Category Archives: Literatur

R. F. Kuang – Babel

Es klingt zugegebenermaßen nach einer wilden Mischung: Babel ist ein Fantasyroman, angesiedelt in einem alternativen Oxford der 1830er Jahre, der sich hauptsächlich mit Sprache, Kolonialismus und Übersetzen beschäftigt. Was in der reinen thematischen Zusammenfassung noch recht disparat klingen mag, entfaltet im Falle von R. F. Kuangs Buch eine große Faszination, die auf mich den gleichen Reiz ausübte wie im Roman das Silber auf das gesamte britische Empire .


Sprache und Übersetzen als zugrundeliegende Themen eines Fantasyromans einer Amerikanerin, der in Oxford, also dem Herzen britischer Gelehrsamkeit spielt? Dass das funktioniert, stellt die Rebecca F. Kuang in ihrem Roman Babel eindrücklich unter Beweis. Denn sie weiß, wovon sie schreibt, was auch ein Blick in ihre eigene Biografie zeigt. Denn die Autorin arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Übersetzerin, hat an der Universität von Oxford einen Soziologie-Master im Fach zeitgenössischer Chinastudien erworben, besitzt noch dazu einen Philologie-Master in Chinastudien, den sie an er Universität von Cambridge erlangt hat.

Viele dieser beruflichen und studierten Themenfelder finden sich in ihrem Roman, der im seuchengeplagten Kanton in den 1830er Jahren seinen Ausgang nimmt. Hier wird ein Junge kurz vor dessen Tod vom englischen Professor Lovell gerettet, der ihn mithilfe eines mysteriösen Silberbarrens anders als die restliche Familie vor dem Tod bewahren kann. Er nimmt den Jungen als sein Mündel an und reist gemeinsam mit seiner Haushälterin Mrs Piper zurück nach in sein Herrenhaus in Hampstead nahe London. Dort soll der Junge, der sich auf der Überfahrt in seine künftige Heimat das Alias Robin Swift zu seinem neuen Namen erwählt hat, eine grundlegende Ausbildung erhalten.

Gewissenhaft bereitet ihn der britische Professor auf eine besondere Karriere vor – denn für ihn ist ein ganz besonderer Ausbildungsplatz vorgesehen. Er soll in Oxford Sprachen und Übersetzungskunst studieren, um später der Gilde der Übersetzer im legendären Bauwerk Babel beizutreten. Dort übersetzen und übertragen viele studierte Arbeitskräfte und Professoren Texte aus der ganzen Welt, korrespondieren und leisten damit wichtige Arbeit für das Fundament des britischen Empires, das auf der Kraft des Silbers beruht.

Silber, die Kraft des britischen Empires

Denn durch die Kraft der unterschiedlichen Sprache werden Silberbarren mit Energie aufgeladen, die wiederum das koloniale Weltreich Großbritanniens am Laufen hält. Übersetzungen und Herleitungen von Begriffen sind es, die ins Silber hineingraviert diesem seine unnachahmliche Kraft verleihen. Eine Kraft, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen der Städte Anwendung findet. Laternen leuchten heller, Gärten blühen ausgiebiger und der Unrat in den Abwasserrohren wird durch die Einwebung von Silberadern schneller abtransportiert.

Sie standen gemeinsam am Fenster. Während er den Blick über Oxford streifen ließ, hatte Robin den Eindruck, dass die ganze Stadt einer exakt konstruierten Spieluhr ähnelte, die sich ausschließlich auf Zahnräder aus Silber verließ, um so zu funktionieren; wenn das Silber jemals versiegen sollte, wenn die Resonanzstäbe zerfallen sollten, dann würde ganz Oxford kreischend zum Stillstand kommen. Die Glockentürme würden verstummen, die Droschken würden mitten auf der Straße stehenbleiben, und die Bürgerinnen und Bürger würden erstarren, ihre Gliedmaßen mitten in der Bewegung eingefroren, ihre Münder offen, das nächste Wort unausgesprochen.

R. F. Kuang – Babel, S. 282

Es ist wahrlich ein komplexes Räderwerk der Technik und vor allem der Macht, dem auch Robin später einmal dienen soll. Als chinesischstämmiger Brite kommt ihm im Zusammenwirken von Sprache und Silber nämlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Denn als er in Oxford sein Studium antritt, findet er sich in der Gesellschaft anderer Studierender, die ebenso wie Robin aus Kolonien oder weit entfernten Gegenden stammen. Vor allem deren Muttersprachen sind es, die sie für die Babbler (so eine nimmermüde Verballhornung der Spracharbeiter im Übersetzungsturm) so interessant machen, schließlich sind diese bislang noch kaum erschlossen. Viel Potential für neue Übersetzungen auf den Silberbarren also, mit denen auch Robin und Co das Fortbestehen des britischen Empires sichern sollen.

Doch wie der junge Student im Lauf dieser Mischung aus Fantasy, Campusroman und Kolonialismuskritik namens Babel feststellen muss: die Mehrsprachigkeit und sein Studium hat nicht nur Vorteile. Denn es ist keineswegs gesichert, dass die Arbeit an den Übersetzungswerken dem hehren Ziel der Völkerverständigung dient. Wie er nach einem zufälligen Treffen mit Mitgliedern des geheimen Hermes-Bundes feststellen muss, kann Übersetzung kann auch ein Akt der Ausbeutung sein. Doch für welche Seite wird sich Robin entscheiden?

