Category Archives: Literatur

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore

Wie malt man eigentlich eine Idee? Vor diesem Problem steht ein geschiedener Porträtmaler in Haruki Murakamis neuestem Streich Die Ermordung des Commendatore – Eine Idee erscheint. Wobei das Buch eigentlich nur die Hälfte des neuen Romans bildet, die zweite Hälfte unter dem Titel Die Ermordung des Commendatore – Eine Metapher wandelt sich erscheint drei Monate später – auch erst dann wird sich abschließend über das neue Werk des japanischen Bestsellerautoren richten lassen. Nun also zunächst der erste Part des Buchs. Die Übersetzung besorgte wie stets die Murakami-erprobte Ursula Gräfe:

Schon mit dem kurzen Prolog versetzt die Leser wieder in eine typische Murkami-Welt. Ein gesichtloser Geist sucht den Ich-Erzähler in seinem abgeschiedenen Refugium heim und fordert ein Porträt von sich ein. Doch an dieser Aufgabe kann der namenlose Porträtist nur scheitern – und so vertagen sich die beiden Parteien, ehe Murakami dann für den eigentlichen Beginn seiner Geschichte zurück auf Start springt und den Ich-Erzähler aus seinem Leben berichten lässt. Dieser Auftakt erinnert stark an romantische Märchen und zeigt die Verwurzelung des Autors sowohl  in der feröstlichen genauso wie in der europäischen Welt. Bei Murakami hat das Jenseitige immer seinen festen Platz und so etabliert er neben der reellen Ebene schon gleich zu Beginn jene zweite, metaphysische Welt, die er im Folgenden immer wieder anklingen lässt.

Denn der namenlose Porträtist lebt nach der Scheidung von seiner Frau nun zurückgezogen im Haus des berühmten Malers Tomohiko Adama. Der Porträtist bezog die Räume des Malers, nachdem dieser umnachtet nicht mehr in der Lage war, sein Haus zu bewohnen. Dies besorgt nun der Ich-Erzähler und stößt per Zufall auf ein Gemälde auf dem Speicher, von dem ein rätselhafter Sog ausgeht. Es zeigt eine Szene aus Mozarts berühmter Oper Don Giovanni, nämlich Die Ermordung des Commendatore. Bei seinen Recherchen muss der Maler erkennen, dass das Werk in keinem Verzeichnis des Künstlers Erwähnung findet. Auch passt das Gemälde nicht so wirklich in die Schaffensperioden des Malers, wenngleich es echt zu sein scheint. Was hat Tomohiko Adama zu diesem apokrpyhen Gemälde veranlasst?

Während der Porträtist über jenem Geheimnis grübelt, bricht langsam auch immer mehr das Übersinnliche in den eigentlich so geregelten und überschaubaren Alltag des Eremiten. Es hält Einzug in Gestalt des geheimnisumwitterten Herrn Meshiki, ein direkter Nachbar des Erzählers, der eines Tages mit der Bitte an ihn herantritt, ihn zu porträtieren. Über die Art und Weise des Porträts dürfe er selbst bestimmen, die Bezahlung ist wirklich fürstlich. Mit der Einwilligung in den Pakt entgleitet dem Maler die Schicksal etwas aus den eigenen Händen. Denn Menshiki scheint kaum fassbar, auch das Bannen auf Leinwand mag dem Porträtisten nicht so wirklich von der Hand gehen. Und dann ist da auch noch eine mysteriöse Kultstätte hinter ____ Haus, die einen unerklärlichen Reiz auf den Maler ausübt. Etwas zieht ihn immer wieder zu der Stelle – genauso wie Die Ermordung des Commendatore ihren unwiderstehlichen Reiz auf den Erzähler ausübt. Der Maler beginnt mit seiner Spurensuche und stößt dabei auf weitaus mehr Geheimnisse, als er vermutet hätte.

Irgendwo zwischen Künstlerroman und übersinnlichem Märchen ist der neueste Streich des ewigen Nobelpreis-Aspiranten Murakami zu verorten. Mit der ersten Hälfte seines Romans gelingt es ihm, Stück für Stück eine Welt, oszillierend zwischen Normalität und Übersinnlichen zu entwickeln. Der erste Band erklärt noch nicht allzu viel, vielmehr etabliert Murakami alle Erzählstränge, um diese mit einem sanften Cliffhanger wieder abzubrechen und seine Leser leiden zu lassen.

