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Anna Katharina Hahn – Der Chor

Ob betagte Lektorin oder erfolgreiche Managerin – beim Singen sind sie alle gleich. Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem Roman Der Chor von einem weiblichen Laienchor – und drei Generationen von Frauen, die sich im Chor begegnen.


Jeden Mittwochabend treffen sie sich in einem Stuttgarter Gemeindesaal, die Cantarinen. Unter wechselnder Leitung von Musikstudierenden proben die Mitglieder dieses Chors ihr Material. Basisdemokratisch darf jeder eigene Liedvorschläge mitbringen, die dann gemeinsam erarbeitet werden. Sogar die Einschränkungen in der Coronapandemie hat man mit digitalen Chorproben irgendwie überbrückt und nun findet man sich wieder direkt zusammen in der kirchlichen Atmosphäre des Gemeindesaals.

Viele verschiedene Charaktere sind es, die dort am Mittwoch unter der Leitung der jungen Estin Terje zusammenkommen. Unter dreißig ist niemand, die Altersspanne reicht von hochbetagt bis hin zu Frauen, die mitten im Berufsleben stehen. So wie im Falle von Alice, für die das Singen im Chor einen Ausgleich zu ihrer fordernden Tätigkeit im Management eines Stuttgarter Kaufhauses darstellt. Eine Chorfreundschaft verbindet sie mit Lena, die zwar schon lange im Ruhestand ist, dennoch aber immer noch mit dem geschriebenen Wort beschäftigt, wie sie es beruflich viele Jahre lang tat.

Der Chor der Cantarinen

Die eingeübte Praxis und die Routinen im Chor werden aber nun schon auf der ersten Seite des Romans von Anna Katharina Hahn empfindlich gestört – denn es steht einer neuer Gast auf der Schwelle des Gemeindesaals, um im Chor mitzusingen. Bei diesem Gast handelt es sich um die junge Sophie, die Alice sofort ins Auge fällt.

Das Mädchen verharrt auf der Schwelle, es scheint sich nicht hineinzutrauen. Während Alice näher kommt, tritt es von einem Fuß auf den anderen in ihren schmutzigen Sneakers, springt sogar zaghaft auf und ab. Alice findet die Hüpfbewegungen rührend, das ganze Geschöpf hat in seiner Unsicherheit etwas Kaninchenhaftes. Als sie mit einem Lächeln vor ihr steht, streift sich die junge Frau ihre Kapuze vom Kopf. „Möchtest du zur Chorprobe? Komm doch rein“, sagt Alice.

Anna Katharina Hahn – Der Chor, S. 7f.

Schon ab dem ersten Moment rührt die junge Frau etwas in Alice an. Die Überlassung einer teuren Jacke ob der mangelhaften Kleidung des Mädchens bei ungastlichen Temperaturen ist nur ein erster Schritt. Die weiteren Chorproben verstärken in Alice den Wunsch, das Mädchen näher kennenzulernen. Eine für die so kontrollierte Frau aus der Stuttgarter Oberschicht ganz untypische Regung, die Anna Katharina Hahn im Folgenden genau beobachtet.

So erzählt sie von der Faszination für Sophie und beobachtet Alice, die durch das Auftreten des Mädchens dazu animiert wird, ihre eingefahrenen Bahnen zwischen Europaviertel und Killesberg zu verlassen. Sogar an ihren schon längst überwunden geglaubten mütterlichen Gefühlen rührt die Begegnung.

Beziehungen und Freundschaften im Frauenchor

Anna Katharina Hahn - Der Chor (Cover)

Aber auch andere Damen rücken ins Zentrum des Romans, dessen Gravitationszentrum Alice ist. So haben Animositäten und die skeptischen Betrachtungen anderen Frauen genauso ihren Platz, wie Hahn gekonnt auch ihre Protagonistin Alice in das Bedürfnis nach Nähe und Anerkennung verstrickt. Mal aktiv in Form von mütterlichen Instinkten für Sophie und deren Leben, mal passiv in Form von mütterlicher Nähe, die sie selbst bei Lena sucht.

Dies ist überzeugend gezeichnet, da Hahn ein großes Gespür für Ambiguitäten und Widersprüche auszeichnet. Welche Formen weibliche Freundschaft und Abneigung haben kann, das untersucht Hahn in Der Chor eingehend. Zudem ist ihr Roman das fein gezeichnete Porträt ganz unterschiedlicher Frauen, deren Geschichte tatsächlich immer wieder mit „Geschichte“ übertitelten Rückblenden kurz erzählt wird, um dann mit der Gegenwart verschmolzen zu werden.

