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James Gordon Farrell und seine Empire-Trilogie

Das neue Jahr bringt ja auch immer gute Vorsätze mit sich. So habe ich beschlossen, in losem Abstand hier eine kleine Reihe unter dem Titel Im Fokus zu beginnen. Eine Reihe, die in meinen Augen vergessene oder zu wenig gewürdigte Autor*innen wieder in den Fokus rücken soll.

In Zeiten, in denen die Bestsellerlisten Drehtüren in Kaufhäusern gleichen, in denen Bücher kürzere Haltbarkeitsdaten als Joghurt zu haben scheinen, in denen Vorschauen nun schon mit Vor-Vorschauen einhergehen, um noch zielgerichteter planen zu können, will ich mir ab und an den Luxus des Zurückblickens und des Fokussierens von Unbeachtetem gönnen.

Viele Autor*innen sind viel zu spannend, um sie dem Vergessen anheimfallen zulassen. Bestes Beispiel ist der Auftakt dieser Reihe. Diesen bestreitet der britische Schriftsteller James Gordon Farrell und sein Hauptwerk, die sogenannte „Empire-Trilogie“, die vor einigen Jahren bei Matthes&Seitz Berlin erschien und nun Im Fokus steht.


Der Lost Man Booker Prize

Wir schreiben das Jahr 2010. In England wird der sogenannte Lost Man Booker Prize per öffentlichem Voting vergeben. Die Idee dahinter: Bis 1970 wurden für den Man Booker Prize immer Bücher aus dem Vorjahr nominiert, ab 1971 kamen dann nur Titel aus dem laufenden Jahr in die Auswahl. Dies sorgte natürlich für eine Lücke im Prozedere, die man dann 2010 nachträglich schließen wollte. Und so wurde der Lost Man Booker Prize ins Leben gerufen. Den Sieg in der Abstimmung errang damals James Gordon Farrell, der für seinen Roman Troubles die Auszeichnung erhielt. 38 Prozent aller abgegeben Stimmen entfielen auf sein Werk, das doppelt so viel Stimmen wie das zweitplatzierte Buch auf sich vereinen konnte.

Ein Triumph, den James Gordon Farrell allerdings nicht mehr erleben sollte, war er doch zu dem Zeitpunkt schon seit über 30 Jahren tot. Einmal war ihm allerdings der Triumph des Gewinns vergönnt. 1973 erhielt er für seinen Roman Die Belagerung von Krishnapur den Man Booker Prize. Mit dem Sieg im Jahr 1970 wäre ihm ein ganz besonderes Privilieg zuteil geworden. So wäre James Gordon Farrell der erste Schriftsteller gewesen, der den Man Booker Prize zweimal gewinnen konnte. So war dieser Triumph bislang nur Peter Carey, J.M Coetzee und Hilary Mantel vorbehalten.

Wer ist dieser Mann, der Geschichte hätte schreiben können und der auch 30 Jahre nach seinem Tod noch so beliebt ist, dass er den Man Booker Preis postum erlangen konnte?

Ein Brite in Irland

Geboren wird James Gordon Farrell im Jahr 1935 als Nachfahre irischer Einwanderer in Liverpool. Zeitlebens zieht er viel um, 1945 übersiedelt die Familie nach Irland. Farrell arbeitet als junger Mann in der Arktis, studiert in Oxford und zieht anschließend nach Frankreich weiter, wo er als Lehrer arbeitet. Während dieser Zeit entstehen erste Erzählungen und Romane, in denen er sich unter anderem mit dem französischen Existenzialismus auseinandersetzt.

James Gordon Farrell. Sämtliche Bildrechte: © Armstrong Jones

Weitere Romane folgen, sonderlich erfolgreich sind sie aber alle nicht. Vor allem der experimentelle Roman A Girl in the Head enttäuscht in kommerzieller Hinsicht doch sehr. Immerhin bemerkt ein Rezensent nach drei veröffentlichten Werken von James Gordon Farrell, dass er zwar noch nicht sein Thema und seine Form gefunden habe, das Talent aber durchaus erkennbar sei.

Zum Vorschein kam dieses Talent dann vollumfänglich im Hauptwerk Farrells, nämlich der sogenannten Empire-Trilogie. Diese erschienen 1970 bis 1978. Drei Werke bilden diese Trilogie, die den Niedergang des britischen Empires thematisiert. Den Anfang machte 1970 Troubles, das sich mit der gewaltsamen Abspaltung Nordirlands vom Rest der Insel beschäftigt. 1973 folgte dann Die Belagerung von Krishnapur; ein Buch, das sich mit dem Sepoy-Aufstand in Indien beschäftigt. Den Abschluss dieser Trilogie bildet das mit über 800 Seiten dickleibigste Werke Farrells: Singapur im Würgegriff. Ein Buch, das multiperspektivisch vom Ende der britischen Herrschaft über Singapur erzählt, erschienen 1978.

Eigentlich wäre aus der Trilogie ein Quartett geworden, James Gordon Farrell hatte es so geplant und einen Roman namens The Hill Station begonnen. Das Werk blieb allerdings unvollendet, da Farrell im August 1979 völlig überraschend verstarb.

