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Giuseppe Tomasi di Lampedusa – Der Leopard

Zeit für einen echten Klassiker in der Buch-Haltung: Giuseppe Tomasi di Lampedusas Der Leopard, in einer Neuübersetzung von Burkhart Kroeber. Ein Meilenstein der italienischen Literatur und auch über 50 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch mehr als lesenswert.

Wir schreiben das Jahr 1860. In Italien regiert König Vittorio Emmanuele II.. In ganz Italien? Nein, die Macht des Königs bröckelt zusehends, denn die Truppen Garibaldis blasen zum Kampf auf die Monarchie. Die von Garibaldi angezettelten Unabhängigkeitskriege haben die Einheit Italiens zum Ziel. Denn noch ist Italien in einzelne Provinzen aufgesplittert. Im Norden bekommt man wenig vom Süden mit – und umgekehrt. Neapel und Sizilien sind eine eigenständige Provinz, die von Fürsten als Abgesandte des Königs verwaltet werden. So auch die Insel Salina, die dem König untersteht und die Don Fabrizio Corbera, dem Prinz von Salina, untersteht.

Don Fabrizio Corbera, der Leopard

Dieser lebt in mit seiner Familie in einem verwinkelten Palast auf der Insel. Seine Frau, seine drei Töchter, der verhätschelte Neffe Tancredi – alle haben Platz in dem hochherrschaftlichen Anwesen. Neben dem Hauptsitz der Familie gibt es auch noch ein weiteres Sommerdomizil im ländlichen Donnafuggata. Und überall prangt der Leopard als Insigne des Herrschers von Salina.

Doch ebenso wie die königliche Herrschaft über den Stiefelabsatz Italiens bröckelt, so schwindet auch die Kraft und die Macht des Leoparden. Garibaldis Truppen landen in Sizilien an und beginnen ihre Eroberungsfeldzüge, die später unter dem Begriff Risorgimento zusammengefasst werden sollten. Das Land ist im Umbruch, die alte Ständeordnung verliert zusehends an Bedeutung. Der Leopard kann sich damit nicht wirklich anfreunden. Er gibt lieber Bälle, geht auf die Jagd, besucht Laufhäuser in Palermo und pflegt den Lebensstil seiner Ahnen.

Ganz anders da sein Neffe Tancredi. Er sympathisiert mit den Truppen Garibaldis und wird Kämpfer in ihren Reihen. Auch sucht er das Glück in der Liaison mit der Tochter des Bürgermeisters von Donnafugata. Don Fabrizio sieht hier die neue Zeit heraufdämmern, in der wendige Menschen wie sein geliebter Neffe ihren Platz finden. Doch die Zeit des Leoparden, sie geht zuende, woran wir als Leser teilhaben.

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Buch ist ein Werk, das vom Werden und Vergehen kündet. Meisterhaft fängt er die alte, zerbröckelnde Welt der Monarchie ein. Symbolhaft der Palast des Leoparden, der langsam so zerfällt, wie es die royale italienische Welt auch tut. In der Gestalt des Tancredi stellt er zugleich einen wendigen und anpassungsfähigen Mann dem Leoparden gegenüber, der sich die Zukunft untertan macht.

Aus dieser Dichotomie zieht der Roman einen großen Reiz. Aber nicht nur in dieser Gegenüberstellung ist Der Leopard sehr präzise. Auch in der Darstellung der höfischen Welt, den Ritualen und des Alltags im Hause Salina ist Di Lampedusa ausnehmend detailfreudig. Förmlich meint man selbst mit dem Leopard durch Palermo und die Berghänge Siziliens zu streifen. Der auktoriale Erzähler führt kundig durch die Handlung und auch einige Vorgriffe in der Zeit (Sergej Eisenstein, Flugzeuge, etc.) hat di Lampedusa eingearbeitet.

Eine hervorragende Neuübersetzung

Die Qualität dieses Romans ist völlig offensichtlich- Di Lampedusa zeigt im Kleinen, wie sich die großen Machtverhältnisse ändern und umgekehrt. Besonders erhellend ist neben der fraglosen Klasse des Werks auch die Neuübersetzung und das Nachwort Burkhart Kroebers. In diesem schildert er die Motivation seiner Übersetzung (schließlich liegen schon zwei Übersetzungen durch Charlotte Birnbaum und Giò Waeckerlin Induni vor). Seine Bemühungen, die verschiedenen Sprachebenen und damit die ganze literarische Klasse des Werks zugänglich zu machen, sind absolut gelungen.