Das Räderwerk der Macht

Babel beleuchtet ausgiebig die Macht der Sprache und der kulturellen Hegemonie, die im Falle von Rebecca F. Kuangs Roman durch die Kraft des Silbers symbolisiert wird. So beruht die Macht des Empires auf den mit Übersetzungen gravierten Silberbarren, die das Reich durch Ausbeutung anderer Länder gewinnt. Konzentriert ist die Macht und Wirkung des Silbers ganz auf die Kapitale London, in der sich wiederum alle Macht in den Kreisen der Eliten und Mächtigen verdichtet. Ein großes System der Ungerechtigkeit, das durch die Arbeit in Babel weiter gefestigt und am Laufen gehalten wird.

R. F. Kuang - Babel (Cover)

Und auch wenn die Welt von Babel auf den ersten Blick eine fantastische sein mag, so sind die Parallelen zu historischen Wegmarken in der Geschichte des British Empire groß. Die Opiumkriege, die industrielle Revolution, die zur Verarmung der Weber führt, Ludditen und Maschinenstürmer – und die davon unbeirrte Ordnung der reichen Eliten oben und armer Bevölkerung unten, einem nach Macht und Größe strebendem Weltreich und die damit einhergehende Ausbeutung des restlichen Teils der Welt. All das führt Babel eindrücklich vor Augen.

Zu den größten Verdienste Rebecca F. Kuangs zählt dabei, dass ihr die Verbindung aus kritischem Denken und Unterhaltung so mühelos gelingt. Sozial-, Kapitalismus- und Kolonialismuskritik, Elementen aus Bildungsroman, Dark Academia, Coming of Age, Frantz Fanon und Bibelzitate und ein ganzes Proseminar an Übersetzungstheorie: es steckt alles drin, was diesen Roman zudem in vielen aktuellen Diskursen und Trends verankert (was auch ein Stück weit den immensen Erfolg des Buchs weltweit erklärt).

Auf keiner Seite bricht Babel an seiner Last zusammen, im Gegenteil. Ebenso luftig und filigran wie die Bauwerke in den Gassen Oxfords, die Robin und die anderen durchstreifen, so ist auch dieser Roman. Ein unterhaltsamer Roman mit Mehrwert, der die Vergleiche zu Joanne K. Rowlings Harry Potter aufgrund der ähnlich liebevoll beschriebenen Schul- beziehungsweise Universitätswelt evoziert.

Eine Hymne auf das Übersetzen

Und nicht zuletzt, sondern vor allem ist Babel auch eine Hymne auf das Übersetzen, die Mehrsprachigkeit und die Kraft des Worts (weshalb auch die beiden formidablen Übersetzerinnen Heide Franck und Alexandra Jordan an dieser Stelle unbedingt Erwähnung finden müssen, die Babel im Deutschen neugeschöpft haben).

Kuang schafft ein Grundverständnis für die Komplexität und Schwierigkeiten von Übersetzungen, die ja immer Neuschöpfungen und Nachbildungen anderer Sprachen und Texte sind – bis hin zur Frage, ob es so etwas wie eine „reine“ Übersetzung überhaupt geben kann.

Immer ist die Übertragung und das Übersetzen Thema – was sich nicht nur in der Theorie oder der Namenswahl Robin Swifts äußert, der ähnlich wie Jonathan Swifts Schöpfung Gulliver bei dessen Reisen permanent zwischen Sprachen und Heimaten hin und herwechselt, sondern auch die Handlung vorantreibt.

Seine Überfahrt aus China nach London und später einmal retour, sein Schwanken zwischen der Welt des Turms von Babel und der Welt der revolutionären Anhänger des Hermes-Bundes, seine Ausgrenzung in der britischen Gesellschaft aufgrund des Äußeren, die alternative Freundschaft mit seinen ebenfalls ausgegrenzten Mitstudent*innen, die Bewertung anderer Figuren – stets ist dieser Roman in Bewegung, nimmt Robin unterschiedliche Positionen ein, entwickelt sich und schwankt in seinen Loyalitäten. Auch das ist es, was Babel trotz der immensen Lauflänge von über 700 Seiten so unterhaltsam und kurzweilig macht.

Fazit

So möchte ich eine große Empfehlung für diesen vielschichtigen, fantasievollen, unterhaltsamen wie kritischen Roman aussprechen, der in ein Oxford reisen lässt, das auf den ersten Blick zwar silberdurchwirkt und glänzend wirken mag, aber seine wahre Seiten erst spät zeigt. Rebecca F. Kuang gelingt es, die Leser*innen vollumfänglich in eine andere Welt abtauchen zu lassen, deren Bezüge zur Gegenwart aber unübersehbar sind. Babel hinterfragt unsere Ordnung, feiert das Übersetzen und die Widerstandskraft des Einzelnen. Besser noch als jeder Silberbarren!


