Category Archives: Literatur

So spannend wie trockenes Mondgestein

Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

Es bietet sich natürlich an, im Jahr 2019 ein Buch über die Mondlandung 1969 zu veröffentlichen. 50-jähriges Jubliäum des Armstrong’schen Monspaziergangs – da könnte man doch noch mal prima drüber schreiben, wie sich das damals so angefühlt hat. Muss sich auch Ulrich Woelk gedacht haben, der mit Der Sommer meiner Mutter ein Buch vorlegt, das es in Sachen Spannung, Sprache und Tiefenwirkung jenem trockenen Mondgestein aufnehmen kann, über das Neil Armstrong 50 Jahre zuvor wandelte.


Dabei packt Woelk alles in das Buch, was dieses Jahr 1969 so besonders machte. Die 68er-Revolte hat das Land durchgeschüttelt, die sexuelle Befreiung ist auf dem Vormarsch. Frauen emanzipieren sich, das Wirtschaftwunder klingt endgültig ab. Das lunare Wettrennen zwischen der UdSSR und Amerika ist im vollen Gange – da liegt der Stoff natürlich förmlich auf der Hand.

All diese Themen bündeln sich in den beiden Familien, die Woelk in den Mittelpunkt seines nicht einmal 200 Seiten umfassenden Romans setzt. Da ist zum einen Tobias, der 11-jährige Ich-Erzähler, durch dessen Augen man die Handlung erlebt. Zusammen mit seiner Mutter und seinem Vater leben sie am Stadtrand von Köln, ein kleines Einfamilienhaus ist ihr Zuhause. Die Beziehung atmet die typischen Konventionen der Zeit. Während der Vater das Geld verdient, fügt sich Tobias‘ Mutter in die Rolle als Hausfrau.

Die Wahlverwandschaften am Kölner Stadtrand

Die Spiegelung dieser zeittypischen Familie bilden die Leinhards, eine Familie, die das nebenstehende Haus beziehen. Sie übersetzt, er ist als Philosophie-Dozent an der Uni tätig. Rosa, ihre Tochter sticht durch viel Altklugheit davor – und fasziniert gerade dadurch Tobias. Mit dieser Familie kommt ein ganz neuer Geist in die Nachbarschaft, der mit dem konservativen rheinländischen Katholizismus von Tobias Elternhaus kontrastiert. Die Leinhards hegen Sympathien für den Kommunismus, mussten aufgrund nebulöser Gründe aus Griechenland fliehen und stehen für ein neues Beziehungsbild.

Es entspinnt sich eine Handlung, die an die Wahlverwandschaften Goethes erinnert. Beide Ehepartner fühlen sich zu den anderen Partnern hingezogen (so zumindest Tobias‘ Wahrnehmung), während dieser selbst Rosa näherkommt und das erlebt, was man heute als Coming-of-Age bezeichen würde, sexuelle Initiation inklusive. Was bei Goethe schon nicht gut ausgeht, tut es bei Woelk schon erst recht nicht. Ein Geheimnis ist das mitnichten, schon der erste Satz des Romans nimmt dies vorweg.

Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.

Woelk, Urlich: Der Sommer meiner Mutter, S. 7

Damit ist natürlich auch die Spannung bzw. die Überraschung im Buch schon perdu. Wie es ausgeht, das überrascht nicht wirklich. Die Gestaltung eines dramatischen Bogens scheint Ulrich Woelk in Der Sommer meiner Mutter aber auch nicht wirklich zu interessieren. Chronologisch wird die ganze Handlung heruntererzählt, die es zu keinem Zeitpunkt schafft, so etwas wie eine Metaebene oder eine tiefergehende zweite Handlung hinter der erzählten Hauptebene zu entwickeln.

