Category Archives: Literatur

William Boyd – Blinde Liebe

William Boyd ist wieder da. Zuletzt schilderte er in Die Fotografin die Lebensgeschichte der fiktiven Fotografin Amory Clay. Nun hat er den Verlag gewechselt und ist anstelle des Berlin-Verlags im Kampa-Verlag heimisch geworden. Ein kleiner Coup, der Daniel Kampa und seinem Team da gelungen ist.

Inhaltlich bleibt sich William Boyd treu und stellt erneut ein ganzes Menschenleben in den Mittelpunkt. Diesmal heißt sein Protagonist Brodie Moncur, den man von den Jugendjahren bis zur Bahre begleitet. Er übt den Beruf des Klavierstimmers aus. Zwar sieht Brodie nicht besonders gut, umso schärfer ist aber sein Gehör, das sogar absolut ist. Kleinste Abweichungen von der Norm erfasst er intuitiv – was ihn natürlich zum perfekten Klavierstimmer macht.

Er zeigt in seinem Beruf großes Geschick und wird in der Folge aus seiner schottischen Heimat nach Paris entsandt. Dort soll der der lokalen Filiale eines Klavierherstellers unter die Arme greifen. Doch alles kommt natürlich anders als geplant – und so findet sich Brodie bald im Gefolge des Klaviervirtuosen John Barron wieder. Für diesen soll er seine Flügel vor den Auftritten stimmen und kalibrieren und so die Bühne für das Brillieren des Meisters bereiten.

Schnell wird Brodie zum unersetzlichen Adlatus des ebenso genialen wie menschlich schwierigen Pianisten. Die größte Anziehung übt auf ihn allerdings nicht Killbarron selbst, sondern dessen Lebensgefährtin Lika aus. Diese ist eine russische Sopranistin, der Brodie schon bald verfällt. Beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die sich als verhängnisvoll erweist.

Ein guter Unterhaltungsroman – und sonst so?

Chronologisch erzählt William Boyd in Blinde Liebe die Geschichte seines Helden Brodie Moncur. Boyd ist natürlich ein erfahrener Erzähler, der weiß, wie er seine erzählerischen Bögen gestalten und ausschmücken muss. Man liest die über 500 Seiten starke Biografie Brodie Moncurs und wird gut unterhalten – mehr aber auch nicht. Denn für alles andere ist der Roman zu konventionell gehalten.

Der neue Titel von William Boyd fällt für mich in die Kategorie Flutschbuch. Es ist flüssig zu lesen, unterhält – aber von der Lektüre bleibt bei mir nicht viel zurück. Denn die Widerhaken in Boyds Geschichte fehlen. Jene Widerhaken wie interessante Persönlichkeiten, besondere ausgestaltete Konflikte oder eine große Tiefe – sie gehen der etwas bräsig gestalteten Geschichte leider ab.

Man muss konstatieren, dass Blinde Liebe ein Porträt ist, das mit grobem Pinsel gemalt ist. Für William Boyd steht die Unterhaltung im Vordergrund, was absolut legitim ist. Dadurch fehlt aber eben jene Metaebene, die meiner Meinung nach Literatur zu großer Literatur macht. Dieses Fehlen macht sich aber nicht nur in diesem Buch bemerkbar, generell ist das charakteristisch für das literarische Oeuvre Boyds.

William Boyd ist für mich ein geschickter Grenzgänger der Lager E und U. Auf dieser Grenze zu wandeln ist eine Kunst für sich, die Boyd sehr gut beherrscht. In meinen Augen bedeutet das nur leider zumeist, dass der Handlung vor der Ausgestaltung der Figuren der Vorzug gegeben wird. So bleibt Brodie Moncur trotz totaler Fokussierung etwas blass und wird in meinem Fall nach ein paar Dutzend Büchern später auch so blass in eminen Erinnerungen zurückbleiben.

Für mich hätte es nur schon noch etwas mehr an Nuancen, Zwischentönen und vielschichtigeren Charakteren sein dürfen. Wer von Büchern dafür eher einen ausschweifenden Handlungsbogen mit viel Effet erwartet, der wird hier auf alle Fälle glücklich.

Blinde Liebe ist ein gut gemachter Unterhaltungsroman. Nicht mehr, und nicht weniger.

Emanuel Maeß – Gelenke des Lichts

Wann hält man schon ein Buch in Händen, das ebenso leichtfüßig Friedrich Rückert wie den Flippers-Hit Lotosblume zitiert? Doch auch in anderer Hinsicht ist Emanuel Maeß‚ Debüt Gelenke des Lichts mehr als bemerkenswert.