Fürderhin wird diese Übersetzung als Referenz gelten, davon bin ich überzeugt. Auch ist der Blick in die Übersetzerwerkstatt wirklich erhellend. Die Probleme bei einem Text, dessen Verfasser schon vor dem Erscheinen seines Werks verstorben ist, macht Kroeber nachvollziehbar deutlich. So schildert er die Schwierigkeiten des richtigen Titels (eigentlich wäre der titelgebende Gattopardo eher ein Pardellkatze oder ein Ozelot, oder wortspielerisch übertragen gar ein Katzopard). Er erzählt von Recherchen über schmerzensreiche und glorreiche Mysterien und dergleichen mehr.

Dieses Nachwort zu lesen ist eine wahre Freude und macht klar, welche Aufgabe die Neuübersetzung eines Klassikers bedeuten kann. Ein literarischer Diamant, der durch die Übersetzung Burkhart Kroebers wieder einen neuen Schliff und damit wirkliche Brillanz erhalten hat.


  • Giuseppe Tomasi di Lampedusa – Der Leopard
  • Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
  • ISBN 978-3-492-05984-8 (Piper)
  • 400 Seiten. Preis: 26,00 €

Ulrike Draesner – Kanalschwimmer

Wenn Grenzen verschwimmen

I salute at the threshold of the North Sea of my mind
And I nod to the boredom that drove me here to face the tide
And I swim, I swim, oh swim

Dip a toe in the ocean, oh how it hardens and it numbs
The rest of me is a version of man built to collapse and crumb
And if I hadn’t come now to the coast to disappear
I may have died in a landslide of rocks and hopes and fears

So I swim until you can’t see land
Swim until you can’t see land
Swim until you can’t see land
Are you a man? Are you a bag of sand?

Frightened Rabbit: Swim until you can’t see land

Are you a man? Are you a bag of sand? Charles, der Ich-Erzähler in Ulrike Draesners neuem Roman Kanalschwimmer ist sich da nicht mehr so ganz sicher.

Im Falle von Charles ist es nicht die Langweile, die ihn an die Nordsee getrieben hat, wie es die schottische Band Frightened Rabbit in ihrem Song besingt. Es sind viel tiefergehende Ereignisse, die ihn hierhergebracht haben. Hierher, das heißt die englische Küste vor dem Ärmelkanal.

Dort will er sich selbst stellen und hinterfragen. Nachdem seine Frau aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen ist, sucht er nun die ultimative Erfahrung. Ein Jugendtraum, der ihn seit seiner Kindheit und der damit verbundenen Mitgliedschaft im Schwimmverein von Camden umtreibt. Er will den Ärmelkanal durchschwimmen. 34 Kilometer offene See zwischen Dover auf der englischen und Cap Gris-Nez auf der französischen Seite. Der Kampf gegen das Meer und sich selbst. Charles wagt ihn, und wir als Leser*innen sind unmittelbar dabei.

Schwimmen – eine Erfahrungsgeschichte

Ulrike Draesner erzählt ihren Roman als große Erfahrungsgeschichte. Als Erfahrungsgeschichte des Schwimmens, als Austesten der eigenen Grenzen. Und als Erfahrungsgeschichte der eigenen Schmerzen, des Verdrängens, der nicht geschlossenen Wunden, die sich in der eigenen Biographie so verstecken.

Das tut sie, indem sie Gestern und Heute kunstvoll verschränkt. Der Kunstkniff, der durch die Verwendung in Virginia Woolfs Mrs Dalloway populär wurde, er funktioniert auch im Falle von Kanalschwimmer einmal mehr ausgezeichnet. Denn während Charles schwimmt und das Meer und die Widerstände seines Körpers zu überwinden versucht, erinnert er sich in zahlreichen Rückblenden

Er erinnert sich an die Freundschaft zu seiner späteren Frau Maude, ihrer Schwester Abbie und Silas, seinem besten Freund seit dem Camdener Schwimmverein. Die komplizierte Freundschaft der Vier mitsamt dramatischer Ver- und Entwicklungen, einer Art britischer Wahlverwandschaften, steht im Mittelpunkt der Erinnerung.