Es sind die typischen Zutaten, auf die Haruki Murakami auch wieder bei Die Ermordung des Commendatore setzt: westliche Musikwelten (wenngleich es diesmal nicht der Jazz, sondern Mozart- und Strauss-Opern sind, die eine Motivdecke weben), übersinnliche Elemente, Sexualität, japanische Mythologie. Der literarische Grenzgänger weiß, was Fans von ihm erwarten – und er gibt es ihnen in diesem Auftaktband wieder reichlich. Wenn es ihm nun gelingt, im zweiten Band die Stränge sinnvoll zu verbinden und abzurunden, steht einem großen Leseerlebnis nichts mehr im Wege. Aber Ende April 2018 wissen wir dann mehr!

Ein besonderes Wort verdient auch die herausragende Gestaltung dieses Bandes. Eine transparenter Schutzumschlag mit dem aufgedruckten Titel wird von einem hervorragend gestalteten Buchblock ergänzt. Farblich wunderbar aufeinander abgestimmt besitzt diese erste Auflage, die mir zur Rezension vorlag, sogar noch einen passenden farbigen Schnitt, der die Außengestaltung des Buchs abrundet. Hier verbinden sich Ästhetik und Inhalt auf das Vortrefflichste. Ein buchgestalterisches Highlight!

Lauren Groff – Licht und Zorn

Was weiß man in einer Ehe wirklich über den Partner? Wer ist eigentlich diese Person gegenüber, der man die ewige Treue geschworen hat, in guten wie in schlechten Zeiten und was kennt man von ihr? Wenn es nach Lauren Groff in Licht und Zorn geht, gar nicht einmal so viel. Denn sie zeigt in ihrem Roman eindringlich, dass man zwar eine Ehe leben kann, dahinter allerdings zwei völlig unterschiedliche Leben stecken können, die nicht immer viel gemeinsam haben.


So etwa wie die beiden Leben von Lancelot, genannt Lotto, Satterwhite und Mathilde Yorden. Lotto, ein Draufgänger und Weiberheld, entflammt auf einer Wohnheim-Party auf dem Campus in unsterblicher Liebe zu Mathilde, die gerade durch die Tür den Raum betritt. In einem impulsiven Überschwang der Gefühle macht er Mathilde den Antrag und wenige Wochen später wird tatsächlich geheiratet. Dinge wie Kennenlernen oder gar eine Verlobungsphase gibt es bei Mathilde und Lotto nicht. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten übersteht die Ehe die Zeit. Die beiden jungen Studenten wachsen zusammen, ergänzen sich, Lotto steigt zum erfolgreichen und vielgespielten Dramatiker auf, während Mathilde ihm den Rücken freihält und ihn erdet. Die beiden Menschen sind das Musterbeispiel einer Symbiose – das Eheversprechen scheint für sie wie gemacht.

So erleben wir dies zumindest im ersten mit Licht überschriebenen Teil des glänzend geschrieben und komponierten Romans. Lotto als Mittelpunkt der Erzählung zeigt sich als narzisstischer, verletzlicher und auch widersprüchlicher Mensch, der immer neu um schöpferische Eingebung ringt und dessen von ihm ersonnenen Stücke und Opern sich auch in Ausschnitten in der Geschichte wiederfinden. Immer wieder zeigt Lauren Groff Lotto als Suchenden, der sich manchmal in Strudeln zu verlieren droht, wenn da nicht Mathilde wäre, die seinen Anker und Ruhepol bildet. Über Jahre hinweg begleitet sie Lotto und sein Umfeld und betrachtet seine Entwicklungsschritte hin zum gefeierten Autor.

Licht – und Zorn

Lauren Groff - Licht und Zorn (Cover)

Nach dramatischen Ereignissen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, springt Lauren Groff anschließend in Zorn zu Mathilde und erzählt nun ihr Leben und ihre Sicht der Ehe. Hier zeigt sich langsam die vollständige Klasse dieses Romans, denn Mathildes Blickpunkt macht aus diesem bis dahin bereits großartigen Roman endgültig ein Meisterwerk. Der Gegenblick auf alle Ereignisse, das was man dem Partner verschweigt und Überraschungen, die einen selbst ereilen – all das ist wunderbar und glaubwürdig gelungen. Immer wieder fragt man sich, ob man gerade wirklich von jener Ehe liest, die Lotto zuvor geschildert hat.