In der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es im Moment ein omnipräsentes Thema: die Aufarbeitung der (eigenen) Jugend. Wolfgang Herrndorf machte mit Erfolg vor, wie sich die Phase der Jugend in erfolgreiche Literatur verwandeln lässt. Zahlreiche Autor*innen folgten und bescherten dieser Textgattung eine große Blüte. Namen wie André Kubiczek, Christoph Hein, Bodo Kirchhoff, Julia Schoch oder Alexa Hennig von Lange wären hier zu nennen. Sie alle befassten sich in ihren letzten Werken mit der Jugend und teils autobiographischen Erinnerungen.

Ein überaus beliebtes Thema also, das sich jetzt auch Emanuel Maeß für sein Debüt ausgesucht hat. Dabei stellt sich natürlich die Fage – hat der Debütant etwas Neues oder noch nicht Dagewesenes zum Thema beizutragen? Und hier muss ich auf alle Fälle ein deutliches Ja äußern. Denn Emanuel Maeß gewinnt dem Thema der Jugend sowohl in inhaltlicher als auch in sprachlicher Hinsicht bemerkenswerte Facetten ab.

Eine Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang, ein Studium im Westen

Dies beginnt damit, das Maeß seinen Bogen weiterspannt, als nur ein kurzes, wegweisendes Kapitel einer Adoleszenz zu schildern. Von Erinnerungen an frühe Badeurlaube an der Ostsee bis hin zum Studium an der englischen Universität Cambridge reicht der Erzählbogen, den Maeß aufbaut. Dabei lässt er seinen Protagonisten entlang der prägenden deutschen Wegscheide 89/90 aufwachsen. Die Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang wird mit der Studienzeit in Heidelberg und Cambridge kontrastiert.

Emanue Maeß - Gelenke des Lichts (Wallstein)

Dabei kommt es im Laufe der knapp gehaltenen Erzählung (254 Seiten) zu bemerkenswerten Registerwechsel. So beschreibt Maeß die Kindheit im ostdeutschen Pfarrersheim kurz hinter der Mauer manchmal geradezu bukolisch und in der Romantik-Tradition eines Eichendorff. Maeß schildert eine autarke dörfliche Welt, die vom Weltgeschehen nahezu nicht tangiert wird. Die Uhren gehen hier sprichwörtlich anders, bestes Symbol hierfür ist die Kirchturmuhr, die noch per Hand aufgezogen wird. Sogar die Bildwelten eines Uwe Tellkamp liegen hier manchmal in greifbarer Nähe.

Als die Jugend dann in das Studium mündet, wandelt sich auch die Erzählung hin zu einem Campusroman. Die präzise Milieuschilderung der studentischen Welten und des Lebens auf dem Campus erinnern stark an Jonas Lüschers Kraft. Auch bei Maeß wird ein Mann zwischen studentischer Lehre und der Welt da draußen entzweigerissen. Doch eine allesverbindene Klammer gibt es, die alle Registerwechsel einhegt und moderiert. Das ist die Liebe zu Ihr – Angelika Schmidbauer. Verliebt sich der Protagonist im Badeurlaub und entbrennt in kindlicher Begeisterung, so trifft er die junge Frau immer wieder an entscheidenen Wegscheiden seines Lebens (man könnte diese Aufeinandertreffen im Sinne des Romans auch als Gelenkpunkte bezeichnen).

Die Liebe und die Sehnsucht zu ihr, die der Protagonist immer als „Du“ im Buch adressiert. Sie ist Leitstern, ob als Studentin oder als Tanzpartnerin beim Abschlussball, bei dem man sich zu den Flippers in den Armen liegt.

Dass ich Maeß diese Kindheitsepisoden, den Campusroman, das Wissenschaftliche und das Romantische, die Zerrissenheit zwischen den Gattungen und Zeiten so unkritisch abnahm, das hat auch einen weiteren Grund. Dieser ist in meinen Augen das wirklich Herausragende.

Die Sprachmacht des Emanuel Maeß

Denn bis hierhin könnte man ja einwenden – Campusroman, Kindheit in der DDR, alles schon dagewesen, die oben erwähnten Autor*innen haben diese Felder mit teils beachtlichen Resultaten ja bereits beackert. Was ist nun das Einzigartige, das diesen Roman von den anderen unterscheidet? Das ist auf alle Fälle die Sprache beziehungsweise die Sprachmacht, mit der Emanuel Maeß seine Geschichte erzählt und zusammenbindet.