Schließlich hatten und haben die Freundschaften und ein verhängnisvoller Sommer auf der Insel Sylt im Jahr 1978 Auswirkungen. Auswirkungen, die Charles nun bis ins Wasser der Meerenge zwischen Großbritannien und Frankreich getrieben haben.

All das erschließt sich nur ganz langsam und erfordert ein absolut konzentriertes Lesen. Denn Ulrike Draesner kondensiert eine ganze Biographie, eine mehr als komplexe Freundschaft und eine sportliche Herkulesaufgabe auf lediglich 174 Seiten. Das Prinzip von knapper Rahmenhandlung und dafür umso intensiver und umfassender Binnenhandlung, es geht auf. Aber man muss am Ball bleiben und auch die stellenweise nur hingetupften Bemerkungen im Kopf behalten, um am Ende ein ganzes (sehr stimmiges) Bild zu erhalten.

Großartig erzählt, montiert & formuliert

Kanalschwimmer ist große Erzählkunst. Und das hat mehrere Gründe.

Denn da ist zum einen die oben schon geschilderte Montagetechnik, mit der die 1962 geborene Autorin arbeitet. Die Verschränkung von Gegenwart und Vergangenem und das Einbinden der Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms geht auf und ist plausibel. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen den Zeiten. Das Abgleiten in die Erinnerung, wenn Charles‘ Kraulzüge durch das Meer zu monton werden, das ist toll gemacht.

Hier in Frankreich in der Nähe von Dover möchte Kanalschwimmer Charles anlanden.

Auch ist es bewundernswert, mit welcher Akribie sich Ulrike Draesner in die Thematik des Schwimmens eingearbeitet hat. Das Schwimmen im offenen Meer im Allgemeinen und das Durchschwimmen des Ärmelkanals im Besonderen schildert sie detailreich und höchst plastisch, sodass man sich förmlich an der Seite Charles im Wasser spürt. Welche Regeln für die Anlandung auf der französischen Seite des Ärmelkanals gelten, mit welchen körperlichen Schwierigkeiten man zu kämpfen hat, wie das Wasser des Kanals beschaffen ist: all das erfährt man in Kanalschwimmer, ohne dass es den Lesefluss zu sehr behindert.

Und dann ist da neben der Form und dem Inhalt auch noch die Sprache, die ich besonders loben möchte. Denn mit ihr wird dieses Buch endgültig zu etwas ganz Besonderem. Denn mit abgegriffenen Sprachbildern oder standardisierten Formulierungen wie sie in der Gegenwartsliteratur häufig der Fall sind, gibt sich Ulrike Draesner nicht ab. Vielmehr findet sie neue Bilder, um Charles Kampf durch den Ärmelkanal zu schildern. Poetische Schilderungen, orthographische Spielereien, Rhythmisierung – Kanalschwimmer bietet unerhörten literarischen Genuss. Mit Charles durch das Meer und damit durch Draesners Prosa zu schwimmen, das ist einer große Freude.

Über Fossilien also paddelte er, über vorweltlichem, halb tropischem Laubwerk, steinzeitlichen Beilen und schaufelartig ausladenden, versteinerten Geweihen, über längst verwehten Bedürfnissen, Träumen und Seelen.

Draesner, Ulrike: Kanalschwimmer, S. 50

Oder noch eine andere Stelle, die mich begeistert und deutliche Bilder in mir geweckt hat:

Unter Wasser war der Regen wie verwandelt. Klopfte nur an, berührte, löste sich auf. So sanft. Zum zweiten Mal wurde diese Überquerung schön. Frohgemut stellte Charles sich vor, in einer mind zu treiben. Sein Körper verschmolz mit allem, was ihn umgab. Lautlos schoben große Schiffe sich hinter dem Tropfenvorhang durch die obere Welt. Er war durchlässiger geworden, vielleicht auch ein wenig löchrig, er spürte sie, ohne sie zu sehen.

Draesner, Ulrike: Kanalschwimmer, S. 83

Da verzeiht man ihr auch, dass es manchmal etwas zu viel des Guten ist.

Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer von Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert. Eine Welt ohne Schatten, glitzernd und dicht. Er war aufrecht in sie gefallen.

Draesner, Ulrike: Kanalschwimmer, S. 36

Solches Metapher-Dauergeprassel bleibt aber eine Ausnahme. Normalerweise sind ihre Bilder gut gewählt, dezent eingesetzt und lösten in mir durchaus Bilder und Szenen aus. Es macht großen Spaß, eine solch kreative Sprache lesen und genießen zu dürfen, die niemals zum Selbstzweck verkommt

Fazit

Man kann es meinen zahlreichen Worten zuvor schon entnehmen: ich bin von Ulrike Draesners Kanalschwimmer wirklich mehr als begeistert. Stil, Technik, Haltung: was beim Schwimmen gilt, ist auch im Falle des Buchs wichtig – und stimmt einfach. Hier schreibt eine tolle Autorin mit dem passenden Zugriff auf ihr Thema. Gehaltvoll, begeisternd und ihre Erzähltechnik wunderbar ausnutzend, wie das zuletzt einige weibliche Autorinnen taten (wie etwa Lize Spit in Und es schmilzt oder Dagmar Leupold in Lavinia). Große Literatur, sprachmächtig und souverän verschwimmend.

Finde im Übrigen nicht nur ich, sondern auch andere Blogger. Marina Büttner von Literaturleuchtet, Hauke Harder von Leseschatz und BooksterHRO.


Und jetzt – auch in Erinnerung des zu früh verstorbenen Frigthened-Rabbit-Sängers Scott Hutchinson der großartige Song, der mir während der Lektüre von Kanalschwimmer im Kopf umging.

Christoph Poschenrieder – Der unsichtbare Roman

Das Notizbuch [Gustav Meyrinks] ist auch deshalb interessant, weil darin Ideen und Entwürfe für andere (nicht realisierte) Romane festgehalten sind, darunter ein „Freimaurerroman“ – ein Projekt, an dem Gustv Meyrink wahrscheinlich in den Jahren 1917/18 arbeitete, das er aber schließlich wieder verwarf (…) die Informationen darüber sind spärlich …

Theodor Harmsen, in: Der magische Schriftsteller Gustav Meyrink

Das unvollendete und wahrlich apokryphe Romanprojekt von Gustav Meyrink steht im Mittelpunkt von Christoph Poschenrieders neuem Roman. Nachdem der Münchner Romancier mit seinem letzten Werk enttäuschte, legt er nun ein hochspannendes Buch vor. Ein Buch, bei dem die Form fast noch interessanter als sein Inhalt ist.

Das Buch kreist um jenen titelgebenden unsichtbaren Roman, den Gustav Meyrink 1917 produzieren soll. Der Schöpfer des Golems und anderer zumeist satirischen Werke gilt den Machthabern in Berlin als der richtige Mann. Er soll für das Kriegsministerium einen Roman verfassen, der eindeutig die Schuldfrage am Ersten Weltkrieg klärt. Propaganda, Deutungshoheit, Spin Doctors sind keine Erfindung unserer Tage. Auch schon im Großen Krieg wollte man die Deutungshoheit über die Geschehnisse behalten. Und so soll Meyrink eben ein Buch verfassen, das einer bestimmten Partei die Schuld für den Kriegsbeginn in die Schuhe schiebt. Der Vorschlag aus dem Kriegsministerium: die Freimaurer würden sich doch anbieten.

Eingedenk seiner finanziellen Situation (ein Bankrott in Prag liegt hinter ihm, der Starnberger See vor der Haustür seiner jetzigen Immobilie) willigt Meyrink ein. Doch dann das: völlige Schreibblockade. Das Einzige, das Meyrink gut von der Hand geht, ist die kreative Vertröstung seiner Auftraggeber. Doch ansonsten bleiben die Seiten weiß. Keine Ideen, kein Zugriff aufs Thema, keine Vision, was er mit dem Buch anstellen soll.

Von diesen Schreibblockaden erzählt Poschenrieder durchaus humorvoll. In einer eleganten Sprache, den hohen Ton wie zuletzt in seinem Buch Das Sandkorn suchend, wirft er einen Blick in Meyrinks Seele. Doch nicht nur von den Schreibblockaden erzählt Meyrink – auch das Leben und Schaffen dieses heute schon wieder fast vergessenen Autors erzählt Poschenrieder.

