt Rachel Khong auf drei Generation chinesischstämmiger Amerikaner*innen und beschreibt deren Leben und familiäre Wurzeln. Dabei braucht ihr Roman aber Zeit, bis er wirklich in Fahrt kommt.


Kann man einen Bestseller machen? Der Kölner Kiepenheuer und Witsch-Verlag übt sich dieser Tage in einem spannenden Experiment. Denn unter Federführung von Mona Lang, der Programmleiterin für Internationale Literatur, zieht der Verlag um den zweiten Roman der US-Amerikanerin Rachel Khong ein Marketing-Ballyhoo auf, wie man es selten zuvor gesehen hat.

Nicht weniger als ganz Deutschland soll Khongs Buch lesen, so hat es sich die Marketingkampagne zum Ziel gesetzt, die passenderweise auf den ambitionierten Titel Deutschland liest ein Buch hört.
Eine Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit, um über deren Ausspielwege das Buch zu bewerben, eine Karte, die auf Buchclubs, Buchhandlungen und Veranstaltungen rund um das Buch hinweist, dazu Zusatzmaterial für die gemeinschaftliche Lektüre und Diskussionen über Rachel Khongs Buch, das alles stellt der Kölner Verlag bereit, um das Buch aufmerksamkeitsökonomisch zu flankieren. Es scheint, als hätte man sich in Köln den Deichkind-Song Denken Sie groß wirklich zu Herzen genommen.

Deutschland liest ein Buch

Rachel Khong - Real Americans (Cover)

In vielen Buchhandlungen nimmt Rachel Khongs Roman schon einen prominenten Platz in der Auslage ein, auch Blogger*innen (inklusive meiner Wenigkeit) wurden großzügig mit eigens gestalteten Bloggerboxen bemustert. Es ist eine Strategie, die aufgeht.
Im Gegensatz zum althergebrachten Feuilleton der Printmedien ist Rachel Khongs Buch auf Instagram omnipräsent. Damit macht Kiepenheuer und Witsch wohl auch hier vieles richtig in Sachen Ökonomie, glauben doch auch Branchenkenner wie die Programmchefin des Claassen-Verlags, Miryam Schellbach, selber nicht mehr an eine verkaufsfördernde Rolle des klassischen Feuilletons (nachzulesen hier).

Stattdessen also ein Schwerpunkt auf digitales Marketing, dazu Präsenz an unterschiedlichen Orten und der fleißig ventilierte Wunsch, dass man mit dem Buch das Gespräch über Bücher wieder stärken möchte.

So ganz kann ich mich persönlich des Eindrucks aber nicht erwehren, dass das Buch trotz aller sicherlich richtigen Gründe auch ein Test ist, wie man sich im kriselnden Buchmarkt behaupten und Sichtbarkeit und finanziellen Erfolg gleichermaßen sichern kann. Auch in anderen Verlagshäusern dürfte man sicherlich genau beobachten, wie sich KiWi dabei schlägt.

Ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhält

Real Americans ist dabei ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhalten kann. Denn das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an und ist durchaus massenkompatibel. So fällt Khongs Roman fällt in die Kategorie des Great American Novel, der mit einer wenig anspruchsvollen Sprache nicht nur die typischen Leser*innen dieser Gattung von sich überzeugt, sondern auch auf jene junge Zielgruppe schielt, die die KiWi-Programmleiterin Mona Lang in ihrer zweiten Rolle als Programmleiterin des jungen, BookTok-affinen Labels KiWi Sphere betreut.

Man kann sich gut vorstellen, dass das Buch auf BookTok bestens funktioniert und sonst eher zielgruppenferne Leser*innen mit der Geschichte von drei unterschiedlichen Generationen chinesischstämmiger Menschen anspricht und überzeugt.

Los geht alles mit Lily, die ihre chinesischen Wurzeln abgesehen von ihrem Äußeren schon lange hinter sich gelassen hat. So ist sie in den USA aufgewachsen und spricht kein Kantonesisch, sodass ein Besuch in China Town immer zu einer peinlichen Sache gerät.
Wie viele andere junge, strebsame Menschen möchte auch Lily hoch hinaus – schafft es aber nur in architektonischer Hinsicht. Im Etagenbüro einer Medienagentur im Big Apple versieht sie einen Dienst als unbezahlte Praktikantin.