Viel zu oft klingen Geschichten austauschbar. Autor*innen mit eigenem, unverkennbaren Sound gibt es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum. Es herrscht eine Art Konsenssprache, mit der viel zu viele Geschichten erzählt werden. Einen eigenen Sound für die jeweilige Erzählung zu finden, diese Mühe machen sich viel zu wenig Schreibende. Auf Anhieb fiele mit da höchstens noch Feridun Zaimoglu und vielleicht Ursula Krechel ein (wem andere Beispiele in den Sinn kommen – in der Kommentarspalte freue ich mich über Ergänzungen).

Wie Sprache einen Roman bereichern kann, aus einer Erzählung etwas besonders machen kann – das lässt sich bei Gelenke des Lichts gut beobachten. Zunächst ist der Umfang von Maeß Vokabular äußerst beeindruckend. Vom hochwissenschaftlichen Studiumsinhalt bis zur DDR-Jugend – seine Sprache besticht durch eine hohe Originalität und Benennungsstärke. Er findet eingängige Formulierungen, wagt den ein oder anderen Schachtelsatz und entwickelt einen Sprachsog, der eine große Faszination ausübt. Nicht umsonst verliert sich der Protagonist in Wagners brausenden Musikwelten – was Maeß auf sprachlicher Ebene in ein ebensolches Brausen überführt. Da darf es dann auch schon einmal blauen oder glocken.

Zum anderen ist seine Prosa auch unglaublich dicht. Gelenke des Lichts ist voller Anspielungen und überführt die Herkunft des Protagonisten aus dem ostdeutschen Pfarrhaushalt in eine geistige und vergeistigte Prosa im besten Sinne. Besonders die Mahler’sche Vertonung von Rückerts Ich bin der Welt abhanden gekommen wird zu einer Art Leitmotiv mit vielgestaltigen Interpretationsmöglichkeit. Dass Maeß bei allen sprachlichen Überschlägen auch die ein oder andere Sprachgirlande zu viel webt, das sei dem Debütanten verziehen. Wann legen Newcomer schon einmal mit einem derart sprachlichen Verve los? Davon wünsche ich mir in der deutschen Gegenwartsliteratur wieder mehr. Und nicht zuletzt ist das Ganze auch oftmals wirklich witzig. Ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur.

Ein Roman mit Wiederlese-Faktor

Zudem spreche ich für dieses Buch ein weiteres, höchst subjektives Lob aus: denn Gelenke des Lichts ist so dicht geschrieben, dass eine zweite Lektüre unbedingt anempfohlen ist. Oftmals bin ich froh, wenn ich ein Buch gelesen habe und die Geschichte hinter mir liegt. Hier würde ich keine Sekunde zögern, und mich wieder in die Maeß’schen Bildwelten zu versenken. Ein Buch mit höchster Wiederlesefreude. Nicht nur, aber auch deswegen mehr als gerne empfohlen.

Theresia Enzensberger – Blaupause

Eine hochspannende Zeit, ein entscheidender Wendepunkt im deutschen Design – und ein leider recht seelenloser Roman. Theresia Enzensbergers Debüt Blaupause über das Bauhaus in Weimar und Dessau.


In diesen Tagen jährt sich die Gründung des legendären Bauhauses zum 100. Mal. Viele berühmte Namen sind mit der Ideenschmiede verbunden, die einst in Weimar ihren Ausgang nahm: Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Ludwig Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky oder der Leiter der Schule – Walter Gropius. Klingende Namen, deren Werke und Kreationen heute noch untrennbar mit ihren Schöpfern verbunden sind. Doch die Geschichte des Bauhauses ist eine der Männer. Bekannte weibliche Architektinnen oder Designerinnen? Da muss man schon lange überlegen. Während Männern am Bauhaus fast alles zugestanden wurde, sie sich ausprobieren und verschiedenste künstlerische Ausdrucksformen aneignen durfte, sah man Frauen eher in anderen Bereichen. Der Lehrer Johannes Itten drückt die Überzeugung der Fakultät der Ich-Erzählerin Luise gegenüber einmal so aus:

