Category Archives: Literatur

Elena Ferrante – Die Geschichte der getrennten Wege

Die Geschichte der beiden neapolitanischen Freundinnen Lila und Elena geht weiter. Nachdem zunächst die Kindheit und dann die Jugend im Mittelpunkt der Romane standen (Meine geniale Freundin und dann Die Geschichte eines neuen Namens), widmet sich Elena Ferrante nun den erwachsenen Jahren der beiden Freundinnen.

Dabei trennen sich die Wege der beiden Freundinnen recht bald, wie schon der Titel andeutet. Im Vorgängerband zog es Elena zum Studium nach Pisa, wodurch sie sich ihrer Familie und dem dumpfen und gewaltgesättigten Milieu Neapels entzog. Auch nach ihrem Studium bleibt sie Neapel fern, denn sie beschließt zu heiraten. Pietro Airota lernte sie im Zuge des Studiums kennen – nun stehen Verlobung und Heirat bevor.

Lenùs geniale Freundin Lila hingegen bleibt im Rione wohnen und zieht ihr Kind groß. Die Hoffnung auf ein Studium musste sie bereits Jahre zuvor begraben, nun wohnt sie weiterhin am Ort ihrer Kindheit. Ihr täglich Brot verdient sie in der Wurstfabrik von Bruno Soccavo, wo sie sich zahlreichen Schikanen ausgesetzt sieht. Die Freundschaft zu Lena bleibt dabei auch ein Stück weit auf der Strecke – ganz aus den Augen verlieren sich die beiden hingegen nie, wie Elena Ferrante in diesem dritten Teil der Reihe zeigt.

Viel Zeitkolorit

Neben der Freundschaft ist in diesem Roman des Quartetts der zeithistorische Kontext besonders ausgeprägt. Die Kämpfe der Faschisten gegen die Kommunisten, die Studentenrevolten und die vielen wechselhaften Entwicklungen in der Italienischen (und auch europäischen) Geschichte sind hier so präsent wie nie zuvor. Dies ist angenehm, da diese Elemente Abwechslung und Spannung ins Geschehen bringen – etwas, das der Geschichte sonst schmerzlich fehlt.

Im Rione Neapels

Ließ schon Die Geschichte eines neuen Names viel Entwicklung und Dynamik vermissen, so setzt sich das bei Die Geschichte der getrennten Wege fort. Elena Ferrante schildert minutiös die Entwicklungen ihrer beider Hauptcharaktere, und vergisst darüber den Spannungsbogen ihrer Erzählung, der oftmals bedenklich durchhängt. Statt Esprit herrscht so leider so manches Mal Langeweile vor, gerade wenn Ferrante die monotone Arbeit Lilas schildert oder das Hausfrauendasein Lenùs zu ausführlich beschreibt. Das ist besonders schade, da die Erzählung wirklich Potential besitzt, dieses aber zu oft nicht abgerufen wird.

Die Emanzipationsgeschichte der beiden Freundinnen und ihre Freundschaft wäre mit ein paar Straffungen und dem Verzicht auf redundante Szenen deutlich kompakter und lesbarer ausgefallen, so aber bleibt eine etwas kleinteilige und zähe Episode dieses Quartetts, so mein Eindruck. Hoffnung bleibt mir auf den abschließenden Teil der Reihe (der ebenfalls wieder wie alle Bücher von Karin Krieger übersetzt werden wird). Die Geschichte des verlorenen Kindes soll im Februar 2018 erscheinen und die Geschichte, die nun abermals mit einem Cliffhanger endet, zu Ende führen. Seien wir gespannt!

Mirko Bonné – Lichter als der Tag

Es ist kein Heimweh, an dem Raimund Merz in Lichter als der Tag leidet – es ist Lichtweh. So formuliert es Mirko Bonné in seinem neuen Roman, der sich um das Leben und die Liebe jenes Raimund Merz dreht. Das Licht, nachdem er sich verzehrt, findet sich manchmal im Hamburger Bahnhof. Wenn es im richtigen Winkel und zur richtigen Zeit durch die Scheiben des Bahnhofs dringt, erzeugt es eine Stimmung, die Merz glücklich macht und Energie für seinen kargen Alltag tanken lässt. Denn dieser ist alles andere als lichtdurchflutet, wie Bonné in Lichter als der Tag zeigt.

