Wann habt ihr das letzte Mal für eine Sache gebrannt? Eine Sache, für die ihr alles stehen und liegen gelassen habt? Eine Sache, die es euch wert war, alle Annehmlichkeiten hinter euch zu lassen? Eine Sache, die andere abgetan haben und euch belächelt haben?
Selbst nach einigem Nachdenken komme ich auf kein Anliegen oder kein Ding, für die ich so gebrannt hätte oder es mir vorstellen könnte. Ganz anders da der Maultierzüchter Cy Bellmann. Er ist nach der Lektüre eines Zeitungsartikel völlig entflammt. Im Westen der USA, dem großen unbekannten Land, wurden gigantische Knochen entdeckt, so heißt es. Diese Meldung lässt Bellmann keine Ruhe, und so begibt er sich auf eine Reise, auf der er alles hinter sich lässt, was ihm einmal etwas bedeutet hat.
Unterwegs gen Westen
Sie ihn dir genau an, Bess, diesen einfältigen Menschen, meinen Bruder John Cyrus Bellman. Einen größeren Dummkopf wirst du nie wieder zu Gesicht kriegen. Wenn man mich fragt, zählt er ab heute zu den Verlorenen und Verrückten. Erwarte nicht, ihn jemals wiederzusehen, und wink ihm bloß nicht hinterher, sonst glaubt er am Ende noch, du wolltest ihm deine besten Wünsche mit auf die Reise geben. Und jetzt komm ins Haus, mein Kind, mach die Tür hinter dir zu und vergiss ihn.
Davies, Carys: West, S. 9
In der Folge strickt Carys Davies eine Novelle, die Bellmann bei seinem Zug in den Westen beobachtet. Unterstützung bekommt er bei seiner Reise von einem jungen Indianer, der den etwas irreführenden Titel Alte Frau aus der Ferne trägt. Diese beiden reisen unbeeindruckt von Schnee, Hitze, Dürre und sonstige Unbill immer weiter gen Westen.
Derweil harrt seine Tochter Bess daheim aus, die Cy Bellmann der Obhut seiner Schwester überantwortet hat. Doch diese Obhut ist mehr als trügerisch. Denn nicht nur Bellman sieht sich Gefahren ausgesetzt – auch Bess daheim ist bedroht. Und so schafft es Carys Davies, immer wieder zwischen diesen beiden Strängen hin- und herzuwechseln, um sie in einem filmreifen Duell münden zu lassen.
Die Aussparungen ergeben das Bild
West ist ein Buch, das mit Aussparungen arbeitet. Wie im Zeitraffer fasst sie die Reise Bellmans zusammen, die Jahreszeiten folgen rasch aufeinander. Auch Bess‘ Geschichte wird eher in Schlaglichtern denn in einer wirklichen Sequenz erzählt. Wer ein Breitwandpanorama und süffig erzählte amerikanische Entdeckergeschichte lesen möchte, der wird West nicht wirklich bestrickend finden. Für solche Leser*innen empfehle ich lieber das grandiose Butcher’s Crossing von John Williams.
Hier gehören die Aussparungen auch zum erzählerischen Konzept, die den Leser*innen viel Raum für die eigene Fantasie lassen. Auch sprachlich ist West eher reduziert – die blumigen und bunten Panoramen, die das Cover verspricht, löst das Buch so nicht ein. Carys Davies ist eher eine Freundin von nüchterner Klarheit (Übersetzung durch Eva Bonné)
Auch gelingt es der Britin nicht wirklich, die Motivation ihres Helden für die Reise nachvollziehbar zu schildern. Sie ist damit aber auch in guter Gesellschaft. Auch anderen Aufbruchsromanen wie Stefan aus dem Siepens Das Seil oder Lukas Bärfuß‚ Hagard ist dieses Problem zu eigen. Kann man eine solche innere Flamme, die einen zu extremen Taten treibt, nachvollziehbar und literarisch adäquat schildern?
West gelingt es auf alle Fälle nicht, das steht für mich fest. Dass eine einzige kleine Randnotiz in einer Zeitung Bellmans Reise auslöst, das wirkt im Gesamtkontext des Buchs etwas unglaubwürdig und überzogen. Eine Reisemotivation, die sich aus Knochenfunden speist? Um das glaubwürdig zu belegen, blickt Carys Davies zu wenig in ihre Figuren hinein.
Fazit
Doch auch so unterhielt mich West gut, das für mich wirklich eher eine Novelle denn ein Roman ist. Ein Buch, das einen DER amerikanischen Urmythen anhand eines Einzelschicksals noch einmal beleuchtet. Begeisterungsstürme konnte das Buch aufgrund der oben geschilderten Mängel nicht auslösen, aber eine schöne Lektüre für Zwischendurch ist das Buch allemal!