Die Blitzhochzeit, das Davor und Danach – Lauren Groff zeigt sich als Meisterin der Montage und des Erzählens. Ihr gelingt es, Mathilde genauso plastisch und glaubwürdig wie Lotto zu zeichnen. Durch diesen zweiten Teil wird das Buch erst abgerundet und ergänzt – wobei sich Groff bis zum Schluss Enthüllungen und Kniffe vorbehält. Das lässt den Roman zu keiner Sekunde langweilig werden, im Gegenteil. Obwohl man annehmen könnte, dass es nichts Öderes und Konventionelleres als die Schilderung einer Ehe gibt – ein packenderes Leseerlebnis habe ich in letzter Zeit kaum erlebt.

Ambivalentes Erzählen

Beständig schwankt man in der Bewertung dieser Ehe und ihrer ProtagonistInnen. Soll man Lotto und Mathilde bewundern für ihren Wagemut und ihre Hingabe – oder ist vielmehr das Gegenteil angebracht und die beiden verdienen Mitleid oder gar Verachtung? Wunderbar ambivalent erzählt Lauren Groff diesen ausgefuchsten Plot, vieles bleibt in der Schwebe und am Ende dem Leser selbst überlassen. Dies macht für mich die Klasse dieses Buchs aus, obwohl natürlich noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Wie oben schon angedeutet, ist ein weiterer Faktor auch die Bauart des Romans. Neben der konsequenten Zweiteilung in Lottos und Mathildes Sicht ist die Montagetechnik Groffs wunderbar – ganze Zeitabschnitte werden von ihr gerafft, dann springt sie wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das sorgt für Abwechslung im Lesefluss und fordert den Leser. Auch die Sprache von Lauren Groff ist poetisch, präzise, immer angemessen – und natürlich muss an dieser Stelle dann auch die Übersetzerin Stefanie Jacobs genannt werden. Eine großartige Leistung, wie sie den sprachmächtigen Plot ins Deutsche überführt.

Selten begegneten mir bislang derart plastische Figuren, die weit über das Buchende bei mir blieben. Die Strahlkraft dieses Romans ist genauso enorm wie sein erzählerischer Sog. Ein Buch, das zum Wiederlesen einlädt oder dies sogar implizit einfordert. Definitiv ein Kandidat für meine ewige Top 10. Ich gebe für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung ab – besonders auch dann, wenn man vor der Entscheidung steht, den Bund fürs Leben einzugehen.


  • Lauren Groff – Licht und Zorn
  • Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
  • ISBN 978-3-446-25428-2 (Hanser Berlin)
  • 432 Seiten. Preis 13,99 (E-Book)

Joachim Meyerhoff – Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Mit dem neuen Buch von Joachim Meyerhoff geht es mir wie mit kritischen Anleger eines erfolgreichen Unternehmens: selbst wenn abgeliefert wird und die Produkte einschlagen – es könnte immer noch besser sein und man könnte noch mehr herausholen. Diese befremdliche Unersättlichkeit stellte sich auch bei mir in leichter Ausprägung während der Lektüre von Die Zweisamkeit der Einzelgänger ein.

Meyerhoff, der Feuilleton-Liebling, der gekonnt auf dem zwischen Scheitern und Humor gespannten Seil balanciert, der arrivierte Schauspieler und Bestsellerautor, er dreht in seinem Alle-Toten-fliegen-hoch-Zyklus die Erinnerungen weiter voran. Zuletzt legte er die superben und höchst witzigen Erinnerungen an seinen Werdegang als junger Schauspieler in Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke dar, immer zerrissen zwischen großelterlicher Behaglichkeit und fordernder Schauspielschule. Nun widmet er sich seinen ersten Schauspieljahren in Bielefeld und Dortmund, bei denen sich langsam die ersten Erfolge einstellen, auch wenn die Selbstzweifel in der Zwischenzeit nicht kleiner geworden sind.

Verkompliziert wird sein Beruf zusätzlich noch durch eine Menage-a-quartre, die Meyerhoff im Laufe seiner über 400 Seiten starken Erinnerungen präsentiert. So verliebt er sich zunächst in Hannah, die ihn mit ihrer Mischung aus Wirrnis und Intellekt anzieht. Dann kommt an seiner nächsten Schauspielstation in Dortmund noch die Tänzerin Franka noch dazu, mit der er ebenfalls eine Liaison eingeht, ohne sich derweil in Bielefeld von Hanna zu trennen. Weitere Schubkraft erhält das Liebeskarussell dann noch in Form der Bäckerin Ilse, in deren Backstube der junge Joachim ebenfalls viel Zeit verbringt. Hier zeigt sich wieder einmal die Bestätigung der These, das mit dem Fortschreiten der Jahre alles immer komplizierter wird.