In der zweiten Hälfte verliert der Roman dann etwas seinen zuvor so ruhigen Rhythmus, wenn die Faszination für Sophie überhandnimmt. Dann wechselt das Ganze in ein schon fast hektisches Allegro zwischen einem Ausflug nach Paris, einem Todesfall und überraschender Enthüllungen. Das zuvor so wohlgeordnete Nebeneinander zwischen Alice und ihrem Mann gerät aus der Bahn, Geheimnisse und Unausgesprochenes drängt zwischen die Figuren und sogar die verlässliche Statik der Chormitgliedschaft gerät ins Wanken. Die literarische Harmonie des Beginns weicht einem polyphonen, manchmal schon etwas verwirrenden Stimmen- und Handlungsgewirr.

Stuttgart vom Kessel bis zum Killesberg

Nicht alles löst sich zufriedenstellend auf, es bleiben kleine Leerstellen wie die des Zerwürfnisses zwischen Alice und ihrer ehedem besten Freundin und Mitsängerin Marie. Auch bezüglich der genauen Beziehung und der Entwicklung zwischen Alice und ihrem Mann Fred bleiben offene Fragen. Stattdessen konzentriert sich Der Chor merklich auf die Frauenfreundschaften – oder etwas neutraler formuliert: die Beziehungen der Frauen untereinander und deren Dynamiken.

Das gelingt Anna Katharina Hahn sehr gut, die ihren schwäbischen Chor mitsamt seiner Mitglieder aus der gesamten Stuttgarter Stadtgesellschaft hier ein genau beobachtetes, in Teilen sogar fast hyperrealistisches Denkmal setzt. Zwischen Schicksalen, sozialen Biografien und einer Stuttgartrundfahrt vom Kessel bis hinauf zu den Oberschichtswohnung am Hang liefert die Stuttgarter Autorin ein polyphones Bild von (weiblichen) Beziehungen im 21. Jahrhundert.


  • Anna Katharina Hahn – Der Chor
  • ISBN 978-3-518-43160-3 (Suhrkamp)
  • 283 Seiten. Preis: 25,00 €

Lucy Fricke – Das Fest

Eine Geburtstagsfeier wider Willen, viele Begegnungen mit der Vergangenheit und ebenso viele Blessuren muss der Regisseur Jakob in Lucy Frickes Roman Das Fest ertragen. Dabei wird der Tag zu einer nostalgischen Erinnerung und verbreitet eine lebensbejahende und beglückende Botschaft. Denn es ist auch mit fünfzig noch nicht zu spät, um im Leben die Weichen noch einmal neu zu stellen.


Es ist eine eindrucksvolle Reihe an Blessuren, die Lucy Frickes Held Jakob im Laufe der Handlung ihres neuen Romans erleiden muss. Ein ausgeschlagener Zahn inklusive Zahnarztbesuch, ein blaues Auge und ein dicker Daumen, ein verstauchter Fuß, dazu noch viel Anflüge von Wehmut und Nostalgie. Diese Reihe an Blessuren wird noch eindrucksvoller, wenn man bedenkt, dass die Handlung von Das Fest nur einen einzigen Tag umschließt.

Dabei ist es zu Beginn des Buchs noch weit her mit den Blessuren und dem titelgebenden Fest, das Lucy Fricke verspricht. Denn Jakob, ihr Geburtstagskind, hat sich eigentlich gegen jegliche Festlichkeiten verwahrt.

Es wird nicht gefeiert.

Das hatte er vor Monaten gesagt, und jetzt stand er in Boxershorts und gebügeltem Hemd in der offenen Wohnungstür und hatte offenbar geglaubt, ich würde mich daran halten.

Lucy Fricke – Das Fest, S. 9

Da hat Jakob allerdings nicht die Rechnung mit seiner guten Freundin Ellen gemacht. Denn diese setzt sich kurzerhand über Jakobs Anweisungen hinweg und organisiert im Geheimen ein Fest für Jakob, das sich über den ganzen Tag erstrecken soll.

Wie zufällig begegnet er an verschiedenen Ecken in Berlin wieder alten Freunden, Bekannten und mittlerweile schon wieder vergessenen Personen, die mit ihm einen Teil seines Tages verbringen, alte Erinnerungen wieder wachrufen und so auch langsam einen Eindruck von Jakob selbst entstehen lassen.