Das Theater: seit der Antike künstlerisches Mittel, um die Welt zu verstehen. Diskurs, Unterhaltung, manchmal auch Langeweile. Das Theater liefert(e) zuverlässig Impulse für Geist und Gesellschaft. Auch ich kann mich dem Reiz des Theaters nicht entziehen. Als fleißiger Abonnent besuche ich so oft wie möglich die Spielstätten des hiesigen Staatstheaters und habe da auch schon alles erlebt: von großartigen Abenden bis hin zu öden Absitz-Orgien reicht die Spanne meiner Theatererfahrungen.
Umso gespannter war ich auf Noelle Revaz‚ Roman Efina, der von der Anziehung des Theaters und der Menschen erzählen will. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wörtchen Will. Denn die Lektüre dieses Buchs enttäuschte mich sehr und löste keines der Versprechen ein, die die Beschreibung des Buchs in mir weckten.
Dem Buch zugrunde liegt die Anziehung von Efina und T, die phasenweise auch zu einer Beziehung wird. Seit Efina T auf der Bühne eines Theaters gesehen hat, ist sie von dem Schauspieler nahezu besessen. Die beiden schreiben sich gegenseitig Briefe. Wie zwei Planeten umkreisen sie sich beständig. Ziehen sich mal an, stoßen sich dann wieder ab. Efina bekommt ein Kind, heiratet, T lässt seine Glanzzeiten als Schauspieler hinter sich, die Jahre gehen ins Land. Doch die beiden verlieren sich nie aus den Augen. Mal verspüren sie für einander nur Verachtung, dann ist Efina wieder voll des Begehrens. Es sind schwierige Dynamiken, die auf die Konstellation Efina und T einwirken.
Leider hat man das Gefühl, dass sich Noëlle Revaz kaum für ihre Figuren interessiert – beziehungsweise diese selbst nicht wirklich ausstehen kann. Sehr oberflächlich rast sie auf den 192 Seiten durch das Leben von Efina und T. Wärme, Humor, Empathie, all das vermisste ich das ganze Buch hindurch. Stattdessen sind ihre Figuren, ihre Szenen und auch ihre Sprache (Übersetzung aus dem Französischen von Andreas Münzner) so karg, wie es viele Bühnenbilder zeitgenössischer Theateraufführungen sind. Alles steht etwas unmoderiert im Raum herum, Bezüge sind auf den ersten Blick nicht immer herzustellen.
Keine Liebe für Revaz‘ Figuren
Ein Kind rutscht aus Efina heraus, T vagabundiert als aufgedunsener und verlotterter Clochard auf einer Parkbank vor sich hin. All das wird so unbeteiligt, so kalt geschildert, dass sich bei mir oft ein Unverständnis einstellte. Dass T nicht einmal einen vollen Namen oder einen biographischen Hintergrund spendiert bekommt, das ist für mich symbolisch für den ganzen Roman. Oftmals übergriffig, eklig und als einen aus der Zeit gefallenen Don Juan, so inszeniert Revaz hier ihren alten weißen Mann T. Wer Identifikationsfiguren in Büchern braucht, um in die Geschichte einzutauchen – hier würde er keinesfalls fündig.
Mehr als für ihre Figuren interessiert sich Noëlle Revaz eindeutige für Hunde und ihre Hinterlassenschaften, die in dem schmalen Text einen großen Raum einnehmen. Seitenweise und minutiös wird geschildert, wie der Hund sein Wasser abschlägt, ob Eiterverkrustungen an den Augen vorliegen oder wie Efinas Mann den Kotbeutel befüllt und dergleichen mehr. Abgesehen davon, dass mich solche mehrseitigen Abhandlungen wirklich nicht interessieren, lassen sie auch eine Unwucht im Gefüge des Romans entstehen. Denn eigentlich wollte ich von der Magie des Theaters lesen, vom Schicksal eines Schauspielers, von den Brettern, die die Welt bedeuten.
Aber davon findet sich kaum etwas im Text. Besonders schade, da die Schweizerin Noëlle Revaz ja selbst Regisseurin ist und so eigentlich einen spannenden Zugriff auf das Thema Theater hätte. Stattdessen fand ich noch etwas anderes im Text.