Nach dem Erfolg seiner Bücher war Farrell auf die irische Halbinsel Sheeps Head gezogen. Dort, im Südwesten Irlands, lebte Farrell gerade einmal 149 Tage, ehe er beim Angeln im Sturm aufs Wasser hinausgezogen wurde. Aufgrund einer Polio-Lähmung in jungen Jahren war er nur eingeschränkt bewegungsfähig und starb so tragischerweise. Er wurde nur 44 Jahre alt.

Der Niedergang des Britischen Imperiums

Nun ist es natürlich immer müßig, über Eventualitäten und andere Ausgänge der Geschichte zu spekulieren. Aber bei James Gordon Farrell ist das Ganze ausnehmend reizvoll. Denn bei einer solchen Reife und Fülle von Themen, wie sie sich in seiner Empire-Trilogie findet, wäre es höchst spannend, welche Werke Farrell im Laufe seines weiteren Lebens noch vorgelegt hätte – das meint auch Salman Rushdie, der bemerkte:

There is no question that he would today be one of the really major novelists of the English language. The three novels that he did leave are all in their different way extraordinary.

Zweifelsohne wäre er [James Gordon Farrell] heute einer der größten englischen Schriftsteller. Die drei Romane, die er hinterlassen hat, sind alle auf ihre Art und Weise außergewöhnlich.

Salman Rushdie in „JG Farrell in His Own Words : Selected Letters and Diaries“

Wie gut und beliebt seine Werke auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch sind, das zeigt sich nicht zuletzt am Publikumsvoting des Lost Man Booker Prizes.

Auch ich habe mich durch die drei Empire-Trilogie mit höchstem Genuss gelesen; dem Berliner Verlag Matthes&Seitz und den Übersetzern Manfred Allié und Grete Osterwald sei es gedankt. Alle drei Werke sind eigene Kunstwerke, deren Komplexität mit jedem Buch zunimmt. Sie entführen auf meisterhafte Art und Weise in völlig andere Ecken der Erde, gemein ist ihnen nur der Untergang der Welt, die Farrell zuvor so liebevoll aufgebaut und beschrieben hat.

Alles ist vergänglich

Der Untergang der Dinge im Kleinen und der Untergang des britischen Weltreiches im Großen, das sind Themen, die die ganze Empire-Trilogie durchziehen. Denn mag am Anfang der Bücher noch alles in bester Ordnung erscheinen – Hotels noch stehen, Kautschukplantagen ihren Ertrag abwerfen und die Charaktere ihrem täglichen Broterwerb nachgehen – am Ende der Bücher ist nichts mehr davon übrig.

Das was sich gerade en miniature an bzw. in Großbritannien selbst beobachten lässt, das hat James Gordon Farrell schon vor 50 Jahren vorweggenommen: Zerfleischung, Selbstgefälligkeit, Zersplitterung, Verfolgung von Partikularinteressen. Das was der Brexit gerade in Großbritannien bewirkt, in den Kolonien und dem ganzen Empire trat das schon Jahrhunderte zuvor ähnlich auf. Und James Gordon lässt uns ausführlichst daran teilhaben.

Die Empire-Trilogie von James Gordon Farrell

Postkoloniale Literatur

Seine Empire-Trilogie lässt sich ganz klar sowohl in zeitlicher als auch thematischer Hinsicht in den Bereich der postkolonialen Literatur einordnen. Schon mit der Unabhängigkeit Indiens hatte diese Bewegung des Postkolonianismus in England im linksintellektuellen Milieu langsam eingesetzt. Man wollte eine neue Sichtweise auf die kolonialisierten Länder und Kulturen erlangen. So begann man, sich für die zuvor unterjochten und ausgebeuteten Länder außerhalb von Wirtschaftsinteressen zu interessieren. Nicht nur in der Forschung gewann diese neue Betrachtungsweise stetig an Zuwachs, auch die Kunst interessierte sich zunehmend für die Welt der Kolonien, die sich alle sukzessive vom Commonwealth emanzipierten. Mitte der 70er Jahre erreichte die Welle des Postkolonialismus einen ersten Höhepunkt – was genau mit dem Erscheinen der Empire-Trilogie zusammenfällt.

Und auch inhaltlich zeigt sich James Gordon Farrell als aufmerksam betrachtender und beschreibender Postkolonialist. Er interessiert sich für sein Personal, indem neben den britischen Besatzern auch Einheimische immer eine tragende Rolle spielen. Genau analysiert und beschreibt er, welche Auswirkungen die wirtschaftlich und terretorial expansive Politik Großbritanniens hatte. Besonders im Buch Singapur im Würgegriff illustriert er den Kolonialismus umfassend. In Dialogen und Streitgesprächen im Buch lässt er unterschiedliche Ansichten (auch der Briten selbst) aufeinanderprallen. Bringt man dem unzivilisertem Rest der Welt nun Savoir vivre und Wohlstand? Oder beutet man die Ressourcen der Länder auf Kosten der Ärmsten aus (wie im Falle von Singapur im Würgegriff die Kautschukplantagen des Landes)? Manchmal schon fast etwas enervierend genau und vollumfänglich geht Farrell diesen Fragen nach (und bietet auch im Anhang seiner Bücher stets immer eine voluminöse Bibliographie mit weiteren Lektüreeinstiegen an).