Der erste Tag vom Rest des Lebens

Lucy Fricke - Das Fest (Cover)

Der nun 50 Jahre alte gewordene Regisseur bezeichnet sich selbst als arbeitslos. Sein letzter Film liegt Jahre zurück, der letzte Filmerfolg sogar noch länger. Junge Kreative und regieführende Schauspieler*innen haben ihn auf der Karriereleiter längst überholt. Beziehungen sind in die Brüche gegangen und irgendwie hat die die Midlife-Crisis bei Jakob zum Dauerzustand entwickelt. Zwanzig Jahre sieht er für sich selbst noch als Perspektive. Grund zur Hoffnung ist das allerdings nicht, vielmehr sind diese zwanzig Jahre eine gerade noch so aushaltbare Zahl an Jahren, wie er fatalistisch feststellt.

Dass der vor ihm liegende Rest des Lebens allerdings nicht Ballast sein muss, sondern auch eine große Chance sein kann, das lässt Fricke Jakob im Lauf des Buchs eindrucksvoll erfahren. Denn Ellen hat sich alle Mühe gegeben und konfrontiert ihn mit seiner Ex-Frau, Kindheitsfreundinnen und Jugendfreunden. Für sie ist das heutige Fest die große Gelegenheit, Jakob noch einmal an der Schulter zu rütteln und zu zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist . Das Ganze hat bei ihr allerdings auch nicht nur altruistische Gründe.

Alles hatte ich organisiert, mit allen gesprochen, die Treffpunkte bestimmt, ich war die Puppenspielerin im Dunkeln, die Göttin im Bühnenhimmel, alles hatte ich in der Hand und am Ende doch nichts.

Lucy Fricke – Das Fest, S. 120

Der Regisseur als Figur eines Films

Der Regisseur findet sich nun in einem Stück wieder, in dem andere – allen voran Ellen – die Regie führen. Der Film, der aus diesen Begegnungen erwächst, ist ein ebenso nostalgisch und wehmütiger wie auch beglückender Film, bei dem sogar die veraltete Super 8-Technik noch einmal zum Einsatz kommt.

An seinem Tag mitsamt inszenierten Reigen an Begegnungen mit der Vergangenheit wagt Jakob alles, was er sich in der lähmenden Routine der letzten Jahre selbst versagt hat. Ein wagemutiger Sprung vom 5-Meter-Brett oder das gemeinsame Kochen von indischen Spezialitäten sind nur zwei besondere Momente, die Lucy Fricke im Lauf ihres Buchs schildert.

Dass diese Versuche nicht immer Erfolg münden, sondern meist Blessuren nach sich ziehen, ist angenehm lebensnah und realistisch gestaltet. Schließlich mag Jakob in den letzten Jahren zwar an Erfahrung gewonnen haben, den Körper schützt das allerdings auch nicht vor der größer werdenden Verletzlichkeit.

Lucy Fricke schildert es glaubwürdig und lebensnah. Das Fest zeigt wieder einmal, welch großartige Autorin die in Berlin lebende Schriftstellerin ist. Realistische Figuren mit all ihren Stärken und Schwächen gelingen ihr wie kaum einer anderen deutschsprachigen Autor*innen. Auch hier ist man bereit zu glauben, dass Jakob problemlos aus den Buchseiten ins echte Leben entweichen könnte, wo er mitsamt seiner Makel und Fehler unter uns Menschen nicht nennenswert auffallen dürfte.

Fazit

Dieser Realismus und die gleichzeitige Herzenswärme, die ihrem Buch innewohnt, macht aus Das Fest wieder eine beglückende Lektüre, die niemals in Kitsch abgleitet, sehr wohl aber dazu aufruft, das Leben als Chance und nicht als Bürde zu begreifen.

Mit kleinen Bonmots und treffenden Betrachtungen versetzt gelingt Lucy Fricke erneut ein formidabler Roman, der auf kleinem Raum als Reigen des Vergangenen und möglich Zukünftigem überzeugt.

Das Fest gibt Zuversicht. Hat man solche Freunde an seiner Seite, dann kann es was werden mit Geburtstagen – und dem Rest des Lebens, der auf diese Geburtstage folgt!


