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Juli Zeh – Leere Herzen

Was wollte uns die Künstlerin damit sagen?

Diese Phrase steht für mich auch am Ende nach der Lektüre von Leere Herzen, dem neuesten Streich von Juli Zeh. Zeh, die mit ihrem letzten Roman Unterleuten zur veritablen Bestsellerautorin mutierte (sage und schreibe 78 Wochen konnte sich das Buch in den Spiegel-Bestsellerlisten behaupten), legt nun eineinhalb Jahre nach Erscheinen ihrer brandenburgischen Dorf-Betrachtung einen neuen Roman vor, der vieles will, aber wenig kann.

Ausgangspunkt ist das Geschäftsmodell der Brücke, einem Unternehmen, das die Geschäftspartner Britta und Babak betreiben. Die Kernidee der Brücke ist folgende: suizidale Menschen werden von den beiden überprüft, bewertet und gecoacht, um diese dann im besten Falle als Märtyrer für bestimmte Aktionen einzusetzen. Der Selbstmord ihrer Kandidaten hilft anderen Organisation wie etwa Umweltschutzgruppen, vor deren Karren sich die willfährigen Suizidenten spannen lassen. Britta und Babak kassieren gutes Geld – dafür leben sie in einer alles anderen als  mondänen Welt. Genauer gesagt in Braunschweig. Die Welt hat sich noch etwas weitergedreht in diesen Tagen, die Regierung wird von der BBB gestellt, der Besorgten Bürger Bewegung, Innenministerin ist Sarah Wagenknecht.  Instabile Zeiten, in denen Zehs Protagonisten leben. Noch instabiler wird das Gefüge, nachdem eine neue Klientin der Brücke auftaucht, die einen Keil zwischen Britta und Babak treibt. In der Folge gerät die Welt der beiden Geschäftsleute aus dem Lot, als auch noch eine Konkurrenzorganisation den beiden das Leben schwer macht – und so steht bald Babaks und Brittas Existenz auf dem Spiel.

So die Synopse von Zehs neuem Buch, das dann deutlich weniger gut funktioniert, wenn es um die Umsetzung von Theorie in Praxis geht. Und das, obwohl Zeh ja schon bewiesen hat, dass sie etwas von Erzählökonomie, Charakterzeichnung und Struktur versteht. Bereits der Grundidee der kommerziellen Nutzung von potentiellen Selbstmördern kann ich wenig abgewinnen. Bis auf wenige plakative Szenen (Waterboarding, etc.) bleibt vieles Behauptung und wird angerissen, wirklich plausibel erscheint wenig. Dies gilt auch für die übrigen dystopischen Elemente des Buchs, die ab und an eingeworfen und eingestreut werden. Nachvollziehbar und genuin entwickelt ist diese Vision in meinen Augen nicht. Auch Zehs HeldInnen scheinen sich mit der Welt versöhnt zu haben, es regiert der Neo-Biedermeier. Höhepunkt ist der eskapistische Trip in die norddeutsche Provinz, bei der dann ein Hauskauf und ein Landlust-ähnliches Bezugsfest des Objekts im Mittelpunkt der Episode stehen. In Unterleuten wirkte all dieser Möchtegern-Eskapismus viel böser, viel echter. Hier ist viel Kulissenschieberei am Werk, die Menschen, die in diesen Kulissen interagieren, bleiben allerdings höchst blass – und wenn sie einmal Kontur gewinnen, dann möchte man doch wieder, dass sie wieder blass werden.

Überspannte und leicht an der Grenze zur Hysterie stehende Charaktere gehören ja zum Markenzeichen der Autorin. Das kann mal nerven (Nullzeit), mal wunderbar funktionieren (Unterleuten). Im aktuellen Fall ist es eher erstere Kategorie, in die Zehs Personal fällt. Ihre Heldin Britta nervt mit zahlreichen Marotten (Putzfimmel, ständige Übelkeit, sprunghaftes Verhalten), die anderen Figuren stolpern alleingelassen durch das Setting. Vieles an den Figuren bleibt reine Behauptung, plausibel ist auch hier wenig. Egal ob Flüchtling und Hacker, Geheimdienstmann oder Ehegatte. Vieles wird gelabelt, mit Leben gefüllt aber nahezu nichts. Je weiter das Buch voranschreitet, desto hanebüchener wird es. Höhepunkt findest das Ganze dann in einem Finale, in dem verschiedene Terror-Organisationen und Geheimdienste aufeinandertreffen. Als erste Opfer sind dann gleich Logik Plausibilität und sprachliche Qualität zu beklagen, die auf der Strecke bleiben.