Karge Sprache, schiefe Bilder, unpräziser Zugriff
Ich fand viele Metaphern und Bilder im Text, mit denen ich nichts anfangen konnte. Frauen werden da wie Pfannkuchen im Bett gewendet, Herzen vergießen Tränen, eine Liebe königlichen Ausmaßes breitet ihre Flügel aus. Sprachlich ist das Buch für mein Empfinden sehr unpräzise, was nur in geringem Umfang an der Übersetzung liegen durfte (zwar spricht man im Deutschen doch wohl eher von der Sperrstunde, denn von der Polizeistunde (S.186), aber solche Kleinigkeiten sind geschenkt).
So gerät T ins Visier eines Regisseurs, der gerade en vogue ist, der in den Zeitungen und im Radio besprochen wird, der sich aber nicht mehr an T erinnert. Bis er ihm in einem Saal begegnet und an seinem ganzen margeren Leib und durch alle seine Brillengläser hindurch die Bestie zu spüren bekommt, die der große Schauspieler noch immer ist. Die Bestie, das Ungetüm, das Tier. Den Affen, den Gorilla, den Orang-Utan. Die Seekuh, das Mammut.
Revaz, Noëlle: Efina, S. 126 f.
Ja was denn nun? möchte man Revaz fragen. Sie schichtet Bilder um Bilder übereinander, die sich teilweise widersprechen (was ist denn T mit seiner Schauspielkunst nun? Mammut oder Gorilla?) und verpasst es es durch diesen Bezeichnungswust, prägnante Bilder und Formulierungen zu finden, die sich einprägen. Vieles bleibt Behauptung, nichts wird nachvollziehbar hergeleitet.
Fazit
So hinterlässt Efina bei mir nur viel Ratlosigkeit. Hundekot, ein Figurenensemble ohne Wärme und keine wirkliche Liebeserklärung ans Theater – Noelle Revaz‘ Roman ist für mich leider gescheitert. Aber ganz unversöhnt möchte ich Sie und euch als Leser*innen auch nicht aus dieser Kritik entlassen. Denn es gibt ein Buch, das den Zauber des Theaters bzw. den der Oper meisterhaft einfängt. Dieser Roman heißt Opernroman und stammt von der grandiosen Petra Morsbach. Dieses Buch hat all das, was Noelle Revaz‘ Werk fehlt.
Alles begann vor einem Jahr vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm, genauer gesagt am 20. August 2018. Damals begann Greta Thunberg ihren Schulstreik, der sich binnen einen Jahres zu einem weltweiten Phänomen entwickelt hat. In über 125 Ländern gingen und gehen Menschen auf die Straße, um für mehr Klimaschutz und Naturschutz zu protestieren. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die von Thunberg angestoßene Bewegung im weltweiten Earth Strike am 27. September dieses Jahres. Millionen Menschen beteiligten sich weltweit an den Protesten – zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte gingen Menschen auf allen fünf Kontinenten für ein- und dasselbe Anliegen auf die Straßen.
Der Klimastreik von Greta Thunberg
Eine ungeheuer große und einflussreiche Bewegung ist unter dem Stichwort Fridays for Future entstanden. Doch auch andere Bewegungen, die sich dem Umweltschutz verschrieben haben, erhalten immer mehr Zulauf und Reichweite. Hier wäre an erster Stelle die Gruppe Extinction Rebellion zu nennen. Diese fällt immer wieder mit Aktionen auf, die Bewusstsein für die Klimakrise und das Artensterben schaffen sollen. Die Aktionen reich(t)en von einer Blockade des Großen Sterns in Berlin bis hin zu einer versuchten Lahmlegung des britischen Flughafens Heathrow.
Abgesehen von drastischen Bildern, die bei den Demonstrationen erzeugt wurden, blieb dieser zivile Ungehorsam friedlich. Aber je dramatischer die Klimakrise wird, desto eher ist ein Kippen dieses Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse möglich. Durch eine mögliche Konkurrenz der verschiedenen Umweltschützer*innen ist eine Radikalisierung denkbar.
Wenn Umweltschutz gewalttätig wird
Doch was ist, wenn Protest plötzlich gewalttätig wird? Wenn Anliegen nicht mehr mit Worten und Widerstand, sondern mit Waffen ausgetragen werden? Wenn der Umweltschutz zum Kampffeld wird, bei dem Anliegen mit Mitteln des Terrorismus durchgesetzt werden?
Dieser Frage geht der norwegische Autor Gert Nygårdshaug in seinem geradezu prophetischen Roman Mengele Zoo nach. Ein weiterer Beitrag der Reihe #norwegenerlesen.