Ein Autor mit Haltung und Humor

Koloniale Lehnsherren, Rassismus, Überheblichkeit – all das fängt Farrell präzise in seinen Büchern ein. Seine eigene Haltung (die sich klar auch aus den Büchern herauslesen lässt) wurde bei der Preisverleihung des Booker Preises 1973 sehr deutlich. Dort, auf offener Bühne, kritisierte Farrell den Hauptsponsor des Preises, den er soeben erhalten hatte. Der Firma Booker warf er vor, für den wirtschaftlichen Profit des Unternehmens, die Landwirtschaft der Dritten Welt auszunehmen. Hier zeigte sich ein kämpferischer Mann, der für die in seinen Büchern propagierten Werte auch außerhalb der Papierseiten einsteht.

Wer nun allerdings den Eindruck bekommen hat, Farrells Werk ist politische und geschichtliche Literatur mit einer Prise Aufklärertum, der mag in Teilen rechthaben. Allerdings ist Farrell in meinen Augen zuvorderst ein grandioser Komödiant. Deshalb grandios, weil in seinen Büchern neben dem Witz in seinen verschiedenen Schattierungen auch immer jede Menge Traurigkeit und Nostalgie steckt. Seine Bücher sind beides: tragische Komödien und zugleich komische Tragödien, die Humor jeglicher Couleur beheimaten.

Da tritt eine Irin als lebende Kanonenkugel auf, die zur Freude des malayischen Publikums in die Luft geschossen werden soll. Doch dann gibt es zur Überforderung der lokalen Veranstalter Probleme mit dem Kanonenrohr und der Oberweite der lebenden Kanonenkugel. Oder da ist die Teegesellschaft im Majestic Hotel in Troubles, die in einem Gewächshaus ohne Licht sitzt und schon fast von den Pflanzen überwuchert wird. Betagtes Personal klettert aus Luken, Statuen werden gesprengt, es wird nackt im Garten geturnt. Die Empire-Trilogie ist ein Feuerwerk des eleganten, absurden, skurrilen und pointierten Humors, das nur eines (gottseidank) vermissen lässt: Plattheit und Unterforderung des Publikums.

Hier vereint sich der Humor mit spannenden Rahmenhandlungen, hier bekommt man detailreiche Welten geschildert, die so schon längst untergegangen sind. Hier lernt man viel dazu, hier bekommt man einen Eindruck davon, was Kolonialismus einst bedeutete. Bücher, die informieren, unterhalten und den skurrilen, britischen Humor feiern. Eine Trilogie, die genauso wie ihr Urheber immer wieder neue gelesen und besprochen werden sollte.

P.S.: Sparfuchs-Tipp

Wem die fest gebundenen Bücher im Übrigen für ein Kennenlernen zu teuer sind, für den habe ich noch einen Tipp: Matthes&Seitz veröffentlicht nun sukzessive James Gordon Farrells Empire-Trilogie auch als Paperback zum deutlich günstigeren Preis. Troubles ist bereits erschienen, Singapur im Würgegriff folgt in diesem Frühjahr. Es lohnt sich auf alle Fälle!

P.P.S.: Schöne Kritiken zu zwei von drei Werken finden sich auch auf den Seiten von Deutschlandfunk Kultur. Eine ausführliche Kritik zu Singapur im Würgegriff findet sich hier, eine zu Troubles hier.

Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Der erste Roman und gleich einmal ein nahezu vollumfänglich gelungenes Spitzenbuch. Dieser beeindruckende Husarenstreich gelingt dem Amerikaner Reif Larsen mit seinem Debüt Die Karte meiner Träume. Ein Buch, das zeigt, was Literatur zu leisten im Stande ist, wenn man sich ihrer ganzen Fülle bedient und sie ernst nimmt.


Es ist die letzte Seite dieses ebenso schönen wie verspielten Buchs, auf der sich die Losung des Romans versteckt hat. Inmitten eines großflächigen Gemäldes prangt die Postulat Alles ist Fiktion. Das lässt sich für Larsens Debütroman auch umdrehen, der den Beweis antritt, dass Fiktion alles sein kann. Fiktion kann Geschichten erzählen, andere Welten errichten und den Lesenden völlig seiner Umwelt entziehen. Mir erging es so im Laufe der Lektüre, die so bunt, so mitreißend, so clever konstruiert und so umwerfend gelungen ist, das ich ihr postwendend einen Platz in meinem ohnehin schon knapp bemessenen Buchregal freigeräumt habe. Hier lässt sich nämlich wieder der Zauber gut gemachter Geschichten erleben, den gelungene Bücher verströmen.

Solche gut gemachten Geschichten beinhalten ja immer einen Helden oder eine Heldin, der die Geschichte trägt und sich im besten Falle über das Buch hinaus im Kopf der Lesenden verankert. Larsen gelingt dies mühelos, indem er den Ich-Erzähler Tecumseh Sparrow Spivet ersinnt. Dieser Zwölfjährige ist ein mehr als außergewöhnliches Kind. Das beginnt schon beim Vornamen, den er mit seinen männlichen, ursprünglich aus Finnland stammenden Vorfahren teilt. Den Beinamen verdankt er der Legende, dass im Moment seiner Geburt ein Spatz gegen die Scheibe seines Elternhauses prallte und starb. Ebenso ungewöhnlich wie T. S.‘ Namensgebung ist die ganze Familie Spivet, die sich unter dem Dach des Farmhauses in Montana versammelt.