  • R. F. Kuang – Babel
  • Aus dem Englischen von Heide Franck und Alexandra Jordan
  • ISBN 978-3-8479-0143-3 (Eichborn)
  • 736 Seiten. Preis: 26,00 €

Cho Nam-Joo – Wo ich wohne, ist der Mond ganz nahe

Aus kleinen Handlungen entsteht das Leben, aus vielen Leben entsteht die Welt, so heißt es in Cho Nam-Joos neuem Roman Wo ich wohne, ist der Mond ganz nahe. Doch was ist, wenn diese Handlungen immer nur negative Auswirkungen haben und man sich auf einer schiefen Ebene wiederzufinden meint, auf der es immer nur nach unten geht? Davon erzählt die südkoreanische Autorin anschaulich und zeigt eine kleine Familie, der das Scheitern in den Genen zu liegen scheint.


Dass unser Viertel zu den ärmsten in Seoul gehörte, konnte man sich an fünf Fingern ausrechnen. Die Quote von Jugendlichen, die von zu Hause ausrissen, war hier am höchsten, die derjenigen Schüler, die auf die Oberstufe gingen, am niedrigsten. Und auch wenn es hierzu keine Statistiken gab, stand doch fest, dass die Vielfalt der Beilagen auf dem abendlichen Essenstisch, die Anzahl der Schuhpaare pro Person und die Häufigkeit, mit der man ein Bad nahm, hier am geringsten waren. Das Viertel S-dong, ein typisches Seouler „Mondviertel“, kleine Häuschen auf steilen Hügeln, „dem Mond nahe“, mein Zuhause.

Cho Nam-Joo – Wo ich wohne, ist der Mond ganz nahe, S. 25

Sie, die hier so schonungslos über ihr Zuhause spricht, ist Mani, die zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter in einem dieser Mondviertel in einer Wohnung in erbarmungswürdigem Zustand lebt oder besser gesagt haust.

Eine offene Toilette in Form eines Lochs im Boden wurde zwar einmal durch ein Sitzklo ersetzt, für die allgemeinen Zustände ist aber der vorherige Zustand der Toilette bezeichnend. Fernab der pulsierenden Stadtviertel lebt die kleine Familie in einer zu kleinen Wohnung mit schlechter Isolierung, heruntergekommenem Äußeren und gesperrten Zugangswegen, was im Gesamteindruck eher einem Slum aus dem Mittelalter denn einer wirklichen Wohnung in einer Großstadt Ende der 2000er-Jahre gleicht.

Ein Leben wie in einem Slum

Zwar wird immer wieder eine Aufwertung der Wohnungen in Aussicht gestellt, gar von einem Neubau und einer damit einhergehenden Entschädigung der Bewohner des Wohnviertels ist die Rede – konkret ändert sich aber nichts an den defizitären Zuständen.

Cho Nam-Joo - Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah (Cover)

Doch nicht nur die Wohnung der Familie Manis ist heruntergekommen, auch die restlichen Faktoren ihres Lebens sind alles andere als glücksbegünstigt. Ihre Arbeitsstelle hat sie verloren, ihr Traum einer Karriere als Kunstturnerin nach Vorbild der rumänischen Kunstturnerin Nadia Comaneci hat sich längst zerschlagen, Beziehungen sind auch gescheitert und so wohnt sie nun mit 37 Jahren als eine Art alter Jungfer, so ihre kritische Selbstbetrachtung, noch immer mit ihren Eltern unter dem durchlässigen Dach der Wohnung in S-dong.

Mit der Ehe ihrer Eltern steht es nicht viel besser. Für ihre Tochter hatten sich Manis Großeltern eigentlich einen Sprössling aus gutem Hause vorgestellt, den Absolventen einer höheren Schule – stattdessen wurde es einer der Arbeiter, der die höhere Schule baute. Statt einem Studium an einer Fachhochschule wurde Manis Mutter noch im ersten Semester schwanger und brach den vorgesehenen Bildungsweg ab. Die Karriere ihres Vaters sieht auch nicht besser aus. Er arbeitete in einer Brikettfabrik, gab diese Arbeit aber zugunsten seines Traums von einem eigenen Schnellimbiss auf, der allerdings immer konkreter vom Ruin bedroht wird.

Gescheiterte Lebensentwürfe, gescheiterte Leben?

Die Konsequenz der lebensplanerischen Fehlschläge der südkoreanische Kleinfamilie am Übergang zu gescheiterten Leben zeigt Cho Nam-Joo mit großer Genauigkeit, wofür sie immer wieder zwischen erzählter Gegenwart und Rückblenden hin und herwechselt. So beschreibt sie die Kämpfe um besseres Wohnen dort im „Mondviertel“, die Wahlkämpfe und Bestechungen der Bauträger, geht aber auch zurück in die Schulzeit Manis und zeigt den Wunsch der Schülerin nach einer Karriere im Kunstturnen, der aber auch durch Mobbing und das mangelnde Geld ihrer Eltern vereitelt wurde.