Er hatte begriffen, dass es wohl kaum einen weiteren Weltkrieg geben würde. Doch ein anderer Krieg stand bevor: der systematische Terror gegen alle, die die Macht zur Zerstörung, Verpestung und Unterdrückung besaßen, die die Wichtigkeit der Ameisenwanderungen genauso wenig verstanden wie die sanfte Kommunikation der Blätter, die untrüglichen Sinne der Tiere und die lebensspendende Notwendigkeit eines allumfassenden Ganzen. Er hatte gelernt, dass es Zusammenhänge gab, Ketten, die in einem langwierigen Prozess über Jahrmillionen geschmiedet worden waren und dass diese Ketten in einer blinden, sinnlosen Jagd nach Geld brutal auseinandergerissen wurden. Es gab keine Gnade. Es konnte keine Gnade geben.
Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 290 f.
Wer hier so radikal denkt, das ist der Held von Gert Nygårdshaugs Roman Mengele Zoo. Mino Aquiles Portoguesa wächst im Regenwald auf. Seinen Vater unterstützt der kleine Junge bei der Jagd auf exotische Schmetterlinge, die er zusammen mit ihm präpariert und dann verkauft. So bessern die beiden das karge Familieneinkommen auf.
Aus dem Regenwald zum gesuchten Terroristen
Doch das abgeschiedene Dorf im Regenwald ist bedroht. Amerikanische Firmen und einheimische Machthaber betrachten den Regenwald als gigantische Rohstoffquelle, deren Schutz zu vernachlässigen ist. Das muss auch die Dorfbevölkerung erfahren, die der Industrie ein Dorn im Auge ist. Dem Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen die Zerstörung ihrer Heimat setzen die Machthaber Gewalt entgegen. Immer brutaler werden die Einschüchterungsversuche, bis das ganze Dorf mit seinen Bewohnern von der Armee dem Boden gleichgemacht wird. Nur Mino überlebt per Zufall diese „Säuberung“ – und tritt zutiefst verstört die Flucht in den Regenwald an.
Per Zufall kreuzt er dabei die Wege eines Gauklers und Zauberers. Dieser nimmt ihn unter seine Fittiche und lehrt ihn die Kunst der Illusion. Doch auch dieser Lebensabschnitt findet bald ein jähes Ende. Immer wieder erhält Mino auf seiner Odyssee Nackenschläge, die meist mit ausbeuterischen Firmen und Invasoren zu tun haben. Korrupte Beamte und ihre Machenschaften nähren in Mino die Flamme des Widerstandes, die bald immer heller und heller leuchtet.
Als er auf seinem Lebensweg drei weiteren Ausgestoßenen begegnet, reift in ihm ein Plan: allen Firmen und Menschen, die Raubbau an der Natur und seinem geliebten Regenwald begehen, will er das Handwerk legen. Zusammen mit seinen Freunden avanciert er unter dem Logo des blauen Mariposa-Schmetterlings zum Ökoterroristen. Ein Tetrapode, also ein vierseitiger Wellenbrecher, wird zum Symbol der vier Freunde. Gegen alle Widerstände halten sie zusammen und dehnen ihre Aktivitäten in alle vier Himmelsrichtungen aus.
In Japan, in Afrika, in Deutschland, in den USA – immer wieder schlagen Mino und seine Gefährten zu. Ihre brutalen Attentate sorgen für Schlagzeilen – und sorgen auch für viel Sympathie und Unterstützung weltweit.
Ein Terrorist als Sympathieträger
Für Mino ist die ganze Welt ein Mengele Zoo. In dem perversen deutschen KZ-Arzt, der auch in Südamerika untergetaucht war, finden die Freunde ein Bild für die aus den Fugen geratene Welt:
„Mengele Zoo“ sagte Ildebranda. „Du hast was von Mengele Zoo gefaselt.“ (…)
„“Experimentos Menge em Jungela“ von Professor Gello Lunger. Darin steht, dass dieser Nazi-Doktor ganz Südamerika zu seinem privaten zoologischen Garten machen wollte. Mengele Zoo. Haha! Inzwischen ist die ganze Welt ein einziger großer Mengele Zoo. Auch ohne Mengeles Hilfe. Ein groteskes Irrenhaus, in das wir hervorragend hineinpassen. Prost!“
Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 214 f.
Nun ist es ja immer ein Unterfangen, einen Terroristen, der außerhalb unseres Wertesystems agiert, zum Helden eines Buchs zu machen (oder im Falle von Mino sogar von vier weiteren Büchern). Mitgefühl und Sympathien für einen Attentäter, der Menschen ermordet und zum Erreichen seiner Ziele über Leichen geht?
Das funktioniert bei Mengele Zoo aber wirklich gut, da man sich mit Minos Zielen durchaus identifizieren kann. Der Schutz des Regenwaldes ist ein Thema, das bei uns nicht zuletzt durch die verheerenden Brände im Amazonas und das Agieren des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro in den globalen Mittelpunkt gerückt ist. Die Bilder und Nachrichten, die uns aus Südamerika erreichen, lassen Minos Motivation mehr als einleuchtend erscheinen.