  • Lucy Fricke – Das Fest
  • ISBN 978-3-546-10095-3 (Claassen)
  • 144 Seiten. Preis: 20,00 €

Jesmyn Ward – So gehn wir denn hinab

Hinab in den Süden, hinein in die eigene Geschichte und hinein den Überlebenskampf. In ihrem neuen Roman So gehn wir denn hinab präsentiert Jesmyn Ward einen nachtschwarzen Gospel, der eindrücklich vom Schicksal einer jungen Sklavin erzählt. Es ist eine Lektüre, die eine der großen Wunden der amerikanischen Gesellschaft betrachtet, die bis heute nicht verheilt ist.


Es geht auf ganz unterschiedlichen Wegen hinab für die junge Annis in Jesmyn Wards neuem Roman. Denn sie ist eine Sklavin, die wie ihre Mutter schon auf der Plantage ihres Besitzers in South Carolina arbeiten muss. Sie selbst ist gewissermaßen aus Gewalt geboren, entstammt sie doch einer Vergewaltigung ihrer Mutter durch den Plantagenbesitzer.

Nachts übt sie mit ihrer Mutter den Stockkampf, um wenigstens halbwegs für die Brutalität des Alltags gewirdmet zu sein. Einst wurde ihrer Mutter von ihren Ahnen jene Technik gelehrt, die sie nun wiederum an ihre Tochter weitergibt. Eigentlich stammen Annis Vorfahren aus Afrika, wo sie einst verkauft und über das Meer nach Amerika gebracht wurden.

Du bist mein Kind, Kind von meiner Mama. Von meiner Mutter, der Kämpferin – Azagueni hieß sie, aber ich hab sie Mama Aza genannt.

Jesmyn Ward – So gehn wir denn hinab, S. 10

Annis und die Ahnen

Doch mit der Einführung in die eigene Familiengeschichte und die Orientierung in dieser Welt ist es nicht weit her. Denn der relative Schutz im Haus durch ihre Mutter und ihre Abstammung vom Plantagenbesitzer währt nicht lange. Zunächst erwacht das sexuelle Interesse des Mannes an Annis, dann wird ihre Mutter verkauft – und wenig später findet auch Annis selbst sich in Fesseln wieder.

Jesmyn Ward - So gehn wir denn hinab (Cover)

So geht es für sie von South Carolina nun hinab in den Süden. Angetrieben von den unerbittlichen Sklaventreibern hoch zu Ross, Georgia-Männer genannt, wird Annis in den tiefsten amerikanischen Süden nach New Orleans gebracht. Eine lebensgefährliche Odyssee beginnt, die sie weit weg von ihrer Heimat und der dortigen Erfahrungswelt bringt.

Im sumpfigen Süden der USA wird sie wiederum verkauft und findet sich nun auf einer neuen Farm, die von einem ebenso unbarmherzigen Plantagenbesitzer geleitet wird.

Hunger, Gewalt und Schmerz dominieren auch hier die Tage, obschon es Annis eigentlich noch verhältnismäßig gut erwischt hat, da sie in der Küche ihren Dienst tun darf. Doch der Besitzer und seine argusäugige Frau kennen keine Gnade mit den versklavten Schwarzen. So müssen Frauen, Kinder und Erwachsene bei der Zuckerrohrernte auf der Farm mithelfen und sich bis zur Erschöpfung aufarbeiten.

Von South Carolina hinab nach New Orleans

Unbequeme Sklavinnen und Sklaven werden brutal kujoniert, indem sie tagelang ins „Loch“ gesperrt werden, ein unterirdisches Gefängnis mit spitzen Palisaden als Wände. Auch Annis selbst wird im Lauf dieses Romans dieses Schicksal ereilen.

Doch stets scheinen in dieser Welt aus Schmerz und Erniedrigung auch Momente der Hoffnung auf. Denn nicht nur, dass Annis Momente der Liebe in vielfacher Form erfahren darf. Auch ihre Ahnen sind in Form des Geistes Aza immer wieder präsent. Dieser wird zu Annis‘ Rettungsleine, ist der Geist doch auch in hoffnungslosen Momenten präsent oder zeigt sich nach eindringlichen Beschwörungen der jungen Sklavin. Die Verbindung zu ihren eigenen Ahnen ist ebenso stark wie Annis‘ Wille, sich einen eigenen Platz in der von Unterdrückung dominierten Gesellschaft zu erobern.