Tolle Erinnerungen sind das wieder geworden, die stark zwischen Lachen und Weinen schwanken, teilweise liegen die Pole nur wenige Absätze auseinander. Meyerhoff versteht sein Handwerk, in einer klaren Sprache (die immer besser wird, wie ich meine) schildert er die Episoden seines Lebens und inszeniert sich als ewig Zweifelnder inmitten der Frauen.

Nun aber zu meinen Luxusproblemen: stets hatte ich bei den letzten drei Büchern von Mal zu Mal das Gefühl, dass sich Meyerhoff steigern konnte. Bislang war Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke wirklich das Non-Plus-Ultra der Reihe – hier verbanden sich Wehmut und Lachen zu einer wirklich großartigen Mischung. Im neuesten Band hatte ich nun erstmals den Eindruck, dass sich Meyerhoff nicht mehr steigern konnte. Obwohl er die erzählerischen Episoden wie gewohnt furios aneinandermontiert, aus seiner Kindheit genauso wie aus der Jugend erzählt – irgendwann wird das ewige Kokettieren mit dem Scheitern und den Versagensängsten etwas obligat.

Nur um Missverständnissen vorzubeugen – Die Zweisamkeit der Einzelgänger ist nach wie vor ein hervorragendes Produkt  – nur für Meyerhoff’sche Verhältnisse hätte für meinen Geschmack noch eine kleine Nuance mehr drin sein dürfen. Abgesehen von diesem minimalen Meckern auf hohem Niveau – ein wunderbares Buch!

Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Bücher sind die einzigen Zeitreisemaschinen, die zuverlässig funktionieren. Dieses Erkenntnis Denis Schecks teile ich voll und ganz. Mit keinem anderen Medium kann ich so schnell von Walfangreisen in der Antarktis in die Gänge von EU-Behörden wechseln, vom tschetschenischen Bürgerkrieg bis ins Neapel der 60er Jahre reisen. Ein Buch, das dies besonders gut ermöglicht, ist Stefan Zweigs Historien-Klassiker Sternstunden der Menschheit. Mit seinen Miniaturen historischer Momente ist das Buch Urvater aller kommenden Autoren, heißen sie Florian Illies, Jürgen Goldstein oder Richard von Schirach. Zweigs Idee, besondere Momente literarisch zu verdichten, an denen die Geschichte an einer Wegscheide stand, ist auch nach genau 90 Jahren seit Erscheinen immer noch bestechend und inspirierend. Dies beweist nicht zuletzt die Fülle an Büchern, die regelmäßig die Bestsellerlisten bevölkern und sich stark an Zweigs Konzept der literarischen Geschichtsschreibung orientieren.

Die aktuelle Neuausgabe der Sternstunden der Menschheit ist zugleich der Auftakt der sogenannten Salzburger Ausgabe. Hier werden nach und nach die Bücher Zweigs neu editiert und auf dem aktuellsten Stand der Forschung herausgegeben. Urheber ist das Salzburger Stefan Zweig Zentrum, dessen Forscher die Werke mit einem Appendix versehen, der über die Entstehungsgeschichte der Zweig’schen Bücher Auskunft gibt. Mustergültig lässt sich das bei den Sternstunden der Menschheit beobachten.

Diese umfassen die (bekannten) Episoden über Entdecker wie Sir Walter Scott, Komponisten wie Georg Friedrich Händel oder Politiker wie Woodrow Wilson, deren Handeln entscheidenden Einfluss auf die Weltgeschichte hatte. Die vierzehn historischen Miniaturen sind mal mehr und mal weniger historisch genau belegbar, Zweig bewegt sich von der Antike (Cicero) bis hin in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (Wilson versagt). Ebenso weit, wie der historische Rahmen gesteckt ist, ist es auch der inhaltliche. Musik, Literatur, Militärgeschichte – Zweig interessiert sich für alle nur denkbaren Geschehnisse und wählt auch ein spannendes Personaltableau für seine Erzählungen. Von strahlenden Helden bis zu völlig gebrochenen Charakteren versammelt das Buch eine Vielzahl an Männern. Aber eben auch nur Männer – keine einzige der vierzehn Geschichten dreht sich um eine Frau oder geht auf deren Bedeutung an den Wendepunkten der Geschichten ein. Frauen sind für Zweig in seinen Miniaturen Marginalien oder gar Ärgernisse, wie er es in der Geschichte Die Entdeckung Eldorados formuliert:

Nach acht Tagen ist das Geheimnis verraten, eine Frau – immer eine Frau! – hat es irgendeinem Vorübergehenden erzählt und ihm ein paar Goldkörner gegeben.