Betrachtet man Nam-Joos Erzählung hinsichtlich des eingangs benannten Zitats, lässt sich auf Hinblick der Familie konstatieren, dass die meisten Handlungen der Familie gescheitert sind. Auch das Leben der drei, das aus diesen Handlungen erwuchs, kann man – zumindest bis zum Zeitpunkt der Handlung von Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah – nach gewöhnlichen Maßstäben als gescheitert ansehen. Nun bleibt in letzter Konsequenz dann die Frage nach der Welt, die aus den kleineren Schicksalsschlägen und Ausgrenzungen solcher Menschen wie der Familie Manis erwächst.

Diese schwingt in Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah immer mit, in dem sich Cho Nam-Joo als wahrhaft sozialkritische und genau beobachtende Autorin präsentiert, die auch vor Beschreibung sanitärer Ausnahmesituationen und der damit verbunden fäkalen Zustände oder anderer hygienisch heikler Themen nicht zurückschreckt.

Eine sozialkritische Autorin mit genauem Blick

Es ist eine Genauigkeit und Schonungslosigkeit, die sie auch schon in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman Kim Jiyoung, geboren 1982 unter Beweis stellte und den sie hier nach dem Thema der Benachteiligung von Frauen nun auf die gesellschaftliche Ausgrenzung der Menschen in den Slums der „Mondviertel“ erweitert.

Ihre Schilderungen des Lebens dort in den Vierteln und die Erbarmungslosigkeit, mit der das Leben Menschen wie der prototypischen Kleinfamilie mitspielt, lässt nichts Gutes für die Gesellschaft in Südkorea erahnen. Der Mond mag zwar nah sein, wo diese Familien wohnen, die Sonnenseite des Lebens bekommen sie allerdings nicht zu sehen.

Dieses Thema der Sozialkritik und der Anklage herrschender Verhältnisse führt auch in einer klaren Linie von Cho Nam-Joos eigener Kindheit in Armut über ihren Überraschungserfolg Kim Jiyoung, geboren 1982, den vor drei Jahren erschienen Roman Miss Kim weiß Bescheid bis hin zu dem diesem Buch, das zeigt, dass Cho Nam-Joo über diese Jahre nichts von ihrer Sozialkritik eingebüßt hat. Im Gegenteil.

Fazit

Hier erzählt eine engagierte und genau beobachtende Autorin, die ihre Wut über die herrschenden Zustände in wuchtige und zugleich fein ausbalancierte Prosa zu überführen weiß. Schriebe die Autorin auf Deutsch, sie wäre eine geradezu prädestinierte Aspirantin für den Brecht-Preis, die Sozialkritik mit spannenden Plots und großer erzählerischer Genauigkeit verbindet.

Ein spannender Titel, der Einblicke in südkoreanische Milieus und Zustände erlaubt, die man hierzulande so gar nicht auf dem Schirm hat, obgleich natürlich auch die Hoffnung besteht, dass sich nun einige Jahre nach der beschriebenen Handlung auch in den Mondvierteln alles zum Besseren gewendet hat. Liest man Wo ich wohne, da ist der Mond ganz nah, darf man daran aber durchaus so seine Zweifel haben…


  • Cho Nam-Joo – Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah
  • Aus dem Koreanischen von Jan Henrik Dirks
  • ISBN 978-3-462-00583-7 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €

Daniel Kehlmann – Lichtspiel

In seinem neuen Roman Lichtspiel holt Daniel Kehlmann den heute weitestgehend in Vergessenheit geratenen Regisseur G. W. Pabst zurück ins Licht – und blickt auch auf die dunklen Seiten in dessen Leben. Kehlmann gelingt ein Roman, der sich literarisch das abschaut, wofür Pabst einst berühmt war: die Schnittkunst.


Lichtspiel ist ein Roman über einen Menschen, dessen Leben alleine schon genug Material für einen spannenden Roman bietet. Wie etwa Hans Pleschinski in Wiesenstein zeigt auch Daniel Kehlmann in seinem neuen Roman einen Künstler zur Zeit des Nationalsozialsmus, dessen Hadern mit den Machthabern, aber auch seine Anpassung an ein System, das für den einst „roter Pabst“ genannten Regisseur eine wichtige Rolle vorsah.

Ein linker Regisseur – gefördert von den Nationalsozialisten

1925 machte G. W. Pabst erstmals mit seinem Film Die freudlose Gasse von sich Reden. Dieser Stummfilm sorgte für den Durchbruch von Greta Garbo, die neben Stars wie Asta Nielsen in der Verfilmung des Buchs von Hugo Bettauer zu sehen war. Ungeschönt zeigte der Filme die soziale Kluft und die grassierende Armut in einem Wiener Armenviertel, was zum Ruf Pabsts als sozialrealistischer und dezidiert linker Regisseur beitrug, was dieser wiederum mit Filmen wie seiner Adaption der Dreigroschenoper oder den Antikriegsfilm Westfront 1918 verstärkte.

Filme mit dem Hollywoodstar Louise Brooks folgten – und auch in Hollywood versuchte Pabst Fuß zu fassen, scheiterte damit aber auf ganzer Linie. Teils vom maladen Zustand seiner Mutter, teils mit dem Versprechen völliger Kunstfreiheit heimgelockt begab sich Georg Wilhelm Pabst dann wieder zurück nach Deutschland, wo inzwischen die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten. Dort drehte er mit Förderung durch das Propagandaministerium unter anderem mit dem Schauspieler Werner Krauß, den er in seinem Film Paracelsus besetzte. Sein letzter Film dieser reichsdeutschen Phase, Der Fall Molander, gilt als verschollen.