Jesmyn Ward verknüpft Spiritismus und Sklavereigeschichte aus Betroffenenperspektive zu einem eindringlichen Roman, der sich im Spannungsfeld zwischen Colson Whiteheads Underground Railroad und Percival Everetts James bewegt. Die brutale Herrschaft der Weißen, der Mangel an Nahrung und Perspektive, die allumfassende Hoffnungslosigkeit, das alles ist auf jeder Seite dieses Buchs zu greifen. Hinauf geht es für Annis eigentlich überhaupt nicht, ihr Schicksal kennt fast ausschließlich den Weg hinab.

Eine eindringliche Lektüre, die Resilienz der Leser*innen erfordert

Das macht aus So gehn wir denn hinab eine starke Lektüre, die allerdings auch einiges an Resilienz von den Leser*innen einfordert. Man muss den Mut und den Durchhaltewillen haben, sich auf diese Erzählung einzulassen und all die Gewalt auf den Plantagen und die schwer erträgliche Abwertung von Annis und ihrer Ahnen zu ertragen.

Hypnotisch und vorwärtsdrängend gleicht dieser Roman einem nachtschwarzen Gospel, der den Schmerz der Sklaverei und die bis heute nicht wirklich überwundene Benachteiligung Schwarzer in den USA in höchst poetische Worte fasst, die all der geschilderten Gewalt und Brutalität entgegenstehen.

Ganz auf die Schwarze Perspektive konzentriert zeigt Jesmyn Ward wie schon in ihrem Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt die Benachteiligung von Menschen im Süden der USA, diesmal durch das historische Setting noch einmal dringlicher, plakativ und kaum zu vergessen.

Weitere Meinungen zu So gehn wir denn hinab gibt es bei Bookster HRO und auf dem Blog von Frank-Michael Preuss.


  • Jesmyn Ward – So gehn wir denn hinab
  • Aus dem Englischen von Ulrike Becker
  • ISBN 978-3-95614-600-8 (Verlag Antje Kunstmann)
  • 304 Seiten. Preis: 26,00 €

Maria Messina – Das Haus in der Gasse

In dieses Haus möchte man wirklich nicht einziehen. Mit großem Geschick für psychologische Schwingungen und Konflikte inszeniert Maria Messina in Das Haus in der Gasse das problembehaftete Zusammenwohnen höchst unterschiedlicher Menschen in einem düsteren Haus irgendwo in einer sizilianischen Stadt. Es ist nichts weniger als die Wiederentdeckung einer vergessenen italienischen Autorin!


Sie zählt zu den vergessenen Autorinnen der italienischen Literaturgeschichte: Maria Messina. Früh konnte sie den Kritiker Giuseppe Antonio Borgese mit ihren Erzählungen begeistern, viel Ruhm war ihr aber nach den schriftstellerischen Erfolgen zeit ihres Lebens nicht beschert. Nicht einmal biografische Eckdaten oder Details ihres Lebens haben sich erhalten, wie Christiane Pöhlmann in ihrem kenntnisreichen Nachwort zu Das Haus in der Gasse ausführt.

So war lange Zeit der funktionale 1. Januar des Jahres 1944 als Sterbedatum von Marina Messina festgelegt, ehe sich nach einem Fund der Sterbeurkunde der 19. Januar als wirkliches Todesdatum von Messina datieren ließ. Kaum ein Fitzelchen von Information über die Schriftstellerin hatte Bestand. Das im toskanischen Pistoia aufbewahrte Archiv der Schriftstellerin war durch einer Bombardierung zerstört worden. Und so verlieren sich die Spuren Maria Messinas in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, der zum Zeitpunkt ihres Todes schon längst Chaos und auflösenden Strukturen über das ganze Land gebracht hatte. Nicht einmal ein gravierter Grabstein erinnerte lange Zeit an die Autorin aus dem Süden Italiens.

Die vergessene Maria Messina

Maria Messina - Das Haus in der Gasse

Erst der ebenfalls in Sizilien geborene Autor Leonardo Sciascia sorgte für eine Wiederentdeckung der Autorin – die allerdings auch nicht von langer Dauer war. Auch die Welle der (Wieder)Entdeckung der feministischen Literatur in Italien sorgte allenfalls für ein kurzer Strohfeuer, das die Werke Maria Messinas für die die damaligen Leser*innen zu entfachen wussten. Denn nicht nur, dass Messina aufgrund ihrer kaum zu greifenden Biografie wenig Interesse weckte und schon gar nicht als markantes Vorbild taugte – auch ihr Werk selbst entzog sich griffigen Schlagwörtern und Parolen, die der damalige Zeitgeist bevorzugte, wie Pöhlmann im Nachwort ausführt.