Eine sonderliche Familie

Da ist T.S. Spivets Schwester Gracie, mit der Tecumseh so gar nichts anfangen kann. Ähnlich schwierig ist die Beziehung des hochbegabten Jungen zu seiner Mutter, die er nur Dr. Clair nennt. Sie hat sich der Erforschung des Tigermönchs gewidmet. Doch zum Leidwesen der Koleopterologin konnte auch sie bislang noch keinen Beweis erbringen, dass jene Käferart tatsächlich existiert. Während sich T. S. ihr aufgrund der Forschernatur wenigstens etwas verbunden fühlt, kann er mit seinem Vater rein gar nichts anfangen. Dieser geht dem Tagewerk eines Farmers nach und wäre doch so gerne auch ein Cowboy aus alten Tagen.

Und da ist dann zuletzt – beziehungsweise eigentlich schon nicht mehr – Layton, der Bruder von T. S.. Jener Bruder starb bei einem Unfall mit einer Flinte in einem Stall des Farmhauses. Der genaue Tathergang liegt im Dunklen, niemand in der Familie thematisiert dieses Unglück näher.

Diese Familie, die dem gängigen Bild einer harmonisches und miteinander (re)agierenden Gefüges so gar nicht entspricht, sie ist die Heimstatt von T. S. Seine Leidenschaft für Karten und fürs Kartographieren, sie wirkt in dieser Umgebung so fremd, wie er sich selbst im Familienverbund führt. Und doch löst diese Leidenschaft große Ereignisse aus, die von einem Telefonanruf in Gang gesetzt werden, der T. S. auf den ersten Seiten des Buchs ereilt.

Ein Anruf aus dem Smithsonian

Dieser Anruf kommt aus Washington, genauer gesagt aus der Smithsonian Institution. Dort, in dieser bedeutenden Forschungseinrichtung, ist man auf T. S. Spivet aufmerksam geworden. Ein Forscher hat nämlich die Karten und wissenschaftlichen Darstellungen des Zwölfjährigen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingereicht. Und dort, in der Forschungseinrichtung, die schon Größen wie Bohr oder Einstein besuchten, hat man nun entschieden: man möchte T. S. eine Ehrung in Form der Baird-Medaille zuerkennen. Doch dafür muss Tecumseh nach Washington reisen. Von Montana aus wirklich eine halbe Weltreise, selbst wenn man ein begnadeter Kartograph ist, aber weder Auto noch Führerschein besitzt.

Und so setzt sich die Handlung in Gang, die eine in drei Teile untergliederte Reise ist. Einmal quer durch den Norden bis in den Westen der USA. Auf diesen Roadtrip wagt sich Tecumseh ganz alleine, begleitet nur von seiner Kartographen-Ausrüstung, einem präparierten Spatzenskelett und dem Tagebuch seiner Mutter. Wird es Tecumseh gelingen, die Täuschung aufrechtzuerhalten und an die Baird-Medaille zu gelangen, obwohl alle von einem erwachsenen Preisträger ausgehen? Aus dieser Frage generiert das Buch einen Spannungsbogen, der von Tecumsehs Roadtrip unterstützt wird. Immer ist etwas in Bewegung, innerlich oder äußerlich, selbst wenn T.S. tagelang im selben Abteil eines Union-Pacific-Zugs sitzt.

Wie Reif Larsen diesen inneren und äußeren Roadtrip gestaltet, durchkomponiert und nachvollziehbar rhythmisiert, das ist große Kunst. Mal passiert fast nichts, wenn T. S. im Tagebuch seiner Mutter versinkt und erstaunliche Entdeckungen macht. Dann wird die Prosa ruhig, melancholisch. Dann treibt wiederum alles nach vorne, die Ereignisse überschlagen sich, und auch die Kommentierung des Geschehens am Rand des Buchs nimmt zu. In diesen Einwürfen meldet sich T. S. mit Gedanken und Anekdoten immer wieder zu Wort, zeichnet, um seine Überlegungen zu illustrieren. Das ist clever gemacht und wunderschön gestaltet. So entsteht auch ein Dialog im Buch selbst, Abschweifungen, Ergänzungen, verblüffende Theorien und wild überbordende Arabesken ergänzen die „normale“ Handlung.

Inhalt, Sprache, Metaebenen – es passt

Eine Figur nur über die Sprache zu gestalten, auf Äußerlichkeiten kaum einzugehen, sie nach der alten Weisheit Show, don’t tell zu zeichnen, das schaffen in dieser Intensität nicht viele junge Autoren. Reif Larsen gehört dazu – und wurde auch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié sehr stimmig ins Deutsche übertragen.

Wie Larsen Tecumseh nie beschreibt, sondern ihn einfach erzählen lässt, wodurch ein ungemein facettenreiches und stimmiges Bild eines hochbegabten, aber auch problembeladenen Jungen entsteht, das ist große Kunst. Zudem gelingt es auch, zahlreiche ambivalente Figuren und Situationen entstehen zu lassen, die eine Fülle von Interpretationen zulassen. Auch ich habe mich gerne auf diese Deutungsmöglichkeiten eingelassen. So habe ich in Die Karte meiner Träume ein großes Buch der Trauer und der Trauerverarbeitung entdeckt.