Schließlich höre ich ihn [Johannes Itten] sagen: „Keine Sorge Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich würde dir allerdings empfehlen, in die Textilwerkstatt zu gehen. Dort kannst du auch dein Talent für Farbgebung weiterentwickeln, das du ja schon unter Beweis gestellt hast.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 81
Holzspielzeug aus dem Baushaus: Entwürfe von Alma Siedhoff-Buscher (Bildrechte: Von chinnian – DSCF2582, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49721587)

Die Weberei – oder allerhöchstens das Design von Spielzeug und Kindermöbeln. Mehr wurde Frauen am Bauhaus selten zugestanden. Das muss auch Luise Schilling im Lauf des Buchs erfahren. Gegen den Widerstand ihres Vaters zieht es sie ans Bauhaus. Dort verliebt sie sich, lebt, webt und feiert. So könnte man den Inhalt von Blaupause schnell auf den Punkt bringen.

Weimar 1921, Dessau 1926

Das Buch teilt sich in zwei große Blöcke. Der erste spielt 1921 am Bauhaus in Weimar, der zweite dann sechs Jahre später am Bauhaus in Dessau. Die Erfahrungen, die Luise an beiden Orten macht, ähneln sich meist. Frauen werden nicht ernst genommen, ihre Entwürfe gelten weniger wert. Eine Szene im Bauhaus in Weimar zwischen ihr und einigen männlichen Mitschülern illustriert das recht eindrücklich:

Ich werde ungeduldig. „Habt ihr ausprobiert, was passiert, wenn ihr das Geländer erst bei der zweiten Stufe einführt?“, frage ich.

Die drei schauen mich überrascht an. Mein Herz schlägt schnell. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen, aber die Lösung war so offensichtlich. „Bei der zweiten Stufe? Wie sieht denn das aus?“ fragt der Rothaarige. „Ja, großartig, das macht ja alles noch komplizierter,“ sagt der Kleine und schüttelt den Kopf. „Ich weiß es!“ ruft der Mützenmann. „Wir machen die erste Stufe zum Auftrittspodest. Dann müssen wir die Steigung nicht anpassen. Hier“, sagt er und kritzelt etwas auf das Papier. Die anderen beiden sind begeistert, der Rothaarige klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Aber genau das habe ich doch gesagt! Wütend wende ich mich wieder meiner schiefen, längst winzigen Kugel zu und beschließe, sie jetzt nur noch abzuschleifen, um so schnell wie möglich hier wegzukommen“.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 64 f.

Die Frauen machen die Arbeit und geben Impulse – und die Männer streichen die Meriten ein. So verkürzt könnte man die Erfahrung von Luise Schilling wiedergeben. Das ist – wenngleich etwas plakativ – ganz gut gelungen. Allerdings zeigt auch dieser Ausschnitt, woran das Buch für mich krankt. Es ist die Passivität Luises, mit der sie diese Kränkungen und Zurechtweisungen erträgt. Der Ton und ihr Verhalten ist oftmals sehr backfischig. Wird sie von ihren männlichen Kollegen geschnitten, sagt sie nichts. Wird sie in die Weberei abkommandiert, sagt sie nichts und grummelt in sich hinein. Finden ihre Entwürfe keine Anerkennung, so äußert sie darüber keinen Ärger, sondern akzeptiert auch das sang- und klanglos.

„Die Familie, bei der ich [ihre Liebschaft Jakob] wohne, würde sich wundern, wenn ich nicht nach Hause komme. Außerdem soll man im Winter nur die halbe Nacht zusammen in einem Bett verbringen, sagt Hanisch.“ Hanisch! Ich finde, Hanisch hat in meinem Schlafzimmer gar nichts zu suchen. Aber ich will nicht drängen, deswegen sage ich nichts. Jakob gibt mir einen kurzen Kuss. „Bis morgen, Schönste.“ sagt er, was mich besänftigt. Leise schließt er die Tür. Ich kann seine Schritte noch hören, dann wird es still

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 70

So lässt sich Luise von ihrer Affäre abspeisen und bleibt im treudoofen Modus. Auch an Silvester reagiert sie nicht anders und bleibt im stupiden Anhimmel-Modus. Feuer, Esprit, Emanzipationswillen? Bei ihr Fehlanzeige.