Bräsig wie eine Reihenhaussiedlung

So bräsig und banal wie die Reihenhaussiedlung am Stadtrand bleibt auch die Gestaltung der Kapitel, die Titel wie Neue Nachbarn oder Mädchen sind so tragen. Das Ganze las sich für mich ungeheuer rückwärtsgewandt und so spannend wie eine überbelichtete Fotografie aus den 60ern. Wenn es Woelks Ziel war, diese verschlafene BRD-Stimmung in Worte zu gießen, dann hat er das durchaus geschafft. Aber mir war diese in kunstlose und völlig austauschbare Sprache gekleidete Geschichte viel zu wenig, auch als Erinnerung an das Jahr 1969. Gerade in diesem Jubliäumsjahr werden wir ja mit Erinnerungen, Dokumentationen und Reportagen in mannigfaltiger Form überschüttet. Von diesen Rückblicken kann sich Woelks Buch leider überhaupt nicht absetzen und fügt der 69er-Nostalgie in meinen Augen nichts Wesentliches hinzu.

Natürlich ist es okay, diese Zeit wieder aufleben zu lassen und sich den Erinnerungen hinzugeben. Auch ein nostalgisches Buch über Kindheitserinnungen und die Mannwerdung in vergangen Zeiten ist ja erlaubt und bekommt seinen Platz. Aber dennoch stelle ich mir die Frage, ob es solch ein rückwärtsgewandtes Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 braucht. Gewiss, der Blick zurück dominiert auch bei den bisher ausgezeichneten Titeln. Ich selbst würde aber mir mehr inhaltliche und formale Wagnis von einem Buch wünschen, das auf dieser Liste steht. Ein Buch, das Ideen für unsere Zeit liefert, das sich der Komplexität der Welt da draußen stellt. Der Sommer meiner Mutter von Ulrich Woelk tut dies in meinen Augen leider nicht. Schade drum!

Die andere Seite der Geschichte

Petina Gappah – Aus der Dunkelheit strahlendes Licht

Der Name David Livingstone besitzt auch heute noch einen Klang. Afrika, Entdecker, Stanley, so die Schlagwörter, die einem unwillkürlich in den Sinn kommen, wenn man den Namen des schottischen Forschers hört. Doch wie es mit der Geschichte der Kolonialisation ist, so ist es auch bei der Geschichte der Entdeckung Afrikas: die weiße Sicht der Dinge dominiert. Livingstones Taten und Forschungsreisen sind durch seine und die Bücher Henry Morton Stanleys wohldokumentiert. Doch ein wichtiger Aspekt fehlt: der der einheimischen Bevölkerung. Wie ging es den „Entdeckten“, welche Wirkung hatten die Forschungsreisenden auf die einheimische Bevölkerung?

Mit dem Mittel der literarischen Fiktion gelingt es Petina Gappah nun, der weißen Entdeckererzählung eine längst überfällige schwarze Perspektive (beziehungsweise eigentlich gleich zwei) gegenüberzusetzen und zu ergänzen. In ihrem Buch zeigt sich exemplarisch einmal mehr, zu was gute Literatur im Stande ist: die andere Seite der Geschichte zu beleuchten und einen ungewohnten Blick auf wohlbekannte Dinge zu werfen, um der Geschichte neue Aspekte abzuringen.

Randnotizen der Geschichte als Held*innen

Über 21 Jahre arbeitete Petina Gappah an ihrem Werk, zu dem sie eine beeindruckende Anzahl an Quellen heranzog, wie das Nachwort zeigt. So dienten die Erinnerungen Livingstones (denen auch das Titelbild entnommen ist) sowie die von Henry Morton Stanleys als Ausgangsmaterial. Literarisch denkbar weit entfernt sich Gappah dann aber von diesen bekanntem Stoff. Denn sie erweckt zwei Figuren zu literarischen Leben, die in den Erinnerungen Livingstones allerhöchstens eine Randnotiz waren: die Köchin Halima, die den Schotten auf den Erkundungstouren bekochte. Und dann gibt es noch Jacob Wainwright, ein Absolventen der sogenannten Nassicker-Schule. Dieser begleitete als geistiger Beistand und Missionar die Expeditionen.

Diese beiden erzählen ihre Geschichte, die sich hinter der Grabinschrift der letzten Ruhestätte Livingstones in Westminster Abbey verbirgt.