Und da sind dann auch noch die Gegner, die mehr als nebulös bleiben, sodass sich das Mitgefühl mit ihnen in Grenzen hält. Die Vertreter mächtiger Konsortien und Industrieriesen, die die Natur ausbeuten, bekommen selten mehr als einen Namen verpasst. Sie sind mit recht grobem Pinsel gemalt, sodass Gert Nygårdshaug hier einem möglichen Gewissenskonflikt aus dem Weg geht. Diese schattenhaften Figuren tun Böses, also müssen sie gestoppt werden. In der Logik des Romans funktioniert das sehr gut und nachvollziehbar.
Ein prophetischer Roman
Apropos grober Pinsel: Manche Wendungen in Minos Leben erscheinen im Roman zu künstlich konstruiert und ab und an neigt Gert Nygårdshaug auch dazu, alles etwas überzuerzählen. Show, don’t tell berücksichtigt der norwegische Autor nicht immer. Ein kleines Beispiel hierzu:
Als sich Orlando auf dem Weg hinaus noch einmal umdrehte, um dem jungen Wachmann einen besonders strengen Blick zuzuwerfen, zwinkerte dieser und hielt unauffällig den Daumen nach oben. So wusste Orlando, dass er sich auf ihn verlassen konnte
Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 258
Solche Stellen sind insgesamt gesehen aber wirklich in der Minderheit. Ansonsten besitzt das Buch einen wirklichen Erzählfluss. Die Bilder aus dem Regenwald erinnern so manches Mal an Gabriel Garcia Marquez‚ Epos Hundert Jahre Einsamkeit. Der Plot besitzt Tempo und Drive – und einen Helden, der die Geschichte trägt. Mengele Zoo bietet immer wieder Reflektionen und Anknüpfungspunkte in unsere Gegenwart hinein. Das Buch ist ein wirkliches Lesevergnügen, das eine große gesellschaftliche Relevanz besitzt.
Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug
Die größte Überraschung allerdings birgt ein Blick ins Impressum. Dieser so hochaktuelle Roman, der wie für unsere Tage geschrieben erscheint mit all den Problemen rund um den Imperialismus, den Regenwald und Naturschutz, erschien – man muss wirklich staunen: im Jahr 1988. Man kann es nur noch einmal sagen: 1988!
30 Jahre alt – und so aktuell wie nie
Die im Buch beschriebenen Probleme sind seitdem nicht verschwunden, sondern im Gegenteil, nur noch schlimmer geworden. Ein brasilianischer Präsident, der die letzten geschützten Refugien und Reservate im Regenwald aufgibt, damit dort Gold geschürft werden kann und die Bäume gerodet werden. Ein amerikanischer Präsident, der diese aggressive Art der Umweltzerstörung gutheißt und unterstützt. Man schämt sich, dass wir seitdem offenbar immer noch nicht schlauer geworden sind und derart mit unserer Lebensgrundlage Natur umgehen.
Eine Sache hat sich nun aber 30 Jahre später getan. Dieser erstaunliche Roman, der in Norwegen zum „besten norwegischen Buch aller Zeiten“ gewählt wurde, liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. 30 Jahre lang blieb das Buch unübersetzt, ehe nun extra für diese Übertragung von der Übersetzerin Babette Hoßfeld und Mitstreiter*innen der Verlag Vida Verde gegründet wurde. Die weiteren Bände der Mino-Reihe sollen in diesem Verlag nun ebenfalls erscheinen. Sollten sie auch nur annähernd so mitreißend und auf der Höhe der Zeit sein, wäre das einen wirklicher Glücksfall und eine echte Entdeckung. Hier lohnt es sich wirklich, das #norwegenerlesen!
Bildinformationen: Greta Thunberg: Quelle Anders Hellberg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77270098)
Gert Nygårdshaug: Quelle Bjørn Erik Pedersen, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16532963)
Einen Brief schreibt man ja eigentlich, damit er gelesen wird. Der Sender hat eine Botschaft, die er dem Empfänger mitteilen möchte. So simpel ist zunächst einmal das grundlegende Kommunikationsmodell. Doch was ist, wenn ein Sender einen Brief schreibt mit dem Wissen, dass ihn der Empfänger gar nicht lesen kann oder wird? Dann entsteht eine Unwucht im Kommunikationsmodell – oder im Fall von Ocean Vuong erstaunliche Literatur.