Denn bewusste Botschaften, klare Einordnungen und eindeutige Figurenzeichnungen gibt es in Das Haus der Gasse nicht. Vielmehr erweist sich Maria Messina als Meisterin für Psychologie in ihren Figuren und erzählt eine Geschichte, die weniger in einer konkreten Zeit und Ort verhaftet ist, als vielmehr das Allgemeine im menschlichen Zusammenleben herausarbeitet und in den Mittelpunkt stellt.

Das Zusammenleben im Haus in der Gasse

Schauplatz des 1921 entstandenen Romans ist das titelgebende Haus in der Gasse, irgendwo in einer italienischen Stadt nahe des Meeres. Hier lebt Don Lucio, ein von seiner Familie gefürchteter Pedant. Ob Pantoffel, Zitronenwasser, Pfeife zum Rauchen oder die Massage seines Kopfes – alles muss zur rechten Zeit erfolgen und darf nicht vom gewohnten Gang abweichen.

Einst ehelichte Don Lucio Antonietta, deren Vater sich mit Schulden überhäuft hatte, die er Don Lucio als Gesandten des Barons, zurückerstatten musste. Aus diesem Schuldverhältnis ergab sich ein – natürlich – regelmäßiger Kontakt mit Don Lucio, dem auch bald der Antrag für die junge Antonietta erwuchs. Schon kurz nach dem Auszug Antonietta brach das restliche familiäre Gefüge zuhause zusammen. Der Vater starb, die Familie verstreute sich in alle Winde, nur die jüngere Nicola brauchte Obdach, das sie ebenfalls im Haus in der Gasse fand.

Immer und ewig einander gleich und bedrückend verstrichen die Stunden im Haus in der Gasse.

Maria Messina – Das Haus in der Gasse, S. 149

Und so verstricken sich im Laufe des Romans nun die Figuren gegenseitig in Neid, Rivalität und Begehren. In der stets untergründig bedrohlichen und angstgesättigten Atmosphäre des Hauses wachsen die Kinder von Don Lucio und Antonietta heran. Nicola übernimmt ebenfalls Betreuung und Hausarbeiten und bewegt sich im Spannungsfeld der Eheleute, während Don Lucio sie begehrt, im Gegensatz zu seinen Gefühlen für seine Schwägerin seine Kinder aber mit Distanz und Härte erzieht.

Neid, Rivalität, Enge und Kälte

Eindrücklich schildert Maria Messina das komplizierte Miteinander aus Anziehung und Abstoßung, Kälte und aufflackernder Liebe. Mit viel Gespür für psychologische Schwingungen, Rivalität und Verbrüderung beziehungsweise Verschwesterung inszeniert sie den Alltag der Familie, der sich wenig spektakulär ausnimmt, dafür umso eindringlicher die weiblichen Perspektiven im Haushalt unter einem despotischen Hausherren schildert.

Man verlässt das Haus so gut wie nie, Spaziergänge oder Ausflüge ans nahegelegene Meer gibt es nicht, sie sind Don Lucio verhasst. Alles was Freude bringt, ist in diesem Haushalt verpönt. Liebe und Wärme findet sich so gut wie gar nicht, nur die Enge umgibt Messinas Figuren. Folglich wirbeln die Gedanken Nicolas auch durcheinander, als ihre Schwester Don Lucio ein Mädchen gebärt:

Warum musste es in diesem traurigen Haus zur Welt kommen?

Aber als sie die rosigen, fest geschlossenen Fäustchen betrachtete, bekam sie auch mit dem Eindringling Mitleid.

Wenn es nur ein Junge wäre, sagte sie sich. Sein Los wäre einfacher. Frauen sind zum Dienen und zum Leiden geboren. Zu nichts anderem.

Maria Messina – Das Haus am Ende der Gasse, S. 76

Die Selbstaufgabe, Kasteiung und Verleugnung jeglicher eigenen Ansprüche oder Entfaltung von Frauen unter einer patriarchalen Herrschaft, sie nimmt Maria Messina in diesem Roman so gnadenlos und zeitlos in den Blick, dass sich Das Haus in der Gasse auch in unseren Tagen frei von Staub und Sentiment liest.