Hergebracht von treuen Händen über Land und Meer ruht hier David Livingstone, Missionar, Reisender, Philanthrop, geboren am 19. März 1813 in Blantyre, Lanarkshire, gestorben am 1. Mai 1873 in Chitambo, Ulala. 

Grabinschrift des Grabes von David Livingstone

Denn der Ausgangspunkt von Aus der Dunkelheit strahlendes Licht ist der Tod David Livingstones. Körperlich schwer angegriffen verschied der Forscher 1873 in der Nähe des Bangweulu, im Herzen des heutigen Sambia. Doch einfach vor Ort wollte man den Forscher nicht begraben. Auf die geschickte Initiative der äußerst scharfzüngigen Halima hin setzte sich ein Tross in Bewegung, der die Leiche Livingstones an die Ostküste Afrikas vor Sansibar bringen wollte. Von dort aus sollte der Forscher dann die letzte Reise in seine Heimat antreten.

Eine Köchin erzählt

Ihm wird stets gedacht: Büste Livingstones

Von jener Reise erzählt Petina Gappah nun auf ebenso informative wie unterhaltsame Art und Weise. Sie tut dies zum Einen, indem sie die Köchin Halima von ihren Erlebnissen im Stil der Oral History berichten lässt. Ein wunderbarer erzählerischer Kniff, denn in der Geschichtsschreibung bleibt diese Perspektive ja zumeist außen vor. Eine schwarze Köchin, ein kleines Rad im Getriebe der Forschungsexpeditionen – hier erhält sie ihren großen Auftritt, den Halima durchaus zu nutzen weiß. Ebenso resolut wie goschert (wie man bei mir zuhause sagen würde) wie gewitzt wächst sie beim Lesen sekundenschnell ans Herz. Petina Gappah erschafft hier eine ganz besondere Heldin, die mit den Mitteln einer Frau ein Himmelfahrtskommanda auf Spur bringt. Denn die Überführung der Leiche des schottischen Entdeckers bedeutet auch einen mehrere hundert Kilometer langen Gewaltmarsch, bei dem Sklavenhändler, wilder Tiere und nicht auch die eigenen Mitmenschen eine erhebliche Gefahr darstellen.

Ein Missionar erzählt

Bewunderswert ist, dass es Gappah gelingt, neben der so eindrücklichen Figur Halima noch eine zweite Erzählerfigur zu installieren, die in Sachen Figurengestaltung mit der resoluten Köchin mithalten kann. Den Mittelteil des Buchs bestreitet nämlich jener eingangs erwähnte Jacob Wainwright, der in Form eines Tagebuchs berichtet. Als Kind der Sklaverei entkommen, wurde er in der sogenannten Nassicker-Schule in Indien ausgebildet. Als Missionar soll er eigentlich in Afrika den christlichen Glauben verbreiten – doch dass das alles nicht so leicht ist, davon zeugen seine Tagebucheinträge. In diesen beschreibt er den gefahrvollen Marsch, den die Köchin Halima angestoßen hat. Doch das in meinen Augen tollste an diesen Tagebuchpassagen ist die dahinterstehende Tiefe, die Petina Gappah zwischen den Zeilen einwebt. Ihr gelingt es hier, die Widersprüche eines Menschen auf ganz und gar großartige Weise auf Papier zu bannen.

Aus den Büchern Livingstones: ein Zulu-Ritual

So entsteht durch die gegensätzlichen Figuren Halima und Jacob Wainwright eine Dichotomie, die symbolisch auch für die Zerissenheit Afrikas steht. Dass diese Zerissenheit Afrikas auch entscheidend durch Männer wie David Livingstone geprägt wurde, das ist auch in der Logik des Buchs nur konsequent.