Meyrinks Werdegang ist genauso ein Thema wie die Münchner Räterepublik mit all ihren turbulenten Verwicklungen. So spielt neben Meyrink auch Erich Mühsam eine wichtige Rolle sowie sein Gegenspieler- der spätere erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, der den Freistaat Bayern proklamierte.

Eine Möbiusschleife als Vorbild

Ein spannendes Leben ist es, das Christoph Poschenrieder da schildert. Doch noch spannender scheint mir die Konstruktion seines Romans. Denn diese hat es in sich. So gibt es zum Einen erst einmal die in der 3. Person geschilderten Erlebnisse von Meyrink und seine Versuche, den vermaledeiten Roman zu Schreiben. Zum Anderen gibt es dann aber auch noch Erzählungen von Meyrink selbst, die dieser in der 1. Person aus der Ich-Perspektive schildert.

Dann ist Der unsichtbare Roman aber auch voll von Recherchenotizen und Trouvaillen, die sich während der Entstehung des Schreibprojekts angesammelt haben (so suggeriert es Poschenrieder zumindest in meinen Augen). Sie sorgen für so etwas wie Struktur im Roman, auch wenn die Verbindung von Recherenotiz und dem nachfolgenden Kapitel manchmal etwas versteckt erscheint.

Eine Erzählung wie eine Möbiusschleife

Und dann ist da zuvorderst natürlich das Ende des Romans, das eigentlich wieder den Anfang des Buchs bildet. Denn plötzlich gelingt es Poschenrieder, die vorher gelesenen circa 260 Seiten in neuem Licht erscheinen zu lassen. Wie bei einem Möbiusband verdrillt und verdrahtet er höchst geschickt die einzelnen Erzählstränge seines Buchs zu einem neuem Roman, der alles davor Gelesene in einen anderen Bezug setzt. Plötzlich ergibt zuvor scheinbar Sperriges oder Widersprüchliches einen neuen Sinn. Das ist schlau gemacht und erfordert nach der Lektüre eigentlich gleich einen zweiten Durchgang des Romans. Da Capo in Romanform könnte man sagen.


Hier findet Christoph Poschenrieder endlich wieder zu Spielfreude und einer tollen Montagetechnik zurück, die durch einen wirklich eleganten Erzählton zum Vergnügen wird, wenn man sich darauf einlassen möchte. Ein Buch, das an vorherige Glanzzeiten (hier sei Das Sandkorn und Die Welt ist im Kopf genannt) anschließt.

Sarah Perry – Melmoth

Zu Halloween gehört auch die passende Grusellektüre. In meinen Augen bietet sich da der neue Roman von Sarah Perry (Die Schlange von Essex) mehr als an. In Melmoth lässt sie eine Engländerin namens Helen über den Mythos der wandernden Melmoth stolpern. Kann die legendenumwobene Figur auch heute noch in den Gassen Prags umgehen?


„Sag mal, kennst du den Namen Melmoth?“

„Melmoth? Nein, nie gehört. Daran würde ich mich erinnern. Melmoth – das ist nicht tschechisch, oder? Aber englisch klingt es auch nicht …“ (…)

„Nein, natürlich nicht, und es ist kein Wunder – noch vor einer Woche hätte ich nichts damit anfangen können. Eine Woche, länger ist es nicht her!“ Wieder das freudlose Lachen. „Melmoth. Sie …“ Unbeholfen streichen Karels Hände über das Papier (…).

„Hast du je“, fragt er, „dieses Kribbeln im Nacken gespürt? Wenn die Haare sich aufstellen, als würde ein kalter Luftzug durchs Zimmer wehen, den niemand fühlen kann außer dir?“

Perry, Sarah: Melmoth, S. 20f.