Die Katastrophe um Layton und die Flinte wird zunächst ja immer nur peripher berührt. Doch die alte Binsenweisheit, dass man auf einer Reise, egal wie weit sie führen mag, am Ende doch immer wieder nur bei sich ankommt, sie bestätigt sich auch hier. So steht am Ende für mich auch nicht die mögliche Baird-Medaille oder die Ankunft Tecumsehs in Washington als Ergebnis, sondern die Trauerverarbeitung, die während T. S.‘ Reise geschieht. Am Ende zeigt sich, was damals in jenem Stall wirklich passierte. Hier wird Trauer plastisch und erfahrbar, von den kleinsten, scheinbar nebensächlichen Details, bis zum großen Ganzen.

Am Ende mag die Konstruktion etwas ächzen und stöhnen. Aber nichtsdestotrotz ist hier ein Autor zu entdecken, der seine Buchlosung, dass alles Fiktion sei, ernst nimmt. Eine begeisternde, toll gestaltete und geschriebene Lektüre, die auch ein Jahrzehnt nach ihrem Erscheinen kein Gran an Qualität eingebüßt hat. Inhalt, Sprache, Deutungsmöglichkeiten, Metaebenen – hier werden all diese Versprechen nahezu vollständig eingelöst, die mir gute Literatur gibt. Ein beeindruckender Erstling, der mich begeistert zurückgelassen hat.


Bildquellen: Smithsonian Institut: Von David Bjorgen – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=523621

Buchseite und Cover: S.Fischer-Verlag

Whitney Scharer – Die Zeit des Lichts

Whitney Scharer schreibt in ihrem Debüt Die Zeit des Lichts ein klassisches Biopic über Lee Miller, die Geliebte Man Rays. Nicht weniger, leider aber auch nicht mehr.


Ausgangspunkt ist dabei Aufenthalt Lee Millers in Paris. In ihrer Heimat, den USA, war sie als gefragtes Model für Vogue und Co aktiv. Nun verbringt sie ihre Tage in den Bistros und auf den Partys rund um Montparnasse. Bei einer dieser Partys begegnet Lee Miller Man Ray. Der Fotograf hat sich mit seinen Porträtfotografien und Auftragsarbeiten einen Namen gemacht und betreibt ein Atelier, bei dem die Pariser Bohème ein und aus geht.

Die Fotografin Lee Miller

Mit Beharrlichkeit wird Lee Miller zunächst zu Rays Assistentin, später auch zu seiner Geliebten. Im brodelnden Paris der 20/30er Jahre reift Lee zur ernstzunehmenden Fotografin und Künstlerin heran und macht die Bekanntschaft von Personen wie Jean Cocteau, Ilse Bing oder André Breton. Doch nach und nach stellt Lee Miller fest, dass auch in Paris deutlich mehr Schein als Sein herrscht. So mancher strahlende Künstler stellt sich doch eher als trügerisch und falsch heraus. Auch Man Ray selbst hat seine Abgründe und ihre Liaison entpuppt sich als reichlich explosiv. Doch die Amerikanerin kämpft um ihre Selbstbestimmung und künstlerische Anerkennung. So ist Die Zeit des Lichts auch eine Geschichte des Kampfs gegen Konventionen und eine Geschichte einer Emanzipation.

Ein brodelndes und rauschhaftes Paris

Whitney Scharer entführt mit ihrem Debüt direkt hinein in ein pittoresk-brodelndes Paris voller Bistros, Kleinkunstbühnen und rauschhaften Partys. Künstlercliquen ziehen durch die Stadt, private Mäzene schmeißen Gatsby-ähnliche Partys. Sie inszeniert die Stadt und ihre Bewohner als großen Rausch, in dem sich Lee Miller zunehmend sicherer und souveräner bewegt.

Doch weder für die Schilderung der Kunst der Fotografie noch der von Paris findet Scharer neue Wege oder einen überzeugenden Zugriff. Genauso gut hätte der Roman in Berlin zur gleichen Zeit spielen können, Unterschiede wären nicht auszumachen. Und auch von der Faszination, die durch Bilder entstehen kann, konnte mir Whitney Scharer kaum etwas vermitteln. Das Problem, das ich schon bei William Boyds Die Fotografin hatte, kam auch bei Die Zeit des Lichts für mich zu tragen: die Übersetzung der Welt des Bildermachens in die der Sprache klappt nur bedingt. Eine eigene Möglichkeit, das Fotografieren und dessen Reize in Sprache zu übertragen, auch Whitney Scharer findet sie nicht.

Unkonventionelles Leben, konventioneller Roman

So unkonventionell das Leben Lee Millers auch gewesen sein mag, so konventionell ist leider das Buch gestaltet. Wir lernen zu Beginn Lee als Schatten ihrer selbst kennen. Als Kolumnistin für Kochkultur verdingt sie sich und bewirtet daheim große Tafelrunden. Sie ist dem Alkohol alles andere als abgeneigt und die Zeit war nicht gut zu ihr. Ihre Chefin stellt sie bei einer dieser Tafelrunden vor die Wahl: entweder beschreibt Miller ihre Lebensgeschichte, oder ihr Vertrag als Kolumnistin endet.