Der Humor der Petina Gappah

Neben diesem oft marginalisierten schwarzen Blick auf die Kolonisation Afrikas gibt es auch einen Punkt, der mich zuletzt auch noch sehr für das Buch eingenommen hat. Das ist der Humor, den Petina Gappah als Instrument ihrer Geschichte großartig einsetzt. Dieser kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern entsteht ganz fein schon in der Psychologisierung der Figuren und setzt sich in den Handlungen und Eindrücken der Protagonist*innen fort. Unvergesslich etwa die Schilderung eines Afrikaners, der bei der ungewohnten Haarpflege bei Stanley feststellt, dass dessen Gehirn wärend der Massage der Kopfhaut zutage tritt. Dabei wurde er hier nur das erste Mal in seinem Leben der Wirkung eines Shampoos ansichtig. Von skurril bis trocken reicht die Humorpalette, die dieses Buch endgültig zu etwas Besonderem macht.

Eigentlich war ja Livingstone mit dem im Titel paraphrasierten Ausspruch gemeint, der Licht ins dunkle und unerforschte Afrika bringe. Doch mindestens genauso gut lässt sich der Titel auf Gappahs Buch selbst anwenden. Ihr Buch bringt Licht in die kaum erzählte Geschichte der afrikanischen Helfer*innen und Held*innen, die Livingstone wieder nachhause brachten. Sie erzählt die andere Seite der Geschichte und unterhält dabei grandios. Eine ganz, ganz große Buchempfehlung!

Schnee von gestern

Jan Wilm – Winterjahrbuch

Da reist ein Ich-Erzähler namens Jan Wilm nach Los Angeles. Im Gepäck eine unverarbeitete Trennung und ein wahnwitziges Vorhaben. In der Stadt der Engel will Wilm ein Buch über Schnee bzw. über den Schneefotografen Gabriel Gordon Blackshaw schreiben. Dabei hat es dort seit 1949 nicht mehr geschneit. Ein ganzes Jahr wird Jan Wilm in Los Angeles verbringen – davon erzählt das Winterjahrbuch des Literaturwissenschaftlers und Übersetzers Jan Wilm.

Doch wer ist überhaupt dieser Jan Wilm? Was ist wahr, was ist erdacht? Geschickt entzieht sich der Philologe schon mit der Bezeichnung seines Buchs einer genauen Einordnung. Ein autofiktionaler Text ist sein Buch, so die Bewerbung durch Verlag und Autor. Was genau er darunter versteht, erläutert Jan Wilm in diesem lesenswerten Interview mit Knut Cordsen.

Autofiktional in Los Angeles

In den Straßen von Los Angeles

Ein autofiktionaler Text also, eine Melange aus Erlebtem und Erdachten. Dieser spielerische Umgang mit Fakt und Fiktion prägt das ganze Buch, bei dem vordergründig erst einmal gar nicht so viel passiert. Jan Wilm reist nach Los Angeles, durchmisst die Stadt, vergräbt sich in Archiven wie dem des Getty Research Insitute, kurz Getty genannt. Dort versucht er aus den Aufzeichnung und dem legendären Pestjahrbuch des Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw schlau zu werden und seine Erkenntnisse in ein akademisches Werk zu überführen. Nebenbei ist er bestrebt, in Gedanken und Reflektionen die Trennung von seiner Partnerin zu verarbeiten. Dabei stagnieren sämtliche Bestrebungen oder sind sogar rückläufig.

Es sind drei Elemente, die das Buch strukturieren. Da ist zum Einen das akadmische Element der (reichlich dünnen) Blackshaw-Forschung, dann ist da zum Zweiten das Element der Trennungsverarbeitung und zum Dritten noch das Flanieren durch Los Angeles. Diese drei Elemente gehen immer wieder ineinander über und beeinflussen sich gegenseitig. Dazwischen, als Kapiteleingrenzung, gibt es jede Menge Indie-Songtitel, von Noah and the Whale bis zu Eliott Smith, von Jane Birkin bis zu den Mountain Goats (auch in einer Playlist hier zusammengefasst).