Auch über das Ende des Nationalsozialismus hinaus blieb Pabst dem Medium Film verbunden, drehte weitere Werke, ehe der Österreicher 1956 mit Durch die Wälder, durch die Auen den letzten seiner rund 40 Filme drehte. 1967 schließlich verstarb Pabst in Wien und geriet als Zeitgenosse von anderen Regiestars wie Fritz Lang oder Leni Riefenstahl etwas ins Vergessen.

G. W. Pabst – der Meister des Schnitts

Daniel Kehlmann holt den einst als „Meister des Schnitts“ gerühmten Regisseur wieder zurück ins öffentlich Bewusstsein – und bedient sich für die Montage seines Romans ebenjener Schnittkunst, die auch Pabst zum gefeierten Stummfilm- und später Tonfilmregisseur machte.

Daniel Kehlmann - Lichtspiel (Cover)

So beginnt der Roman auch alles andere als erwartet. Denn nicht Pabst steht im Mittelpunkt, sondern ein inzwischen schon reichlich dementer ehemaliger Assistent des Meisters, der in der Nachkriegszeit im österreichischen Fernsehen interviewt wird. Extra aus seinem Altersheim abgeholt soll er vor laufender Kamera über seine Zusammenarbeit mit Pabst und die gedrehten Filme, darunter Der Fall Molander, Auskunft geben.

Dies spannt die erzählerische Klammer des Romans auf, der mit den tatsächlichen Dreharbeiten des Films in Tschechien unmittelbar vor Kriegsende seinen Ausklang finden wird. Dazwischen montiert Kehlmann weitestgehend chronologisch entscheidende Szenen aus Pabsts Leben, die er fiktional anreichert und aneinanderreiht. Trotz eines anfänglichen Gefühls der Unverbundenheit fügen sich diese in der Gesamtheit des Buchs doch, obgleich die Schnitte sehr hart sind.

Licht und Schatten eines Lebens

So nimmt Kehlmann Pabsts Frau Trude oder den Sohn in den erzählerischen Fokus, erzählt von Hollywoodstars, denen er begegnet. Auch Nazi-Funktionäre oder ein Hausmeister haben ihre Auftritte, bei denen Pabst so manches Mal auf den ersten Blick kaum auftaucht – aber er ist doch immer präsent.

Aus all den Figuren und Momenten formt sich das Bild eines Menschen, der für den Film lebte, dafür aber auch immer wieder Kompromisse einging und sich anpasste.

„Drehen kann fast jeder“ , sagte Pabst. „Beim Schneiden macht man erst wirklich einen Film“

Daniel Kehlmann – Lichtspiel, S. 398

Doch nicht nur die Schnitte und die Montage sind in diesem Buch herausragend. Auch spielt Kehlmann mit der Unzuverlässigkeit des Erzählens, etwa wenn man Zweifel an Pabst und seinem Blick auf die Realität bekommt. So gleicht ein Antrittsbesuch bei Propagandaminister Goebbels einem halluzinierendem Trip, bei dem nicht wirklich klar ist, was sich nun abspielt. Auch der Tathergang eines Unfall mit einer Leiter in der heimischen Bibliothek im österreichischen Dorf Dreiturm provoziert zumindest Fragen. Immer wieder gibt es solche Szenen, die sich nicht wirklich auflösen lassen und in ihrer Ambiguität fortbestehen.

Diese Doppelbödigkeit flicht Kehlmann auch an anderen Stellen immer wieder geschickt ein. Großartig beispielsweise die Szene, in der Pabsts Frau Trude ob ihrer Passgenauigkeit zu einem literarischen Zirkel von Frauen einflussreicher Nazis geprüft wird und in dem sich alle gegenseitig belauern und darüber die erschreckend schlechte Prosa des NS-Autoren Alfred Karrasch in den Himmel loben (die ihr Mann dann trotzdem für die Machthaber verfilmen wird).

Dieser Sinn für Zwischentöne, für Vielgestaltigkeit und Uneindeutigkeit macht aus einem Künstlerporträt eines interessanten Menschen einen auch literarisch überzeugenden Roman, der die Erinnerung an G. W. Pabst wachhält.

Fazit

Lichtspiel ist ein Text, bei dem sich das ganze Bild erst zeigt, wenn man die einzelnen hart geschnittenen Szenen miteinander ins Bild setzt und einen Schritt zurücktritt. Dadurch entsteht das Bild eines Künstlers und Menschenlenkers, der trotz seinem Sinn für Schnitt, die Montage und den genauen Blick gerne auch die Augen verschloss vor den Ungerechtigkeiten und dem Terror der Nazis (etwa auch in der Zusammenarbeit mit der Regisseurin Leni Riefenstahl oder eigenen Dreharbeiten, bei denen auch Kriegsgefangene und Insassen von Arbeitslagern zum Einsatz kamen).