Ein Roman in drei Teilen

Das ändert sich, als sie Matthew kennenlernt, den jungen Spross der elitären Familie Maier. Sofort und ohne nennenswerte Widerstände entbrennt Matthew in seiner Liebe zu Lily und führt diese in seine Kreise ein, eine Hochzeit und Nachwuchs sollen wenig später folgen.

Ebenjener Nachwuchs bildet den Mittelteil des erzählerischen Triptychons, das mit einem zeitlichen Sprung einsetzt. Man erlebt nun Nic, den Sohn von Lily und Matthew und dessen Suche nach einem Platz im Leben. Tief taucht er in das studentische Leben ein und kämpft mit seinen beiden elterlichen Bezugspunkten auf jeweils ganz eigene Weise.

Den Schlussteil bildet dann die Erzählung von Mai, in der die chinesischen Wurzeln gründen, denen Tochter und Enkel in den beiden vorherigen Teilen immer wieder nachspüren und doch keinen schlüssigen Zugang zum eigenen Erbe finden.
Diesen Zugang bekommen sie und wir mit ihnen erst in diesem Teil der Erzählung, der zugleich der spannendste der drei Episoden ist. Denn wo Lily und Nick als vermeintlich echte Amerikaner aufwachsen, da wächst Mai im Schatten von Maos langem Weg in China heran. Armut und ein späterer Aufstieg durch Bildung, der durch das Treiben der Rotarmisten konterkariert wird, sie sind die prägenden Erfahrungen, die die junge Frau in China macht, ehe ihr die Flucht nach Amerika gelingt.

In diesem Teil fügen sich die zuvor berührten Brüche und offenen Fragen zu einem schlüssigen und durchaus dramatischen Erzählfluss, der die Statik der ersten Teile zumindest ein Stück weit wieder wettmacht. Die erlebten Extreme, das hierzulande recht unbekannte Kapitel der chinesischen Epoche unter Mao, die Erfahrungen als Migrantin in einem fremden Land und die begangenen Fehler, die sich doch mit Verzögerung rächen, so wie der Samen einer Lotospflanze auch Jahrzehnte nach seiner Ernte noch keimen kann, das gelingt Rachel Khong wirklich gut.

Ein Great American Novel mit chinesischen Wurzeln

Mal erinnert Rachel Khongs Erzählen an Richard Powers, mal gibt es einen Anklang an Taffy Brodesser-Akner, mal blitzt Min Jin Lee aus der Ferne auf.

Doch um an die ganz großen Namen der amerikanischen Gegenwartsliteratur anzuschließen, fehlt mir bei dem Buch in Teilen Tiefe und ein entschiedener genutztes Potential, das der Geschichte fraglos innewohnt.

Bis die interessanteste Erzählperspektive ins Spiel kommt, vergehen viele hundert Seiten, ehe es dann soweit ist und Mai loserzählen darf.
Spannende erzählerische Einfälle wie die verschobene Zeit-Wahrnehmung, die alle drei Generationen immer wieder als kurzzeitig stillstehend erleben, sie werden nicht in ihrer ganzen Tiefe ausgeschöpft, sondern hinterlassen den Eindruck, dass man aus so einem Einfall deutlich mehr hätte herausholen können.
Ziemlich ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Umstände, wie die sofortige Liebesgeschichte zwischen Matthew und Lily und arg große Zufälle in Sachen familiärer Zusammenführungen, sie lösen ein kleines Störgefühl aus, das aber durch den geschmeidigen erzählerischen Sog auch wieder besänftigt wird.

So schnurrt Real Americans geschmeidig vor sich hin und nimmt die Leser*innen mit nach Amerika und China, unterhält gut und bietet Dramatik, Liebe und familiäre Volten und dürfte damit viele Leserschichten ansprechen.

Ein Bestseller mit Ansage?

Bleibt nur noch die eingangs aufgeworfene Frage nach der Planbarkeit von Beststellern. Ist es möglich, Bestseller mit solchen orchestrierten Marketingkampagnen zu erzeugen? Offensichtlich ja, wie die Geschichte von Rachel Khongs Roman zeigt.
Real Americans ist nämlich bereits wenige Tage nach dem Erscheinen in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen und dürfte damit in leicht abgewandelter Form auch für weitere Kampagnen in anderen Verlagshäusern dienen, um sich ein Stück vom Kuchen in Sachen Verkaufszahlen und Sichtbarkeit zu sichern, den die landesweite Kampagnen um Rachel Khongs Buch damit verspricht.


  • Rachel Khong – Real Americans
  • Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
  • ISBN: 978-3-462-00572-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 528 Seiten. Preis: 24,00 €