Mit diesem erzählerischen Kniff setzt dann die Rahmenhandlung ein, die die chronologisch die Paris-Phase aus Lee Millers Leben schildert. In diese geradlinig ablaufende Erzählung schneidet Whitney Scharer immer wieder kurze Episoden aus Millers Leben als Kriegsfotografin während des Zweiten Weltkriegs. Doch wie wurde aus Lee Miller diese Kriegsreporterin? Was passierte zwischen ihren Erlebnissen in Paris und im Zweiten Weltkrieg? Was geschah, bis wir Lee Miller im Prolog 1966 und Epilog 1974 wiedertreffen? All das erzählt Whitney Scharer zu meinem Bedauern nicht. Die Zeit des Lichts ist für mich voller Leerstellen, die ich gerne von der Autorin gefüllt bekommen hätte. Lee Millers Leben gäbe dies ja auf alle Fälle her. Aber stattdessen viel Weißraum in diesem Biopic, das von Nicolai von Schweder-Schreiner aus dem Englischen übertragen wurde. Leider für meinen Geschmack zu konventionell und zu brav, als dass es mich wirklich begeistert hätte.


Ein kleiner Tipp am Rande: wer neugierig geworden ist auf die Beziehung von Man Ray und Lee Miller, dem sei die unten angehängte Arte-Doku anempfohlen. Und ein Interview mit Whitney Scharer gibt es auch, und zwar unter folgendem Link.

Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

#klassikerlesen

Es ist Winter, man hat Zeit. Was passt da besser, als einen echten Klassiker zu lesen? Das habe ich mir gedacht und mir endlich einmal Erich Kästners Roman Drei Männer im Schnee vorgenommen. Ein Buch, das viel Nostalgie versprüht und in einer neuen Ausgabe erstaunliche Entdeckungen bereithält.


Die Bearbeitungen des Stoffs von Drei Männer im Schnee ist vielfältig. So gibt es unter anderem österreichische, schwedische und deutsche Verfilmungen des Buchs. In letztem Fall existieren sogar zwei verschiedene Versionen. Eine Verfilmung stammt aus dem Jahr 1955, die andere aus dem Jahr 1974. In dieser wirkten Größen wie Ingrid Steeger, Elisabeth Volkmann und Thomas Fritsch mit.

Einen großen Erfolg feierte auch die Uraufführung der gleichnamigen Revueoperette am Gärtnerplatztheater in München im Januar diesen Jahres. Für das Theater wurde der Stoff vom Chansonnier Thomas Pigor vertont und in die Form einer Operette gegossen. Eine solche Umarbeitung des Stoffs hatte Erich Kästner immer vorgeschwebt. Doch zu einer Umsetzung sollte es zu Lebzeiten Kästners nicht kommen. Erst 45 Jahre später war es schließlich soweit. In Kästners letzter Heimatstadt kam das Werk zur Aufführung.

Kästner als Operette im Gärtnerplatztheater München

Dass eine Umarbeitung als Operette Sinn ergibt, das steht außer Frage. Denn Kästners Roman ist voll von Verwechslungen und Humor und bewahrt stets eine schmunzlige Leichtigkeit – eben all das, wofür auch die Operette bekannt ist (und wofür sie natürlich auch stets gescholten wird). Und ja – natürlich ist es die leichte Muse, der Kästner mit seinem Werk huldigt. Doch das Werk als eine reine Lustspielnummer abzutun, das täte dem Werk und seinem Schöpfer unrecht. Denn Kästner ist hier als ein hochinteressanter Autor zu entdecken, dessen Humor manchmal auch nur Fassade ist, der die darunterliegenden Schichten und Bedeutungsebenen verhüllt.

Diese Vielschichtigkeit im Werk Kästners wird durch die vorliegende neue Ausgabe des Atrium-Verlags wieder offenbar. Denn der Geschichte ist neben einem Nachwort auch die kurze Erzählung Inferno im Hotel beigefügt. Und diese zeigt eine ganz andere Version der Hotel-Komödie, als die, von der man zuvor 200 Seiten lang unterhalten wurde.

Zwei Seiten einer Geschichte

Vielleicht sollte man mit dieser beigefügten Geschichte beginnen. Denn sie erlaubt einen völlig anderen Blick auf den zuvor so heiter wirkenden Stoff. Unverhofft gewinnt ein Mann der Arbeiterklasse einen Aufenthalt in einem Hotel. Doch aufgrund seiner Klasse und seinen fehlenden sozialen Kompetenzen (Speisenverzehr mit Messer und Gabel, mangelnde Etikette, etc.) wird er von den anderen Gästen und dem Hotelpersonal systematisch drangsaliert und gemobbt. Obwohl Kästner selbst den dramatischen Ausgang dieser Erzählung einst noch abänderte, ist sie in der vorliegenden Ausgabe in ihrer ganzen Härte und Unbarmherzigkeit zu lesen. Diese Erzählung erinnert stark an die Phase des Naturalismus und zeigt einen ganz anderen Kästner, als man diesen landläufig kennt. Inferno im Hotel ist mehr Theodor Storms Doppelgänger oder Hauptmanns Bahnwärter Thiel, denn Emil und die Detektive.

Erich Kästner - Drei Männer im Schnee (Cover)

Dass aus diesem Lehrstück in Sachen Stigmatisierung und sozialer Determination dann ein komplett gegenläufiges Stück wurde, das nötigt mir Respekt ab. Denn Drei Männer im Schnee weist einen wirklich völlig konträren Tonfall auf. Statt als Kulisse für ein naturalistisches/soziales Drama zu dienen, wird der Hotelaufenthalt im Roman dann zum Auslöser einer wahren Revue an Verwechslungen und Chaos.