Charlotte richtet ihr jährliches Silvesterfest aus. Ich stehe herum und vermisse meine neuen Freunde. Während neben mir ein exaltierter Jüngling von irgendeiner neuen Theaterafführung erzählt, arbeite ich im Kopf alle Details meiner nächsten Begegnung mit Jakob aus. Und während um mich herum lautstark das Jahr 1922 eingeläutet wird, führe ich verschiedenste Szenarien für meine zukünftige Liebesgeschichte ins Feld. Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 73

Eine unrunde Figurengestaltung

Luise als Figur bleibt immer weit unter ihren Möglichkeiten, was mich bei der Lektüre wirklich störte. Diese Passivität, dieses naive Eia Popeia-Hoffen, auf dass sich schon alles fügen werde, es ist gerade im ersten Teil kaum zu ertragen. Im Zusammenwirken mit anderen Gedanken und Überlegungen Luises wirkt die Ausgestaltung ihrer Figur unrund

Ich finde Freiräume, die man sich innerhalb einer gegebenen Struktur schafft, oft spannender als das, was ohne Anhaltspunkt entsteht. Aber vielleicht ist das ein unbrauchbares Axiom, es ist durchaus möglich, dass diese Vorliebe eher etwas über meinen Mangel an Kreativität aussagt.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 27

Oder ein letztes Zitat, das die Naivität Luises kontrastiert.

Es entspinnt sich eine Diskussion, ob der Film ein dionysisches oder ein apollinisches Medium ist. Ich habe Die Geburt der Tragödie vor kurzem gelesen, aber ich habe keine Lust, mich zu beteiligen. Ich weiß auch nicht, ob man Nietzsches Kriterien überhaupt auf den Film anwenden kann.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 77

Hier zeigt Enzensberger ihre Heldin als hochgebildet, die in Diskussionen durchaus etwas beizutragen hätte – das aber oftmals auch nicht möchte und lieber im Schattte n . Zwar ist dieses Verharren in der vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle zeittypisch und – doch nimmt es es dem Roman auch viel an innerer Spannung, die ja vor allem aus starken Figuren heraus entsteht.

Wenn Theresia Enzensberger schon vom weiblichen Blick auf das Bauhaus und die damalige Zeit erzählen will, so eine unspannende Figur wählt, die kaum rebelliert oder die Grenzen weitetet, obwohl sie die Anlangen dazu hätte? Für mich ist das leider verschenktes Potenzial und macht einen Kritikpunkt des Buchs aus.

Viel Oberfläche, wenig Tiefenwirkung

Theresia Enzensberger - Blaupause (Cover)
Theresia Enzensberger – Blaupause

Ein anderer Punkt ist die Oberflächlichkeit, die dieser Roman immer wieder verströmt. Zwar reißt Theresia Enzensberger alles irgendwie an, zuende geführt wird in Blaupause allerdings kaum etwas. So schnuppert Luise im Bauhaus in alle Bereiche hinein, sieht einmal Schlemmers Triadisches Ballett. In Berlin kommt sie bei Kommunisten unter, auch ein Ausflug ins pulsierende und flirrende Nachtleben der 20er ist natürlich ein Muss. Allesamt werden diese Punkte alle einmal pflichtschuldig angerissen – doch genauer widmet sich Enzensberger den Handlungsstationen kaum. Alles gleicht einer Stadtrundfahrt, bei der alle relevanten Punkte angesprochen und kurz einmal gezeigt werden. Doch einen wirklichen Eindruck bekommt man von keiner dieser Handlungsstationen. Wer waren die Menschen am Bauhaus? Was trieb sie an? Wie hat sich das Leben damals angefühlt? Theresia Enzensberger kann keine tieferen Einsichten liefern, als nur an der bekannten Oberfläche zu kratzen.

Und ein letzter Punkt, der mir immer am Herzen liegt ist auch die Sprache – wenngleich dies auch ein reichlich subjektiver Punkt ist: während meine liebe Kollegin Birgit Böllinger auf Sätze&Schätze den sachlichen Tonfall des Textes lobt, finde ich genau diesen Tonfall etwas zu schnöde und seelenlos. Natürlich darf man sehr sich gerne eines sachlichen und nüchternen Stils bedienen wenn man vom Bauhaus erzählt, das ja wie keine andere Stilrichtung für das Schnörkellose steht. Doch in diesen Stil auch das Raffinierte, das Kunstvolle einfließen zu lassen, was ja auch das Bauhaus ausmacht – das hat mir in Enzensbergers Prosa gefehlt. Alles klingt doch recht austauschbar und nichtssagend. So etwas wie eine originäre Schreibe oder die Entwicklung eines eigenen Stils konnte ich in Blaupause nicht entdecken.