Ein literarischer Schneehase

Doch möchte man das Buch lediglich auf das Äußere reduzieren, entgeht einem der Hauptreiz dieses Buchs. Denn Jan Wilm kann und will seinen Studien- und Arbeitshintergrund gar nicht aus diesem Buch heraushalten. Wie eine Art literarischer Osterhase (oder sollte man besser von einem Schneehasen sprechen?) hat Wilm in diesem Buch derart viele literarische Anspielungen, Tricks und Kniffe versteckt, dass die Entzifferung selbst mit akademischen Bildungshintergrund kaum zu durchdringen ist. Alleine schon die mannigfaltigen Bedeutungen und Deutungsweisen des Schnees nehmen einen großen Raum ein. Dann ist das Winterjahrbuch auch noch randvoll mit Zitaten aus der Literaturgeschichte, von Martin Opitz bis hin zu Christa Wolf. Gedichtanalysen, Flaneursgedanken, philosophische Exkurse – dass aus dem Winterjahrbuch nichts herausfällt oder schwappt, ist ein kleines Wunder

Gerade auch auf Joan Didion und ihr Werk Das Jahr des magischen Denkens rekurriert Wilm gleich am Anfang seines Buchs. Es finden sich, wenn man denn möchte, erstaunliche Parallelen zwischen den Werken. Ich bin nach der Lektüre geneigt, im Winterjahrbuch auch Jan Wilms eigenes Jahr des magischen Denkens zu entdecken. Denn sein Aufenthalt in Los Angeles umfasst eben ein entscheidendes Jahr, vom Januar bis zum 31. Dezember, von Winter zu Winter. Ob danach eine Transformierung eingetreten ist, das muss jede Leserin und jeder Leser am Ende der 456 Seiten selbst deuten.

Faszinierend zu lesen in vielerlei Hinsicht

Wer jetzt von dem Buch aufgrund dieser Worte und einem möglichen zu akademischen Niveau zurückschreckt, der sollte sein Urteil noch einmal überdenken. Denn auch wenn Jan Wilm manchmal dazu neigt, die Leser*innen zu überfordern, so ist das Winterjahrbuch ein großer Reiz, den man nicht unbedingt in seiner ganzen Tiefe dechiffrieren muss, um an dem Buch seine Freude zu haben. Denn eins muss man einfach festhalten: Jan Wilm vermag zu schreiben und seine Geschichte zu erzählen. Und damit ist das Winterjahrbuch keinesfalls Schnee von gestern, sondern eine großartige Hommage auf Los Angeles, den Schnee, die Literatur und all das Dazwischen, dass das Leben ausmacht.

Draußen zuhause

Mick Kitson – Sal

Dieses Buch kann man (zumindest meine Wenigkeit) nicht lesen, ohne an ein weiteres, vor kurzem erschienenes Buch zu denken: Wie ein Zwilling wirkt Gabriel Tallents Mein Ein und Alles im Vergleich zu Mick Kitsons Buch Sal.

In beiden Bücher steht ein junges Mädchen im Mittelpunkt des Romans. Beide erfahren sexuellen Missbrauch und beide reagieren auf ähnliche Art und Weise: Flucht in die Natur, Entgrenzung und Heilung inmitten von Wäldern, Flüssen und Bäumen. Dabei wenden sie sich von der Welt der Erwachsenen ab und entwickeln ganz eigene Kräfte im Kampf ums Überleben.

Fast könnte man schon von einer neuen Welle der Jack-Wolfskin-Literatur sprechen; Romantik 2.0, Draußen zuhause. In einer Zeit von Waldbaden und Wanderboom scheint das nur logisch. Doch was kann Mick Kitsons Sal, gerade wenn man Mein Ein und Alles als Vergleichstitel neben das Debüt des Briten legt?