Die wandernde Melmoth

Vor der Lektüre von Sarah Perrys Buchs hatte ich auch noch nichts vom Mythos des oder der wandernden Melmoth (das Geschlecht variiert je nach Variante) gehört. Im Buch erklärt Perry diesen Mythos wie folgt: Laut ihr geht die Figur der Melmoth auf eine biblische Erzählung aus dem neuen Testament zurück. Denn nachdem Jesus am dritten Tage auferstanden war, kamen der Sage nach Frauen an sein Grab, darunter auch Maria Magdalena. Die Frauen entdeckten das leere Grab und trugen – je nach ausgewähltem Evangelium – die frohe Kunde der Auferstehung Jesu weiter. Unter den Frauen war allerdings auch Melmoth, die die Auferstehung Jesu leugnete. Die Strafe erfolgte prompt – oder wie es ein Bauer im Roman erklärt, nachdem er gefragt wird, warum sich ein Stuhl auf seinem Acker befindet:

„Für die Reisende“ sagte er. „Für die Zeugin, die dazu verdammt ist, von Jerusalem nach Konstantinopel zu laufen und von Irland nach Kasachstan. Sie ist einsam bis in alle Ewigkeit, ausgeschlossen von Gottes Gnade und der Gemeinschaft der Menschen. Sie sieht alles und hat ihren Blick auch auf deine Sünden und deine Verfehlungen gerichtet. Selbst die Ruhepause des Schlafes hat Gott ihr genommen!“

Perry, Sarah: Melmoth, S. 51

Immer wieder in der Geschichte und in diversen Geschichten taucht diese Melmoth auf – mal weiblich, mal männlich. Am berühmtesten ist sicher der Roman Melmoth der Wanderer des irischen Schriftstellers Charles Robert Maturin. Diese Bearbeitung des Melmoth-Mythos gilt in der englischsprachigen Welt als einer der besten Schauerromane der Schwarzen Romantik.

Melmoth – eine Perle der Schwarzen Romantik

Original Frontispiz zu „Melmoth, der Wanderer“ von Charles Robert Maturin

Während auf deutscher Seite E.T.A. Hoffmann und seine Elixiere des Teufels oder Der Sandmann als stilprägend für diese Epoche gelten, ist es auf der Insel dieser Melmoth-Mythos, der genauso unsterblich wie seine im Kern stehende Figur ist. Sarah Perry stellt sich ganz bewusst in die Tradition dieses vor 190 Jahren erstmals erschienen Schauerromans, indem sie im Maturin in ihrer Buchwidmung bedenkt.

Von der Unsterblichkeit ihrer Melmoth ist auch bald Sarah Perrys Heldin Helen überzeugt. Diese hat sich eigentlich nach Prag zurückgezogen, um ihren eigenen Gespenstern aus der Vergangenheit zu entkommen. Doch dank der Freundschaft zu einem tschechischen Forscher gelangt sie an ein Manuskript. In diesem schreibt ein inzwischen greiser ein Deutsch-Tscheche namens Hoffmann (!) seine Lebensgeschichte auf, die in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Tschechiens zurückführt. Der alte Mann will jener Melmoth begegnet sein – und verstirbt kurz nach seiner schriftlichen Lebensbeichte in einer Bibliothek.

Angefixt von dieser Erwähnung setzt sich Helen immer tiefer mit dem Mythos auseinander. Immer wieder begegnen ihr die Spuren von Melmoth. Ob in einer apokryphen Janecek-Oper, Theodor Storms Schimmelreiter oder einem Kairoer Tagebuch. Von Zeit zu Zeit stoßen wir als Leser*innen im Buch auf lange schriftliche Auszüge aus den fiktiven Dokumenten, die sich mit Melmoth beschäftigen. So gibt es eben jene Hoffmann’schen Aufzeichnungen, einen Brief aus dem 17. Jahrhundert oder jenes oben erwähnte Kairoer Tagebuch. Bald schon hat auch Sarah das Gefühl, dass sie jemand verfolgt und ihre Spur aufgenommen hat. Ist Melmoth in den Gassen Prags unterwegs?

Auf den Spuren von Melmoth durch die Zeit

Sarah Perry will in ihrem Buch sehr viel. Die erfundenen Dokumente, die die Handlung ergänzen, reißen viele Themen an. Armenisch-türkische Zwistigkeiten im 20. Jahrhundert, Schrecken des Dritten Reichs, Leben in der Dritten Welt. Der Kleber, der diese Einzelepisoden zusammenfügt, er will nicht immer richtig halten. So ist dieses Buch stellenweise etwas unentschieden, welche Geschichte nun erzählt werden soll. Zwischen all den Einzelschicksalen und kurz skizzierten Personen geht der Schauder rund um Melmoth manchmal unter.