Kehlmann gelingt ein schwebendes, spannend erzähltes und literarisch ebenso interessant gestaltetes Künstlerporträt, das Licht und Schatten im Leben eines Menschen zu einem tatsächlichen Lichtspiel miteinander vereint.

Auf den Seiten des Rowohlt-Verlages gibt es auch ein einsichtsreiches Interview zu Kehlmanns Perspektive auf Pabst und die Themen des Romans.


  • Daniel Kehlmann – Lichtspiel
  • ISBN 978-3-498-00387-6 (Rowohlt)
  • 480 Seiten. Preis: 26,00 €

Heinrich Mann – Der Untertan

Er ist wohl DER Urtyp für den Menschenschlag „Radfahrer“ – nach oben buckeln und nach unten treten. Die Rede ist von Diederich Heßling, den Mann in seinem wohl bekanntesten Werk Der Untertan ersann. Nun lässt er sich gleich in zwei Fassungen aus dem Reclam-Verlag noch einmal neu entdecken.


Da wäre zum Einen die neugestaltete Ausgabe in der Reihe der Reclam-Klassiker, die mit ansprechenden Design daherkommt und Lust auf eine erneute Lektüre macht. Darin begegnet man dem schon auf dem Cover großartig vorweggenommenen dumpfen Untertanengeist, sturer Mentalität und preußischer Militärbegeisterung, die in Diederich Heßling geweckt wird, als er dem Kaiser Wilhelm bei einer Parade in Berlin Unter den Linden begegnet (stets wird er ihn in der Folge als „originellen Denker“ und „persönliche Persönlichkeit“ rühmen und preis).

Ein Untertan macht Karriere

Mit seiner eigenen Militärkarriere hingegen ist es nicht weit her, schon nach ein paar Tagen bei der Truppe scheidet er ausgemustert wieder aus. Fortan wird diese Episode ein Makel in Heßlings Biografie sein, den er mit einer umso eifrigeren Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung auszugleichen versucht. Er agitiert, schneidet auf, übernimmt die Papierfabrik seines Vaters, poltert und tobt durch das fiktive Städtchen Netzig, macht unterschiedlichen Frauen den Hof und ist sich bei allem stets der nächste.

Heinrich Mann - Der Untertan (Cover)

Die sozialdemokratischen Umtriebe im Städtchen und in seiner eigenen Fabrik beobachtet er mit Abscheu, ist sich später aber nicht zu schade, um für die Durchsetzung der eigenen Interessen mit seinem verhassten Arbeiter Napoleon Fischer zu paktieren.

Lustvoll beschreibt Heinrich Mann diesen einerseits duckmäuserischen, andereseits an ein Rumpelstilzchen erinnernden Heßling, der der Obrigkeit gegenüber höchst devot ist und seine Kaisertreue stets laut herausposaunt. Das führt zu großartigen Szenen wie einem aufsehenerregenden Prozess um die Niederschießung eines revolutionär gestimmten Arbeiters, der von einem alten Richter geleitet wird, der Heßling an einen wurmigen Adler erinnert und in dessen Verlauf es im Gerichtssaal turbulent hergeht.

Überhaupt, die hochkomische Beschreibungskraft bierdunstgesättigter nächtlicher Sitzungen in Kaschemmen, die bei Heinrich Mann Brüllwettbewerben auf einem Pavianhügel gleichen. Oder der Besuch des heißgeliebten Kaisers in Rom, der hier zu einer Art Hase und Igel-Spiel zwischen dem Monarchen und Diederich Heßling wird, der seinem Kaiser stets nachrennt und nachreist.

Der Untertan als Taschenbuch und als illustrierter Roman

Der Untertan ist von einer ebenso großartigen Komik wie von einer zeitdiagnostischen Schärfe, die in Heßlings Untertanengeist, seinem Berserkertum und seiner Verehrung der politischen Führung später ja in die Katastrophe zweier Weltkriege mündete. Wie er sich anbiedert, sein ganzes Denken und seine Verehrung nach dem Kaiser ausrichtet und wie er diesem in seinem Gehorsam blind folgt, das zeigt Heßling als Teil jener Masse, die bis heute immer wieder Diktaturen und populistische Führungsfiguren ermöglichte, indem sie sich beständig nach Stärke und Führung sehnte und ihrem Obrigkeitsgehorsam

Heinrich Mann - Der Untertan (Cover)

In der eleganten Neugestaltung des Taschenbuchs (wie überhaupt das ganze Reihe von Klassikerneuausgaben, die gerade bei Reclam erscheinen) lässt sich all das vielfach facettiert nachlesen und erleben. Auch 108 Jahre nach Erscheinen überzeugt das Buch durch einen genauen psychologischen Blick Manns auf seinen Anti-Helden.

Aber auch in der zweiten Variante aus dem Reclam-Verlag wird diese Qualität offenbar, hier wird sie zusätzlich noch durch die graphische Gestaltung gestützt und angereichert.

Für diese Gestaltung zeichnet sich Arne Jysch kenntlich. Der 1973 geborene Illustrator bewies sein Talent für die Adaption von literarischen Vorlagen mit seiner Umsetzung des Bestsellers Der nasse Fisch von Volker Kutscher im Carlsen-Verlag.