Hänsel und Gretel in den Wäldern Schottlands

Im Vergleich beider Bücher gewinnt Sal für mich deutlich. Denn da wo Gabriel Tallent durch permanente Überreizung und Voyeurismus negativ auffällt, da ist Mick Kitson deutlich dezenter, ohne weniger eindrücklich zu sein. Die Geschichte der 13-jährigen Sal und ihrer zehnjährigen Schwester Peppa, die ihr Elternhaus hinter sich lassen, um in die schottische Einöde zu fliehen, ist auch krass, zweifelsohne. Doch ergeht sich Kitson nicht in seitenlangen Beschreibungen des Missbrauchs, sondern ihm genügen wenige knappe Szenen dafür. Auch so überträgt sich ein Mitgefühl und eine Bindung auf den Leser. Wie in einer modernen Adaption des Hänsel-und-Gretel-Mythos verfolgt man das Überleben der beiden so jungen Schwestern und drückt den beiden die Daumen, auch oder trotz der Geschichte, die hinter ihnen liegt.

Auch ist Kitsons Buch 100 Seiten kürzer als Tallents Buch und hat doch die perfekte Länge für die Geschichte, die der Brite erzählen will. Die Figuren werden plastisch geschildert, die Geschichte ist nicht rührselig sondern faszinierend und auch die Natur kommt trotz aller menschlichen Dramen, die im Vordergrund stehen, nicht zu kurz. Zwar wirkt die Außengestaltung von Sal wie eine Tatonka-Werbung, aber die Gesamtstimmung des Buchs trifft sie ganz gut. Kitsons Geschichte erreicht eine Tiefe, ohne in Untiefen abzugleiten. Eine britische Hänsel- und Gretel-Adaption, die auf der aktuellen Outdoor-Welle mitschwimmt, aber stets Oberwasser hat.

[Übersetzt wurde das Buch von Maria Hummitzsch und ist bei Kiepenheuer&Witsch erschienen. ISBN 978-3-462-05140-7, Preis: 20,00 €]

Der Krieg im Huertgenwald

Steffen Kopetzky – Propaganda

Eine neue Anwendung der Kopetzky-Formel. Der bayerische Romancier verwandelt ein nahezu vergessenes Kapitel (Kriegs-)Geschichte in einen großen Schmöker, der auch viel von der heutigen Welt erzählt. Nun kann es ja bei der Anwendung von Formeln immer wieder zu unliebsamen Ereignissen kommen (meine Mathematik- und Physikklausuren zeugen eindrücklich davon). Im Falle von Steffen Kopetzkys neuem Buch geht aber alles glatt. Was in Risiko klappte, funktioniert auch in Propaganda wunderbar.


„Weißt du, was gerade geschieht, in Deutschland, Frankreich? Beim Krieg gegen die Sowjetunion? Und du brüllst: Heil Hitler?

Es wäre lächerlich, so zu tun, also ob ich selber damals, am Samstag, den 16. August 1941, tatsächlich gewusst hätte, was der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion war, was er bedeutete oder wie Hitler ihn sich gedacht hatte. Ich war gerade mal zwanzig Jahre alt, zum ersten Mal alleine zu Hause in New York , und obwohl politisch leidenschaftlich interessiert, hatte ich eine naive Vorstellung vom Krieg, und gerade von dem der Deutschen. Ich hatte nur ein Bauchgefühl, aber das trug mich.

Koeptzky, Steffen: Propaganda, S. 81

Dieser junge und naive Mann, den wir in Propaganda kennenlernen, trägt den Namen John Glueck. Deutsche Vorfahren machen ihn zum sprichwörtlichen Gluecks-Fall für die amerikanische Armee, die dringend junge Männer für die Schlachten des Zweiten Weltkriegs benötigt. Die Japaner haben Pearl Harbor attacktiert, und seitdem befinden sich auch die USA im Krieg. John Glueck will auch sein Scherflein zum Krieg beitragen, er wird allerdings in eine ganz besondere Einheit versetzt: die sogenannte Abteilung Sykewar, im Volksmund auch Propaganda genannt.

Im Dienste der Propaganda

Auch ich war ein Angehöriger dieser Armee. Leutnant John Glueck, Department for Psychological Warfare, kurz Sykewar. Psychologische Kriegsführung.

Alle anderen nannten uns Propaganda.