Diese nimmt im Wunsch des Millionärs Tobler ihren Anfang, einmal inkognito als armer Mann in ein Hotel zu reisen. Aufhänger ist ein Preisausschreiben seiner eigenen Putzblank-Werke, bei dem er unter Pseudonym den zweiten Platz belegt. Der Gewinn ist ein Aufenthalt in einem Grandhotel im alpinen Bruckbeuren. Doch nicht nur er reist ins Hotel, auch der Gewinner des Ausschreibens begibt sich dorthin. Bei ihm handelt es sich um einen arbeitslosen Werbefachmann mit dem Namen Dr. Fritz Hagedorn. Neben diesen beiden Männern reist auch noch Toblers Diener Johann an. Er soll seinem Chef Tobler zur Seite stehen. Als Tarnung mimt er einen reichen Reeder.

Eine klassische Verwechslungskomödie – und mehr

So viel zur Ausgangslage. Durch eine Verwechslung wird nun allerdings der arbeitslose Hagedorn vor Ort in Bruckbeuren für den verkleideten Millionär gehalten. Und umgekehrt. Ein Reigen aus Situationskomik, Chaos und – natürlich – auch der Liebe entspinnt sich, der manchmal wie eine leichte Hommage von Shakespeares Viel Lärm um Nichts erinnert. Da werden Maskenbälle gegeben, Toblers Diener muss einen Skikurs absolvieren und im Hotelgarten wird ein Schneemann namens Kasimir errichtet. All das wird in einem leicht antiquierten Ton erzählt, als man noch exaltiert Dinge wie „Ach du grüne Neune“ ausrief oder Person of Colors mit dem N*-Wort bezeichnete. Darüber kann man wahlweise schmunzeln oder irritiert sein. Das Alter merkt man Kästners Werk in sprachlicher Hinsicht natürlich an. Aber die Sprache ist es ja auch, die den nostalgischen Reiz des Buchs zu einem großen Teil ausmacht.

Man kann Kästners Buch als leichte winterliche Komödie der Irrungen und Wirrungen lesen. Man kann aber auch eine soziale Satire in dem Buch entdecken, die um die Frage kreist, welche sozialen Folgen die Kategorisierung als reicher oder als armer Mensch hat. So habe ich eine durchaus sozialkritische Note auch im aus dem Inferno im Hotel entstandenen Text entdeckt. Zudem bemerkenswert, dass diese Leichtigkeit dem tatsächlichen Entstehen entgegensteht. Denn Kästner konnte den Text nur unter Pseudonym 1934 veröffentlichen. Seit der Machtergreifung der Nazis und der Bücherverbrennung seiner Werke war der Autor mit Schreibverbot belegt und konnte nur heimlich publizieren. Dies tat er im vorliegenden Fall unter dem Pseudonym Robert Neuner.

Die sozialkritischen Untertöne und das schriftstellerische Vermögen, aus einer Ausgangssituation zwei völlig unterschiedliche Erzählungen zu kreieren, das nötigt mir wirklich Respekt ab. Mithilfe dieser neuen Ausgabe aus dem Atrium-Verlag ist ein Kästner zu entdecken, der bei aller Operettenseligkeit und Nostalgie fast zu verschwinden drohte. Schön, dass er sich hier wiederentdecken lässt. Ein lohnender Fall von #klassikerlesen.


  • Erich Kästner – Drei Männer im Schnee
  • ISBN 978-3-03882-016-1 (Atrium)
  • 240 Seiten. Preis: 12,00 €

Bildrechte Operette „Drei Männer im Schnee“: © Christian POGO Zach

Preti Taneja – Wir die wir jung sind

Von den Schwierigkeiten einer geordneten Firmenübergabe, von Familienkonflikten und vom neuen Indien – davon erzählt Preti Taneja in ihrem Roman Wir die wir jung sind. Ein Buch, das mitten hineinführt in die Verwerfungslinien, die die indische Gesellschaft und Familien durchziehen (übersetzt aus dem Englischen von Claudia Wenner).


Eigentlich hätte alles still und leise abgehen können: Devraj Bapuji hat den Mischkonzern The Company groß gemacht. Bis nach Kaschmir erstreckt sich sein Firmenimperium, das Schwerindustrie, Hotelkomplexe, Textilfabriken und dergleichen mehr umfasst. Nachdem er den Zenit der Schaffenskraft überschritten hat, soll die Macht an seine Töchter übergehen. Drei an der Zahl, die nun bedacht werden wollen. Und dann gibt es auch noch Ranjjit Singh, seinen Begleiter aus alten Tagen. Auch er hat zwei Söhne, die in der Nachfolgeregelung bedacht werden wollen.

Eine komplexe Gemengelage, bei der Konflikte vorprogrammiert sind. Denn schon die drei Töchter Devrajs sind mehr als unterschiedlich. Studienaufenthalte im Ausland, verschiedene Talente und Temperamente und eine Tochter, die vor ihrem Vater gleich zu Beginn des Buchs ins Ausland flieht. Und dann gibt es ja auch noch die beiden Söhne Singhs, die ebenfalls höchst unterschiedlich sind.