Als Dystopie ist Leere Herzen zu unentschlossen, als Parabel auf Pegida, AfD und Co. funktioniert das Buch ebenfalls nicht. Das Geschäftsmodell der Brücke bleibt im Ungefähren. Der Roman hat eine deutliche Unwucht, die einzelnen Handlungsabschnitte sind alles andere als ausbalanciert. Besonders offensichtlich wird dies am Schluss des Romans, der in seiner Gehetztheit die vorherigen langweilenden vorherigen Passagen in puncto Tempo und Logik ab absurdum führt. Was zudem auch  unangenehm oft auffällt, ist der übermäßig strapazierte moralische Zeigefinger der Autorin, der hier eindeutig zu oft im Einsatz ist. Nicht ohne Hintersinn trug ihre Kolumne im Magazin Der Spiegel auch den Titel „Die Klassensprecherin“ – vieles von dieser Rechthaberei findet sich auch zwischen den Zeilen in Leere Herzen.

Vieles an diesem Buch ist sicherlich gut gewollt, auch will ich mich eigentlich an dieser Stelle nicht beklagen, dass sich eine Autorin hier mit Politik und zeitgenössischen Aspekten beschäftigt, hatte ich doch so etwas erst in meinem letzten Meinungsbeitrag hier eingefordert. Leider bleibt es beim Wollen und einer mangelhaften Umsetzung der aktuellen Themen und Fragen. Leere Herzen ist einfach schlecht ausbalanciert, unrund, wenig plausibel und somit eine der großen Enttäuschungen dieses Bücherherbstes.

Paolo Cognetti – Acht Berge

Die Berge als Sehnsuchtsort – davon erzählt Paolo Cognettis Roman Acht Berge. Manch einer mag dieses Phänomen kennen – man steht am Fuße eines Berges, schaut hinauf und irgendetwas in einem zieht einen dort hinauf. Das Leben am Berg erscheint einfacher, entschleunigt und löst große Sehnsucht aus. Der Bergsteiger Heinrich Harrer fasste das einmal in die Worte: „Wenn ich die Zivilisation hinter mir lasse, fühle ich mich sicherer“.

Acht Berge – Paolo Cognetti

Paolo Cognetti füllt diese Worte mit Leben, indem er von zwei ganz unterschiedlichen Menschen erzählt, deren beider Lebensentwürfe von Bergen dominiert werden. Es ist die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers Pietro und seines besten Freundes Bruno. Die beiden freunden sich als kleine Kinder im Bergdorf Grana an, in das Pietro mit seinen Eltern jeden Sommer zurückkehrt. Pietros Vater weckt in ihm die Leidenschaft, die Berge zu bezwingen und sämtliche Gipfel der Dolomiten und darüber hinaus zu erklimmen. Bruno ist ein einfacher Bauernsohn im Dorf, der stets die Vision eines Lebens als Bergbauer in sich trägt.

Cognetti beobachtet nun im Lauf des lediglich rund 240 dicken Büchleins die Leben dieser beiden Männer, die sich immer mal wieder voneinander entfernen, um dann wieder am Berg zueinanderzufinden. Mehr soll vom Inhalt an dieser Stelle gar nicht verraten werden, um die Freude der Lektüre nicht zu schmälern.

Eine zutiefst berührende Lektüre

Acht Berge ist eine der bislang größten Entdeckungen dieses Bücherherbstes für mich. Obwohl das Buch nun wahrlich nicht umfangreich ist, stecken so viele Themen in diesem Buch, sodass es zu den inspirierendsten und nachdenklichsten Bücher zählt, denen ich in meinem Bücherschrank Obdach gewähren darf. Allein schon die zarte Schilderung des Verhältnisses von Pietro zu seinem Vater ist wunderbar gelungen. Auch sitzen alle anderen Wörter und Sätze an den Stellen, an denen sie es tun sollen und funktionieren aufs Beste (die Übersetzung verdankt man Christiane Burkhardt). Man könnte das Ganze auch als pathetisch, Kitsch oder sentimental schelten, für mich haben in Acht Berge allerdings Inhalt und Sprache wunderbar und sehr stimmig zueinander gefunden.

Paolo Cognettis Buch ist von einem berührenden Ton durchzogen, der mich oftmals innehalten und Passagen auch noch einmal lesen ließ. Wie unauffällig es dem Italiener gelingt, alle wichtigen Fragen des Lebens auf diesen wenigen Seiten zu verhandeln eben ohne in jenen Coelho-haften Kitsch oder Pathos abzugleiten, das nötigt mir Respekt ab. Dem Buch sind unzählige Leser zu wünschen, da Cognettis Themen universell sind und alle LeserInnen betreffen, egal ob Väter, Söhne, Bergliebhaber, Sinnsucher, Alpinisten oder alle, die besondere Bücher zu schätzen wissen. Ein wirkliches Kleinod mit einer nachdrücklichen Leseempfehlung!