Mit seinen Illustrationen lässt er das Tun und Treiben in Netzig lebendig werden, hier etwa die Szene zur Einweihung des kaiserlichen Reiterstandbilds, für das sich Heßling eingesetzt hat, dessen Enthüllung aber im Fiasko enden wird. Daneben dann Szenen einer Ehe zwischen Guste Daimchen und ihrem Mann Diederich:

Bildquelle: Reclam-Verlag

In seinen Schwarz-Weiß-Zeichnung werden die Figuren in ihrer Abgefeimtheit und manchmal auch recht platten Denkweise lebendig. Zudem ist der Mitteleinsatz von Arne Jysch reduziert und drängt die eigentliche Lektüre nicht in den Hintergrund, sondern unterstützt diese mit seinen pointierten Zeichnungen. Immer wieder tauchen Illustrationen aus Heßlings Leben auf, allerdings schön über das Buch verteilt und nicht omnipräsent.

Gerade auch für eine Schullektüre wäre diese Variante reizvoll, kann der Schulstoff doch auf den reinen Text reduziert für den einen oder die andere LeserIn schnell dröge werden und sich der Humor Manns nicht wirklich vermitteln. In der graphischen Adaption gewinnt das Buch aber deutlich und drängt auch die eigene Lesefantasie nicht allzu weit zurück, sodass für eine eigene Interpretation der Szenen auch immer noch Platz bleibt und Raum für Diskussionen ermöglicht (wenn der Preis für Schulklassen nicht doch etwas arg exorbitant wäre).

Fazit

So sind zwei neue Zugänge zu Heinrich Manns Der Untertan geschaffen, die zu einer Lektüre einladen und die in den jeweiligen Versionen mit Zeittafeln und weiterführenden Infos die Lektüre ergänzen. Es lohnt sich, Diederich Heßlings Leben noch einmal eine Chance zu geben, selbst wenn man zu Schulzeiten wenig mit diesem Werk anfangen konnte, ist es doch zurecht ein Klassiker, der über seinen eigentlichen Bezugsrahmen weit hinaus weist und bei aller Abscheu über den Opportunisten Heßling auch die Komik nicht vergisst.


  • Thomas Mann – Der Untertan
  • Textausgabe:
  • ISBN 978-3-15-020665-2 (Reclam)
  • 470 Seiten. Preis: 10,00 €
  • Illustrierte Ausgabe:
  • 978-3-15-011326-4 (Reclam)
  • 494 Seiten. Preis: 36,00 €

Iris Origo – Eine seltsame Zeit des Wartens

Italienisches Tagebuch 1939/40

Beginnt er oder beginnt er nicht? In Iris Origos Tagebuch der Jahre 1939 und 1940 lässt sich die gespannte Lage kurz vor Kriegseintritt und die Konsequenzen nach der Mobilmachung aus Sicht der italienischen Landbevölkerung nachspüren. Nun hat der Berenberg-Verlag das Buch in der Übersetzung von Anne Emmert unter dem Titel Eine seltsame Zeit des Wartens auf Deutsch publiziert. Lektüre, die die Bedeutung des Kriegs unmittelbar erfahrbar macht.


Schreibe ich in der Einleitung von der Sicht der italienischen Landbevölkerung, dann ist das nur zum Teil richtig. Denn die Tagebuchschreiberin Iris Origo war zwar italienische Staatsangehörige, stammte aber ursprünglich aus Großbritannien und war mit einem begüterten Italiener verheiratet. Gemeinsam investierten sie ihre in die Ehe eingebrachten finanziellen Mittel in den Erwerb eines Landguts namens La Foce. Dieses in der Südtoskana gelegene Gut zeichnete sich vor allem durch die karge Umgebung aus, in der es sich befand. Zusammen mit der lokalen Bevölkerung wollten die Origos das Land wieder urbar machen.

Aus diesem Hintergrund heraus erklärt sich auch die Sympathie, die Iris Origo anfänglich noch für den Faschismus unter dem Duce Benito Mussolini hegte. Dieser trieb unter dem Motto „Kampf für den Weizen“ die agrikulturelle Rückeroberung des kargen Landes voran. So profitierten auch die Origos von der Zuwendung der faschistischen Partei. Im Lauf der Zeit ist allerdings ein Wandel in der Wahrnehmung und Einstellung von Iris Origo feststellbar. Denn je näher der Krieg rückt, umso konkreter wird auch die Gefahr und die Bedrohung, was Origo zum Umdenken bewegt. Auch die Freundschaft mit einer antifaschistischen Familie sorgt für eine zunehmende Abkehr ihrer ursprünglichen Position.

Krieg zieht auf

Ihr Tagebuch widmet sich aus Sicht der Landbevölkerung dem aufkeimenden Zweiten Weltkrieg. Als begüterte, gebildete Frau mit besten Verbindungen hat sie dabei eine durchaus kosmopolitische Sicht auf die Dinge, die sich nicht nur in einer reinen Nabelschau der italienischen Verhältnisse erschöpft. Denn ihr Schwiegervater war nicht nur Bildhauer, sondern Freund des Dichter Gabriele D’Annunzio, der dem Faschismus unter Mussolini entscheidend den Boden bereitete. Ihr Patenonkel ist der US-amerikanische Botschafter in Rom, stets verkehrt Iris Origo unter Mächtigen der Republik.