Denn das lyrische Ich in Vuongs Debüt beschließt, einen Brief an die eigene Mutter zu verfassen, die er im Lauf dieses Brief-Romans immer mit „Du“ adressiert. Doch die vietnamesische Mutter ist des Englischen nicht mächtig, weshalb sie den Brief nicht lesen wird. Im Wissen um diese Nichtkommunikation entsteht so ein Dokument, das ich als Akt der Befreiung und als radikale Selbstentblößung las.
Es ist eine allseits beliebte Frage, die beim Reden über Bücher zumeist als erstes gestellt wird: Worum geht es in dem Buch? Auf Erden sind wir kurz grandios macht es den Leser*innen da alles andere als einfach. Denn die Themen in Vuongs Buch sind ebenso vielfältig wie kaum kategorisierbar.
Da ist zum einen das Grundgerüst eines Briefs an die eigene Mutter, der sich zu einem Familiengemälde über drei Generationen entwickelt. Denn die Großmutter Lan und die Mutter des Erzählers lebten in Vietnam, ehe sie die Flucht in die USA antraten. Dort wächst dann der Erzähler heran, der mit der amerikanischen Kultur und Sprache sozialisiert wird. Wurzeln schlägt er dort aber keine, ist vielmehr das Opfer von Ausgrenzung und Schikane.
Blick auf die USA – und auf Vietnam
Dann ist das Buch aber auch ein eindringliches Portrait der USA im 21. Jahrhundert mit einem genauen Blick auf diese Menschen, die abseits der Ballungszentren leben und oftmals vergessen werden (man denke nur an Hillbilly Elegie von J. D. Vance). Die massenhafte Opioidkrise, die Millionen Tote forderte ist genauso ein Thema wie die Frage, wer in der weißen Mehrheitsgesellschaft der USA Repräsentation genießt.
Sein Buch ist eine präzise Auslotung des amerikanisch-vietnamesischen Verhältnisses, das so manches Mal erstaunliche Parallelen hervorbringt.
1997: Tiger Woods [der wie der Erzähler über vietnamesische Wurzeln verfügt] gewinnt das US-Masters, seinen ersten großen Titel im professionellen Golf.
1998: Vietnam eröffnet seinen ersten professionellen Golfplatz, angelegt auf einem ehemals von der U.S. Air Force zerbombten Reisfeld. Eines der Grüns entstand durch die Aufschüttung eines Bombenkraters.
Vuong, Ocean: Auf Erden sind wir kurz grandios, S. 74
Denn allmählich setzt in der amerikanischen Literatur eine spannende Entwicklung ein. Migrantische Stimmen werden lauter, die die Beziehung Vietnams zu Amerika nun auch aus der Sicht des damaligen Kriegsgegners beleuchten. So schaffen sie eine dringend nötige Gegenperspektive zu einer Erzählung, die bislang rein amerikazentriert stattfand. Vor allem Viet Thanh Nguyen und seine Bücher (Der Sympathisant bzw. Die Geflüchteten) wäre in dieser Reihe zu nennen, in der nun auch Ocean Vuong steht.
Dokument einer Selbstermächtigung
Doch nicht nur ein Blick auf die vietnamesische und amerikanische Gesellschaft ist der Roman von Ocean Vuong. Der Brief ist auch ein eindringliches Dokument einer Selbstermächtigung.
Denn Vuong hat nicht nur mit seiner migrantischen Identität zu kämpfen. Auch ist er homosexuell und berichtet von seinem Coming Out bzw. seiner sexuellen Initiation. Einmal bezeichnet sich der Erzähler auch als „queere, gelbe Tunte“ (S. 177), also ein doppelt ausgestoßener Mann, der auch an dieser Front um seine Selbstbestimmung kämpfen muss.
Umso erstaunlicher, wie souverän das lyrische Ich die unsichtbaren Fesseln abgelegt hat und sich radikal selbst entblößt. Die Tatsache, dass seine Mutter den Brief nie wird lesen können, ist in dem Falle eine große Befreiung. Immer wieder unterbrechen Reflexionen sein Schreiben, das sich auch klar erkennbar auf Denker*innen wie Roland Barthes oder Simone Weil beruft. Gerade Roland Barthes Tagebuch der Trauer, verfasst nach dem Tod von dessen Mutter, wird zum Auslöser, den Brief zu verfassen.
Ich weiß nicht, ob du glücklich bist, Ma. Ich habe nie gefragt.
Vuong, Ocean: Auf Erden sind wir kurz grandios, S. 43
Hier stellt sich ein Erzähler den Wunden der eigenen Vergangenheit und beschäftigt sich mit diesem akuten Thema Herkunft.