Hoffentlich eine dauerhafte Entdeckung

Dass Maria Messina nun in einer dritten Welle der Wiederentdeckung endlich der verdiente Ruhm und postume Bekanntschaft zukommt, das bleibt zu hoffen, schreibt doch hier eine Autorin mit genauem Blick für die Anhängigkeiten von Frauen und dem komplizierten Miteinander von Menschen, grundiert von tiefgreifendem psychologischen Gespür für Zwischenmenschliches.

Zumindest der herausgebende Verlag der Friedenauer Presse unter Christian Döring und Christiane Pöhlmann, die nicht nur als Autorin des Nachworts fungiert, sondern auch die vorliegende, sehr präzisen Übersetzung durch Ute Lipka durchgesehen hat, haben ihren Verdienst zweifelsohne erbracht.

Jetzt ist es an den Leserinnen und Lesern, diese Autorin neu zu entdecken. Im Jahr, in dem Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, stehen die Zeichen dafür gut – es wäre allen Beteiligten von Herzen zu wünschen!

Ein Hinweis sei an dieser Stelle auch noch zum Beitrag der Kulturzeit gegeben, in der sich die Literaturkritikerin Ursula März dem Werk nähert und Hinweise gibt, warum Maria Messina so gründlich vergessen wurde.


  • Maria Messina – Das Haus in der Gasse
  • Aus dem Italienischen von Ute Lipka
  • Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-7518-8017-6 (Friedenauer Presse)
  • 210 Seiten. Preis: 22,00 €

Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras

900 Seiten pralles Leben in Südindien. Über siebzig Jahre hinweg zeichnet der Autor Abraham Verghese in seinem Roman Die Träumenden von Madras Schicksale, gesellschaftliche Entwicklungen und jede Menge Medizingeschichte nach. So liefert der Roman Einsichten in eine Region, die im westlich geprägten Literaturmarkt kaum präsent ist.


Travancore, eine Region in an der Ostküste im Süden Indiens. Hier spielt der Großteil von Abraham Verghese voluminösen Romans Die Träumenden von Madras, der im Jahr 1900 einsetzt. Es ist das Jahr, in dem die Frau verheiratet werden soll, die später als Big Ammachi die Geschicke des Dorfzentrums Parambil leiten soll.

Doch bis es soweit ist, wird noch viel Zeit vergehen – und droht zunächst sogar die Hochzeit zu scheitern. Denn die von Heiratsvermittlern und dem Onkel des jungen Mädchens vorangetriebene Verheiratung steht auf der Kippe, als der künftige Ehemann vor dem Altar flieht, als er des 12-jährigen Mädchens ansichtig wird. Er, der schon einmal verheiratet war und bereits ein Kleinkind zuhause hat, soll nun ein weiteres Kind ehelichen? Diese Hochzeit wird durch viel Zureden trotzdem vollzogen – und soll sich entgegen aller Erwartungen tatsächlich als Glücksfall erweisen.

Denn nach einer langen Zeit der Eingewöhnung und des Kennenlernens finden Big Ammachi und ihr Ehemann zu einem gemeinsam Umgang dort in jenem Haus, das das Zentrum von Parambil bildet. Über 200 Hektar Wald und Anbaufläche umfasst das Gebiet, das von vielen Flüssen durchzogen ist. Fast überall kann man den Spaten in den laterithaltigen Boden stechen , um rostrotes, an Blut erinnerndes Wasser aus dem Boden quellen zu sehen.

Im Süden Indiens

Es ist eine reichhaltige Landschaft, in die Big Ammachi nun eintaucht und in der sie Stück für Stück Wurzeln schlägt.

Das Zuhause der jungen Braut und ihres verwitweten Bräutigams liegt in Tracanvore an der Südspitze Indiens, eingezwängt zwischen dem Arabischen Meer und den Westhats – dem langen Gebirgszug, der parallel zur Küste verläuft. Das Land ist geprägt vom Wasser, und seine Bewohner sind durch eine gemeinsame Sprache vereint: Malayalam. Wo das Meer auf weißen Strand trifft, schiebt es Finger ins Land, um sich mit den Flüssen zu vereinen, die sich die grün bedachten Hänge der Ghats herabwinden. Es ist die Phantasiewelt eines Kindes aus Bächen und Kanälen, ein Gitterwerk aus Seen und Lagunen, ein Labyrinth aus Altwassern und flaschengrünen Lotusteichen: ein riesiger Kreislauf, denn wie ihr Vater immer sagte, alles Wasser ist verbunden.

Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras, S. 22

Doch das Wasser, es ist nicht nur Paradies, sondern bedeutet vor allem für die männlichen Nachkommen der Familie ihres Ehemanns Gefahr. Immer wieder finden Männern den Tod im Wasser und haben deshalb begonnen, dieses zu meiden.

Familien- und Medizingeschichte

Abraham Verghese - Die Träumenden von Madras (Cover)

Wieso dem so ist, das ist eine der großen erzählerischen Linien, die durch diesen mäandernden Fluss von Buch führt. Denn neben dem Leben und dem Vergehen der Zeit in Parambil macht vor allem die Medizingeschichte einen großen Teil dieses Romans aus.

Wie schon in seinem Bestseller Rückkehr nach Missing ist lässt sich auch hier der medizinische Hintergrund Abraham Verghese nicht leugnen, arbeitet er doch als Arzt und lehrt als Professor am Stanford University Medical School. Wie schon in seinem 2008 erschienen Vorgängerroman stehen auch hier Ärzte und Chirurgen eine große, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle.

So gibt es den schottischen Arzt Digby Kilgour, der sich zunächst im Madras der 30er Jahre seine medizinischen Sporen verdient und später in einem Leprosarium seine Berufung finden wird. Sein Schicksal verflicht sich mit der Familie von Big Ammachi, darüber hinaus bekommen es fast alles Figuren im Lauf des Romans mit schwierigen Entbindungen oder anderen medizinischen Notfällen zu tun.

Abraham Verghese trifft Gabriel Garcia Marquez trifft Noah Gordon

So liest sich Die Träumenden von Madras an vielen Stellen, als hätte Abraham Verghese Gabriel Garcia Marquez‚ Dorf Macondo nach Kerala verpflanzt und dazu noch Noah Gordon eingeladen, um die Schilderung von Medizingeschichte einfließen zu lassen.

Das Ganze verbindet sich so zu einem üppigen Roman, der mit vielen Schicksalen und Tiefschlägen, aber auch erhellenden Momenten dort im Süden Indiens aufwarten kann. Und auch wenn das Kastensystem, die Misogynie oder das Ende der britischen Kolonialherrschaft an einigen Stellen aufblitzen, hätte Die Träumenden von Madras tatsächlich in meinen Augen noch etwas mehr Zeitgeschichte und Kolorit vertragen.

Mahatma Ghandi etwa spielt fast überhaupt keine Rolle und grüßt nur einmal aus der Ferne. Stattdessen konzentriert sich Verghese eher auf das Schicksal des Ammachi-Clans mitsamt sämtlichen Volten und medizinischen Ereignissen. Erst ganz am Ende der fast 900 Seiten Saga aus der indischen Provinz rundet sich dann alles und erklärt auch die Konstruktion dieses Romans, die schlussendlich noch einmal für viel Wucht und familiäres Drama sorgt.

Fazit

Die Träumenden von Madras ist ein Roman, der eine Familie über verschiedene Generationen nachverfolgt, der zeigt, wie sich innerhalb von knapp achtzig Jahren die Gesellschaft und das Leben in Indien wandelten, welche Probleme das Land umtreiben und wie sehr auch die Medizin im Verlauf des 20. Jahrhunderts dazugelernt hat.

„Das ist Literatur! Literatur ist die große Lüge, die die Wahrheit darüber spricht, wie die Welt lebt!“

Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras, S. 295

Abraham Verghese erweist sich nach diesen Worten, die eine der Figuren im Gespräch über Moby Dick und die Frage nach dessen Fiktionalität ausruft, als großer Lügner. Mit seiner fiktiven Geschichte aus dem Süden Indiens erzählt er uns viel Wahrheit über ein Land, das trotz seiner immensen Größe und seines wachsenden Einflusses uns noch immer fern ist. Auch wenn sein Epos noch etwas mehr geschichtliche Wahrheit und an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Subtext vertragen hätte, ist Die Träumenden von Madras doch auch große Unterhaltung, die die Höhen und Tiefen des Familienclans von Big Ammachi mit Sinn für die Brüche im Leben der Figuren nachzeichnet.


  • Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras
  • Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
  • 978-3-458-64393-7 (Insel-Verlag)
  • 894 Seiten. Preis: 28,00 €