Sie alle eint die Situation der Nachfolge, die sie alle anders gestalten wollen. Für die einen ist die Nachfolge Bürde, für die andere Chance. Alle haben sie unter dem despotischen Devraj gelitten, alle sind sie andere Wege gegangen. All diese Wege führt Preti Taneja nun im Laufe ihres Buchs zusammen. Jedes der Kinder bzw. Stiefkinder wird in den sechs Großkapiteln des Buchs vorgestellt. Dazwischen flicht Taneja immer wieder Reflektion Devrajs ein, der über sein Schaffen, seine Töchter und die Kinder seines Begleiters Ranjit räsoniert.

König Lear reloaded

Die Folie, auf der Wir die wir jung sind erzählt wird, ist klar erkennbar. Shakespeares König Lear stand Pate für eine Neuinterpretation des Ganzen. Devraj als König Lear mit seinen drei Töchtern, Ranjit Singh als Graf Gloucester – die Anleihen sind deutlich. Auch die Handlung orientiert sich mit den Verbannungen, Intrigen und Machtkämpfen stark an Shakespeares Werk. Das geht soweit, dass sogar die in Shakespeares Stück grundierte Invasion Britanniens durch die Franzosen in Tanejas Buch aufscheint. Diesmal ist der Hintergrund allerdings der Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der im Buch durch einen Hotelbau in dieser Region immer wieder thematisiert wird.

Dabei ist die Idee eines König Lear reloaded gewissermaßen nicht vollkommen neu. Zuletzt hatte auch Edward St. Aubyn im Rahmen des Shakespeare-Hogarth-Projekts eine Interpretation des klassischen Stoffs veröffentlicht. Bei ihm wurde Shakespeares Ausgangsstück zu Dunbar und seine Töchter. Dabei ist der Titelheld ein Medienmogul, der ebenfalls die Macht übergeben möchte. Dies versucht er mit zwei seiner Töchter, die ihn dann in ein Sanatorium abschieben. So kann es gehen.

Zugegeben, die Idee einer Neuinterpretation von König Lear hat auch ihren Reiz. Dass sie auch gelingen kann, hat zuletzt ebenjener Edward St. Aubyn mit seinem Werk eindrücklich gezeigt. In Preti Tanejas Fall funktioniert das Ganze für meine Begriffe aber nicht optimal. Denn wenn Tanejas deutscher Verlag das Adjektiv „episch“ verwendet, um ihr Buch anzupreisen, dann sollte man das wirklich ernst nehmen. Mit über 620 Seiten hat das Buch einen enormen Umfang, die für meinen Geschmack deutlich zu lang ist. Das jung im Titel könnte auf alle Fälle durch „lang“ ersetzt werden.

Wir, die wir lang sind

So nimmt sich Preti Taneja ausführlichst Zeit, ihre einzelnen Charaktere vorzustellen. Beginnend bei Ranjit Singhs Sohn Jivan wirft sie die Leser*innen gleich in die Handlung hinein. Langsam erschließen sich die Familienbeziehungen und das enorme Personengefüge. Hier ist es alles andere als leicht, den Überblick zu behalten. Denn C. H. Beck hat es leider versäumt, dem Buch ein Dramatis personae zu spendieren. Man muss schon enorm aufpassen, bei Kritik Sahib, Jivan Singh genannt Jon Singh, Jeet Singh, Kashyap, Devraj Punj, Gargi, Bubu, Radha und dergleichen mehr den Überblick zu behalten.

Neben den ungewohnten indischen Namen sind es auch die ständigen Anreden, Floskeln und ganze Sätze, die teilweise unübersetzt im Text stehen. Zwar ist ein Register der Termini angefügt, allerdings wurde ich des Blätterns mit der Zeit auch überdrüssig. Ganze Dialoge auf Hindi machten es mir so manches mal schwer, dem dramatischen Geschehen zu folgen.

Das größere Problem, das bei mir zu Problemen mit dem Buch führte, war das Fehlen von Spannkraft und Sogwirkung. Will mich ein Buch in eine andere Kultur mit einem anderen Weltsicht entführen, braucht es mir auch Widerhaken, die mich in die Geschichte hineinziehen. Charaktere, deren Konflikte ich nachvollziehen kann. Das gelang zum Auftakt bei Jivan noch gut, mit dem Fortschreiten des Buchs kam mir das alles aber belangloser vor. Ich konnte keine große Bindung zu diesen Figuren aufbauen, bei denen ich die Namen immer wieder durcheinanderwürfelte und langsam den Überblick verlor.

Deutliche Straffungen und Kürzungen hätten dem Buch in dieser Hinsicht deutlich besser getan. Auch kommen mir bei allem privaten Hickhack und den Streitereien die zeitgenössisch-gesellschaftlichen Betrachtungen des heutigen Indien zu kurz. Zwar kreist Taneja immer wieder um die Frage, wie sich Frauen und Männer in der indischen Gesellschaft definieren. So ganz überzeugen konnte mich das Ganze leider nicht.

Viel Potential, wenig Überzeugendes

Literatur aus Indien habe ich ja nicht gerade auf meinem alltäglichen Lesemenü. Viel zu selten gibt es in den Buchprogrammen indische Stimmen – weshalb ich mich über solche Lesemöglichkeiten ja sehr freue. Leider gelingt es Preti Taneja in meinen Augen zu wenig, aus ihrem Ausgangsmaterial etwas zu machen. Mich hat da Jhumpa Lahiris Tiefland zuletzt deutlich mehr überzeugt, als das bei Wir die wir jung sind der Fall ist. Schade!