Die Frage der Identität
Apropos Herkunft: dass gerade Saša Stanišić , Verfasser eben jenes Werks, auf der Rückseite des Buchs mit einem Blurb vertreten ist, ist kein Wunder. Denn beiden Autoren ist viel gemein. Zum einen die migrantische Identität, die für ihre Prosa entscheidend ist. Und zum anderen auch die Herangehensweise an das Thema, das man kaum linear und chronologisch bezwingen kann. Wer bin ich, wo komm ich her, was macht mich aus? Diese Frage ist in der Literatur dies- und jenseits des Atlantiks von immer größerer Brisanz, je mehr das Thema Migration an Bedeutung gewinnt.
Zudem spielt in meinen Augen auch eine Rolle, dass sich junge Migrant*innen langsam auch mehr Repräsentanz in der Literatur erkämpfen. Früher marginalisierte Gruppen bekommen eine Stimme, bringen sich in die Diskurse ein und bereichern so die Literatur. Wenn man der These folgt, dass Literatur immer auch Gedächtnis sei, so erweitern wir unseren Wissensspeicher gerade durch solche Stimmen wie Stanišić oder Vuong immens. Eine Entwicklung, die mehr als notwendig ist.
Fazit
Bleibt nur noch die eingangs gestellte Frage, die ich auch nach der vollendeten Lektüre von Auf Erden sind wir kurz grandios nicht beantworten kann. Vuongs Buch ist eine wilde Mischung aus Memoir, Briefroman, Familiengeschichte, Coming Out, Gesellschaftsbetrachtung, Totengesang und dergleichen mehr (toll übersetzt durch Anne-Kristin Mittag).
Ocean Vuongs prall geschnürtes Bündel mit der etwas schwammigen Genrebezeichnung Roman wird durch einen Faden zusammengehalten, der um alle Themen geschlungen ist. Und dieser Faden heißt Identität. Alle Passagen sind von Wunsch nach Erinnerung und der Frage der Herkunft durchdrungen. Das macht dieses Buch so aktuell und notwendig, mag es auch manchmal sperrig oder widerborstig erscheinen.
Aber hier erhebt einer seine Stimme, dem man unbedingt zuhören sollte, möchte man die Probleme junger Migranten in den USA verstehen.
Es ist kaputt, so kaputt Das kann man nicht reparieren So kaputt, so kaputt Es fließen keine Tränen Beim Familienfest im Grünen
Bosse: Familienfest im Grünen
Rückzugsort Uckermark: was schon bei Lola Randls Buch Der große Garten thematisiert wurde, ist auch beim ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Kintsugi von Miku Sophie Kühmel ein prägendes Motiv.
Draußen, im Grünen, abseits von Hektik und Stress, versuchen auch Kühmels Protagonisten dem Takt der Großstadt zu entgehen und ihr Leben neu zu ordnen und zu reparieren. Was bei Randl wenig überzeugend ausgestaltet war, gelingt Miku Sophie Kühmel deutlich besser. Das sah auch die Jury des Deutschen Buchpreises so – und nominierte die junge Autorin (Jahrgang 1992) für die Endrunde des diesjährigen Preises.
Vier Menschen, ein Haus, ein See
Die in Gotha geborene Kühmel wählt für ihren Roman die Form eines Kammerspiels. Vier Menschen, ein Haus am See in der Uckermark – mehr braucht sie nicht, um über fast 300 Seiten ihre Geschichte zu erzählen.
Da sind zum Einen Reik und Max. Ein homosexuelles Pärchen, das schon seit zwanzig Jahren zusammenlebt. Max lehrt als Professor für Archäologie an der Universität und ist ein zutiefst strukturierter Geist. Alles muss seine Ordnung haben, von der Teeschale auf dem Van-Duysen-Board bis hin zu den Ritualen im Alltag.
Ganz anders da Reik. Als Künstler zieht er das Chaotische, Unperfekte an. In der Post-Wende-Zeit kam er mit seinen Kunstwerken zu großem Ruhm, der bis heute anhält. Ständig ist er in der Welt unterwegs, besucht Vernissagen, Galerien und Museen – und hat im gemeinsamen Ferienhaus mit Max seinen Ruhepunkt gefunden.
Das Pärchen, das den Kontrapunkt zu den beiden gealterten Bohémiens bildet, wird von Tonio und Pega gebildet. Pega ist Tonios Tochter, der auch früher einmal ein Liebhaber von Reik war. Aber diese Zeiten sind schon längst vorbei. Tonio hat in der Vaterschaft von Pega seine Bestimmung gefunden und geht in der Rolle als alleinerziehender Vater vollkommen auf. Pega hingegen ist ein wirklicher Wirbelwind, die in einer Berliner WG lebt und als auslösendes Moment von außen die eingespielte Riege der alten weißen Männer aus dem Tritt bringt.