Ein weiblicher Blick auf eine männliche Kunstschule

Trotz dieser Kritikpunkte soll am Ende nicht der Eindruck zurückbleiben, dass Blaupause durch die Bank weg ein schlechtes Buch sei. Mir fehlte, wie oben schon angeführt, etwas die Seele und eine kunstfertige Ausgestaltung des Buchs, aber es hat auch seine starken Momente.

Der eindrücklichste Punkt an Blaupause ist für mich ist der weibliche Blick auf die Männerwelt Bauhaus, die sich bis in die Leitung der Anstalt durchzog (besonders stark die Schlusspointe des Buchs, ohne diese hier verraten zu wollen). In diesem entworfenen Ende ist das Buch stark. Doch kann das keinesfalls für die Schwächen der vorherigen 230 Seiten entschädigen. Das Buch ist schnell gelesen – aber auch relativ schnell wieder vergessen.

Eine große Empfehlung möchte ich dennoch an dieser Stelle aussprechen – und zwar für diese Dokumentation: Bauhausfrauen nimmt die weibliche Seite des Bauhauses in den Fokus. Anhand dreier Frauen, die ihren eigenen Weg einschlugen, allerdings immer im Schatten der Männer standen. Eine Dokumentation, die einiges gerade rückt und einen dringend notwendigen neuen Blick auf die Ideenschmiede ermöglicht

Bauhausfrauen: Screenshot aus der ARD-Mediathek

Und hier noch ganz klassisch der Link: https://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-frauen-am-bauhaus/doku/index.html

Susan Hill – Stummes Echo

Ich wollte es eigentlich nicht – doch auch in dieser Besprechung muss einmal mehr das schon zur Sentenz geronnene Anfangswort aus Tolstois Anna Karenina stehen. Es bietet sich einfach zu gut an:

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Tolstoi, Lew: Anna Karenina, S. 3

Auch Susan Hill scheint sich bei ihrem Roman Inspiration beim russischen Altmeister geholt haben. Ihr erstaunlich kurzer, nur 164 Seiten langer Roman Stummes Echo illustriert Tolstois These nämlich einmal mehr. Ihr Roman dreht sich um die vier Kinder einer Familie, die der Tod der Mutter zusammenbringt.

Da wäre May, die wieder nach Umwegen auf den heimischen Hof The Beacon zurückgekehrt ist. Ein Versuch eines Studiums in London und eine Tätigkeit in einem Kloster waren doch nur Station, ehe sie wieder an den heimischen Herd zurückkehrte, bedingt durch den Tod des Vaters und die Pflegebedürftigkeit der Mutter.

Ihre Geschwister Colin, Berenice und Frank haben The Beacon hingegen den Rücken gekehrt. Sie alle leben ihre eigene Leben, wobei vor allem das Tuch zwischen den drei Geschwistern und Frank zerschnitten ist. Den Grund dafür arbeitet Hill erst allmählich heraus.

Nun also der Tod der Mutter und damit verbunden die Geschehnisse, die man schon aus unzähligen Romanen und Filmen kennt. Die verstreut lebenden Geschwister finden sich wieder ein. Schließlich muss die Beerdigung ihrer Mutter organisiert werden. Und auch die Verlesung des Testaments steht noch aus – also raufen sich alle zusammen und versuchen, der Mutter die letzte Ehre zu erweisen.

Eine Familie, vier Kinder, viele Probleme – 164 Seiten

Das ist im Grunde die ganze Handlung hinter Stummes Echo. Wenn ich oben schrieb, dass man die Motive und Geschehnisse schon aus anderen Romanen und Filmen kennt, dann ist das auch die Stärke und Schwäche des Buchs zugleich. Stärke, da es Hill wirklich gelingt, auf den 164 Seitenihre Figuren vernünftig auszugestalten, aufeinandertreffen zu lassen und die Motivationen kurz und knapp zu beleuchten – und zwar so, ohne dass man das Gefühl hat, es fehle etwas oder wäre zu überstürzt beschrieben.

Gut reduziert Hill ihr Buch auf das Wesentliche – das aber nichts Neues bietet. Das ist eben die zugleich angedeutete Schwäche. Die Reihe derer, die um die Fragilität der Familie wussten und wissen, ist lang. Schon Tolstoi hat den allzugrüchigen Frieden, der sich Familie nennt, eindrucksvoll thematisiert. Und bis heute ist es ein Thema, zuletzt beispielsweise in Karl-Heinz Otts Die Auferstehung.