Mirko Bonné - Lichter als der Tag (Cover)

Raimund Merz lebt in Hamburg eine scheinbare Vorzeigeehe. Tochter, erfolgreiche Kieferchirurgin zur Frau, Eigenheim – was will man da schon mehr? Doch die Gefühle und Leidenschaft gibt es schon lange nicht mehr in Merz‘ Beziehung. Denn Merz ist eigentlich in Inger verliebt, eine Freundin aus Kindertagen. Ihr gilt sein Streben und seine Sehnsucht. Doch diese ist mit Moritz verheiratet, einem weiteren gemeinsamen Freund aus Merz‘ Jugend.

Diese vier Figuren bilden das Kernstück von Lichter als der Tag. Bonné betrachtet die Geschichte der Freunde und ihre Wege durch das Leben interessiert und schildert diese Wege von Jugendjahren an. Das von Bonné verwendete Motiv der ménage a quartre kennt der literaturhistorisch gebildete Leser natürlich – und auch in zahlreichen Rezensionen (Verlagswerbung inklusive) wird darauf hingewiesen: Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften standen bei der Figurenkonstellation dieses Romans Pate. Welches richtige Leben ist nach der Hochzeit der falschen Partnerin möglich? Diese Frage beleuchtet Bonné in seinem Roman eingehend.

Vom richtigen Leben und dem falschen

Er spielt im Buch eine zentrale Rolle: Der französische Landschaftsmaler Camille Corot

Wer das Buch nun aber nur als Wahlverwandtschaften-Update liest und betrachtet, der wird dem Buch aber nicht gerecht. Viele weitere Themen sind es, die der Hamburger Autor in seinem Buch unterbringt. Insekten haben genauso ihre Funktion wie auch die Kunst, die eine wenn nicht DIE zentrale Rolle in Lichter als der Tag spielt (nicht zufällig endet ja schon der Vorgängerroman Nie mehr Nacht in der Kunsthalle Hamburgs). Cy Twombly und Jean-Baptiste Camille Corot sind Leitmotive, die sich durch den ganzen Roman ziehen.

Der Roman ist wie ein Triptychon gestaltet, neben seinen vielen mäandernden Motiven und wechselnden Schauplätzen ist es besonders die Sprache, die durch Feinheit und Zurückhaltung überzeugen kann. Immer wieder fallen Bonné schöne Bilder und Formulierungen ein, wie etwa diese, wenn es um die karge Existenz Raimund Merz‘ geht:

In einem Charlottenburger Keller saß er reglos an einem Pult und überlegte, wie er sich am besten aus seinem eigenen Leben herausschlich.

Bonné, Mirko: Lichter als der Tag, S. 154

Das Buch ist für den Deutschen Buchpreis nominiert, es findet sich mit neunzehn weiteren Titeln auf der Longlist 2017. Die Nominierung ist auf alle Fälle gerechtfertigt, schließlich weiß Bonné sein Buch zu gestalteten und in die passende Sprache zu kleiden. Für einen Sprung auf die Shortlist fehlt mir bei diesem Buch dann doch etwas Ambition und der Wille zum Wagnis. Eine präzise gepinselte neue Version der Wahlverwandtschaften ist mir insgesamt etwas zu wenig, auch wenn das Ende noch etwas Drive und Ankänge an Donna Tartts Epos Der Distelfink mit sich bringt. Ein sprachlich und inhaltlich schöner Roman, den Bonné für meinen Geschmack noch etwas mehr gegen den Strich hätte bürsten können …

Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Mit dem Debüt Außer sich der Berliner Dramaturgin und Theaterautorin Sasha Marianna Salzmann liegt ein Buch vor, das es mir nicht wirklich leicht gemacht hat und bei dessen Beurteilung ich nach wie vor schwanke.