Erstaunlich souverän in der Form erzählt Miku Sophie Kühmel nacheinander von den vier Menschen, ihren Geschichten und ihren Motivationen. Zwischen die vier Teile des Ganzen montiert sie kleine Theaterpassagen, die aus reinen Dialogen bestehen und die Handlung im Ferienhaus weiter vorantreiben. Denn die Handlung umspannt nur einen Tag, der um 8 Uhr am Morgen beginnt. Alles spielt sich innerhalb dieses Tages ab, ehe ein Epilog um 8 Uhr des nächsten Morgens die Geschehnisse in Kintsugi abschließt.
Tolle Inneneinsichten der Figuren
Das ist toll gemacht, diese Verdichtung auf einen Tag und vier verschiedenen Figuren, aus deren Beziehung zueinander sich die Handlung ergibt. Alle vier Perspektiven konstruiert Miku Sophie Kühmel sehr glaubhaft. Die Widersprüche in den Figuren, ihre Wünsche und heimlichen Sorgen, davon erzählt die junge Autorin erstaunlich reif und psychologisch glaubwürdig. Während sich Reik eigentlich Kinder wünscht, kann Max mit diesem Gedanken gar nichts anfangen. Auch solche vermeintlich spießigen Themen wie „Heirat“ oder die Ausgestaltung der bürgerlichen Existenz beschreibt Kühmel sehr nachvollziehbar und kohärent.
Alle vier Berliner*innen wirken lebensnah, die Brüche in ihren Leben sind nachvollziehbar gestaltet – Miku Sophie Kühmel ist eine genaue Beobachterin von Menschen, die auch unter die Oberfläche von vermeintlich Glattem sieht. Würden Max, Pega und Co. nach ihrem Wochenende aus dem Buch ins Leben übertreten – sie würden sich wunderbar in unser Miteinander einpassen. Eine solche Figurengestaltung ist für mich große Kunst und aller Ehren wert (wenngleich die vier Protagonist*innen natürlich auch noch etwas unterscheidbarer hätten klingen dürfen).
Toll in der Form, Schwächen in der Sprache
Doch so stark das Debüt auch in der Introspektive seiner Figuren und der Form ist: einen Kritikpunkt habe ich dennoch vorzubringen. Und das ist der sprachliche Stilwillen, der in Miku Sophie Kühmels Debüt noch etwas ungebändigt wirkt. So „zischelt“ den Figuren beim Besteigen eines Hochsitzes eine Ladung Käfer entgegen (S. 79) oder „die Zeitanzeige glüht [Reik] auf Augenhöhe entgegen (S. 8). Manchmal kippt das Ganze auch ins Schwülstige oder Kitschige, wie beispielsweise eine Kusszene geschildert wird: Sie beginnen, sich zu küssen, und die Baumwollwolken wogen um sie her. (S. 12)
Hier hätte sicher ein strengeres Lektorat noch die ein oder andere Formulierung glätten oder streichen können. Aber im Falle eines ansonsten so starken Debüts bin ich gerne auch einmal bereit, über diesen Punkt gnädig hinwegzusehen.
Auf diese Debütantin lohnt es zu schauen
Zwar rechne ich angesichts der starken Konkurrenz nicht wirklich mit einem Sieg von Miku Sophie Kühmel. Davon unbesehen ist Kintsugi wirklich ein tolles Debüt einer Erzählerin, die genau hinschaut und sich für ihre Figuren interessiert. Von ihr erwarte ich mir noch einiges – denn wer jetzt schon so souverän Form und Inhalt beherrscht, der hat noch eine große Karriere vor sich, so meine persönliche Einschätzung. Hier könnte Großes entstehen!
Und ein letztes Rätsel sei an dieser Stelle auch noch aufgelöst: wer oder was ist denn eigentlich jenes titelgebende Kintsugi? Im Appendix des Buchs werden sämtliche japanische Titelüberschriften erklärt, darunter eben auch jenes Kintsugi:
das kunsthandwerk, zerbrochenes porzellan mit gold zu reparieren
Kühmel, Miku Sophie: Kintsugi, S.295
Das passt auf die Figuren und die Handlung des Romans wirklich exzellent und wird auch noch einmal im Cover wirklich kongenial aufgegriffen. Kaputtes reparieren und dadurch sogar aufwerten, das könnte wirklich eine Umschreibung von Kühmels Debüt sein. Sehr stimmig!