Petra Morsbach – Justizpalast

Im Namen des Volkes

Petra Morsbach widmet sich mit ihrem neuen Roman einem weiteren elementaren gesellschaftlichen Feld. Nach dem Glauben (Gottes Diener) und der Kultur (Opernroman) geht es nun ins Gefüge von Recht und Ordnung. Die Folie zu ihrer Geschichte bildet die Lebensgeschichte der Richterin Thirza Zorniger. Mithilfe der Biografie der Frau zeichnet Morsbach den Gang durch die juristischen Institutionen nach und schafft ein facettenreiches Bild von Recht und Ordnung. Darüberhinaus weckt sie im Leser eine Sensibilität für das Spannungsfeld zwischen Recht und Gerechtigkeit und ersetzt en passant ein komplettes Proseminar Jura. Hat man den Justizpalast gelesen, kann man dem Ersten Juristischen Staatsexamen beruhigt entgegengehen.

Petra Morsbach - Justizpalast (Cover)
Justizpalast von Petra Morsbach

Der stetige und strebsame Aufstieg dieser Thirza Zorniger vom Studienbeginn an sorgt dafür, dass man als Leser überall mit hingenommen wird. Von den Vorlesungen über erste Stationen als Richterin einer Kammer bis in die legendären Gänge des Justizpalastes führt Petra Morsbach den Leser. Es sind elementarste Fragen, die sie in ihrem Roman verhandelt und die auch einen Mehrwert bieten. Wie sieht der Alltag einer Richterin aus? Wie werden Urteile gefällt? Wie findet man Gerechtigkeit? Kann es diese überhaupt geben?

Morsbachs gewähltes Stilmittel ist dabei Fluch und Segen dieses Romans zugleich. Denn Justizpalast strotzt vor Fallgeschichten und Urteilen, die Thirza im Lauf ihrer Karriere fällen muss. Das ist auf der einen Seite zu loben, da dies eine große Plastizität in den Roman bringt und auch die Routine und manchmal auf Langweile zeigt, mit der sich Thirza beschäftigen muss. Zum Anderen hemmen diese permanenten Urteile und Fälle durch ihre trockene juristische Diktion den Fluss des Buches und lassen den Leser bei der Lektüre immer wieder stolpern und aus dem Tritt geraten (so zumindest mein subjektives Empfinden).

Geschickter hat das Problem der Frage, inwieweit juristische Urteile auch Literatur sein können, beispielsweise Ian McEwan gelöst. In seinem Roman Kindeswohl steht ebenfalls eine Richterin im Mittelpunkt. Motor des Buchs allerdings ist ein einziger großer Fall, der mit seinen Problemen schlussendlich auch auf das Leben der Richterin Fiona Maye abfärbt. Hier schafft McEwan den Spagat zwischen juristischer Spitzfindigkeit und Lebensrealität besser, als er Petra Morsbach in ihrem Buch gelingen mag.

Ein vielgestaltiges Buch über Recht und Justiz

Justizpalast ist allerdings kein schlechtes Buch, ganz im Gegenteil. Von diesen juristischen Redundanzen abgesehen gelingt der Autorin ein vielgestaltiges Buch des Justizwesens und ebenso ein facettenreiches Bild einer Richterin, die in ihrem Job aufgeht, doch auch vom Recht versehrt wird. Überlastungen der Justiz, der manchmal Don-Quichotteske Kampf gegen die Windmühlen, verfahrene Verfahren – sehr realistisch und praxisnah ist das von Morsbach gezeichnete Bild des Justizwesens in Deutschland und dessen Entwicklung. Und auch diese Thiza Zorniger ist faszinierend, hat Ecken und Kanten und ist so glaubhaft, wie nur wenige Figuren dieses Bücherherbstes.

Ein wichtiger Punkt kommt für mich auch noch auf die Habenseite des Romans. Justizpalast hat nach der Lektüre noch an Qualität gewonnen. Zunächst war ich froh, mich durch die vielen hundert Seiten Schicksal und Grundsatzurteile, Anfechtungen und Abwägungen gekämpft zu haben und wieder aus dem Justizpalast treten zu können. Thirza als Figur hat mich hingegen noch länger begleitet, ihr Streben, ihr Scheitern und Gelingen, all das vergisst man nicht so schnell. Durch Morsbachs Buch bekommt man auch einen neuen Blick auf die Institutionen und Menschen, die Recht sprechen.