Dafür drückt Sarah Perry an anderen Stellen wieder ordentlich auf die Gruseltube. Dauernd fliegen Dohlen durch Prag oder klopfen an Fenster, wabert der Nebel oder knarren die Dielen der Altbauwohnung, die Helen von einer hochbetagten und eigenwilligen Dame gemietet hat.

Aus Theas Zimmer sind die langen, flachen Atemzüge der Schlafenden zu hören. Helen Franklin schaltet das Licht aus und zieht die Tür hinter sich zu. Auf dem Altstädter Ring ist alles still, nur der arme Märtyrer Jan Hus bekommt in Erwartung des Scheiterhaufens wieder mal kein Auge zu. Aber nein – vielleicht ist da nicht nur Jan Hus. Falls Sie aufgepasst haben, konnten Sie in einem Winkel des Hofes, den Helen gerade verlassen hat, eine schwarz gekleidete Gestalt erkennen; sie wacht und wartet geduldig auf den passenden Moment.

Perry, Sarah: Melmoth, S. 01

Die dunklen Seiten von Prag

Gerade die Stadt Prag ist auch so etwas wie die wichtigste Nebendarstellerin in Perrys Roman. Die Geschichte genau dort zu erzählen, ergibt nicht nur aufgrund der illustren Geschichte der Stadt Sinn. Auch spielen hier andere Geschichten, in deren Tradition Melmoth steht. Die wohl stärkste Assoziation in dem Buch hatte ich zu Gustav Meyrinks Roman Der Golem. Aber auch einen Abglanz des Prager Großschriftstellers Franz Kafka lässt sich in ihrem Buch finden, wenn man genau liest.

Die literarische Größe dieser Werke hat das Buch in meinen Augen nicht, dazu ist es eine Spur zu gefällig. Schön ist ihre dreiteilige Konstruktion voller Briefe und anderer erfundenen Quellen aber allemal. Und auch sehr stimmig, dass sich eine kommentierende Erzählstimme immer wieder einmischt, die die Leser*innen stilecht anspricht und so auch einen Hauch von Grusel erweckt.

Melmoth ist ein Roman, der sich großartig für die graue Herbstzeit oder einen Pragbesuch eignet, da er die dunklen Seiten der Stadt ergründet. Ein größtenteils gelungener Schauerroman, ein modernes Update von Charles Robert Maturins Buch und ein Titel, der sich auf einer literarischen Halloween-Feier durchaus gelungen integrieren lässt. Ein großes Lob auch an die ruckelfreie und vielstimmige Übersetzung durch Eva Bonné und die Entscheidung, das stimmungsvolle Originalcover der englischen Ausgabe beizubehalten.


Bildrechte:

Melmoth-Frontispiz: Von me – own scan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11891547

Titelbild: Pixabay, Prag: Pexels

Burkhard Spinnen – Rückwind

Eine moderne Variante des Hans im Glück erzählt Burkhard Spinnen in seinem Roman Rückwind. Er erzählt von Hartmut Trössner, dem der Erfolg unversehens vor die Füße fällt. Wie geht es einem, der zunächst alles gewinnt, um es dann wieder zu verlieren? Rückwind versucht darauf eine Antwort zu geben.


Die Energiewende: seit dem Reaktorunfall in Fukushima ein großes Schlagwort, das mit ebenso vielen Debatten einhergeht. Wie kann es gelingen, dass sich unser Strom aus erneuerbaren Energien speist? Dass fossile Brennstoffe wie Gas oder Erdöl obsolet werden?

Eine große Rolle spielt(e) in dieser Debatte die Windkraft. Doch während dank der bayerischen 10H-Regel der Ausbau der Windenergie gerade zu versanden droht (siehe hier), beschwört Burkhard Spinnen in seinem Buch die Glanzzeiten dieser Energiesparte noch einmal herauf.

Sein Held heißt Hartmut Trössner. Vom Vater als logischer Erbe der im Familienbesitz befindlichen Firma vorgesehen, hat er eigentlich keine Lust auf den Job. Lieber möchte er mit Freundin durch die USA reisen und sich in der Mimikry des American Way of Life versuchen. Doch die Nachricht vom Tod seines Vaters zwingt ihn zurück in die Heimat. Dort verkündet er in einem Moment kühner Selbstermächtigung, das Erbe seines Vaters antreten zu wollen.