Inhaltlich ist dieses Buch eine familiäre Spurensuche, eine Selbstfindung und ein Familienroman. Ausgangspunkt ist die Reise der Erzählerin Alissa nach Istanbul. Von dort erhielt sie nämlich eine Postkarte ihres Zwillingsbruders Anton, der in der Millionenmetropole am Bosporus verschwunden zu sein scheint. Von nun an operiert Salzmanns Roman auf zwei Achsen. Da ist zum Einen die Suche nach Anton im Moloch Istanbul und zum Anderen die Geschichte von Allissas und Antons Familie, die in Episoden erzählt wird. Von der Revolutionszeit ausgehend wird die Geschichte der Großeltern und eigenen Eltern bis zum Asyl in Deutschland ausgebreitet

Dabei verortet sie ihre Geschichte ganz konkret in der türkisch-deutschen Gegenwart: Gezi-Park-Proteste, Militär-Putsch, Asyl – all diese Themen spielen im Buch von Sasha Marianna Salzmann eine Rolle.

Mit ihrem ersten Titel gelang es der Autorin gleich, den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung zu erringen. Kein unbedeutender Erfolg, wenn man sich die Reihe der bisherigen Preisträger vergegenwärtigt. Namen wie Martin Mosebach, Arnold Stadler oder Zsuzsa Bánk finden sich auf dieser Liste – oder auch Reinhard Kaiser-Mühlecker. Dem österreichischen Autoren gelang im letzten Jahr etwas, das auch Sasha Marianna Salzmann auf Anhieb geschafft hat – der Sprung auf die Longlist (und nun sogar auf die Shortlist) des Deutschen Buchpreises – und das als einzige Debütantin in diesem Jahrgang.

Nur eingeschränkte Empfehlung

Trotz dieser Meriten kann ich das Buch nur eingeschränkt empfehlen. Ihre 365 Buchseiten packt Sasha Marianna Salzmann übervoll mit Themen und schafft so eine Sperrigkeit, die mich nach 150 Seiten das Buch abbrechen und noch einmal von vorne beginnen ließ. Wie hängen die ganzen familiären Fäden zusammen? Wie ist die Verbindung zur Suche nach ihrem Bruder in Istanbul?

Die Sprünge in der Erzählperspektive und Brüche in der Erzählstruktur machen die Lektüre nicht wirklich leicht, zudem erfordert Außer sich ein sehr langsames Lesetempo, um die komprimiert erzählten Verwicklungen und Verbindungen en detail zu erfassen. Für Leser, die eine konzise erzählte oder klar strukturierte Familiensaga suchen, ist dieses Debüt dadurch weniger geeignet.

Das Buch machte es mir zu keinem Zeitpunkt leicht – was an sich auch nicht schlecht ist. Bücher, die fordern und den Leser auffordern, zu hinterfragen und bedenken, können auch immer ein Gewinn sein. Doch ein weiterer Malus machte mir bei Salzmanns Debüt außerdem zu schaffen: keine der zahlreichen Figuren, die das Buch bevölkern, schaffte es, Empathie zu erzeugen. Alle Protagonistinnen leiden für meinen Geschmack an Überdramatisierung. Jede Figur ist dissoziativ, problembeladen, sperrig – so gelang mir kein Einfühlen in die Figuren und ihre Lebenswelten.

Dadurch bleiben für mich in der Endabrechnungen viele Punkte auf der Soll- und Haben-Seite dieses Debüts stehen. Aktuelle Schilderungen der Türkei und Asylschicksale, ein ambitionierter Plot und eine Autorin, die für die Zukunft viel verspricht – es bei diesem Buch aber noch nicht einlöst. Sperrige Figuren, ein zu viel an Dramatisierung, viele zurückbleibende Fragen. Damit ist Außer sich für mich ein zwar recht interessanter Titel, den ich aber nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises sehe (auch wenn, nachdem diese Kritik nun geschrieben war, die Jury das Ganze anders gesehen hat und Salzmann auf die Shortlist befördert hat. Ich als Jurymitglied hätte anders entschieden und statt dieses Buches Ellenbogen von Fatma Aydemir auf die Shortlist gesetzt).