Diese Plastizität und die Ambitionen Morsbachs, dem deutschen Justizwesen ein Gesicht zu geben, machen das Buch absolut preiswürdig. Nicht umsonst wurde das Buch ebenfalls für den Bayerischen Buchpreis nominiert und befindet sich damit völlig zurecht auf der Liste. Meine hochgeschätzte Kollegin und ebenfalls #baybuch-Bloggerin Birgit Böllinger vom Blog Sätze und Schätze hat ihre Gedanken zu Justizpalast ebenfalls in Schriftform gebracht. Ihr Urteil findet sich in diesem Blogbeitrag.

P.S.: Einen Preis würde ich Petra Morsbach im Übrigen gleich jetzt verleihen – nämlich den für den besten Schluss des Jahres. Justizpalast endet nämlich genau auf dem Punkt. Wie, das sollte hier natürlich nicht verraten werden. Nur die eigene Lektüre wird Aufklärung schaffen – es lohnt sich!

Zadie Smith – Swing Time

Step up

Wenn man als junges Mädchen wenig Chancen und Perspektiven hat – dann gibt es nur eins, das einen retten kann: der Swing. Davon erzählt die englische Autorin Zadie Smith in ihrem neuesten Roman Swing Time (Deutsch von Tanja Handels).

Ausgangspunkt ist die Freundschaft zwischen der Ich-Erzählerin und Tracey, die in London beginnt. Während die Ich-Erzählerin aus einem intakten Elternhaus stammt (ein etwas liederlicher Vater und eine nach Bildung strebende Mutter sind die Koordinaten in ihrem Leben), ist der Hintergrund ihrer Freundin Tracey ganz anders. Mit ihrer alleinerziehenden Mutter lebt sie in einer kleinen Wohnung, ihr Vater ist laut Legende ein fantastischer Tänzer und im Hintergrund von Michael Jacksons Video des Hits Thriller zu sehen. Was die beiden Mädchen neben ihrer Hautfarbe verbindet, ist die Leidenschaft zum Swing und Steptanz.

Während die Ich-Erzählerin eher im Gesang alter Standards ihre Erfüllung findet, ist Tracey im Steptanz zu Hause und übt unermüdlich Figuren und Choreografien. Auch wenn sich im Laufe der folgenden 640 Seiten die Leben der beiden Freundinnen immer wieder entfernen und annähern werden, so ist doch der Swing die Nabelschnur, der sie miteinander verbindet. Während die Ich-Erzählerin zur Assistentin eines berühmten australischen Popstars avanciert, wird es Tracey immer ernster mit ihrer Karriere als Tänzerin. In Episoden springt Smith dabei durch die Entwicklungsschritte der beiden Frauen und blickt auf ihr Leben.

Immer wieder schossen mir bei der Lektüre viele Analogien zu einer im Moment ähnlich populären Schriftstellerin durch den Kopf. Swing Time liest sich wie Elena Ferrante auf Swing. Beide Werke weisen für mich signifikante Parallelen (und leider auch Schwächen) auf. Während Ferrante ihre beiden Heldinnen Lila und Lenu über vier Bände hinweg in Neapel reifen lässt, braucht Zadie Smith hierfür nur einen (wenn auch mit 640 Seiten reichlich voluminösen) Roman. Mögen sich doch die Schauplätze und Epochen unterscheiden – die Grundthemen sind dabei doch die gleichen: Bildung, Herkunft, soziales Milieu und die Anstrengungen aus den determinierten Bahnen auszubrechen – das ist in meinen Augen der Kern, um denen sich die Geschichten bei Ferrante und Smith drehen. Auch der feministische Gesichtspunkt ist ein elementarer. In beiden Welten ist es ein steter Kampf der Erzählerinnen, um sich in ihrer Welt zu behaupten und Anerkennung für ihr Tun zu bekommen.

Doch diese wichtigen Themen werden in meinen Augen sowohl bei Ferrante als auch bei Smith mangelhaft umgesetzt. Der Spannungsbogen und damit der Sützpfeiler jeder Erzählung, fällt im Laufe von Swing Time mehrmals zusammen. Sobald sich Smith von der konzisen Schilderung der Jugend und des Aufwachsens im London der 70er verabschiedet, erhält ihr Roman eine ausufernde Breite, die trotz der Sprünge durch die Chronologie nicht mehr eingegrenzt wird und damit versandet. Je länger ihre Erzählung wird, umso mehr verliert die Autorin den Fokus und erzeugt damit leider mehr Monotonie denn Abwechslung und Spannung. Es ist wie mit einem famosen Jazz-Stück, das präzise und vielstimmig beginnt, sich dann allerdings in Solos und Instrumentalteilen verliert und damit auch schlussendlich seine Hörer beziehungsweise in diesem Falle die Leser vergisst.