Wider alle Vernunft setzt er auf das Thema Windenergie und Windräder, bei dem sich – Verzeihung – schon bald der Wind drehen soll. Der immer lauter werdende Ruf der Ökologie befeuert den Run auf regenerative Energie. Und so beginnt ganz unverhofft. der Aufstieg Hartmut Trössners in die unternehmerische Elite der Bundesrepublik. Eine bezaubernde Frau, politischer Einfluss, Eigenheim autark dank eigenes eingespeister Windenergie. Es scheint, als hätte dieser Mann den Rückenwind gepachtet. Wie ein Wiedergänger Utz Classens wirkt dieser Trössner zu seinen Bestzeiten. Doch dann Katastrophe, Absturz, Konfusion.

Eine Handlung im Rückwind

Wie es so weit kommen konnte, das muss man sich als Leser*in erst einmal erschließen. Denn Rückwind beginnt höchst konfus. Da erzählt einer von Hartmut Trössner, steckt dann aber auch noch als eine Art Über-Ich in Trössner selbst drin. Immer wieder springt dieser Erzähler zwischen personaler und auktorialer Schilderung hin und her. Die Welt ist im Kopf könnte man sagen, um mit einem Buchtitel Christoph Poschenrieders zu sprechen..

Wir lernen Hartmut Trössner kennen, der völlig verlottert und heruntergekommen gerade offenbar aus einer Anstalt oder einem Krankenhaus entkommen ist. Nachlässig gekleidet, mit einem wilden Vollbart wirkt er wie auf der Flucht. Nach dem Kauf eines Zugtickets begibt er sich auf die Reise nach Berlin. Dort im Zug lernt er eine junge Frau kennen, die ihm nach und nach die Geheimnisse seines Lebens entlockt. Dabei schwebt immer das kommentierende Über-Ich mit im Raum, das dieses Leben im Rewind- bzw. eben Rückwind-Modus noch einmal vom Spielfeldrand aus einordnet. Klingt zunächst kompliziert, ist es auch erst einmal, glättet sich dann aber doch schnell beim Lesen. Gerade die Rückblenden sind sehr verständlich – und auch an diese merkwürdige Erzählinstanz in Trössners Kopf gewöhnt man sich bald.

Schön ist es, dass Burkhard Spinnen sich im Vorfeld über die Konstruktion und Erzählweise seines Romans Gedanken gemacht hat. So hat dieser so doppeldeutig gewählte Titel Rückwind tatsächlich Einfluss auf die narrative Struktur. Hier kommen Form und Inhalt wirklich prima zusammen.

Obwohl es vordergründig natürlich vorwärts gen Berlin geht, springt das Buch in Wahrheit doch immer wieder zurück. So verfestigen sich die verschiedenen Facetten, die wir so als Leser*innen nach und nach erhalten, zu einem Bild. Und dieses Bild namens Rückwind ist dann doch überraschend vieles: so steckt in Spinnens Roman eine Mediensatire, ein Unternehmerroman, eine Geschichte der Windenergie, ein Männerporträt, eine leicht touchierte Geschichte der politischen letzten 30 Jahre BRD.

Fazit

Hier erzählt ein Autor, der seinen Stoff beherrscht (wenngleich für mich der Strang um die PPC-Erzählung und das Ende etwas überzogen und artifiziell wirkt, ohne hier zu viel verraten zu wollen). Gerne schaut man diesem Wunderkind Trössner zu, das doch in seinem Glück dazu verdammt ist, alles wieder zu verlieren. Sprachlich ist Spinnens Buch großartig und auch die Idee eines quasi dissoziativen Erzählers ist gut gemacht und überraschend. Ungewöhnlich und in meinen Augen definitiv ein übersehener Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises – all das ist Rückwind. Ein Buch, das viel Rückenwind und Aufmerksamkeit verdient.


Weitere Besprechungen des Buchs gibt es bei Stefan von Bookster HRO, Kulturnews und ein völlig konträres Urteil bei Deutschlandfunk Kultur von Enno Stahl.