Dieses Thema ist schon landauf landab behandelt worden. Man könnte es auf die Formel bringen: alles ist schon gesagt worden – aber noch nicht von jedem. Und so bearbeitet Susan Hill dieses Thema eben einmal mehr, ohne dem Sujet etwas Neues hinzufügen zu können oder dem Ganzen besondere Aspekte abringen zu können.

Stummes Echo ist eine nette kleine Geschichte. Eine sonderliche Tiefenwirkung oder Erinnerungswürdigkeit besitzt das Buch in meinen Augen allerdings leider in nur geringem Maße.

Elena Ferrante – Frau im Dunkeln

Kein Lächeln, nirgends

Mit ihrem Neapolitanischen Quartett gelang Elena Ferrante auch in Deutschland der große Durchbruch. Die Kritiker jubelten, die Bücher verkauften sich wie geschnitten Brot und sogar eine Serienadaption steht in den Startlöchern.

Die erste Minute dieses Trailers fängt mein Lesegefühl der vier Bände sehr gut ein. Alles düster, dumpf, gewaltgesättigt. Der Rione in Neapel und seine Einwohner, von einer Sonnenseite zeigten sich diese beiden Parteien in den Büchern nie. Von dolce vita war das Neapolitanische Quartett so weit weg wie der italienische Staatshaushalt von einer Konsolidierung.

Zum Nachteil gereichte das den Bänden nicht – und damit auch dem Suhrkamp-Verlag, der jene vier Bände veröffentlichte. Vom Erfolg beflügelt, widmet man sich in Berlin nun in hoher Taktung der Backlist der Autorin. Im Oktober erschien der Roman Lästige Liebe, der sich um eine Mutter-Tochter-Beziehung drehte. Ebenfalls im Oktober brachte man (wie alle bisherigen Titel von Karin Krieger übersetzt) in der Inselbücherei Der Strand bei Nacht auf den Markt. Eine Schauergeschichte über eine Puppe, die am Strand zurückgelassen wird.

Nun veröffentlicht Suhrkamp – erstmals in der Übersetzung durch Anja Nattefort – den Roman Frau im Dunkeln, im Original erschienen 2006. Um den Plot zu erzählen, reicht es eigentlich, die beiden vorher erwähnten Bücher Lästige Liebe und Der Strand bei Nacht einmal kräftig zusammenzuschütteln – und schon erhält man Frau im Dunkeln. Denn die Motive der Erzählung, sie dürften Lesern der bisherigen Bücher bekannt vorkommen.

Ein Strand, zwei Mütter, eine Puppe

Ein heißer Sommer an der süditalienischen Küste, Leda – knapp fünfzig, allein lebend, Mutter zweier erwachsener Töchter – verbringt unbeschwerte Tage am Strand. Sie vertreibt sich die Zeit damit, eine junge Mutter und deren kleines Mädchen zu beobachten, die innig vor sich hin spielen. Doch plötzlich verdüstert sich das Idyll und die sonst so beherrschte Leda lässt sich zu einer unbegreiflichen Tat hinreißen …

So raunt es der Klappentext. Die neugierige Leser*in mag sich da natürlich fragen – welche Tat? Entführt sie das Kind? Wagt sie es, den Badeplatz der Mutter mit einem eigenen Handtuch zu belegen? Nein, es ist noch eine viel unbegreiflichere Tat: Leda nimmt die Puppe des Kindes an sich (so viel Spoilern muss erlaubt sein).

In der Folge beobachtet sie den neapolitanischen Familienclan mit Mutter, Kind und restlicher Sippschaft. Dabei steigen auch bei Leda Erinnerungen an die Oberfläche, die sie an ihre Töchter und ihr Familienleben erinnern.

So gelingt es Elena Ferrante, ein ambivalentes Bild der Mutterschaft zu zeichnen. Über Leda und die von ihr betrachtete Familie entwirft Ferrante ein Bild von Mutterschaft, das nichts verklärt, sondern eher dem Themenbereich Regretting Motherhood zuzuschlagen ist. Dies alles konzediere ich, dennoch ist Frau im Dunkeln eine Lektüre, die mich nicht zu überzeugen vermochte.

Dies hat auch einen Grund – das Personal von Ferrantes Roman ist das, was ich „hochgradig unsympathisch“ nennen würde. Die Frauen in Ferrantes Buch sind durch die Bank weg Furien. So zischt Rosaria, eine Frau aus der neapolitanischen Sippschaft, nachdem der Verlust der Puppe offenbar wird:

Derjenige, der sie geklaut hat, soll einen Gehirntumor kriegen.