Außer sich ist ein Buch, das sicher ein gespaltenes Echo bei den Lesern hervorrufen wird. Ich bin auf alle anderen Meinungen Mitlesender gespannt!

[Headerbild: (c) Matthias Ripp/Flickr]

Grégoire Hervier – Vintage

Wieder einmal könnte man bei Wer wird Millionär zu den großen Gewinnern zählen, wenn man Vintage gelesen hat und anschließend die Frage gestellt bekommt: Worum handelt es sich bei dem, der oder die Gibson Moderne?

Der aufmerksame Leser weiß es nach der Lektüre des Romans sofort – es handelt sich bei der Gibson Moderne um eine geheimnisumwitterte Gitarre, die die Hauptrolle in Gregoire Hérviers Buch spielt. Auf die Suche nach dieser Gitarre begibt sich der verhinderte Profimusiker und Ich-Erzähler Thomas Dupré, der von einem reichen Lord auf die Spur des Instruments gesetzt wird. Jenem Lord wurde aus seinem Anwesen die legendäre Gitarre gestohlen und Thomas soll sie nun für seinen Auftraggeber wieder auftreiben.

Das ist die Rahmenhandlung hinter Vintage, als besonderer erzählerischer Clou folgt der Roman dabei keiner herkömmlichen Kapiteleinteilung, sondern ist wie einer Song strukturiert. Das heißt, statt Kapitel 1-20 gibt es hier schnell getaktete Refrains, Bridge und Strophen,  (400 Seiten umfasst das Buch). Man hetzt mit Thomas durch die USA, seine Schnitzeljagd führt ihn von Schottland über Memphis und weitere Stationen bis tief in den amerikanischen Süden der Cajun-Sümpfe.  Die Anhaltspunkte seiner Odyssee liefert ihm dabei der mythenumrankte und nahezu völlig vergessene Musiker Li Grand Zombi, dessen Werk und Wirken Hinweise auf den Verbleib der Moderne liefern könnte.

Im Vorbeigehen rollt Hervier neben seiner Schnitzeljagd noch zahllose Informationen über Gitarren und den Rock’n Roll aus. Namen wie Robert Johnson oder Elvis Presley spielen im Buch eine große Rolle – das ist für jeden Musikfan buchstäblich Musik in den Ohren. Bei allen musikhistorischen Exkursen vergisst Grégoire Hervier dabei aber auch die Handlung und Spannung nicht, was aus Vintage einen unterhaltsamen und informativen Pageturner macht, der nicht nur Rock ’n’ Roll-Liebhabern wärmstens empfohlen sei.

Nota bene: Wer Geschmack an derartigen Musik-Krimis gefunden hat, dem seien hier noch zwei weitere Geheimtipps genannt: zum Einen der famose Krimi Back Up des Belgiers Paul Colize und zum anderen Roadkill von Eyre Price. Auch in diesen Büchern ist Spannung und Musik drin!

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Von Brüsseler Schweinen

Ein Schwein läuft durch Brüssel – und die belgische Hauptstadt steht Kopf. Mit „Die Hauptstadt“ hat Robert Menasse einen so bunten wie vielfältigen Roman vorgelegt, der sich um die europäische Hauptstadt und ihre Bewohner dreht. Ein Roman der Stunde – im wahrsten Sinne des Wortes saustark!

Der furiose Prolog führt gleich das Leitmotiv des Romans ein – ein Schwein, das auf dem Platz vor St. Catherine im Herzen Brüssels auftaucht. Alle Menschen, denen das Schwein auf seinem Weg durch die Innenstadt begegnet, werden auf den folgenden 450 Seiten des Romans entscheidende Rollen spielen, als da wären, eine griechische EU-Beamtin mit Ambitionen, ein Professor für Volkswirtschaftslehre, ein Kommissar und ein Holocaust-Überlebender (nebst ein paar weiteren Charakteren).