Iris Origo - Eine seltsame Zeit des Wartens (Cover)

Insofern ist ihr Blick ein vielschichtiger. Sie erzählt von den Spannungen, die sich langsam auch unter der Bevölkerung breitmachen. Die Radioansprachen, die sich verdichtenden Zeichen, die auf Krieg stehen. Anschließend der Einmarsch Hitlers in Polen, der zum Auslöser des Zweiten Weltkriegs wird. Der Durchbruch an der Maginot-Linie, der Rückzu der Alliierten und die Eroberung Belgiens und Frankreichs, all diese zeitgeschichtlichen Themen bilden sich auch in Origos Eine seltsame Zeit des Wartens ab.

Dabei legt das Tagebuch davon Zeugnis ab, wie zwei Herzen in Origos Brust schlagen. Während ihr aktuelles Land Italien langsam aber sicher dem Kriegsbeginn entgegenschreitet oder taumelt, ist ihr Kopf auch stets bei den Entwicklungen in ihrem Heimatland England. Die aufkeimende anti-englische Stimmung, die verzweifelten Versuche der Diplomaten, den Krieg doch noch abzuwenden und die landläufige Meinung und Ressentiments der Landbevölkerung, ihr Tagebuch ist ganz nah dran an den verschiedenen Gesellschaftsschichten.

Der genaue Blick der Iris Origo

Origo erzählt von Presse, Propaganda und der großen Politik, die sich doch noch Hoffnung auf ein glimpfliches Ende des Konflikts macht, genauso von den expansionistischen Bestrebungen Deutschlands und dem sich verstärkenden Antisemtismus, der auf den Straßen offenbar wird. Aber auch die Vorzeichen des Kriegs im Privaten sind in ihrem Tagebuch immer wieder Thema.

Sie weiß aus erster Hand zu berichten, wie die Anzeichen des Kriegs nicht nur auf höchster politischer Ebene mehren, auch im letzten Winkel der Südtoskana liegt etwas in der Luft. So erweist sich die lange geplante Einfuhr eines Traktors, den Antonio für La Foce aus den USA importieren möchte, plötzlich als nicht zu überwindendes Hindernis. Auch sind es kleine Szenen wie die Notiz am 15. Mai, die einen Eindruck von der Geschwindigkeit und Macht jener Lawine gibt, die über der Welt niedergeht und die Menschen bis ins Innterste erschüttert.

15. Mai

Die Kapitulation Hollands wird mit beträchtlicher Schadenfreude vermeldet. Noch am gleichen Tag bekommt ein Lebensmittelhändler in Florenz einen Brief von einer deutschen Firma, die ihm bereits holländische Käsesorten anbietet.

Iris Origo – Eine seltsame Zeit des Wartens, S. 93

Es ist vielmehr Welthaltiges und dezidiert Politisches, das Iris Origo in ihren Tagebüchern der Jahre 1939 und 1940 umtreibt, denn persönliche Einblicke. So handelt sie nahezu im Vorbeigehen die Geburt ihres zweiten Kindes ab, erlaubt sich keinen Raum für Sentimentalitäten und erweist sich als genaue Beobachterin mit wachem Blick und offenen Ohren, die alle Schwingungen von den Regierungspalästen bis zu den Ackerschollen aufnimmt und beschreibt.

Ein bemerkenswertes Zeitzeugnis

Zwei (in manchen Teilen fast etwas redundanten) Begleittexte in Form eines Nachworts von Iris Origos Enkelin Katia Lysy sowie einem Vorwort der Herausgeberin Lucy Hughes-Hallett begleiten das Werk, in dem auch die Übersetzerin Anne Emmert immer wieder hilreiche Verweise zu auftretenden Personen oder Ausrufen einfügt.

Hier lässt sich unmittelbar erlesen und erfahren, wie es gewesen sein muss, als plötzlich der Krieg vor der Tür stand und der ganze Kontinent in den Abgrund „schlafwandelte“, wie es Origo an einer Stelle formuliert. Dem Berenberg-Verlag gelingt hiermit die Entdeckung eines Werks der Zeitgeschichte, dessen Verfasserin mit feinem Sensorium auf die Druckunterschiede auf dem Kontinent reagiert. Ein beeindruckendes Zeitzeugnis und ein Tagebuch, das besonders durch die kleinen und ruhigen Momente besticht

So schlicht wie nahegehend ihr Befund vom 30. August 1939, zwei Tage vor Kriegsbeginn:

Nach wie vor keine neuen Nachrichten, daher fuhren wir gestern Abend aufs Land zurück. Ein ruhiger herrlicher Sommerabend; die Trauben reifen, die Ochsen pflügen. Nur der Mensch ist völlig verrückt geworden.

Iris Origo – Eine seltsame Zeit des Wartens. S. 55

  • Iris Origo – Eine seltsame Zeit des Wartens
  • Aus dem Englischen von Anne Emmert
  • ISBN 978-3-949203-07-7 (Berenberg)
  • 136 Seiten. Preis: 22,00 €