Ferrante, Elena: Frau im Dunkeln, S. 83

Hier zeigt sich schon eine gewisse Überspanntheit und Hysterie, die alle Figuren in diesem Buch befallen zu haben scheint. Wir rufen uns noch einmal in Erinnerung, dass es hier um den Verlust einer Puppe geht.

Überspannte Figuren, Furor furioso

Doch auch die Ich-Erzählerin Leda legt kein entspannteres Verhältnis an den Tag, wenn es um den Umgang mit einer Spielzeugpuppe geht. Vielleicht liegt es auch an mir als Mann, dass ich eine derartige Bindung nur unzureichend nachvollziehen kann. Aber in einer Szene mit ihren eigenen Kindern finde ich auch die Handlungsmotivation einmal mehr reichlich übertrieben. So hat eine von Ledas Töchtern ihre geliebte Puppe im Spiel verletzt,

(…)sie hatte sie von oben bis unten mit einem Kugelschreiber vollgekritzelt. Ein Schaden, der sich beheben ließ, aber mir schien sie hoffnungslos verloren. Alles in jenen Jahren schien mir hoffnungslos, ich selbst war hoffnungslos. Ich warf die Puppe über das Eisengeländer des Balkons.

Als ich sie auf den Asphalt zufliegen sag, empfand ich grausame Genugtuung. Ich sah sie fallen, und sie erschien mir wie ein unflätiges Wesen. Ich weiß nicht, wie lange ich an das Geländer gelehnt hinunterblickte und zusah, wie die Autos darüberfuhren. Dann bemerkte ich, dass auch Bianca zuschaute, auf Knien, die Stirn an die Streben des Geländers gedrückt. Ich nahm sie auf den Arm, sie ließ es ergeben geschehen. Ich küsste sie lange, drückte sie fest an mich, als wollte ich sie mir wieder einverleiben.“

Ferrante, Elena: Frau im Dunkeln, S. 62

Hier zeigen sich die Affekte, zwischen denen Leda beständig oszilliert. Sympathisch macht sie das für mich leider in keinster Weise – was auch meine Lektüre stark hemmte.

Ständig wird entweder „leicht hysterisch gekreischt“ (S. 170) oder den Partner angekeift und geschrieen (S. 100). So etwas wie Liebe oder zwischenmenschliche Wärme findet sich auch in diesem Buch wieder nur im Promillebereich. Kein Lächeln, nirgends. Eher ist es ein Furor furioso, der sich aller bemächtigt hat.

Regretting Motherhood in Romanform

Zur Illustration meiner Probleme mit dem Buch hier nur noch ein letztes Beispiel für den Erzählton, der mir das Buch verleidete.

Doch dann kam Marta. Sie war es, die meinen Körper attackierte, ihn unkontrollierbar aufbegehren ließ. Sie war von Anfang an nicht Marta, sondern ein lebendiger Eisenklumpen in meinem Bauch. Mein Leib war nichts als blutiger Schleim, mit einem breiigen Bodensatz, in dem sich ein aggressiver Polyp ausbreitete, der so fern war von jeder menschlichen Natur, dass er mich, obwohl er sich von mir nährte und aus mir wuchs, auf eine faulende Substanz ohne Leben reduzierte. In meiner zweiten Schwangerschaft ähnelte ich der schwarzen Moder speienden Nani (die andere Mutter am Strand).

Ferrante, Elena: Frau im Dunkeln, S. 162

Lebendiger Eisenklumpen, Polyp, schwarzer Moder – eine Nummer kleiner geht es bei Leda selten. Dass sie da ihre Familie einmal verlassen hat und nun fern von ihren Töchtern lebt, das überrascht nun wirklich nicht.

Mit einem Blick als Frau oder Mutter mag man diesen Roman vielleicht anders lesen – für mich bleibt leider nur der Eindruck überspannter Figuren, die unlogische Handlungen begehen, zurück. Natürlich dürfen Charaktere in einem Roman auch mal unsympathisch sein – doch wenn man keinerlei Identifkationspotential in solch einem Roman findet, wird es schwierig.

Von Strand, la dolce vita und Entspannung ist bei Elena Ferrante nicht viel übrig. Auf ihre Welten muss man sich einlassen – mir ist das hier leider überhaupt nicht gelungen. Die Faszination für die Frau im Dunkeln liegt für mich im Dunkeln.