Zweig, Stefan: Sternstunden der Menschheit

Dieses Frauen- und Weltbild hat sich in den 90 Jahren seit Erscheinen von Zweigs Geschichten zwar verändert, diese maskuline Erzählhaltung ist aber sehr auffallend. Auch wenn Zweig beispielsweise mit seiner Romanbiographie Maria Stuart Geschichte aus Frauensicht zu erzählen versucht – das jegliche Fehlen der weiblichen Perspektive irritiert hier bisweilen.

Stilistisch vielfältige Erzählungen

Zweigs Episoden sind inhaltlich so vielfältig wie stilistisch variabel. Ob nahe an einer Gedichtinterpretation (Marienbader Elegie), Poem (Heroischer Augenblick) oder Theaterstück (Die Flucht zu Gott) – Zweig beweist seine schriftstellerische Vielfalt eindrücklich, auch wenn ihm beim Würzen seiner Geschichten manchmal der Pathos-Streuer etwas zu sehr aus den Händen gleitet. Trotzdem wirken die Geschichten dank der erzählerischen Klasse auch heute noch frisch und wunderbar lesbar.

Die wahre Qualität dieser Ausgabe liegt nun allerdings im Bonusmaterial, das die Salzburger Ausgabe mitliefert. Bereits vorangestellt sind die verschiedenen Vorworte, die Zweig zu seinen unterschiedlichen Sternstunden-Ausgaben verfasste. Auf den Textkorpus folgen anschließend  Versionshistorien, Überlieferungen, Quellen und Stellenkommentare. Eine wirklich erhellende Fundgrube, die die Geschichten hinter den Geschichten besser verstehen lässt.

Wenn die kommenden Bände der Salzburger Ausgabe weiterhin so sorgfältig editiert herausgegeben werden, kann man sich wirklich freuen. Ein weiterer Baustein des Zweig-Revivals, der einen Autor wieder neu entdecken lässt und Zugänge schafft!

Deon Meyer – Fever

„Es gab keine Gerechtigkeit im Universum. Als das Fieber kam, stand Dortmund auf dem zweiten Tabellenplatz, sie hätten Meister werden können. Thomas Tuchel war ihr Trainer. Ein verdammtes Genie …“ (Meyer, Deon: Fever, S. 230)

Der BVB und die Frage der Meisterschaft – das kann auch schon einmal in der Apokalypse enden, wie der südafrikanische Starautor Deon Meyer in seinem Buch Fever zeigt. Denn die Welt, wie wir sie kennen existiert im neuen Buch des Krimiautors nicht mehr, Grund dafür ist eine Fieberepidemie, die nahezu die komplette Bevölkerung ausgelöscht hat. Während sich die Flora und Fauna ihre Lebensräume zurückerobert, sind es nur wenige Menschen, die die Katastrophe überlebt haben.

Solche Überlebenden sind Nico und sein Vater Willem Storm, die in einem Truck durch Südafrika reisen, auf der Suche nach anderen Überlebenden und einem Plan in der Hinterhand. So schildert es uns Nico, der als Erzähler fungiert und uns eine Chronik des Untergangs und des Neuanfangs präsentiert. Wer sich hier an Cormac McCarthys Die Straße erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Das Thema vom Vater und seinem Sohn und deren Kampf ums Überleben ist identisch, Deon Meyer aber gelingt trotz der ähnlichen Ausgangslage ein ganz eigenständiger, ebenso unterhaltsamer wie nachdenklicher Roman, der Dystopie, Entwicklungsroman und Mad Max gekonnt verquickt.

Für die Erzählung seiner großen Geschichte (der Umfang fällt mit über 700 Seiten weit aus dem üblichen Rahmen, die Übersetzung besorgte Stefanie Schäfer) wählt Meyer einen besonderen Kniff. Der Großteil der Geschichte wird vom 13-jährigen Ich-Erzähler Nico Storm vorgetragen, der durch oftmalige Sprünge in der Chronik und Vorgriffe für Spannung sorgt. Dieser erzählerische Hauptstrang wird durch Berichte und Rückblenden vieler weiterer Charaktere ergänzt, die ebenfalls beständig zu Wort kommen. Denn Nicos Vater begründet im Lauf des Buchs den Ort Amanzi, an dem er einen Neustart der Gesellschaft versucht. Die Bewohner, die nach und nach Amanzi bevölkern, finden durch das sogenannte Amanzi-Projekt Gehör, das Willem Storm unaufhörlich vorantreibt. Er sammelt und konserviert die Eindrücke und Erfahrungen seiner Mitmenschen um ein möglichst umfassendes Bild der Fieberepidemie und dem Überlebenskampf der Menschen zu gewinnen.