Kopetzky, Steffen: Propaganda, S. 15

Die Männer dieser Abteilung sollen das Kriegsgeschehen und die deutschen Gegener derart beeinflussen und manipulieren, dass die amerikanischen Truppen nach dem Übertritt der Siegfriedlinie leichtes Spiel haben. So gilt es, beständig den Gegner mit Worten und Nachrichten zu destabilisieren und zu demotivieren, damit der Krieg rasch zu Ende geht. Glueck geht als junger Student vollkommen in seiner Aufgabe auf, die ihn schon bald an die Front, in die Nähe Ernest „Papa“ Hemingways und mitten hinein in den dunklen Hürtgenwald führen wird.

Doch all diese Ereignisse bekommen wir nur in Scheibchen serviert. Denn eigentlich sitzt John Glueck im März 1971 in Missouri in einem Gefängnis. Die Hochphase von Flower Power herrscht, die Hippies protestieren gegen Vietnam. Doch hinter Gittern bekommt man davon wenig mit.

Von Psoriasis, also strenger Schuppenflechte, gepeinigt sitzt der 49-Jährige Glueck in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft drängt auf eine langfristige Inhaftierung des ehemaligen Majors. Verschwörung gegen den Vietnamkrieg, so raunt man in den Gängen des Gefängnisses von Missouri. Alle Ereignisse, die dazu führten, stehen in Verbindung mit den Ereignissen im Huertgenwald. Doch wie sie es tun, davon berichtet Glueck sehr geschickt in verschiedenen Episoden, die er immer wieder der Gefängnisleitung vorlegen muss. Erst am Ende ergibt sich ein großer Brückenschlag, der von der Schlacht im Huertgenwald bis zum Krieg in Vietnam führt. Und der Pfeiler, der diese Brücke trägt, ist die Propaganda, die zum allesentscheidenden Faktor wird (und immer mächtiger und mächtiger wird).

Im Huertgenwald

Kern von Kopetzkys Roman ist jenes eingangs erwähnte Kapitel um die Schlacht im Huertgenwald. Auf diese läuft der Roman zu und nimmt auch von der Gewichtung her den meisten Platz im Buch an. Hier gelingt Kopetzky eine deutsche Version des Soldaten James Ryan. Mit größter sprachlichen Wucht nimmt er uns Leser*innen mit in jenen Wald in der Eifel, in dem die amerikanischen Truppen auf unerwarteten Widerstand der Deutschen trafen. Wenn die Kugeln fliegen, Bunker gestürmt, Erkundungsgänge unternommen und Dörfer erobert werden, dann ist man durch Gluecks Schilderungen so nahe dabei, wie man das in der deutschen Literatur zuletzt kaum gelesen hat.

Die Schlacht im Hürtgenwald. Von Bundesarchiv, Bild 183-J28303 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5364836

Eindrucksvoll schildert Kopetzky, wie sich die beiden Seiten im Endeffekt gegenseitig zerrieben, am Ende stehen auf beiden Seiten über 12.000 Toten. Den Amerikanern gilt die Schlacht im Hürtgenwald bis heute als die längste Schlacht im Zweiten Weltkrieg und als das größte Desaster, das die Truppen auf deutschem Boden erlitten.

Doch ist dieses militärhistorische Kapitel schon wieder fast dem Vergessen anheimgefallen und wird von Kopetzky nun mehr als eindrucksvoll wiederbelebt. Auch die Verbindung hin zum Vietnamkrieg gelingt dem Romancier überzeugend, stets im Hintergrund mit der Frage, wie die Propaganda die Kriege verändert. Die historischen Vignetten, die Struktur seines Romans, die Sprache – alles ist hier überzeugend gearbeitet. Ein echter Breitwandroman, der dem Zweiten Weltkrieg, über den ja auch schon so viel geschrieben wurde, neue Facetten abringen kann. Oder um das eingangs gemachte Wortspiel noch einmal aufzugreifen: dieser Roman ist ein echter Gluecks-Fall für uns Leser. Bestechend, beeindruckend, preiswürdig.