Sie alle leben und arbeiten in Brüssel und sind durch das Schicksal und ihr Wirken miteinander verknüpft. Wie genau, das zeigt sich nach und nach. Menasse springt in seinem 11 Kapitel starken Roman immer wieder von Handlungsstrang zu Handlungsstrang und verwebt so seine Protagonisten in ein dichtes Netz. Den Hauptverbindungsknoten bildet dabei das sogenannte Jubilee-Projekt, mit dessen Durchführung die griechische EU-Beamtin Fenia Xenopolou betraut ist.

Stetig sinkt das Ansehen der Euopäischen Institutionen, das Wirken derer da oben in Brüssel erscheint der Bevölkerung soweit von der eigenen Wirklichkeit entfernt wie der EU-Machtapparat von Transparenz. Deshalb soll Xenopolou ein Projekt initiieren, das die Arbeit und die Vorteile der EU in ein besseres Licht rückt. Die Griechin wittert darin eine Chance um die Vorgesetzten auf sich aufmerksam zu machen, möchte sie doch unbedingt aus dem ungeliebten und machtlosen Kulturressort in ein vielversprechenderes Ressort wechseln.

Derweil bereitet sich der österreichische Volkswirtschaftsprofessort Alois Erhart auf einen Vortrag vor, den er vor einem EU Think-Tank halten will. Thema: Nationalökonomie und Entwicklung einer supranationalen EU der Zukunft. In einem Hotelzimmer liegt eine Leiche – und Kommissar Brunfaut soll den Mord zu den Akten legen und den Fall vergessen. Und der Holocaust-Überlebende David de Vriend zieht aus seiner Wohnung im Zentrum Brüssels aus, um seine alten Tage in einem Altersheim zu verbringen. Und dann ist da noch dieses Schwein, das durch Brüssel rennt und von den Medien buchstäblich durch das Dorf getrieben wird.

(c) Flickr, Eogann O’Lionnain

Die Kunst Robert Menasses ist es nun, aus diesen sperrigen und auf den ersten Blick völlig disparaten Themen und Figuren einen Roman zu stricken, der wunderbar funktioniert und aufs Beste unterhält. Die Hauptstadt will vieles sein – und fast alles dabei gelingt Robert Menasse auch: das Buch ist eine EU-Studie, eine Bestandsaufnahme Europas und Brüssel zugleich, ein Buch mit sachbuchähnlichen Passagen, ein Roman mit Krimielementen, ein Gedenken an die unermesslichen Schrecken des Holocausts, eine Komödie – eben die literaturgewordene Antwort auf den Pluralismus der Europäischen Union.

Dass die EU ein Leib-und Magen-Thema Menasses ist, merkt man diesem Roman stets an. Vor diesem Roman veröffentliche der Österreicher bereits Streitschriften wie Der europäische Landbote oder Kritik der Europäischen Vernunft. Darin zeigt sich Menasse als engagierter Reformer und Streiter für die Europäische Union. Das profunde Wissen um Abläufe und Schwächen jener Union merkt man auch der Hauptstadt an. Die Passagen über bürokratische Prozesse und Absurditäten wie etwa die Importe von Schweineohren (siehe schweinisches Leitmotiv) sind erhellend. Sie bieten eine (dringend benötigte) Einführung in die Arbeit und Wirken der EU und schaffen Sensibilität.

Eine Sensibilität, die gerade in den aktuellen Zeiten mehr als benötigt wird. In Zeiten, in denen immer mehr Kräfte und Parteien auf eine Schwächung Brüssels drängen, Staaten die EU verlassen und sich der Eindruck von Korrosion gemeinsamer Werte und Verbindlichkeiten verfestigt, kommt Die Hauptstadt also genau zur rechten Zeit

Dass das neue Buch des Österreichers auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 gelandet ist, kommt nicht von ungefähr. Für mich ist dieses schön komponierte Buch ein Füllhorn von Gattungen und Figuren. Ein im besten Wortsinn politisches Buch, das auf den Nacht- oder Schreibtisch jedes engagierten Europäers gehört!