Das alles ist wunderbar gemacht und fließt beständig in die Erzählung Meyers ein, was für Abwechslung und einen nie reißenden Spannungsbogen sorgt. Man beobachtet gespannt den Kampf ums Überleben der Amanzi-Gemeinde und die Spannungen, die sich innerhalb der Mikro-Gesellschaft abzeichnen. Dabei kann man Fever als einen spannenden und packenden Roman lesen, der vom Sterben genauso wie vom Überleben erzählt und der sich trotz seines Volumens wunderbar verschlingen lässt.

Man kann in Fever allerdings noch eine weitere, faszinierende Ebene entdecken, wenn man denn möchte. Denn Fever ist von einem großen Humanismus durchwirkt, der sich vor allem in der Figur des Willem Storm ausdrückt. Wie er zusammen mit seinem Sohn um das eigene Überleben und das der Menschheit kämpft, das gestaltet Deon Meyer eindringlich. Storm glaubt unverrückbar an das Gute im Menschen und die Fortschritte, die die Zivilisation bewirkt hat, auch wenn viele Geschehnisse in Amanzi dieser Hoffnung spotten. Seinem Sohn (und damit auch dem Leser) vermittelt Willem Storm eine nachahmenswerte Philosophie und viel Wissen, das sich wunderbar in den Gesamtkontext einfügt. Denker wie Baruch Spinoza, Yuval Noah Harari oder John Bowlby und deren Theorien sind Antriebsfedern, die Willem Storm und damit auch Amanzi am Laufen halten. Hier zeigt sich, wie Denken und Wissen Zivilisationen voranbringen kann, auch wenn häufig der Nutzen von Philosophie und Ethik in utilitaristischen Kreisen in Abrede gestellt wird. Meyer sieht das allerdings nicht so und bietet dabei am Ende einen interessanten Denkansatz: Ist es vielleicht am Ende eher jene die Philosophie und Ethik, die unsere Gesellschaften bewahren kann, als das technische Wissen und Know-How, das so leicht verlorengehen kann?

Man könnte Deon Meyers Fever fast als eine Art Versuchsanordnung betrachten. Da ist ein Dorf, das im Lauf des Buches wächst, es gibt verschiedene Einflussfaktoren, die das Vorankommen der Gesellschaft mal behindern und mal fördern. Geradezu analytisch ist man als Leser dabei, wenn man beobachtet, wie es sein könnte, nach einem Zusammenbruch den Resest einer Gemeinschaft oder im größeren gedacht, den Neuanfang einer Zivilisation zu versuchen. Dabei ergeben sich viele Fragen, deren Beantwortung nicht Ziel des Buchs ist, sondern nur der Denkanstoß. Wer möchte, kann unzählige dieser Fragen und Dilemmata entdecken: Was macht eine Gesellschaft aus? Was lässt Zivilisationen wachsen, welche Faktoren können die Entwicklung ausbremsen oder zurückwerfen?

Auch wenn ich die Mehr-als-Phrase eigentlich verabscheue (Mehr als ein Krimi oder Mehr als eine Dystopie …), da sie so unspezifisch wie (meist) unzutreffend ist. Hier möchte ich sie trotzdem zur Anwendung bringen. Fever ist mehr als ein Endzeitroman, mehr als ein Thriller. Der Verlag hat dies auch dankenswerterweise erkannt, schlicht prangt das Label Roman auf dem Cover. Natürlich bietet Fever viel Action und Spannung, all das ist unzweifelhaft vorhanden und gut gemacht, allerdings eben auch weit mehr als das. Eine wirkliche Empfehlung und ein wunderbarer Buchtipp für das kommende Weihnachtsfest.

P.S.: Gute Nachrichten gibt es an dieser Stelle auch für alle Bennie-Griessel-Fans. Der neue Band der Reihe mit dem Titel Die Amerikanerin erschient schon im März des kommenden Jahres. Ich bin gespannt, wie es mit Bennie nach dessen Absturz in Icarus weitergeht.