Neben dem ausufernden Erzählen und der phasenweise Ödnis im Leben der Protagonistinnen sind es leider diese auch selbst, die wenig Esprit versprühen. Nach der Kindheit und den damit verbundenen Erziehungsmethoden und Werten, die Tracey und die Ich-Erzählerin auf ihren Weg mitbekommen, werden sie dem Leser immer ferner. Zu distanziert und blass bleiben die Charaktere trotz allen Raums, den sich Smith für ihre Figuren nimmt. Selbst die wenigen eingesetzten Brüche in den Biographien sind nicht dazu angetan, tiefere Bindung zu ihnen zu schaffen. So bleibt eine tiefergehende Identifikation mit Tracey und der Ich-Erzählerin und ihren Leben in Swing Time leider aus.

Das ist schade, da meiner Meinung nach immer noch fiktive Geschichten am besten geeignet sind, um unserer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und zu Reflektionen anzuregen. Das in Swing Time steckende Potential ruft Zadie Smith leider nicht ab – und Swing Time gerät dadurch etwas ins Straucheln und aus dem Takt.

 

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben

In diesem Jahr ist Frankreich das Partnerland der in Kürze beginnenden Frankfurter Buchmesse. Ein Land, das mit einer erfreulich heterogenen Literaturszene aufwarten kann. Meine neueste Entdeckung ist hierbei Pierre Lemaitre, ein in Paris lebender Schriftsteller, der bislang überwiegend als Krimiautor in Erscheinung trat.

Sein nun im Taschenbuch erschienener Roman Wir sehen uns dort oben (Übersetzung Antje Peter) erzählt von einem ganz besonderen Triumvirat, das durch Geschehnisse in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs zusammengeschweißt wird. Da wäre zunächst der etwas unbedarfte Soldat Albert Maillard, der von seinem Vorgesetzten, dem Offizier Pradelle auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wird, um den deutschen Truppen ein paar Meter Schlachtfeld abzujagen. Jener Pradelle selbst („ungestüm und primitiv“ so die Kennzeichnung auf S. 38) möchte mit diesem Manöver endlich noch die ihm seiner Meinung nach zustehenden Meriten verdienen, die ihm bislang versagt blieben. Der Dritte im Bunde ist der Soldat Edouard Péricourt, der in letzter Sekunde zum Retter Alberts wird, dabei aber fast mit seinem eigenen Leben bezahlt.

Dieses Beziehungsgefüge bildet nun die Grundlage zu Lemaitres mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman, der ein umfassendes Panorama der französischen Nachkriegsgesellschaft zeichnet. Während Albert und Edouard eine symbiotische Freundschaft schließen, nicht zuletzt um auch leichter überleben zu können, legt Offizier Pradelle einen steilen Aufstieg hin und avanciert zum hochdekorierten Kriegshelden.

Albert und Edouard eint der Hass auf diesen, da sie beide wissen, um welchen Preis Pradelle seinen Erfolg errungen hat. Sie beschließen, durch eine ausgeklügelte Masche Rache zu nehmen und ihrem Leid als Kriegsversehrte zu entfliehen. Hier zeigt sich das Talent Lemaitres, der weiß wie man spannend erzählt und Erzählbögen entwickelt, die die Geschichte tragen. Immer wieder wechselt er die Perspektiven von Albert zu Pradelle zu Edouard und so weiter. Das ist gut gemacht und treibt die Geschichte voran.

Mit einer Prise Dumas erzählt er von der französischen Nachkriegsgesellschaft, dem Leid und den Sorgen, die die Menschen mit sich trugen, trotz der Tatsache, dass Frankreich Kriegsgewinner war. Doch ein solcher Krieg kennt doch nur Verlierer, das wird bei Wir sehen uns dort oben eindringlich klar. Ein starkes Buch über ein auch nach einhundert Jahren immanent wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

 

Und an dieser Stelle noch ein Hinweis für alle Leser, die nun neugierig auf Pierre Lemaitre geworden sind: jüngst erschien der neue Roman Lemaitres mit dem Titel Drei Tage und ein Leben im Klett-Cotta Verlag. Eine Besprechung hier wird in Kürze folgen!